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Full text of "Deutsche Geschichtsblätter"

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► 


Deutsche  GescMchtsblätter 

Monatsschrift 

zur 

f  öpdepung  de?  landesgesohiehtliehen  foFsohuDg 

unter  Mitwirkung  von 

Prot  Qaehmum-Prag,  Prof.  Breysig- Berlin,  Fror.  Brler-Mliotter  i.  W., 
Prof.  F'inke-Freibnrg  i.  B.,  ArchiTdireklor  Prof.  Hanaen-KÖln,  Prof.  t.  HeiKet-HfUichen, 
Prof.  Menner-Wünborg,  Seclionscbcf  v.  Inuna-StemCKB-Wieo,  Prof.  Kolde-Erlwigen, 

Prof-  Kas«iiiiia-BcrliD,  Arcbivrat  KriCKer-Karbrohe,  Prof.  I.unp^ech^LeipIig, 

Archivnt  W.  Lippert-Dresden,  Arcliiv»r  Mcrx-Osnabrilclc,  Prof.  HOblbACher-WicD, 

Pro£   T,  Ottenthal-lDiiibnick,  Prof.  Obw.  Redlich-Wicn,  Prof.  «.  d.  Kopp-Marborg, 

ProE.    A.  SchoIte-BoDD,  Archifrat  Sello-Oldcnburg,  Geh.  Archirrat  attlin-SRittgart, 

ArchWrat  Wtocbke-Zerbsl,  Prof.  Weber-Prag,  Prof.  Weock-Mu-bnrg, 

Archirrat  Wintei-Osnabrück,  Archivar  Witte-Schwerin. 

Prof.  V.  Zwiedineck-SQdenbont-Grai 

herausgegeben  von 

Dr.  Armin  Tille 

IV.  Baad 


Gotha 

Friedrich  Andreas  Perthes 

Aktia(*Hll«liaft 

1903 


STANFORr  UN'VERSITY 

STACKS 

JAN  2(  i^/u 


t)4G 


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I  '"»    ^''    ''"' 


Inltalt. 

Aufsätze :  seue 

Bergner«  H.   (Nischwitz,  Sacbsen^Altenbnrg) :   Landschaftliche  Glockenkunde  225 — 239 

BeffUng«  Karl  (DresdeD):  Altertümer-Ausstellungen  im  Königreiche  Sachsen  281  —  287 

Caro,  Georg  (Zürich):  Die  Hufe t 257—272 

Dwol^  Frans  (Grax):  Steiermarkische  Geschichtschreibung  im  Mittelalter    .  89 — loi 
„           „            „        Steiermärkische    Geschichtschreibung    vom    XVI.    bis 

XVIIL  Jahrhundert 288—298 

Käser»  Kort  (Wien):  Zur  Vorgeschichte  des  Bauernkrieges 301 — 309 

Liebeskind  (Münchenbemsdori) :  Literatur  zur  Glockenkunde 239 — 245 

Lippert,  Woldemar  (Dresden):    Hermcmn  Knotige   und  seine  Bedeutung 

für  die  oberlausitzische  Geschichtsforschung 150 — 159 

Ifiksebeck,  Ernst  (Metz) :  Zur  Geschichte  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

in  Lothringen 33—43 

Richter,  Eduard  (Graz):  Der  historische  Atlas  der  österreichischen  Alpen- 

länder 145 — 150 

Sello,  Georg  (Oldenburg):  Roland- Rundschau 113 — 128  a.  159 — 171 

TQle,  Armin  (Leipzig):   Nachwort  zn   dem  Aufsatze   über   Steiermärkische 
Geschichtschreibung  vom   XVI.  bis  XVIIL  Jahrhundert  von 

Franzllwof 298 — 300 

Werner,  Heinrich  (Merzig):  Die  Reform  des  geistlichen  Standes  nach 

der  sogen.  Reformation  des  Kaisers  Sigmund 

im  Lichte  gleichzeitiger  ReformpUme     i — 14  u.  43 — 55 
„                „                 „         Die  Reform  des  weltlichen  Standes  nach 

der  sogen.  Reformation  des  Kaisers  Sigmund 
im  Lichte  der  gleichzeitigen  Reformbestre- 
bungen im  Reich  und  in  den  Städten    .     .  171  — 182 

u.  193 — 2x8 

Wol^  Gustav  (Freiburg  i.  B.) :  Forschungen  und  Forschungsaufgaben  auf 

dem  Gebiete  der  Gegenreformation     .   65 — 77    [falsche  Zählung:   81 — 93] 

u.  io2~  108 

Mitteilungen : 

Arthlologiscbe  Karten 318 — 319 

Arehhre  und  Kunstgeschichte  (R.  Hansen) 18 — 22 

Archhre :  Stadtarchiv  Strafsburg  (Winckelmann)  15 — 18;  Dritter  Archivtag  1902 
in  Düsseldorf  58—62;  Inventare  der  nichtstaatlichen  Archive  der 
Provinz  Westfalen  108— 110 ;  Archivberichte  aus  Kärnten  I  129 
bis  130;  Schwedische  Studien  über  das  Archivwesen  im  Aus- 
lande 130 — 13t;  Literatur  über  städtisches  Archivwesen  183; 
Staatliches  Archivwesen  in  Österreich  316 — 317;  Landesarchiv 
.^  Vorarlberg  317. 


Seite 

Berichtigungen 64,  144,  192,  256 

Bibliographie  der  Zeitschriftenliteratur 22—25 

Denkmalpflege:   Dritter  Tag  fUr  D.  1902  in  Düsseldorf  (Loersch)  55 — 58; 

vierter  1903  in  Erfurt  311. 
Eingegangene  Bücher  .     31 — 32,  62 — 64,  87 — 88  [fabche  Zählung:  103 — 104],  112» 

142—144,  192,  224,  256,  280,  320 

Familienforschung 272 — 274 

Fluriurten 249—252,  314 

Qesamtverein  der  deutschen  Qeschichts-  und  Altertumsvereine:  Ver- 
sammlung 1902  ifi  Düsseldorf  78 — 87  [falsche  Zählung:  94  bis 
103];  1903  in  Erfurt  309 — 310. 
Historische  Kommissionen:  WUrttembergische K.  fUr  Landesgeschichte  iio; 
H.  K.  für  Nassau  iio — iii;  H.  K.  bei  der  Kgl.  Bayerischen 
Akademie  der  Wissenschaften  140 — 141 ;  Badische  H.  K.  141; 
Kgl.  Sächsische  K.  fUr  Geschichte  222 — 223;  Gesellschaft  für 
Rheinische  Geschichtskunde  223 — 224. 

Historische  Ortsverzeichnisse  (Vancsa) 186—188 

Konferens  von  Vertretern  deutscher  Publikationsinstitute   .     .  182 — 183,  246 — 256 
Museen:  Niederösterreichisches  Landesmuseum  131  — 132;  kulturgeschichtliche 

Ortsmuseen  der  Niederlausitz  133 — 140. 
Nekrologe:   Franz  Krones  Ritter  von  Marchland    188 — 190;   Karl  Albrecht 
(Sorgenfrey)  319—320. 

Ortsgeschichte,  Zur  deutschen  (Albert) 312 — 316 

Personalien 188 — 192,  319—320 

Politische   und  sociale  Bewegung  im  deutschen  BOrgertum  des  XV. 

und  XVI.  Jahrhunderts    (Käser) 25 — 30 

Siegeltmischriften,  deutsche  (Vancsa) in  — 112 

TQrkenkrieg:  Neuere  Literatur  über  den  T.  von  1664 279 — 2S0 

Versammlung  deutscher  Historiker,  siebente  1903  in  Heidelberg  .   182  u.  219—222 
Versammlung  deutscher  Philologen   und  SchulmSnner,   siebenundvier- 
zigste 1903  in  Halle 311 — 312 

Zeitschriften:  Geschichtsblätter  für  Waldeck  und  Pyrmont  183  —  184; 
Jahrbuch  des  Historischen  Vereins  für  das  Fürstentum 
Liechtenstein  184 — 185;  Bibliothek  der  sächsischen  Geschichte 
und  Landeskunde  185;  Archiv  für  Kulturgeschichte  186; 
Vierteljahrschrift  für  Sozial^  und  Wirtschaftsgeschichte  186; 
Fuldaer  Geschichtsblätter  274 — 275;  Deutsch  •  amerikanische 
Geschichtsblätter  275 — 279. 
Zentralstelle  für  deutsche  Personen-  und  Familiengeschichte      ...  273 


Durch  einen  Irrtum  des  Setzers  enthält  dieser  Band  eine  irrtümliche  Seiten- 
zählung: auf  S.  64  folgt  statt  65  fälschlicherweise  mit  Überspringung  eines  Bogens  81. 
Im  folgenden  ist  die  richtige  2ählung  (vgL  Berichtigung  S.  144)  wieder  hergestellt.  Die 
richtigen  Seitenzahlen  sind  an  Stelle  der  fabchen  handschriftlich  einzutragen. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


fur 


Brdenmg  der  landesgescbichtlichen  Forschung 

IV.  Band  Oktober  xgoa  i.  Heft 


Die  Heform  des  geistlichen  Standes  nach 
der  sogen.  H^^ormation  des  Kaisers  Sig>^ 
mund  im  Iiichte  gleichzeitiger  H^^ormpläne 

Von 
Heinrich  Werner  (Merzig) 

Wie  ich  in  einer  Arbeit  Über  den  Verfasser  und  Geist  der  sog. 
Reformation  des  Kaisers  Sigmund  ^)  zeige,  sind  die  charakteristischen 
Leitgedanken  in  der  sogen.  Reformation  des  Kaisers  Sigmund ,  so  der 
Satz  von  der  Freiheit  jedes  Christen,  von  der  Scheidung  des  Geist- 
lichen vom  Weltlichen  und  die  Abwehr  gegen  die  Vermönchung  von 
kirchlichem  Amt  und  Besitz  u.  a.,  im  Zusammenhang  gleichzeitiger 
geistiger  Strömungen  und  Zustände  betrachtet,  nicht  revolutionär, 
sondern  nur  insofern  eigenartig,  als  sie  aus  einer  anderen  als  bisher 
angenommen  Gedankenwelt,  nämlich  der  eines  Laien,  Städtebürgers 
und  Stadtschreibers  erzeugt  sind.  So  sehr  es  auch  bisher  allgemeine 
Anerkennung  fand,  hinter  dem  Verfasser  einen  Pfarrer,  mindestens 
einen  Geistlichen  zu  suchen,  so  konnte  doch  ein  Beweis  dafür  mit 
glaubhaften  Gründen  nicht  beigebracht  werden.  Im  Gegenteil  konnte 
ich  bei  weitem  zahlreichere  und  sicherere  Gründe  vorbringen  •)  zu  der 
Annahme,  dafe  ein  Stadtschreiber  die  Reformschrift  verfaüst  hat  und 
zwar  Valentin  Eber  von  Augsburg;  freilich  eine  entscheidende 
Kontrolle  kann  nur  ein  hinreichender  archivalischer  Nachweis  liefern. 

Über  den  einzelnen  Reformvorschlägen  schwebt  nun  eine  ähnliche 
Unklarheit  und  nicht  minder  gespensterhaftes  Dunkel.  C.  Koehne 
hat  sich  in  seinen  Studien  zur  sogen,  Reformation  K.  S. ')  zuletzt 


1)  Historuche  Vierteljahrschrift,  (1902),  5.  Bd.  S.  467  ff. 

2)  Schon  in  dem  Anhang  tu  meiner  Schrift  Die  Flugschrift  ^onus  eccUsiae  (1519) 
mit  einem  Anhang  über  sozial^  und  kirchenpolitische  Prophetien.  Ein  Beitrag  zur 
^Steten-  und  Kulturgesch,  des  ausgehenden  MitUlalUrs,     (Giefsen  1901)  S.  87  ff. 

3)  Zeitachr.  fttr  Soxial-  und  WirtschafUgeschichte  VI.  B.  (1898),  S.  369—430. 

1 


—     2     — 

eine  eingehende  Behandlung  dieser  Schrift  vorgesetzt.  Sein  Ergebnis 
fuhrt  uns  aber  wenig  weiter,  da  der  zweite  Teil  seiner  Untersuchung, 
der  wichtigste,  nämlich  der  über  die  Quellen  der  einzelnen  Reform- 
forderungen, weder  tief  noch  breit  genug  ist. 

Drei  Behauptungen  tritt  hier  Koehne  entgegen;  erstens  als  seien 
vom  Verfasser  die  Anschauungen  und  Forderungen  der  niederen  Volks- 
schichten wiedergegeben,  zweitens  als  stimmten  die  vorliegenden  Re- 
formforderungen mit  den  auf  den  Reichstagen  zu  Regensburg  und 
Basel  vom  Jahre  1434  voi^ebrachten  Artikeln  überein,  drittens  als 
seien  sie  auf  husitische  Ideen  zurückzuführen.  Dies  geschieht  mit  gutem 
Glück,  weil  die  Gründe  zum  Teil  auf  der  Hand  liegen.  Der  positive 
Teil  der  Quellenimtersuchung  (von  S.  410  ab)  aber  ist  zu  kurz  ge- 
kommen. Koehne  kommt  dabei  zum  Schlüsse;  „Es  mufs  von  vorn- 
herein bemerkt  werden,  dafe  eine  bestimmte,  andere  Reformvorschläge 
enthaltende  Schrift,  aus  der  Priester  Friedrich  einzelnes  geschöpft  hätte,^ 
nicht  nur  nicht  nachzuweisen  ist,  sondern  auch  schwerlich 
existiert  hat."  Dafs  es  aber  noch  andere  Quellen  gibt,  sieht  auch 
Koehne,  indem  er  in  der  „Wissenschaft,  Umgebung  und  politischen 
Vorgängen"  der  Zeit  des  Verfassers  solche  sucht  Der  vorliegenden 
Refornischrift  ähnliche  Forderungen  hätten  z.  B.  die  Konzilien  zu  Kon- 
stanz und  Basel  aufgestellt,  sie  erwiesen  sich  aber  nicht  als  „einfache  Über- 
setzungen" trotz  aller  Anklänge  an  die  der  Reformschrift.  Da  ihm 
nirgends  eine  Quelle  mit  deutlichen  Zügen  zu  erkennen  ist,  so  glaubt 
Koehne  die  Reformpläne  aus  den  „Tendenzen,  in  denen  sich  der  Fort- 
schritt auf  dem  damaligen  Gebiete  verkörperte",  abzuleiten.  So  stehen 
wir  denn  vor  einer  neuen  unbekannten  Gröfee,  die  in  früheren  Unter- 
suchimgen  Radikalismus,  revolutionärer  Geist  hiefe  und  jetzt,  etwas  ge- 
mildert, „Fortschritt**  genannt  wird.  Wir  wollen  nun  im  Folgenden  den 
Verfasser  wieder  möglichst  beim  Worte  nehmen  und  dieses  in  zeit- 
genössischem Lichte  erscheinen  lassen,  so  dafs  es  von  dem  isolierenden 
Dunkel  verliert  und  an  Verständnis  gewinnt;  denn  nichts  bewundern 
und  nichts  verdammen,  sondern  verstehen,  ist  oberstes  Gesetz  der 
Wissenschaft. 

Der  Verfasser  der  Reformschrift  stellt  seine  Forderungen  in  Zusammen- 
hang mit  dem  Konzil  zu  Basel,  er  will  zeigen,  sagt  er  in  der  Einleitung, 
wie  das  heilige  konzil  zu  Basel  gesamnet  ist  *)  Femer  sind  nach  seinen 
eigenen  Worten  seine  Reformpläne  als  eine  Ordnung  gemachet  von 
hoher   meister  (=  Magister)    Weisungen,    gunst   und  willen    und 

i)  Sämtliche  Stellen  aus  unserer  Refonnschrift  sind  nach  der  Aasgabe  von  W.  Boehm, 
Friedrich   Reisers    Reformation   des  K,  Sigmund,    (Leipzig    1876)   angefUhrt     S.    162.. 


—     3     — 

lehre  von  latein  zu  deutsch  zu  einem  bekennen  allen  gemeinen 
Christen  in  der  Christenheit  ^),  und  diese  Urkunde  ist  mit  hohen  weisen 
erläutert*).  Dafs  wir  diese  Behauptung  des  Verfassers  wörtlich  neh- 
men müssen,  habe  ich  ebenfalls  in  meiner  letzten  Arbeit  schon  an- 
gedeutet Ebenso  habe  ich  bereits  auf  den  Kreis  hingewiesen,  wo 
ähnliche  Forderungen  aufgestellt  wurden,  und  auf  die  Veröffentlichung 
derselben  bei  Haller  *).  Es  sind  nämlich  eine  Reihe  von  Reformplänen 
in  Gestalt  von  motivierten  Anträgen  und  Amendements  zu  Konzil-  und 
Ausschufeberatungen,  wie  letztere  besonders  durch  den  sogenannten 
2.  Status  *)  der  Geistlichen  stattfanden,  als  Vorarbeiten  vorhanden,  welche 
die  Verschiedenheit  der  in  den  offiziellen  Konzilsbeschlüssen  verdichteten 
Stimmen  wieder  heraushören  lassen.  So  hat  unser  Verfasser  sein  ord' 
nungsbuch  als  Urkunde  von  hohen  Meistern  (Magistern)  erhalten, 
verdeutscht  und  erläutert  zu  allgemeinem  Verständnis  und  Bekenntnis 
veröffentlicht.  In  diesem  Zusammenhang  geben  die  einfachen  Worte 
des  Verfassers  einen  unzweideutigen  Sinn.  Aber  vergleichen  wir  einmal 
die  Reformforderungen  des  Verfassers  mit  den  allerdings  sehr  unvoll- 
ständig mitgeteilten  Reformpapieren  aus  jener  Reformbewegung,  so  läist 
sich  meine  Annahme  trotzdem  noch  zu  einer  gröfseren  Gewifsheit  er- 
heben. Femer  wird  aus  diesem  Vergleich  ersichtlich  werden,  dafs  die 
Forderungen  des  Verfassers  nicht  auf  offizielle  Beschlüsse,  sondern  auf 
private  zurückgehen,  da(s  also  gerade  im  Gegensatz  zu  Koehne 
unsere  Reformscbrift  Unterlagen  hat,  die  ihres  gelehrten  Ursprungs 
halber  lateinisch  sind,  aber  zu  ihrer  Massenverbreitung  verständlicher 
gemacht  und  verdeutscht  werden  mufsten.  Daneben  erscheinen  die  For- 
derungen selbst  in  neuem  und  hellerem  Licht  und  nur  als  eine  Stimme 
aus  dem  Wirrwarr  der  Meinungen  in  dem  damals  immer  heftiger  wer- 
denden Drang  nach  Reform.  Nur  seine  Erläuterungen  haben,  weü 
subjektiv,  ein  so  eigenartiges  Gepräge,  dafs  sie  von  neuem  auf  eine 
bestimmte  Persönlichkeit  als  Verfasser,  nämlich  auf  einen  Laien  und 
Stadtschreiber  hinweisen. 

Was  an  den  Reformplänen  des  geistlichen  Standes  sofort  auffallt, 
ist  die  Einhaltung  der  Reihenfolge,  wie  sie  durch  die  hierarchische 
Rangordnung  in  der  Kirche  voi^ezeichnet  ist.  Die  Reform  geht  vom 
Papste  zu  den  Kardinälen,  Bischöfen,  Pfarrern,  Prälaten,  Orden  bis  zu 


i)  Ebenda  S.  171. 

3)  Eine   andere   SteUe   lautet:    das   wird  nun    von   stuck   zu    stück    erläutert    zu 
einem  reckten  bekennen  gebracht»     Ebenda  S.  344. 

3)  Job.  Hai  1er,  Concilium  Basitiense  1896.     4  Bde. 

4)  Vgl.  Hiatorische  Vierteljahrtchr.  a.  a.  O.  S.  469  und  S.  475. 

1* 


—     4     — 

den  Laien  im  weltlichen  Teil,  also,  wie  er  selbst  sagt,  vom  haupt 
bis  zum  mindesten  herab.    In  dem  zweiten  Teile  über  den  weltlichen  \ 

Stand  hat  er  keine  derartige  strenge  Anordnung  innegehalten.  Der 
Grund  ist  einfach:  bei  der  geistlichen  Reform  hat  er  fest  geordnete 
Anträge  vor  sich  gehabt,  die  den  natürlichen  Gang  einer  Geschäfts- 
ordnung verraten  *).  In  dem  weltlichen  Teil  schreibt  aber  der  Verfasser 
über  seinen  eigenen  Stand  mit  praktischer  Erfahrung  und  eigener  Ge- 
dankenordnung; da  er  aber  als  Stadtschreiber  nur  Halbbildung  besitzt, 
so  sticht  jene  grell  genug  gegen  die  gelehrten  Entwürfe  zum  ersten 
Teile  ab.  Nur  in  seiner  Eigenschaft  als  städtischer  Diplomat  bringt  er 
mehr  Kenntnisse  für  weltliche  Dinge  mit,  die  ihm  kraft  seiner  TeU- 
nähme  an  Reichs-  und  Städtetagen  bekannt  sein  konnten.  Davon  ist 
denn  auch  der  zweite  Teil  der  Reformation  ein  buntes  Widerspiel. 
(In  einem  andern  Aufsatz  ist  darüber  demnächst  näheres  zu  finden.) 

Bei  jedem  kirchlichen  Amte  macht  er  nun  unter  immer  wieder- 
kehrenden Gesichtspunkten  seine  Forderungen  geltend :  seine  Reformen 
betreffen  hauptsächlich  die  Wahl  zu  jedem  Amte  und  die  dazu  not- 
wendige Ausbildung  und  Graduierung,  die  familia,  das  Einkommen 
jedes  hierarchischen  Beamten  und  die  Amtshandlungen  jedes  Klerikers.. 

Die  Wahl  zu  einem  jeden  Amte  soll  einheitlich  in  dem  Sinne 
reformiert  werden,  dafs  keine  kirchliche  Würde  von  einem  Ordensmann 
bekleidet  werden  darf.  Während  sich  offizielle  Vorschläge  *)  ausführ- 
lich mit  dem  Gange  der  Wahl  beschäftigen,  macht  unser  Verfasser  bei 
seinen  Vorschlägen  nur  den  praktischen  Gesichtspunkt  des  imbeteiligten 
Laien  geltend  und  in  so  scharfer  Weise,  dafs  darin  der  auch  sonst 
ausgesprochene  grofse  Unwille  gegen  die  Orden  einen  geradezu  ty- 
pischen Ausdruck  findet  Viele  Stimmen  aus  damaliger  Zeit ')  geben 
kund,  wie  die  Plage  des  Almosensammeins  und  der  Besitz  in  der  toten 
Hand  den  Städtebürgem  immer  mehr  ein  Dom  im  Auge  wurde.  Jeder 
Orden  sei  eine  parcialitas,  fahrt  unser  Verfasser  fort,  der  die  Univer- 
salität eines  jeden  kirchlichen  Amtes  widerstrebt  Denn  ein  aus  einem 
Orden  gewählter  Würdenträger  hat  nur  die  Interessen  seines  Ordens 
im  Auge  und  dispensiert  deshalb  die  Mitglieder  desselben  sehr  leicht 
von  geistlichen  Verpflichtungen.  So  entstehen  überall  Eingriffe  der 
Orden  in  kirchliches  Amt  und  kirchliches  Recht.     Eine  ähnliche  Her- 


i)  Denselben  Gmng  halten  auch  die  von  Haller  veröflfentlichten  gröfseren  Privat- 
anträge ein,  wie  z.  B.  die  des  Andreas  vonEscabor(I.  Bd.,  S.  214),  and  ebenso  soU  der 
Reforme  ntwnrf  Cesarinis  geordnet  gewesen  sein.    Vgl.  Ebenda. 

2)  Vgl.  Monumenta  conciUorum gener<Uium  saeculiXV,  2,  S.402  und  Hall e  r  I,  S.  190. 

3)  Vgl.  die  in  meiner  oben  genannten  Schrift  angeführten  SteUen  S.  87,  Anm.  3. 


Vorkehrung"  dieses  einen  Gesichtspunktes  über  die  Wahlreform  finden 
wir  bis  jetzt  nirgends,  sie  ist  also  dem  Verfasser  als  besonders  cha- 
rakteristisch und  als  ihm  allein  eigen  zu  betrachten.  Nur  aus  seiner  städte- 
bürgerlichen  Eigenschaft  ist  sie  hervorgegangen  und  steht  jedenfalls 
ohne  eine  gelehrte  Unterlage  in  der  Form  eines  Antrages  ver- 
einzelt da. 

Ganz  anders  liegt  es  bei  seinen  Forderungen  über  die  wissen- 
schaftliche Qualifikation.  Hiermit  haben  sich  offizielle  ^)  wie  private 
Reformbeschlüsse  beschäftigt,  und  unser  Verfasser  bekennt  sich  hier 
zu  ähnlichen  Anschauungen,  wie  sie  jene  vertreten.  So  soll  nach 
unserem  Verfasser  ein  Kardinal  ein  Doctor  in  der  heiligen  Schrift  und 
in  den  Rechten  sein,  ein  Bischof  Doctor  in  der  heiligen  Schrift  und 
in  decretis",  der  Pfarrer  soll  von  einer  hohen  Schule  Brief  und  Insiegel 
haben,  dais  erBaccalaureus  sei  *).  Hören  wir  nun,  was  andere  gleichzeitige 
Reformpläne  über  diesen  Punkt  vorschlagen .  Haller  veröffentlicht  einen  mo- 
tivierten Antrag"  auf  Ergänzungendes  Dekrets  über  die  Wahlen  (S.  190  ff.), 
in  dem  es  heilst :  cavendum  esse,  ut  de  cetero  nullus  promoveatur  in 
episcopum,  nisi  fuerit  doctor  vel  licentiatus  sacrae  paginae  vel  sac- 
rorum  canonum  vel  baccalarius  in  theologia/ormatus.  Bei  der  Wahl 
der  Bischöfe  müssen  im  Domkapitel  mindestens  24  Mitglieder  mitwirken, 
ja  sogar  auch  Laien,  etsi  non  omnis  multitudo  civitatis  tarnen  ad 
minus  aliquis  magnus  et  notabilis  numerus  bonorum  virorum.  Hier 
sehen  wir  eine  andere  Stimme  vertreten,  die  eher  „fortschrittlich"  ge- 
nannt werden  müfste  als  die  unseres  Verfassers. 

In  den  Reformanträgen  der  deutschen  Nation  vom  Jahre  1433  *), 
die  durch  den  Vikar  von  Freising  gestellt  sind,  wird  vor  allem  die 
Freiheit  der  kanonischen  Wahl  gefordert  und  ebenfalls  die  Gelehrsam- 
keit der  Geistlichen  hochgeschätzt,  die  in  generalibus  studiis  et  aliis 
patrimonia  sua  et  labores  su/>rum  consumunt  parentum  *)  et  quibus 
forsitan  per  ordinarios  eis  ignotis  minime  vel  sattem  tardius  pro- 
videretur. 

Ebenso  verlangt  die  Denkschrift  eines  Ungenannten  über  die 
Kirchenreform  *)  docti  pastores  und  freie  Wahl, 

Andreas  von  Escabor  macht  den  Vorschlag,  dafs  der  zum  Papst 


l)  Vgl.  Monumenta  conciliorum  generalium  saeculi  XV,  2,  S.  402. 
3)  Ausgabe  ron  Boehm,  S.  182. 

3)  Hallcr  m.  ».  O.  S.  195  ff. 

4)  Dieser  Text   erinnert  lebhaft   an   die  Worte   unseres   Verf.   Vgl.   Boehm   S.    182, 
Z.   II  aod  S.  183. 

5)  Haller  a.  a.  O.  S.  206  ff. 


—     6     — 

zu  Wählende  entweder  in  der  Theologie  oder  im  kanonischen  Recht 
graduiert  oder  de  ducali  aut  regalt  genere  procreatus  *)  sei. 
Die  Zahl  der  Kardinäle  soll  beschränkt  werden  und  sie  sollen  in  der 
Theologie  und  im  kanonischen  Recht  graduiert,  nicht  mit  Papst  und 
untereinander  verwandt  sein.  Die  Erzbischöfe  und  Bischöfe  sollen 
ebenfalls  vel  doctor  in  iure  canonico  vel  civili  vel  medicinae 
sein.  Für  die  Beleihung  von  Benefizien  und  Offizien  wird  gleichfalls 
eine  der  Höhe  der  Pfründe  entsprechende  wissenschaftliche  Stufe  ge- 
fordert, so  dafs  eine  förmliche  Skala  des  Pfründenwertes  dem  Mafse 
der  Gelehrsamkeit  entspricht.  Ein  Ordensmann  kann  vom  Papste  nicht 
zum  Bischof  ernannt  werden,  selbst  nicht  auf  die  Bitte  eines  Königs 
oder  einer  Gemeinde  hin,  weil  dieses  Amt  dem  Wesen  eines  Mönches 
widerspricht :  ne  habeat  occasionem  peccandi  et  vaga  n  di  et  officium 
pro  pecunia  exequendi,  ac  quod  magis  est,  ne  habeat  proprietatem 
et  oboedientiam  , .,  et  cogatur  in  opprobrium  dignitatis  episcopalis 
ubique  mendicare  *).  Andreas  vonEscabor  entwickelt  also  hier  einen  ähn- 
lichen Gedanken  über  die  Wahl  eines  Bischofs,  der  aber  nicht  bei  allen  kirch- 
lichen Ämtern  gleich  einheitlich  durchgeführt  ist,  im  Gegenteil  schon  bei 
dem  Bischofsamte  selbst  eine  Ausnahme  erleidet:  es  darf  nämlich  ein 
Ordensmann  Bischof  werden,  wenn  er  vom  Kapitel  mit  der  Erlaubnis 
von  Abt  oder  Provinzial  unter  der  Erfüllung  aller  anderen  Bedingungen 
gefordert  wird. 

Auch  die  Pfarrkirchen  sollen  je  nach  ihrem  Ertrag  an  minder  oder 
höher  Graduierte  verliehen  werden  Auf  die  Pfarrkirche  mit  dem  höch- 
sten Ertrag  von  200  Kammergulden  (S.  225)  hat  der  Doctor  oder 
Magister  im  kanonischen  Recht  oder  in  der  Medizin  das  Anrecht. 
Diesen  steht  gleich  der  vir  magnus  nobilis  ex  utroque  parente  de 
militari  genere  descendus. 

Die  Graduierung  spielt  auch  in  einem  anderen  Ausschufsantrag,  be- 
trefTend  die  Expektanzen-  und  Benefizienverleihung  (S.  223),  eine  grofse 
Rolle;  doch  nach  der  Meinung  des  anderen  Teüs  des  Aus- 
schusses soll  sie  ganz  wegfallen.  Wie  das  adlige  Element  ^)  den 
Vorrang  bei  Verleihung  von  Benefizien  haben  soll,  zeigt  auch 
dieser  Antrag,  indem  er  den  Genannten  vier  Benefizien  als  Maximum 
der  Benefizienzahl,  den  Magistern,  Doktoren  und  Lizentiaten  nur  drei 
Benefizien  zuerkennt.  Sicut  per  suprascripta  prohibetur  ascensus 
non  graduatis  et  non  nobilibus  ad  alta  et  magna  beneficia,  ita  vi- 

1)  Ebenda  S.  216. 

2)  Ebenda  S    221. 

3)  Verwandte  von  Königen  und  Fürsten.     Ebenda  S.  238  u.  393. 


detur  prohiberi  descensus  nobütbus  et  graduatis  ad  pauca  beneficia 
et  modica^  ut  etiam  substt  amplms,  de  quo  pauperibus  providere. 
Auch  für  das  Pfarramt  einer  Gemeinde,  ubi  stt  magntis  et  notabüis 
populus,  kann  nur  ein  magister  in  artibus  oder  baccalaurius  kandidieren, 
während  für  andere  Pfarrkirchen  solche  genügen,  die  lateinisch  lesen 
und  verstehen  können.  Im  übrigen  sollen  Adlige  und  Söhne  der 
Fürsten  den  Graduierten  gleichstehen. 

So  sehen  wir  denn  die  Frage  nach  dem  Wahlrecht^  welches 
das  Baseler  Konzil  schon  im  Dezember  1432  *)  beschäftigte,  in  mannig- 
facher Weise  beantwortet  Darin  stimmen  nun  alle  Anträge  überein, 
dafe  das  Wahlrecht,  welches  im  Laufe  der  Zeit  von  geistlichen  Re- 
servationen und  Provisionen  ganz  verdrängt  war,  den  zuständigen  Kör- 
pern zurückgegeben  werden  soll,  und  dabei  wird  dem  gelehrten  und 
adligen  Element  besondere  Vergünstigung  und  Bevorzugung  eingeräumt, 
ja  sogar  den  Laien  eine  gewisse  Teilnahme  zugestanden.  Davon  weifs 
unser  Verfasser  nichts.  Er  stellt  vielmehr  eine  eigene  ganz  charak- 
teristische Forderung  in  bezug  auf  die  Wahlen  auf,  die  an  eine  be- 
schränkte Forderung  des  Andreas  von  Escabor  zwar  erinnert,  aber  in 
dieser  Allgemeinheit  und  feindseligen  Konsequenz  nur  unserem  Verfasser 
eigen  ist  und  klar  seinen  städtebürgerlichen  Geist  verrät. 

Nur  den  Graduierten  erkennt  er  auch  ihre  Vorrechte  im  gewissen 
Sinne  zu,  weil  er  sie  in  seiner  Vorlage  erwähnt  sieht.  Aber  sie  sind 
so  nebensächlich  und  mit  so  feindseligen  Augen  betrachtet,  dafe  ihn 
seine  Halbbildung  in  den  viel  breiteren  Erläuterungen  zu  den  genannten 
Forderungen  zu  heftigen  Angriffen  auf  die  gelehrten  und  gewaltigen 
fortreifst.  Der  Verfasser  schliefst  aus  der  Gelehrsamkeit  für  die  Stellung 
eines  Klerikers  etwas  ganz  anderes.  Bei  den  übrigen  genannten  Vor- 
schlägen wird  die  Graduienmg  als  Bedingung  zu  einem  höheren  Amt 
und  besseren  Pfründe  angesehen,  bei  unserem  Verfasser  aber  ist  sie  die 
Voraussetzung  für  eine  schwerere  Pflicht  selbst  eines  niederen  Amtes 
wie  z.  B.  des  Pfarramtes.  Dieses  mufste  einem  Städtebürger,  nament- 
lich einem  in  der  städtischen  Verwaltung  so  hoch  Stehenden,  das  wich- 
tigste kirchliche  Amt  sein,  weil  es  den  Laien  mit  seinen  Funktionen 
bekleidet  von  der  Wiege  bis  zum  Grabe.  Während  die  anderen  An- 
träge im  grofsen  und  ganzen  nur  geringe  wissenschaftliche  Aufforde- 
rungen an  den  Pfarrkandidaten  stellen,  will  er  dieses  Amt  aus  recht 
praktischen  Gründen  gerade  an  gelehrte  Priester  übertragen  wissen, 
die  Ungelehrten  seien  noch  gut  genug  für  die  Dome  zum  blofeen  Singen 
und  Lesen.    Unwissende  Priester,  die  weder  predigen  noch  Sakramente 

i)  Vgl.  Malier,  II.  Bd.,  S.   iii. 


—     8     — 

spenden  können  '),  werden  nach  den  Ansichten  unseres  Verfassers  zur 
Amtsausübung  in  den  Pfarrkirchen  gegen  schenk  und  miet  bevorzugt, 
während  die  gelehrten  Priester  Jhre  Würde  und  Gelehrsamkeit  nur  zu 
einer  bequemen  Einnahmequelle  machen.  So  sei  denn  heute  die  theo- 
logische Gelehrsamkeit  unfruchtbar  geworden  *).  Gerade  die  gelehrten 
Priester  sollen  auf  die  Kirchen  gezwungen  werden,  sonst  würde  der 
keherglauben  in  den  städten  noch  mehr  um  sich  greifen  ^). 

Von  der  Bevorzugung  des  adligen  Elements  bei  der  Wahl  zu 
einem  höheren  kirchlichen  Amte  weifs  der  Verfasser  vollends  gar  nichts. 
Vielmehr  scheint  auch  hier  ein  bewufster  Gegensatz  vorzuliegen,  der 
sich  neben  einer  politischen  Spitze  ^)  in  dem  häufigen  Rufe  gegen  die 
„Gelehrten  und  Gewaltigen"  *)  Luft  macht.  Denn  nicht  nach  Gunst, 
sondern  nach  Kunst,  nicht  nach  Stand,  sondern  nach  Verstand  will  er 
die  Ämter  verteilt  haben,  deren  Wert  er  recht  charakteristisch  nach  dem 
Standpunkt  des  praktischen  Laien  einschätzt.  So  kommt  es  denn 
auch,  dafs  er  die  Prälaten  dem  Range  wie  der  Behandlung  nach  den 
Pfarrern  unterordnet. 

Von  seinen  Reformforderungen  über  die  Wahl  können  wir  uns 
also  ein  ganz  genaues  Bild  machen.  Die  Ablehnung  eines  Ordens- 
mannes als  Kandidaten  für  ein  kirchliches  Amt  ist  ihm  allein  eigen 
und  für  ihn  charakteristisch ;  sie  wird  sich  höchstens  an  ähnliche,  aber 
bei  weitem  nicht  so  konsequent  durchgedachte  Forderungen  wie  die 
des  Andreas  von  Escabor  angelehnt  haben.  Dies  erklärt  sich  aus  der 
Tatsache,  daCs  in  unserer  Schrift  die  einzigen  bis  jetzt  bekannten  Re- 
formpläne eines  humanistisch  ^)  gesinnten  und  städtebürgerlichen  Laien 
vorliegen.  Auch  über  die  Qualifikation  zu  einem  Amte  teilt  er,  wie 
schon  oben  erwähnt,  nur  kurz  und  oberflächlich  den  zu  gründe  liegen- 
den gelehrten  Antrag  mit,  um  durch  seine  eigenen  Erläuterungen  dazu 
um  so  kräftiger  den  Charakter  desselben  zu  verwischen  und  seine 
eigenen  städtebürgerlichen  Gesichtspunkte  geltend  zu  machen. 

Augenscheinlich  geht  auch  die  Forderung  über  die  familia  eines 
Prälaten  auf  einen  von  den  der  Schrift  zu  gründe  liegenden  Anträgen 
zurück:  so  soll  die  familia  eines  Kardinals  12  Personen  umfassen, 
nämlich   2  Kapläne,    i  Kammermeister,    i  Schreiber,   2  Edelknechte, 


1)  Vgl.  Bochm,  S.   183. 

2)  Ebenda  S.  192. 

3)  Vgl.  auch  das  unten  über  die  Provinzialsynoden  Gesagte. 

4)  Vgl.  Anbang  zu  meiner  obengenannten  Schrift,  S.  90. 

5)  Vgl.  Anhang,  S.  86,  Anm.  i. 

6)  Vgl.  Histor.  Vierteljahrschr.  5.  Bd.  (1902)  S.  474f. 


—     9     — 

4  Scbildknechte,  i  Marstaller  und  i  Koch.  Eines  Bischofs  familia  soll 
bestehen  aus  2  Priestern,  2  Schildknechten ,  i  Koch  und  i  Marstaller, 
ein  Suf&agan  soll  haben  i  Priester,  i  Schildknecht,  i  Schreiber, 
I  Koch  und  i  Marstaller.  Durch  Privatanträge,  wie  sie  Haller  S.  208 
mitteilt,  lälst  sich  dieser  Vorschlag  nicht  näher  beleuchten  als  durch 
die  eine  Stelle  daselbst,  wo  für  die  familia  eines  Kardinals  30  Personen 
gefordert  werden. 

Am  wichtigsten  aber  ist  die  Frage  über  das  Einkommen  der  Geist- 
lichkeit, die  lebhaft  auf  dem  Konzil  erörtert  wurde  und  zu  der  des- 
halb auch  eine  Reihe  von  Privatansichten  vorliegen.  Die  mittelalter- 
liche Kirche  war  in  ihrer  Blütezeit  ein  finanziell  und  wirtschaftlich 
hoch  entwickeltes  Institut  geworden;  die  Päpste  und  nach  ihrem  Bei- 
spiel die  übrigen  Würdenträger  der  Kirche  hatten  frühzeitig  die  Macht 
des  Kapitals  erkannt  und  zur  Erlangung  desselben  zahlreiche  Mittel 
und  Wege  gefunden.  Unter  allen  möglichen  Namen  wie  Annaten, 
Reservationen,  Provisionen,  Expektanzen,  Vakanzgeldem  und  Taxen 
aller  Art  flofis  reichlich  Geld  nach  Rom  und  anderen  geistlichen  Höfen  *, 
besonders  beliebt  war  ein  Mittel  zur  Bereicherung,  nämlich  die  An- 
häufung von  Pfründen  und  Bencfizien  in  einer  Hand,  die  sogen.  Plu- 
ralität  oder  Union  von  Pfründen.  Um  diese  zu  erlangen,  hatten  sich 
an  der  römischen  Kurie  solche  Pfründenjäger  unter  dem  später  best- 
gehafsten  Namen  der  Kurtisanen  aufgehalten,  die  in  ihrer  geistlichen 
Würde  oft  sehr  tief  standen,  häufig  gar  keine  besafsen. 

Sehon  unser  Verfasser  charakterisiert  dieses  Treiben  mit  den  Wor- 
ten: sie  leihen  unterweilen  Stallknechten  pfarreien  und  prälaten 
Pfründen  *).  Nicht  weniger  ärgemiserregend  war  die  Afterverleihung 
von  geistlichen  Einnahmen,  da  hierdurch  ganz  unwürdige  Priester  gegen 
ein  fettes  Entgelt  in  den  Besitz  von  Pfründen  und  Benefizien  kamen. 
Eine  Reform  mufste  also  damit  beginnen,  die  vom  Papste  angemaßten 
Einnahmen  aus  Pfründen  und  Reservationen  zu  beseitigen,  und  sie  den 
Ordinarien  wieder  zurückgeben;  andrerseits  mufste  die  Pluralität  ab- 
geschafft oder  auf  ein  Mindestmafs  beschränkt  werden.  Das  ist  auch 
der  W^,  den  die  offiziellen  Verhandlungen  über  diesen  Gegenstand 
nahmen.  In  dem  einen  Punkte  über  die  Annaten  erlangte  man  gerade 
durch  das  Drängen  der  deutschen  Nation  einen  durchgreifenden  Be- 
schlufs:  sie  wurden  abgeschafft.  Eine  Entschädigung  für  den  Ausfall 
wurde  versprochen,  aber  da  man  sich  über  die  Art  nicht  einigen 
konnte,  nicht  ausgeführt.  So  war  denn  Spielraum  genug  für  Privat- 
anträge gegeben,  und  einer  davon  liegt  auch  unserer  Schrift  zu  gründe. 

i)  Boehm,  S.  182. 


—     10     — 

Das  Einkommen  des  Papstes  und  seines  Hofes  soll  ein  Drittel  der 
Einnahmen  aus  dem  Patrimonium  Petri ,  also  aus  dem  Kirchenstaat, 
der  in  seinem  Umfang  kurz  angegeben  wird ,  betragen  *) ,  die  andern 
zwei  Drittel  sollen  dem  Kardinalskollegium  zugewendet  werden;  diese 
Einnahmen  werden  gleichsam  als  direkt  aus  dem  der  römischen 
Metropolitankirche  verliehenen  Kirchengut  fliefeend  betrachtet.  Da- 
gegen sollen  alle  indirekten,  durch  die  Amtsfunktionen  sich  eig'eben- 
den  Einnahmen,  also  alle  Taxen  und  Gebühren,  wegfallen:  ein  Brief 
von  der  Kurie  soll  deshalb  „nicht  mehr  kosten  als  das  Pergament 
wert  ist".  Alle  in  der  Rota  beschäftigten  Hofbeamten  dürfen  nicht 
mehr  mit  Kirchenverleihungen  und  den  damit  verbundenen  Inkor- 
porationen besoldet  werden,  sondern  ebenfalls  mit  den  Einnahmen  aus 
dem  Kirchenstaat  und  zwar  von  dem  Anteil  des  Papstes.  Die  Peni- 
tentiaren  sollen  keine  Laien,  sondern  Priester  sein.  Für  jeden  Kar- 
dinal erhofft  der  Verfasser  aus  den  zwei  Drittel  der  Einnahmen  aus  dem 
Kirchenstaat,  wenn  sie  ordentlich  verteilt  würden,  I2(xx:)  Gulden  jähr- 
lich. Dafür  sollen  sie  aber  keine  indirekten  Einnahmen  mehr  haben, 
etwa  aus  Pfründen,  sondern  höchstens  Vergütung  der  Spesen  auf 
Legationsreisen  *). 

Das  Einkommen  eines  Erzbischofs  hat  loooo  Gulden  rheinisch  zu 
betragen  und  das  eines  Suffragans  5 — 6ocx)  Gulden.  Wenn  auch 
hier  nicht  angegeben  ist,  woher  diese  Besoldung  genommen  werden 
soll,  so  liegt  es  im  Sinne  der  anderen  parallelen  Forderungen  des 
Verfassers,  auch  hier  die  Einnahmen  aus  dem  zur  Metropolitankirche 
gehörigen  Kirchengut,  also  dem  Herrschaftsgut,  als  den  Fonds  für  das 
Einkommen  eines  Erzbischofs  zu  bezeichnen.  Die  übrigen  —  indirekte 
Einnahmen  wollen  wir  sie  wieder  nennen  —  sollen  teils  beschränkt, 
teils  aufgehoben  werden:  so  soll  für  Bestätigung  eines  Suffragans  der 
Bischof  nur  icx)  Gulden  erhalten.  Die  Pfründenverleihung  soll  wieder 
den  Bischöfen  als  den  Ordinarien  zurückgegeben  werden,  nur  Erzbis- 
tümer und  gefürstete  Abteien  bleiben  dem  Papste  vorbehalten  (S.  182). 
Jeder  Bischof  darf  aber  bei  der  Verleihung  einer  Pfründe  nicht  mehr 
als  I  Gulden  nehmen,  wohl  auch  nur  zur  Deckung  der  dabei  ent- 
stehenden Unkosten.  Dagegen  darf  er  weder  schenk  noch  miet  nehmen 
und  keinem  mehr  als  eine  Pfründe  geben  (S.  183),  damit  er  sie  selbst 
„verdienen"  kann.  Auch  Geldstrafen,  wie  Konkubinatssteuer,  auf- 
zuerlegen, soll  dem  Bischof  verboten  sein  (S.  184).  Dafs  dies  oft  aus 
geitz  (=  avaritia)  geschah,  sagt  er   an   der  Stelle,  wo   es   heifst:  sie 

i)  s.  163  u.  174. 
2)  S.  177. 


—    11    — 

besl€U€m  sie  wegen  ihrer  konkuhin  (S.  187).  Die  Verleihung 
einer  Pfründe  soll  nur  an  denjenigen  erfolgen,  der  von  einer  hohen 
schule  durch  2  tnagister ,  Präsidenten  genannt,  geprüft  ist ,  und 
diesen  soll  der  Bischof  ohne  weiteres  beleihen.  Hiermit  wird  dem 
Gelehrtentum  eine  wichtige  Entscheidung  zugestanden.  Daraus  ist  aber 
auch  wieder  zu  erkennen,  dafe  der  Verfasser  hier  der  lehre  und  Weisung 
hoher  tneister  in  seiner  Vorlage  gefolgt  ist. 

Jede  Pfarrkirche  soll  mit  zwei  Priestern  versorgt  sein.  Ist  die  Pfarre 
zu  klein,  dann  sollen  zwei  vereinigt  werden,  denn  alle  Priester  sollen 
gleiche  Pfründe  haben.  Diese  betragen  für  jeden  80  Gulden  jährlich 
für  alle  dinge  (S.  189).  Nach  der  Einnahme  aus  dem  Pfarrgut  oder 
Herrschaftsgut  richtet  sich  die  Zahl  der  Priester  in  einer  Pfarrei.  Alle 
Nebeneinnahmen,  namentlich  die  aus  feierlichen  Begräbnissen  und 
Anniversarien,  fallen  weg,  da  diese  selbst  aufgehoben  werden.  An 
ihrer  Stelle  sollen  Geschenke,  die  in  Kirchengeräten  bestehen,  gegeben 
werden,  oder  andere  Opfergaben.  Aber  Geld  dürfen  sie  nicht  nehmen 
und  nichts  für  Geld  tun;  denn  die  Pfründe  soll  ihnen  in  einem  Stück 
gegeben  werden.  Das  Kirchengut  dürfen  die  Priester  selbst  bebauen 
und  Vieh  darauf  halten,  aber  alle  Gerechtigkeiten  auf  Häuser,  Acker 
und  Wiesen  der  Untertanen  sollen  je  für  ein  Schilling  ein  pfund  ^)  ab- 
gelöst Verden.  Der  Gesamterlös  hieraus  ist  in  einemStück  anzulegen,  das 
dann  zu  einem  Fonds  mit  den  Einkünften  aus  dem  Herrschaftsgut  zu- 
sammeng'eschlagen  wird.  Hieraus  erhält  dann  jeder  Priester  80  Gulden 
jährlich.  Mit  diesen  weltlichen  Dingen  haben  aber  die  Priester  nichts 
zu  tun^  dafür  soll  ein  Kirchenpfleger  mit  40  Gulden  Jahreseinkommen 
eingesetzt  werden.  Dieser  hat  jährlich  Rechnung  abzulegen  vor 
2  Priestern,  1  Vertreter  des  Bischofs  und  4  bis  5  Untertanen. 

Aus  diesen  Vorschlägen  läfst  sich  der  Verfasser  wieder  recht  deut- 
lich erkennen.  Abschaffung  der  feierlichen  Begräbnisse  und  Anni- 
versarien *),  Trennung  von  geistlichem  Amt  und  weltlicher  Verwaltung, 
Ablösung^  der  Gerechtigkeiten  und  Rechnungsablage  des  Kirchenpflegers 
selbst  vor  weltlichen  Untertanen  erscheinen,  ohne  Zusammenhang  be- 
trachtet, für  die  damalige  Zeit  als  etwas  Unerhörtes  und  im  Munde 
eines  Geistlichen  gesprochen  —  wie  seither  angenommen  —  etwas 
Revolutionäres  oder  Husitisches.  Ein  ganz  anderes  Gesicht  zeigen 
diese  Worte  aber,  wenn  man  sie  im  Geiste  des  mittelalterlichen  Städte- 
bürgertums  betrachtet :  nur  ein  Laie,  ein  Vertreter  des  mittelalterlichen 

1)  S.   190,    Der  Verf.  meint  scheinbar,  dafs  für  je   i   /f  laufende  Abgabe    eine    ein- 
malige Ablösungssomm  e  von  i  fö   bezahlt  werden  soll. 

2)  VgL  Auch  das  anten  über  ProvinziaUynoden  Gesagte. 


—     12     — 

Städtebürgertums,  das  namentlich  in  seiner  Verwaltung  dem  modernen 
Staatsbürgertum  vorbildlich  geworden  ist,  kann  solch  modern  er- 
scheinende Forderungen  aufstellen,  und  ein  in  dieser  Verwaltung  ge- 
schulter Stadtschreiber  war  dazu  in  noch  viel  höherem  Mafse  im  stände. 

Erst  nach  den  Pfarrern  kommt  der  Verfasser  mit  besonders  deut- 
licher Spitze  gegen  die  Prälaten  auf  die  Domherren  zu  sprechen:  sie 
sollen  nur  i  Pfründe  haben  und  keine  Pfarrei  daneben,  der  sie  doch 
nicht  vorstehen,  ihr  Einkommen  von  ihrer  Kathedralkirche  soll  je 
80  Gulden  betragen.  An  einer  Domkirche  sollen  nicht  mehr  als 
24  Prälaten  wirken ;  da,  wo  eine  gröfeere  Anzahl  vorhanden  ist,  sollen 
die  Überzähligen  in  die  Pfarrkirchen  geschickt  werden  (S.  193).  Hier 
fordert  der  Verfasser  in  seinem  tiefen  Groll  gegen  die  Gelehrten  mit 
grofser  Emphase  von  den  getreuen  Christen,  dafe  sie  die  gelehr- 
ten bezwingen  mögen  mit  gewalt,  damit  rechte  Ordnung  gehalten 
werde.  Ein  Domherr  in  einem  Kollegium  soll  nur  60  Gulden  haben 
und  diese  soll  er  selbst  verdienen,  denn  jedermann  soll  seine  arbeit 
tun  um  sein  tägliches  Brot  (S.  194).  Dieser  wiederholt  ausgesprochene 
Grundsatz  von  der  persönlichen  Leistung  gegenüber  dem  in  der  mittel- 
alterlichen Kirche  und  dem  Staat  eingerissenen  Unwesen  der  Vikariate 
und  Afterverhältnisse  ist  echt  städtebürgerlich  und  kennzeichnet  wie- 
derum den  Verfasser  nach  der  schon  öfters  betonten  Seite.  Mit  Geld- 
und  Gerichtssachen  soll  ein  Domherr  ebensowenig  etwas  zu  tun  haben 
wie  die  Pfarrer,  Zinsen  und  Zehnten  der  Domkirchen  sollen  ebenfalls 
abgelöst  und  die  Verwaltung  des  Erlöses  daraus  einem  Vogt  und 
Kellner  übertragen  werden,  welche  der  Gewalt  des  Bischofs  unterstehen 
sollen  (S.   19s). 

Den  Orden  ist  er  nun  vollends  feindselig  gesinnt :  vor  allen  den 
Benediktinern  und  Bernhardinern  soll  man  ihre  Güter  und  Kirchen 
nehmen  und  ihnen  die  alte  Regel  vorlegen,  wonach  sie  keinen  Besitz 
haben  dürfen.  Heute  sind  den  Klöstern  alle  zinsbar ,  Laien ,  Edle  wie 
Reiche*),  und  deshalb  dürfen  sie  treiben,  was  sie  wollen  (S.  197). 
Alle  zwing  und  benne,  Schlösser  und  Städte  sollen  ihnen  genommen 
und  dem  Reich  gegeben  werden;  dies  soll  es  den  rittern  und 
knechten  leihen,  die  es  verdienen,  und  ebenso  den  städten,  die  sich 
üben  in  dieser  sache  und  Ordnung  (S.  200).  Der  Besitz  in  der 
toten  Hand  war  ja  damals  schon  ins  Ungeheure  gestiegen  und  niemand 
sah  lange  schon  vor  der  Reformation  begieriger  darauf  als  die  Reichs- 
städter.    In  diesem  Sinne  will  auch  der  Verfasser  einen  Teil  des  dem 

i)  Die  kWster  haben  das  erdreich  inne  (S.  17^). 


—     13     — 

Reiche  zurückgegebenen  Kircheng^tes  verwendet  wissen.  Dabei  drückt 
er  sich  so  aus,  da(s  er  als  ein  Vertreter  dieser  Städte  seine  genaue 
Kenntnis  verrät;  denn  in  den  Worten:  die  städte  üben  sich  in 
dieser  sacke  und  Ordnung,  deutet  er  offenbar  auf  einschlägige  Re- 
formbestrebungen der  Städte  auf  Städtetagen  ^)  hin,  die  allerdings  wegen 
der  Mif^rnnst  der  gewaltigen  ergebnislos  verliefen. 

Ein  Abt  soll  an  Einkommen  haben  80  Gulden,  ein  Mönch  dieser 
beiden  Orden  je  40  Gulden.  Die  weltlichen  Geschäfte  soll  ein  Kasten- 
vogt für  jedes  Kloster  für  100  Gulden  jährlich  besorgen.  Außerdem 
sind  100  Gulden  für  die  Beköstigung  von  Gästen  aufzuwenden.  Um 
mit  diesem  geringeren  Einkommen  auszukommen,  ist  die  Zahl  der 
Mönche  eines  Klosters  zu  vermindern  und  zwar  so,  da(s  da,  wo  40 
sind,  man  sie  aussterben  lassen  soll  bis  auf  24  u.  s.  w.  bis  auf  8. 
überhaupt  sollen  alle  Orden  angehoben  werden  mit  Ausnahme  der- 
jenigen, die  von  Almosen  leben  und  die  ihr  bestimmtes  Pfründeein- 
kommen  haben  (S.  201),  allein  von  den  Almosen  sollen  die  vier  Bettel- 
orden leben  (S.  202),  ihre  Pfründen,  Gülden,  Anniversarien  sollen 
abgeschafft  sein.  Nur  aus  dem  UnwUlen  eines  Laien  lassen  sich  die 
Worte  begreifen:  Männer  und  Frauen  ohne  Unterschied  sollen  ihrem 
Gottesdienst  beiwohnen  dürfen  und  ihr  Almosen  sollen  sie  verdienen. 
In  den  Frauenklöstem  bekommt  eine  Äbtissin  von  jetzt  an  50  Gulden, 
jede  andere  Person  30  Gulden  jährlich;  im  übrigen  herrscht  dieselbe 
Ordnung  wie  bei  Männerklöstem. 

In  einem  gemeinsamen  kapitel,  auf  das  er  wiederholt  hmweist, 
wendet  er  sich  nochmals  dem  Einkommen  der  Pfarrer  zu  (S.  209  f.), 
wobei  nur  das  eine  noch  zu  bemerken  ist,  dafs  ein  etwaiger  Über- 
schufis  der  Pfründen  von  dem  Kirchenpfleger  zuni  Bau  und  zur  Aus- 
schmückung der  Kirche  verwendet  werden  soll.  Noch  einmal  fordert 
er  den  Heimfall  aller  Schlösser,  Festen  und  Städte  der  Geistlichen  an 
das  Reich,  also  eine  grolse  Säkularisation  zu  g^nsten  von  Herren, 
Rittern,  Knechten  und  Reichsstädten  (S.  212).  Und  gerade  die  Reichs- 
städte sollen  diese  Forderung  nüt  Gewalt  durchsetzen,  denn  von  den 
übrigen  damals  allein  geltenden  Reichsständen  erwartet  er  nicht  viel. 
Aber  gerade  deshalb,  weU  er  diese  nur  dem  Namen  nach  mit  nennt, 
ohne  ihnen  in  Wirklichkeit  eine  Bedeutung  in  der  von  ihm  verkün- 
deten Reform  zuzuschreiben  '),  charakterisiert  sich  der  Verfasser  wieder 
als  einen  hervorragenden  Vertreter  dieser  Städte  selbst. 


i)  Vgl.  Janssen,  Frankfurts  Reichskorrespondenz»     I.  Bd.  (1863),  S.  443. 
2)  Vgl.  Anhang,  S.  86,  Anm.  2. 


—     14     — 

Stellen  wir  die  Forderungen  des  Verfassers  noch  einmal  kurz  zu- 
sammen! Vor  allem  sollen  geistliche  und  weltliche  Geschäfte  peinlich 
geschieden  werden  *).  Für  letzteres  sind  eigens  dafür  besoldete  Organe 
zu  schaffen.  Dann  soll  für  die  Geistlichen  selbst  eine  förmliche  Be- 
soldung eintreten  in  der  Form  einer  bestimmten  Pfründe  für  die 
Person;  zur  Gewinnung  dieser  Besoldung  ist  erstens  das  Kirchengut 
und  zwar  als  Herrschaftsgut  heranzuziehen,  und  zweitens  sind  alle  Ge- 
rechtigkeiten am  Untertanengut  abzulösen  durch  eine  Summe,  die  eben- 
falls zum  Fonds  der  Einnahmen  aus  dem  Herrengut  geschlagen  wird; 
für  den  Fall  der  ÜberbUanz  ist  die  überschüssige  Summe  zum 
Kirchbau  zu  verwenden.  Eine  Unterbilanz  ist  vom  Verfasser  nicht 
ausdrücklich  ins  Auge  gefafst,  aber  jedenfalls  bei  Pfarrkirchen  durch 
Vereinigung  mehrerer  zu  einer,  bei  Klöstern  durch  Verminderung  der 
Mönche  auszugleichen.  Reichsgut  wie  Burgen,  Schlösser  und  Städte 
sollen  an  das  Reich  zurückfallen:  also  Stärkung  des  Reichsgedankens 
ist  auch  bei  dieser  Selbsthilfe  wie  bei  jeder  des  mittelalterlichen 
Städtebürgertums  bezeichnend  genug  für  den  überall  konservativen 
Charakter  der  Reichsstädte,  sowie  für  unseren  Verfasser  als  einen  ihrer 
Vertreter. 

Koehne  will  nun  in  betreff  des  Einkommens  „der  Kanoniker, 
besonders  der  Bischöfe,  denen  sowohl  alle  Hoheitsrechte  wie  Land- 
besitz und  Renten  genommen  werden,  annehmen,  dafs  unser  Autor  an 
Staatsbesoldung  gedacht  hat**  (S.  377).  Von  einer  Staatsbesoldung 
kann  in  dieser  Zeit  aber  noch  gar  nicht  die  Rede  sein;  wollte  man 
eine  Stadtbesoldung  annehmen,  so  gäbe  das  eher  einen  Sinn,  die 
Persönlichkeit  des  Verfassers  würde  eine  solche  Annahme  zulassen, 
doch  dies  ist  nirgends  angedeutet,  was  er  doch  gewifs  beim  Ein- 
kommen der  Pfarrer  getan  hätte.  Auch  ist  der  Landbesitz  den  ge- 
nannten Würdenträgem  gar  nicht  genommen,  ebensowenig  jede  Rente, 
nur  geht  mit  dem  Heimfall  des  Reichsgutes  auch  das  Fürstenamt  ver- 
loren. Das  beabsichtigt  ausdrücklich  der  Verfasser  mit  den  Worten : 
sie  (die  Bischöfe)  führen  auch  weltliche  gewalt  und  wissen ,  da/s 
es  wider  Gott  ist  (S.  181).  Aber  die  Einnahmen  aus  dem  Herrschafts- 
gut der  einzelnen  Kirche  und  die  Summe  aus  der  Ablösung  der  Ge- 
rechtigkeiten ergeben  einen  Fonds,  der  zm  Besoldung  auch  der  Bischöfe 
und  Prälaten  hinreichen  kann.  (Schlafs  folgt.) 


i)   Es  soll  sich  lauUr  in  allweg  scheiden  das  geutlich  und  das  weltlüh,    S.  231. 


—     15 


Mitteilungen 


ArehiTe«  —  Unter  den  Archiven  der  süddeutschen  Städte  steht  das 
Strafoburger  trotz  schwerer  Verluste,  die  es  im  Wandel  der  Zeiten  erlitten 
hat,  noch  in&mer  als  eins  der  reichhaltigsten  und  für  die  allgemeine  Geschichte 
wichtigsten  in  erster  Reihe,  dank  der  machtvollen  Stellung,  welche  die  Reichs- 
stadt als  Metropole  des  Oberrheins  und  als  Bollwerk  gegen  Frankreich  das 
ganze  Mittelalter  hindurch  und  bis  ins  17.  Jahrhundert  hinein  behauptet  hat. 
Die  Originale  der  ältesten  Stadtrechte  und  kaiserUchen  Privilegien  sind  frei- 
lich verloren  gegangen  und  auch  sonst  ist  die  2^1  der  Urkunden  aus  der 
Zeit  vor  1261  gering  (71);  die  älteste  erhaltene  Kaiserurkunde  ist  von  1205. 
£r^  vom  Jahre  1261  ab,  in  welchem  die  Stadt  den  Krieg  begann,  der  sie 
von  der  bischöflichen  Oberhoheit  befreite,  schwillt  das  urkundliche  Material 
mächtig  an.  Am  18.  März  1399  beschlofs  der  Rat  die  Einrichtung  be- 
sonderer feuersicherer  Archivräume;  allein  bald  reichten  diese  nicht  mehr 
aus,  so  dafe  die  Akten  tmd  Urkunden  teils  im  sogenannten  „Pfennigturm '% 
teils  in  der  „ Pfalz*'  und  im  Kanzleigebäude,  später  auch  im  sogenannten 
„Neubau '*,  dem  nachmaligen  Hotel  du  commerce,  untergebracht  werden 
muisten.  Die  Verwaltung  des  Archivs  unterstand  lange  Zeit  unmittelbar  dem 
Stadtschreiber;  als  der  Umfang  der  Geschäfte  aber  immer  mehr  wuchs,  wurde 
1594  ein  besonderer  Registrator  archivi  angestellt.  Der  erste  Inhaber  dieses 
Amts  war  Laurentius  Clussrath,  der  sich  ebenso  wie  sein  Nachfolger 
Joh.  Ulrich  Fried  redlich  imi  die  Ordnung  des  Archivs  annahm.  In- 
dessen wurden  sie  beide  bei  weitem  nicht  fertig  damit,  da  man  sie  allzu  häufig 
zu  andern  Geschäften  heranzog  und  schliefslich  in  höhere  Stellen  beförderte. 
Sehr  verdient  hat  sich  dann  der  wohlbekannte  Historiker  Jakob  Wen cker 
(1668 — 1743)  um  die  Ordnung  und  wissenschaftliche  Ausbeutung  der  städti- 
schen Archivahen  gemacht  ^).  Selbst  im  Besitz  der  höchsten  Würden ,  als 
Dreizehner  und  Ammeister,  hat  er  dem  Archiv  seine  liebevolle  Fürsorge  be- 
wahrt Auch  nach  seinem  Tode  bis  zmn  Ausbruch  der  Revolution  1789 
wurde  unter  steter  Aufsicht  des  Magistrats  viel  für  das  Archiv  getan,  wo- 
für noch  heute  zahlreiche  alte  Repertorien  zeugen,  die  allerdings  leider  zum 
Teil  unbrauchbar  geworden  sind.  Nur  einmal,  im  Jahre  1686,  hatte  das 
Archiv  durch  den  Brand  des  Kanzleigebäudes  empfindlichen  Schaden  ge- 
litten; vermutlich  fielen  damals  die  Missivbücher  und  ein  Teil  der  Proto- 
kolle den  Flanmien  zum  Opfer.  Doch  waren  diese  Verluste  geringfügig 
gegenüber  denen,  die  nun  durch  die  Revolution  und  ihre  Folgeerscheinungen 
eintraten.  Am  21.  Juli  1789  stürmte  der  Pöbel  das  Rathaus  und  warf  die 
Akten  in  blinder  Zerstörimgswut  massenhaft  aus  den  Fenstern  in  den  Strafsen- 
kot*  Manches  ist  damals  verschleppt  worden ;  das  meiste  aber  wurde  doch 
wohl  wieder  gesammelt  und  in  Sicherheit  gebracht,  wenn  auch  grofsenteils 
zerstampft,  zerrissen,  beschmutzt  und  in  einer  entsetzlichen  Unordnung,  die 
noch  heute  nicht  wieder  ganz  beseitigt  ist.  Das  war  aber  noch  nicht  das 
Schlimmste!  Am  20.  November  1793  wurden  auf  Anordnung  des  Maires 
Monet,  eines  Savoyarden,  und  des  berüchtigten  Eulogius  Schneider  zur  Ver- 
herrlichung  des  „Festes   des   höchsten  Wesens"  15    grofse   Wagenladtmgen 


i)  VgL  J.  Wenckcr,  Coüectanea  juris  publici  etc.  (1702).     Apparatus  et  instructus 
archworum  (17 13).     Collecta  archivi  et  cancellariae  jura,  (1715). 


—     16     — 

von  Akten  und  Protokollen  aus  dem  Stadt-  und  Bezirksarchiv  als  ,,  Zeug- 
nisse des  Aberglaubens  imd  der .  Sklaverei  *'  angesichts  des  Münsters  feier- 
lich verbrannt!  Hauptsächlich  sind  dabei  wohl  Finanz-  und  Rechnungs- 
sachen sowie  die  ältesten  Kontraktbücher  zu  gründe  gegangen,  vielleicht 
auch  die  zu  Wenckers  Zeit  noch  vorhanden  gewesenen  Ratsprotokolle  aus 
der  Zeit  vor  1539.  Dies  barbarische  Verfahren  hat  sich  zum  Glück  nicht 
wiederholt ;  doch  zeigte  die  Stadtverwaltung  noch  lange  eine  höchst  verderb- 
liche Gleichgültigkeit  gegen  die  Zeugnisse  der  Vergangenheit.  Gröfsere  Teile 
des  Archivs  wurden  ohne  Bedenken  an  andere  Behörden  ausgeliefert,  so 
1798  die  gesamten  alten  Gerichtsakten  an  das  Tribunal,  mit  dessen  Gebäude 
sie  1870  verbrannten,  femer  1806  ein  grolser  Teil  der  auf  kirchliche  Ver- 
hältnisse, namentlich  auf  die  Reformation,  bezü^chen  Akten  an  das  evan- 
gelische Konsistorium  behufs  Einverleibung  in  das  Archiv  des  St  Thomas- 
stiftes. Die  übrigen  Bestände  wurden  bei  wiederholten  Umzügen  und  „Sich- 
tungen'' durch  unwissende  oder  gewissenlose  Beamte  der  Mairie  teils  ver- 
zettelt, teils  in  immer  gröfsere  Unordnimg  gebracht  Als  dann  der  aus- 
gezeichnete Theologe  und  Historiker  Andreas  Jung  1826  die  Leitung 
der  Stadtbibliothek  übernahm,  kam  die  verhängnisvolle  Ansicht  auf,  dais 
die  Archivalien,  welche  für  die  städtische  Verwaltung  keinen  „aktuellen" 
Wert  hätten,  sondern  nur  historisches  Interesse  böten,  m  die  Bibliothek  ge- 
hörten. Glücklicherweise  wurde  dieser  Grundsatz  nicht  allzu  eifrig  befolgt; 
doch  ist  immerhin  eine  Anzahl  der  interessantesten  Stücke  in  die  Bibh'othek 
gekommen  und  mit  ihr  in  dem  Brande  von   1870  vernichtet  worden. 

Wenn  trotz  aller  dieser  Einbuisen  seit  1789  die  auf  die  Gegenwart  ge- 
retteten handschriftlichen  Schätze  noch  sehr  ansehnlich  und  inhaltlich  sehr 
wertvoll  sind,  so  kann  man  danach  auf  die  ehemalige  Bedeutung  des  Ganzen 
schliefsen.  Eine  dauernde  Besserung  für  das  Archiv  trat  erst  ein,  als  der 
gelehrte  Ludwig  Schneegans  1841  die  Leitung  übernahm.  Die  von 
ihm  begonnenen  Ordntmgsarbeiten  wurden  seit  1863  von  J.  Brucker  fort- 
geführt, der  durch  Fleifs  und  Gewissenhaftigkeit  ersetzte,  was  ihm  an  wissen- 
schaftlicher Vorbildung  abging.  Er  hat  vier  Quartbände  von  Inventaren 
herausgegeben  '),  die  allerdings  nichts  weniger  als  ein  Muster  für  derartige 
Veröffentlichungen  sind.  Man  mufs  aber  gerechterweise  berücksichtigen, 
dafs  Brucker  sich  durch  den  französischen  Ministerialerlafs  von  1857  über 
die  Ordnung  der  Gemeindearchive  in  seiner  Arbeit  gedrängt  imd  eingeengt 
glaubte,  imd  dafs  das  vorgeschriebene  Schema  wohl  für  den  Durchschnitt 
der  französischen  Provinzialstädte  passen  mochte,  nicht  aber  für  eine  alte 
selbständige  Reichsstadt.  Die  veröffentlichten  Bände  geben  sich  übrigens 
mit  Unrecht  als  das  vollständige  Inventar  der  zur  Serie  AA  (Ades  eafistitu- 
Ufa  et  politiques  de  la  commune)  gehörigen  Archivalien  aus;  tatsächlich 
sind  sehr  umfangreiche  und  wichtige  Bestände  darin  nicht  verzeichnet,  wäh- 
rend umgekehrt  manches  Aufnahme  gefunden  hat,  was  eigentlich  nicht  in 
diese  Serie  gehört.  Es  war  dies  eine  Folge  der  Übereilung,  mit  der  die 
Inventare  veröffentlicht  wurden,  lange  bevor  die  Ordnung  des  Archivs  voll- 
endet war.     Einstweilen  ist  denn   auch   von   dem  Unterzeichneten,   der  seit 


1)  J.  Bnicker,  Inventaire  sommaire  tUs  archives  dt  la  ville  de  Strasbourg.    4  vol. 
1878 — 86.    Vgl.  auch   desselben   Schrift  Les  archives  de  la   ville  de  Strasbourgs  187$. 


—     17     — 

Bmckers  Tode  1889  dem  Archiv  vorsteht,  auf  die  weitere  Drucklegung  von 
Inventaren  verzichtet  worden.  Für  die  Urkundenabteilung,  die  neuerdings 
ans  den  Akten  ausgesondert  worden  ist  und  mehr  ab  iiooo  Stücke  lun- 
faist,  sind  genaue  Regesten  in  Arbeit,  die  zur  Zeit  bis  1306  reichen.  In 
den  letzten  Jahrzehnten  hat  besonders  das  bis  1400  geführte  und  damit 
vorläufig  abgeschlossene  Urkundenbtich  der  Stadt  Stra/^hurg  ')  und  die 
PoliÜsehe  Korrespondenz  der  Stadt  Stra/^burg  im  Zeitalter  der  Beformation  *) 
den  Reichtum  des  Archivs  erschlossen. 

Seit  1890  hat  das  Archiv  die  alten  unzureichenden  und  feuergefähr- 
lichen Räume  im  Rathaus  verlassen  und  im  Gebäude  der  Stadtbibliothek 
eine  angemessene  und  bequeme  Unterkunft  erhalten^).  Im  Jahre  1893  ist 
es  gelimgen,  die  1806  dem  evangelischen  Konsistorium  übergebenen  Akten, 
soweit  sie  politischen  Inhalts  sind,  gröfstenteils  zurückzugewinnen.  Der 
Rest  des  Thomasarchivs,  der  für  die  Geschichte  des  Thomasstifts  und 
für  die  elsässische  Kirchengeschichte  überhaupt  eme  aufserordentlich  reiche 
Fundgrube  ist,  wurde  der  Stadt  1901  als  Depositum  tibergeben.  Zwei  Jahre 
TOrher  hatte  das  Bürgermeisteramt  die  bis  dahin  im  Standesamt  aufbewahrten 
Kirchenbücher  (600  Bände  Tauf-,  Hochzeits-  und  Sterberegister,  von  denen 
der  älteste  bis  1525  zurückreicht)  dem  Archiv  überwiesen.  Femer  kamen 
kürzlich  die  reichen  Archive  des  Stifts  Unser  Frauen  Werk  und  der 
Zivilhospizien  als  Deposita  in  die  städtische  Sanmüung.  Ersteres  lun- 
fafst  etwa  2000  Pergamenturkunden  (Schenkungsbriefe  tmd  sonstige  Rechts- 
titel) sowie  zahlreiche  Saalbücher,  Rechnungen  tmd  Akten  zur  Geschichte  des 
Frauenstifts,  aus  dessen  Mitteln  das  Strafsburger  Münster  gebaut  ist  und  noch 
heute  unterhalten  wird.  Zur  eigentlichen  Baugeschichte  bietet  das  Archiv 
jedoch  weniger,  als  man  hiemach  erwarten  sollte.  Dagegen  ist  zu  bemerken, 
dais  es  nicht  nur  für  einen  grofsen  Teü  des  Elsafs,  sondern  auch  für  die 
rechtsrheinischen  Gebiete  Beachtung  verdient,  weil  sich  der  Besitz  des  Stifts 
vor  der  Revolution  auch  auf  diese  Gegenden  erstreckte.  Das  Gleiche  gilt 
von  dem  stattlichen  Archiv  der  ZivUhospizien ,  das  gewöhnlich  als  Spital- 
archiv bezeichnet  wird.  Es  besitzt  allein  an  Pergamenturkimden ,  deren 
älteste  von  1143  ist,  etwa  14000  Stück.  Dieser  gewaltige  Umfang  erklärt 
sich  teils  aus  dem  hohen  Alter  und  dem  reichen  Gmndbesitz  des  Spitals, 
teils  daraus,  dafs  im  Lauf  der  Zeit  fast  alle  wohltätigen  Stiftungen  der 
Stadt  dem  Spital  angegliedert  wurden,  wie  die  Almosenstiftung  St.  Marx,  die 
Elendenherberge,  das  Gutleuthaus,  das  Blatterhaus  und  das  Waisenhaus.  Alle 
4iese  Institute  waren  gleich  dem  Spital  nicht  blofs  durch  private  Schenkungen 


i)   Sieben   Bände,   erschienen   von    1879^-1900,    bearbeitet  von    W.    Wiegand, 
A.  Schulte,  G.  Wolfram,  J.  Fritz  und  H.  Witte. 

2)  Bis  jetzt  3  Bände,  erschienen  von  1882-98,  bearbeitet  von  H.  Virck  und 
O.  Winckelmann.  Der  vierte  und  letzte  Band,  der  die  Jahre  1546  —55  umfassen  wird, 
ist  in  Vorbereitung.  Von  andern  Quellenwerken,  die  aus  dem  Archiv  geschöpft  sind, 
seien  noch  erwähnt:  Bruckcr,  Strafsburger  Zunft-  und  PoUzeiverordnungen  des  14.  und 
1$.  Jahrhunderts  (1%%^),  K.  Th.  Eheberg,  Verfassungs-^  Verwaltungs- und  Wirtschafts- 
geschichte der  Stadt  Straf shurg  bis  1681.  I.  Band:  Urkunden  und  Akten  (1899).  Ad. 
Seyboth,  Das  alte  Strafsburg  vom  13.  Jahrhundert  bis  zum  Jahre  1870,  Geschieht« 
liehe  Topographie  (1890). 

3)  VgL  Winckelmann,   Die  Neueinrichtung  des  Strafsburger  Stadtarchivs y    in 
der  Archivftlischen  ZeiUchrift  1893,  N.  F.  IV  S.   iii  ff. 

2 


—     18     — 

reich  geworden,  sondern  auch  durch  Zuwendung  von  Gütern  der  im  i6.  Jahr- 
hundert vom  Magistrat  aufgehobenen  Klöster.  Demgemäfs  findet  man  heute 
im  Spitalarchiv  eine  ganze  Reihe  alter  Klosterarchive  mehr  oder  weniger 
vollständig  beisammen.  Sehr  lehrreich  sind  u.  a.  die  im  Besitz  der  Zivil- 
hospizien  befindlichen  Akten  über  das  Armenwesen,  besonders  zur  Zeit  der 
Reformation.     Ihre  Publikation  ist  in  Aussicht  genommen. 

Es  ist  jedenfalls  vom  Standpunkte  der  Forscher  mit  Freude  zu  begrüfsen, 
dafs  alle  diese  genannten  Archive,  welche  bisher  getrennt  und  schwer  be- 
nutzbar waren,  nunmehr  mit  dem  Stadtarchiv  imter  einem  Dache  vereinigt 
sind  und  einer  einheitlichen  Verwaltung  unterstehen.     O.  VVinckelmann. 

Archire  und  Kunstgeschlehte.  —  Es  wäre  interessant,  wenn  man 
einmal  feststellen  könnte,  wie  \iele  von  einer  Gruppe  Besuchern,  die  durch 
ein  Schlofs  oder  eine  alte  Kirche  geführt  wird,  sich  nicht  mit  der  Be- 
wunderung des  Baues  und  der  aufgehäuften  Kunstwerke  begnügen ,  sondern 
nebenbei  auch,  wenigstens  bei  sich,  die  Frage  aufwerfen,  in  wessen  Gehirn 
der  ganze  Bau,  wie  im  Kern  der  Baum,  entworfen  war,  ehe  an  die  Aus- 
führung geschritten  wurde,  oder  wem  die  Skulpturen  und  Gemälde  zu  ver- 
danken sind.  Ich  glaube,  nur  in  bezug  auf  die  Gemälde  würde  die  Zahl 
der  Fragenden  eine,  wenn  nicht  grofse,  doch  nicht  ganz  verschwindend 
kleine  sein,  bei  den  Skulpturen  imd  den  Werken  der  Architekten  recht  gering. 
Es  ist  ein  wahres  Wort,  das  ich  einst  einen  Architekten  zu  einem  Dichter  sprechen 
hörte:  „Ihr  habt  es  gut;  euch  liest  man  nicht  nur,  sondern  will  auch  über  euer 
Leben  unterrichtet  sein ;  unseren  Bau  besieht  man  und  bewundert  ihn  vielleicht, 
aber  wer  ihn  gemacht  hat,  danach  fragt  man  nicht*'.  Im  Mittelalter  ist 
diese  Nichtachtung  der  Persönlichkeit,  der  wir  die  Bauwerke  und  Bilder  zu 
verdanken  haben,  entschieden  ebenso  grofs  gewesen;  ist  doch  die  Zahl  der 
Künstler,  die  in  den  Chroniken  erwähnt  werden,  eine  sehr  geringe.  Gerade 
deswegen  ist  es  aber  Pflicht  der  heutigen  Kunstforscher,  dieses  Versäumnis, 
soweit  es  möglich  ist,  wieder  gut  zu  machen,  und  es  ist  keineswegs  zu 
verkennen,  dafs  die  letzten  Jahrzehnte  in  dieser  Beziehung  recht  Erfreuliches 
geleistet  haben:  die  Kimstwerke  selbst  verraten  ihre  Schöpfer  meistens  nicht, 
es  sind  vielmehr  die  Archive,  deren  Durchforschung  für  die  Aufhellung 
manches  dunkeln  Punktes  überraschende  Dienste  geleistet  hat. 

Einige  Beispiele  mögen  zur  Illustrierung  des  Gesagten  beitragen.  Der 
schönste  Beleg  für  die  Wichtigkeit  auch  kleinerer  Archive  für  die  Kunst- 
geschichte ist  vor  kurzem  durch  die  Festrede  Alfred  Lichtwarks  bei  der 
Jubelfeier  des  Germanischen  Museums  zu  Nürnberg  allgemein  bekannt  ge- 
worden ;  ich  kann  mich  daher  kurz  fassen.  Aus  den  1 84 1  von  Lappenberg 
veröffentlichten  Nachrichten  *)  war  über  das  Leben  des  alten  Malers  und 
Bildhauers  Bertram  von  Minden  so  viel  bekannt  geworden,  dafs 
er  mindestens  seit  1367  bis  nach  14 10  in  Hamburg  tätig  war,  unter 
anderem  den  Hauptaltar  von  St  Petri,  der  ältesten  Bürgerkirche  Ham- 
burgs, ausgeführt  hatte  und  es  zu  behäbigem  Wohlstande  brachte.  Dafs 
Minden  in  Westfalen  seine  Vaterstadt  war,  ergab  sich  weiterhm  durch 
einen   Fund   im   Archive   dieser    Stadt:    denn    14 15     bemühten    sich    Ver- 


1)  Zeitschrift  des  Vereins  für  Hamburgische  Geschichte,  Jahrgang   1841. 


—     19     — 

wandte  Bertrams  um  den  Nachlafs  des  Meisters.  Doch  Werke  Bertrams 
schienen  nicht  erhalten,  denn  sie  waren  zwar  in  Kirchen  und  Museen  zu  sehen, 
aber  nicht  unter  seinem  Namen.  Da  brachte  die  Nachforschung  in  einem 
Archive  imerwartet  Aufklärung.  Im  vierten  Bande  seiner  treflfHchen  Dar- 
stellung der  Kunst-  und  Kulturdenkmäler  Mecklenburgs  ^)  hatte  Friedrich 
Schlie  erwähnt,  dais  der  schöne  Altar  von  1379  in  der  Stadtkirche  zu 
Grabow  ein  Geschenk  aus  Lübeck  sei.  Daraufhin  hatte  man  die  Grabower 
Akten  geprüft  und  gefunden,  dafs  der  Altar  nicht  aus  Lübeck,  sondern  1734 
von  der  PetrUdrche  in  Hamburg  der  neugebauten  Grabower  Kirche  gestiftet 
worden  ist  Mitteilung  von  dieser  hochinteressanten  Nachricht  machte  Schlie 
zuerst  auf  dem  letzten  Kunsthistorikertage  in  Lübeck :  es  war  sofort  klar,  der 
Grabower  Altar  war  das  von  Meister  Bertram  für  die  Hamburger  Petrikirche 
ausgeführte  Werk,  und  aus  stilistischen  Gründen  ergab  sich  femer,  dafs  auch 
der  schöne  Marienaltar  des  Museums  zu  Buxtehude  und  der  als  altflämisch 
bezeichnete  Apokalypsenaltar  des  South  Kensington-Museums  zu  London  der 
Hand  Bertrams  zuzuschreiben  seien.  Dazu  kommen  noch  mehrere  ver- 
wandte Ktmstwerke  in  mecklenburgischen  Kirchen,  die  man  für  Arbeiten 
Bertrams  halten  mufs.  So  hat  ein  Fund  im  Grabower  Archiv  die  Tätigkeit 
eines  namhaften  alten  deutschen  Meisters  aufgehellt. 

Ein  anderes  Beispiel:  Als  der  Verfertiger  des  berühmten  Altars,  in  der 
Domkirche  zu  Schleswig  ist  längst  Hans  Brügge  mann  bekannt;  wie  wenig 
Zuverlässiges  man  aber  von  seiner  Herkunft,  Jugendzeit  imd  AusbUdimg 
wufste,  ersah  man  aus  den  Schriften,  die  ihn  behandelten.  August  Sach 
nahm  an,  er  sei  in  Husum  um  1470  geboren,  da  er  um  1590  Husumensis 
genannt  wird,  dort  auch  ausgebildet  und  Meister  geworden.  Nun  prüfte 
Gymnasiallehrer  MagnusVofsin  Husum  ^)  die  sämtlichen  Urkunden  der  Stadt 
and  des  um  1440  errichteten  Siechenhauses  und  Gasthauses  St.  Jürgen,  in 
welchem  Brüggemann  nach  Heinrich  Ranzaus  Bericht^)  um  1540  in  grofser 
Armut  gestorben  ist,  tun  die  Spur  eines  Schnitzers  Johannes  oder  Hans  imd 
eines  Brüggemanns  zu  entdecken.  Aber  weder  Vermächtnisse  noch  Schatz- 
r^;ister  noch  Rentenverzeichmsse  und  dergl.  enthalten  einen  ähnlichen  Namen, 
und  Vofs  zieht  den  Schlufs,  Brüggemann  sei  erst  als  Meister  nach  Husum 
gekommen.  Vofs  selbst  konnte  die  Bestätigung  dieses  Schlusses  noch  in 
seiner  Schrift  mitteilen:  vom  Staatsarchiv  in  Hannover  wurde  eine  Original- 
urkunde aus  Walsrode  an  der  Aller  erworben  und  im  Sommer  1901  vom 
Archivdirektor  M.  Doebner  veröffentlicht ;  in  dieser  Urkunde  schliefsen  Propst, 
Rat  und  Ältcrleute  von  Walsrode  mit  Hans  Brüggemann  am  5.  August  1523 
einen  Vertrag,  nach  dem  Brüggemann  der  Kirche  zu  Walsrode  eine  Altar- 
tafel arbeiten  soll ;  die  Arbeit  soll  mit  5  5  Gulden  bezahlt  werden ;  ist  sie  nicht 
so  riel  wert,  so  soll  der  Künstler  sich  einen  Abzug  gefallen  lassen ;  wird  sie 
vertroüer  sein,  so  will  Brüggemann  das  Mehr  dem  Gotteshause  schenken, 
weil  er  ein  Walsroder  Kind  geboren  ist  imd  seine  freundlichen  lieben  eitern 
hei  uns  begraben   hat  . .     Geburtsort   des   Künstlers  war   also  Walsrode.  — 


i)  Vgl.  diese  Zeitschrift  i.  Bd.,  S.  283  and  2.  Bd.,  S.  96. 

2)  Vgl.  seine  vor  kurzem  erschienene  Chronik  des  Gasthauses  Mum  Ritter  St,  Jürgen 
in  Husum^  (Hosam  Friedr.  Petersen,   1902). 

3)  Westphalen,   Monumenta  inedita  rerum  Germanicarum    (Leipzig,  1739  ^0» 
1.  Bd.,  S.  42. 

2* 


—     20     — 

Vofs  nimmt  an,  dafs  Brüggemann  während  seines  Aufenthaltes  in  Husum  auf 
der  Husumer  Münze  imd  bei  wohlhabenden  Bürgern  als  Stempel-  imd  Siegel- 
schneider tätig  gewesen  ist.  Einen  direkten  Beweis  kann  er  dafür  zwar  nicht 
führen;  möglich  ist  es  aber  gewifs,  dafs  nach  der  Einführung  der  Reformation 
die  Aufträge  zu  gröfseren  Altararbeiten  ausblieben  imd  er  mit  gewöhnlicher 
Arbeit  zufrieden  sein  mufste. 

Wie  ein  zufälliger  Fund  die  Heimat  Brüggemanns  sichergestellt  hat,  so 
darf  man  auf  weitere  Funde  hoflfen,  durch  die  wir  über  seine  Schulung  und 
seine  weiteren  Arbeiten  die  nötige  Kimde  erhalten.  Bis  jetzt  gibt  es  darüber 
nur  Vermutungen.  Zu  entscheiden,  ob  der  Segeberger  Altar  von  ihm  her- 
rührt, wie  Ranzau  behauptet,  einige  neueren  Kritiker  bezweifeln,  darüber  wäre 
eine  sichere  archivalische  Ktmde  ebenfalls  höchst  erwünscht 

Man  braucht  nur  die  Denkmälerinventare  ')  zu  durchsuchen,  um  weitere 
Beispiele  für  die  wichtige  Aufklärung,  welche  die  Archive  der  kunstgeschicht- 
lichen Forschung  gegeben  haben,  aufzufinden.  So  war  die  Büdhauerfamilie 
der  Ringerink  oder  Ringeling  wenig  bekannt;  was  der  erste  von  ihnen,  der 
von  1583 — 1626  in  Flensburg  tätig  war,  ausgeführt  hat,  Sandsteinstatuen, 
Altäre,  Kanzeln,  Gestühle,  Epitaphien,  meist  in  der  Flensburger  Gegend,  die 
sich  durch  feine  Technik  auszeichnen,  würde,  da  er  nichts  mit  seinem  Namen 
bezeichnet  hat,  schwerlich  als  sein  Werk  bekannt  geworden  sein,  wenn  es 
nicht  durch  das  Flensburger  Archiv  *)  nachgewiesen  wäre.  Die  am  Kölner 
Rathaus  tätig  gewesenen  Bildhauer  Wühelm  Femuken  (Vemuken)  und  Henryck 
Vemeykken  finden  wir  auch  beim  Ausbau  des  Hauses  Horst,  Kreis  Reckling- 
hausen, beschäftigt  *).  Gerade  kleinere  Kirchen-,  Stadt-  und  Famüienarchive 
werden  noch  manche  derartige  Aufschlüsse  bieten. 

Fast  noch  schlimmer  als  mit  den  Bildhauern  ist  es  mit  den  Baumeistern 
bestellt.  Wenn  man  die  Register  über  Baumeister  prüft,  trifit  man  fistst 
nur  für  die  letzten  beiden  Jahrhunderte  zuverlässige  Angaben;  wer  die 
Schlösser  des  XVI.  und  XVII.  Jahrhunderts  gebaut  hat,  darüber  bieten  die 
Chroniken  oft  nicht  die  geringsten  Mitteüungen.  Die  Bauherren,  Fürsten 
und  Grafen  u.  s.  w.  kennen  wir  als  Schlofserbauer ;  wer  aber  die  Pläne 
entwarf,  war  den  Berichterstattern  meist  gleichgtütig.  Von  den  beim  Bau  des 
längst  verschwimdenen  Schlosses  zu  Husum  (errichtet  1577 — 82)  imd  der 
von  Herzog  Johannes  dem  Älteren  (+  1581)  errichteten  Hansborg  in  Haders- 
leben tätigen  Künstlern  weifs  man  wenig  mehr  als  nichts.  Beim  Schlofsbau 
in  Gottorp  waren  mehrere  Italiener  beteiligt,  wie  Antonius  Puppe  und  Thomas 
de  Orea,  man  kennt  aber  fast  nur  die  Namen.  Überhaupt  sind  bei  einer 
grofsen  Zahl  von  Schlofsbauten  bis  in  den  Norden  hinein  französische  und 
italienische  Künstler  neben  deutschen  tätig  gewesen;  nach  dem  bis  jetzt  vor- 
liegenden veröffentlichten  Material  ist  es  aber  kaimi  mögUch,  ein  zuverlässiges 
Büd  von  dem  Wirken  der  verschiedenen  Künstlergruppen   zu    geben.     Dafs 


i)  Vgl.  die  ZasammeDsteUoDg  von  Polaczek  in  dieser  Zeitschrift,  i.  Bd.,  S.  270 — 290 
und  3.  Bd.,  S.   137—144. 

2)  Haapt,   Bau-  und  KunstdenkmäUr  Schleswig-Holsteins  (Kiel   1887  f.),    2.  Bd., 
Anhmng,  Meister,  S.   14  f. 

3)  Vgl.  Armin  Tüle,   Obersicht   über   den   Inhalt   der   kleineren  Archive   der  Rhein* 
provinz  i.  Bd.  (Bonn  1899),  S.  122. 


—     21      — 

hier  noch  zahlreiche  handschrifÜiche  Quellen  vorhanden  sind,  ist  wohl  nicht 
zu  bezweifeln,  es  heifst  nur  suchen  und  sammehi. 

Wer  soll   aber   die  Kärrnerarbeit   des  Sammeins   und  Sichtens    leisten? 
Ein  Fachmann,    der   die  Bedeutung   auch   von   unbedeutendsten  Notizen   in 
Rechnungen,  Vermächtnissen,  sogar  in  den  Registern  über  Geldbufsen,  am 
leichtesten    zu   erkennen   vermag,   ist   unmöglich   zur   Durchmusterung  jedes 
Archivs    zur    Verfugung.      Selbst    der    Bearbeiter    einer    kunstgeschichtlichen 
Monographie  ist   nur  ausnahmsweise   in   der  Lage,    eine   gröfsere  Zahl   von 
Archiven  zu  besuchen,  imd  die  Forschung  im  Archiv  wird  meist  für  ihn  sehr 
zeitraubend  sein,  da  für  seine  bestimmten  Zwecke  naturgemäfs  nur  wenige  Akten- 
stücke   von   Belang,    aber    recht    viele    andere    vergebens  zu    durchmustern 
sind,     ehe     die     ersteren    gefunden    werden.      Systematische     Arbeiten     in 
Archiven    nehmen    aber    in    grofser   Zahl    Geschichtsforscher    zu    den    ver- 
schiedensten Zwecken  vor,  und  zwar  sind  dies  meist  Leute,  die  nicht  über 
eine  besondere  kunstgeschichtliche  Ausbildung  verfügen   und  für   deren   be- 
sondere Studien  jene  Notizen  über  die  Entstehung  der  verschiedenen  Kimst- 
werke  kaum   von  Belang   sind.     Diesen   weitesten  Kreis   der  Archivbenutzer, 
die  Archivare   und   die   in   den   sogenannten   kleinen  Archiven   systematisch 
Umschau  Haltenden   gilt  es  mithin  für   die   kunstgeschichtlichen  Quellen   zu 
mteressieren,  damit  sie  die  im  Vorübergehen  gefundenen  einschlägigen  Stellen 
selbst  veröffentlichen  oder  andere  Forscher  darauf  aufmerksam  machen.    Bei 
weitem  am  wichtigsten  und  inhaltlich  ertragsreichsten   dürften  Verträge   über 
anzufertigende  Arbeiten,   dann   auch   besondere  Rechnungen   über   Bauten  ') 
und  dergl.    sein:    bei    der   bis    ins  XVII.  und   XVIII.  Jahrhundert   üblichen 
Arbeitsorganisation  enthalten  ja  die  Rechnungen  selbst   in   vielen  Fällen   die 
Namen  der  einzelnen   am  Werke   tätigen  Personen   und  Angaben   über   ihre 
besonderen  Leistungen.     Eine   gröfsere  Reihe   von  Stadt-   und  Kirchenrech- 
nungen  ist    sogar  kaum   denkbar    ohne  in   dieses  Gebiet  fallende    Einträge. 
Es  kommt  hierbei  nur  darauf  an,    dafs  wie  das  Vorkonunen  der  Pest,    der 
frühen   Erwähnung   eines   Feuergeschützes    oder   des   Buchdrucks   an    irgend 
einem  Orte  —  wovon  heute  wohl  jeder  Forscher  Notiz  nimmt,   auch  wenn 
seine  Studien  ganz  anderen  Gebieten  gewidmet  sind  —  so  auch  auf  Kunst- 
ge schichtliches  das  Augenmerk  gerichtet  wird.     Den  Wert  jeder  Notiz 
für  die  Kimstgeschichte  zu   bestimmen,   ist  nicht  Sache   des  Finders;    viele 
werden  dies  auch  gar  nicht  können  und  in  der  Selbsterkenntnis,  dafs  ihnen 
die  Schulung  auf  diesem  Gebiete  fehlt,  auch  unterlassen.    Aber  nichtsdesto- 
weniger ist  es  Pflicht,  das  Gefundene  berufeneren  Händen  zur  sachgemäfsen 
Verwertung  zugänglich  zu  machen ;  solche  gelegentliche  Nachrichten  auf  Nach- 
bargebieten arbeitenden  Forschem  mitzuteilen,   mufs   sich   entschieden   noch 
mehr  einbürgern! 

i)  Solche  sind  schon  wiederholt'  veröffentlicht  worden,  eine  Reibe  ist  verKeichnet  in 
dieser  Zeitschrift,  i.  Bd.,  S.  65—66,  Anm.  l.  Ncuwirth  hat  aufser  den  dort  er- 
wähnten Rechnungen  über  den  Präger  Dombau  1372- 1378  (Prag  1890)  in  den  Mit- 
tdhmgeo  des  Vereins  für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen,  30.  Jahrg.  (1892), 
S.  309—388,  einen  Auszug  aus  den  Brüxer  Rechnungen  {Drr  Bau  d^r  Stadtkirche  in 
BrOx  von  tsH — iS3^)  veröffentlicht:  als  leitender  Meister  kommt  neben  Hans 
Scharfrott  aus  Dresden  und  Jörg  von  Maulbronn  besonders  Jakob  von 
Schwein  für  t  aus  Annaberg  in  Betracht,  von  dem  Entwurf  und  Modell  herrühren  (S.  333^  — 
Veroftentlichiing  verdiente  u  B.  auch  die  Rechnung  über  den  Bau  der  Muldenbrücke  bei 
Grimma   (Kgr.  Sachsen)  im  Jahre   1548. 


—     22     — 

Mehr  oder  weniger  bleibt  die  Entdeckung  auch  wichtiger  Nachrichten 
auf  diese  Weise  immer  Sache  des  Zuüsdls,  und  das  ist  im  Interesse  der 
Wissenschaft  sehr  zu  bedauern.  Deshalb  wäre  es  wohl  wünschenswert»  dals 
grölsere  Archive,  die  vermutlich  fiir  die  Kunstgeschichte  noch  ungehobene 
Quellen  enthalten,  s)'stematisch  von  Fachmännern,  die  nicht  für  einen  be- 
stimmten Zweck  sanmieln,  sondern  alles  im  weitesten  Sinne  Kunstgeschicht- 
liche anziunerken  hätten,  durchforscht  würden.  Was  aus  den  Archiven  in 
Nürnberg,  Dresden  oder  München  in  früherer  Zeit  publiziert  wurde,  hat  sich 
neuerdings  alles  als  unzureichend  erwiesen;  die  neueren  Monographieen  über 
die  deutschen  Meister  der  Renaissance,  die  auf  eingehenden  systematisch 
vorgenommenen  Archivstudien  beruhen,  haben  gezeigt,  wie  wenig  vollständig 
die  älteren  Veröffentlichungen  sind:  das  gilt  z.  B.  von  Baaders  Beiträgen 
zur  Kunstgeschichte  Xümbergs  (Nördlingen  1860;  zweite  Reihe  ebenda  1862), 
die  bis  vor  wenigen  Jahren  kritiklos  als  zuveriässige  Quelle  dienten.  Bei 
kleineren  Archiven  sollte,  wenn  sich  zußillig  —  der  Zufall  spielt  meist  eine 
bedeutende  Rolle  —  ihre  Wichtigkeit  für  die  Kunstgeschichte  herausstellt, 
eine  fiaichmännische  Prüfung  der  Bestände  möglichst  bald  vorgenommen  werden. 
Die  Verbindung  dieser  Tätigkeit  mit  der  Inventarisation  der  Denkmäler  wäre 
wohl  am  zweckmäisigsten  gewesen,  aber  manche  Bearbeiter  jener  Inventare 
sind  doch  in  der  Archivbenutzung  nicht  genügend  bewandert,  um  sich 
rasch  imd  meist  ohne  fachmännische  Hilfe  in  den  Papieren  imd  Perga- 
menten zurecht  zu  finden.  Deshalb  wird  man  im  allgemeinen  zunächst 
mit  einer  gelegentlichen  Durchforschung  zufrieden  sein  müssen.  Eine  Zentral- 
stelle, an  welche  etwaige  Funde  zu  übermitteln  wären,  gibt  es  nicht,  ist  auch 
nicht  nötig.  Jeder  Forscher  ist  ja  leicht  in  der  Lage,  etwaige  Beiträge,  die 
ihm  wichtig  erscheinen,  der  Redaktion  einer  kunstgeschichtlichen  Zeitschrift 
einzusenden  oder  auch  einige  solche  Nachrichten,  die  im  Laufe  der  2^it 
aufgesammelt  wurden,  in  der  landes-  oder  ortsgeschichtlichen  Zeitschrift  zu 
veröffentlichen;  die  Redaktionen  werden  dann  schon  eventuell  notwendige 
sachliche  Ergänzungen  und  Erläutenmgen  geben.  Nur  darf  im  zweiten  Falle 
nicht  vergessen  werden,  durch  Übersendung  einiger  Sonderabzüge  sowohl 
einzelne  Kunsthistoriker,  in  deren  Gebiet  der  Stoff  gehört,  als  auch  einige 
Zeitschriften  von  der  Veröffentlichung  in  Kenntnis  zu  setzen. 

Dafs  es  auch  ohne  kunstgeschichtliche  Fachbildung  möglich  ist,  die 
entsprechenden  Notizen  als  wertvoll  zu  erkennen,  wird  unbedingt  zuzugeben 
sein,  jedenfalls  bei  der  Mehrzahl  der  Geschichtsforscher  wird  man  solche 
Fähigkeiten  voraussetzen  dürfen,  wenn  sie  nur  auf  den  Nutzen,  den  sie 
damit  stiften  können,  aufmerksam  geworden  sind.  Und  dazu  sollen  diese 
Zeilen  dienen.  R.  Hansen  (Oldesloe). 

Bibliographie   der  Zcitscliriftenliteratur.   —    Unabhängig   von 

dem  in  den  Kreisen  der  Geschichtsforscher  erwogenen  verhältnismäfsig  harm- 
losen Gedanken,  das  alte  Walther-Kon  ersehe  Re per torium  der  ge- 
schichtlichen Zeitschriftenliteratur  für  die  Zeit  von  1850 — 1900 
fortzusetzen  '),    ist  im  Kreise  der  Literarhistoriker  der  unvergleichlich  weiter 


I)  Vgl.    diese  Zeitschrift    2.  Bd.,   S.   17 — 22.     In  Verfolg   des    seitens   des  Gesamt- 
Vereins    der   deutschen  Gcschichts-  und  Altertumsvereine  1900   in   Dresden   gefafsten   Bc- 


—     23     — 

greifende  Plan  aufgetaucht,  systematisch  den  Inhalt  aller  Zeitschriften 
des  XVIII.  und  XIX.  Jahrhunderts  bibliographisch  zu  bearbeiten.  Unzweifel- 
haft wäre  die  Verwirklichung  dieser  Idee  für  alle  Wissenschaften  bedeutsam, 
fbr  die  Geschichte  aber  besonders ,  weil  das  geistige  Leben  in-  allen  seinen 
Erscheinungen  nirgends  einen  so  regelmäfsigen  Niederschlag  zu  finden  pflegt, 
wie  eben  in  der  periodischen  Presse  und  weil  die  Geschichte  dieser  selbst 
ab  Ganzes  im  Zusammenhange  mit  der  modernen  Kultur,  so  wichtig  und 
ergebnisreich  sie  sein  würde,  noch  keinen  Bearbeiter  gefunden  hat  und  beim 
jetzigen  Zustande  kaum  finden  kann  *). 

Wissenschaftlich  notwendig  ist  es  auf  jeden  Fall,  dafs  die  Zeitschriften 
belletristischer,  wissenschaftlicher  und  politischer  Art,  die  seit  dem  Ende  des 
XVn.  Jahrhunderts  in  Menge  mit  mehr  oder  minder  langer  Lebensdauer 
entstanden  sind,  ebmal  gründlich  durchgearbeitet  werden,  damit  das  darin 
Tcrborgene  Material  den  Interessenten  zugänglich  gemacht  wird.  Notwendig 
ist  dies  vor  allem  deshalb,  weil  der  einzelne  Forscher  hier  der  erdrückenden 
FüDe  des  Materials  ratlos  gegenübersteht:  die  Zeitschriften  sind  sehr  schwer 
zngan^ch,  schon  ihre  Auffindung  macht  Mühe,  und  der  Zeitaufwand,  den 
die  Durchsicht  von  hundert  Bänden  erfordert,  ist  recht  grofs  im  Verhältnis 
zu  der  Ausbeute.  Selbst  wenn  man  noch  nicht  so  weit  gehen  und  eine 
Bibliographie  der  einzelnen  in  den  Zeitschriften  enthaltenen  Beiträge  verlangen 

sdünsses  (ebenda  S.  58 — $9)  hat  im  Auftrage  des  tur  Beratang  eingesetjten  Ausschusses 
Armin  Tille  in  einer  Denkschrift  dargelegt,  wie  die  Aufgabe  etwa  zu  lösen  wäre.  In 
Freiburg  ist  1901  in  aller  Kürze  der  Plan  entwickelt  worden  (s.  diese  Zeitschrift  3.  Bd., 
S.  90),  und  jetzt  liegt  die  ganze  Denkschrift  gedruckt  vor  im  Korrespondenzblatt 
des  Gesamtvereins,  50.  Jahrgang  (1902),  S.  28—30. 

i)  Etwas,   wenn  auch  nicht  viel  besser,   steht  es  mit  der  Geschichte  der  Zei- 
tnng:    neben  den  zusammenfassenden  Versuchen  über  die  Entstehung  der  Zeitungen  von 
Opel  {Du  Anfänge  der  deutschtn  Zettungspresse  1609—1650  im  Archiv  für  Geschichte 
des  deutschen  Buchhandels.    N.  F.  3.  Bd  ,   1879)  und  Grasshof  f  (Z>jir  briefliche  Zeitung 
des  X  VI.  fahr  Hunderts.     Leipz.  Diss.   187  7)   kommt   Prutz,    Geschichte  des   deutschen 
fntmalismus  (I.  und  einziger  Teil,  Hannover  1845)  ^^^  Ludwig  Salomon,  Geschichte 
des  deutschen    Zeitungswesens   von   den    ersten   Anfängen    bis    zur    Wiederaufrichtung 
des  Deutschen  Reiches   (i.  und   bisher   einziger  Band,    das   XVI.   bis   XVTII.  Jahrhundert 
behandelnd,   Oldenburg,    Schulze    1900)    in    Betracht.     Den   heutigen    Bedürfnissen   ent- 
sprechen aoch  diese  Bücher  nicht,  es  mufs  vielmehr  die  Monographie  über  einzelne  Zei- 
tngen  und    das  Zeitnngswesen    an   bestimmten  Orten   und   eventuell   in   gröfseren   land- 
schafüicbeo  Gebieten  gepflegt  werden,    ehe  mit  einer  grofsen  Geschichte   der   deutschen 
Zeitung  gerechnet  werden  kann.     In  neuerer  Zeit  ist   in   dieser  Richtung   schon   manches 
geschehen:    Die  Basler  Mittwoch-  und  Samstag- Zeitung  1682-1796   von    Mangold 
(Basel,  Wittmer   1900)  geht  wesentlich  tiefer  auf  die  geschieh tliclien  und  volkswirtschaft- 
lichen Probleme   ein   als   sonstige   Arbeiten.     Recht  viele    mehr   und   minder  brauchbare 
Zeitongsgeschicbten  sind  in  neuerer  Zeit   als  Jubiläumsschriften   erschienen,    es    sei  z.  B. 
Eduard  Heyck,  Die  Allgemeine  Zeitung  1798—1898  und  Zum  150 jährigen  fubiläum 
der  LObeckischen  Anzeigen  1751   6.  Märt   1901   genannt.     Über   die  Zeitungspresse   ein- 
telner  Orte  ist  ebenfalls  schon  mehrfach  gehandelt  worden,  neuerdings  z.  B.  für  Stettin 
von   Heinemann    in    den    Baltischen    Studien,    N.    F.    4.    Bd.,    S.    193 — 210,    und    für 
Göttingen  von  Eberwien  in  den  Protokollen   über   die  Sitzungen   des  Vereins  für   die 
Geschichte   Göttingens  1900— 1901,    S.    28—46.     Eine  eigenartige   und    recht    nützliche 
Stadie   ist   die   von  Ludwig  Munzinger,   Die  Entwickelung  des  Inseratenwesens   in 
den  deutschen  Zeitungen  (Heidelberg,  Karl  Winter  1902).    In  allen  diesen  Schriften  liegt 
wertvolles  Material  vor,    das  nur  der  Sichtung,    planmäfsigen  Vervollständigung   und 
einheitlichen   Verarbeitung    harrt.    —    Zur   Orientierung    für   Interessenten    ist    ein    Anti- 
qairiaUkatalog  von  Max  Harrwitz  (Berlin  W.,  Potsdamerstrafse  41»)  über  periodische 
litcratnr  von  Belang. 


—     24     — 

wollte,  wäre  eine  Bibliographie  der  Zeitschriften  d.  h.  eine  Zu- 
sammenstellung der  Titel  mit  Angabe  der  Herausgeber,  der  Jahre  imd  Orte 
des  Erscheinens,  denen  eine  kurze  inhaltliche  Charakteristik  beizufügen  wäre, 
von  höchstem  Werte ;  natürlich  müfsten  auch  diejenigen  Bibliotheken  namhaft 
gemacht  werden ,  welche  Exemplare ,  deren  meist  ja  nur  wenige  vollständige 
erhalten  sind,  besitzen  *).  Schon  dies  wäre  eine  Arbeit,  die  die 
Kräfte  eines  einzelnen  Bearbeiters  übersteigt,  aber  sie  erscheint  nicht  nur  an 
sich  notwendig,  sondern  auch  die  Voraussetzung  für  eine  Bibliographie  der 
einzelnen  Beiträge. 

Nur  die  Organisation  wird  hier  helfen  können,  und  diese  ist  bereits 
entstanden  in  der  am  19.  April  1902  gegründeten  Deutschen  Biblio- 
graphischen Gesellschaft,  in  deren  Vorstand  meistens  Literarhistoriker 
sitzen,  z.  B.  Sauer  (Prag),  Elster  (Marburg),  Koch  (Breslau),  Litzmann 
(Bonn)  und  deren  Sekretär  der  Vater  des  Gedankens  Dr.  Ho  üben  (Berlin- 
Schöneberg,  Ebersstr.  91)  ist.  Der  Jahresbeitrag  des  Mitgliedes  beläuft  sich 
auf  6  Mk.,  wofür  die  Mitglieder  zum  Bezüge  der  in  Aussicht  genommenen, 
im  Verlage  von  B.  Behr  erscheinenden  Publikationen  *)  zu  einem  Vorzugs- 
preise (^/s  des  Ladenpreises)  berechtigt  sind.  Eine  grofse  Reihe  namhafter 
Personen  aus  den  verschiedensten  literarisch  interessierten  Kreisen  sind  be- 
reits der  Gesellschaft  beigetreten,  viele  davon  haben  sich  schon  vorher  gut- 
achtlich über  die  Pläne  geäufsert,  so  dafs  in  der  Tat  die  Aussichten  fiir  das 
Gelingen  des  Unternehmens  günstig  sind;  in  allen  solchen  Fällen  ist  ja  das 
Wesentliche,  dafs  die  Zahl  der  Teilnehmer  grofs  genug  ist,  um  die  unbedingt 
notwendigen  Kosten  durch  eine  verhältnismäfsig  niedrige  Beisteuer  des  Ein- 
zelnen zu  decken. 

Die  Gesellschaft  bezweckt,  wie  es  im  §  i  der  Satzungen  heifst,  „den 
einheitlichen  Zusammenschlufs  der  die  Literaturgeschichte  und  ihre  Grenz- 
gebiete betreffenden  bibliographischen  Arbeiten,  soweit  sich  diese  auf  periodische 
Erscheinungen  und  Sammelwerke  erstrecken".  Zeitschriften  und  Zeitungen, 
Briefwechsel  und  Memoiren,  Almanache  und  Elssaisammlungen  sind  es,  woran 
bei  „periodischen  Erscheinungen  und  Sammelwerken"  gedacht  wird.  Die 
erste  Aufgabe  ist  die  Schafifung  einer  Gesamt-Bibliographie  der 
periodischen  Erscheinungen  des  XVIIL  und  XIX.  Jahr- 
hunderts, und  zwar  wird  mit  den  Zeitschriften  der  romantischen  Epoche 
begonnen  werden;  die  jungdeutschen  Zeitschriften  sollen  sich  anschliefsen 
und  ihnen  werden  mehrere  grofse  Tageszeitungen  mit  ihren  wissenschaft- 
lichen   Beilagen   folgen,   so   dafs    auch   die  Gegenwart  schon   bald   Berück- 


i)  Für  die  politischen  Zeitungen  hat,  ohne  dafs  die  Anregung  von  Erfolg  begleitet 
gewesen  wäre,  bereits  auf  dem  Frankfurter  Historikertage  1895  l^rof.  Kaltenbrunner 
(Innsbruck)  einen  entsprechenden  Vorschlag  gemacht:  er  wollte  die  Bibliotheken  direkt 
um  Auskunft  darüber  bitten,  welche  Serien  politischer  Zeitungen  sie  besitzen,  und  die  so 
gewonnenen  Angaben  sachlich  eu  einem  Register  verarbeitet  wissen.  Vgl.  Bericht  über 
die  dritte  Versammlung  dentscher  Historiker  (Leipzig,  Duncker  &  Hurablot,  1895), 
S.  29.  —  In  Hamburg  wird  ein  Verzeichnis  der  periodischen  Literatur  geplant  (vgl. 
Zeitschrift  des  Vereins  flir  Hambnrgische  Geschichte,  10.  Bd.  [1899],  S.  273 — 288).  Ein 
Verzeichnis  der  gelehrten  Zeitschriften  Leipzigs  seit  1682  hat  Johann  Daniel 
Schulze,  Ahrifs  einer  Geschichte  der  Leipziger  Universität  im  Laufe  des  XVIIL  Jahr» 
hunderts  (Leipzig  1802)  S.   140 — 176  bearbeitet. 

2)  Der   I.   Band  soll  noch  im  Winter  1902 — 1903  zur  Ausgabe  gelangen. 


—     25     — 

achtigung  zu  erhoffen  hat  Die  Geschichtsforschung  im  weitesten  Sinne  wird 
den  Gewinn  aus  diesen  bibliographischen  Arbeiten  ziehen,  die  nicht  nur 
Hilfsmittel  sind,  sondern  an  sich  bereits  wissenschaftliche  Leistungen  dar- 
stdlen;  deshalb  mufs  es  aber  auch  als  Sache  der  Geschichtsforscher  be- 
trachtet werden,  das  Unternehmen  in  jeder  Weise  zu  fördern,  besonders  die 
Geschichtsvereine  sollten  recht  zahlreich  die  Mitgliedschaft  erwerben, 
am  von  vomhejein  ihren  Mitgliedern  verhältnismäfsig  billig  und  in  der 
weniger  drückenden  Form  jährlicher  Beisteuern  den  Besitz  der  Bibliographie 
zu  sichern.  Gerade  für  die  kleinere  Bibliothek  am  abgelegenen  Orte  sind 
derartige  Hilfsmittel  doppelt  wichtig,  weil  sie  dadurch  wenigstens  in  die  Lage 
kommen,  die  Wünsche  der  Benutzer  durch  Bestellung  von  auswärts  ')  zu  be- 
friedigen. 

Möge  die  Deutsche  Bibliographische  Gesellschaft  sich  gut 
entwickeln  und  in  recht  rascher  Folge  ihre  Veröffentlichungen  erscheinen  lassen ! 

Zur  polltlsehen  nnd  sozialen  Bewegung  Im  dentsehen  Bürger- 

tim  des  XY.  und  XYI.  Jahrhunderts.  —  Bereits  im  dritten  Bande 
dieser  Zeitschrift  S.  i  ff.  und  S.  49  ff.  habe  ich  Nachträge  und  Ergänzungen 
ZQ  meinem  1899  erschienenen  Buche  über  denselben  Gegenstand  mitgeteilt. 
Da  aber  bei  den  immer  weiter  fortgesetzten  Nachforschungen  sich  noch 
recht  viele  wichtige  Einzelheiten  ergeben  haben,  zögere  ich  nicht,  abermals 
einiges  darüber  zusammenzustellen  in  der  Hoffnung,  dafs  auch  diese  Ver- 
öfenüichung  wieder  dazu  beitragen  wird,  mir  aus  dem  Kreise  der  Forscher 
neue  Nachrichten   zuzuführen. 

Zunächst  gebe  ich  einige  Ergänzungen  zur  Geschichte  städtischer  Auf- 
stände in  der  ersten  Hälfte  des  XV.  Jahrhunderts.  Wie  bekannt,  haben  die 
Znnftkämpfe  des  XIV.  Jahrhunderts  sich  bis  ins  XV.  hinein  fortgesetzt. 
Im  Norden  Deutschlands  wurden  damals  neben  den  hansischen  besonders 
die  Städte  der  Mark  Brandenburg  von  der  demokratischen  Bewegung  stark 
in  Mideidenschaft  gezogen.  In  Berlin  liegen  von  ca.  1400 — 1450  das 
anstokratische  und  das  demokratische  Prinzip  miteinander  in  beständigem, 
wechsehrollem  Kampf.  Um  1450  hat  ersteres  gesiegt,  zugleich  aber  erscheint 
die  Stadt  völlig  unter  die  Gewalt  des  lAndesherm  gebeugt  *). 

Die  Verfassung  Berlins  hat  im  Laufe  des  XIV.  Jahrhunderts  allem  An- 
schein nach  ein  exklusiv  aristokratisches  Gepräge  erhalten.  Die  vornehmen 
Geschlechter,  vermutlich  dem  Handelsstande  angehörig,  beherrschen  den  Rat. 
Die  übrigen  Kreise  der  Bürgerschaft  sind  vom  Regimente  ausgeschlossen. 
Seit  1381  besitzen  indes  die  vier  Gewerke  der  Fleischer,  Bäcker,  Tuch-  und 
Schuhmacher  das  Recht  zu  beratender  Teilnahme,  und  seit  Beginn  des 
XV.  Jahrhimderts  regt  sich  das  Streben  der  Gewerbetreibenden  und  Kleinbürger 
nach  der  Ratsfahigkeit.  Schon  1 4 1 2  wird,  offenbar  von  demokratischer  Seite, 
an  Versuch   zum   Sturz   der   bisherigen   Verfassung    unternommen.      Immer 


1)  YgL  darüber  diese  Zeitschrift  2.  Bd.,  S.   164  —  174  und  239—240. 

2)  Sello,  Forschungen  zur  brandenburgisch  •  preufsischen  Geschichte,  Bd.  XVII, 
48—50,  53 — 55.  Priebatsch,  Die  deutschen  Städte  im  Kampf  mit  der  Fürsten- 
gf^ott^  Bd.  I:  Die  Hohenzollern  und  die  Städte  der  Mark  im  XV,  Jahrhundert, 
iBerün  1892.)  S.  7>  ff-  79-  86.  93.  218. 


—     26     — 

mehr  erweitert  sich  jetzt  der  Kreis  der  Eletaente,  die  mit  den  Patriziern  und  den 
von  ihnen  mehr  oder  minder  notgedrungen  zugelassenen  Gewerbsgenossen 
die  Herrschaft  zu  teilen  wünschen.  1431  erscheinen  auch  die  Meister  der 
Gilden,  d.  h.  der  aufserhalb  der  oberen  vier  Gewerke  stehenden  gewerb- 
lichen Korporationen  neben  den  „Werken".  Ein  Rückschlag  in  dieser 
demokratischen  Bewegung  erfolgte  1432  bei  der  Vereinigung  Berlins  mit  Köln. 
Die  neue  Bundesverfassung  bestimmte,  dafs  der  jährlich  scheidende  Rat  den 
neuen  zu  wählen  habe.  Die  höchste  Stadtmagistratur ,  die  bisher  gewohn- 
heitsmäfsig  in  den  Händen  der  Geschlechter  gewesen  war,  wurde  ihnen  jetzt 
statutarisch  überwiesen.  Das  dem  Rat  zur  Seite  gestellte  Kollegium  von 
16  Stadtverordneten  wollte  den  18  patrizischen  Ratsherren  gegenüber  wenig 
besagen.  „Die  Ordnung  von  1432  begründete  das  Übergewicht  des  das 
Kapital  und  die  Intelligenz  repräsentierenden  Patriziates  über  den  an  Zahl 
überlegenen,  aber  durch  Kriegsläufe  hart  bedrängten,  gemeinen  Mann" 
(Sello  S.  50). 

Nur  zehn  Jahre  indes  durften  sich  die  Geschlechter  ihres  Sieges  freuen. 
Die  Gewerke  beharrten  hier,  wie  anderswo,  auf  der  Forderung,  in  den  Rat 
aufgenommen  zu  werden,  und  übertrugen  1442  dem  Kurftirsten  Friedrich 
die  Entscheidung.  Dieser  verschafite  der  demokratischen  Sache  den  Sieg 
durch  die  Verordnung,  dafs  der  Rat  künftig  sunderliken  aus  den  vier 
Gewerken  und  aus  den  „Gemeinen"  besetzt  werden  solle,  machte  sich  aber 
zugleich  zum  Herrn  der  Stadt.  Dem  Groll  über  den  Verlust  der  Freiheit 
entsprang  die  neue  Bewegung  von  1447,  bei  der  die  Aristokratie  die  Füh- 
rung übernahm.  Der  Aufstand  endete  mit  der  Unterwerfung  Berlins  und 
Kölns  und  mit  der  Wiederherstellung  der  oktroyierten  Verfassung  von  1442. 
Die  vom  Kurfürsten  wieder  eingesetzte  Demokratie  vermochte  sich  indes 
nicht  dauernd  zu  behaupten.  Friedrich  wollte  die  Mitarbeit  der  politisch 
erprobten  und  erfahrenen  alten  Familien  nicht  entbehren,  und  so  kommt 
nach  145 1  die  Aristokratie  allmählich  wieder  ans  Ruder. 

Auch  in  anderen  Städten  der  Mark  erheben  sich  in  der  ersten  Hälfte 
des  XV.  Jahrhunderts  demokratische  Bestrebungen,  die  von  Kurfürst  Friedrich  I. 
unterstützt,  von  seinem  Stellvertreter,  dem  Markgrafen  Johann,  aufs  schärfste 
bekämpft  werden.  Friedrich  schlichtet  1420  eine  Entzweiung  zwischen  Rat 
und  Gemeinde  von  Frankfurt  a.  O.  und  gewährt  den  Bürgern  imter  anderem 
das  Recht,  durch  neun  von  ihnen  vorgeschlagene,  vom  Rat  gewählte  Ver- 
ordnete ihre  Interessen  vertreten  zu  lassen  *). 

Auch  in  Treuenbrietzen  stellte  der  Kurfürst  den  Frieden  zwischen 
Bürgern  und  Rat  wieder  her  und  erfüllte  ersteren  eine  Reihe  ihrer  Forde- 
rungen *).  In  Prenzlau  arbeitete  die  Gemeinde  1426  auf  den  Sturz  des 
Rates  hin  und  lieferte  die  Stadt  den  feindlichen  Pommern  in  die  Hände. 
Prenzlau  wurde  vom  Markgrafen  Johann  wieder  erobert  und  für  seinen  Verrat 
aufs  härteste  gestraft,  die  Verfassung  der  Stadt  wurde  geändert  ^). 

Neben  den  allgemeinen  demokratischen  Ansprüchen  machten  sich  in 
den  märkischen  Städten  auch  mehr  lokale,  durch  den  Augenblick  gezeitigte 
Tendenzen    geltend.      Das    Ansinnen,    an   der    Husitensteuer    teilzunehmen^ 

i)  Priebatsch  S.  66—67. 

2)  a    a.  O.  S.  67. 

3)  a.  a.   O.  S.  60. 


—     27     — 

weckte  1425  in  Frankfurt  a.  O.,  Havelberg,  Brandenburg  offene  Re- 
Tohition.  Wohl  mag  man  in  diesen  Unruhen  einen  Reflex  der  Husiten- 
stimne  erkennen.  Wenig  war  in  den  vom  Kriegsschauplatz  abgelegenen 
Marken  von  einem  Reichsbewufetsein  zu  spüren.  Nur  die  Überredungskunst 
des  Bischofs  von  Lebus  und  die  nahende  Gefahr  eines  Böhmeneinfalles  ver- 
mochten die  Städte  zur  Nachgiebigkeit  ^). 

Auch  über  die  Altmark  verbreitete  sich  die  Bewegung.  In  der  Neu- 
stadt Sabn^edel  verlangten  1429  die  Tuchmacher  das  Recht  des  Gewand- 
schnittes. In  Stendal  kam  es  im  gleichen  Jahre  aus  noch  nicht  aufgeklärtem 
Anlais  zu  lärmvollen  Unruhen,  die  den  widerstrebenden  Rat  imd  die  vor- 
nehmeren Gilden  mit  fortrissen  und  sich  auch  gegen  die  I^ndesherrschaft 
richteten.  Die  Empörung  wurde  hier  wie  in  Prenzlau  von  Johann  rasch  ge- 
dämpft. Stendal  blieb  auch  später  noch  ein  Herd  des  Aufruhrs.  1488 
artete  dort  die  Opposition  gegen  die  vom  Kurfürsten  Johann  Cicero,  gleich- 
£üb  einem  Gegner  der  Demokratie,  geforderte  Biersteuer  zu  greulichen  Pöbel- 
szenen aus.  Wieder  wurden  der  Rat  imd  die  vornehmeren  Gilden  von  den 
niederen  Gewerken  und  der  Gemeinde  fortgerissen,  diesen  daher  vom  Kur- 
föisten  der  Einflufs  auf  die  Stadtverwaltung  genommen.  Die  Bewegung,  die 
1530  in  Stendal  ausbrach,  war  religiöser  Natur.  Den  Anlafs  gab  die  Ver- 
jagung eines  lutherischen  Predigers.  Das  Stadtregiment,  das  sich  mit  dem 
Kurfürsten  nicht  überwerfen  wollte,  wurde  gestürzt,  das  neue  Bekenntnis 
eingeführt  *). 

Im  ganzen  sind  die  märkischen  Städtekämpfe  mit  dem  XV.  Jahrhundert 
abgeschlossen.  Ihre  Ergebnisse  sind  gering.  Bezeichnend  ist  die  regel- 
mSfsig  wiederkehrende  Einmischung  der  Landesherren,  die,  der  Demokratie 
im  allgemeinen  abhold,  diese  doch  gelegentlich  für  ihren  grofsen  Zweck  zu 
benutzen  wissen :  für  die  Beugung  der  Städte  unter  die  landesherrliche  Gewalt. 

Der  Breslauer  Aufstand  von  14 18  ist,  wie  Grünhagen  mit  Recht  be- 
merkt, nicht  in  die  Reihe  der  gewöhnlichen  Zunftkämpfe  einzuregistrieren. 
Er  verdankt  seinen  Ursprung  nicht  dem  gewöhnlichen  Gegensatz  zwischen 
Handwerker  und  städtischem  Patriziat.  Erstere  kämpfen  hier  nicht  um  die 
Teilnahme  am  Rat  Denn  diese  ist  ihnen  schon  seit  1390  gesichert.  Die 
Hauptschuld  an  der  Empörung  trägt  der  Groll  der  Bürger  über  die  Eingriife 
König  Wenzels  in  die  städtische  Autonomie,  über  die  mafslosen  Geldforde- 
lungen  des  Herrschers,  denen  gegenüber  sich  der  Rat  allzu  nachgiebig  zeigte, 
so  dais  das  städtische  Budget  in  Verwirrung  geriet,  die  Bürger  mit  Steuern 
hart  belastet  wurden  *).  (Vgl.  auch  meine  „Politischen  und  sozialen  Be- 
wegungen" S.  21.) 

hl  letzterer  Zeit  sind  auch  die  Verhältnisse  Naumburgs  *)  im  XV. 
und  XVL  Jahrhundert  zum  Gegenstand  einer  monographischen  Darstellung 
gemacht  worden.  Auf  dem  wirtschaftlichen  Leben  der  Stadt  lastete  seit  der 
Glitte  des  XV.  Jahrhunderts  eine  starke  Lähmung,  die  sich  besonders  deut- 
lich aus  dem  Stillstand  in  der  Steigerung  der  Steuereinnahmen  ergibt.     An- 


I)  8.  a.  O.  S.  61—62. 

2^  Priebatsch  S.  65.   170.   191. 

3)  S.  „Grenzboten"  1859,  Nr.   i,  S.  56flF. 

4)  E.  Hof  fm  ann,  Naumburg  a,  S.  im  Zeitalter  der  Reformation  [Leipziger  Studien 
aas  dem  Gebiet  der  Geschichte  VII,   i],  S.  38  ff.  und  S.  57—60. 


—     28     — 

fang  des  XVI.  Jahrhunderts  hat  sich  die  Lage  anscheinend  noch  verschlechtert. 
Teils  durch  Verschwendung,  teils  durch  wiederholte  Feuersbrünste  gerieten 
viele  Bürger  in  Not,  mufsten  ihre  mit  „Zinsen,  Geschofs  und  Schulden" 
belasteten  Häuser  verfallen  lassen  oder  nach  dem  Brande  auf  deren  Wieder- 
herstellung verzichten.  So  fehlen  auch  in  Naumburg  nicht  die  anderswo 
bemerkbaren  sozialen  Gegensätze:  hier  manche  Züge  von  Reichtum  und 
frohem  Lebensgenufs,  dort  tiefe  Verarmung  und  Elend,  ohne  dafs  sich  frei- 
lich ein  sicheres  Bild  der  Verteilung  von  Armut  und  Reichtum  gewinnen 
liefse.  Doch  waren  allem  Anschein  nach  die  Gegensätze  in  Naumburg  nicht 
so  schroff,  dafs  sie  sich  wie  an  anderen  Orten  in  heftigen  Konflikten  ent- 
laden hätten.  Nur  schwache  Anzeichen  deuten  seit  1450  auf  eine  leise 
Gärung  in  der  Bürgerschaft;  1460  und  1470  lehnen  sich  Bäcker  und  Brauer 
gegen  die  Markt-  und  Lebensmittelpolizei  des  Rates  auf,  doch  haben  diese 
Differenzen  nur  vorübergehend  zu  Unruhen  geführt  und  nie  einen  gröfseren 
Umfang  angenonmien.  Noch  mehr  spricht  für  eine  im  ganzen  ruhige  E-nt- 
wickelung  Naumburgs,  selbst  in  den  Jahren  der  Not,  dafs  die  Stürme  des 
Bauernkrieges  ohne  tiefere  Erschütterung  über  den  Ort  hingegangen  sind. 
Wohl  kommt  es  unter  Einflufs  Münzers  im  Frühjahr  1525  zu  einer  religiösen 
Bewegung,  das  soziale  Moment  aber  tritt  dank  der  Besonnenheit  des  Predigers 
Langer  und  der  klugen,  sicheren  Haltung  des  Rates  Park  zurück. 

Die  Kenntnis  der  Städteaufstände  zu  Beginn  des  XVL  Jahrhunderts» 
namentlich  im  unruhigen  Jahre  15 13,  ist  durch  eine  neuere  Untersuchung 
bereichert  worden  *).  Das  niederrheinische  Gebiet  erscheint  als  besonders 
gefährlicher  Aufruhrherd.  Zu  den  Bewegungen  in  Köhi,  Aachen,  Neufs, 
Andernach,  Lüttich  kommen  die  Aufstände  in  Duisburg,  Ahnveiler  und 
Linnich,  alle  drei  im  Jahre  15 13.  In  Duisburg  hat  die  Zurückweisung 
der  Gemeindevertreter,  der  sogenannten  Sechzehner,  Anlafs  zum  Aufstand 
gegeben,  durch  den  der  Rat  genötigt  wurde,  die  Forderungen  der  Gemeinde 
zu  erfüllen.  Über  die  Unruhen  in  Ahrweiler  und  Linnich  liefs  sich  Genaueres 
nicht  ermitteln.  Doch  dürfte  auch  hier  —  so  wie  in  Köln  u.  a.  O.  —  die 
Unzufriedenheit  der  Gemeinden  mit  der  Finanzgebarung  des  Rates  das  vor- 
nehmste Motiv  des  Aufstandes  gebildet  haben.  Auch  in  diesen  Städten  ist 
für  den  Ausgang  der  Bewegung  entscheidend  die  Einmischung  der  Landes- 
herren oder  der  benachbarten  Fürsten.  In  Andernach  und  Neufs  tritt  der 
Kölner  Erzbischof  Philipp  von  Heinsberg  als  Schiedsrichter  auf  und  befriedigt 
die  Wünsche  dtv  Bürger.  Die  Unruhen  in  Duisburg  erwecken  das  lebhafte 
Mifsfallen  des  Herzogs  von  Cleve.  Und  in  Aachen  wird  —  wie  neuerdings  klar- 
gestellt *)  —  durch  die  zähe  Politik  Herzog  Johanns  von  Jülich  nach  langwierigen 
Verhandlungen  die  Versöhnung  der  Zünfte  mit  der  Partei  des  alten  Rats 
herbeigeführt. 

Zum  Schlufs  noch  ein  Wort  an  meine  Kritiker!  Ich  habe  in  meinen 
„Politischen  und  sozialen  Bewegungen"  einen  Ausgleich  gesucht  zwischen 
den  widersprechenden  Ansichten  von  Lamprecht  und  Lenz  über  den  Charakter 
der  städtischen  Revolutionen    des   XV.  und  XVI.  Jahrhunderts    und   bin   zu 


1)  Redlich,    Herzog  Johann    von  Jülich    und  der  Aachefter   Aujstand  von    1513 
in  der  Zeitschrift  des  Aachener  Geschichtsvercins  Bd.  XXIII  (1901). 

2)  a.   a.  O. 


—     29     — 

dem  Ergebnis  gelangt,  dafs  die  Bewegung  nicht  einseitig  proletarisch- 
soziaKstbcher  Natur  sei,  dafs  sie  aber  ebensowenig  ausschliefslich  vom  Hand- 
werkerstände getragen  werde  und  nur  dessen  Interessen  dienstbar  sei  (vgl. 
S.  258/9).  Nun  behaupten  Stolze  und  v.  Below  *),  der  von  mir  angenom- 
mene Gegensatz  der  Ansichten  von  Lamprecht  und  Lenz  sei  nicht  vorhanden. 
Lenz  leugne  durchaus  nicht  die  Beteiligung  der  unteren  Schichten,  sondern 
behaupte  nur  gegen  Lamprecht,  dafs  die  Handwerker  die  „Träger  der  re- 
vohitionären  Forderungen"  gewesen  seien,  also  der  Bewegung  den  Stempel 
ihres  Geistes  aufgedrückt  hätten.  Nun  aber  sagt  Lenz  ausdrücklich:  „Nur 
ganz  verschwindend,  inuner  im  Anschlufs  an  sie  (die  Gewerke)  treten  hier 
und  da,  z.  B.  in  Frankfurt,  unzünftige  Elemente  auf,  die  dann  aber  auch 
keineswegs  verkonmiene  Proletarier  zu  sein  brauchen."  Und  an  einer  an- 
deren Stelle  erklärt  er,  dafs  in  den  städtischen  Revolten  der  Reformations- 
epoche „auch  nicht  die  leiseste  Spur  von  taboritischen  und  sozialistischen 
Forderungen  zu  finden  sei"  *).  Der  von  mir  angenommene  Meinungsgegen- 
satz besteht  also,  glaube  ich,  doch. 

Stolze  und  v.  Below  sind  mit  Lenz  der  Ansicht,  dafs  in  diesen  städti- 
schen Bewegungen  von  sozialistischem  Gehalt  wem'g  zu  spüren  sei.  v.  Below 
macht  mir  auch  die  Anwendung  des  Wortes  „sozialistisch"  zum  Vorwurf*). 
Das  Wort  ist  vielleicht  nicht  glücklich  gewählt  und  wäre  durch  „radikal" 
oder  „konununistisch"  zu  ersetzen.  Ich  glaube  aber  in  meinem  Buche  nach- 
gewiesen zu  haben,  dafs  Tendenzen  solcher  Art  seit  Ausgang  des  XV.  Jahr- 
hunderts und  besonders  in  der  Zeit  des  Bauernkrieges  in  zahlreichen  Städten 
der  verschiedensten  Gegenden  des  Reiches  aufgetreten  sind,  wenngleich  sie 
freilich  nicht  immer  in  so  präzise  formulierten  Programmen  vorliegen,  wie  die 
Forderungen  der  Handwerker  *).  Ohne  Zweifel  würden  ohne  das  Entgegen- 
kommen der  Räte  gegenüber  den  gemäfsigten  Trägem  der  Bewegung  und 
ohne  den  unglücklichen  Verlauf  des  Bauernkrieges  diese  radikalen  Ten- 
denzen noch  an  Ausdehnung  gewonnen  haben  und  noch  deutlicher  an 
die  Oberfläche  getreten  sein.  Aber  vorhanden  waren  sie  in  weitem  Umfange 
imd  in  nicht  zu  unterschätzender  Stärke,  sie  bereiteten  der  Obrigkeit  schwere 
Sorge,  und  es  geht  nicht  an,  ihre  Bedeutung  herabzusetzen  oder  gar  ihr  Dasein 
eiD^h  abzuleugnen,  diesen  Zug  aus  dem  Charakterbild  der  Bewegung  zu  tilgen. 

Diese  radikale  Strömung  aber  läfst  doch  auch  schliefsen  auf  das  Vor- 
handensein zahlreicher  besitzloser  oder  besitzarmer  Elemente  in  den  Städten, 
zwingt  uns  zur  Annahme  eines  städtischen  Proletariats,  das  v.  Below  zu 
leugnen  scheint  Gerne  freilich  gebe  ich  zu,  dafs  Verbreitung  und  Zusammen- 
setzui^  dieses  Proletariats  noch  eingehender  Untersuchung  bedürfen.  Die 
Städteaufistände  im  Zeitalter  der  Reformation  sind  nicht,  wie  die  Zunfticämpfe 
der  früheren  Zeit,  nur  eine  Mittelstandsbewegung,  die  sich  mit  politischen 
Reformen  begnügt,  sondern  sie  erstreben  —  zum  Teil  unter  Einflufs  der  religiösen 


1)  W.  Stolze,  Zur  Vorschickte  d^s  Bauernkrieges  in  Schmollers  Staats-  und 
»ozialirisseiuchafUichen  Forschnngen  Bd.  XVIII,  Heft  4,  S.  43 3,  v.  Below,  Historische 
Zeitsdmft,  N.  F.  53,  S.  looff. 

2)  H.  Z.,  N.  F.,  Bd.  XLI,  S.  397—399. 

3)  Stolze  in  „Mühlhänser  Geschichtsblättem "  I,  105;  v.  Below  a.  a.  O.  S.   10 1. 

4)  S.  mein  Bnch  S.  2r8ff.  Die  Wncht  der  radikalen  Bewegung  zeigt  sich  übrigens 
fast  noch  stärker  in  den  Aufständen  am  Ausgang  des  XV.  Jahrhunderts,  s.  S.  23 — 33. 


—     30     — 

Ideeen  —  in  ihrer  extremen  Richtung,  meist  in  den  rohesten  Formen,  den 
Umsturz  der  ganzen  sozialen  Ordnung.  Das  kommunistische  Wiedertäufer- 
reich in  Münster  bezeichnet  den  Höhepunkt  dieser  Entwickelung. 

Kurt  Käser  (Wien). 
Yerzeichnis  der  Stttdte,  tvo  toh  ea.  1400—1535  Unruhen  stattsrefunden  haben : 

Aachen  1450,  1477 1  ^$3^-  Admont  (Steiermark)  1525.  Ahrweiler  (Rheinprovinz) 
1513.  Alkmaar  (Niederlande)  1492.  Ammerschweier  (Elsafs)  1525.  Andernach  151 1. 
Annaberg  1525.     Aschaffenbarg  1525.     Aagsbnrg  1491,  1524,   1525. 

Bamberg  1525.  Basel  ca  1521— 1525.  Bergheim  (Elsafs)  1525.  Berlin  1400  bis 
1451.  Biberach  1525.  Boppard  1525.  Botwar  (Württemberg)  1525.  Brackenheim 
(Württemberg)  1525.  Braunschweig  1445,  1488,  15 13.  Bremen  1531.  Breslau  141 8. 
Brixen   1525.     Bruchsal  1525.     Brück  (Steiermark)  1525. 

Chemnitz  15 10  und   15 12  (Aufstand  gegen  die  Geistlichkeit)  *)  1525. 

Danzig  1525.  Dettelbach  (Ostfranken)  1525.  Deventer  151 2,  151 3.  Dinkelsbühl 
1525.     Dortmund   1525      Dresden   1520.     Duisburg   15 13. 

Ebelsberg  (Oberösterreich)  1525.  Ebern  (Ostfranken)  1525.  Eichstädt  1525.  Eisen- 
erz (Steiermark)  1525.  EUwangen  1525.  Elsafs-Zabem  1525.  Erfurt  1509  und  1525. 
Essen   1531  ff. 

Forchheim  1524.  Frankenhausen  1525.  Frankfurt  a.  M.  1525.  Frankfurt  a.  O.  1420, 
1425.     Freiburg  i.  B.  1525.     Fulda  1525. 

Gebweiler  (Ober -  Elsafs)  1525.  Gmünd  (Württemberg)  1525.  Görlitz  1525.  Göt- 
tingen  15 13.     Gotha  1524.     Graz  1525.     Günzburg  1525. 

Haarlem  1492.  Hall  (Württemberg)  151 1.  HaUe  1474.  Hamburg  1410,  14S3. 
Hannover  1531.     Heilbronn   1525.     Hersfeld   iS^S-     Höxter  1514. 

Joachimsthal   1525. 

Kaiserbberg  (Elsafs)  1525.  Kamenz  1508 — 151 1.  Kaufbeuren  1525.  Kiensheira 
(Elsafs)  1525.  Kitzingen  1525.  Köln  1482,  1513,  1525.  Kolmar  1525.  Konstanz 
1429,   15  IG. 

Langensalza  1525.  Leipheim  (Bayern)  1525.  Leipzig  1492  und  1514.  Leoben 
(Steiermark)  1525.  Limburg  1525.  Linnich  (Rheinprovinz)  15 13.  Lippstadt  1525. 
Lübeck  1513,   1529  ff.     Lüttich   1513. 

Magdeburg  1524,  1525.  Mainz  141 1 — 1444.  Markgröningen  (Württemberg)  1525. 
Marktbibart  (Ostfranken)  1525.  Meiningen  1525.  Memmingen  1525.  Mergentheim  1525. 
Minden  1525.  Mülhausen  i.  E.  1525.  Mühlhausen  i.  Th.  1525.  Münster  (Westfalen) 
1525.     Murau  (Steiermark)   1525. 

Naumburg  a.  S.  1460,  1470,  1525.  Neumarkt  (Steiermark)  1525.  Neufs  15 13. 
Nördlingen  1525.     Nordhausen   15 12,  1525.     Nürnberg  152$. 

Oberehenheim  (Elsafs)  1525.  Oberwelz  (Kärnten)  1525.  Ochsenfurt  (Unterfranken) 
1525.     Öhringen   1525.     Öttingen   1525.     Osnabrück  1488,  1525. 

Paderborn  1525.  Pirna  (Sachsen)  15 12,  15 19.  Pöfsneck  1525  *).  Prenzlau  (Bran- 
denburg)  1426. 

RappoltSN^^eiler  (Elsafs)  1525.  Regensburg  15 12  und  1513,  1525.  Reichenweiher 
Elsafs)  1525.     Rostock  1487  — 149 1.     Rothenburg  a.  T.  1525. 

Salzburg  1522,  1525.  Salzwedel  1429.  Sangershausen  1525.  Schladming  (Steier- 
mark) 1525.  Schlettstadt  1510,  1525.  Schmalkalden  1525.  Schneeberg  1524.  Schweid- 
nitz  1520.  Schwein  fürt  1513,  1525.  Soest  1525.  Speyer  1512,  1525.  Stadtschwarzach 
(Franken)  1525.  Suufen  (Breisgau)  1525.  Stendal  1429,  1488,  1530.  Stralsund  1532 
bis   1537.     Stuttgart  1525.     Sulz  (Elsafs)   1525. 

Treuenbrietzen  (Brandenburg)   1420.     Trient  1525.     Trier  1525. 

Ulm  15 12,   1525.     Utrecht  1525. 

Wassertrüdingen  (Bayern)  1525.  Weinsberg  1525.  Weifsenburg  i.  E.  152$.  Wimpfen 
1525.     Windsheim   1525.     Worms  1513,   1525. 

Zwickau  Anfang  des  XVI.  Jahrhunderts  und   1525. 

1)  C.  W.Zöllner,  Geschichte  der  Fabrik-  und  Handelsstadt  Chemnitz  {\%%o\  S.  165. 

2)  Kurfürst  Johann  zu  Sachsen  bestätigt  6.  Januar  1527  der  Stadt  Pöfsneck  ihre 
Rechte  und  Privilegien,  deren  sie  sich  durch  die  Teilnahme  am  Bauemanfruhr  verlustig 
gemacht  hatte.  S.  Joh.  Ad.  v.  Schultes,  Diplomatische  Geschichte  des  Fürstentums 
Sachsen-Coburg-Saal/eld.     Urkundenbuch  zum  I.  Bd.  (1820),  S.  112,  Nr.  CXI. 


—     31     — 

Billgegangene  Bficher. 

Krones,  Fr.  v.:  Styriaca  und  Verwandtes  im  Landespräsidialarchiv  und 
in  der  k.  k.  Studienbibliothek  zu  Salzburg  [=  Veröfifentlichungen  der 
Historischen  Landes  -  Kommission  für  Steiermark  XIV].  Graz  1901, 
63  S.  8«. 

Tclting,  A. :  Verslag  omtrent  de  oude  archieven  van  Suriname  en  Cura- 
re, uitgebracht  aan  den  minister  van  kolonien  [==  overdruk  uit  de 
„Verslagen  omtrent  's  Rijks  oude  archieven  1900"].     44  S.  8**. 

Derselbe:  Bronnen  voor   de  geschiedenis   van   de  Nederlandsche  Antillen 
in  het  Rijks-archief  te  's  Gravenhage,  Amsterdam,  J.  H.  de  Bussy,   1901. 
18  S.  8**. 

Tille,  Annin :  Zum  Zülpicher  Stadtrecht  [=  Annalen  des  Historischen  Vereins 
für  den  Niederrhein,  73.  Heft  (1902),  S.   i — 24]. 

Duncker,  Ludwig:  Fürst  Rudolf  der  Tapfere  von  Anhalt  und  der  Krieg 
gegen  Herzog  Karl  von  Geldern  (1507  — 1508)  [=  Mitteilungen  des  Ver- 
eins für  Anhaltische  Geschichte  und  Altertumskunde  IX.  Bd.  (1901}, 
S.  97—182]. 

Faulhaber,  Carl:  Über  Handel  und  Gewerbe  der  beiden  Städte  Branden- 
burg im  XIV.  und  XV.  Jahrhundert  [=  3 2./ 3 3,  Jahresbericht  des 
Historischen  Vereins  zu  Brandenburg  a.  d.  H.  (1901),  S.  5 — 62 j. 

Geschichtsblätter  für  Waldeck  und  Pyrmont,  herausgegeben  vom 
Geschichtsverein  für  Waldeck  und  Pyrmont,  i.  Band.  Mengeringhausen, 
Weigel,   1901.     145  S.  8^ 

Kogler,    Ferdinand:   Das   landesfürstliche   Steuerwesen   in   Tirol   bis    zum 
Ausgange  des  Mittelalters.     I.  Teil:   Die   ordentlichen   landesfürstlichen 
Steuern.     Wien,  Karl  Gerolds  Sohn,   1901.     294  S.  8^. 
Lindner,  Theodor:  Wel^eschichte  seit  der  Völkerwanderung.    Erster  Band: 
Der  Ursprung  der  byzantinischen,  islamischen,  abendländisch-christlichen, 
chinesischen  und  indischen  Kultur.    Stuttgart  und  Berlin,  J.  G.  Cottasche 
Buchhandlung,   1901.     479  S.  8*^.     M.  5,50. 
Merz,  Walther:  Die  Rechtsquellen  des  Kantons  Argau.    Erster  Teil:  Stadt- 
rechte.    ErsterBand:  Das  Stadtrecht  von  Arau.    Arau,  H.  R.  Sauer- 
länder &  Co.,   1898.  558  S.  8^    M.   12.    Zweiter  Band:  Die  Stadt- 
rechte  von  Baden   und  Brugg    (gemeinsam   mit   Friedrich   Emil  Welti). 
Ebenda,   1900.     449  und  346  S.  8^ 
Meyer,  Eduard:  Geschichte  des  Altertums.     Vierter  Band:  Das  Perserreich 
und  die  Griechen.     Drittes  Buch:  Athen  446 — 404  v.  Chr.     Stuttgart 
und  Berlin,  J.  G    Cottasche  Buchhandlung,  1901.     666  S.  8^    M.  12. 
^tteilungen   des  Historischen  Vereins   für  Donauwörth   und 
Umgegend,    i.  Jahrgang.    Donauwörth,  Ludwig  Auer,  1902.  66  S.  8^. 
Müller,    Eugen:    Der    echte    Hiob.      Hannover,    Fr.    Rehtmeyer,     1902. 

40  S.  8«^. 
Raab,  C.  von:  Die  von  Kaufiungen,  eine  historisch  -  genealogische  Studie 
[=  70.  und  71.  Jahresbericht  des  Vogtländischen  Altertumsforschenden 
Vereins  in  Hoheoleuben  (1901),  S.  i — 75]. 
Schabart,  F.  W. :  Der  Hesicusstein  an  der  SchloOskirche  zu  Ballenstedt 
[=  Mitteilungen  des  Vereins  für  Anhaltische  Geschichte  und  Altertums- 
kunde, 9.  Bd.   (1901),  S.  42 — 48]. 


—     32      — 

Schuster,  Richard :  Zum  heutigen  Stande  unserer  landeskundlichen  Kennt- 
nisse, Vortrag  gehalten  am  lo.  Januar  1901  in  der  Gesellschaft  für 
Salzburger  Landeskunde.     Salzburg,  1901.     12  S.  8®. 

Sello,  Georg:  Der  Roland  zu  Bremen.  Bremen,  Max  Nöfsler,  1901. 
69  S.  8^. 

Suhle:  Der  Einflufe  des  Reformationswerkes  in  Anhalt  auf  den  Besuch  der 
Universität  Wittenberg  [=  Mitteilungen  des  Vereins  für  Anhaltische 
Geschichte  und  Altertumskuode,  9.  Bd.  (1902),  S.  218 — 229]. 

Thalhofer,  Frz.  Xav. :  Donauwörths  Volksschulwesen  bis  zum  Ende  des 
18.  Jahrhunderts  [=  Mitteilungen  des  Historischen  Vereins  für  Donau- 
wörth und  Umgegend,   i.  Jahrg.  (1902),  S.  3 — 53]. 

Schöttle:  Das  Postwesen  in  Oberschwaben  bis  zum  Jahr  1806  [=  Sonder- 
abdruck aus  „Post  und  Telegraphie  im  Königreich  Württemberg,  Denk- 
schrift aus  Anlafs  des  Ablaufs  der  50  jährigen  Verwaltung  durch  den 
Staat".     Stuttgart,   1901.     S.   71—83]. 

Voretzch,  Max:  Altenburg  zur  Zeit  des  Kaisers  Friedrich  Barbarossa 
=  Beilage  zum  Programm  des  Herzogl.  Realprogymnasiums  zu  Alten- 
)urg  i.  S.-A.,  Ostern  1891].     27   S.  4®. 

Voretzch,  Max:  Die  Beziehungen  des  Kurfürsten  Ernst  imd  des  Herzogs 
Albrecht  von  Sachsen  zur  Stadt  Altenburg,  ein  Gedenkblatt  nach  vier 
Jahrhunderten.     Altenburg  i.  S.-A.,  Stephan  Geibel  &  Co.,   1900.  8®. 

Adler,  Sigmund:  Zur  Rechtsgeschichte  des  adeligen  Grundbesitzes  in 
Österreich.    Leipzig,  Duncker  &  Humblot  1902.     167  S.  8®.    M.  4,40. 

Anzeiger  des  Germanischen  Nationalmuseums.  Jahrgang  1902. 
Heft  I  (Januar  bis  März).     8». 

Dorr,  Robert:  Die  Gräberfelder  auf  dem  Silberberge  bei  Lenzen  und  bei 
Serpin,  Kreis  Elbmg,  aus  dem  V. — VIL  Jahrhundert  nach  Christi  Geburt. 
[=  Festschrift  der  Elbinger  Altertumsgesellschaft  zur  Feier  ihres  fünf- 
undzwanzigjährigen Bestehens].     Elbing,  C.  Meifsner,   1898.    29  S.  4^. 

Derselbe:  Die  Elbmger  Altertumsgesellschaft  1873 — 1898.     48  S.  8<>. 

G  a  d  e ,  H. :  Historisch-geographisch-statistische  Beschreibung  der  Grafschaften 
Hoya  und  Diepholz  mit  den  Ansichten  der  sämtlichen  Kirchen  und 
Kapellen  beider  Grafschaften.  Hannover,  M.  &  H.  Schaper,  1901. 
I.   Bd.:  600  S.  80.     2.  Bd:  660  S.  8«.     M.   12. 

Götze,  A. :  Die  Steinsburg  auf  dem  Kleinen  Gleichberge  bei  Römhild, 
eine  vorgeschichtliche  Festung  [=  Neue  Beiträge  zur  Geschichte  deutschen 
Altertums,  herausgegeben  von  dem  Hennebergischen  Altertumsforschenden 
Verein  in  Meiningen,  16.  Lieferung].  Meiningen,  Brückner  &  Renner, 
1902. 

Gradmann,  Robert:  Der  Dinkel  und  die  Alamannen  [=  Württembergische 
Jahrbücher  für  Statistik  und  Landeskunde,  herausgegeben  vom  K.  Württ. 
Statistischen  Landesamt,  Jahrgang  1901,  S.  103  —  158].  Stuttgart,  Kohl- 
hammer,  1902.     40. 

Haebler,  K. :  Le  soi-disant  Cisianus  de  1443  et  les  dsianus  allemands 
[=  Le  Bibliographe  moderne,  sixi^me  ann^e  (1902).     S.   i — 40]. 

Hausmann,  R.:  Livländische  archäologische  Funde  in  der  Feme  [=  Sitzungs- 
berichte der  Gesellschaft  für  Geschichte  und  Altertumskunde  der  Ostsee- 
provinzen Rufslands  aus  dem  Jahre  1901,  S.   125 — 145]. 

Herausgeber  Dr.  Annin  Tille  in  Leipzif.  —  Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Ceschichtsblätter 

Monatsschrift 


lur 


Forderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

IV.  Band  November  1902  2.  Heft 


Zur  Geschichte   der  landesgeschichtlichen 

Forschung  in  Ltothringen 

Von 
Ernst  Müsebeck  (Metz)  ^). 

Jeder,  der  sich  mit  der  territorialen  Geschichte  Lothringens  be- 
schäftigen will,  sieht  sich  noch  jetzt,  solange  nicht  die  Urkunden 
oder  ausführliche  Regesten  zur  Entwickelung  der  einzelnen  Bestand- 
teile oder  Institutionen  des  Landes  vorliegen,  auf  die  vornehmsten 
Zeugen  lothringischer  Landesgeschichtschreibung  im  XVII.  und 
XVni.  Jahrhundert  angewiesen:  auf  Meurisse,  Calmet  und  die  Bene- 
diktiner Frangois  imd  Tabouillot  *).  Abgesehen  von  den  zahlreichen, 
seitdem  nicht  wieder  veröffentlichten  Urkunden  besitzen  sie  einen 
dauernden  Wert  als  Quelle:  sie  geben  eine  grofse  Anzahl  von  Über- 
resten jeder  Art  historischer  Tatsachen  oder  Zustände  wieder,  die 
seitdem  verloren  gegangen  sind,  und  berichten  über  sie.  Je  nachdem 
die  Verfasser  sich  den  Vorwurf  zu  ihrer  Arbeit  gewählt  haben,  tritt 
die  Darstellung  der  Geschichte  des  Bistums  Metz,  des  Herzogtums 
Lothringen  oder  der  Stadt  Metz  mit  den  zahlreichen  geistlichen  Stif- 
tungen in  den  Vordergrund  ihrer  Erzählung  und  ihrer  Quellensamm- 
lungen. Am  umfassendsten  gedachte  Dom  Calmet  seine  Aufgabe  zu 
lösen;  allein  was  seine  Arbeit  an  Ausdehnung  auf  die  einzelnen  poli- 
tischen Gebilde  gewann,  verlor  sie  an  Einheitlichkeit  der  Auffassung 

i)  Vgl.  über  die  periodische  Literatur  Lothringens  diese  Zeitschrift  Bd.  III, 
S.  121  ff.     Eingehender  konnte  hier  nur  die  Literatur  seit    1870  berücksichtigt  werden. 

2)  Meurisse,  Histoire  des  evesques  de  Ve'glise  de  Metz,  Metz  1634.  Dom 
Calmet,  Histoire  eccUsiasttque  et  civile  de  Lorraine,  3  Bde.,  Nancy  1728;  2.  Aufl. 
unter  dem  Titel  Histoire  de  Lorraine^  Nancy  1745  ff.;  sie  wurde  im  Auftrage  des  Herzogs 
Leopold  unternommen.  Histoire  de  Metz  par  des  religieux  ben^dtctins  de  la  congr^' 
gstion  de  St,'Vanne,  Metz  1769/ 1790.  Die  Geschichte  der  Stadt  ist  bis  zum  Jahre 
1733  geführt,  dem  Todesjahr  des  Bischofs  Coislin.  Die  3  letzten  Bände  enthalten  die 
im  3.  Bande  begonnenen  preuves  —  im  ganzen  2722  Quartseiten  —  bis  zum  Jahre 
1545.  —  Fär  die  Geographie  des  Landes  ist  noch  zu  erwähnen:  Durival  rain6, 
Description  de  la  Lorraine  et  du  BarroiSy  Nancy  1778/83,  3  Bde.  und  i  Ergänzungsband. 

3 


—     34     — 

und  Durchführung,  so  dafe  sie  an  historiographischem  Wert  hinter  der 
Geschichte  der  Stadt  Metz  zurücksteht. 

Im  Jahre  1790  erschien  der  sechste  Band  der  Histoire  de  Metz; 
1793  erfolgte  die  Auflösung  der  Acaddmie  royale  de  Metz.  Damit 
hatte  auch  die  territoriale  Geschichtschreibung  in  Lothringen  vor- 
läufig em  Ende  erreicht.  Die  Zeiten  der  Revolution,  des  Kaiserreichs 
und  der  Restauration  mit  ihren  auf  das  allgememe  gerichteten  Ten- 
denzen waren  nicht  im  stände,  der  landesgeschichtlichen  Forschimg 
die  Anregung  zu  geben,  die  von  dem  katholischen  Klerus  des  XVIII. 
Jahrhunderts  ausgegangen  war  und  der  wir  jene  Arbeiten  verdanken. 
Der  Gedanke  der  Zentralisation  hatte  die  Bevölkerung  zu  sehr  durch- 
drungen, als  dafe  in  ihr  noch  der  Wert  und  die  Bedeutung  der  histo- 
rischen Teile  des  Landes  erkannt  worden  wäre.  Erst  in  den  vierziger 
Jahren  regte  sich  in  den  Provinzen  der  Widerwille  gegen  diese  uni- 
forme Gestaltung,  die  keine  Rücksicht  auf  die  individuellen  Eigen- 
heiten der  Teile  nahm.  Damit  war  ein  Anstofs  zur  territorialen  Ge- 
schichtschreibung gegeben,  mochte  ihre  Bedeutung  zunächst  auch 
nur  in  ihrem  Verhältnis  zur  allgemeinen  Landesgeschichte  erkannt 
werden  *).  In  dieser  Einschränkung  liegt  zugleich  der  stark  subjektive 
Charakter  begründet,  der  allen  folgenden  zusammenfassenden  Dar- 
stellungen von  französischer  Seite  eigen  ist;  in  ihnen  tritt  mehr  oder 
weniger  der  französisch-nationale  Standpunkt  als  das  allein  berechtigte 
Prinzip  für  die  Darstellung  der  lothringischen  Landesgeschichte  hervor. 

So  konnte  Aug.  Digot  nach  der  Begründung  der  Socidte  d'ar- 
cheologie  lorraine  zu  Nancy  und  bei  dem  Interesse,  das  die  histo- 
rischen Studien  im  Gebiete  des  ehemaligen  Lothringen  fanden,  es 
unternehmen,  eine  umfassende  Geschichte  des  Landes  zu  veröffent- 
lichen *).  Seine  Arbeit  erlangte  für  die  folgenden  Jahrzehnte  die 
gleiche  Bedeutung  wie  die  Calmets  für  das  XVIII.  Jahrhundert.  Dessen 
weitläufige  Anlage  teilte  es  nicht;  die  Geschichte  der  Bistümer  blieb 
ganz  unberücksichtigt,  die  von  Bar  wurde  nur  in  ihren  ersten  Anfangen 
berührt.  Die  Entwickelung  des  Herzogtums  Lothringen  findet  in  aus- 
führlichster Weise  ihre  Darstellung,  so  dafe  die  Fülle  der  Einzelheiten 
oft  die  Erkenntnis  des  Zusammenhanges  vermissen  läfst.  Auf  ihn 
gehen  alle  folgenden  französischen  und  deutschen  Darstellungen  bis 
auf  Derichsweiler  zurück  ^). 

• 

i)  Vitct    bei    der   Anzeige   von   Haussonvilles   unten   angeführtem   Werk:   L'historte 
provinciale  bün  comprise  doit  servir  de  contröU  ei  de  preuve  ä  l'historte  genirale, 

2)  Aug.  Digot,  Histoire  de  Lorraine^  Nancy  1856,  6  Bde.,  bis   1766. 

3)  Es   seien   von   französischen  DarsteUtingen  nur  erwähnt:  Victor   de  Henrion^ 


—     35     — 

Mit  dem  Anspruch  eine  Geschichte  des  Landes  Lothringen  zu 
geben,  tritt  J.  B.  Ravold  auf  den  Plan*).  Cette  histoire  (de  l'an- 
cienne  LorraineJ  tCa  ^t^  jtisqu'ä  präsent  qu'artstocrattque  et  reit- 
gieuse,  si  je  puis  m'exprtmer  ainsi;  fai  pe?tsä  qu'il  serait  bon  de 
la  rendre  populatre,  c'est  ä  dire  de  faire  mar  eher  de  front  V  histoire 
de  la  nation  et  celle  des  princes,  qui  Vont  gouvernäe.  Von  einer 
Verwirklichung  dieser  Absicht  bleibt  seine  Arbeit  weit  entfernt.  Sie 
besteht  gröfstenteils  in  der  Aneinanderreihung-  von  Auszügen  anderer 
Werke,  besonders  von  Lepage,  B^in  und  Calmet,  die  durch  seine 
doktrinäre  politische  Anschauung  eines  ultraliberalen  Franzosen  zu- 
sammengehalten werden.  In  seiner  Einteilung  bringt  er  es  fertig,  auch 
die  Geschichte  der  Bistümer  den  Regierungszeiten  der  Herzöge  ein- 
zugliedern. Von  der  Auffassung  der  Geschichte  als  einer  Entwicke- 
lung  zeigt  sich  keine  Andeutung. 

Die  beste  Einleitung  in  die  politische  Geschichte  des  Herzogtums 
Lx}thringen  bildet  die  kleine,  unter  dem  anspruchslosen  Titel  Räcits 
lorrains  auftretende  Geschichte  Lothringens  und  Bars  von  dem  ehe- 
maligen recteur  de  Tacadimie  de  Nancy,  E.  Mourin,  durch  dessen 
Bemühungen  eine  Annäherung  der  Fakultäten  daselbst  zu  stände  kam. 
Freilich  beschränkt  sie  sich  vollkommen  auf  die  politische  Geschichte 
im  engsten  Sinne  *),  und  will  nur  ein  Bild  der  Vorgänge  geben,  unter  denen 
sich  der  allmähliche  Anfall  des  Landes  an  Frankreich  vollzogen  hat. 

Von  deutscher  Seite  war  bis  vor  kurzem  noch  keine  Arbeit  vor- 
handen, die  die  allgemeine  Geschichte  Lothringens  in  ihrem  Gesamt- 
iim£ang  in  originaler  Weise  dargestellt  hätte;  denn  Huhn  und  West- 
phal  begnügten  sich  damit,  die  erschienenen  französischen  Hauptwerke 
mit  einem  deutsch-patriotischen  Firnis  zu  überziehen  ^).  Erst  Derichs- 
wcüer  hat  diese  Aufjgabe  zu  lösen  versucht  *).    Eine  andere  Frage  ist 

Wxtoire  populatre  de  la  Lorraine  d/dt/e  ä  la  France,  Paris  1880,  nnd  vorher:  Victor 
deSaintManris,  £iudes  historiques  sur  Vancienne  Lorraine,  2  Bde.,  Nancy  1861.  — 
Zwttcfaea  Calmet  nnd  Digot  fällt  E.  A.  6  6giD,  Histoire  des  duchds  de  Lorraine  ei  de 
Bor  et  des  trois  evichis,  Nancy -Paris   1833. 

i)  J.  B.  Ravold,  Histoire  democratique  et  anecdotique  des  pays  de  Lorraine ,  de 
Bar  et  des  Trois-Ev^ches  depuis  les  temps  plus  recul/s  jusqu'ä  la  r Evolution  fr ancaue, 
4  Bde^  Paris -Nancy  1889/90. 

2)  Ernest  Moarin,  R/cits  lorrains.  Histoire  des  ducs  de  Lorraine  et  de  Bar, 
Pkris- Nancy  1895.  Von  kulturgeschichtlicher  Entwickelang  handelt  nur  Kapitel  II:  la 
conuDsne  en  Lorraine:  la  loi  de  Beaamont  (17  Seiten!). 

3)  H.  Th.  Huhn,  Geschichte  Lothringens,  2  Bde.,  Berlin  1877/78  und  Wcst- 
phal,  GeuhichU  der  Stadt  Metz,  3  Bde.,  Metz  1875/78. 

4)  H.  Derichswciler,  Geschichte  Lothringens,  2  Bde.,  Wiesbaden  1901 ;  vgl. 
<lie  nähere  Begrfindang  meines  Urteils  in  der  Historischen  Vierteljahrschrift  Jahrgang  1903. 

8* 


—     36      — 

es  jedoch,  ob  diese  seine  originale  Lösung*  eine  objektiv  richtige  Ant- 
wort gibt.  Von  einer  Geschichte  des  Landes  Lothringen  kann  auch 
hier  nicht  die  Rede  sein.  Der  Verfasser  gibt  im  wesentlichen  eine 
Geschichte  des  Herzogtums  Lothringen.  Der  Darstellung  der  zustand- 
liehen  Entwickelungsreihen  sowie  der  Geschichte  der  Bistümer,  der 
Stadt  Metz,  der  grofeen  Abteien  und  der  kleinen  Territorien  in  ihrer 
Eigenartigkeit  und  in  ihrer  Wirksamkeit  auf  die  Geschicke  des 
ganzen  Landes,  besonders  im  Mittelalter,  kommt  nicht  die  selbständig'e 
Bedeutung  zu,  die  ihr  gebührt.  Freilich  darf  nicht  aufser  acht  ge- 
lassen werden,  dafs  es  zu  ihrer  Feststellung  noch  weitgehender  Einzel- 
untersuchungen bedarf.  Die  Darstellung  der  politischen  Geschichte 
in  der  Neuzeit  leidet  aufserdem  stark  unter  der  verständnislosen  Ver- 
urteilung der  Reformation  und  ihrer  Folgen,  sowie  der  idealen  aber 
stark  subjektiven  Vorliebe  des  Verfassers  für  die  kaiserlich  habs- 
burgische  Politik  in  ihrer  angeblichen  nationalen  Selbstlosigkeit.  Trotz 
dieser  Mängel  bildet  die  Arbeit  Dericbsweilers  einen  bedeutenden 
Fortschritt  in  der  Historiographie  Lothringens,  weil  sie  zum  ersten  Male 
versucht,  die  Geschichte  des  Herzogtums  aufser  in  ihrer  eingehenden 
landesgeschichtlichen  Würdigung  in  ihrer  universalen  Bedeutung  zu 
erfassen  und  die  Bevölkerung  als  Nation  zu  verstehen.  Sie  wird  stets 
ihren  selbständigen  Platz  in  der  Geschichtsschreibung  Lothringens  be- 
haupten, auch  wenn  die  Bedeutung  des  Herzogtums  gegenüber  den 
Bistümern  und  der  Stadt  Metz  nach  weiteren  Forschungen  in  manchen 
Linien  für  die  allgemeine  Entwickelung  des  Landes  zurücktreten  wird. 
Nach  dem  Friedensschlüsse  von  1871  brachte  die  deutsche  Re- 
gierung von  Anfang  an  der  Erforschung  der  Vergangenheit  der  beiden 
Länder  grofees  Verständnis  entgegen.  Ihrer  Initiative  verdanken  sie 
es,  dafs  beide,  Elsafs  und  Lothringen,  auf  dem  Gebiete  der  Altertums- 
kunde eine  Beschreibung  ihrer  Denkmäler  besitzen,  die  in  einzelnen 
Stücken  berichtigt  werden  mag,  als  Ganzes  aber  ein  monumentales 
Denkmal  deutschen  wissenschaftlichen  Fleifses  bezeichnet.  Bereits  1873 
wurde  F.  X.  Kraus  von  dem  damaligen  Oberpräsidenten  v.  Möller 
damit  beauftragt,  ein  Inventar  der  Kunstdenkmäler  anzulegen  und  da- 
mit für  die  Altertumskunde  des  Landes  eine  dauernde  Grundlage  zu 
schaffen.     Unter    vielseitiger  Beihilfe   im   Lande  wurde   das  Werk  in 

jahrzehntelanger  Arbeit    vollendet  *).      Nicht    minder    wichtig   für  die 

i)  Fr.  X.  Kraus,  Kunst  und  Altertum  in  Elsa/s  -  Lothringen  ^  Bd.  3:  Kunst 
und  Altertum  in  Lothringen.  Strafsburg  1889.  —  Daru  noch  eine  vom  Ministerium 
reich  subvenüonicrte  Arbeit  von  W.  Schmitz,  Der  mittelalterliche  Profanbau  in 
Lothringen,  Düsseldorf  1898.  Vgl.  auch  die  kritische  Zusammenstellung  Über  die 
Denkmälerinveotare  von  Polaczek  in  dieser  Zeitschrift  L  Bd.,  S.  286. 


—     37     — 

Landesgeschichte  sind  die  Veröffentlichung-en  des  statistischen  Bureaus 
des  kaiserlichen  Ministeriums  für  Elsafs -Lothringen  in  dem  letzten 
Jahrzehnt.  Durch  sie  ist  die  politische  Geographie  und  die  Geschichte 
der  territorialen  Gestaltung  des  Landes  in  grofsen  Zügen  endgültig 
fcstgel^  *). 

So  wurde  und  wird  seitens  der  Regierung  alles  getan,  um  die 
Geschichte  des  lothringischen  Landes  nach  jahrhundertelanger  Trennung 
dem  Forschungsgebiete  der  deutschen  Wissenschaft  wieder  näher  zu 
bringen.  Dafe  diese  Bemühungen  nicht  von  so  schnellem  Erfolge 
wie  im  Elsafs  gekrönt  wurden,  liegt  einmal  an  der  innigeren  Ver- 
bindung des  Landes  mit  Frankreich  durch  Sprache,  Sitten  und  Kultur, 
dann  an  dem  Einflufs  der  Strafsburger  Hochschule  auf  die  Erforschung 
der  Geschichte  des  elsässischen  Landes,  die  von  den  Vertretern  der 
geschichtswissenschaftlichen  Fächer  von  Anfang  an  mit  zu  ihren  vor- 
nehmsten Aufgaben  gerechnet  wurde.  Erst  mit  der  Begründung  der 
Gesellschaft  für  lothringische  Geschieh  te  und  Altertums- 
kunde 1888,  die  sich  bald  zum  Mittelpunkte  aller  historischen 
Forschungen  des  Landes  herausbildete,  ist  eine  neue  Zeit  unbefangener, 
wissenschaftlicher  Tätigkeit  von  Einheimischen  und  Eingewanderten 
entfaltet  worden,  die  es  sich  angelegen  sein  lassen,  durch  Einzel- 
untersuchungen und  Quellenpublikationen  die  Basis  zu  einer  allgemeinen 
Geschichte  des  Landes  immer  mehr  zu  verbreitem. 

Es  kann  hier  nicht  die  Aufgabe  sein,  alle  einzelnen  Untersuchungen 
namentlich  aufzuführen.  Das  Jahrbuch  der  Gesellschaft  mit  seinen 
Verzeichnissen  von  neuen  Erscheinungen  zur  lothringischen  Geschichte 
und  seinen  Besprechungen  bietet  reiche  Anhaltspunkte  in  allen  Einzel- 
fragen.   Es  kommt  darauf  an,  einige  besonders  charakteristische  Unter- 


I)  Statutische  Mitteilungen  über  Elsa/s-Lothringen,  Heft  28 :  Die  alten  Territorien 
des  Bezirkes  Lothringen  nach  dem  Stande  vom  /.  Januar  164S.  L  Teil.  Strafsbarg 
1898.  —  Aofserdem  ist  ein  Lieferungswerk  im  Erscheinen  begriffen:  Das  Reichsland 
Etsafs' Lothringen.  Landes-  und  Ortsbeschreibung^  herausgegeben  von  demselben  Bureau; 
Strafsburg.  Es  wird  3  Teile  enthalten :  i)  Die  allgemeine  Landesbeschreibung  in  einzelnen 
AsfUlzea.  2)  Eine  Statistik  des  Landes.  3)  Statistisch  -  geschichtliches  Ortsverzeichnis. 
Der  erste  nod  der  zweite  Teil  sind  vollendet  Hingewiesen  sei  hier  vor  allem  aaf  die 
„Bcitrige  mr  Landesgeschichte",  S.  250 — 335,  die  von  dem  Ministerialrat  Freiherm 
da  Prel  bearbeitet  wurden  und  sich  (Ur  Lothringen  als  änfserst  sorgsam  nnd  inhaltsreich 
enrciseD.  Der  3.  Teil  ist  im  Erscheinen  begriffen.  —  Für  die  Topographie  des  Landes 
kommt  aniserdem  in  Betracht:  Dictionnaire  topographique  de  la  France:  Departement 
de  la  Moselle  par  de  Bonteiller,  Paris  1874,  de  la  Meurthe  par  Henri  Lepage, 
Paris  1862,  de  la  Meuse  par  F61ix  Li^nard,  Paris  1872. 


—     38     — 

suchungen  hervorzuheben,  die  bis  dahin  allgemeingültige  Anschauting'en 
widerlegt  und  der  Forschung  neue  Wege  gewiesen  haben. 

In  den  Vordei^rund  der  prähistorischen  Forschung  ist  seit  den 
Vorbereitungen  zum  Anthropologenkongrefs  1901  in  Metz  die  Frage 
nach  dem  Ursprung  und  der  Bedeutung  der  Briquetage  getreten,  deren 
Lösung  unter  dem  Aufwände  grofser  Mittel  seitens  der  Gesellschaft 
für  lothringische  Geschichte  und  Altertumskunde  in  Angriff  genommen 
wurde  und  noch  fortgesetzt  wird  ^).  Ihre  unausgesetzten  Nachfor- 
schungen ermöglichen  eine  immer  eingehendere  Kenntnis  der  kulturellen 
Verhältnisse  Lothringens  als  eines  Grenzlandes  in  römischer  und  früh- 
germanischer Zeit,  die  in  den  letzten  Jahrzehnten  durch  eine  Reihe 
von  Funden  auf  das  glücklichste  vermehrt  wurde  *). 

Wesentliche  Förderung  haben  in  dem  letzten  Jahrzehnt  die  ethno- 
graphischen Studien  erfahren,  die  die  allmählichen  Verschiebungen  der 
Nationalitätsgrenzen  festzustellen  suchen.  Während  This  durch  seine 
Untersuchung  die  jetzige  Sprachgrenze  zwischen  Germanen  und  Ro- 
manen feststellte,  unternahmen  es  Schiber  und  Witte  in  ihren  ver- 
schiedenen Arbeiten,  die  allmähliche  Verschiebung  der  Sprachgrenze, 
den  Verlauf  der  deutschen  Siedelung  in  Gallien  festzulegen,  bis  im 
XVI.  Jahrhundert   die    Gegenbewegung   einsetzte  *).     Mit  diesen   For- 


i)  Vgl.  die  AusfUhningen  J.  B.  Keunes  im  Jahrbach  der  Gesellschaft  XIII,  S.  366 ff. 
Das  Briquetage  im  oberen  Seilletal;  dazu  auch  Protokolle  der  Generalversamm- 
lung des  Gesamtvereins  der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  zu  Metz^  Berlin 
i8go.  Auch  die  dort  behandelten  Mare  und  Mardellen  hat  die  Gesellschaft  von  neuem 
in  den  Kreis  ihrer  Untersuchungen  gezogen.     Vgl.  auch  diese  Zeitschrift  IIL  Bd.,  S.  88. 

2)  Im  einzelnen  sind  die  jährlichen  Fundberichte  im  Jahrbuch  zu  vergleichen.  Dazu 
die  zusammenfassende  Darstellung  von  R.  Forrer,  Zur  Ur^  und  Frühgeschichte  Elsa/s- 
Lothringens,  Strafsburg  1901.  Aufserdem  sei  im  einzelnen  hervorgcboben :  J.  B. 
Keune,  Gallo-römische  Kultur  in  Lothringen  und  den  benachbarten  Gegenden,  Jahr- 
buch IX.  G.  Wolfram,  Die  räumliche  Ausdehnung  von  Metz  zu  römisch -früh- 
mittelalterlicher Zeit ^  Jahrbuch  IX;  dazu  Wolfram,  Die  räumliche  Eniwickelung 
von  Metz  in  „Die  XXXII.  allgemeine  Versammlung  der  deutschen  Gesellschaft  für  An- 
thropologie, Ethnologie  und  Urgeschichte  in  Metz  1901**,  München  1902  und  seinen 
Fundbericht  im  Jahrbuch  XIII;  F.  v.  Fisenne,  Das  Mithräum  zu  Sarburg  in  Lo- 
thringen, Jahrbuch  VIII. 

3)  C.  This,  Die  deutsch-französische  Sprcuhgrenze  in  Lothringen,  Beiträge  zur 
Landes-  und  Volkskunde  von  Elsafs-Lothringen,  Heft  i,  Strafsburg  1889.  A.  Schiber, 
Die  fränkischen  und  allemannischen  Siedelungen  in  Gallien ,  Strafsburg  1894;  der».: 
Die  Ortsnamen  des  Metzer  Landes  und  ihre  geschichtliche  und  ethnographische  Be- 
deutung, Jahrbuch  IX;  ders. :  Germanische  Siedelungen  in  Lothringen  und  England, 
Jahrbuch  XII.  Hans  Witte,  Zur  Geschichte  des  Deutschtums  in  Lothringen,  Strafs- 
burger  Inaugural-Dissertation ,  Metz  1890;  ders.:  Deutsche  und  Keltoromanen  in  Lo- 
thringen, Beiträge  zur  Landes-  und  Volkskunde  von  Elsafs-Lothringen,    Heft  1$,   Strafs- 


—     39     — 

schimgen  berührt  sich  eine  Gruppe  von  Marburger  Dissertationen, 
die  augenscheinlich  der  Anregung*  von  Stengel  ihre  Entstehung  ver- 
danken, sowie  die  Arbeiten  Hoffmanns,  Keuffers  und  Zdliqzons  ^),  durch 
die  die  Berührung  und  gegenseitige  Durchdringung  germanischer  und 
romanischer  Dialekte  auf  dem  lothringischen  Boden  gekennzeichnet 
wird.  Einer  weit  geringeren  Anziehungskraft  erfreut  sich  bei  der 
neueren  Forschung  die  mit  der  Sprachgeschichte  so  eng  verknüpfte 
Sammlung  volkstümlicher  Sagen,  Sitten  und  Gebräuche,  die  Kultur- 
geschichte eines  Volkes  im  engeren  Sinne.  Nur  Lerond  hat  es  unter- 
nommen, in  seinen  Heften  die  verschiedenen«  Seiten  des  Volkslebens 
in  Lothringen  wiederzugeben  und  seine  in  ihrer  reichen  Mannig- 
faltigkeit so  schönen  Erscheinungen  einer  Epoche  zu  erhalten,  die  lange 
Zeit  darauf  ausging,  das  Individuelle  einzelner  Volksklassen  und  ein- 
zelner in  sich  geschlossener  Landschaften  zu  verwischen  *). 

Eine  wichtige  und  notwendige  Ei^änzung  erfahren  die  allgemeinen 
Darstellungen  der  lothringischen  Geschichte  durch  die  neuesten  rechts- 
geschichtlichen Publikationen  von  französischer  und  deutscher  Seite. 
Vor  allem  Bonvalot  imd  Sadoul  haben  es  sich  in  ihren  Studien  an- 
gelegen sein  lassen,  diese  Fragen  einer  eingehenden  Erörterung  zu 
unterziehen.  Leider  verraten  sie  eine  nicht  genügende  Kenntnis  der 
deutschen  Literatur,  die  bei  Bonvalot  zu  dem  verkehrten  Ergebnis 
führen  konnte,  dais  die  Gerichtsorganisation  Lothringens  eine  durch- 
aus originale  sei  *).     Mit  dem  staatsrechtlichen  Verhältnis  Lothringens 

borg  1891 ;  ders.:  Das  deutsche  Sprachgebiet  Lothringens  und  die  Wandelungen  in 
Fonchangen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde  ed.  Kirchhoff  VIU,  6;  ders.: 
Deatscbe  Geschichtsblätter  HI,  S.  153  ff.  Ortsnamenforschung  und  Wirtschaftsgeschichte, 
Diza  Wolfram,  Die  Entwickelung  der  Nationalitäten  und  der  nationalen  Grenzen 
in  Lothringen^  im  XXXIL  Jahresberichte  des  Anthropologentages  (s.  o.),  S.  7 8  ff. 

i)  L.  Z^liqzoo,  Lothringische  Mundarten^  Metz  1889  (Ergänzungsheft  zum  Jahr- 
buch I);  ders.:  PatoiS'Lieder  aus  Lothringen^  Jahrbuch  XIIT.  Dazu:  Chan  Heurlin  ou 
les  ßanfotUes  de  Fauchen,  poeme  en  patois  messin  (1785/87),  herausgegeben  von 
A.  Brandes  und  D.  Mory  mit  Ulustrationen  von  Victor  Masson,  Nancy  1900.  — 
K.  Hoffmann,  Laut*  und  Flexionslehre  der  Mundart  der  Moselgegend  von  Ober- 
kam  bis  zur  Rheinprorvinz,  Jahrbuch  XU.  Keuffer,  Die  Metzer  Stcultkanzleien  und 
ihre  Bedeutung  für  die  Geschichte  des  „Romans**,  —  Jene  Dissertationen  beschäftigen 
sich  vor  aUem  mit  Geste  des  Loherains, 

2)  Lerond,  Lothringische  Sammelmappe  I — X.    Metz,  1890 — 1901. 

3)  Edouard  Bonvalot,  Le  Tiers-Etat  d'apris  la  charte  de  Beaumont  et  ses 
ßUales,  Paris  1884;  ders.:  Les  feaute's  en  Lorraine,  Paris  1889  und  Htstoire  du  droit 
et  des  instituHons  de  la  Lorraine  et  des  trois  Evichü  (843—1789),  Paris  1895,  auch 
worden  von  ihm  herausgegeben :  „  Les  plus  principales  et  genirales  coustumes  du  duchi^ 
de  Lorraine *%  Paris  1878.  —  Charles  Sadoul,  Essai  historique  sur  les  institutions 
iudicitttres  des  duchds  de  Lorraine  et  de  Bar  avant  les   reformes  de  Leopold  /,   Paris- 


—     40     — 

zum  Deutschen  Reich  beschäftigt  sich  die  Arbeit  von  Fitte  ').  Die 
Verbindung  mit  der  Wirtschaftsgeschichte  stellt  Darmstädter  mit  seinen 
trefflichen  Untersuchungen  über  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft 
her,  die  sich  jedoch  auf  das  Herzogtum  beschränken,  weil  die  Ver- 
hältnisse im  Gebiet  des  Bistums  und  der  Stadt  Metz  sich  ganz  anders 
gestaltet  hatten  *).  Ähnliche  Fragen  für  das  Mittelalter  hatte  früher 
schon  Sauerland  in  seine  Untersuchung  über  die  Immunität  von  Metz 
hineingezogen  '). 

Von  eigentlichen  wirtschaftsgeschichtlichen  Arbeiten,  die  es  sich 
zur  Aufgabe  gesetzt  haben,  die  Zweige  dieses  weiten  Gebietes  in  Mono- 
graphieen  darzustellen,  liegt  nur  das  Buch  von  Marcus  über  die  Glas- 
fabriken des  Bitscher  Landes  vor  *).  Es  dürfte  dies  eins  der  Gebiete 
sein,  dem  sich  die  lothringische  Geschichtsforschung  zunächst  zuzuwenden 
hätte.  Für  die  Agrarverhältnisse  im  späteren  Mittelalter  bietet  das 
Bezirksarchiv  mit  seinen  zahlreichen  Klosterarchiven  reichhaltige 
Quellen  dar  *). 

Am  gesichertsten  sind  wohl  die  Resultate,  die  auf  dem  Gebiete 
der  politischen  Geschichtschreibung  des  Herzogtums  Lothringen  durch 
die  neueste  Forschung  erzielt  sind.  Die  enge  Verbindung  des  Mittel- 
reiches Lothringen  im  frühen  Mittelalter  mit  den  beiden  Nachbar- 
reichen bringt  es  mit  sich,  dafe  diese  Verhältnisse  in  den  grofsen 
französischen  und  deutschen  Publikationen  für  diese  Zeit  auf  das  ein- 
gehendste berücksichtigt  sind.  Es  braucht  von  deutscher  Seite  nur 
auf  die  Jahrbücher  der  deutschen  Geschichte  verwiesen  zu  wer- 
den.    Französischerseits   kommen   die  Darstellungen   von  Parisot  und 

Nancy  1898.     Aufserdem  sei   von    früheren  Arbeiten   erwähnt:   E.  Michel,   Biographie 
du  Parlement  de  Metz^  Met*  1852  und  Histoire  du  Parlement  de  Metz. 

i)  S.  Fitte,  DcLS  staatsrechtliche  Verhältnis  des  Herzogtums  Lothringen  zum 
Deutschen  Reiche  seit  dem  Jahre  1342,  Beiträge  zur  Landes-  nnd  Volkskunde  von  Elsafs- 
Lothringen,  Heft  14.  Strafsburg  1891 ;  dazu:  O.  Winckelmann,  Beiträge  zur  Ge- 
schichte der  staatsrechtlichen  Beziehungen  Lothringens  zum  Reich  im  16,  Jahrhundert^ 
Jahrbuch  II  nebst  Nachtrag  von  Wolfram. 

2)  P.  Darmstädter,  Die  Befreiung  der  Leibeigenen  in  Savoyen^  der  Schweiz 
und  Lothringen^  Strafsbnrg  1897. 

3)  H.  V.  Sanerland,  Die  Immunität  von  Metz  von  ihren  Anfängen  bis  zum 
Ende  des  XL  Jahrhunderts,  MeU  1877. 

4)  Ad.  Marcus,  Les  verreries  du  comte  de  Bitche,  Nancy  1887.  Nicht  so  syste- 
matisch durchgeführt  ist  P.  Weise,  Beiträge  zur  Geschichte  des  rämischen  Weinbaus 
in  Gallien  und  an  der  Mosel, 

5)  Es  sei  hier  für  das  französische  Gebiet  auf  den  umfassenden  Aufsatz  von 
A.  Bergerot  in  den  Annales  TEst  Bd.  XIII,  XIV,  XV  hingewiesen:  L' Organisation  et 
le  rigime  intirieur  de  chapitre  de  Rhniremont  du  XIII  au  XVIII  si^cle.  Für  das 
deutsche  Gebiet  fehlen  derartige  Untersuchungen  noch  völlig. 


—     41     — 

Lauer  in  Betracht  *),  die  beide  an  Zuverlässigkeit  nichts  zu  wünschen 
übiig  lassen;  bemerkt  sei  hier  ausdrücklich,  dafe  die  politische  Geo- 
graphie bei  Parisot  eingehend  berücksichtigt  wird.  Für  die  Geschichte 
des  Herzogtums  im  Mittelalter  bedarf  es  erst  noch  umfangreicher 
Quellenpublikationen ,  von  den  herzoglichen  Urkunden  liegen  bisher 
nur  die  des  Matthäus  IL  gesammelt  vor  ^).  Dagegen  hat  die  neuere 
Geschichte  des  Herzogtums  von  französischer  Seite  eingehende  Be- 
handlung gefunden,  es  genügt  hier  d'Haussonville ,  Baumont,  Robert, 
Boyi  und  Kaufmann  namentlich  anzuführen  *).  Für  die  mit  der  po- 
litischen Geschichte  engverbundene  Militärgeschichte  kommt  allein 
Lepage  *)  in  Betracht,  doch  sind  die  organisatorischen  Fragen  erneuerter 
Untersuchungen  bedürftig. 

In  ein  ganz  neues  Stadium  ist  seit  wenigen  Jahrzehnten  die 
Durchforschung  der  Geschichte  des  Bistums  Metz  und  der  kleinen 
Territorien  getreten.  Die  Arbeiten  Wichmanns,  Voigts  und  Sauer- 
lands geben  zum  ersten  Male  eingehende  Darstellungen  der  Geschichte 
einzelner  Bischöfe,  freilich  —  mit  Ausnahme  der  ersten  —  wohl  all. 
zusehr  in  ihrer  Beziehung  zur  politischen  Entwickelung,  und  Sauer- 
land nebst  Chatelain  suchen  in  ihren  Forschungen  den  Ursprung  der 
weltlichen  Macht  des  Bistums  aufzuhellen  *).  Einen  vielversprechenden 
Anfang  zur  Territorialgeschichte   der  kleinen  weltlichen   Gebilde  Lo- 


i)Rob.  Parisot,  Le  royaume  de  Lorraine  sous  les  Carolingüns  (843—923), 
Vasu  1899  nnd  Ph.  Lauer,  Le  Regne  de  Louis  IV.  d* Outre-Mer^  Paris  1900.  Selbst- 
verständlich sind  hier  alle  allgemeinen  Darstellungen,  vor  allem  anch  Calmet,  immer  in 
Betracht  zu  ziehen. 

2)  VgL  Dentsche  Geschichtsblätter  Bd.  III,  Hef^  5,  S.  124,  Anmerk.  2.  —  An 
Etnzelnntersnchangen  ist  zu  bemerken  H.  Witte,  Genealogische  Untersuchungen  zur 
Geschickte  Lothringens  und  des   Wesirich  im  Jahrbuch  V  und  VII. 

3)  Hanssonville,  le  comte  d',  Histoire  de  la  reunion  de  la  Lorraitte  ä  la 
Prtmce^  Paris  1854,  4  Bde.  F.  des  Robert,  Charles  IV  ei  Mazarin  1647  — 166 1, 
Naacj-Paris  1899.  H*  Kaufmann,  Die  Reunionskammer  zu  Metz,  Jahrbuch  XL 
H.  Baumont,  £tuäes  sur  le  rigne  de  Lhpold  duc  de  Lorraine  et  de  Bar  1697 — 1729, 
Paris-Nancy  1894.  P.  Boy6,  Stanislas  Leszczynski  et  le  troisüme  traite  de  Vienne, 
Paris  1898. 

4)  H.  Lepage,  Sur  l' Organisation  ei  les  instiiutions  miliiaires  de  la  Lorraine,  Paris 
1884.  Hingewiesen  sei  noch  auf  J.  Nollet-Fabert,  La  Lorraine  militairef  2  Bde., 
Nancy  1852,  Biographieen  der  aus  den  lothringischen  Departements  stammenden  Militärs. 

5)  Wichmann,  Adelöeri,  Bischof  v.  Metz  926 — 962.  Jahrbuch  III.  G.  Voigt, 
Bischof  Bertram  v,  Metz  1 1 80 —  1 2 1 2.  Jahrbuch  IV  u.  V.  Sauerland,  Geschichte 
des  Metzer  Bistums  wahrend  des  14,  fahrhunderts»  Jahrbuch  VI  u.  VI.  K.  Wein- 
mann, Bischof  Georg  von  Baden  und  der  Metzer  Kapitelstreit.  Jahrbuch  VI.  — 
Saaerland,  Die  Immunität  ^  vgl.  S.  40,  Anm.  3  und  V.  Chatelain,  />  comti  de 
Metz  et  la  vouerie  ipiscopole  du   VIIL  au  XIII  siecle,    Jahrbuch  X  u.  XlII. 


—     42     — 

thringens  bilden  die  Untersuchungen  von  Besler,  Ruppersberg,  Cha- 
telain  und  Lempfried  *) ,  während  sich  der  Fortschritt  der  Forschung" 
für  die  zahkeichen  bedeutenden  Abteien  des  Landes  nicht  so  günstig 
stellt  *).  Die  Untersuchungen ,  aus  früherer  Zeit ,  geben  mehr  bio- 
g-raphische  Notizen  einzelner  Äbte  als  ein  Bild  der  selbständigen  Ent- 
wickelung  dieser  kirchlichen  Gemeinwesen ,  suchen  archäologische 
Überreste  in  ihrer  lokalen  Bedeutung  festzuhalten  und  an  das  Tages- 
licht zu  fördern,  als  ihre  Stellung  in  der  Gesamtentwickelung  des  Lan- 
des darzulegen  ^).  In  der  französischen  Zeit  wandte  sich  die  Vorliebe 
der  Lokalforscher  oft  der  Geschichte  einzelner  Dörfer  oder  Ortschaften 
zu,  ohne  jedoch  das  Material  kritisch  zu  durchforschen.  Ein  zuver- 
lässiger und  sicherer  Führer  durch  die  Geschichte  der  Dörfer  um 
Metz  bietet  sich  in  der  Arbeit  Stünkels  dar,  die  hoffentlich  zu  weiteren 
Forschungen  auf  diesem  Gebiete  anregt  *). 

Eine  besondere  Stellung  in  der  Historiographie  Lothringens  nimmt 
die  Geschichte  von  Metz  ein.  In  ihr  zeigt  sich  am  deutlichsten  der 
Einflufs,  den  diese  Stadt  auf  die  Entwickelung  des  ganzen  Landes 
ausgeübt  hat.  Die  beiden  französischen  Geschichtsforscher  KlipflTel 
und  A.  Prost  haben  die  Grundlagen  zu  einer  kritischen  Geschichte  der 
Stadt  gelegt  *).     Auf  ihre  Arbeiten  werden  alle  Einzeluntersuchungen 

auch  in  Zukunft  zurückgreifen  müssen,  wenn  durch  Herausgabe  der 
Chroniken  der  Stadt  diese  Quellen  zu  ihrer  Geschichte  bis  zur  Ein- 
verleibung in  Frankreich  kritisch  gesichtet  und  untersucht  sind  *). 

i)  Besler,  Geschichte  des  Schlosses ^  der  Herrschaft  und  der  Stadt  Forbach, 
Forbach  1895.  Ruppersberg,  Geschichte  der  ehemaligen  Grafschaft  Saarbrücken, 
nach  Fr.  und  Ad.  Köllner  neu  bearbeitet  and  erweitert,  2  Bde.,  Saarbrücken  1899, 
1901.  V.  Chatelain,  Histoire  du  comte  de  Cr^hange,  Jahrbach  III,  IV,  V.  H.  L c m p - 
fried,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Herrschaft  Bitsch    1570— 1606.     Jahrbach  IV. 

2)  Urkondensammlungen  besitzen  wir  von  Gorze  in:  A.  D*Herbome%,  Cartalaire 
de  Vabbaye  de  Gorze,  Paris  1898  (Fondation  A.  Prost),  enthält  jedoch  keine  kritische 
Darchforschong  alles  Materials,  also  kein  Urkandenbach.  Über  St.  Amalf  vgl.  Wolfram, 
Kritische  Bemerkungen  zu  den  Urkunden  des  Arnulf sklosters ,  Jahrbuch  I  and  Müse- 
beck,  Die  Benediktinerabtei  St.  Arnulf  vor  Metz  in  der  ersten  Hälfte  des  Mittel- 
alters,  Jahrbach  XIII. 

3)  L.  Stünkel,  Ein  geschichtlicher  Streif zug  in  der  Umgegend  von  Metz 
(wissensch.  Beilage  zum  Jahresbericht  des  L3rzeams  zu  Metz  1898). 

4)  H.  Klipf  fei,  Les  parnizes  Messains,  Etüde  sur  la  republique  messine  du  XIII 
au  XVI  siicle,  Metz-Paris  1863;  ders. :  Une  episode  de  l' histoire  de  regime  municipal 
dans  les  villes  romanes  de  l'empire germanique,  1866.  A.  Prost,  Etudes  sur  l' histoire 
de  Metz,  Paris  1865;  ders.:  Le  patriciat  dans  la  citi  de  Metz,  Paris  1873;  ders.: 
Histoire  de  la  cathidrale  de  Metz  in  M^moires  de  la  soci^t6  d'arch6ologie  et  d'histoire 
de  la  Moselle  XVI ;  d  e  r  s. :  Les  institutions  judiciaires  dans  la  cite  de  Metz,  Paris-Nancy  1893. 

5)  Vgl.  S.  38,   Anm.  2    die  Arbeiten  Wolframs;    ders.:    Z>ie  älteste  Kathedrale  tu 


—     43     — 


Zum  Schlufs  sei  noch  für  genealogische  Forschungen  neben 
Siebmacher  auf  die  zahbreichen  französischen  Arbeiten  des  vorigen 
Jahrhunderts  und  die  neuen  trefflichen  Untersuchungen  von  Poirier 
hingewiesen  *). 


t^eform  des  geistliehen  Standes  naeh 
der  sogen.  (Reformation  des  Kaisers  SiQ^ 
mund  im  Iiiehte  gleiehzeitiger  t^eformpläne 

Von 
Heinrich  Werner  (Merzig) 

(Schlafs)  ^) 

Zum  Vergleich  seien  andere  Vorschläge  zur  Regelung  des  Ein- 
kommens der  Geistlichkeit  herangezogen. 

In  den  Reformanträgen  der  deutschen  Nation  ^)  wird  durch  den 
Vikar  von  Freising  die  Abschaffung  der  vacanciae,  die  zum  Vorteile 
der  Kurie  bestehen,  gefordert.  Papst  und  Kardinäle  sollen  entschädigt 
werden,  und  zwar  sollen  einige  in  dieser  Sache  erfahrene  Deputierte 
untersuchen,  si  patrtmonia  beati  Petri  eisdem  pro  sut  status 
decencta  ad  huiusmodt  onera  supportanda  sufficiat.  Sin  autem, 
provideatur  eis  per  regna  et  provincias  christianitatis.  Inwieweit 
diesem  Antrag  Rechnung  getragen  wurde,  wissen  wir  nicht,  aber  so  viel 
scheint  zuzutreffen,  dafe  die  Vertreter  der  deutschen  Nation  auch  später 
die  Einnahmen  aus  dem  Patrimonium  Petri  für  ausreichend  für  Papst 
und  Kardinäle  hielten;  denn  von  einem  Ersatz  dafür  durch  reiche 
und  Provinzen    sah    man    ab.     Für    unsere  Schrift    aber  hat  dieser 

MetZy  Jahrbach  IV  a.  Nene  Untersnchungen  über  das  Alter  der  Reiterstatuette  Karls  des 
Grolsen,  Jahrbach  in.  E.  Kleinwächter,  Der  Metzer  Reformaiionsversuch  1542 j 43. 
Teil  L  Marborg  1894.  O.  Winckelmann,  Der  Anteil  der  deutschen  Protestanten 
an  den  kirchlichen  Reformbestrebungen  in  Metz  bts  J543.     Jahrbuch  IX. 

i)  A.  Pelletier,  Nobiliaire  ou  Armorial  giniral  de  la  Lorraine  et  du  Barrois 
1758.  H.  Lepage  et  L.  Germaine,  Complement  au  nohilaire  de  Lorraine^ 
NaocjT  1885.  J.  Cayon,  Ancienne  chevalerie  de  Lorraine^  Nancy  1850.  C.  Lapais, 
Armorial  des  villes^  hourgs  et  villages  de  la  Lorraine^  Nancy  1877.  C.  de  Paradis, 
N«bilaire  de  Latraine  et  Barrois^  Nancy  1878.  J.  Aleide  Georgel,  Armorial  des 
famtäles  de  Lorraine,  Elbcrf.  1887.  —  J»  f«  Poirier,  Metz,  Documents  g^nSalogiques 
d'apres  les  rlgistres  des  fanoisses  1561  — 1792,  Paris  1899.  Für  Münzkunde  vgl. 
F.  de  Saalcy,  Recherches  sur  les  monnaies  des  ducs  hiriditaires  de Lorraine,  Metz  1841. 

2)  Vgl.  S.   I  — 14. 

3)  Hallcr  I,  S.  I95flf. 


—     44     — 

Antrag,  der  auf  Beschränkung  des  päpstlichen  Einkommens  auf  die 
Einnahmen  aus  dem  Patrimonium  Petri  abzielt,  einen  grofsen  Wert, 
denn  imser  Verfasser  mit  seinem  scheinbar  sonderbaren  Antrag  ist 
jetzt  nur  eine  Stimme  der  Vertreter  der  deutschen  Nation.  Die  Ur- 
kunde, die  ihm  für  die  genannte  Forderung  vorlag,  hat  er  von  einem 
Magister  der  auf  dem  Baseler  Konzil  vertretenen  deutschen  Nation  er- 
halten, sie  verdeutscht  und  in  seinem  Sinne  erläutert.  Ebenso  soll  das 
Einkommen  der  Kardinäle  behandelt  werden.  Sie  sollen  nämlich,  wie 
der  Antrag  der  deutschen  Nation  lautet,  an  den  gemeinsamen  fruchten 
der  apostolischen  kammer,  also  an  den  Einnahmen  aus  dem  Patri- 
monium Petri,  teilhaben,  3 — ^4000  Gulden  ein  jeder  jährlich  (S.  197). 

Charakteristisch  ist  eine  andere  Forderung  in  der  Denkschrift  eines 
Ungenannten  (Ebenda  S.  208).  Der  Papst  habe  mit  der  Verwaltung  und 
Verteidigung  weltlicher  Dinge  nichts  zu  tun.  Es  sollen  deshalb  Papst 
und  Kardinäle  zwölf  Männer  wählen,  die  sich  zum  Regieren  eignen  — 
also  Laien,  diese  sollen  einen  Senat  bilden,  der  ein  festes  Gehalt  be- 
zieht und  alle  weltlichen  Geschäfte  an  der  Kurie  ordnet.  Die  Ein- 
künfte des  Papstes  und  der  Kardinäle  sollen  aus  dem  Ertrag  des 
Patrimonium  Petri  durch  zwei  Schatzmeister,  von  denen  einer  vom 
Papst,  der  zweite  von  dem  Kardinalskollegium  gewählt  ist,  geregelt 
werden,  so  dafs  der  Papst  monatlich  1000  Dukaten  erhält.  Der  Über- 
schufs  aus  den  Einnahmen  soll  an  die  genannten  Senatoren,  Legaten 
und  Schatzmeister  verteilt  oder  zur  Verteidigung  der  Kirche  im  Kriege 
angewandt  werden.  Dieser  Senat  soll  auch  die  weltliche  Kriegführung 
der  Päpste  überwachen,  insofern  diese  nur  unter  Zustimmung  der  Mehr- 
heit der  Kardinäle  und  Senatoren  Krieg  führen  dürfen. 

Auch  jeder  Kardinal  soll  ein  bestimmtes  Gehalt  bekommen  und 
zwar  im  ganzen  4000  Dukaten  jährlich.  Davon  sind  zu  verwenden 
für  ein  Pferd  30  Dukaten,  1000  für  Geschenke  und  Almosen,  70  für 
jede  Person  seiner  familia.  Der  Verfasser  dieses  Dokuments  scheint 
auch  ein  Laie  zu  sein,  was  neben  der  scharfen  Scheidung  des  Geist- 
lichen vom  Weltlichen  aus  seiner  lebhaften  Klage  über  die  deformitates 
der  Kirche  ersichtlich  wird.  Diese  scheinen  nach  ihm  in  clero  non 
sine  gravi  scandalo  populi  christiani  insorduisse  (S.  206). 

Charakteristisch  und  übereinstimmend  mit  unserem  Verfasser  ist 
hier  wieder  die  Forderung  eines  fixen  Einkommens  der  geistlichen 
Würdenträger  und  namentlich  der  Vorschlag,  das  Weltliche  vom  Geist- 
lichen zu  scheiden.  Es  war  eben  durch  die  mittelalterliche  Ver- 
quickung von  geistlichem  Amt  und  territorialer  Gewalt  das  erstere 
unter  dem  Vorwiegen   der  letzteren  ganz  verkümmert  auf  Kosten  der 


—     45     — 

weltlichen  Laien.  So  rufen  denn  diese  am  lautesten  nach  Trennung*  des 
Geistlichen  vom  Weltlichen. 

Unter  den  ausgedehnten  Vorschlägen  des  Andreas  von  Escabor 
finden  sich  auch  mehrere  über  das  Einkommen  der  kirchlichen  Würden- 
träger. So  soll  ein  Drittel  der  Einkünfte  aus  der  päpstlichen  Kammer 
dem  Papste,  ein  Drittel  den  Kardinälen  und  ein  Drittel  der  Verwaltung 
und  Verteidigung  der  Kircbenländer  zugewiesen  werden  (S.  217).  Ab- 
gaben, wie  Zehnten  vom  Klerus  zu  erheben,  sei  es  durch  Geistliche 
oder  durch  Weltliche,  mufe  verboten  sein,  ebenso  sollen  alle  Sportein 
für  Sieg^el,  Bestätigung,  Weihen  und  andere  servitia  in  der  ganzen 
Kirche  wegfallen.  Es  sei  Simonie  (S.  218),  für  die  Übertragung  von 
Bene&zien  und  die  Verwaltung  der  Sakramente  Geld  zu  fordern,  selbst 
wenn  es  sich  der  Papst  erlaube.  Diese  Forderungen  sind  um  so  auf- 
fallender, als  der  Autor  derselben  damals  (1435/36)  in  Abhängigkeit 
von  der  Kurie  lebte  und  selbst  seinen  Anteil  hatte  an  dem  Milsbrauch, 
den  er  rügt ').  Seine  Beschäftigung  in  der  päpstlichen  Kanzlei  be- 
&higt  ihn  zu  ähnlichen  praktischen  und  ausführlichen  Vorschlägen  auf 
diesem  Gebiete  wie  das  Stadtschreiberamt  unseren  Verfasser.  So  soll 
für  Briefe  über  Benefizienverleihung  nicht  mehr  als  ein  Dukat  genommen 
werden,  ebenso  sollen  die  Abbreviatoren ,  Registratoren  und  BuUa- 
toren  für  andere  Dokumente  nicht  mehr  als  einen  halben  Kammer- 
gulden erhalten.  Alle  Kanzleibeamten  und  Pönitentiare  sollen 
nicht  verheiratete  Laien,  sondern  nur  Kleriker  mit  den 
niederen  Weihen  sein,  ne  laut  sciant  secreta  virorum  ecclesiastu 
corum  •).  Die  Taxen  der  Pönitentiare  sollen  ermäfsigt  werden ,  die 
minores  poenitentiarii  überhaupt  nichts  erhalten  aufser  ihrem  festen 
Gehalt  von  der  apostolischen  Kammer.  Das  Mindesteinkommen  eines 
Bischoüs  wird  auf  über  300  Kammergulden  festgesetzt;  das  schliefsen 
wir  aus  der  Forderung,  dafs  eine  Bischofskirche,  die  nicht  mehr  als 
300  Kammergulden  jährlich  abwirft,  mit  einer  anderen  vereinigt  werden 
soll  (S.  223). 

Ebenso  soll  sich  die  Zahl  der  Kanoniker ,  Benefiziaten  und 
Mönche  nach  dem  Mals  der  Einkünfte  des  einzelnen  Instituts  richten. 
Wenn   aber  die  Zahl  durch   Könige    oder   Päpste  festgelegt  ist,    so 

I)  Vgl.  Hall  er  I,  S.  114. 

%)  VgL  nnseren  Verftsscr,  der  ebenfalls  für  die  Pönitentiare  fordert,  dafs  sie  keine 
Laien,  sondern  Priester  sein  sollen  (S.  174  f. )>  aii<i  ^^ai*  ^^^^  ^\^^^  Begründang.  Dafs 
Wiscr  Verfasser  hier  die  Scheidung  des  Weltlichen  vom  Geistlichen  anerkennt  auch  lu 
gonsten  der  GetsÜichen,  ist  ein  Beweis,  dafs  ihm  dieser  Antrag  bei  Abfassung  seiner 
Sduift  Torlag.    Die  Begründung  des  Antrags  konnte  er  als  Laie  freilich  nicht  mitmachen. 


—     46     — 

soll  der  Ordinarius  die  Präbende  danach  einrichten  und  die  richtig-e 
Zahl  herstellen  (S.  224),  doch  je  eine  Person  soll  nur  eine  Präbende  haben. 

Auch  für  das  Einkommen  eines  Pfarrers  ist  ihm  die  Höhe  des 
Ertrags  einer  Pfarrkirche  mafsg-ebend,  und  er  stellt  je  nach  dem  Mafse 
dieses  Ertrages  wissenschaftliche  Anforderungen.  Die  Mendikanten  haben 
kein  Eigentum  und  dürfen  auch  nichts  für  die  Feier  von  Anniversarien 
nehmen.  Alle  Güter  der  Klöster  sollen  in  gleicher  Weise  dem  Oberen 
wie  den  Mitgliedern  gemeinsam  sein ;  einige  Klöster  haben  absichtlich 
nur  wenige  Insassen,  damit  der  Abt  die  Klostergüter  für  sich  allein 
verschlemmen  kann :  hier  mufs  die  Zahl  der  Mönche  entsprechend  den 
Einnahmen  vermehrt  werden.  Der  Abt  aber  soll  viermal  soviel 
haben  als  ein  Ordensbruder.  Das  Kloster,  das  looo  Goldgulden  Ein- 
künfte hat,  mufs  einen  Lehrer  in  der  Grammatik  und  in  dem  Studium 
Generale  haben  und  so  mit  jedem  Tausend  Einkommen  mehr  einen 
Lehrer  mehr.  Zehenten  und  primittae  sind  von  den  Laien  an  die 
Kirchen  zu  zahlen,  aber  kein  Fürst,  keine  Gemeinde  darf  eine  Abgabe 
von  einem  Kleriker  fordern.  Überhaupt  sollen  die  Laien  von  der  Unter- 
jochung des  Klerus,  wie  sie  in  dieser  Zeit  bestehe,  zurückgebracht 
werden  (S.  229  ff.).  Wir  sehen  hier  überall  die  Hand  des  Klerikers 
und  zwar  des  gelehrten  Klerikers,  der  seinen  Stand  geschützt,  von 
den  Laien  unterhalten  und  bei  reichen  Einkünften  einer  Kirche  oder 
eines  Klosters  vermehrt  und  mit  Wissenschaft  reichlicher  versehen 
haben  will,  ja,  der  zu  einer  Abwehr  gegen  das  Vordringen  des  Laien- 
elements namentlich  in  den  Bürgergemeinden  *)  der  Städte  den  Klerus 
aufruft.  Gewifs  tief  einschneidend  in  das  wirtschaftliche  Leben  der 
Städte  wäre  die  Durchführung  der  Forderung  gewesen :  keine  Gemeinde 
darf  eine  Abgabe  von  einem  Kleriker  verlangen,  wenn  man  sich  des 
lebhaften  Kampfes  der  Städter  gegenüber  der  Pfaffheit  in  bezug  auf 
das  Weinungeid  u.  a.  erinnert. 

Wie  ganz  anders  unser  Verfeisser!  Er  fordert  überall  reinliche 
Scheidung  des  geistlichen  Amtes  von  den  weltlichen  Geschäften,  Ab- 
lösung sämtlicher  Abgaben  an  Kirchen  und  Klöster,  Vermindenmg 
der  Mönche  und  Kanoniker  und  bessere  Ausnutzung  des  gelehrten 
Standes  in  einem  dem  städtebürgerlichen  Laien  praktischer  erscheinenden 
Berufe ,   in   der  Seelsorge   des  Pfarrers  *).     Und    trotzdem   finden  sich 


i)  Die  Städte  suchten  namentlich  in  dieser  Zeit  die  auf  weltliche  Streitsachen  aas- 
gedehnte Gerichtsbarkeit  der  Gei^ichen  durch  Verbesserung  der  eigenen  Rechtspflege  ru 
beschränken.     Vgl.  Joachimsohn,  Gregor  Heimburg  (1891),  S.  15. 

2)  Wie  wichtig  ihm  diese  ist,  geht  ans  dem  überschwenglichen  Lob  auf  die  Pfarr- 
kirche und  die  sieben  Sakramente  hervor. 


—     47     — 

\icle  Berührungspunkte  zwischen  beiden  Reform  entwürfen.  Unser  Ver- 
fiasser  stimmt  mit  dem  vorliegenden  überein  in  der  Dreiteilung  der  Ein- 
künfte der  apostolischen  Kammer,  in  der  Abschaffung  der  indirekten 
Einnahmen  aus  der  Amtsausübung  der  Geistlichen.  Ebenso  begegnen 
sieb  beide  in  der  Forderung  für  das  Kanzleiwesen  und  Herabsetzung 
der  Taxen  für  Vollzug  von  Papieren,  und  in  ihren  Wünschen  bezüg- 
lich der  Pönitentiare  stimmen  sie  sogar  vollkommen  überein.  Auch 
Bischöfe,  Äbte,  Mönche  und  Pfarrer  sollen  ihr  fixes  Einkommen  aus 
dem  Ertrag  des  Kirchengutes  geniefeen,  ihre  Zahl  sei  genau  danach  zu  be- 
stimmen, wenn  auch  von  ganz  verschiedenem  Standpunkte,  aber  um 
so  charakteristischer  für  die  Persönlichkeit  beider  Autoren:  während 
Andreas  von  Escabor  den  Fall  der  zu  geringen  Anzahl  von  Mönchen 
in  einem  Kloster  von  dem  Gesichtspunkte  eines  Klerikers  besonders 
ins  Auge  fafst,  berücksichtigt  unser  Verfasser  mit  dem  praktischen 
Blick  eines  Laien  nur  die  Überfüllung  der  damaligen  Klöster,  die  er 
nahezu  auf  den  Aussterbeetat  setzt. 

Von  dem  Studium  der  Mönche  bei  einem  bestimmten  hohen  Ein- 
kommen eines  Klosters  weifs  unser  Verfasser  nichts,  im  Gegenteil 
scheint  er  gerade  dagegen  Stellung  zu  nehmen,  wenn  er  es  den  Frauen 
in  den  Klöstern  in  echt  humanistischem  Geiste  zugesprochen  wissen 
will  *) ,  sie  mögen  besser  studieren  denn  die  männer.  Aber  beide 
stimmen  noch  überein  in  der  Forderung  für  die  Kanoniker,  dafs  jeder 
mcht  mehr  als  eine  Pfründe  haben  soll.  Kurzum  die  Übereinstimmung 
unseres  Verfassers  mit  den  vorliegenden  Entwürfen  ist  so  mannigfach 
und  so  auffallend,  namentlich  die  der  Dreiteilung  des  Einkommens 
des  Papstes  und  der  Kardinäle,  dafs  eine  Beziehung  zwischen  beiden 
Reformplänen  bestehen  mufs.  Jedenfalls  hat  unser  Verfasser  in  den  ge- 
nannten Forderungen  Vorlagen  gehabt  und  zwar  entweder  direkt  die  Ar- 
beiten des  Andreas  von  Escabor,  denen  gegenüber  er  allerdings  als  Laie 
in  seinen  Erläuterungen  einen  anderen  Standpunkt  einnimmt  *)  oder  es 
ist  eine  Vorlage  anzunehmen,  die  aus  dem  Kreise  jener  Reformer,  des 
sogen,  zweiten  status  nämlich,  gegen  die  Ausführungen  des  Andreas 
von  Escabor  polemisiert.  Schon  rem  äufserlich  haben  beide  Verfasser 
den  geistlichen  imd  den  weltlichen  Stand  in  den  Bereich  ihrer  Ver- 
besserungspläne gezogen,  ohne  dals  jedoch  unser  Verfasser  dem  Schema 
des  anderen,  nach  den  sieben  Gaben  des  heUigen  Geistes  seine  Forde- 


1)  Vgl  Boebm,  S.  203. 

2)  Eine  saubere  Scheidung  zwischen  den  zu  gründe  gelegten  Entwürfen  und  den 
Eriisterungen  des  Verfassers  wird  sich  wegen  der  Übersetzung  ersterer  ja  nie  bewerk- 
stelligen lassen  können. 


—     48     — 

ningen  aufzustellen,  gefolgt  wäre.  Genug  ist,  dafs  die  Reform- 
versuche unseres  Verfassers  unbedingt  eine  Vorlage  be- 
sitzen, dafs  sie  gar  nichts  Isoliertes  an  sich  haben,  sondern 
in  einem  breiten  Strom  von  Reformanschauungen  ihren 
Platz  finden  und  nur  teilweise  eine  besondere  Färbung 
und  Wendungen  zeigen,  die  von  der  Persönlichkeit  des 
Verfassers  als  eines  Laien  und  Stadtschreibers  herrühren. 

Sehen  wir  nun  noch,  welche  Klagen  unser  Verfasser  über  die 
Mifsbräuche  bei  Amtshandlungen  vorbringt  und  welche  Reformen  er 
zu  deren  Abstellung  eingeführt  wissen  will. 

Die  Bischöfe  sollen  überall  Frieden  machen  ^),  wenn  es  Papst  und 
Kardinäle  nicht  tun,  aber  sie  führen  lieber  selbst  Krieg  (Ebenda  S.  1 8 1  u.  1 78). 
Weit  entfernt,  den  übrigen  Klerikern  ein  Vorbild  zu  sein,  leben  sie  im 
Konkubinat  und  bannen  sogar  noch  ihre  Priester  wegen  Konkubinen 
(S.  181  u.  187).  Sie  dürfen  kein  Schlofs  oder  Feste  haben,  dagegen 
mufs  ihnen  die  Residenzpflicht  wieder  eingeschärft  werden. 

Ein  Bischof  soll  auch  ein  Gefängnis  für  einen  fehlenden  Priester 
besitzen,  den  er  auch  mit  zeitweiliger  oder  dauernder  Entziehung  seiner 
Pfründen  bestrafen  kann.  Jeder  Bischof  soll  jährlich  eine  Synode  halten 
und  die  Gesetze  und  Ordnung  derPfafTheit  vorlesen  und  fragen,  ob  jemand 
dagegen  gefehlt  hat  und  ob  ein  Priester  von  einem  Herrn,  Adeligen 
oder  sonstwie  geschädigt  worden  ist.  Im  gegebenen  Falle  soll  er  diese 
bannen  und  schätzen  nach  der  Schwere  des  Vergehens.  Auch  soll 
er  alle  Dechanten  fragen,  wie  es  in  der  Kirche  stehe  und  um  die 
sieben  Sakramente,  und  er  soll  der  Pfaffheit  verbieten,  jemandem  das 
Sakrament  (Abendmahl)  vorzuenthalten.  Mit  dieser  letzten  Forderung 
ist  die  prinzipielle  Frage  der  Voienthaltung  des  Abendmahls  zu  gunsten 
der  Laien  entschieden.  Gewifs  auch  ein  Hinweis  auf  die  Persönlichkeit 
unseres  Verfassers. 

In  allen  Bistümern  sollen  die  statuta  die  gleichen  sein  und  zwar 
die  vom  Baseler  Konzil  angenommenen  *).  Jedes  Jahr  soll  der  Bischof 
seine  Kirchen  visitieren  ^)  und  dabei  Streitigkeiten  zwischen  Pfarrern 
und  Kirchen  beilegen.  Nur  für  den  Fall  der  Erkrankung  oder  des 
hohen  Alters  soll  ein  Weihbischof  ihn  vertreten,  sonst  soll  der  Bischof 
seine  officia  selbst  tun. 

Den  Klöstern,  die  das  Begräbnis  an  sich  gerissen  haben,  ist  es 
völlig  zu  entziehen;   denn   es  ist  unnötig  (S.   189).     Man  soll  die  Un- 

i)  Vgl.  Monumenta  Concilorum  XV.  saeculi,  3,  527. 

2)  Vgl.  Monumenta  Conciliorum  XV.  saeculi,  3,  525  flf. 

3)  Ebenda  3,  526. 


—     49     — 

kosten  den  Verwandten  ersparen;  darüber  freue  sich  die  Seele  mehr 
als  durch  ein  Begräbnis.  Diese  Forderung-  ist  schroff  gfenug,  um  den 
Verfasser  als  Laien  zu  kennzeichnen.  Höchstens  darf  man  2mstatt 
emer  Begräbnisfeier  ein  Geschenk  an  die  Kirche  geben  in  Gestalt 
eines  Altartuches  oder  eines  Kleides  zu  Mefsgewändem  oder  ron 
Wachs  (S.  190)  und  Opfergaben  in  Naturalien,  aber  Geld  muis  aus- 
geschlossen sein. 

Das  Auftreten  der  Domherren  ist  weltlich.  Wie  Laien  gehen 
sie  in  weiisen  Schuhen,  in  Kleidern  von  Marderfellen  (S.  191).  Von 
Allerheiligen  bis  Ostern  sollen  sie  die  langen  schwarten  Kutten  tragen, 
zu  referendal  essen  tmd  auf  dem  Dormitorium  schlafen.  Es  herrscht 
heute  ein  besonderes  J^en  nach  Domhermpfründen:  sobald  einer 
Meister  (=  magister)  wird,  will  er  sich  eine  solche  erwerben.  Wenn 
man  aber  die  damit  verknüpften  Verpflichtungen  wüfste  und  sie  selbst 
befolgen  mülste,  so  würde  man  nicht  so  sehr  nach  einer  Pfründe  ver- 
langen. Aber  die  Domherren  halten  sich  jetzt  Kapläne,  die  für  sie 
singen  und  lesen,  während  sie  selbst  bei  Wein  und  Spielbrett  müfsig 
gehen.  Sie  haben  ihren  Namen  Kanoniker  ab  horis  canonicis:  diese 
sollen  sie  selbst  singen  und  lesen   und  nicht  ihre  Verweser  (S.  192 

»-  193). 

Grofse  Klagen  sind  gegen  die  Johanniter  und  deutsche  Ordens- 
heiren verbrieft.  Sie  werden  beide  zur  erde  gestoßen,  darum  ist 
eine  Neuordnung  derselben  nicht  nötig  (S.  196). 

Die  Benediktiner  und  Bernhardiner  üben  wider  ihr  Recht  Pfarr- 
gottesdienst aus,  sind  so  weltlich  wie  die  Laien,  mit  denen  man  sie 
bei  Spiel  und  Gesellschaft  findet  (S.  197).  Sie  soll  man  zur  festen 
Klausur  zwing^en,  und  nur  zum  Besuche  todkranker  Eltern  sollen  sie 
Urlaub  erhalten.  Der  Abt  soll  im  Konvent  essen,  auiser  wenn  ihn 
Krankheit  daran  hindert.  Die  Kleidungsstücke  sollen  allen  gemein- 
sam sein. 

Die  Bettelmönche  dürfen  weder  Beichte  hören  noch  predigen 
{S.  202):  für  sie  sollen  die  Terminier  betteln,  die  Laienbrüder  sein  müssen. 

Die  Domklosterfrauen  wie  zu  Lindau  und  St.  Stephan  (Wien  ?)  sind 
halb  weltlich,  halb  geistlich.  Sie  gehen  tanzen  und  nehmen  Männer 
und  singen  und  lesen  auch  wieder  in  der  Kirche.  Man  sagt,  sie  seien 
der  edlen  sfntaL  Sie  erben  allermeist  dieselben  kloster/rauen, 
(S.  204.) 

Die  Beghinen  und  NoUharten  wollen  die  dritte  Regel  des  heiligen 
Franziskus  befolgen  (S.  205),  sie  tragen  aber  den  Stadtklatsch  um, 
treiben  Kuppelei  (S.  207)  und  Aberglauben   mit  Kerzenlöschen ,   tun 

4 


—     50     — 

Wunder  und  geben  Ablafe.  Entweder  soll  man  ihre  Vereinigimg-en 
aufheben  oder  sie  in  strenge  Klausur  einschlielsen ,  damit  sie  durch 
Hilfeleistung  auf  dem  Krankenbett  ihr  Almosen  verdienen.  Der 
Messner  soll  morgens  tmd  abends  drei  Zeichen  auf  der  Pfarrkirche 
geben  so  lange,  da(s  man  fünf  Vaterunser  und  fünf  Ave  Maria  beten 
kann. 

Hören  wir  nun  noch  das  Wesentliche  hierüber  aus  den  Vorschlägen 
des  Andreas  von  Escabor. 

Auch  hier  wird  den  Bischöfen  klerikales  Auftreten,  persönliche 
und  jährliche  Visitation  ihrer  Kirchen  und  die  Residenzpflicht 
eingeschärft*).  Ihre  Erfahrungen  von  der  jährlichen  Diözesan - 
synode  sollen  sie  auf  der  alle  drei  Jahre  wiederkehrenden  Provinzial- 
synode  vorbringen.  Die  Mendikanten  dürfen  nicht  Beichthören  oder 
sonstige  pfarramtliche  Funktionen  ausüben,  es  sei  denn  mit  Erlaubnis 
der  Kuraten.  Es  sollen  vom  KonzU  (zu  Basel)  wiederrufen  werden  die- 
jenigen Religiösen  beiderlei  Geschlechts  (S.  226),  die  Bigwarden  oder 
Beghinen,  die  keine  von  der  Kirche  approbierten  Regeln  haben.  Sie 
sollen  gezwungen  werden,  sich  einer  bestehenden  Ordensregel  zu  unter- 
werfen oder  ihre  Wohnplätze  zu  verlassen,  ihre  Tracht  abzulegen,  zur 
Welt  zurückzukehren,  zu  arbeiten  und  nicht  weiter  zu  betteln,  damit 
nicht  so  viel  müfeiges  Volk  in  der  Kirche  gefunden  wird,  das  von 
fremder  Arbeit  und  Almosen  lebt  unter  dem  Schein  der  Frömmigkeit. 
Die  mobilia  bona  sollen  zwischen  Abt  und  Frieren  nicht  getrennt 
sein,  denn  dies  widerspricht  der  Ordensregel. 

In  dem  Angeführten  finden  sich  wieder  manche  Berührungspunkte 
zwischen  beiden  Reformversuchen,  namentlich  bei  den  Forderungen 
über  die  Beghinen.  Es  ist  offenbar,  dafs  unserem  Verfasser  hier  wieder 
Anträge  vorlagen,  die  im  Sinne  des  Andreas  von  Escabor  verfafet 
waren,  wenn  nicht  diese  selbst  in  freier  Weise  verdeutscht  und  er- 
läutert sind.  Aber  durch  den  Vergleich  unserer  Schrift  mit  diesem 
einen  Reformentwurf  lassen  sich  noch  nicht  alle  Klagen  und  Forde- 
rungen unseres  Verfassers  decken,  wir  müssen  vielmehr  noch  eine 
andere  Quelle  hinzuziehen,  und  das  sind  die  Beschlüsse  der  Provinzial- 
und  Diözesansynoden  aus  damaliger  Zeit  ^).  Es  erhält  dadurch 

i)  Haller,  S.  220. 

2)  Hier  eröffnet  sich  dem  L  o k alf o  rs c h  e  r  ein  weites  Feld  dankbarer  Arbeit.  Vor  allem 
wäre  eine,  modernen  Anforderungen  entsprechende  Veröffentlichung  der  Diözesan-,  Dekanats- 
u.  a.  Statuten  des  XV.  und  XVL  Jahrhunderts  sehr  wünschenswert.  Daraus  würden  sich 
sehr  wichtige  Ergebnisse  nicht  nur  fUr  die  Kirchengeschichte,  sondern  auch  für  die  Kultur- 
geschichte im  Allgemeinen  ableiten  lassen.  So  würde  aus  den  Beschlüssen  der  Partikular- 
konzilien ein  interessanter  Einblick  ermöglicht  werden,   wie   das  Laienelement   aUmählig^ 


—     51     — 

die  Stimme  unseres  Verfassers  gleichsam  einen  breiteren  Resonanzboden 
nnd  die  lokalen  Töne  in  der  Schrift  werden  erkennbarer. 

Schon  die  genehmigten  Beschlüsse  des  Generalkonzils  zu  Basel, 
die  erst  von  der  12.  Sitzimg  ab  für  die  Reform  des  geistlichen  Standes 
wichtig'  und  von  Einiiuls  auf  die  darauf  in  Deutschland  gehaltenen 
Provinzial-  und  Diözesankonzilien  waren,  namentlich  die  in  Gegenwart 
des  Kaisers  Sigmund  *)  gefafsten,  klingen  deutlich  an  die  Forderungen 
unseres  Verfassers  an,  ja  decken  sich  oft  völlig. 

Es  soll  danach  jährlich  in  der  Osterwoche  eine  Diözesansynode 
vom  Bischof  abgehalten  werden,  Ermahnung  über  Kirchenzucht,  Vor- 
lesung der  Statuten,  Unterricht  über  Verwaltung  der  Sakramente  und 
amtliche  Verrichtungen,  Untersuchung  über  eingeschlichene  Mife- 
brauche  und  Vergehen  der  Geistlichen  sollen  hier  Gegenstände  des 
Konzils  sein.  Allerdreijahre  soll  aber  ein  ProvinzialkonzU  stattfinden. 

Diese  Beschlüsse  sollen  in  den  Provinzial-  und  Diözesankonzilien  *) 
wiederkehren,  weU  sie  in  die  Akzeptationsurkunde  von  1439  auf- 
genommen wurden,  wenn  auch  mit  einigen  Änderungen.  Aber  gerade 
diese  Änderungen,  die  durch  die  lokalen  Unterschiede  veranlafst  sind, 
interessieren  uns  am  meisten.  Sie  führen  uns  durch  ihre  mannigfachen 
Einzelheiten  auch  in  die  unserer  Schrift  tiefer  ein. 

So  wissen  wir  von  einer  Salzburger  Synode  aus  dem  Jahre  1420, 
deren  Statuten  unter  heftigen  Klagen*)  Konkubinat,  Jagd,  Fechten, 
Turnen  und  Tanzen,  Würfel-  und  Kegelspiel  der  Kleriker  verbieten; 
ebenso  wird  die  Simonie,  für  Spendung  von  Sakramenten  und  Sakra- 
mentalien Geld  zu  fordern,  verurteilt.  Auch  soll  die  Absolvierung  von 
vorbehaltenen  Fällen  nicht  feü  geboten  *)  und  so  durch  Geldzahlungen 
erpreist  werden.  Unser  Verfasser  wül  deshalb  die  aus  dieser  Ver- 
weigerung der  Absolution  häufig  gefolgerte  Vorenthaltung  des  Abend- 


20  die  VerwaltoDg  der  Kirchengüter  einzudringen  sacht,  sowie  über  AnsäUe,  derartige 
Refonnideen  zu  Terwirklichen.  Der  Heraasgeber  dieser  Zeitschrift  hat  mich  bereits  güügst 
anf  einen  eigenen  Fond  aafinerksam  gemacht,  nämlich  den  Versach,  eine  Kirchenfabrik 
im  Anfang  des  XYL  Jahrhunderts  (1532)  in  Monreal  (Diözese  Trier)  aaf  Kosten  der  Vikariats- 
p€rtDden  zn  gründen  (Übersicht  über  den  Inhalt  der  kleineren  Archive  der  Rheinprovinz 
2.  Bd.,  S.  82,  Nr.  13.).  Ohne  Zweifel  sind  derartige  Versnche  anch  ander- 
wärts gemacht  worden  und  namentlich  den  Archivaren  bekannt 
f)  Unsere  Schrift  geht  ja  anter  diesem  Namen  in  die  Öffentlichkeit. 

2)  Das  behauptet  Binterim,  dem  ich  in  meinen  Mitteilungen  folge,  in  seiner  Prctg- 
tmatücken  Gesch,  der  deutschen  National- ^  Provinztal-  und  Diözesankonzilien  vom  IV, 
bis  XVI.  Jahrhundert,  (1848),  S.  210  ff. 

3)  Ebenso  die  Speyerer  Synode,  ebenda  S.  319. 

4)  Ebenda  S.  419  &• 

4* 


—     52      — 

mahls  vom  Standpunkte  des  Laien  abgeschaflfl  wissen.  Für  Anfertigung^ 
von  Formatbriefen  ist  höchstens  ein  Turoner  für  Schrift  und  Siegel 
zu  nehmen.  Auf  dem  Provinzialkonzil  zu  Trier  von  1423  wird  ebenso 
scharf  gegen  Konkubinat,  weltliche  Tracht  und  Betragen  der  Geistlichen 
vorgegangen,  namentlich  aber  über  die  Almosensammler  weitläufige 
und  unserer  Schrift  ähnliche  Klage  geführt.  Viele  derselben  betrögen 
die  Armen  auf  listige  Weise,  indem  sie  Ablässe  versprächen,  Strafe 
androhten  im  Namen  der  Heiligen  und  von  Gelübden  dispensierten. 
Es  soll  deshalb  kein  Laie  als  Almosensammler  angestellt  werden,  auch 
soll  gegen  solche  vorgegangen  werden,  die  gute  und  löbliche  Bräuche 
abschaßen  wollen,  wie  es  z.  B.  Bürgermeister,  Gemeinde  und  Zünfte 
jetzt  tun  bei  Begräbnissen  und  Anniversarien  (S.  460). 

Wir  finden  also  hier  von  klerikaler  Seite  deutlich  eine  Ablehnung- 
der  in  den  Städten  damals  herrschenden  und  deshalb  auch  von  unserem 
Verfasser  vertretenen  Ansicht  über  Begräbnis,  Anniversarien  und  über 
die  damit  verknüpften  Gebräuche. 

Das  Provinzialkonzil  zu  Bamberg  von  145 1  (S.  247)  sucht  Mifsstände 
abzuschaffen,  die  sicher  schon  20  Jahre  früher  eingerissen  waren.  Be- 
sonders werden  hier  wie  auch  auf  dem  Provinzialkonzil  zu  Mainz  (S.  284  f.) 
die  Grenzen  der  Amtstätigkeit  zwischen  Pfarrern  und  Mendikanten  von 
neuem  festgelegt.  Dabei  wird  lebhaft  über  letztere  geklagt,  dafe  sie, 
gestützt  auf  päpstliche  Privilegien,  ohne  bischöfliche  Befugnisse  mit 
Vorliebe ,  pfarramtliche  Funktionen  ausübten.  Die  energische  Forde- 
rung unseres  Verfassers  *),  keinen  kirchlichen  Würdenträger  aus  einem 
Orden  zu  wählen  wegen  des  daraus  entstehenden  Privilegierens ,  ist 
nichts  anderes  als  der  Widerhall  dieser  in  vielen  Diözesen  verbreiteten 
Erregung.  Auch  die  weitere  Schilderung  des  Treibens  von  falschen 
Religiösen  und  Bruderschaften  von  Laien  *)  beiderlei  Geschlechts ,  die 
husitische  Irrlehren  verbreiteten,  versetzt  uns  lebhaft  in  das  MUieu,  aus 
dem  auch  unser  Verfasser  seine  Ausfalle  gegen  das  Winklertum  und 
die  Befürchtung  schöpft,  es  möchte  in  den  Städten  der  Irrglaube  sich 
immer  weiter  ausdehnen  *).  Es  wird  z.  B.  auf  der  Konstanzer  Synode  den 
Gläubigen  verboten,  starke  arbeitsfähige  Lullarden,  die  anstatt  von 
Handarbeit  von  Almosen  leben  wollen,  mit  diesem  zu  unterstützen. 
Die  Landdechanten  werden  angewiesen,  das  Tragen  von  Skapulieren 
der  Mitglieder  des  sogen,  dritten  Ordens  durch  Laienpersonen  zu  ver- 


i)  Vgl.  oben  S.  4  bei  der  Reform  über  die  Wahl. 

2)  Vgl.  S.  304  u.  313. 

3)  Vgl.  oben  S.  8. 


—     53     — 

bieten ,  weil   sie   verheiratet  sind ,   in  der  Welt  bleiben  und  dadurch 
grolses  Ärgernis  err^en  (S.  313)  ^). 


Aus  alledem  ergibt  sich  folgendes:   Wir  müssen   die  Worte  des 
Verfassers  der  ReformatioA  Kaiser  Sigmunds  zu  Recht  bestehen  lassen, 
als  sei  seine   Schrift  als  Übersetzung  und   Erläuterung  von  Reform- 
antnigen   „hoher  Weiser  und  Magister*'    anzusehen.     Wie  weit    nun 
des  Verfassers  Übersetzung  und  Kunst  des  Übersetzens  reicht  —  sp 
sehr  auch  im  Humanistenkreis  zu  Augsburg  diese  geübt  wtirde  ^)  — , 
können  wir  nicht  absolut  feststellen,   solange   wir   nicht  die  Fassuqg 
kennen,   die   ihr  bestimmt  als  Vorlage  gedient  hat.     So  müssen  wir 
bis  jetzt  auf   einen  Vergleich  von  Wort   zu  Wort  mit  der  Vorlage 
verzichten   und  uns   mit  dem  Hinweis   auf  die  Übereinstimmung  von 
Inhalt  zu  Inhalt  begnügen.    Da  ergibt  sich  denn,  dafs  der  Verfasser 
die  in  der  Gegenwart  des  Kaisers  Sigmund  zu  Basel  gefafsten  General- 
bescblüsse,   die  Anträge  der  deutschen  Nation  (nach  Haller)  und  den 
Reformentwurf  des  Andreas  von  Escabor  unbedingt  gekannt  und  be- 
nutzt hat,  letztere  positiv  und  negativ.    Neben  diesen  groisen  Zügen 
der  Reform   über  Wahl,   Qualifikation   und  Einkommen   der  Kleriker, 
die  wir  aus  der  Konzilsarbeit  wieder  erkannten,  treten  uns  auch  noch 
kleinere,  aber  deshalb  nicht  minder  wichtige  entgegen  von  teils  lokaler, 
teils  persönlicher  Färbung.     Wir  konnten  hier  auf  den  Gleichlaut  von 
Klagen  und  Forderungen   über  die  Amtshandlungen  der  Kleriker  auf 
den  Proviozial-  und  Diözesankonzilien  jener  Zeit  hinweisen.    Also  auch 
in  diesem  Punkte  sind  Unterlagen  für  unsere  Schrift  von  Männern  zu 
konstatieren,  die  an  der  Reformarbeit  beteiligt  gewesen  und  wohl  die 
Gelehrten  aus  einer  Bischofs-  und  Universitätsstadt')  sind,  von  denen 
CT  auch  die  übrigen  Anträge  erhalten  hat.     Die  auf  diese  Unterlagen 
basierten  Forderungen  haben  denn  auch  nichts  Vereinzeltes,  Radikales 
mehr,  wie  oft  behauptet  wurde,  sondern  gehören  zu  den  in  den  General- 


i)  Und  viele  andere  Synoden  (namentlich  die  von  Aagsbnrg),  von  deren  Beschlüsse 
Bioterim  leider  nur  die  Kapitalüberschriften  mitteUt 

2)  Joachimsohn,  Humanistische  Gtschichtschreibung  (1895),  S.  14  a.  18.  Die 
Uteimacbeo  SteUen,  die  er  mit  in  seine  Schrift  genommen  hat,  sind  zum  Teil  schlecht 
fibcTMlxt,  ein  Beweis  für  die  Halbbildung  des  Verfassers.     Vgl.  Anhang  S.  88  Anm.  2. 

3)  Es  scheint  mir,  als  ob  es  Magister  der  Wiener  Universität  seien.  Der  grofse 
Einflids  der  Magister  einer  hohen  schule  auf  die  Verleihung  der  Pfarrstellen  und  die 
kbhafte  Schildemsg  der  Domherren,  die  von  der  „hohen  Schule'*  kommen,  legen  das 
Bibe.  Die  ErwShniing  der  Domfraoklöster  zu  St.  Stephan  scheint  auf  Wien  zu  fUhren,  zu- 
mal von  dort  der  Verfasser  Valentin  Eber  Papiere  fUr  den  Humanistenkreis  in  Augsburg 
besorgte.     VgL  Joachimsohn,  Humanistische  Geschichtschreibung,  S.  iS. 


—     54     — 

und  Partikularkonzilien  verdichteten  Stimmen.  Wir  haben  im  Gegen- 
teil g-esehen,  dafs  manche  parallele  Forderungen,  namentlich  die  des 
Andreas  von  Escabor,  die  Haller  *)  als  die  extremsten  bezeichnet,  viel 
weiter  gehen. 

Bei  weitem  aber  den  gröfsten  Teil  unserer  Schrift  nehmen  un- 
streitig die  Elrläuterungen  des  Verfassers  ein.  Sie  sind  für  die  Be- 
urteilung des  Laienstandes  der  Reichstädte  in  betreff  seiner  Anschauungen 
über  Reform  des  geistlichen  Standes  höchst  wichtig  und  charakteristisch. 
Hier  wird  in  dem  mutigen  Ton  eines  Städtebürgers,  und  sagen  wir, 
eines  ihrer  wichtigsten  Vertreters,  des  Stadtschreibers,  gesprochen,  der 
in  der  freimachenden  Luft  der  mittelalterlichen  Stadt  zur  Selbsthilfe 
geschult  ist  Und  wohltuend  wirkt  der  freie  Geist,  der  in  den  Reform- 
anträgen gegenüber  den  in  ausgetretenen  Bahnen  wandelnden  Zunft- 
gelehrten zu  Worte  kommt.  Er  bringt  es  allein  zu  neuen  Gedanken, 
die  aber  nur  insofern  neu  wirken,  als  sie  von  dem  weltlich-städtischen 
Gebiete  auf  das  kirchlich-feudale  übertragen  sind.  So  sind  die  Sätze 
von  der  peinlichen  und  reinlichen  Scheidung  des  Geistlichen  vom  Welt- 
lichen, vom  Heimfall  des  Reichsguts  und  von  damit  verknüpftem  Ver- 
lust des  weltlichen  Fürstenamtes  der  geistlichen  Herren,  von  der  Ab* 
wehr  gegen  die  Vermönchung  *)  des  kirchlichen  Amtes  und  Besitzes, 
von  der  Ablösung  der  Gerechtigkeit  und  Aufhebung  der  Leibeigen- 
schaft *)  zum  Teil  erst  in  neuerer  Zeit  verwirklicht,  haben  aber  durch- 
aus etwas  vom  Erdgeruch  der  freimachenden  Stadtorganisation  des 
Mittelalters  an  sich.  Das  Stadtbürgertum  ist  eben  vorbildlich  geworden 
für  das  moderne  Staatsbürgertum.  Seine  Forderungen  sind  aber  auch 
nicht  radikal,  revolutionär,  sondern  sehr  konservativ.  So  soll  die 
Säkularisation  des  von  der  Kirche  besessenen  Reichsgutes  wieder  an  das 
Reich  zurückfallen.  In  der  Kirche  sind  Papst  und  Kardinäle  die  Quelle 
des  Rechts,  Papst,  Bischöfe  und  Pfarrer  die  Säulen  der  Hierarchie. 
Wenn  der  Verfasser  sich  auch  zu  dem  Satze  bekennt,  dais  das 
allgemeine  Konzil  recht  eigentlich  die  Kirche  bilde  ^) ,  so  zeigt  er 
damit  nur,  wie  populär  diese  von  Konrad  von  Gelnhausen  noch  vor 
Heinrich  von  Langenstein  ausgesprochene  konziliare  Idee  damals 
schon  war. 


i)  A.  a.  o.  II,  S.  114. 

2)  Wie  die  mönchische  EinseUoDg  des  Zölibats  der  Verfasser  als  Humanist  bekämpft, 
vgl.  Histor.  Vierteljahrschr.  5.  Bd.,  S.  471. 

3)  Vgl.  ebenda  S.  485  f. 

4)  Vgl.  B  o  e  h  m  Cap. :    Wie  es  aufgestanden  ist^  dass  goii  will  einen  anderen  stand 
und  Ordnung, 


—     55     — 

Aber  der  Verfasser  vertritt  diese  Ideen  nicht  für  sich  allein,  sie 
sind  auch  ein  Produkt  seiner  Umgebung',  und  aus  jenen  lernen  wir  auch 
diese  kennen.  Wir  finden  sie  wieder  in  dem  Augsburger  Humanisten- 
kreis der  erst  jung  erstehenden  Laienbildung.  Aus  diesem  Kreis  ist 
unsere  Schrift  ein  kräftiges  Wort,  so  da(s  wir  Andreas  von  Escabor 
verstehen,  wenn  er  zur  Abwehr  gegen  das  Laienelement  den  Klerus 
aufnift »). 

Schon  auf  dem  Baseler  Konzil  werden  schliefslich  Laienstimmen 
immer  zahlreicher  und  lauter  ').  Unser  Verfasser  will  ja  auch  mit  seiner 
Schrift,  als  einem  allgemeinen  Bekennen  der  gemeinen  Christen^ 
die  Laienkreise  allgemeiner  und  lebhafter  in  die  damals  hochgehende 
Reforrabewegung  hineinziehen.  Die  vermittelnde  Rolle ,  die  der 
Stadtschreiber  durch  Übersetzungen  auf  dem  gelehrten  Gebiete 
spielte ') ,  nimmt  auch  tmser  Verfasser  als  Stadtschreiber  ein  durch 
die  Vermittelung  gelehrter  Reformentwürfe  an  die  damals  gebildeten 
Laienkreise  des  Städtebürgertums.  So  sehen  wir  denn,  dafs  dieses 
Bürgertum  noch  ganz  konservativ  auf  dem  Gebiete  der  Kirchenordnung 
denkt,  aber  sein  humanistisch  gebildeter  und  weltlich-städtebürgerlicher 
Geist  doch  schon  manches  freie  moderne  Wort  findet. 


Mitteilungen 


Yeraammluilgeil« — Der  dritte  Tag  für  Denkmalpflege^)  ist  am  25.  und 
36.  September  im  Ständehause  zu  Düsseldorf  abgehalten  worden.  Vor  dem 
Eintritt  in  die  Tagesordnung  widmete  der  Vorsitzende  kurze  Worte  der 
Erinnerang  dem  verstorbenen  Direktor  der  Mecklenburgischen  Sammlungen 
und  Museen   in  Schwerin,   Geh.  Hofrat  Dr.  Schlie.     Begrünungen  brachten 


1)  Vgl.  oben  S.  46. 

3)  Vgl  G.  Voigt,  Eoea  Silrio  Piccolomini,  I.  Bd.  1856,  S.  67.  68  a.  108.  Monu- 
menU  Conciliomm  saeciüi  XV.,  11,  693  laicis  comminantibus.  Vgl.  auch  Haller,  S.  204: 
it  köc  (oämlich  PlaraliUit  der  Pfründen)  et  alti  layci  conqueruntur.  Auch  war  „die 
«fgeregte  Stimmong  der  deutschen  Laien*'  ein  Argument  fUr  den  Papst,  das  Konzil  zu 
verlegen.  Vgl.  Bezold,  Vom  rheinischen  Bauernaufstand  im  Jahre  1431.  (Zeitschr. 
Ar  Gesch.  des  Oberrheins,  27.  Bd.,  S.   137. 

3)  ^S^-  Joachimsohn,  Gergor  Heimburg  (1891),  S.  114»  i^nd  derselbe  Verfasser, 
Humanistische  GeschichUchreibung  (1895),  S.  14. 

4)  Über  den  zweiten  1901  zu  Freiburg  i.  Br.  abgehaltenen  Tag  vgl.  diese  Zeitschrift 
m.  Bd.,  S.  61—63. 


—     56     — 

der  Vertreter  des  Preufsischen  Unterrichtsministers,  Geh.  Oberregierungsrat 
V.  Bremen,  der  Landeshauptmann  der  Rheinprovinz  Dr,  Klein,  die  Vertreter 
Österreichs  und  der  Schweiz,  Professor  Neuwirth  und  Professor  Zemp.  Nach 
dem  Bericht  über  die  Tätigkeit  des  Ausschusses  seit  der  letzten  Tagung 
kamen  in  gleichem  Mafse  Recht  und  Theorie,  Praxis  und  Technik  der  Denk- 
malpflege  in  einleitenden  Vorträgen  wie  in  den  daran  sich  anschliefsenden 
Verbandlungen  zu  ihrem  Recht. 

Ministerialrat  v.  Biegeleben  aus  Darmstadt  berichtete  über  das  nun- 
mehr am  I.  Oktober  d.  J.  in  Kraft  getretene  Hessische  Gesetz  vom  i6.  Juli 
1902  zum  Schutze  der  Kunstdenkmäler  und  über  die  dazu  gehörigen  Aus- 
führungsbestimmungen ,  Professor  Loersch  aus  Bonn  über  die  Annahme  des 
auf  dem  letzten  Tage  für  Denkmalpflege  von  ihm  erläuterten  Gesetzentwürfe 
durch  die  Volksabstinunung  vom  16.  März  1902  im  Kanton  Bern,  Professor 
Neuwirth  aus  Wien  über  den  augenblicklichen  Stand  der  Vorbereitimgen  für 
ein  Gesetz  über  Denkmalpflege  in  Österreich,  wo  auch  ein  Spezialgesetz  zur 
Erhaltung  des  Diokletianischen  Palastes  in  Spalato  in  Aussicht  genommen  ist. 

Die  einleitenden  Vorträge  über  die  Erhaltung  von  Baudenkmälern  und 
plastischen  Kunstwerken  hatten  Professor  Komelius  Gurlitt  aus  Dresden  und 
Professor  Borrmann  aus  Berlin  übernommen;  ihre  Berichte  wie  die  Ver- 
handlung zeigten,  dafs  für  die  Konserviervmg  des  Materials  sicher  wirkende 
Mittel  und  Verfahren  noch  immer  nicht  gefimden  sind.  Es  wurde  eine 
Konmiission  mit  der  Untersuchung  der  Verwitterungsvorgänge  und  der  da- 
gegen in  Anwendung  zu  bringenden  Mafsregeln  betraut  Im  Zusanunen- 
hang  mit  diesen  Fragen  wie  in  besonderer  Beratung  am  zweiten  Tage 
wurde  auch  die  Notwendigkeit  der  Bezeichnung  von  neuen  Werkstücken  bei 
Instandsetzung  von  Bauwerken  erörtert  und  ebenfalls  eine  Kommission  mit 
der  Vorbereitung  von  praktischen  Vorschlägen  auf  diesem  Gebiete  für  den 
nächsten  Denkmalpflegetag  beauftragt. 

Wichtige  theoretische  Fragen  kamen  wiederum  zur  Erörterung  in  der 
Verhandlung  über  die  Beseitigung  des  bisherigen  Westportals  des  Metzer  Doms 
und  dessen  Ersatz  durch  ein  gotisches,  ohne  dafs  jedoch  die  Debatte  über 
die  erneute  Begründung  und  Feststelltmg  der  sich  entgegenstehenden  An- 
sichten hinausgekommen  wäre.  Herr  Konservator  Hager  aus  München  legte 
an  der  Hand  praktischer  Beispiele  dar,  dafs  allgemeine  Grundsätze  kaum 
aufgestellt  werden  könnten,  dafs  vieknehr  von  Fall  zu  Fall  entschieden  werden 
müsse,  welches  Vorgehen  das  richtige  sei.  Die  Frage  der  Wiederherstellung 
des  Domes  zu  Meifsen  wurde  mehrfach  gestreift  Eine  Stellungnahme  zu 
solchen  Fragen  durch  Abstimmung  herbeizuführen,  ist  bekanntlich  in  den 
Veisanmüimgen  des  Tages  für  Denkmalpflege  nicht  üblich. 

Die  für  die  praktische  Denkmalpflege  so  überaus  wichtigen  Denkmäler- 
archive wurden  in  einleitenden  Vorträgen  durch  Direktor  v.  Bezold  aus  Nüm- 
beig  und  Professor  Ehrenberg  aus  Königsberg  behandelt,  ihre  Gestaltung 
\md  Einrichtung  dann  nach  verschiedenen  Richtungen  hin  erörtert  Geheimra;t 
Meydenbauer  besprach  noch  besonders  das  von  ihm  so  hoch  entwickelte 
Mefsbilderverfahren  für  Erlangung  unbedingt  richtiger  photographischer  Ab- 
bildimgen. 

Den  Höhepunkt  der  Verhandlungen  bildete  die  fiast  zweistündige  Rede 
des  Oberbürgermeisters  Struckmann  aus  Hildesheim  über  die  Aufgaben  der 


—     57     — 

Kommunalverwaltungen  auf  dem  Gebiete  der  praktischen  Denkmalpflege. 
Die  schöne  Form  des  Vortrags  und  die  Wärme  der  Begeisterung,  die  aus  den 
Worten  des  Redners  klang,  weckte  lebhafte  Zustimmung  in  der  Versammlimg. 
Mit  Recht  konnte  der  Redner  auf  den  bedauerlichen  Mangel  an  Teilnahme 
lunweisen,  der  sich  auf  seiten  der  Stadtverwaltungen  bis  jetzt  dem  Denkmal- 
pflegetag gegenüber  zeigte.  Er  wies  darauf  hin,  wie  das  Kunstleben  der  Städte 
geblüht  habe  und  wie  der  Sinn  für  die  Zeugen  der  Vorzeit  wach  gewesen 
sei,  solange  die  Städte  selbständig  waren,  wie  dieses  Kunstleben  und  dieser 
Sinn  sich  wieder  geregt  hätten  tmd  regen  könnten,  seitdem  nach  langer  Be- 
vormundung durch  den  Staat,  der  alles  an  sich  gerissen  habe,  die  Selbst- 
verwaltung den  Gemeinden  neue  Rechte  zugewiesen  habe.  Den  Rechten 
stünden  aber  auch  Pflichten  zur  Seite  tmd  die  Verwaltung  der  Kommtmen 
müsse  von  den  Bürgern  Pietätlosigkeit  gegen  die  Werke  der  Väter  fem  halten, 
rein  materielle  Bestrebungen  weise  beschränken,  Liebe  zur  Vaterstadt  und 
zn  ihren  Denkmälern  schon  in  der  Jugend  wecken.  Alle  Kräfte  müfsten 
hier  herangezogen  werden,  besonders  die  Kunst-  und  Geschichtsvereine,  nicht 
durch  bureaukratische  Mafsregeln,  sondern  durch  freie  Vorträge,  Besieh- 
tigangen  und  Belehrungen  sei  das  örtliche  Interesse  auch  an  solchen  Bau- 
imd  Konstdenkmälem,  die  fUr  die  Allgemeinheit  und  den  Staat  weniger  Be- 
deutjung  haben,  zu  wecken  und  zu  erhalten.  Aus  seiner  reichen  Erfahrung 
tmd  aus  der  von  ihm  mit  dem  herrlichsten  Erfolg  in  Hildesheim  geübten 
Prans  heraus  hatte  der  Redner  eine  Reihe  von  Sätzen  formuliert,  die  der 
Versammlung  gedruckt  vorlagen  und  unter  Heranziehung  zahlreicher  Beispiele 
im  einzelnen  erörtert  wurden.  Sie  ^den  nicht  nur  eingehende  Würdigung 
in  der  an  den  Vortrag  sich  anschliefsenden  Verhandlung,  an  der  sich  u.  a. 
Geheimrat  Stubben  und  Baurat  Heimann  aus  Köln,  sowie  Geheimrat  Hofs- 
idd  aus  Berlin  beteiligten,  sondern  auch  die  volle  Zustimmung  der  Ver- 
sammlimg, welche  den  Beschlufs  üdste,  dafs  diese  Leitsätze  durch  den 
geschäftsflihrenden  Ausschufs  den  Staatsregienmgen ,  sowie  den  gröfseren 
Provinzial-  tmd  Gemeindeverwaltungen  ziu-  Kenntnisnahme  und  mit  dem  Er- 
suchen, ihnen  entsprechend  verfahren  zu  wollen,  zugestellt  werden  sollen. 
Als  Ergänzung  zu  dem  Vortrage  des  Oberbürgermeisters  Struckmann  be- 
handelte Professor  Giemen  die  Stellimg  der  Provinzialverwaltungen  zur  Denk- 
malpflege, indem  er  insbesondere  die  Verhältnisse  im  Rheinlande  darlegte. 

Eine  geradezu  begeisterte  Au&ahme,  der  auch  Konservator  Hager  aus 
München  beredten  Ausdruck  gab,  hat  im  Schoise  der  Versammltmg  der  im 
Kamen  der  Rheinischen  Provinzialverwaltimg  an  die  Mitglieder  verteilte,  aufs 
reichste  mit  Abbildimgen  ausgestattete  Bericht   über  die   Tätigkeit  der   Pro- 
vinzialkommission  für  die  Denkmalpflege  im  Jahre  1901  gefunden.    Die  Ein- 
leitung zu  diesem  Bericht  gibt  nämlich  eine  Übersicht  über  die  Aufwendvmgen, 
die    die    Rheinprovinz    seit    dem    Inkrafttreten    des    Dotationsgesetzes    vom 
30.  April   1873  ^^  ^^  Zwecke  von  Kunst  und  Wissenschaft   gemacht   hat 
Die  Gesamtsumme  beträgt  4033204  Mk.     Von  dieser  Stmime  entfallen  auf 
die  allgemeinen  Ktmstangelegenheiten,  einschliefslich  der  Kosten  für  die  Er- 
rk:fatimg  der  beiden  Provinzialmuseen,  2661777  Mk. ;    allein  für  die  Erhal- 
tang  von  Denkmälern  sind  ausgegeben  worden  137 1426  Mk.     Diese  Zifiem 
bedürfen  keines  Kommentars.     Mehr  als   einmal  ist  während  der  Verhand- 
lungen    mit    Ausdrücken   lebhaften   Bedauerns    darauf   hingewiesen    worden» 


—     68     — 

dafs  die  Summe  von  looooo  Mk.,  welche  für  die  besonderen  Zwecke  der 
Denkmalpflege  in  dem  Preufsischen  Staatshaushaltsetat  für  1901  ausgeworfen 
war,  in  dem  für  1902  wieder  gefehlt  hat.  Es  wurde  darauf  hingewiesen, 
wie  wichtig  für  die  Weiterentwickelung  der  Denkmalpflege  diese  Bereitstellung 
staatlicher  Mittel  sei,  als  Ergänzung  der  von  Provinzen  und  Gemeinden  auf- 
gebrachten, wie  auch  das  Beispiel  des  gröfsten  deutschen  Staates  für  alle 
tibrigen  in  Betracht  komme.  Aus  diesen  Erwägungen  hat  die  Versammlung 
beschlossen,  die  Bitte  um  Wiedereinstellung  der  erwähnten  Summe  an  die  preufsi- 
schen Minister  des  Unterrichts  und  der  Finanzen  wie  an  die  beiden  Häuser 
des  preufsischen  Landtages  in  besonderer  Eingabe  zu  richten,  ebenso  aber 
bei  der  Übersendung  des  stenographischen  Berichtes  an  alle  deutschen  wie 
an  die  den  Tag  durch  Absendung  von  Bevollmächtigten  ehrenden  aufser- 
deutschen  Regierungen  um  tunliche  Vermehrung  der  für  die  Zwecke  der 
Denkmalpflege  in  den  Budgets  dauernd  bereit  gestellten  Summen  zu  bitten. 
Bezüglich  des  Handbuches  der  deutschen  Kunstdenkmäler'),  dessen 
Notwendigkeit  in  wiederholten  Besprechungen  von  Mitgliedern  der  Versamm- 
lung immer  wieder  aufs  lebhafteste  bestätigt  worden  ist,  konnte  der  Vor- 
sitzende nur  mitteilen,  dafs  die  Verhandlungen  mit  Verlegern  fortgesetzt  werden 
und  dafs  von  selten  des  Reichsamtes  des  Innern  eine  endgültige  Mitteilung 
darüber,  ob  die  vom  Reiche  erbetene  Unterstützung  in  den  Haushaltsetat  für 
1903  eingestellt  werden  könne,  noch  ausstehe.  Professor  Dehio,  der  be- 
kanntlich die  Ausarbeitung  des  Planes  für  das  Handbuch  übernommen  hatte 
und  Proben  desselben  vorlegte,  ist  aus  der  für  die  Verfolgung  der  Angelegen- 
heit in  Dresden  gewählten  kleinen  Kommission  ausgeschieden  und  Hofrat 
v.  Oechelhaeuser  aus  Karlsruhe  an  seiner  Stelle  gewählt  worden. 

Der  geschäftsführende  Ausschufs  wurde  durch  zwei  Mitglieder  verstärkt 
und  besteht  nunmehr  aus  den  Herren:  Geh.  Archivrat  Bailleu,  Direktor 
v.  Bezold,  Ministerialrat  Freiherr  v.  Biegeleben,  Professor  Giemen  (stellv. 
Vorsitzender),  Professor  Loersch  (Vorsitzender),  Professor  v.  Oechelhaeuser, 
Professor  Walld,  Regierungs-  und  Baurat  Tomow. 

Die  Versammlung  beschlofs,  den  nächsten  Tag  für  Denkmalpflege, 
wiederum  im  Zusammenhange  mit  der  Generalversammlung  des  Gesamtvereins 
der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine,  im  Jahre  1 903  gegen  Ende 
September  zu  Erfurt  abzuhalten.  Es  dürfte  nützlich  sein,  darauf  hinzuweisen, 
dafs  für  die  Teilnahme  an  der  Versammlung,  zu  der  die  deutschen  Re- 
gierungen wie  Österreich  und  die  Schweiz,  ebenso  wie  die  Provinzialverwal- 
tungen  und  einzelne  Gemeinden  regelmäfsig  ihre  Vertreter  entsandt  haben« 
weder  die  Zugehörigkeit  zu  einem  Verein  noch  die  Leistung  eines  Beitrages 
Voraussetzung  ist.  Mögen  sich  diejenigen,  denen  die  Erhaltung 
der  Denkmäler  und  ihre  richtige  Pflege  am  Herzen  liegt,  recht 
zahlreich   auf  diesen  Tagen  einfinden!  Loersch  (Bonn). 

Der  dritte  deutsche  Archivtag*)  fand  am  22.  September  zu  Düssel- 
dorf statt,  und  zwar  wurden  zwei  Sitzungen  unter  dem  Vorsitze  von  Archiv- 

1)  VgL  hierüber  Gast.  v.  Bezold,  Ein  neues  Handbach  der  deatschen  Kaost- 
den  kmäler:  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitong  (München)  vom  12.  September  1902,  Nr.  209. 

2)  Über  den  zweiten  1900  in  Dresden  abgehaltenen  Archivtag  vgl.  diese  Zeitschrift 
U.   Bd.,  S.  60—61. 


—     59     — 

direktor  Ilgen   in   den  Räumen   des   neuen  Kgl.  Staatsarchivs   und  in  der 
Tonhalle    abgehalten;    über    60   Teilnehmer,    darunter    einige   Herren    aus 
Holland,    Belgien   und  Luxemburg,    hatten  sich    eingefunden.      Der    vierte 
Archivtag  wird   voraussichtlich  1904    in  Danzig  stattfinden,    der  bisherige 
Ausschufs  —  bestehend  aus  Geh.  Archivrat  Bai  Heu  (Berlin),  Geh,  Archiv- 
rat Grotefend   (Schwerin)   und   Archivdirektor  Wiegan d   (Strafsburg)  — 
wurde  wiedergewählt.     Das   vollständige   Protokoll   der  Verhandl.mgen   wird 
den  Teilnehmern  an  der  Versammlung  noch  zugehen,   deshalb  können  sich 
die  folgenden  Mitteilungen  über  die  Verhandlungen  auf  das  Wichtigste  beschränken. 
An    erster   Stelle    sprach    Stadtarchivar   Heydenreich   (Mühlhausen) 
über  Städtische  Archivbauten   und  forderte    vor  allem  Sicherheit  vor 
Feuer  und  Feuchtigkeit  für  die  zur  Aufbewahrung   der  städtischen  Archive 
bestimmten  Räume   sowie  Vermeidung  ihrer  Verwendung  zu  irgend  welchen 
anderen  Zwecken   und   schliefslich  eine   genügende  Gröfse,   um    eine   über- 
sichtliche Aufstellung  vornehmen  zu  können.     Unter  Hinweis  auf  die  häufig 
bis   in  neuste    Zeit   vorgekommene   Verwahrlosung    ganzer   Stadtarchive   will 
Redner   den  Stadtverwaltungen   die  Fürsorge   für  ihre  Archive  dringend  ans 
Herz  gelegt  wissen;   von  ihrer  Deponierung  in   den  Staatsarchiven  sollte  — 
so  meint  Heydenreich  —  nur  Gebrauch  gemacht  werden  bei  grofser  Finanz- 
not,   die    der  Gemeinde   gröfsere  Aufwendungen   unmöglich   macht.     Es   ist 
erst  eine  Errungenschaft  der  neusten  Zeit,  dafs  bei  Rathausneubauten  von 
vornherein  ein  geeigneter  Archivraum  vorgesehen  wird  oder  dafs  gar  eigene 
Archivgebäude  errichtet  werden :  als  treflfliches  Muster  für  Archive  von  mittlerer 
Gröfse   stellt  H.  das  in  Lüneburg   errichtete  Gebäude  hin.     Die  Aufgabe 
der  staatlichen  Aufsichtsbehörden   ist   es,   dauernd   die   Stadtgemeinden   zur 
Fürsorge   für   ihre  Archive   anzuhalten.  —  Als  Vorbereitung  für   die  bevor- 
stehende Besichtigung  des  neuen  Düsseldorfer  Archivgebäudes,  das  1899  bis 
1901    mit  Aufwand   von   einer  Viertelmillion  Mark  aufgeführt,    den  erst  vor 
dreißig  Jahren  errichteten  vollständig  ungenügenden  Bau  abgelöst  hat,  sprach 
Baurat  Bongard.     Wesentlich  ist  hieran,   dafs   das    Magazingebäude,   für 
dessen  Vergröfsenmg  die  Möglichkeit  besteht  und  das  6  niedrige  Geschosse 
aufweist,    nur   äufserlich   durch   einen   ins    dritte   Stockwerk  führenden  Ver- 
bindungsgang mit  dem  Gebäude  für  die  Beamten  verbunden  ist.     Die  Zentral- 
dampfheizung für  das  Magazin  soll  nur  an  ganz  kalten  Tagen  zur  Vermeidung 
von   Feuchtigkeit   in  Anwendung  kommen.     Der  Benutzersaal,   in   dem   die 
Handbibliothek   auf  besonders   praktischen   eisernen  Regalen   aufgestellt  ist, 
hat  Raum  für  18  Benutzer,  auch  ein  photographisches  Zimmer  ist  vorhanden. 
Im  Anschlufs   an   diese  Ausführungen  entspann    sich    eine   kurze  Erörterung 
über  praktische  Mafsnahmen   zu  Erhöhung   der  Feuersicherheit  und  der  Er- 
hellung der  Magazinräume ;  namentlich,  ob  durchbrochene  oder  feste  Decken 
—  in  Düsseldorf  sind  letztere  mit  weifscm  leuchtenden  Anstrich  verwendet  — 
zweckmäfsiger  seien,  wurde  erörtert    Gegen  Roststabdecken  machte  sich  eine 
unverkennbare  Strömung   geltend,   während   über  Glasdecken   offenbar  noch 
nicht  genügende  Erfahrungen  gesammelt  worden  sind.  —  Über  die  Bestände 
des  Düsseldorfer  Staatsarchivs  sprach  in  Kürze  Archivdirektor  Ilgen.     Das 
Archiv  dient  im  ganzen  den  Regierungsbezirken  Aachen,  Köln  und  Düssel- 
dorf und  umfafst  die  alten  Territorien  Erzstift  Köhi,  Jülich-Berg,  Cleve-Mark, 
Geldern   und   Mors   sowie   die   in  diesem  Gebiete   gelegenen   Reichsabteien, 


—      60     — 

Klöster  u.  s.  w  Im  XVIII.  Jahrhundert  waren  Bonn,  Düsseldorf,  Cleve  und 
Geldern  die  zuständigen  Archivsitze;  Düsseldorf  besafs  sein  Archiv  schon 
im  XV.  Jahrhundert,  während  das  Erzstiftisch  -  Kölnische  Archiv  erst  im 
XVII.  Jahrhundert  nach  Bonn  gebracht  wurde,  um  bei  der  Flucht  nach 
Westfalen  1794  erhebliche  Verluste  zu  erleiden.  Als  1820  die  Staatsarchive 
—  damab  Provinzialarchive  genannt  —  gegründet  wurden,  sah  man  für  die 
drei  Regierungsbezirke  zwei  Archive  in  Köln  und  Düsseldorf  vor,  aber  das 
erstere  ward  1832  bis  1835  auf  Lacomblets  Betreiben,  der  das  Düsseldorfer 
Archiv  gegründet  hat,  aufgelöst  Lacomblet  teilte  die  Bestände  in  Urkunden, 
Handschriften,  Akten,  Literalien  (Notbehelf  zur  Unterbringung  von  Pergament- 
aufzeichnungen,  die  keine  Urkunden  sind,  Fragmente,  Anfange  der  Korre- 
spondenzen und  sonstige  Verlegenheitsabteilung)  und  Karten  imd  führte  eine 
sachliche  Ordnung  ein.  Sein  Nachfolger,  der  kürzlich  verstorbene  Harlefs, 
hat  nicht  gewagt  dieses  Ordnungssystem  umzuwerfen,  aber  dies  ist  die  vor- 
nehmste Aufgabe  der  Zukunft,  um  das  Provenienzprinzip  zur  Durch- 
führung zu  bringen.  Dabei  wird  die  Abteilung  der  Literalien  und  der  Hand- 
schriften in  den  Akten  aufgehen. 

In  der  zweiten  Sitzung,  in  der  aus  Zeitmangel  die  Behandlung  der 
Kassationsfrage  durch  Grotefend  und  der  Vortrag  Wieg  and  s  über  Wert 
und  Bedeutung  der  Archivgeschichte  von  der  Tagesordnung  abgesetzt  werden 
mufsten,  sprach  an  erster  Stelle  Geh.  Archivrat  B  a  i  1 1  e  u  über  das  Provenienz- 
prinzip und  dessen  Anwendung  im  Geh.  Staatsarchive  zu  Berlin,  wo  es  1881 
das  bis  dahin  angewandte  sogenannte  physiographische  Prinzip  (d.  h.  Ordnung 
nach  dem  Inhalte)  abgelöst  hat.  Den  Grundstock  bildet  das  Archiv  des 
Etatministeriums  des  Brandenburg •  Preufsischen  Staats,  das  Kabinettsarchiv 
des  Königs  sowie  das  aus  dem  Generaloberfinanz-,  Kriegs-  und  Domänen- 
archiv erwachsene  Geh.  Ministerialarchiv :  sie  sind  organisch  aus  der  Behörden- 
organisation erwachsen,  und  Zugänge,  die  von  den  Behörden  kamen,  waren 
jederzeit  leicht  einzuordnen.  Als  nun  1807  die  neue  Staatsverwaltung  mit 
Ressortministerien  in  Kraft  trat  imd  das  Geh.  Staatsarchiv  das  Zentralarchiv 
des  Preufsischen  Staates  wurde,  hätten  vernünftigerweise  diese  Archive  ge- 
schlossen und  der  neuen  Behördenorganisation  entsprechend  neue  AbteUungen 
geschaffen  werden  sollen.  Dies  ist  jedoch  nicht  geschehen,  sondern  die 
neuen  Zugänge  wurden  jetzt  gewaltsam  in  die  einmal  vorhandenen  AbteÜimgen 
hineingezwängt,  wobei  natürlich  die  neuen  organisch  entstandenen  Registraturen 
zerrissen  wurden.  Auch  das  Archiv  der  Provinz  Brandenburg  wurde  auf 
diese  Weise  zum  Teil  aufgelöst,  und  so  wurde,  auch  infolge  des  alten 
Grundsatzes,  ein  Aktenstück,  das  mehrere  Jahre  umfafst,  immer  zum  Schlufs- 
jahr  zu  legen,  alhnählich  die  Auffindung  einzebier  Aktenstücke  sehr  er- 
schwert. Als  seit  1874  eine  Reihe  jüngere  Beamte  in  das  Archiv  kamen, 
wurde  der  Zustand  als  immer  unerträglicher  empfunden,  zunächst  die  Kabinetts- 
registratur König  Friedrich  Wilhelms  III.  wieder  zusammengebracht  und  1 88 1 
die  vollständige  Reinigung  der  alten  Bestände  und  Einrichtung  neuer  Registra- 
turen für  die  neuen  Behörden  beschlossen.  Es  ging  verhältnismäfsig  schnell, 
denn  die  Verschmelzung  war  vielfach  nur  äufserlich  geschehen,  und  in  einem 
Jahre  waren  die  alten  Gruppen  von  den  neuen  Zutaten  gereinigt,  und  diese 
selbst  wurden  dann  so  aufgestellt,  wie  die  Akten  bei  den  Behörden  entstanden 
waren.  —  An  letzter  Stelle  sprach  sodann  Archivrat  Sello  (Oldenburg)  über 


—     61      — 

Zapon  in  der  Archivpraxis.  Derselbe  gab  zunächst  der  Freude  darüber  Aus- 
druck,  dafs  die  rührige  Vereinigung  der  Niederländischen  Archivare  *)  sich 
bereits  eingehend  mit  der  Zaponfrage  befafst  habe,  und  dafs  der  Referent, 
Archivar  Schoengen-Leeuwarden,  nicht  nur  anwesend  sei,  sondern  auch 
seinen  soeben  im  Druck  vollendeten  bezüglichen  Bericht  den  Archivteilnehmern 
in  Sonderabztigen  mitgeteilt  habe.  Der  Versuch,  welchen  die  im  Herbste 
1899  vom  Sächsischen  Kriegsministerium  nach  Dresden  berufene  Archivar- 
Konferenz  *)  gemacht  hat,  die  auf  der  Konferenz  vertretenen  Staatsregierungen 
u,  s.  w.  zur  Einführung  des  Zaponverfahrens  in  die  Archivpraxis  von  Amts 
wegen  zu  veranlassen,  ist  gescheitert.  Die  meisten,  und  gerade  die  einflufs- 
reichsten  der  in  Frage  kommenden  Instanzen  haben  dem  ihnen  vom  Säch- 
sischen Staatsministerium  übermittelten  Beschlufs  der  Konferenz  keine  Folge 
gegeben,  vielmehr  ist  alles  weitere  dem  guten  Willen  der  einzelnen  über- 
hissen geblieben.  An  einzelnen  Archiven  hat  man  zwar  mit  Eifer,  doch  ohne 
Nutzen  für  die  Allgemeinheit,  experimentiert;  andererwärts  hat  man  sich  um 
die  ganze  Sache  wenig  oder  gar  nicht  gekümmert,  oder  selbst  ablehnend 
verhaken,  obwohl  es  keinem  Zweifel  mehr  unterliegt,  dals  derjenige  Archivar, 
welcher  sich  das  wirksame  und  einfache  Mittel  nicht  dienstbar  zu  machen 
sucht,  einen  Kunst  fehler  begeht  Es  handelt  sich  bei  der  ganzen  An- 
gelegenheit nicht  blofs  um  die  praktische  Frage,  in  dem  einen  oder  anderen 
Falle  irgend  ein  beschädigtes  Archivstück  zu  erhalten,  sondern  um  das  höchste 
Interesse  der  Archive,  um  die  Konservierung  der  Schriftdenkmäler 
unserer  vaterländischen  Geschichte.  Diese  beansprucht  die  gleiche 
Berücksichtigung  wie  die  Konservierung  der  Bau-  irad  Kunstdenkmäler.  Ehren- 
pflicht des  Archivtages  ist  es,  dieser  Aufgabe  sich  zu  widmen  und  den  Be- 
schhiis  der  Dresdener  Konferenz,  wenigstens  dem  Sinne  nach,  zur  Aus- 
ftorung  zu  bringen.  Dies  kann  aber  nicht  geschehen  ohne  Erledigung  einer 
Vorfrage.  Das  nach  Schills  Anweisung  aus  bekannten  Stoffen  hergestellte 
Normal -Zapon  besitzt  allerdings  die  gewünschten  konservierenden  Eigen- 
schaften in  hohem  Mafse  und  hat  keine  schädlichen  Nachwirkungen.  Das 
im  Handel  befindliche  Zapon  aber,  dessen  die  Praxis  nicht  entbehren  kann, 
insbesondere  auch  das  von  Schill  und  Posse  empfohlene  „Archiv-Zapon" 
einer  Berliner  Firma,  enthält  eingestanden ermafsen  unbekannte  Zusätze. 
Vor  den  hierin  möglicherweise  liegenden  Gefahren  mufs  der  Archivpraktiker 
geschützt  werden.  Es  ist  daher  die  nächste  Aufgabe  einer  etwa  vom  Archiv- 
tage einzusetzenden  Kommission,  auf  die  Feststellung  einer  bestimmten  Vor- 
schrift für  die  Zusammensetzung  eines  einwandfreien  und  zweckdienlichen 
Normal-Archivzapons  hinzuwirken.  Man  wird  sich  zu  diesem  Zwecke  mit 
berufenen  Vertretern  der  Chemie  in  Verbindung  setzen  müssen.  Die  Archive 
können  abdann  angewiesen  werden,  nur  garantiertermafsen  nach  dieser  Vor- 
schrift hergestelltes  Zapon  zu  verwenden,  es  mufs  aber  auch  fUr  eine  wissen- 
schaftlich-chemische Kontrolle  des  in  den  Handel  kommenden  Fabrikats 
gesorgt  werden.  Der  Vortragende  beschrieb  darauf  im  einzelnen  das  von 
ihm  mit  Rücksicht  auf  tunlichste  Einfachheit,  Raschheit,  Sicherheit  und 
Bü^keit  ausgebildete  und  im  Grofsherzoglich  Oldenburgischen  Haus-  und 
Zeo^alarchiv  erprobte,  von  der  Schillschen  Methode   mehrfach  abweichende 

i)  VgL  darüber  diese  Zeitschrift  III.  Bd.,  S.   109 — 112. 
2)  Vgl.  darüber  diese  Zeitschrift  I.  Bd.,  S.  58. 


—     62      — 

Verfahren  bei  der  Zapon-ImprägnieruDg.  In  der  an  den  Vortrag  sich  an- 
schliefsenden  kurzen  Besprechung  wurden  insbesondere  die  Bedenken,  welche 
der  Vortragende  gegen  die  zweifelhafte  Natur  des  käuflichen  Zapons  erhoben 
hatte,  durch  Mitteilungen  des  Archivdirektors  Wiegand  (Strafsburg)  unter- 
stützt. Alsdann  wurde  eine  aus  diesem,  dem  Geh.  Archivrat  Grotefend 
(Schwerin)  imd  Archivrat  S  e  1 1  o  (Oldenburg)  bestehende  Kommission  ernannt, 
um  im  Sinne  des  Vortrages  die  Einführtmg  des  Zaponverfahrens  zu  fördern. 
Am  Vormittage  des  27.  Septembers  fand  Archivrat  Sello  noch  Gelegenheit, 
im  Kgl.  Staatsarchive  vor  einer  Anzahl  von  Fachgenossen  seine  Methode 
mit  Hilfe  der  von  ihm  in  einem  handlichen  Kasten  zusammengestellten  Geräte 
in  allen  ihren  Einzelheiten  zu  demonstrieren. 

Eingegangene  Bficher. 

In  der  Maur,  Carl  v.:  Die  Gründung  des  Fürstentums  Liechtenstein 
[=  Jahrbuch  des  Historischen  Vereins  für  das  Fürstentum  Liechtenstein, 
Erster  Band  (Vaduz  1901),  S.  5 — 80]. 

Loesche,  Georg:  Bibliographie  über  die  den  Protestantismus  in  Öster- 
reich betreffenden  Erscheinungen  des  Jahres  1901.  [=  Jahrbuch  der 
Gesellschaft  für  die  Geschichte  des  Protestantismus  in  Österreich. 
22.  Jahrgang,  S.  222 — 240.] 

Munzinger,  Ludwig:  Die  Entwicklung  des  Inseratenwesens  in  den 
deutschen  Zeitungen.    Heidelberg,  Carl  Winter,  1902.  90  S.  8®.    M.  2,40. 

Sahm,  Wilhelm:  Geschichte  der  Stadt  Kreuzburg  (Ostpreufsen).  Königs- 
berg i.  Pr.,  Thomas  &  Oppermann,   1901.     281  S.  8®.     M.  4. 

Simenon,  Willem:  Gesrhiedenis  der  voormalige  heerlijkheid  Vlytingen, 
hoofdbank  der  elf  banken  van  St.  Servaas  [=  Publications  de  la  sod^^ 
historique  et  arch^ologique  dans  le  duch^  de  Limbourg,  tome  XXXVII., 
1901].     Maestricht,  Leiter-Nypels,   1901.     429  S.  S^, 

Üslar-Gleichen,  E.  Frhr.  von:  Das  Geschlecht  Wittekinds  des  Grofsen 
und  die  Immedinger.  Hannover,  Carl  Meyer,  1902.  115  S.  8<*. 
M.  3,60. 

Wintterlin,  Friedrich:  Geschichte  der  Behördenorganisation  in  Württem- 
berg, herausgegeben  von  der  Kommission  für  Landesgeschichte.  Erster 
Teil:  Bis  zum  Ende  des  18.  Jahrhunderts.  Stuttgart,  W.  Kohlhammer, 
190a.     165  S.  80.     M   1,50. 

Ahrens:  Antonius  Corvinus,  der  Reformator  von  Kaienberg  -  Göttingen 
[=  Protokolle  über  die  Sitzungen  des  Vereins  für  die  Geschichte 
Göttingens  1900 — 1901,  S.  83 — 91]. 

Bretholz,  B. :  Die  Pfarrkircke  St.  Jakob  in  Brunn,  herausgegeben  vom 
Gemeinderate  der  Landeshauptstadt  Brunn.  Brunn,  Rudolf  M.  Rohrer, 
1901.     206  S.  40. 

Buttmann,  Rudolf:  Nikolaus  Lorchs  Buina  PalatincUus  Bipontini,  heraus- 
gegeben, übersetzt  und  erläutert  [=  Mitteilungen  des  Historischen 
Vereines  der  Mediomatriker  für  die  Westpfalz  in  Zweibrücken  U]. 
Zweibrücken,  Kranzbühler,   1901.      126  S.  8®. 

Eberwien,  W.:  Zur  Geschichte  des  politischen  Zeitungswesens  in  Göttingen 
[==  Protokolle  über  die  Sitzungen  des  Vereins  für  die  Geschichte 
Göttingens   1900 — 1901,  S.  28 — 46]. 


—    6a    — 

Forrer,  R. :  Keltische  Numismatik  der  Rhein-  und  Donaulande  [=  Jahr- 
buch der  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  und  Altertumskunde, 
Metz,  13.  Jahrgang  (1901),  S.   1—35]- 

Gurewitsch,  B. :  Die  Entwicklung  der  menschlichen  Bedürfnisse  und  die 
soziale  Gliederung  der  Gesellschaft  [=  Staats-  und  sozialwissenschafUiche 
Forschungen,  herausgegeben  von  Gustav  Schmoller.  XIX.  Bd.,  Heft  4]. 
Leipzig,  Duncker  &  Humblot,   1901.     139  S.  8^.     M.  3. 

Handbuch  der  Wirtschaftskimde  Deutschlands,  herausgegeben  im  Auftrage 
des  deutschen  Verbandes  ftir  das  kauftnännische  Unterrichtswesen. 
I.  Bd.     Leipzig,  B.  G.  Teubner,   1901.     331   S.  S^.     M.   12. 

Hartmann,  Ludo  M.:  Preufsisch-österreichische  Verhandlungen  über  den 
Crossener  Zoll  und  über  einen  General -Konmierz- Traktat  zur  Zeit 
Karls  VL  [=  Wiener  staatswissenschaftliche  Studien,  herausgegeben  von 
Edmimd  Bematzik  und  Eugen  von  Philippovich ,  3.  Bd.,  i.  Heft]. 
Tübingen  und  Leipzig,  J.  C.  B.  Mohr,   1901.     86  S.  8^.     M.  3,20. 

Hegel,  Karl  von:  Vergröfsemng  und  Sondergemeinden  der  deutschen 
Städte  im  Mittelalter  [=  Sonderabdruck  aus  der  Festschrift  der  Uni- 
versität Erlangen  zur  Feier  des  achtzigsten  Geburtstages  Sr.  Königlichen 
Hoheit  des  Prinzregenten  Luitpold  von  Bayern].  Erlangen  und  Leipzig, 
A.   Deichert  (Georg  Böhme),  1901.     16  S.  8<^.     M.  0,60. 

Hoff  mann,  Albrecht:  Geschichte  des  deutschen  Zollrechts  bis  zum 
bayerisch- württembergischen  Zollvereine  von  1828  [=  Deutsches  Zoll- 
recht, I.  Bd.  (Rechtsgeschichte),  i.  Abteilung].  Leipzig,  Rofsberg 
&  Berger,   1900.     164  S.  8^ 

Hey denr eich,  Eduard:  Bau-  und  Kunstdenkmäler  im  Eichsfeld  und  in 
Müblbausen,  Vortrag  gehalten  auf  der  Frühjahrs- Versammlung  des  ge- 
schäftsftihrenden  Ausschusses  der  Provinzial  -  Denkmälerkonmiission  der 
Provinz  Sachsen  in  Heiligenstadt  am  20.  Mai  1902.  Mühlhausen  in 
Thüringen,  Karl  Albrecht,   1902.     35  S.  4^^. 

Haber,  Paul:  Der  Haushalt  der  Stadt  Hildesheim  am  Ende  des  XIV.  und 
in  der  ersten  Hälfte  des  XV.  Jahrhunderts.  [=  Volkswirtschaftliche 
und  wirtschaftsgeschichtliche  Abhandlungen,  herausgegeben  von  W.  Sdeda, 
Erstes  Heft.]     Leipzig,  Jäh  &  Schunke,  1901.     148  S.  S^. 

Kawerau,  Gustav:  Die  Versuche,  Melanchthon  zur  katholischen  Kirche 
zurückzuftihren.  [=  Schriften  des  Vereins  ftir  Refonnationsgeschichte 
Nr.   73.]     Halle,  Max  Niemeyer,   1902.     88  S.  8^     M.   1,20. 

Kilian,  Eugen:  Samuel  Friedrich  Sauter,  ausgewählte  Gedichte,  eingeleitet 
und  herausgegeben  [=  Neujahrsblätter  der  Badischen  Historischen 
Kommission   1902].     Heidelberg,  Karl  Winter.     78  S.  8<^. 

Könnecke,  Max:  Die  evangelischen  Kirchenvisitationen  des  XVI,  Jahr- 
hunderts in  der  Grafschaft  Mansfeld.  [=  Mansfelder  Blätter,  Mitteilungen 
des  Vereins  ftir  Geschichte  und  Altertümer  der  Grafschaft  Mansfeld  zu 
Eisleben,  14.  Jahrgang  (1900),  S.  36  — 109.] 

Lc  gouverneur  d'un  prince,  Frdd^ric  C^sar  de  Laharpe  et  Alexan- 
dre I^  de  Russie,  d'apr^  les  manuscrits  inddits  de  F.  C.  de  Laharpe 
et  Ics  sources  russes  les  plus  r^centes.  Fribourg  en  Brisgau,  C.  Troemer 
(Ernst  Harms),  348  S.  8«. 

Lohmeyer,  Karl:    Kritisches  zur  altpreufsischen  Geschichtsforschung,  in 


—     64     — 

zwanglosen  Heften  herausgegeben,  II.  .  Königsberg  i.  Pr.,  Druck  von 
Leo  Krause  und  Ewerlien,   1901.     21   S.  8<*. 

Loesche,  Georg:  Geschichte  des  Protestantismus  in  Osterreich  in  Um- 
rissen, im  Auftrage  der  „Gesellschaft  für  die  Geschichte  des  Protestantis- 
mus in  Österreich".  Tübingen  und  Leipzig,  J.  C.  B.  Mohr,  1902. 
251  S.  8^     2  Kronen. 

Müsebeck,  E.:  Die  Benediktinerabtei  St.  Arnulf  vor  Metz  in  der  ersten 
Hälfte  des  Mittelalters  [=  Jahrbuch  der  Gesellschaft  für  lothringische 
Geschichte  und  Altertumskunde,   13.  Jahrgang  (1901),  S.   164 — 244]. 

Meli,  Anton:  Die  Anfänge  der  Bauembefreiimg  in  Steiermark  unter  Maria 
Theresia  und  Joseph  IL  [=  Forschungen  zur  Verfassungs-  und  Ver- 
waltungsgeschichte der  Steiermark,  5.  Bd.,  i.  Heft].  Graz,  Styria,  1901, 
243  S.  80. 

Nottrott,  L. :  Versuch  einer  römischen  „Reformation"  vor  der  Reformation 
[=  Schriften  für  das  deutsche  Volk,  herausgegeben  vom  Verein  für 
Reformationsgeschichte,  Nr.  XXXVIII].  Halle,  Max  Niemeyer,  1901. 
56  S.  80. 

Pallas,  K. :  Geschichte  der  Stadt  Herzberg  im  Schweinitzer  Kreise.  Herz- 
berg (Elster),  Selbstverlag  des  Verfassers,  1901.  i.  imd  2.  Liefenmg 
(je  0,50  M.).     96  S.  80. 

Sachsenland,  Das,  Monatsschrift  für  Sächsische  Geschichte  und  Literatur, 
Landes-  und  Volkskunde.  Herausgeber:  Rudolf  Zimmermann  in  Chemnitz, 
Verlag:  C.  Engelmann  Nachf.  in  Potschappel.  i.  Jahrgang  (1901). 
Nr.  2  (August,  S.  33 — 64).    Vierteljährlich  1,25  M.,  Einzelheft  50  Pfg. 

Schneider,  Eugen:  Stuttgart  im  Bauernkrieg  [=  Sonderabdruck  aus  den 
Wtirttembergischen  Vierteljahrsheften  für  Landesgeschichte,  Neue  Folge  X, 
1901.     S.  400 — 416]. 

Schnell,  H:  Heinrich  V.,  der  Friedfertige,  Herzog  von  Mecklenburg  1503  bis 
1552  [=  Schriften  des  Vereins  für  Reformationsgeschichte  Nr.  72]. 
Halle,  Max  Niemeyer,   1902.     72  S.  80.     M.   1,20. 

Schubart,  P. :  Die  Verfassung  und  Verwaltung  des  Deutschen  Reiches 
und  des  Preulsischen  Staates  in  gedrängter  Darstellung.  16.  Auflage, 
abgeschlossen  Oktober  1901.  Breslau,  Wilh.  Gottl.  Korn,  1901.  210 
und  42  S.  80.     Gebunden  M.   1,60. 

Sembritzki,  Johannes:  Memel  im  XIX.  Jahrhundert,  Festschrift  zum 
650jährigen  Jubiläum  der  Stadt  Memel,  i.  August  1902.  Memel, 
F.  W.  Siebert,   1902.     207  S.  80. 


Berichtigung 

In  dem  Aufsatze  Ortsflur ,  polnischer  Oemeindebexirk  und  Kirchspiel 
von  Rudolf  Kötzschke  im  dritten  Bande  dieser  Zeitschrift  S.  2 73 ff. 
ist  zu  lesen: 

S.  278,  Z.   21  statt  umgearbeitet:  umgestaltet, 
S.  290,  Anm.  2  statt  Miselche:  Miselohe, 
S.  292,  Anm.  2  statt  P.  Schom:  P.  Schoen. 

D.  Red. 

Heniasgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig.  —  Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


stur 


Forderung  der  landesgescMcbtlichen  Forscliung 

IV.  Band  Dezember  xgoa  3.  Heft 


Forsehungen  und  Forsehungsaufgaben  auf 
dem  Gebiete  der  Gegenrefortnation 

Von 
Gustav  Wolf  (Freiburg  i.  B.) 

Es  wird  wenige  Zeiträume  deutscher  Geschichte  geben,  für  welche 
die  Ziele  der    Geschichtsblätter  so  vollständig  mit  den  allgemeinen 
Forschungsaufgaben  zusammenfallen,  als  gerade  das  XVI.  Jahrhundert. 
Friedrich  der   GroCse  und  Bismarck  können  wenigstens    nach    vielen 
Richtungen  erschöpfend  gewürdigt  werden,  ohne  dafs  man  sich  in  das 
kleine  Getriebe   des   preußischen  Staatsorganismus  vertieft  und   ohne 
-dais  man  in  den  damaligen   inneren  Zustand   der  einzelnen  Provinzen 
eindringt.    Andrerseits  läfst  sich  die  organisatorische  Regententätigkeit 
Friedrich  Wilhelms  I.  von  Preufeen,  Josefs  II.  von  Österreich  und  vieler 
anderer  deutscher  Fürsten  auch  ohne  eingehende  Darlegung  des  Zu- 
sammenhanges mit  den  grofsen  Weltereignissen  in  ihrem  Wesen  und 
Zwecke  begreifen.    Für  die  Reformationsepoche  auf  eine  solche  Füh- 
lung zwischen  Lokalgeschichte  und  allgemeiner  Geschichte  verzichten, 
hiefise  sich  von  vornherein  der  wichtigsten  Resultate  begeben,  welche 
die    Forschung    auf  diesem    Gebiete    gewinnen    kann.      Die   Lebens- 
beschreibung eines  nur  räumlich  beschränkt  tätigen  Reformators,   die 
Schilderung  der  religiösen  Umwälzung  in  dieser  Stadt  und  jenem  Dorfe 
sinken  zur  Ansammlung  ziemlich  wertloser  Notizen   herab,    wenn   der 
Darsteller  es  nicht  versteht,  das  Typische  von  dem  individuell  Charakte- 
ristischen zu  scheiden,  auf  Schritt  und  Tritt  die  Wechselwirkung  zwischen 
den  g^ofeen  Begebenheiten  der  Geistes-  und  politischen  Geschichte  tmd 
seinem  Spezialthema  zu  verfolgen   und  so   den  von   ihm   erforschten 
Tatsachen  und  Gedanken   ihren  Platz   im  Rahmen  der  ganzen  vater- 
ländischen Entwickelung  einzuräumen.   Umgekehrt  verkennt  ein  Forscher, 
welcher  den  Gang  der  Dinge  nur  an  der  Hand   der  Reichsgeschichte 
oder  der  Schicksale   und  Meinungsäufserungen   Luthers,   Calvins   und 
Melanchthons  studiert,  vollständig  den  Hintergrund,    auf  welchem  die 

5 


—  -%%-  — 

Ereignisse  sich  abspielten  und  jene  Männer  wirkten,  und  weife  nichts 
von  den  Motiven,  Folgen  und  Grenzen  dieses  Geschehens  und  Empor- 
kommens. So  wird  uns  die  Ursache  des  Zusammenstofses  zwischen 
Karl  V.  und  den  deutschen  Fürsten  und  das  ganz  verschiedenartige 
Verhalten  beider  Faktoren  erst  begreiflich,  wenn  wir  sehen,  dafe,  was 
man  vorschnell  als  Kurzsichtigkeit  oder  Blindheit  der  Territorial- 
Obrigkeiten  tadelt,  nichts  anderes  als  das  natürliche  Produkt  einer 
seit  Generationen  bestehenden  Erziehung  und  Entwickelung  ist,  dals 
die  g^o&en  Monarchen  des  Abendlandes  und  die  deutschen  Landes- 
herren schon  nach  ihrem  Erkenntnisvermögen,  nach  ihren  anererbten 
Lebensgewohnheiten  inkommensurable  Gröfsen  waren.  So  kann  keiner 
das  heftige  Toben  und  Kritisieren  der  Theologen  richtig  erklären,  der 
nicht  durch  intensives  Studium  der  Orts-  und  Territorialgeschichte  das 
Gegenstück  dieser  scharfen  Fehden  in  den  zahlreichen  Übergängen, 
Halbheiten,  Unklarheiten  findet,  wie  sie  mit  solchen  konfessionellen 
Auseinandersetzungen  und  werdenden  Religionen  verbunden  sein  müssen 
und  nur  an  Symptomen  und  in  Einzelheiten,  selten  durch  offenkundige, 
weithin  sichtbare  Aufserungen  zu  Tage  treten. 

Derartige  Erwägungen  scheinen  auf  den  ersten  Blick  sehr  billig 
und  nahezu  selbstverständlich.  Aber  nicht  immer  folgt  die  praktische 
Nutzanwendung  der  Erkenntnis  plausibeler  Wahrheiten  auf  dem  Fufee 
und  sie  kann  das  häufig  auch  gar  nicht,  weil  die  Zusammenhänge 
zwischen  örtiichen  und  allgemeinen  Verhältnissen  oft  sehr  komplizierter 
Natur  sind.  So  verdankt  denn  auch  die  Wissenschaft  die  meisten  wissen- 
schaftlichen Fortschritte  dieser  Art  erst  einer  relativ  jungen  Ver- 
gangenheit. Die  systematische  Ausbeute  der  Archive,  wie  sie  erst 
die  sogenannten  Publikationsinstitute  ermöglicht  haben,  die  Veröffent- 
lichungen verwandter  Akten  aus  verschiedenen  Ländern,  welche  den 
Benutzern  früher  ungeahnte  Parallelen  geradezu  aufdrängen,  endlich 
das  grofsenteils  zuerst  an  der  Erforschung  anderer  Zeiträume  geschulte 
Verständnis  für  innere  finanzielle  und  organisatorische  Fragen,  an  denen 
man  früher  achüos  vorüberging,  haben  unseren  Gesichtskreis  erweitert, 
haben  dem  Historiker  Aufgaben  gestellt,  dafs  eine  Rundschau  über 
das,  was  geleistet  und  was  noch  zu  leisten  ist,  manche  unerwartete 
Belehrung  und  Anregung  gewähren  würde.  So  sehr  sich  meinem  per- 
sönlichen Wunsche  die  Anstellung  einer  solchen  Rundschau  gerade  in 
einem  Momente  aufdrängt,  wo  ich  darangehe,  als  Einleitung  zum 
zweiten  Bande  meiner  Deutschen  Geschickte  im  Zeitalter  der  Gegen- 
reformation einen  Überblick  über  die  Gesamtlage  der  deutschen  Terri- 
torien um   die  Mitte   des   XVI.  Jahrhunderts   zu   entwerfen,   so   treten 


(o^ 


einer  kompletten  Erfüllung  dieser  Aufgabe  nahezu  unüberwindliche 
Schwierigkeiten  durch  die  Masse  und  zum  Teil  schwere  Zugänglichkeit 
der  einschlägigen  Literatur  entgegen.  Da  überdies  der  mir  verfüg- 
bare Raum  zur  blosen  Aufzählung,  geschweige  denn  zu  einer  frucht- 
bringenden Besprechung  schon  der  mir  bekannten  Arbeiten  nicht  aus- 
reichen würde,  halte  ich  es  für  erspriefslicher,  eine  Auswahl  zu  treffen 
und  einige  instruktive,  sich  mir  ganz  besonders  aufdrängende  Beispiele 
herauszugreifen,  als  eine  doch  nicht  erreichbare  Vollständigkeit  an- 
zustreben. Ich  will  mich  dabei  heute  auf  die  katholische  Seite  be- 
schränken ;  über  die  protestantische  Seite  vielleicht  ein  anderes  Mal ! 
Die  These,  dafs  nach  dem  Verschwinden  Karls  V.  die  Habsburger 
als  die  mit  der  Kaiserkrone  begabten  Herren  der  österreichischen  Erb- 
staaten zu  betrachten  sind  und  das  Reich  nach  partikularistischen  Ge- 
sichtspunkten regiert  haben,  gehört  zu  den  banalsten  Weisheiten  all- 
gemeinen reformationsgeschichtlichen  Wissens.  Die  meisten  ober- 
flächlichen Kenner  werden  aber  zur  Begründung  dieser  Behauptung 
wenig  mehr  anführen  können,  als  dafs  die  habsburgischen  Reichs- 
oberhäupter aus  territorialem  engherzigen  Interesse  ihr  Hauptaugen- 
merk auf  die  energische  Abwehr  der  Türken  gerichtet,  die  nötigen 
Kontributionen  zum  hervorragendsten  Gegenstande  der  Reichstags- 
verhandlungen gemacht  und  die  Erledigung  anderer  wichtiger  Fragen 
darüber  vernachlässigt  hätten.  Wenn  diese  dann  emen  Blick  werfen 
anf  die  reichhaltigen  Literaturangaben,  welche  nicht  zu  den  geringsten 
Vomigen  der  österreichischen  Geschichte  von  Alfons  Huber  ^)  ge- 
hören, dann  werden  sie  erstaunen  über  die  mannigfaltigen  Fragen, 
welche  in  jener  Zeit  Ferdinands  I.,  Maximilians  II.  und  Rudolfs  II. 
die  Politik  der  Hofbui^  beherrscht  haben.  Die  Bestrebungen,  die 
Macht  der  Stände  einzuschränken,  die  Organisation  fester  Regierungs- 
kollegien, die  Bemühungen  um  Beseitigung  der  sittlichen  und  Ver- 
waltungsschäden des  Katholizismus  und  um  Hebung  des  geistigen 
Niveaus  der  Kleriker,  die  Ausbreitung  der  evangelischen  Lehre  in  den 
verschiedenen  österreichischen  Erbstaaten,  die  habsburgische  Erbfolge 
im  Reiche,  der  Wunsch,  letzteres  von  den  niederländischen  und  fran- 
zösischen Religionskämpfen  unbeeinflufst  zu  erhalten  und  im  Interesse 
einer  kräftigen  Türkenabwehr  vor  Zersplitterung  seiner  Hilfsmittel  zu 
behüten,  der  Gedanke  an  die  Ansiedelung  eines  Ritterordens  an  der 
ungarischen  Grenze,  sowie  der  Wunsch  nach  Gebietserweiterungen  und 
manche  andere  Probleme  ziehen  an  unserem  Auge  vorüber.  Ein  grofser 
Teil  dieser  Fragen  ist  erst  in  neuerer  Zeit  aufgeworfen,  ja  gerade  nach 

i)  Geschichte   Österreichs  Band  4  (Gotha  1892). 


—     .A4.     — 

Huber  erst  umfassender  in  Angriff  genommen  worden.  So  liegen,  um 
nur  das  Bekannteste  zu  erwähnen ,  für  Tirol  und  Vorderösterreich  das 
zweibändige  Werk  Hirns  über  Erzherzog  Ferdinand  ')  und  die  Abhand- 
lungen Freiherm  v.  Becks  und  Loserths  über  die  Wiedertäufer  im 
Archiv  fiir  österreichische  Geschichte,  für  Steiermark,  Krain  und  Kämthen 
die  noch  lange  nicht  abgeschlossenen  Studien  Loserths  •),  zu  denen 
eine  willkommene  Ergänzung  durch  Schellhafs'  Veröffentlichungen  aus 
den  vatikanischen  Papieren  (A  kten  zur  RefortntäHgkcit  Feltctan  Niguar- 
das  insbesondere  in  Bayern  und  Österreich  während  der  Jahre  1^72  bis 
'577  ^^  ^^^  Quellen  und  Forschungen  aus  italienischen  Archiven  und  Bib- 
liotheken, I — III),  geboten  wird,  fiir  Niederösterreich  die  ebenfalls  noch 
nicht  abgeschlossenen  Forschungen  ViktorBibls*)  vor.  Die  Tätigkeit 
Ferdinands  I.  für  Schlesien  hat  durch  Räch  fahl  (Die  Organisation  der 
Gesanttstaatsverwaltung  Schlesiens  vor  dem  Dreifsigjährigen  Kriege 
in  Schmollers  Staats-  und  sozialwisscnschaftlichcn  Forschungen  XIII) 
manche  Aufhellung  erfahren.  Alle  diese  Gelehrten  suchen  durch  sorg- 
fältige Archivbenutzung,  durch  die  oft  mikroskopische  Betrachtung 
einzelner  Forschungsgegenstände  und  auch  in  kleinem  Bereiche  wirk- 
samer Männer  unser  Wissensgebiet  zu  erweitem  und  vermitteln  uns 
Kenntnisse,  deren  wir,  wenn  wir  sie  einmal  erworben  haben,  nicht 
entbehren  können,  um  den  grofsen  Zusammenhang  der  deutschen  Ent- 
wickelung  zu  durchschauen.  Daneben  hat  uns  nun  andererseits  die  neue 
Studienordnung  für  die  juristischen  Fakultäten,  welche  österreichische 
Reichsgeschichte  als  obligatorischen  Unterrichtsgegenstand  *)  einfiihrte, 
eine  Reihe  ausgezeichneter  Lehrbücher  von  Huber-D op seh  ^öj/^r- 
reichische  Reichsgeschichte,  Geschichte  der  Staatsbildung  und  des 
öffentlichen  Rechts,  2.  Auflage,  1901),  Luschin  von  Ebengreuth 
(österreichische  Reichsgeschichte,  Geschichte  der  Staatsbildung,  der 
Rechtsquellen  und  des  öffentlichen  Rechts,    Bamberg  1896),  Wer- 

i)  Eruherzog  Ferdinand  II.  i'on  Tirols  Geschichte  seiner  Regierung  und  seiner 
Länder  (Innsbruck  1885—1888). 

2)  Besonders  die  Reformation  und  Gegenreformation  in  den  innerösterreichischen 
Ländern  (StnUgart  1898)  und  Akten  und  Korrespondenten  zur  Geschichte  der  Gegen- 
reformation in  Inneröstereich  (1578 — 1590)  in  den  Fontes  renim  Aastriacarom  Abt.  2,  Bd.  50 
(Wien  1898). 

3)  Besonders  die  Organisation  des  evangelischen  Kirchenwesens  im  Erzherzogtum 
Österreich  u,  d.  Enns  von  der  Erteilung  der  Religionskonuession  bis  zu  Kaiser  JHäxi- 
milians  IL  Tode  (Wien  1899).  Die  Einführung  der  katholischen  GegenreformcUion 
in  Niederösterreich  durch  Kaiser  Rudolf  IL  (1576— 1 580),  (Innsbruck  1900). 

4)  Wesen  und  Zweck  dieses  Unterrichtsgegeostandes ,  der  für  jeden  anderen  Staat 
vorbildlich  werden  könnte,  hat  in  dieser  Zeitschrift  II.  Bd.,  S.  97 — 108  v.  Voltelini 
gekennzeichnet. 


-li- 


misky  (Österreichische  Reichs-  und  Rechtsgeschichte,  Wien  seit 
1894  in  Lieferungen)  verschafift,  welche  zum  Teil  als  reifer  Abschlufs 
langjähriger  Studien  zu  betrachten  sind  und  welche  daher  gleichzeitig 
e^^e  und  fremde  Detailforscbungen  zu  einem  Gesamtbilde  verarbeiten 
wie  auch  wertvolle  Anr^imgen  zu  weitergehenden  Untersuchungen 
enthalten. 

Wir  wollen  nur  auf  einige  noch  zu  lösende  Probleme  hinweisen, 
welche  sich  erst  jetzt  durch  die  Entwickelung  der  österreichischen  Ge- 
scbichtsltteratur  aufwerfen.  Loserth  ist,  wie  ich  früher  einmal  aus- 
geführt habe,  von  seiner  ursprünglichen  Aufgabe,  eine  steirische  Ver- 
iassungs-  und  Verwaltungsgeschichte  unter  den  Erzherzögen  Karl  und 
Ferdinand  zu  schreiben,  allmählich  zur  Untersuchung  des  Verhältnisses 
zwischen  Fürst  imd  Landschaft,  zur  Lektüre  der  Landtagsakten,  zum 
Studium  der  damals  wichtigsten  territorialen  Frage  gelangt  und  hat 
sich  so  zuletzt  der  Reformationsbewegung  Innerösterreichs  gewidmet. 
Das  ist  kein  Zufall,  sondern  beruht  auf  dem  unzweifelhaft  vorhandenen 
innigen  Zusammenhange  dieser  Dinge,  welcher  noch  in  hellerem  Lichte 
erscheinen  wird,  wenn  erst  auch  die  anderen  Glieder  dieser  Kette  in 
ihrer  Eigenart  imtersucht  sind  und  ihnen  ihre  besondere  Stelle  im  gro&en 
Ganzen  angewiesen  werden  wird.  Durch  die  Erkenntnis  dieses  Zu- 
sammenhanges gewinnt  aber  nicht  nur  der  Ursprung  und  der  Verlauf 
der  steirischen  Reformationsgeschichte,  gewinnen  Charakter,  Interessen 
und  Anschauungen  der  beteiligten  Personen  und  Bevölkerungskreise 
eine  eigene  Motivierung  und  Färbung;  da  einzelne  dieser  Faktoren 
schon  vor  B^^inn  der  Reformation  ihre  Entwickelung  begonnen  oder 
gar  abgeschlossen  hatten,  ergibt  sich  aus  der  geschilderten  Ver- 
flechtung, dais  infolge  der  ganzen  konstitutionellen  und  sozialen  Ent- 
wickelung des  Landes  für  die  religiöse  Bewegung  von  vornherein  ganz 
q>ezieUe  fordernde  und  hemmende  Bedingungen  bestanden  haben. 
Man  kann  mit  anderen  Worten  eine  Reihe  frappanter  Züge  aus  der 
steierischen  Reformationsgeschichte  ohne  Kenntnis  früherer  historischer 
Vorgänge  und  Zustände  überhaupt  nicht  verstehen.  Die  Studien  von 
Krones  *)  und  Luschin  über  Steiermark  im  ausgehenden  Mittelalter, 
die  verschiedenen  Arbeiten,  welche  von  der  Verwaltungsreform  der 
habsburgischen  Erbstaaten  unter  Maximilian  I.  und  Ferdinand  I.  handeln, 

i)  Besonders  Verfassung  und  Verwaltung  der  Mark  und  des  Herzogtums  Steter 
von  ihren  Anfängen  bis  zur  Herrschaft  der  Habshurger  (Forschungen  zur  Verfassungs- 
umI  Verwaltnogsgeschichte  der  Steiermark  I)  und  Landesfürst  y  Behörden  und  Stände 
des  Henogiums  Steter  1283-1411  (ebenda  IV,  i).  Vgl.  auch  die  Rezension  von  Dopsch, 
Mttteilaog«n  des  Inst.  f.  österr.  Gesch.,  XXII,  666  ff. 


-M  - 


und  namentlich  diejenigen  unter  ihnen,  welche  die  eigenen  Gedanken 
der  beiden  Herrscher  und  die  einheimischen  Grundlagen  des  Ver- 
fassungswerkes betonen,  namentlich  auch  Belows  Aufsatz  von  der  land- 
ständischen Verfassung,  welcher  es  unternimmt,  auf  Grund  der  neuesten 
Forschungen  über  die  verschiedensten  Territorien  Vergleiche  anzustellen  *) , 
gewähren  hierfür  wertvolle  Fingerzeige.  Weder  die  Tatsache,  dafe  sich  in 
Österreich  und  Steiermark  früher  als  in  den  meisten  deutschen  Territorien 
die  landständische  Verfassung  entwickelt  hat,  noch  die  vielfachen  Erb- 
teilungen und  Zerwürfnisse  unter  den  Habsburgem  mit  der  dadurch 
bedeutend  gesteigerten  Macht  des  Adels,  noch  auch  der  Gegensatz, 
der  zwischen  Landherren  und  Rittern  einerseits  und  Städten  andererseits 
obwaltete,  noch  endlich  der  Umstand,  dafs  Maximilian  und  Ferdinand 
die  amtliche  Unabhängigkeit  ihrer  neuen  Regfierungsorgane  von  den 
Landschaften  hauptsächlich  durch  Anstellung  einheimischer  Adliger 
auf  den  wichtigsten  Posten  herbeiführten  und  damit  den  beherrschenden 
Einflufs  des  Adels  auf  die  Staatsgeschäfte,  den  sie  offiziell  brachen, 
tatsächlich  wiederherstellten,  dürfen  hierbei  übersehen  werden.  Auf 
dem  Hintergrunde  dieser  historischen  Gestaltung  der  politischen  Ver- 
hältnisse spielt  sich  dann  die  Reformationsbewegung  so  ab,  da(s  die 
Adeligen,  welche  infolge  des  Verfalles  der  Wiener  Hochschule  vielfach 
auswärts  studierten,  besonders  in  Wittenberg  und  Tübingen  die  neue 
Lehre  in  sich  aufnahmen,  dais  fiir  dieselben  der  Protestantismus  mit 
den  folgenden  Säkularisationen  auch  einen  materiellen  Gewinn  brachte, 
dafs  die  Herrscher  trotz  ihrer  persönlichen  kirchentreuen  Gesinnung 
ja  von  religiös  gleichgültigen  und  dem  Landscbaftsadel  entnommenen 
oder  nahestehenden  Räten  und  Hofleuten  umgeben  waren,  dafe  ebenso 
wichtige  Prälatenstellen,  besonders  in  der  Salzburger  Kurie  und  den 
von  ihr  abhängigen  Landesbistümem  von  Gurk,  Seckau  und  Lavant 
von  Mitgliedern  des  Adels  eingenommen  und  mehr  als  Pfründe  wie 
aus  Berufsfreude  verwaltet  wurden,  dafs  also  weder  die  Fürsten  noch 
der  Klerus  dem  Adel  mit  der  nötigen  Energie  entgegentraten.  Kommt 
dazu  die  Verwilderung  des  Priesterstandes  und  der  Seelsorge,  das 
Recht  des  Adels  zur  Besetzung  zahlreicher  Pfarren,  die  schweren  Finanz- 
sorgen der  Habsburger  und  die  Türkenabwehr,  welche  zwar  Fürst 
und  Untertanen  in  den  gleichen  Interessen  vereinigte,  aber  immerhin 
einer  geschickten  Führung  der  protestantischen  Adelspartei  eine  gute 
Karte   in  die  Hand  spielte,   so  lassen   sich  die  reifsenden  Fortschritte 

i)  In  Territortum  und  Siadt^  Aufsätze  zur  deutschen  VerfassungS'y  Verwaltungs- 
und  Wirtschaftsgeschichte  in  der  Historischen  Bibliothek  Bd.  ii  (München  and  Leipzig 
1900),  S.   161  ff. 


7f 

—     ^R-    — 

des  Luthertums  auf  einem  hierfür  scheinbar  nicht  besonders  g'eeig'neten 
Boden  mühelos  erklären.  Ebenso  leicht  wie  diesen  raschen  Aufschwung 
verstehen  wir  freUich  auch  den  schnellen  Niedergang.  Dieser  Adel 
war  sowohl  durch  seine  Lebensanschauungen  als  auch  durch  seine 
Interessen  und  Rücksicht  auf  politischen  Einflufs  viel  zu  sehr  mit  den 
Landesiiirsten  geschichtlich  verwachsen ,  um  es  auf  einen  langen  und 
erbitterten  Kampf  ankommen  lassen  zu  können.  Ferner  fehlte  der 
rechte  Zusammenhalt  zwischen  Adel  und  Städten,  welcher  allein  das 
nötige  geschlossene  Auftreten  der  Landschaft  gegen  den  entschiedenen 
Willen  der  Fürsten  verbürgt  und  letztere  gehindert  hätte,  sich  in  den 
Märkten  eine  Zufluchtsstätte  des  Katholizismus  und  einen  neuen  Aus- 
gangspunkt fiir  die  Gegenreformation  zu  sichern.  So  konnte  die  Pro- 
testantisierung  des  Landes  nur  dann  und  so  lange  fortschreiten,  als  die 
Obrigkeiten  nicht  das  nötige  Selbstgefühl  und  die  erforderliche  Ent- 
schlossenheit besafsen,  um  einen  eigenen  Willen  zu  bekunden. 

In  Niederösterreich  bestanden  ähnliche  Verhältnisse  und  verwandte 
Entwickelungsbedingungen ;  immerhin  regt  die  vergleichende  Lektüre 
von  Loserths  und  Bibls  Arbeiten  zur  Erwägung  an,  dals  einzelne  Ver- 
schiedenheiten auch  einen  etwas  abweichenden  Verlauf  der  Reformations- 
geschichte bewirkten.  So  wird  Niederösterreich  viel  mehr  als  die 
Steiermark  beherrscht  durch  die  innerprotestantischen  Streitigkeiten 
zwischen  den  Freunden  des  Melanchthon  und  Flacius.  Die  Städte  und 
Märkte  besalsen  in  den  nördlichen  Erbstaaten  eine  ungleich  gröfsere 
Wichtigkeit  als  in  den  südlichen.  In  Wien  stand  der  Adel  in  viel 
engeren  Beziehungen  zur  allgemeinen  Politik  und  zum  Reiche  ins- 
besondere als  in  Graz  und  den  zugehörigen  Gebieten.  Die  Nachbar- 
schaft Niederösterreichs  mit  Böhmen  und  Mähren  veranlafste  natur- 
gemäfs  häufigere  und  konstantere  Verbindungen  mit  diesen  ja  von  altersher 
in  einer  gewissen  Opposition  gegen  die  Kirche  befindlichen  Ländern. 
Endlich  hatten  die  Kaiser,  welche  ja  die  Landesherren  von  Nieder- 
österreich waren,  viel  mannigfaltigere  Rücksichten  zu  üben  als  die  in 
Graz  und  Innsbruck  residierenden  Erzherzöge.  Derartige  Wahrneh- 
mungen, welche  sich  bei  eindringender  Forschung  selbstredend  noch 
sehr  vermehren,  spezialisieren  und  modifizieren  liefsen,  zeigen  deutlich, 
da&  hier  noch  ein  reiches  Arbeitsfeld  für  den  Reformationshistoriker 
der  Bestellung  harrt. 

Wie  wichtig  diese  Bestellung  sowohl  territorial-  wie  allgemein- 
geschichtlich wäre,  dafür  sprechen  noch  einige  andere  Erwägungen. 
Wu  wissen  vom  hervorragenden  Einflüsse,  welchen  die  Hans  Hofmann 
nnd  Arco    und   Dietrichstein    und    Salm    und    Ungnad    und    so    viele 


ü- 


andere  Politiker  gespielt  haben,  und  die  gleichzeitigen  Korrespondenzen 
sind  mehr  oder  minder  erfüllt  mit  tadelnden  und  lobenden  Bemerkungen 
über  sie.  Aber  von  vielen  dieser  Männer  kennen  wir  nur  die  Tatsache 
dieses  Ansehens,  den  Namen  und  das  Amt,  dagegen  ein  lebendiges  Bild 
ihrer  Personen,  Fähigkeiten  und  Anschauungen  besitzen  wir  nicht.  Dürfte 
sich  auch  für  deren  Würdigung  schon  aus  einer  sorgfältigen  kritischen 
Quellenbeobachtung  und  aus  der  Berücksichtigung  meist  unbeachtet 
bleibender  Einzelheiten  mancher  Anhalt  gewinnen  lassen,  ein  erheblicher 
VorteU  wäre  es  doch,  wenn  wir  die  Schichten,  aus  welchen  die  be- 
treffenden  Männer  hervorgegangen,  in  ihrer  Eigenart  besser  begreifen 
und  unterscheiden  lernten.  Ich  hoffe,  dais  ein  geschulter  österreichischer 
Reformationshistoriker  z.  B.  noch  einmal  die  Biographie  einer  so  einfluis- 
reichen  Person  wie  Hans  Hofmanns  auf  Grund  eines  solchen  Aktenstudiums 
und  eines  derartigen  Eindringens  in  die  Anschauungen  des  steirischen 
Adels  liefern  wird,  ja,  dafis  wir  noch  einmal  durch  eine  Serie  solcher 
zugleich  territorial-  wie  reichsgeschichtlich  wertvoller  Charakteristiken 
die  verschiedenen  Strömungen  und  Meinungsgegensätze  in  der  nächsten 
Umgebung  der  habsburgischen  Herrscher  entdecken  werden. 

Wer  von  Beziehungen  zwischen  allgemeiner  Geschichte  und  Landes- 
geschichte in  der  Zeit  der  Gegenreformation  redet,  pflegt  unwUlkürlich 
zuerst  an  Bayern  zu  denken.  Gilt  doch  für  jene  Epoche  der  Mün- 
chener Hof  als  der  Mittelpunkt  aller  Bestrebungen,  welche  der  Ver- 
nichtung oder  wenigstens  dem  Zurückdrängen  des  Protestantismus 
dienten,  und  die  Geschicke  mehr  als  eines  deutschen  Territoriums 
werden  auf  Motive  zurückgeführt,  welche  in  den  Verhältnissen  und 
Daseinsbedingungen  des  bayerischen  Fürstenhauses  und  Landes  zu 
suchen  sind.  Unwillkürlich  haben  sich  daher  auch  die  Arbeiten  der 
Münchener  historischen  Kommission,  welche  der  wittelsbachischen 
Politik  zwischen  dem  Schmalkaldischen  Kriege  und  dem  Westfälischen 
Frieden  gewidmet  sind,  zu  reichshistorischen  Studien  erweitert,  und 
Männer  wie  Druffel,  Stieve,  Lossen,  Riezler  können  gleichzeitig  als 
Forscher  der  Haus-  und  Territorial-  wie  der  allgemeinen  Reformations- 
und Gegenreformationsgeschichte  gelten.  Tatsächlich  bestätigt  sich 
jedoch  bei  näherer  Betrachtung,  was  die  vielverzweigten  Beziehungen 
des  Münchener  Hofes  bereits  von  vornherein  erwarten  lassen,  da(s 
weite  Strecken  noch  geradezu  jungfräulicher  Boden  sind,  dais  für  die 
Berücksichtigung  oder  Vernachlässigung  der  verschiedenen  Momente 
der  Zufall  den  Ausschlag  gegeben  hat  und  namentlich  die  Verkettung 
der  einzelnen  Probleme  noch  sehr  wenig  untersucht  worden  ist. 

Wollen  wir  uns  diejenigen  Punkte  vergegenwärtigen,  durch  welche 


—    m    — 

die  Entwickelung  Bayerns  während  der  Gegenreformation  für  die  All- 
gemeinheit besonders  wichtig  geworden  ist,  so  stofsen  wir  vor  allem 
anf  vier  Ursachen.  Als  äufserliches  Zeichen  tritt  zunächst  der  Auf- 
schwung Bayerns  von  der  tiefen  Ohnmacht,  in  welcher  es  sich  um 
die  Mitte  des  XVI.  Jahrhunderts  befand,  zu  jener  ausschlaggebenden 
Rolle  unter  Kurfürst  Maximilian  entgegen.  Zweitens  mufs  die  Tätig- 
keit der  Herzöge  und  ihrer  Berater  für  die  innere  Wiedergeburt  des 
deutschen  Katholizismus  und  für  die  Reform  der  kirchlichen  Miß- 
stände gewürdigt  werden.  Als  dritter  und  vierter  Faktor  schliefeen 
sich  diesem  Streben  die  Bistumspolitik  des  Münchener  Hofes  und  die 
Opposition  gegen  die  neue  Lehre  an.  Diese  vier  Fragen  hängen  in 
der  mannigfaltigsten  Weise  aneinander.  So  ist  die  Bistumspolitik  zu- 
gleich auf  religiöse  Motive  und  das  finanzielle  Interesse  der  standes- 
gemäßen Versorgung  nachgeborener  Prinzen  zurückzuführen  und  be- 
rührt sich  daher  sowohl  mit  der  kirchlichen  Seite  als  auch  mit  dem 
Emporkommen  der  bayerischen  Territorialmacht  aufs  engste;  so  kann 
man  einen  großen  TeU  des  Zuwachses  an  Ansehen  auf  die  gegen- 
reformatorischen  Tendenzen  der  Münchener  Staatsmänner  zurückführen, 
und  es  wäre  gewiß  kein  undankbares  Thema,  diese  parallele  Entwicke- 
lung  als  eine  Art  Längendurchschnitt  durch  die  Jahrzehnte  vor  dem 
Dreißigjährigen  Kriege  zu  verfolgen.  Außerdem  muß  man  sich  natür- 
lich auch  bei  der  Elrörterung  dieser  Probleme  die  Tatsache  vergegen- 
wärtigen, daß  man  bei  einer  gründlichen  Lösung  nicht  mit  dem  Jahre 
1546,  1550  oder  1555  einsetzen  darf,  sondern  dafs  man  die  Wurzeln 
der  späteren  Entwickelung  in  die  erste  Hälfte  des  XVI.  Jahrhunderts 
und  teilweise  noch  weiter  zurückverfolgen  mufs. 

Da  tritt  uns  denn  von  vornherein  eine  Schwierigkeit  entgegen, 
welche  in  der  bayerischen  Geschichtschreibung  ganz  besonders  störend 
ist,  daß  für  die  einzelnen  Zeiträume  sehr  imgleichmäfsig  vorgearbeitet 
ist,  ja,  daß  wir  auf  große  Strecken  noch  ganz  im  dunkeln  tappen. 
Erst  neuerdings  ist  dem  Schaden  durch  den  vierten  Band  von  Ricz- 
lers  Geschichte  Bayerns  (Gotha  1898)  und  Goetz*  Beiträgen  zur  Ge- 
schichte Herzog  Albrechts  V.  und  des  Landsberger  Bundes  f=  Briefe 
und  Akten  zur  Geschichte  des  XVL  Jahrhunderts  Band  5,  München 
1898)  einigermaßen  abgeholfen  worden.  Aber  wenn  Riezlers  Werk  auch 
mehr  als  eine  kritische  Sichtung  und  Zusammenfassung  vorhandener  Einzel- 
arbeiten mit  gelegentlich  herangezogenem  ungedruckten  Material  ist,  wenn 
insbesondere  das  bayerische  Reichsarchiv  systematisch  ausgebeutet  worden 
zu  sein  scheint,  so  ließen  sich  derartige  Studien  angesichts  der  Masscn- 
haftigkeit  und  Unübersichtlichkeit    der  Münchener   Akten   niemals   so 


schicbtlicben ,   aber  sieb   des   allgemeinen  Zusammenhangs  bewu&ten 
Arbeiten  gewürdigt  werden. 

Erheblich  mehr  ist  auf  dem  Gebiete  der  bayerischen  Bistumspolitik 
geschehen.  Knüpften  die  betreffenden  Forschungen  zwar  an  konkrete 
Tagesiragen,  wie  den  Kölnischen  Krieg  an,  so  entsprach  es  doch  der 
Gewissenhaftigkeit  Lossens  und  Stieves,  sich  die  Persönlichkeiten  der 
bayerischen  Prinzen  Ernst  und  Ferdinand  in  ihrer  Eigenart,  Erziehung 
und  ganzen  Entwickelung  zu  vergegenwärtigen,  um  einen  festen  Boden 
für  ihre  speziellen  Arbeiten  zu  gewinnen,  und  dabei  mufeten  sie  auf 
dieses  dynastische,  grundsätzliche,  sich  praktisch  immer  wieder  durch- 
setzende Interesse  der  Münchener  Witteisbacher  hingelenkt  werden.. 
Aber  wie  ich  bei  meiner  Abhandlung  über  die  salzburgischen  Wirren  ^) 
darauf  aufmerksam  geworden  bin,  dafe  sich  diese  systematischen  Be- 
strebungen zeitlich  viel  weiter  zurückverfolgen  lassen  und  nur  vorüber- 
gehend durch  den  Mangel  an  geeigneten  Prinzen  unterbrochen  werden» 
so  glaube  ich,  dafs  bei  einem  tieferen  Eindringen  in  diese  Materie 
noch  manches  unerwartete  Ergebnis  herausspringen  wird.  Derartige 
Untersuchungen  müüsten  ja  von  Stift  zu  Stift  fortschreiten,  würden  da- 
her die  persönlichen  und  sachlichen  Verhältnisse  in  Passau,  Rc^ens- 
burg,  Eichstätt  u.  s.  w.  für  den  Bereich  mehrerer  Jahrzehnte  klar- 
legen und  besonders  auch  ein  wichtiges  Motiv  jeder  Territorialpolitik 
dieser  Zeit,  die  nachbarlichen  Beziehungen  des  Hofes  und  deren 
Voraussetzungen,  viel  bestimmter  hervortreten  lassen. 

Wie  Bayern,  so  steht  auch  Jülich-Berg  im  Vordergrunde  des 
Interesses  der  Gegenreformationshistoriker ,  freilich  teilweise  aus  kon- 
trären Ursachen.  Fesselt  der  Münchener  Hof  durch  seine  aktive  Rolle 
in  den  damaligen  religiösen  und  politischen  Streitfragen,  so  ist  es 
mehr  das  passive,  lange  Zeit  ungewisse  Schicksal  des  niederrheinischen 
Herzogtums  und  die  ausschlaggebende  Wichtigkeit  dieses  Schicksals» 
was  unsere  TeUnahme  erregt.  Denn  davon,  ob  diese  Gebiete  dem 
Katholizismus  erhalten  wurden  oder  nicht,  hing  zum  guten  Teile  die 
Machtstellung  beider  Konfessionen  in  Deutschland  und  in  den  Nieder- 
landen ab.  Zeitgenössische  Politiker  der  verschiedensten  Richtungen 
und  Staaten  haben  deshalb  den  dortigen  Menschen,  Dingen  und  Elnt- 
wickelungsmöglichkeiten  ihre  Aufmerksamkeit  gewidmet,  und  es  ist 
nicht  allein  die  von  seinen  früheren  Studien  mitgebrachte  Vorliebe 
für  dieses  Spezialthema ,   sondern  vor  allem  die  Erkenntnis  seiner  all- 

l)  Bayerische  Bistumspolitik  in  der  /.  HälfU  des  XVL  Jahrhunderts  mtt  besonderer 
Rücksicht  auf  SaUburg  in  den  Beiträgen  rur  bayerischen  Kirchengeschichte  VI,  4,  5. 
(Erlangen  1900). 


-Jl 


Ifemeingeschichtlichen  Tragweite,  welche  Moritz  Ritter  bestimmt 
hat,  in  seiner  Deutschen  Geschichte  im  Zeitalter  der  Gegenrefor- 
tfuUion  die  einschlägigen  Probleme  so  ausführlich  zu  behandeln. 
Dabei  ist  dann  der  Gedanke,  wie  wenig  interessant  eigentlich  die  un- 
bedeutende Person  des  Herzens  ist,  mehr  und  mehr  gegenüber  dem 
spannenden  Eindruck  gewichen,  welchen  die  sich  wechelseitig  kreu- 
zenden und  unterstützenden  Faktoren  mit  ihren  Gründen  und  Erfolgen 
auf  den  rückwärtsschauenden  Historiker  erwecken.  Derartige  Strö- 
mung^en  würden  wir  auch  bei  anderen  Höfen  und  in  anderen  Ländern, 
namentlich  in  den  geistlichen  Gebieten,  durch  tieferes  Studium  ge- 
winnen; es  würde  sich  vielfach,  was  bei  oberflächlicher  Betrachtung 
als  einheitlich  und  zusammengehörig  erscheint,  dem  schärferen  Be- 
obachter, ähnlich  wie  in  der  Astronomie,  in  ein  Durch-,  Gegen-  und 
Nebeneinander  ganz  verschiedener  Kräfte  auflösen.  Es  ist  darum  auch 
für  den  nicht  speziell  an  der  niederrheinischen  Geschichte  interessierten 
Gelehrten  wertvoll,  an  einem  besonders  instruktiven  Beispiel  zu  verfolgen, 
wie  sich  die  Konstellationen  und  Kontraste  gestalten  und  wie  Schwan- 
kungen und  Irrungen  oft  auf  die  Verschiedenheit  in  der  jeweüigen 
Starke  der  einzelnen  Faktoren  zurückgeführt  werden  müssen,  nicht 
aber  immer  der  persönlichen  Inkonsequenz  oder  Halbheit  eines  ein- 
zelnen Fürsten  oder  leitenden  Staatsmannes  zugeschrieben  werden 
dürfen.  Die  Möglichkeit,  dieses  Beispiel  für  die  Betrachtung  anderer 
Höfe  und  Territorien  zu  nutzen,  liegt  um  so  näher,  weil  in  den  letzten 
Jahrzehnten  verschiedene  Forscher  als  Führer  auf  diesem  Wege  er- 
standen sind.  So  hat  Keller  aus  verschiedenen  Archiven  seine 
dreibändige  Gegenreformation  in  Westfalen  und  am  Niederrhein, 
Aktenstücke  und  Erläuterungen  (1555 — 1609)  in  den  Publikationen 
aus  den  Preufsischen  Staatsarchiven  (Leipzig  1881  ff.)  zusammengetragen, 
so  hat  Ritter  die  Gesellschaft  für  rheinische  Geschichtskunde  zur  Tätigkeit 
gerade  auf  diesem  Gebiete  wiederholt  angespornt;  insbesondere  sind 
in  dieser  Richtung  Belows  Landtagsakten  von  fülich- Berg  i.  Bd. 
♦Düsseldorf  1895)  mit  ihren  mannigfachen  Vorarbeiten  und  Lossens 
Briefe  van  Andreas  Masius  und  seinen  Freunden,  j^j8 — 757 j 
in  den  Publikationen  der  Gesellschaft  für  rheinische  Geschichtskunde  II 
:Leq>zig  1886)  zu  nennen,  und  Redlichs  Kirchenpolitik  wird  wesentlich 
Vollständigeres  bieten.  (Schlufs  folgt.) 


n 

—    w    — 

Mitteilungen 

Yersaminlangeil»  —  Vom  22.  bis  25.  September  fand  in  Düssel- 
dorf die  Hauptversammlung  des  Gesamtvereins  der  deutschen  Geschichts- 
und Altertumsvereine  ')  unter  dem  Protektorate  Sr.  Königl.  Hoheit  des 
Fürsten  Leopold  zu  HohenzoUern  tmd  unter  dem  Vorsitze  von  Geh. 
Archivrat  Bai  Heu  statt  Die  Industrie-,  Gewerbe-  und  Kunstausstellung 
hatte  diesmal  nach  der  rheinischen  Ktmststadt  gerufen:  167  auswärtige  Ver- 
treter der  Landes-  und  Ortsgeschichte  waren  der  Einladung  der  Stadt  *)  ge- 
folgt, während  sich  99  einheimische  Teilnehmer  einzeichnen  liefsen.  Von 
den  jetzt  im  Gesamtverein  verbundenen  153  Vereinen  —  die  Liste  nach 
dem  Stande  vom  23.  September  gelangte  zur  Verteilung  —  hatten  66  d.  h. 
23  mehr  als  1901  nach  Freiburg  und  2  mehr  als  1900  nach  Dresden 
eigene  Vertreter  abgeordnet  Eine  Reihe  Landesregienmgen  (Anhalt,  Baden, 
Bremen,  Hamburg,  Elsafs-Lothnngen,  Hessen,  Mecklenburg-Schwerin,  Schaum- 
burg-Lippe, die  Thüringischen  Regierungen,  Württemberg)  sowie  die  Preufsische 
Archiwerwaltung  und  4  Städte  (Breslau,  Dortmund,  Hildesheim,  München) 
hatten  eigne  Vertreter  entsandt,  aber  die  Reichsverwaltung  hat  diesmal  davon 
abgesehen.  Nach  der  organisatorischen  Seite  hin  wurden  in  der  Abgeordneten- 
sitzung Erwägungen  angestellt,  wie  sich  die  Einnahmen  des  Gesamtvereins 
vermehren  lassen  könnten,  und  dabei  allseitig  anerkannt,  dafs  eine  gröfsere 
Verbreitung  des  Korrespondenxhlattes  diesem  Zwecke  imd  zugleich  dem 
anderen,  sachlich  immer  weitere  Kreise  für  die  Bestrebungen  des  Gesamtvereins 
zu  interessieren,  am  besten  dienen  würde.  Vor  einer  Erhöhung  des  von  den 
Vereinen  jetzt  zufliefsenden  Beitrags  (15  Mark  vom  Verein)  wurde  dringend 
gewarnt,  dagegen  müssen  die  Vereine  immer  wieder  darauf  aufmerksam  ge- 
macht werden,  dafs  sie  für  einzelne  ihrer  Mitglieder  bei  5  Exemplaren  den 
ganzen  Jahrgang  (=  mindestens  27  Bogen)  für  3  Mark  erhalten.  Die  Her- 
stellung eines  Gesamtregisters  zu  den  abgeschlossenen  50  Jahrgängen  des  Korre- 
spondenzblattes ist  leider  nicht  möglich  geworden,  da  die  vom  Reiche  er- 
wartete Unterstützung  ausgeblieben  ist  Die  Versammlung  wird  1903  in  Erfurt 
stattfinden,  1904  vermutlich  in  Danzig  und  für  1905  wird  an  Bamberg 
gedacht.  Die  verhältnismäfsig  zahlreichen  Österreicher  sprachen  den  Wunsch 
aus,  dafs  die  Hauptversammlung  doch  auch  einmal  in  einer  Österreichischen 
Stadt  abgehalten  werden  möchte.  Bezüglich  der  Zeit  wurde  mit  Recht  be- 
tont, dafs  in  den  Tagen  nach  dem  20.  September  tatsächlich  die  höheren 
Schulen  in  keinem  deutschen  Staate  Ferien  hätten  und  dafs  sich  die  letzten 
September-  oder  ersten  Oktobertage  in  dieser  Beziehung  zweifellos  besser 
eignen  würden.  —  Der  rührige  Ortsausschufs  unter  dem  Vorsitz  von  Archivar 
Otto  Redlich,  dem  Vorsitzenden  des  „Düsseldorfer  Geschichtsvereins", 
hatte  eine  emsige  Tätigkeit  entfaltet,  um  die  von  der  Arbeit  freie  Zeit  den 
Gästen  so  angenehm  wie  möglich  zu  machen;  die  Stadt  hatte  für  die  Ver- 
handlungen die  prächtigen  Räume  der  Tonhalle  zur  Verfügung  gestellt  imd 
gab  dort  den  Versammlungsteilnehmern  eine  opulente  Abendfestlichkeit;  eine 

1)  Über  die  Tagung  in  Freiburg  i.  B.   1901   vgl.  Bd.  III,  S.  85  —  91. 

2)  Als  Festgabe  der  Stadt  wurde  jedem  auswärtigen  Teilnehmer  die  im  Auftrage 
des  Oberbürgermeisters  von  HansMeydenbauer  verfafste  reich  illustrierte  Festschrift  Di> 
Stadt  Düsseldorf  und  ihre  Verwaltung  im  Ausstellungsjahre  igo2  (244  S.  4®)  überreicht. 


grofise  Reihe   literarischer   Festgaben   konnten   die  Gäste  zur   dauernden  Er- 
innerung mit  nach  Hause  nehmen,  und  ein  Ausflug  nach  der  sehenswürdigen 
Krönungsstadt  Aachen,  deren  Kunstschätze  im  Münster,  Rathaus  nebst  Archiv 
und  Bibliothek  besichtigt  wurden,  schlössen  die  Festtage  ab.    Noch  verdient 
die  yon  Historienmaler  F.  Crem  er  entworfene  künstlerich  ausgeführte  Teil- 
nehmerkarte, welche  das  Bild  der  Stadt  Düsseldorf  von  1650  zeigt,  Erwähnimg. 
Die  Vorträge  der  Hauptversammlungen  eröffnete  Prof.  Delbrück 
(Berlin)  mit  recht  anschaulichen  Erörterungen  über  Römerfeldxüge  in  Germanien 
und   versuchte   darin    die  Wege   zu   zeigen,   wie  sich  an  der  Hand  des  all- 
gemeinen Wissens  über  Heeresorganisation  und  Strategie  der  Römer  und  mit 
genauer   Betrachtung    der   geographischen  Verhältnisse  die  Berichte   der  Ge- 
schichtschreiber,  vor   allem   die   des   Tacitus,    kritisch  untersuchen   lassen. 
En^leisimgen  in  Bezug  auf  geographische  und  strategische  Einzelheiten  sind 
bei  Tacitus  ebenso  häufig  wie  z.  B.   bei  Treitschke,  deshalb  müssen  wir  in 
betreff  der  Zahl  der  tatsächlich  kämpfenden  Germanen,  die  weit  überschätzt 
wird,   der  Wahrheit  näher  zu  kommen  suchen,   die  Verpflegungsverhältnisse 
und   die   Entfernungen   ins   Auge   fassen:    das   Ergebnis   ist   hier,   dafs   die 
Römer  ihre  Heere  nur  mit  Hilfe  des  Lebensmitteltransports  auf  dem  Wasser- 
w^e  verpflegen  konnten,  dazu  stand  ihnen  die  Ostsee  tmd  die  während  fünf 
Monaten  schiffbare  Lippe  zur  Verfügung,  und  deshalb  haben  sie  sich  immer 
diesem  Flusse  entlang  bewegt,  an  dessen  oberem  Teile  aber  grofse  Magazine 
errichtet,   von  denen  aus  die  Weser  in  wenigen  Tagemärschen  zu  erreichen 
war,    imd  dort  fanden  sie  neue  Vorräte,   welche  von  der  Nordsee  her  den 
Strom  herauf  kamen;   an  der  Wesermündung  stand  deshalb  ein  Kastell.  — 
Die  Entstehung  des  mittelalterlichen  Bürgertums  in  den  Rheinlanden  behandelte 
der  durch  Studien  über  die  frühmittelalterliche  Geschichte  namentlich  Kölns 
bekannte  Dr.  Oppermann  (Köln):  Der  in  der  Karolingerzeit  aufblühende 
Handel  brachte  den  alten  Römerstädten  in  den  Rheinlanden  einen  ersten  starken 
Bevölkerungszuwachs.  Ihr  Zusammenschluls  zu  einheitlichen  Gebilden  unter  der 
Herrschaft  der  Bischöfe  tmd  Burggrafen  erfolgte  tmter  dem  Druck  der  Normannen- 
not; durch  die  Ottonischen  Privilegien  erhielten  diese  Zustände  ihre  rechtliche 
Anerkennung.    Gleichzeitig  mit  den  Ottonen.  waren  im  Norden  die  flandrischen 
Grafen  emporgekommen,  und  beide  Dynastieen  begünstigten  den  neuen  Auf- 
schwung des  Handels,  der  jetzt  mit  veränderten  örtlichen  Rechtsverhältnissen  zu 
rechnen  hatte.    Freier  Grundbesitz  war  zum  Vorrecht  einer  kleinen  Minderheit 
geworden,   und  die  im  X.  Jahrhundert  sich  ansiedelnden  Kaufleute  mufsten 
Land  zu  Erbpacht  gegen  Zins  erwerben.     Dieses  Rechtsverhältnis  hatte  sich 
aus  prekarischen  Formen  entwickelt,  aber  während  von  denjenigen,  die  als  Entgelt 
für  prekarischen  Grundbesitz  Kriegsdienste  leisteten,  auch  die  Ministerialen 
trotz   unfreier  Herkunft   allmählich   zu   einem  bevorrechteten  Stande   empor- 
stiegen, der  insbesondere  in  wichtigen  Fällen  das  Recht  hatte,  sich  vor  Ge- 
richt statt  durch  Gottesurteil  durch  Eid  zu  reinigen,  blieben  die  Kaufleute, 
die   für  ihr   Land   Zins   zahlten,   obwohl   keineswegs  alle  unfreier  Herkunft, 
in    einer   politisch    tmtergeordneten   Stellung.      Für    die   Bestrebungen,    hier 
Wandel   zu   schaffen,   war  in  den  Gilden  eine  Organisation  gegeben,    deren 
politische  Bedeutung  bereits  um  1020  bei  den  Tieler  Kaufleuten  hervortritt  und 
unter  dem  Einflufs  des  lebhaften  Seeverkehrs  mit  England,  wie  ihn  die  Eroberung 
der   britischen  Insel   durch   Wilhelm  von   der  Normandie   zur  Folge   hatte. 


so 

—     an- 
wachsen mufste;  die  Statuten  der  Gflden  von  Saint- Omer  und  Valenciennes 
bieten   schon   für  das   ausgehende  XI.  Jahrhundert  lehrreiche   Einblicke  in 
diese  Verhältnisse.     Die  bischöflichen  Stadtherren   standen  dieser  Bewegung 
feindlich  gegenüber ;  doch  ÜEuid  das  Bürgertum  einen  Rückhalt  an  der  könig- 
lichen  Gewalt,    seitdem    Heinrich  IV.    in    immer    schärferen   Gegensatz   zu 
den   Reichsflirsten   geriet     Der   Köhier  Aufstand   von    1074  besafs  freilich 
auf  dem  platten   Lande    zu   wenig   Rückhalt,    um    seine   Ziele   durchsetzen 
zu   können;   eine  Reaktion  folgte,   tmd  die  kommtmale  Bewegung  in  Nord- 
frankreich   überhohe   die  Kölner.     In  Cambrai   nahmen   an   der  Kommune, 
die  um  iioo  errichtet  wurde,  auch  die  ritterlichen  Mannen  des  Erzbischofs 
teil,  und  der  durch  die  Revolution  geschaffene  Zustand  erhielt  sich  mehrere 
Jahre  lang.    Er  bietet  den  Schlüssel  zur  Beurteilung  der  Kölner  Verhältnisse, 
der  coniuratio  von  1 1 1 2 :   sie   ist  aufzufassen   als  ein  Zusammenschlufs  der 
zu  Erbpacht  in  der  Rheinvorstadt  angesiedelten  Kaufleute  mit  den  Altfreien 
und  Ministerialen  der  Altstadt.     Im  Sinne   emer  heimlich  vorbereiteten  Ver- 
schwörung braucht   die  coniuratio   nicht  gedeutet  zu  werden;    die  auf  dem 
Grundbesitz   beruhende  Interessengemeinschaft  aller,    die  Grundeigentum  aus 
erster  Hand  --  als  Freie,  als  Prekarie  gegen  Kriegsdienst  oder  als  Prekarie 
gegen  Zins  —  besafsen,   wird  man  als  Hauptfaktor   bei    dem  Werdeprozefs 
der  Stadtgemeinde  betrachten  müssen.    In  gleicher  Weise  wie  in  der  Vorstadt 
war   auch   in   der  Altstadt   der  Boden   durch  Parzellierung   imd  Vermietung 
an  die  Masse  der  Kleinhändler,  Handwerker  und  Tagelöhner  nutzbar  gemacht 
worden.     Die  Grofsbürgerschafl  der  Gnmdbesitzer ,  offiziell  einstweilen  noch 
durch  das  Schöffenkolleg  vertreten,  dessen  MitgUederzahl  sich  durch  Hinzu- 
tritt von  Bewohnern  der  Rheinvorstadt  verdoppelt  hatte,   ist  in  der  Bicher- 
zeche  organisiert,   und   nach   deren   Muster  wird   für  Inmiobiliarverträge   mit 
den  Mietern,  den  Kleinbürgern,  in  jedem  Kirchspiel  eine  Behörde  geschaffen ; 
es   ist  der  Ursprung   des  Kölner  Schreinswesens.     In   den  mittelrheinischeu 
Städten  (Mainz,  Worms,  Speyer),    deren  Handel  Binnenhandel  war  und  bei 
Strafsburg,  Regensburg,  Erfurt   seine  Grenze  fand,   hat   die  Kaufmannschaft 
eine    imgleich    geringere    Rolle    gespielt;    hier    blieb    während    des    ganzen 
XII.  Jahrhunderts  das  bischöfliche  Dienstrecht  die  Form,  in  der  das  öffent- 
liche Leben  sich  bewegte.    Aber  die  auf  dem  Grundbesitz  beruhende  Interessen- 
gemeinschaft, die  Ministerialen  und  hurgenses  zusammenführte  und  gegen  die 
ärmeren   Volksschichten   abschlofs,    war    auch    hier  vorhanden;     11 16    hat 
Heinrich  V.  an  Grofsbürger  und  Kleinbürger  von  Mainz  einen  Brief  gerichtet. 
Aber  wenn  es  auch  im  XII.  Jahrhundert  zur  Ausbildung  einer  selbständigen 
bürgerUchen  Organisation  am  Mittelrhein  nicht  gekonmien  ist,   so  trat  doch 
die  rheinische  Bürgerschaft  in  das  XIII.  Jahrhundert  allenthalben  als  einheit- 
licher Stand  hinüber,  der  sich  in  der  Ratsverfassung  nur  noch  eine  zweckmäfsige 
Organisation  zu  geben  brauchte.  —  An  Stelle  des  Vortrags,  den  der  am  Er- 
scheinen verhinderte  Museumsdirektor  Schuchhardt  (Hannover)  über  FiHh- 
geschichtlicJfe  Burgen  und  Wohnsitze  in  Nordwestdetäschland  angekündigt  hatte, 
sprach  Geh.  Archivrat  B  a  i  1 1  e  u  (Berlin)  über  Königin  Luise  und  die  preufsisdte 
Politik  im  Jahre  1810  und   zeigte    in  lichtvollster  Darstellung  an  der  Hand 
neu  aufgedeckter  Quellen,  welch  hervorragenden  persönlichen  Anteil  die  Königin 
damals  an  den  politischen  Aktionen  gehabt,  imd  wie  sie  sich  im  besonderen 
dem  Plane,  Schlesien  an  Napoleon  abzutreten,  energisch  widersetzt  hat. 


—    9^     — 

Die  Veihandlungen  der  ersten  und  zweiten  Abteilung,  zugleich 
die  des  Verbandstages  der  west-  und  süddeutschen  Vereine  für  römisch- 
gemutnische  Altertumsforschung  ')  eröfihete  Oberlehrer  Dr.  Klinkenberg 
(Köln)  mit  seinem  Vortrag  Die  ^  Ära  Ubiorum\und  die  Änfätige  Kölns.  Von 
den  zahlreichen  an  die  Ära  IThiorum  sich  knüpfenden  Fragen  ist  nur  die  nacti 
dem  Wesen  dieser  Institution  als  einer  Kultstätte  der  Roma  und  des  Au^/tistus 
^eich  der  berühmten  Jra  Lugdimensis  als  gelöst  zu  betrachten,  aber  die  Haupt- 
sadie,  ihre  Entstehung,  Bedeutung  und  geschichtliche  Entwickelung,  bedürfen 
noch  der  Klänmg.  Die  Ära  Ubiorum  ist  spätestens  gleichzeitig  mit  der  Ära 
Lugdunensis  im  Jahre  12  v.  Chr.,  wahrscheinlich  aber  noch  früher  als  der 
Angustosaltar  des  Ubierstammes  entstanden,  sollte  jedoch  9  n.  Chr.,  als  die 
geplante  Rhein-Elbprovinz  genügend  gesichert  schien,  zum  exzentrischen 
Mittelpunkt  des  Kaiserkultus  der  neuen  Reichsuntertanen  werden,  weshalb 
damals  zum  ersten  Male  ein  Nicht-Ubier  als  Priester  derselben  berufen  wurde. 
Die  Beweise  für  die  frühe  Entstehung  und  ursprüngliche  Bedeutung  des 
Ubieraltars  ündet  K.  teils  in  der  allgemeinen  Entwickelung  des  Kaiserkults, 
der  von  einzelnen  Stämmen  tmd  Städten  ausging,  tmd  in  der  zur  Adulation 
neigenden  Gesinnung  der  Ubier,  insbesondere  aber  darin,  dafs  letztere  nach- 
weisbar keinen  Anteil  an  der  Ära  Lugdunensis  hatten,  und  dafs  schon  gegen 
7  Y.  Chr.  sich  an  der  Elbe  ein  Augustusaltar ,  an  der  Lippe  ein  Altar  zu 
Ehren  des  Drusus  erhob.  Mit  der  varianischen  Niederlage  sank  die  Ära 
fJbiorum  allerdings  von  der  ihr  zugedachten  hohen  Bedeutung  wieder  zurück, 
aber  sie  blieb  das  vornehmste  Heiligtum  Kölns  und  der  Augustusaltar  der 
Provinz  Germania  inferior.  Darauf  weisen  nicht  nur  die  zahlreichen  Spuren 
des  ELaiserkultus  in  den  kölnischen  Denkmälern  hin,  sondern  vor  allem  der 
ältere  Name  der  Kolonie  Cohnkh  Claudia  Ära  Agrippinensis  oder  kurz 
.im ,  der  sich  sicher  bis  tief  ins  II.  Jahrhundert  hinein  erhalten  hat.  Um 
für  die  I^sung  des  schwierigsten  Frage,  der  nach  dem  Standorte  der  Ära, 
festen  Boden  zu  gewinnen,  ist  die  Schilderung  des  Tacitus  von  der  Meuterei 
der  I.  und  20.  Legion  beim  Tode  des  Augustus  mit  Rücksicht  auf  die  in 
ihr  enthaltenen  Angaben  über  die  Lage  des  oppidum  Ubiorum,  der  Ära 
und  des  Legionslagers  von  Belang.  Auf  Grund  eingehender  Untersuchungen 
über  die  Grabdenkmäler  und  Gräberfelder  Köbs  bezw.  über  die  älteste 
Topographie  und  Geschichte  der  Stadt  ergibt  sich,  dafs  die  literarische 
Überüefenmg  und  die  Denkmäler  zu  den  gleichen  Ergebnissen  führen: 
Das  nach  Osten,  Süden  und  Norden  ehemals  steil  abfallende 
Plateau  der  späteren  Colonia  Agrippinensis  hat  das  Legions- 
lager und  das  oppidum  Ubiorum  in  sich  geschlossen,  und 
zwar  nahm  das  Legionslager  den  östlichen,  das  unmittelbar 
anschliefsende  oppidum  den  westlichen  Teil  ein.  Der  für 
das  Lager  aus  dem  Laufe  der  uralten  Heerstrafsen  bestimmte  Raum    erwies 


t)  In   der  Abgeordnetensitznng    des  Verbandes  (vgL  diese  Zeitschrift  IL  Bd.,  S.  228 

bis  234)  wurde  beschlossen:  der  Verband  soll  auch  bei  denjenigen  Jahresversammlnngen 

^  Gesamtrereios    vertreten  sein,   die   etwa  im  Norden  oder  Osten  stattfinden.     Femer 

naftm  der  Verband    mit   dem  gröfsten  Interesse   von   der  Mitteilung   des  Archivdirektors 

Wolfram  fMetz)  über  die  Anffindang  eines  grofsen  Amphitheaters  in  Metz  Kenntnis  und 

t*aeüAneie  e»  einstimmig  als  dringend  wünschenswert,  dafs  die  mit  grofsen  Opfern  frei- 

'chcteo  Reste  des  Amphitheaters  sichtbar  erhalten  bleiben. 

6 


§- 


sich  annähernd  gleich  dem  Räume  des  Bonner  und  Neufser  Lagers  zusammen- 
genommen, in  die  bekanntlich  je  eine  der  Kölner  Legionen  verlegt  wurde. 
Die  Ära  Ubiorum  hat  nicht  im  Lager,  sondern  vor,  oder  —  am  wahr- 
scheinlichsten —  im  o^i^um  gestanden :  als  natürlichster  Standpunkt 
ergibt  sich  der  heutige  Neumarkt,  von  dem  die  beiden  wichtigsten 
Heerstrafsen  gegen  Westen  und  Südwesten  ausgingen.  An  ersterer  hat  sich 
noch  auf  dem  Neumarkt  selbst  der  Marmorkopf  einer  Borna  mit  einem  für 
die  Aufstellung  eines  Standbildes  bestimmten  Fundamente,  an  letzterer,  etwas 
weiter  entfernt,  sind  die  in  einer  Grube  niedergelegten  Reste  eines  dem  Kaiser- 
kulte dienenden  Tempels  gefunden  worden;  beide  Denkmäler  gehören  der 
älteren  Epoche  der  römischen  Herrschaft  an.  Als  eigendicher  Gründer  Kölns 
ist  der  das  ganze  Mittelalter  hindurch  festgehaltenen  Überlieferung  entsprechend 
M.  Vipsanius  Agrippa  zu  betrachten;  auf  ihn  geht  die  Anlage  der 
Heerstrafsen,  des  Lagers,  des  oppidum  und  mittelbar  wohl  auch  die  der 
Ära  Ubiorum  zurück.  —  Museumsdirektor  Lehner  (Bonn)  berichtete  über 
die  neuerdings  von  ihm  aufgedeckten  römischen  Befestigungen  von  Remagen. 
Die  linksrheinischen  Erdkastelle  augusteischer  Zeit  in  Obergermanien 
konnten  Ende  des  L  Jahrhunderts  eingeebnet  werden,  weil  der  rechtsrheinische 
obergermanische  Limes  die  Rolle  als  Grenzschutz  übernahm,  bis  er  um  die 
Mitte  des  III.  Jahrhunderts  verloren  ging;  dann  wurde  der  linksrheinische 
Festungsgürtel  wieder  hergestellt.  Dagegen  mufsten  die  linksrheinischen  Be- 
festigungen Untergermaniens  stets  ab  solche  bestehen  bleiben,  weil  sie 
niemals  durch  einen  rechtsrheinischen  Grenzschutz  abgelöst  wurden.  Dem 
entsprechend  fand  sich  bei  den  Ausgrabungen  in  Remagen,  deren  Abbildungen 
vorgelegt  wurden,  sowohl  das  Steinkastell  des  II.  als  auch  die  spätrömische 
Befestigung  des  III.  Jahrhunderts.  Während  das  ältere  Kastell  die  Form 
und  die  Verhältnisse  der  gleichzeitigen  Limeskastelle  aufwies,  war  die  spät- 
römische  Befestigung  unter  Benutzung  der  stehen  gebliebenen  3  m  hohen 
und  1,30  m  breiten  Kastellmauer  hergestellt,  indem  diese  durch  einen 
Vorbau  auf  die  Breite  von  3  m  und  durch  Erhöhimg  auf  die  Höhe  von 
mindestens  6  m  gebracht  wurde.  —  Prof  Bone  (Düsseldorf)  legte  sodann 
eine  Sammlung  antiker  Gläser,  insbesondere  Millefiorigläser ,  vor  und  be- 
sprach die  römischen  Glasarbeiten  im  Vergleich  mit  einheimischen  Fabri- 
katen, während  Domkapitular  Schnütgen  (Köln)  als  Erläuterung  zu  den  in 
der  kunstgeschichdichen  Abteilung  der  Ausstellung  zu  besichtigenden  rheinischen 
Glasmalereien  die  Entwickelung  der  Glasmalerei  vom  Anfang  des  XIII.  bis 
zur  Mitte  des  XVI  Jahrhunderts  behandelte. 

In  der  Sitzung  der  dritten  und  vierten  Abteilung  besprach  Prof. 
v.  Below  (Tübingen)  die  Theorie  vom  Ureigentum  und  zeigte,  wie  das  all- 
mählich gewonnene  Dogma,  als  ob  das  Gemeineigentum  an  Gnmd  und 
Boden  bei  allen  Völkern  der  ursprünglich  belegte  Zustand  sei,  durch  eine 
Reihe  von  Einzeluntersuchungen,  welche  die  angeblichen  Belege  kritisch  zer- 
pflückten, namentlich  im  letzten  Jahrzehnt  als  fadsch  erwiesen  worden  ist  — 
Recht  lehrreich  dafür,  wie  wichtig  die  Kirchenvogtei  für  die  Ausbildung  der 
Landesherrlichkeit  ist,  war  der  Vortrag  des  Essener  Stadtarchivars  K  o  n  r  a  d 
Ribbeck  über  die  Kölner  ErxbiscJiöfe  und  das  St  iß  Essen  von  1243  bis 
1288.  Fast  während  des  ganzen  XIII.  Jahrhunderts  haben  die  Kölner 
Erzbischöfe,    die    bereits    die   Herrschaft    über   die   beiden   anderen   reichs- 


t3 
—   ^  — 

unmittelbaren  Damenstifter  Westfalens  (Herford  und  Vreden)  besafsen,  nach 
dem  Besitze  des  Stiftes  Essen  gestrebt  Besonders  wertvoll  war  letzteres, 
weil  es  mit  seinen  am  Hellwege  bis  nach  Unna  sich  an  einander  reihenden 
Höfen  für  die  Erzbischöfe  die  Verbindung  mit  Soest  tmd  dem  Herzogtum 
Westfalen  herstellte.  Ob  schon  Engelbert  I.  (f  1225)  Absichten  auf  Essen 
gehabt  hat,  als  er  den  Kampf  gegen  die  Übergrifife  des  Stifbvogts  Friedrich 
Ton  Isenburg  in  die  Hand  nahm,  mufs  dahin  gestellt  bleiben;  jedenfalls  ist 
ein  solches  Bestreben,  falls  es  vorlümden  war,  zunächst  durch  den  Sturz  des 
IsenbuTgers  m'cht  gefordert  worden.  König  Heinrich,  der  Sohn  Friedrichs  11., 
lieis  sich  selbst  zum  Stiftsvogt  wählen  und  übertrug  die  Ausübung  der  Amts- 
pflichten bewährten  staufischen  Parteigängern.  Vielleicht  hat  zuletzt  dennoch 
Engelberts  Nachfolger,  Heinrich  von  Molenark,  die  Essener  Vogtei  an  sich  ge- 
bracht, denn  ihn  befehden  die  Söhne  Friedrichs  von  Isenburg.  Die  jülichsche 
Gefimgenschaft  des  Erzbischofs  Konrad  von  Hohstaden  1242  ermutigte  die 
Isenburger,  und  Dietrich,  der  älteste  Sohn  Friedrichs,  erbaute  mit  Unterstützung 
seines  Oheims,  des  Bischofs  von  Osnabrück,  die  Veste  Neu-Isenburg  bei  Relling- 
hausen  an  der  Ruhr:  zweifellos  hat  er  damab  die  Essener  Vogtei  wieder 
an  sich  gerissen.  Erzbischof  Konrad  wandte  sich  nach  der  Verständigung 
mit  Bei^  und  Jülich  mit  ganzer  Macht  gegen  die  westfälischen  Grafen,  er- 
oberte 1244  die  neue  Isenburg,  besetzte  Essen  und  liefs  seinen  Anhänger 
Gottfried  von  Sayn  zum  Vogt  wählen,  während  ihn  selbst  der  Papst  zum 
Konservator  des  Stifb  ernannte ;  die  Ummauerung  Essens  fallt  in  den  Rahmen 
der  zahlreichen  Stadtbefestigungen  Konrads.  Nach  Gottfrieds  Tode  nahm 
Konrad  die  Vogtei  selbst  an  sich  und  setzte  auf  die  Isenburg  einen  erz- 
bischöflichen Drosten,  der  zugleich  Richter  und  Vorsitzender  des  Rates  in  der 
Stadt  Essen  wurde.  Schliefslich  hat  der  Erzbischof  das  bisher  exemte  Stift  auch 
seiner  geistlichen  Gerichtsbarkeit  unterworfen.  Sein  Nachfolger  Engelbert  ü. 
(1261 — 74)  verzichtete  auf  die  kirchliche  Oberhoheit,  behauptete  aber  in 
gutem  Einvernehmen  mit  der  Äbtissin  und  deren  Bruder,  dem  Grafen  Gott- 
fried von  Arnsberg,  die  Vogtei,  und  Bissen  wurde  auch  unter  ihm  wie  eine 
erzstiftische  Stadt  behandelt;  Dietrich  von  Isenburg  ward  1272  durch  Be- 
willigung einer  Rente  an  das  kölnische  Interesse  gefesselt.  Nach  Engelberts 
Tode  suchte  sich  die  Äbtissin  der  erzbischöflichen  Botmäfsigkeit  zu  entziehen 
und  übertrug  die  Vogtei  dem  König  Rudolf.  Allein  Erzbischof  Siegfried 
(1275  —  97)  liefs  von  der  kölnischen  Partei  in  den  beiden  Essener  Kapiteln 
die  Wahl  umstofsen  und  sich  selbst  zum  Vogt  ernennen,  während  Rudolf, 
der  damab  die  Unterstützung  des  Erzbischofs  gegen  Ottokar  von  Böhmen 
nicht  entbehren  konnte,  die  Ausübung  der  Vogtei  ihm  ebenfedls  übertrug. 
Obwohl  sich  das  Verhältnis  des  Königs  zum  Erzbischofe  wieder  verschlechterte 
and  ein  gegen  ihn  gerichtetes  rheinisch-westfälisches  Adelsbündnis  entstand, 
so  be^ite  eine  Reihe  von  unerhörten  Glücksfällen  dennoch  Siegfried  von 
seinen  gefahrlichsten  Gegnern.  Als  der  König,  den  zunächst  die  Aufgaben  seiner 
Hau^K>litik  in  Anspruch  genonunen  hatten,  ins  Reich  zurückkehrte  und  sich 
ihm  der  Erzbischof  1282  in  Oppenheim  unterwarf,  wurde  die  Essener  An- 
gelegenheit dem  Urteil  eines  Schiedsgerichts  überlassen;  tatsächlich  behaup- 
tete sich  Siegfried  bis  1288  im  Besitze  der  Isenburg  und  der  Vogtei.  Erst 
die  Schlacht  bei  Worringen  führte  auch  hier  zum  Sturze  der  kökiischen 
.Machtstellung.  —  Über  die  Geschichte  des  Schlosses  Burg  an  der  Wupper 

6* 


—    iö&    — 


berichtete  schliefslich  Herr  Bibliothekar  Otto  Schell  (Elberfeld).  Das  jetzt 
im  Wiederaufbau  befindliche  Schlofs  Burg  vergegenwärtigt  die  Geschichte  des 
bergischen  Herrscherhauses  und  Landes  und  ist  kunstgeschichlich  von  Interesse, 
weil  vom  Xll.  bis  XVllI.  Jahrhundert  daran  gebaut  worden  ist.  Burg  trat 
im  XII.  Jahrhundert  an  Stelle  von  Altenberg,  das  die  Grafen  von  Werl- 
Altena  in  ein  Cistercienserkloster  umwandelten.  Schlofs  Burg,  schon  vor 
dieser  Zeit,  vielleicht  im  Ringe  einer  alten  Wallburg  erbaut,  hiefs  nun  „Neue 
Burg"  tmd  war  seit  1133  Lieblingssitz  der  bergischen  Grafen,  zuerst  wohl 
Adolfs  IL,  dessen  Sohn  Engelbert  I.  (f  1189)  sich  nach  seinem  Herrscher- 
sitze zu  benennen  pflegte  und  in  ihm  eine  Niederlassung  des  Johanniter- 
Ordens  begündete.  Sein  jüngerer  Sohn,  der  Kölner  Erzbischof  Ekigelbert 
(f  1225)  nahm  einen  vollständigen  Umbau  vor:  der  herrliche  Palas  mit 
seinen  Spitzbogenfenstem  im  Rittersaal  ist  sein  Werk.  Nach  Engelbert 
lösen  sich  die  engen  Beziehungen,  die  bisher  zwischen  dem  Erzbistum  Köln 
imd  den  Grafen  von  Berg  bestanden,  zum  Schaden  der  letzteren.  Unter 
den  nunmehrigen  Herzögen  Wilhelm  IL  (1475  —  ^Si^)  "^^  Johann  IIL 
(1511 — 1539)  wurde  bei  einer  neuen  durchgreifenden  baulichen  Veränderung 
der  Palas  umgebaut  und  mit  einem  neuen  Dach  versehen,  dessen  malerische 
Fachwerkaufbauten  möglichst  genau  wieder  hergestellt  worden  sind.  1528 
war  das  jetzige  Torhaus  vollendet.  War  noch  1526  die  Hochzeit  der  Herzogs- 
tochter Sibylla  mit  Herzog  Johann  Friedrich  von  Sachsen  hier  gefeiert  worden, 
so  kehrten  die  fürstlichen  Gäste  nun  immer  seltener  ein,  bis  kurz  nach  dem 
Abschlüsse  des  Westfälischen  Friedens  1648  der  Hauptteil  des  Schlosses 
von  der  bisherigen  Besatzung  unter  Oberst  Heinrich  von  Plettenberg  zerstört 
wurde.  Von  da  an  dienten  die  Überreste  Zwecken  der  Kellnerei,  im  XIX.  Jahr- 
hundert verschiedenen  industriellen  Unternehmungen,  bis  1849  ^'^  Balken  vom 
Dach  des  Palas  zum  Bau  des  Elberfelder  Landgerichts  verwendet  wurden.  Die 
Ruine  blieb  stehen,  und  1887  bildete  sich  „der  Verein  zur  Erhaltung  der 
Schlofsruine  Burg'*,  dem  es  gelungen  ist  das  Interesse  weitester  Kreise  an 
diesem  geschichtlichen  Denkmal  zu  erwecken  und  die  bauliche  Wiederher- 
stellung in  die  Wege  zu  leiten. 

Die  erst  1901  gegründete  fünfte  Abteilung  für  Volkskunde  tagte 
unter  dem  Vorsitze  ihres  Gründers,  des  Generalmajors  v.  Friesen  (Dresden) 
zum  ersten  Male.  Hier  mufste  es  als  die  wichtigste  Aufgabe  erscheinen^ 
das  Wesen  und  die  Aufgabe  der  geschichtlichen  Volkskunde  und  ihre  Eigen- 
schaft als  geschichtliche  Disziplin  zu  beleuchten,  und  dies  tat  Prof.  Brenner 
(Würzburg)  in  einem  Vortrage,  dessen  Ergebnis  er  schon  in  Thesen  bekannt 
gegeben  hatte.  Als  Aufgabe  der  wissenschaftlichen  Volkskunde  bezeichnet 
er  darin  a)  alle  Äufserungen  der  Volksseele  in  Wort  und  Werk,  soweit  diese 
von  höherer  Kultur  unberührt  ist,  darzulegen ;  b)  die  Äufserungen  im  Wandel 
der  Zeiten  geschichtlich  und  kritisch  zu  verfolgen;  c)  den  physiologischen 
und  geschichtlichen  Gründen  nachzugehen,  die  sie  hervorgebracht  und  haben 
wachsen  lassen.  Von  den  erfreulicherweise  schon  recht  zahlreichen  Vereinen, 
die  sich  ausschliefslich  der  Volskunde  widmen,  gehören  bis  jetzt  nur  vier 
dem  Gesamtverein  an,  nämlich  der  Verein  für  sächsische  Volkskunde  (Dresden), 
Der  Verein  für  Egerländer  Volkskunde,  Die  Kommission  für  die  deutschen 
volkstümlichen  Überlieferungen  in  Böhmen  (Prag)  und  Der  Verein  für  bayerische 
Volkskunde  und  Mundartenforschung  (Würzburg). 


—    im:    — 

In    den    vereinigten    Abteilungen    sprach    an    erster  Stelle    Armin 
Tille  (Leipzig)   über   Erschließung  tind  Ausbeutung   der  kleineren  Archive. 
Nach    kurzer  Übersicht  über  das,   was  bisher  in  dieser  Hinsicht  in  einigen 
deutschen  Landschaften   und   Österreichischen  Kronländern   geleistet   worden 
ist,   warnt   T.    vor   Überschätzung    der   Archivalien   imd   fordert  unter   Ver- 
meidung  einer   Inventarisation ,    die   Aufgabe    der   Archiveigentümer   bleiben 
mu£5,  systematische  Dmchsicht  aller  Archive  der  Gemeinden,  der  Pfarrämter 
mid   der   im  Privatbesitz   befindlichen   durch  die  zuständigen  geschichtlichen 
Organisationen.    Gegentiber  dem  früher  von  anderer  Seite  erhobenen  Vorwurfe, 
man  habe  die  Urkunden  allzusehr  vor  den  Akten  bevorzugt  und  sei  bezüg- 
lich der  Zeitgrenze  nicht  weit  genug  herabgegangen,  deren  Berechtigung  T. 
bis  zu  gewissem  Grade  anerkennt,  betont  er,  dafs  an  ersterem  die  mangel- 
hafte Entwickelung  der  Regestentechnik,  die  hier  eine  ganz  andere  sein  mufs 
als  im  grofsen  umfassenden  Zentralarchiv,  viel  Schuld  trägt  und  dafs  in  der 
Tat  je   vollständiger  die  Zentralarchive   werden,    desto  weniger   in    den   ört- 
lichen  zu    finden  ist.     Die  von  T.  aufgestellten  Forderungen,    die  eine  An- 
regimg   zu   praktischer  Betätigung   in   aUen  Landesteilen  sein  sollen,    fanden 
ihren  Ausdruck  in  der  von  der  Versammlung  angenommenen  Resolution: 
„Die  Jahresversammlung  des  Gesamtvereins  der  deutschen  Geschichts- 
und Altertumsvereine  spricht   allen  den  Körperschaften,   welche  es  unter- 
nommen haben,    die  einer  fachmännischen  Leitung  entbehrenden  Archive 
ihres  Bezirks   systematisch   auf  ihren  Inhalt  untersuchen  zu  lassen,   ihren 
wärmsten  Dank  für  die  dadurch  der  Geschichtsforschung  geleisteten  Dienste 
aus  und  bittet  zugleich,  das  begonnene  Werk  fortzusetzen  und  womöglich 
die  Ergebnisse  vollständig  zu  veröffentlichen. 

Femer  gibt  sie  der  Hoffnung  und  dem  Wunsche  Ausdruck,  dafs  auch 
in  den  Landesteilen,  wo  eine  Untersuchung  der  kleineren  Archive  noch 
nicht  in  Angriff  genonmien  worden  ist,  die  berufenen  Vertreter  sich  bald 
emstUch  mit  der  Frage  beschäftigen,  wie  eine  solche  in  die  Wege  geleitet 
werden  kann. 

Als  geeignete  seitens  der  Geschichtsvereine  zu  ergreifende  Mafs- 
nahmen  dürften  etwa  folgende  Schritte  zu  betrachten  sein: 

a)  in  den  Versammlungen  der  Geschichtsvereine  immer  wieder  auf 
die  Wichtigkeit  der  kleineren  Archive  und  ihrer  Erschliefsung  hinzuweisen 
und  zur  Bearbeitung  ihrer  Inventare  aufzufordern, 

b)  in  den  Vereinszeitschriften  unter  den  Miszellen  regehnäfsig  über 
den  Inhalt  einzelner  Archive  Mitteilungen  zu  veröffentlichen, 

c)  die  staatlichen  und  kirchlichen  Oberbehörden  zu  entsprechenden 
Anordnungen  (Ordnung,  Verzeichnung,  sowie  feuersichere  und  trockene 
Aufbewahrung)  in  ihrem  Amtsbereiche  anzuregen, 

d)  Verzeichnisse  der  im  Privatbesitz  befindlichen  Archive  anzulegen 
mid  namentlich  den  Adel  zu  veranlassen,  die  Archive,  die  zugleich  das 
Material  für  die  Geschichte  der  einzelnen  Geschlechter  liefern,  durch- 
forschen und  inventarisieren  zu  lassen.  Wenn  die  Geschichtsvereine  dabei 
die  für  eine  solche  Tätigkeit  geeigneten  Personen  namhaft  machen, 
werden  sie  der  Sache  selbst  den  gröfsten  Dienst  erweisen."  — 

Die  Notwendigkeit,  jetzt  überall  an  die  Ausführung  geschichtlicher  Karten 
zu  gehen,   betonte   Prof  v.  Thudichum   (Tübingen)    mit  Hinweis   darauf, 


—     10»-    — 

dafs  die  Bewegung  zur  Herstelltmg  von  Grundkarten  jetzt  genügend  im  FluGs  ist 
und  es  vielmehr  darauf  ankommt,  dieselben  nutzbar  zu  machen.  Das,  was  Thudi- 
chum  vorschwebt,  ist  eine  Organisation  der  Art,  dafs  die  historischen  Koomiis- 
sionen  und  Vereine  je  (tir  ihre  Gebiete  Klarten  bearbeiten,  welche  es  ermöglichen, 
durch  Zusammenfligung  eine  einheitliche  geschichtliche  Karte  von  Deutschland 
für  die  Jahre  1789,  1654  und  1525  herzustellen.  Dem  Wunsche  des 
Redners  wurde  entsprochen  durch  den  Beschlufs,  alle  historischen  Konmiis- 
sionen  imd  Vereine,  sowie  alle  deutschen  Geschichts-  tmd  Altertumskundigen 
einzuladen,  sich  alsbald  an  der  Herstellung  handschriftlicher  historischer 
Karten  womöglich  über  die  Gebiets  Verhältnisse  in  den  Jahren  1789,  1654 
imd  1525  zu  beteiligen.  In  der  Erörterung  wurde  vornehmlich  betont, 
dafs  in  den  einzelnen  Landschaften  die  Zeitptmkte,  für  die  man  zweckmäfsiger- 
weise  Karten  herstellt,  verschieden  sind,  andrerseits  aber  mit  Recht  dem 
entgegengehalten,  dafs  jeder  solchen  Karte  ein  Text  mit  den  Quellennach- 
weisen beigefügt  werden  mufs  und  dafs  es,  wenn  Klarte  tmd  Text  vorliegen, 
verhältnismäfsig  einfach  sein  wird,  für  eine  ganz  Deutschland  umspannende 
Karte  die  Einträge  zu  modifizieren,  wenn  auch  den  Verhältnissen  der  einzelnen 
Landschaften  entsprechend  dort  zweckmäfsig  andere  Zeitpunkte  gewählt  werden. 
Jedenfalls  ist  es  aufser  Frage,  dafs  das  gröfste  allgemeine  Interesse  obwaltet, 
sorgfältig  bearbeitete  Karten  zu  erhalten,  welche  den  Zustand  Deutschlands 
kurz  vor  der  französischen  Revolution,  nach  der  Ausführung  der  Bestim- 
mungen des  Westfälischen  Friedens  und  vor  Beginn  der  Religionsveränderungen 
darstellen.  —  Die  versprochenen  Ausführungen  von  Rudolf  Kötzschke 
(Leipzig)  über  den  gegenwärtigen  Stand  der  historischen  Geo- 
graphie Deutschlands,  die  zweckmäfsigerweise  vor  dem  Thudichumschen 
Antrag  hätten  gehört  und  besprochen  werden  sollen,  mufste  der  Vortragende 
wegen  des  üblichen  Zeitmangels  auf  einige  kurze  Bemerkungen  zusammen- 
drängen, in  denen  er  die  wichtigsten  derzeitigen  Unternehmungen  historisch- 
kartographischer Art,  besonders  den  von  der  Gesellschaft  für  Rheinische 
Geschichtskunde  herausgegebenen  Geschichtlichen  Atlas  der  Rheinpratmix  und 
den  Historischen  Atlas  der  österreichiscfien  Alpenländer  *)  sowie  die  Bearbeitung 
der  historisch-kirchlichen  Geographie  nach  Inhalt  imd  Methode  charakterisierte.  — 
Bezüglich  der  geplanten  Fortsetzung  des  Walther-Coner'schen  Re- 
pertoriums  der  geschichtliccen  Zeitschriftenliteratur  im  Sinne  des  von  dem 
dazu  eingesetzten  Ausschusse  entworfenen  Planes  ^)  war  leider  nur  ein  nega- 
tiver Beschlufs  möglich,  da  kein  einziger  Verein  auch  nur  seine  Meinung 
bezüglich  der  ihm  zugemuteten  finanziellen  Opfer  geäufsert  hat.  In  der  be- 
absichtigten Form  läfst  der  Gesamtverein  seinen  Plan  fallen.  Dagegen  soll 
sich  der  Verwaltungsausschufs  mit  der  neuerdings  in  Berlin  entstandenen 
Bibliographischen  Gesellschaft^)  ins  Einvernehmen  setzen,  damit 
in  geeigneter  Weise  im  Rahmen  der  von  ihr  geplanten  Veröffentlichungen 
eine  Übersicht  über  die  geschichtliche  Zeitschriftenliteratur  seit  1850  her- 
gestellt wird.  —  Im  Auftrage  der  Regierung  legte  Archivdirektor  Wolfram 
(Metz)  der  Versammlung  die  ersten  fünf  Lieferungen  eines  neuen  historisch- 

i)  Vgl.  diese  Zeitschrift  II.  Bd.,  S.  217—227. 

2)  Vgl.  Korrespondenzblatt  des  Gesamtrercins  50.  Jahrg.  (1902),  S.  28—30. 

3)  Vgl.  über  die  Aufgaben,    die  sich  diese  Gesellschaft  gestellt  hat,  und  die  Mittel, 
durch  welche  sie  diese  zu  lösen  gedenkt,  oben  S.  22 — 25. 


-  &  - 


statistischen  Werkes  für  Ebafs •  Lothringen  vor:  Bas  Reichsland  Elsaß -Lo- 
lhri$igen,  Landes  und  Ortsbeschreibung,  herausgegeben  vom  Statistischen 
Bureau  des  Ministeriums  für  Elsafs-Lothringen  (Straisburg,  Ed.  Heitz,  1902. 
Vollständig  Mk.  15,40),  gliedert  sich  in  i.  eine  allgemeine  Landesbeschreibung, 
2.  eine  Statistik  des  Landes  und  3.  ein  statistisch -geschichtliches  Ortsver- 
zeichnis, soll  aber  vorzugsweise  der  Gegenwart  dienen.  Sind  auch  die  alten 
Herrschaftsgebiete  und  Verwaltungsbezirke  neben  den  modernen  aufgenommen, 
so  sind  doch  die  älteren  Namenformen  nur  zum  Teil  berücksichtigt  und  im 
allgemeinen  nur  die  gedruckten  Quellen  benutzt  worden.  Es  handelt  sich 
also  nicht  eigentlich  um  ein  Werk,  das  dem  im  lU.  Bande  dieser  Zeitschrift, 
S.  97  ff.  charakterisierten  vergleichbar  ist,  aber  doch  um  eins,  das  immerhin 
in  gewissen  Grenzen  dem  Geschichtsforscher  dienen  kann,  vorausgesetzt,  dafs 
die  einzelnen  mitgeteilten  Nachrichten  zuverlässig  sind:  das  Urteil  darüber 
steht  den  Spezialforschem  im  Reichslande  zu. 


Eingegangene  BBeher. 

Tayenthal,  Max  von:  Die  Gablonzer  Industrie  und  die  Produktions- 
genossenschaft der  Hohlperlenerzeuger  im  politischen  Bezirke  Gablonz 
[=  Wiener  staatswissenschaftliche  Studien,  herausgegeben  von  Edmund 
Bematzik  und  Eugen  von  Philippovich ,  2.  Bd.,  2.  Heft].  Tübingen 
und  Leipzig,  J.  C.  B.  Mohr,   1900.     90  S.  8<>.     M.  3,20. 

Skalsky,  Ad.:  Die  evangelische  Kirchenordnung  für  Teschen  vom  Jahre 
1584  [=  Jahrbuch  der  Gesellschaft  für  die  Geschichte  des  Protestantis- 
mus in  Österreich,  22.  Jahrgang,   1901,  S.   i  — 17]. 

Snsebach,  H. :  Zur  Geschichte  des  Postwesens  der  Stadt  Göttmgen 
[=  Protokolle  über  die  Sitzungen  des  Vereins  für  die  Geschichte 
Göttingens   1900 — 1901,  S.   115 — 143]. 

Vancsa,  Max:  Über  Landes-  und  Ortsgeschichte,  ihren  Wert  und  ihre 
Au%aben,  Vortrag  gehalten  am  i.  März  1902  bei  der  Festfeier  des 
Akademischen  Vereines  deutscher  Historiker  in  Wien  anläislich  des 
25.  Semesters  seines  Bestandes.  Wien,  Selbstverlag  des  Vereines,  1902. 
18  S.  80. 

Derselbe:  Niederösterreich  im  Mittelalter  [=  Das  Wissen  für  Alle.  Volks- 
tümliche Vorträge  und  populärwissenschaftliche  Rtmdschau  (Wien),  2.  Jahr- 
gang, Nr.  28  imd  29]. 

Benjes,  C. :  Zeittafel  zur  Mecklenburgischen  Geschichte  nebst  Stammbäumen 
und  Wappen.     Berlin,  Süsserott,   1899.     8  S.     M.  0,10. 

Bilfinger:  Das  germanische  Julfest  [=  Programm  des  Eberhard-Ludwig- 
Gymnasiums  in  Stuttgart,   1900 — 1901].     132  S.  4®. 

Branner,  Heinrich:  Grundzüge  der  deutschen  Rechtsgeschichte.  Leipzig, 
Duncker  &  Humblot,   1901.     298  S.  8^     Gebunden  M.  6,80. 

Carlebach,  Ephraim:  Die  rechtlichen  und  sozialen  Verhältnisse  der 
jüdischen  Gemeinden  Speyer,  Worms  und  Mainz  von  ihren  Anfangen 
bis  zur  Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts.  Frankfurt  a.  M.,  I.  Kauffmann, 
1901.     90  S.  80. 

Deutsche  Gaue,  Zeitschrift  für  Heimatforschung  und  Heimatkunde,  her- 
ausgegeben von  Kurat  Frank,  Kaufbeuren.     10  Hefte  jährlich  M.  2,40. 


HU*       — 


Doehler,  Richard:  Diplomatarium  vallis  S.  Mariae  monasterii  sanctimo- 
niaÜum  ord.  eist.,  die  Urkunden  des  Königlichen  Jungfrauenstifts  und 
Klosters  Cisterdenser-Ordens  zu  St.  Marienthal  in  der  kgl.  sächs.  Ober- 
lausitz, nach  den  sämtlichen  Origbalen  des  Archivs  in  ausführlichen 
Regesten,  [=  Sonderabdruck  aus  dem  Neuen  Lausitzischen  Magazin 
Bd.  78].  138  S.  8». 
*  Gengier,  Gottfried  Heinrich:  Über  die  deutschen  Städteprivilegien 
des  XVI.,  XVn.  imd  XVIII.  Jahrhtmderts  [=  Sonderabdnick  aus  der 
Festschrift  der  Universität  Erlangen  zur  Feier  des  achtzigsten  Geburts- 
tages Sr.  Königlichen  Hoheit  des  Prinzregenten  Luitpold  von  Bayern]. 
Erlangen  tmd  Leipzig,  A.  Deichert  (Georg  Böhme),  1901.  44  S.  8^. 
M.   1,20. 

Gehrhard,  Heinrich  imd  Küstner,  Wilhelm:  Der  Dichter  und  Schriftsteller 
Karl  Geib  und  die  Familie  Geib  von  Lambsheim,  ein  Gedenk-  und 
Erinnerungsblatt  zum  50.  Todestage  des  Dichters  Karl  Geib,  heraus- 
gegeben auf  Veranlassung  des  Frankenthaler  Altertumsvereins.  Franken- 
thal, Friedr.  Albeck,   1902.      100  S.  8<>. 

Grautoff,  Ferdinand:  Die  Beziehimgen  Lübecks  zu  Christian  IV.  bis 
zum  30jährigen  Kriege,  Marburger  Dissert.      1899.     51   S.  8^ 

Grütter,  Fr.:  Der  Loin-Gau,  ein  Beitrag  zur  älteren  Geschichte  des  Fürsten- 
tums Lüneburg  [=  Veröffentlichungen  zur  niedersächsischen  Geschichte, 
herausg^eben  von  Jürgens,  4.  Heft].  Hannover,  M.  &  H.  Schaper, 
1901.     52  S.  8®.     M.   1,00. 

Hansen,  Reimer:  Wiedertäufer  in  Eiderstedt  bis  t6i6  [=  Schriften  des 
Vereins  für  schleswig-holsteinische  Kirchengeschichte.  11.  Reihe  (Bei- 
träge und  Mitteilungen)  2.  Bd.  (1901),  S.   175 — 238]. 

Heineck,  Hermann:  Brandenburg-Preufsen  und  Nordhausen  in  urkund- 
licher Darstellung,  zur  Feier  der  100 jährigen  Zugehörigkeit  der  Stadt 
Nordhausen  zur  Krone  Preufsen.  Nordhausen,  C.  Haacke,  1902. 
238  S.  80. 

Herre,  Paul:  Europäische  Politik  im  Cyprischen  Krieg,  1570 — 1573, 
I.  Teil:  Vorgeschichte  imd  Vorverhandlungen.  Leipzig,  Dieterich 
(Theodor  Weicher),   1902.      165  S.  S^.     M.  4,50. 

Hilliger,  Benno:  Die  Urbare  von  S.  Pantaleon  in  Köln  [=  Publikationen 
der  GeseUschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde  XX:  Rheinische  Urbare, 
Sammlung  von  Urbaren  und  anderen  Quellen  zur  Rheinischen  Wirt- 
schaftsgeschichte],    Bonn,  Behrendt,   1902.     CIV  und  725  S.  8^ 

Keller,  Rudolf:  Die  Friedensverhandlungen  zwischen  Frankreich  und 
dem  Kaiser  auf  dem  Regensburger  Kurftirstentag  1630.  Bonner  Disser- 
tation.    Bonn,  Behrendt,   1902.     57  S.  8^ 

Kirchhoff,  Alfred:  Was  ist  national?  Halle,  Gebauer-Schwetschke,  1902. 
44  S.  8«.     M.  0,80. 

Kraus,  Joh.:  Die  Marken  (Fabrikzeichen) der  PorzellanmanuCaktur  in  Franken- 
thal (1756 — 1800).  Frankenthal,  Friedr.  Albeck,  1899.  45  und  XIII 
S.  80. 

Prähistorische  Blätter,  unter  Mitwirkung  von  Forschem  und  Freimden 
der  prähistorischen  Wissenschaft  herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Julius 
Naue  in  München.     XIV.  Jahrgang  (1902),  Nr.   i.     16  S.  80. 

Herantgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipcig.  —  Druck  nnd  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perdiet  in  Godia 


Deutsche  Geschichtsblätter 

.  Monatsschrift 


cur 


Fordening  der  landesgescMchtlicben  Forschimg 

IV.  Band  Januar  1903  4.  Heft 


Steiertnärkisehe    Gesehiehtsehreibung    itn 

JAitteialter 

Von 
Franz  Ilwof  (Graz) 

Wenn  hier  eine  Darstellung  der  steirischen  Historiographie  ver- 
sucht wird,  so  ist  diesem  nicht  allzu  leichten  Unternehmen  vorauszu- 
schicken, dafs  durchaus  nicht  an  eine  vollständige  Aufzählung  und 
Besprechung  aller  Schriften  zur  steirischen  Geschichte  gedacht  werden 
kann;  enthält  doch  Schlossar*s  Bibliotheca  Historico-Geographica 
Stiriaca^)  3733  Nummern,  obwohl  sie  nicht  lückenlos  und  seit 
äirer  Vollendung  manches  Neue  erschienen  ist.  Hier  kommt  es 
darauf  an,  das  Wichtigste  und  Bedeutendste,  das  ftir  die  betreffende  Zeit 
besonders  Charakteristische  und  vor  allem  das  ftir  die  Folge  Belang- 
reiche zu  besprechen. 

Die  Anfange  der  Geschichtschreibung  in  Steiermark  finden  sich 
in  dem  Benediktinerstifte  Admont  im  Ennstale.  Erzbischof  Gebhard 
von  Salzburg  gründete  es,  indem  er  1074  aus  St.  Peter  in  Salzburg 
zwölf  Mönche  dorthin  sandte,  der  neuen  Stiftung  als  Dotation  die  von 
<icr  heiligen  Hemma,  der  1045  verstorbenen  Gemahlin  des  Grafen 
Wilhelm  von  Friesach  und  Zeltschach  gewidmeten  Ländereien  über- 
gab und  auch  seinerseits  reiche  Schenkungen  hinzufügte.  Dafs  man 
in  dem  emporblühenden  Kloster  den  Stifter  nicht  vergafs,  beweist  die 
schon  am  Anfang  des  XII.  Jahrhunderts  von  einem  Admonter  Mönch 
entworfene  vifa  Gebhardi,  aber  der  nächsten  Generation  genügte  diese 
kurze  Lebensbeschreibung  nicht,  und  ein  anderer  Admonter  schilderte 
nun  eingehend  das  Leben  Gebhards  und  seiner  vier  nächsten  Nachfolger 
(Thiemo,  Konrad  I.,  Eberhard,  Konrad  II.)  mit  besonderer  Berück- 
sichtigung ihres  wohlwollenden  Verhaltens  gegen  Admont  *).  Der  Autor 

i)  Aach  B.  d.  T.:    Die  Literatur  der  Steiermark   in   historischer^  geographischer 
'tndetkfwgraphischer  Besiehung.  Ein  Beitrag  zur  österreichischen  Bibliographie.  Graz  1886. 
2)  Gedruckt  in  den  Mooameota  Germaniae  Historica,  Scriptores  XI,  S.  25 — 33. 

7 


—     90     — 

nennt  die  ältere  Vita  und  die  mündliche  Überlieferung  als  seine 
Quellen  und  schliefst  mit  dem  Jahre  Ii8i;  eine  andere  Hand  setzt 
die  Geschichte  von  Admont  bis  zum  Abt  Konrad  1242  und  eine  dritte 
bis  zum  Abt  Friedrich   1259  fort. 

Auch  die  beiden  Fassungen  der  Passio  Thientonis  scheinen  in 
Admont  entstanden  zu  sein;  die  eine  in  Prosa  in  der  Mitte,  die  an- 
dere in  Versen  am  Ende  des  XU.  Jahrhunderts,  und  zwar  rührt  letztere 
von  einem  Begleiter  Thiemos  auf  dem  Kreuzzuge  her.  Da  an  diesem 
Abt  Gisilbert  von  Admont  und  gewifs  in  Begleitung  von  Mönchen 
und  Dienstmannen  seines  Klosters  teilnahm,  so  ist  es  nicht  unwahr- 
scheinlich, dafs  einer  der  zurückgekehrten  Admonter  das  Erlebte  und 
Gesehene  in  Versform  beschrieb  *).  Erzbischof  Thiemo  fand  auf  der 
unglücklichen  Kreuzfahrt  Herzog  Welfs  seinen  Tod;  in  seiner  Heimat 
wünschte  man  einen  Bericht  über  sein  Ende,  und  diesem  Wunsche 
entsprechend  beschrieb  ein  angeblicher  Augenzeuge  sein  grauenvolles 
Leiden  und  Sterben,  aber  schon  Otto  von  Freising  bezweifelt  seine 
Erzählung.  Diese  Schrift  ist  verloren  gegangen,  nur  zwei  verschiedene 
Bearbeitungen,  denen  sie  zu  gründe  liegt,  sind  erhalten,  und  eine  da- 
von ist  aus  Admont.  Man  besafs  hier  nach  Wattenbach  ^)  eine 
kurze  metrische  (beschichte  der  Salzburger  Erzbischöfe  bis  auf  diese 
Zeit,  knüpfte  an  diese  im  Anfange  des  XII.  Jahrh.  einige  kurze  Nach- 
richten über  Erzbischof  Gebhard  an  und  fügte,  dann  wieder  zur  Poesie 
übergehend,  das  Leben  und  Sterben  seines  Nachfolgers  Thiemo  hinzu, 
und  das  Ganze  gibt  eine  recht  gute  Probe  von  der  Formge- 
wandtheit, die  man  sich  damals  in  der  Admonter  Schule 
erwerben  konnte.  Lehrreicher  ist  ein  zweites  Leben  Thiemos, 
welches  die  Zeiten  vor  dem  Kreuzzuge  ausführlicher  behandelt ,  jedoch 
erst  um  die  Mitte  des  XII.  Jahrh.  verfafst  ist  und  daher  über  jene 
schon  ziemlich  fern  liegenden  Ereignisse  manches  F'ehlerhafte  enthält. 

Neben  diesen  Lebensschilderungen  für  Admont  bedeutungsvoller 
Persönlichkeiten  entstanden  dort  auch  Annale n.  Diese  beginnen  mit 
einer  Computatio  annorum  nach  Hieronymus,  bringen  Episoden  aus 
der  Welt-  und  Kirchengeschichte  und  eröffnen  die  Reihe  der  Admonter 
Ereignisse  mit  dem  Ciründungsjahre  1074;  mit  den  allgemeinen  Be- 
gebenheiten sind  dann  in  der  üblichen  Weise  Daten  aus  der  Geschichte 
des  Klosters  verflochten.  Der  Beginn  der  Niederschrift  mag  in  das 
Ende  des  XII.  Jahrh.  fallen;  die  Schriftzüge  der  ersten  Hand  reichen 

i)  Wichncr,  Kloster  Admont  und  seine  Beziehungen  zur  Wissenschaft  und  zum 
Unterricht,     (o.  O.  Selbstverlag  des  Verfassers   1892.)  S.   22  —  24. 

2)  Deutschlands  Geschichtsquellen  (4.  Aufl.  Berlin   1878),  II.,  S.  61—62. 


—     91     — 

bis  1205  und  zwei  andere  setzen  das  Werk  bis  1250  fort.  Unmittelbar 
unterrichten  diese  Annalen  über  die  Geschichte  des  Stiftes  selbst,  für 
diis  übrige  sind  die  Annalen  von  Salzburg,  Garsten,  Melk,  Ekkehard 
und  Otto  von  Freising  benützt.  Dafs  sie  von  Admonter  Mönchen 
stammen,  beweisen  mehrere  Stellen  in  ihnen  selbst  ^).  Die  Vita  Geb- 
hardi  und  die  Passio  Thienwnis  sind  erweitert,  und  die  Kloster- 
j^eschichte,  verbimden  mit  einigen  Angaben  über  die  Salzburger  Erz- 
bischöfe, wird  bis  \\^^  fortgeführt.  Später  hat  man  noch  ein  Exzerpt 
aus  den  Admonter  Annalen  bis  1231  hinzugefügt  und  die  Kloster- 
chronik von  da  bis   1259  fortgesetzt*). 

Streng  genommen  nicht  historischen  Inhalts,  aber  doch  hier  an- 
zuführen sind  zwei  Schriften  des  Abtes  Engelbert  von  Admont  (1297 
bis  1327),  das  Gedicht  de  electione  regis  Rudolphi  et  de  proelio  et 
cof^ictu  regis  Rudolphi  contra  regem  Bohemiae  Ottokarunt  ^)  und 
die  umfangreiche  politische  Abhandlung  de  ortu  et  fine  Romani 
imperii^)  die  in  der  Zeit  Heinrichs  VII.  nach  Empfang  der  Kaiser- 
krone geschrieben  ist.  Lorenz^)  sagt  von  letzterer,  sie  erzähle  über 
die  Entstehung  des  Kaisertums  nichts  Neues,  sei  aber  pessimistisch, 
tteü  das  Ideal  des  Verfassers  sich  von  der  Wirklichkeit  allzusehr  ent- 
ferne. In  der  Ansicht  über  die  Einheit  des  christlichen  Staates  und 
die  Pflicht  des  Kaisers,  den  Frieden  und  die  Eintracht  zwischen  allen 
Völkern  und  Staaten  herzustellen,  hat  Engelbert  viel  Ähnliches  mit 
Dante,  so  dafs  man  die  Kenntnis  der  Schrift  de  ntonarchia  bei  Engel- 
bert voraussetzen  darf,  zumal  dies  durch  die  Chronologie  der  Schriften 
durchaus  nicht  ausgeschlossen  ist. 

Mit  den  Annales  Adtnuntenses  endet  die  historiographische 
Tätigkeit  im  Kloster  und  in  der  Steiermark  überhaupt,  bis  zwei  nach 
Form  und  Inhalt  ganz  anders  beschaflfene  Geschichtswerke  in  deutscher 
Sprache  und  in  Versen  entstehen.  Eins  von  ihnen  ist  für  uns  eine 
hochwichtige  Geschichtsquelle,  für  die  Zeitgenossen  und  ihre  nächsten 
Nachkommen  aber  bildete  es  ein  Geschichtswerk,  aus  dem  sie  die  Er- 
eignisse, die  kurz  vorher  vorgegangen  waren  und  die  sie  miterlebt, 
kennen  lernen  und  Anregung,  Belehrung  und  Unterhaltung  schöpfen 


i)  Gedruckt  sind  die  Admonter  Annalen  in  Moo.  Germ.  Histor,  Scriptores  IX, 
S.  569 — 579,  uod  die  Conünuatio  S.  579  —  593.  Vgl.  Wattenbach  a.  a.  O.  II,  S.  235 
bi*  236. 

2)  Gedrackt  Scriptores  XI,  S.  30—55. 

3)  Hs.  in  der  Münchener  Hofbibliothek. 

4)  Herausgegeben  von  Brusch  1553. 

5)  Deutschlands  GeschichtsquelUn,     2.  Aufl.  (Berlin  1877)  II.  Bd.,  S.  297—298. 

7* 


—     92     — 

konnten:  es  sind  dies  Jansen  Enikels  Weltchronik  und  Fürsten- 
buch  und  Ottokars*)  des  Steiermärkers  Österreichische  oder 
steirische  Reimchronik, 

Enikels  Werke*)  besitzen  g^eringen  historischen  Wert ,  sind 
nicht  Geschichtswerke  in  engerem  Sinne,  sondern  Geschichtenbüchcr, 
die  unterhalten  wollen.  Hingegen  bietet  das  Landbuch  von  Öster- 
reich und  Steier,  die  Einleitung  zum  Fürstenbuche,  im  ersten  Teile 
die  sehr  wertvolle  Beschreibung  des  landesherrlichen  Besitzes  in  Öster- 
reich und  Steiermark  zur  Zeit  der  letzten  Babenberger,  der  herzog- 
lich  steirischen  Hausmacht  von  1122  bis  zur  Beerbung  der  Traun- 
gauer  durch  die  Babenberger,  die  Beschreibung  der  Grenzen  des  Herzog- 
tums  Osterreich  —  also  auch  der  Nordgrenze  der  Steiermark  — 
und  der  babenbergischen  Hausmacht  innerhalb  der  österreichischen 
Grenzen  bis  herauf  in  die  Zeit  Friedrichs  des  Streitbaren.  Dieses 
Landbuch  *)  dürfte  vor  1245  am  babenbergischen  Hofe  entstanden  sein. 

War  man  bis  vor  etwa  zehn  Jahren  auf  die  Ausgabe  von  Otto- 
kars Reimchronik  in  den  Scriptores  rerunt  austriacarum  von  Pez 
(Regensburg  1745)  angewiesen,  so  liegt  nunmehr  die  musterhafte  Edition 
derselben  von  Joseph  Seemüller*)  vor,  der  nicht  nur  durch  eine 
umfangreiche  Einleitung  und  eine  Übersicht  über  den  Inhalt  der  Reim- 
chronik die  Benützung  seiner  Ausgabe  ungemein  erleichtert,  sondern 
auch  alles  beigebracht  hat,  was  über  Ottokar  und  sein  Werk  über- 
haupt zu  erforschen  war  ^).  Danach  war  Ottokar  um  1265  in  der 
Steiermark  geboren,  wahrscheinlich  im  nordwestlichen  Teile,  und  ver- 
mutlich ein  Dienstmann  Ottos  IL  von  Liechtenstein.  Durch  einige 
Zeit  seines  Lebens  Fahrender,  lebte  er  stets  in  bescheidenen  Lebens- 
verhältnissen, hatte  weltliche  Bildung  genossen,  verstand  aber  Latei- 
nisch und  kannte  die  Bibel  sowie  die  deutsche  Dichtung  gut :  Hartmann 
von  Aue,  Wolfram  von  Eschenbach,  Konrad  von  Würzburg,  Walther  von 
der  Vogelweide,  Frauenlob  und  den  Prediger  Berthold  von  Regens- 
burg; Siegfried,  Dietrich  von  Bern,  Ermenrick,  Ecke,  Vasolt,  Horand, 

1)  Den  Namen  „von  Horneck^*  hat  Wolfgang  Lazios  erfanden,  er  ist  eine  willkürliche 
Mutmafsang. 

2)  Jansen  Enikels  Werke,  herausgegeben  von  Philipp  Straach.  Mon.  Germ,  histor. 
Deutsche  Chroniken  and  andere  Geschichtsbücher  des  Mittelalters  ^  Bd.  m.  (Hannover 
1900.) 

3)  Bei  Strauch,  S.  687—729. 

4)  In  Monumenta  Germaniae  Historica.  Deutsche  Chroniken  und  andere  Geschichts- 
bücher des  Mittelalters.     V.  Band.  (Hannover  1890 — 93.) 

5)  Diese  Einleitung  liegt  auch  dem  folgenden  zu  Grunde.  Vgl.  auch  Lorenz,  a.  a.  O.  I, 
209  —217. 


—     93     — 

Kriemhild  werden  von  ihm  ausdrücklich  genannt.     Die  Quellenunter- 
suchung  lehrt,  dafs  der  Reimchronist  manche  schriftliche  Quellen  be- 
nutzte'),   aber  aufser  diesen  müssen  ihm   noch   andere   umfangreiche 
schriftliche  Vorlagen  und  zahheiche  mündliche  Nachrichten  zugekommen 
sein,  Seemüller  vermutet  mit  Glück,  steirische  und  kärntnische  Adelige 
hatten  die  Niederschrift  des  Werkes  veranlafst,  ihm  mündliche  Nach- 
richten zukommen  und  für  ihn  Quellen  ausschreiben  lassen;  im  Mittel- 
punkte dieses  Kreises  dürften  die  steirischen  Liechtensteine  gestanden 
haben,  besonders  Otto  IL*)  und  seine  Söhne;    dieses  Geschlecht   war 
einflufsreich   genug,   auch   mit  den   politischen   Angelegenheiten   des 
Landes  vemoben,  um  dem  Chronisten  selbst  Urkunden  zu  verschaffen. 
Aber  auch  mündliche  Nachrichten  erhielt  der  Chronist  wahrscheinlich 
diutrh  die    Liechtensteine,   so   die   über   die  Verhandlungen  zu  Prefs- 
burg  (1291),  deren  Ergebnis,  die  Friedensurkunde,  der  Chronist  genau 
kennt,  und  die  über  des  Böhmenkönigs  Ottokar  Kreuzzug  nach  Preufsen, 
wobei  Otto  Marschall  war;  aber  wie  Otto  von  Liechtenstein,  so  haben 
gewifs  auch   andere   ihm  Nachrichten   geliefert.     Dabei   konnten  Ver- 
tauschung, Umordnung  und  Unordnung  der  Notizen  leicht  vorkommen ; 
zahlreiche  Anachronismen,  geschichtliche  Unrichtigkeiten,   Verwechs- 
lungen und  Mifeverständnisse,  die  unverständlich  wären,  wenn  Ottokar 
die  vollständigen  Quellen  vor  sich  gehabt  hätte,  dürften  sich  so  erklären. 
Die    bisher    von  Pez,    Schacht*),    Jacobi*),    Lorenz    und 
Krön  es  *)  verschieden  beant>vortete  Frage  nach  der  Zeit  der  Abfassung 
ist  nach  SeemüHer  dahin  zu  entscheiden,   dafs   die  Arbeit   etwa  1305 
begonnen  wurde  und  den  Verfasser  bis  nahe  an  1320  beschäftigt  hat. 
Die  Reimchronik  ist  ein  einheitliches  Werk  und  umfafst  die  Ge- 
schichte vom  Tode  Kaiser  Friedrichs  IL  bis  zur  Ächtung  der  Mörder 
König  Albrechts  1.  und  bis  zum  Aufstande  in  Niederösterreich  gegen 
Herzog  Friedrich  den  Schönen  (1309),  ist  aber  trotz  des  Umfangs  (98595 
\  erse)  nicht  lückenlos.    Sie  bietet  vorwiegend  eine  Fürstengeschichte, 
fiir  Österreich  mit  Steiermark  und  Kärnten  auch  Landesgeschichte,  für 
drei  gröfsere  Episoden   (aus   der  Geschichte  Venedigs,    von   der  Be- 
lagerung und  Zerstörung  Accons  und  von   den  Freiheitskämpfen   der 

1)  So  die  Salxborger  Annalen  and  andere  Salzborger  Aufzeichnungen,  die  Altaicher 
Azmaien  und  ihre  Fortsetzungen,  die  österreichischen  Annalen,  elsässische  Quellen,  und 
vielleicht  bat  es  auch  eine  uns  verlorene  Geschichte  des  Hauses  Habsburg  gegeben,  aus 
der  OUokar  schöpfte. 

2)  Otto  von  Liechtenstein  war  literarisch  gebildet,  Mitglied  der  Schreiberzunft  in  Wien . 

3)  Aus  und  üb€r  Ottokars  von  Horntck  Hetmchront'k»  {Mainz  1821). 

4)  Dt  Ottocart  chronica  austrüuo  (Vratislawiac   1839). 

5)  Allgemeine  Deutsche  Biographie  XXIV.  Bd ,  S.  774. 


—     94     — 

Häminge)  auch  Städtegeschichte.  Staatssachen  werden  erzählt,  rein 
private  Verhältnisse  nur  selten  berührt.  Synchronistische,  geographische 
und  stoffliche  Gesichtspunkte  leiten  den  Verfasser  bei  der  Stoffgliede- 
rung. Im  Mittelpunkte  steht  ihm  Österreich,  um  dasselbe  gruppieren 
sich  die  Nachbarländer  im  Westen,  Norden,  Osten  und  Süden;  doch 
ebenso  wichtig  ist  ihm  das  deutsche  Reich,  d.  h.  die  Unternehmungen 
der  Könige.  Aber  die  Auffassung  ist  durchaus  subjektiv,  so  dafs  sich 
eine  Charakteristik  der  politischen  Stellungnahme  des  Verfassers  wohl 
geben  läfst  ^).  Aber  die  Gedanken,  die  ihn  beherrschen,  sind  nicht 
erworbene  Prinzipien,  also  auch  nicht  Tendenzen,  sondern  passiv  durch 
Leben  und  Bildung  gewordene  und  erwachsene  Anschauungsformen, 
die  von  Fall  zu  F'all  das  Urteil  und  die  Auffassung  beeinflussen;  sie 
leiten  den  Verfasser,  nicht  er  sie. 

Die  Reimchronik  war  nicht  Ottokars  einziges  Werk ;  er  sagt  selbst 
in  der  Vorrede,  dafs  er  eine  Kaiserchronik,  buoch  der  keiser,  ge- 
schrieben habe  und  von  der  Arbeit  ausruhen  wollte,  als  er  von  denen 
die  liep  heten  ze  wissen  diu  tnaere,  was  hie  geschehen  waere, 
nahen  und  wtten  sit  keiser  fridrichs  ztten  gebeten  wurde,  auch  das 
darzustellen;  so  entstand  die  vorliegende  Reimchronik,  w-ährend  das 
verschollene  Kaiserbuch  eine  Weltchronik  war,  welche  mit  Assyrien 
beginnend,  über  Perser  und  Römer  hinweg  bis  zum  Tode  Friedrichs  II. 
ging.  Auch  ein  Buch  der  Päpste  wollte  er  verfassen,  also  Welt-  und 
Landesgeschichte,  wenn  auch  in  verschiedenen  Werken,  nebeneinander 
darstellen ,  wie  überhaupt  für  ihn  die  versuchte  und  durchgeführte 
Verbindung  von  Landes-  und  Reichsgeschichte  charakteristisch  ist  *). 

Die  Bedeutung  der  Chronik  für  ihre  Zeit  bezeichnet  am  besten 
die  Tatsache,  dafs  sie  wenige  Jahre  nach  Ottokars  Tode  der  gelehrte,  in 
politischen  Dingen  wohlerfahrene  Abt  Johannes  von  Viktring  zur 
Grundlage  für  einzelne  Teile  seines  eigenen  lateinischen  Werkes  machte. 

Johannes,  der  Abt  (13 15 — 1348)  des  Cistercienserklosters  Viktring 

i)  Im  Kampfe  zwischen  Kaiser  und  Papst  steht  er  entschieden  auf  Seiten  des  ersteren, 
in  rein  geistlichen  Dingen  ist  er  streng  kirchlich.  Die  Verbindung  zwischen  Land  und 
angestammtem  Herrscherhaus  ist  ihm  ein  geläufiger  Begriff  mit  sittlichem  Wert.  Ein 
lebhaftes  HeimatsgefUhl  weckt  bei  ihm  wahre  Liebe  zu  seinen  Steiermärkern,  neben  ihnen 
stehen  ihm  Leute  aus  Kärnten  und  Salzburg  nahe;  wenig  wohlwollend  ist  er  Böhmen  und 
Ungarn,  auch  Bayern  und  Tirolern. 

2)  Für  uns  liegt  ihr  Wert  sowohl  darin,  dafs  sie  (^)uelle  (lir  bestimmte  geschichtliche  Vor- 
gänge ist,  als  auch  in  ihrer  Eigenschaft  als  literarisches  Denkmal,  denn  sie  war  ein 
geschichtliches  Lesebuch  fiir  die  Zeitgenossen  und  wird  mit  ihren  anschaulichen  Schilde- 
rungen zu  einer  wichtigen  Quelle  für  die  Kenntnis  der  Zustände  in  Steiermark  zur  Zeit 
des  Verfassers. 


—     95     — 

bei  Kla^enfurt  in  Kärnten,  ist  zwar  kein  Steiermärker  und  hat  nicht 
in  diesem  I^nde  geschrieben;  aber  Kärnten  ist  das  nächste  Nachbar- 
g^ebiet  der  Steiermark,  mit  dieser,  besonders  im  späteren  Mittelalter 
und  noch  im  XVI.  Jahrhundert  vielfach  inni^  verbunden,  und  Johanns 
liber  certarutn  historiaruin  bringt  so  viele  Nachrichten  über  Vor- 
j^än^e  und  Ereig^nisse  im  Steierlande  und  erlitt  in  Leoben  eine  Um- 
arbeitung^, dafs  es  gewifs  nicht  mit  Unrecht  den  steiermärkischen  Ge- 
schichtsbüchern des  Mittelalters  anzureihen  ist  *).  Johannes  Victoriensis 
beginnt  sein  Werk  mit  der  Absetzung  Kaiser  Ottos  IV.  (1217)  und 
schliefst  es  mit  dem  Jahre  1344.  Dem  Herzog  Albrecht  II.  gewidmet, 
ist  es  eine  der  besten  historischen  Arbeiten  des  späteren  Mittelalters,  kunst- 
voll angelegt  und  mit  Einsicht  verfafst.  Die  ersten  Teile,  die  er  nicht 
als  Zeitgenosse  schildern  konnte,  beruhen  auf  Ottokars  Reimchronik;  für 
die  späteren  Teile  standen  ihm  seine  eigenen  Erfahrungen  und  allenfalls 
noch  originale  Berichte  von  Augenzeugen  der  Ereignisse  zur  Verfügung. 

Im  besonderen  von  Steiermark  handelt  Johanns  Erzählung  im 
I.  Buche,  wo  von  der  Erledigung  der  F*ürstentümer  Österreich  und 
Steier,  dem  Tode  Friedrichs  II.  und  der  Erwerbung  Österreichs  durch 
Markgraf  Ottokar  von  Mähren  die  Rede  ist.  Ferner  erzählt  er,  wie 
König  Bela  Steiermark  gewann  und  von  Ottokar  besiegt  wurde  sowie 
von  des   letzteren  Kampfe  mit  König  Stephan  von  Ungarn. 

Im  zweiten  Buche  wird  berichtet,  wie  König  Rudolf  seine  beiden 
Sohne  und  den  Grafen  Meinhard  zu  Herzögen  machte,  von  Rudolfs 
zweiter  Ehe  und  seinem  Sohne  Albrecht,  aber  es  ist  auch  viel  über 
Steiermark  und  Steiermärker  gesagt,  es  sind  über  Orte  und  Persönlich- 
keiten dieses  Landes  Mitteilungen  gemacht.  Wenn  Johann  von  den 
Westmächten,  Spanien,  Frankreich,  England  mancherlei  zu  erzählen 
weifs,  Italien  als  Sitz  des  Papsttums  besonders  berücksichtigt,  die 
Reihenfolge  der  Päpste  genau  verzeichnet,  über  ihre  wichtigsten  Hand- 
lungen, ihre  Politik,  ihr  Eingreifen  in  die  Geschichte  Unteritaliens  be- 
richtet, noch  ausführHcher  die  Ereignisse  in  Italien  behandelt,  das  je- 
weilige Reichsoberhaupt  auf  allen  Zügen  und  Unternehmungen  be- 
gleitet —  so  werden  in  zusammenhängender  Erzählung  doch  eigent- 
lich nur  diejenigen  Dinge  mitgeteilt,  deren  Schauplatz  jene  südöst- 
lichen  I^ndschaften  sind,  in  denen  Johann  zu  Hause  ist*). 

i)  Gedruckt  in  Böhmers  Fontes  rerum  Germanicarum  ^  I,  217  —  450.  Vgl.  dazu 
Foornicr,  Abt  Johann  von  Viktring  und  sein  Liber  certarum  historiarum,  Berlin, 
1875.     ^'nd  Lorenr  a.  a.  O.  I,   123,  209—217. 

2)  Frieden 5 bürg  in  der  Einleitung  zu  Johannes  von  Viktring  in  den  Geschicht- 
*chrcil>cm  der  deutschen  Vorzeit.     Bd.  VIII. 


—     96     — 

Eine  Handschrift  von  Johanns  Liber  certarunt  Aisioriarunt 
wurde  von  einem  unbekannten  Schreiber  umgearbeitet  und  durch  Auf- 
zeichnungen der  Leobner  Dominikaner  vermehrt ;  P  e  z  *)  hat  sie  als  Ano- 
nymi Leobiensis  Chronicon  herausgegeben,  eine  bis  dahin  unbekannte 
weitere  Handschrift  fand  v.  Zahn  in  der  Grazer  Universitätsbibliothek 
und  edierte  sie  als  Anonymi  Leobiensis  Chronicon  (Graz  1865).  Ob^ 
wohl  dieser  Anonymus  aus  vielen  bekannten  Quellen  schöpft,  bleibt 
eine  Anzahl  Stellen  übrig,  für  welche  er  der  einzige  Träger  ist.  Diese 
Stellen  betreffen  gerade  steiermärkische  Dinge  und  stehen  in  so  fester 
Reihenfolge  in  der  Chronik,  dafs  man  sie  nicht  übersehen  kann  und 
wegen  ihres  wertvollen  Inhalts  —  vornehmlich  Landes-  und  städttische 
Verhältnisse  betreffend  —  nicht  übersehen  darf*).  Zahn  nimmt 
an,  Verfasser  bezw.  Kompilator  der  Handschrift  sei  ein  Priester  des 
Dominikanerklosters  zu  Leoben  *). 

Eine  steirische  Fortsetzung  der  Melker  Annalen  sind  die  Neu- 
berger  Annalen,  welche  in  dem  Cistercienserkloster  Neuberg  im 
oberen  Mürztale  der  Steiermark  niedergeschrieben  wurden  und  Nach- 
richten von  den  Jahren   1325 — 1396  enthalten*). 

Wenn  die  mit  guten  Gründen  vorgebrachte  Vermutung  Franz 
Martin  Mayers*)  zutreffend  ist,  dafs  der  Verfasser  der  österreichi- 
schen Chronik,  welche  bisher  den  Namen  des  Matthaeus  oder 
Gregor  Hagen  trug,  der  Dekan  der  juridischen  Fakultät  an  der 
Universität  zu  Wien,  Johann  Sefner,  war,  so  gehört  diese  Chronik 
insoweit  der  Steiermark  an,  als  Sefner,  aus  Untersteiermark  gebürtig,, 
als  Pfarrer  zu  Rohats  (Rohitsch)  wirkte  und  erst  um  1391  nach  Wien 
kam,  wo  er  an  die  Abfassung  der  Chronik  gegangen  sein  mag.  Sie 
ist  besonders  für  die  älteste  Zeit  voll  haarsträubender  Fabeln,  die 
dennoch  oft  gläubig  nachgeschrieben  wurden.  Da  sie  aber  ohne 
geschichtlichen  Wert  ist,  darf  man  sagen,   dafe  es    in  Innerösterreich 


1)  Scriptores    rerum    Austriararnm    II.    Bd.    218  —  300   (Leipzig   und  Regensborg^ 

3  Bde.   1720— 1745). 

2)  Hierzu  gehören  namentlich  die  bisher  vergebens  gesuchten  Nachrichten  über  die 
Gründung  und  Dotation  von  Göfs,  die  Stiftungen  und  Schicksale  der  Dominikanerklöster 
zu  Fncsach  in  Kärnten  und  Leoben  in  Obersteiermark,  die  Versetzung  dieser  Stadt  und 
Brände  derselben. 

3)  Vgl.  dazu  die  umfassende  Untersuchung  von  Zahn,  Ober  den  Anonymus  Leobiensis 
in  den  Beiträgen  zur  Kunde  steicrmärkischer  Geschieht. •»quellen,  I.  Band.  (Graz  1864) 
47—102. 

4)  Mon.  Germ.  Histor.  Scriptorcs.  IX.  669—677. 

5)  Untersuchungen  über  die  ö:^U'r reichische  Chronik  des  Matthaeus  oder  Gregor 
Hagen.     Im  Archiv  für  österreichische  Geschichte.  60.  Band,  1^1880)  S.  295 — 342. 


—     97     — 

von  et^a  1350 — 1435  ganz  an  Chroniken  mangelt  *).  Dann  erst  tritt  die 
Cillier  Chronik  ein,  welche  in  der  zweiten  Hälfte  des  XV.  Jahrhunderts 
abge£afist  wurde  und  von  den  Ereignissen  der  Jahre  1437 — ^458  aus-^ 
fuhrlich  handelt  *). 

Von  der  gröfisten  Bedeutung  für  die  östlichen  Alpenländer  und 
fiir  das  Haus  Habsburg  war  das  Emporkommen  und  waren  die  Tat- 
handlungen der  Grafen  von  Cilli  in  der  ersten  Hälfte  des  XV.  Jahrh's. 
Sie  stammen  von  den  hochadeligen  vollfreien  Herren  von  der  San^ 
von  Saneck  und  lassen  sich  von  1130  an  nachweisen.  Bis  zur  habs- 
burgischen  Periode  liegt  ihre  Geschichte  im  Dunkel ;  von  da  an  treten 
die  überlieferten  Tatsachen  klarer  hervor  und  beginnen  sich  um  ein- 
zelne Persönlichkeiten  des  Geschlechtes  zu  konzentrieren.  Ulrich  I_ 
von  Saneck  war  ein  treuer  Anhänger  der  Habsburger,  wurde  1308 
ihr  Lehensmann  und  vermehrte  den  Güterbesitz  seines  Hauses.  Sein 
Sohn  Friedrich  erwarb  im  Erbgange  den  gröfsten  Teil  des  umfang- 
reichen Eigens  der  1322  ausgestorbenen  Heunburger,  darunter  Markt 
und  Burg  Cilli,  und  damit  war  die  Macht  der  Sanecker  begründet^ 
die  sich  in  Kürze  so  namhaft  vermehrte,  dafs  sie  Kaiser  Ludwig 
(München,  16.  April  1341)  zu  Grafen  von  Cilli  erhob.  Teilungen 
kamen  nicht  vor  und  schützten  vor  Zersplitterung  des  Besitzes.  Auf 
der  Heerfahrt  des  habsburgischen  Herzogs  Albrecht  IH.  erscheint  Her- 
mann I.  von  Cilli  als  der  vornehmste  Kämpe,  denn  er  erteilte  dem 
Herzog  den  Ritterschlag.  Sein  Sohn  Hermann  IL  stand  in  hohen 
Gnaden  bei  König  Sigmund,  der  ihm  Zagorien  verlieh,  ihn  zum  Banus 
von  Slavonien  und  der  windischen  Lande  machte  und  mit  der  ganzen 
Murinsel  und  der  Grafschaft  Csakathurn  belehnte.  1408  vermählte 
sich  König  Sigmund  mit  Barbara,  der  Tochter  Hermanns  II.  {\  143 S) 
von  Cilli.  Als  1420  die  reichen  Grafen  von  Ortenburg  ausstarben, 
fielen  die  ausgedehnten  Güter  derselben  in  Kärnten  und  Krain  den 
Cilliem  zu.  Hermann  II.  hinterliefs  den  vermehrten  Besitz  seinem 
Sohne  Friedrich  IL,  dessen  Güterbestand  sich  über  einen  weiten 
Länderkreis,  Steiermark,  Kärnten,  Krain,  Nieder-  und  Oberösterreich, 
Kroatien,  Slavonien  und  Südungarn  erstreckte;  ihre  Verwandtschaft 
and  Schwägerschaft  umspannte  die  bedeutendsten  Geschlechter  der 
östlichen  Alpenländer,  Bosniens  und  Serbiens  und  reichte  bis  in  die 
Herrscherhäuser    ersten  Ranges,    Luxemburg  und  Habsburg.     Daraus 

1)  Dem  modernen  Forscher   stehen   in    dieser  Zeit  Urkunden   und  Akten    in   reicher 
Ffiüe  zur  Verfiignng,  aber  die  darstellende  zeitgenössische  Geschichtserzählung   setzt   aus. 

2)  Krones  in  den  Beiträgen  zur  Kunde  steiermärkischer  Geschichtsquellen  VH.  Band,. 
(,870)  3—55. 


—      Ü8      — 

erklärt  es  sich,  dafs  Kaiser  Sigmund  die  Cillier  PViedrich  IL  und  dessen 
Sohn  Ulrich  II.  trotz  der  Einsprache  des  Habsburg-er  Herzogs  Fried- 
richs V.  1438  in  den  Reichsfürstenstand  erhob.  Damit  erhielt  das 
Geschlecht  immer  gröfseren  Einflufs;  Ulrich  II.  wurde  Gubernator 
Böhmens  und  1452  Vormund  des  nachgeborenen  Ladislaus  und  Regent 
in  dessen  Landen.  Dieser  glänzenden  Erhebung  folgte  rasch  der 
Sturz :  Ulrichs  II.  unbeschränkter  Einflufs  auf  Ladislaus  erbitterten  das 
in  Ungarn  mächtige  Haus  Ilunyadi  derart,  dafs  Ladislaus  Hunyadi, 
der  Sohn  des  grofsen  Johann  Hunyadi  und  Bruder  des  Mathias  Cor- 
vinus,  den  letzten  Cillier  Ulrich  II.  zu  Belgrad  nach  einer  Unter- 
redung mit  dem  Schwerte  angriff,  verwundete  und  durch  sein  Gefolge 
töten  liefs  (11.  November  1456).  Damit  war  das  Haus  der  Grafen 
von  Cilli  erloschen. 

Die  Geschichte  dieses  Geschlechtes  ist  in  einer  nahezu  gleich- 
zeitigen Chronik  erhalten ,  die  in  trefflicher  Ausgabe  vorliegt  *) ;  sie 
ist  für  die  Steiermark  von  höchstem  Belange,  denn  sie  erzählt  nicht 
nur  hochwichtige  Ereignisse,  sondern  ist  auch  für  die  Zeit  von  etwa 
1350  an  die  einzige  chronikalische  Aufzeichnung  in  Steiermark,  Kärnten 
und  Krain. 

Die  Cillier  Chronik  wurde  im  XVIII.  Jahrhundert  erst  von  Hahn  *) 
nach  einer  1  landschrift,  und  dann  von  Aquilinusjulius  Caesar  •) 
nach  vier  Handschriften  veröffentlicht;  Krone s  konnte  17  Hand- 
schriften benutzen.  Inhaltlich  handelt  es  sich  um  zwei  wesentlich 
verschiedene  Abschnitte :  der  erste  ist  die  Maximilianslegende ,  eine 
Verdeutschung  der  aus  dem  XIII.  Jahrhunderte  stammenden  Uta 
S,  Maxintiliani;  der  zweite  ist  die  Geschichte  der  Grafen  von  Cilli 
von  1341  bis  1456;  nur  letzterer  hat  historischen  Wert.  Zwei  Re- 
daktionen der  Chronik  sind  zu  unterscheiden,  die  ältere  stammt  noch 
aus  dem  XV.  Jahrhundert,  die  jüngere  ist  im  XVI.  Jahrhimdert  ent- 
standen. Jene  ältere  Redaktion  der  Cillier  Grafenchronik  ist  aber 
eine  Spezialquelle  selbständiger  Haltung:  nirgends  findet  sich  eine 
nachweisbare  Anlehnung  an  eine  ältere  Quelle  oder  stellenweise  Be- 
nützung einer  solchen,  ihr  Verfasser  ist  ein  Mönch  des  Minoriten- 
klosters  zu  Cilli,  welcher  die  Schlufsepoche  des  mächtigen  Grafen- 
geschlechtes miterlebte  und  wohl   schon  vor  dem  blutigen  Ausgange 

i)  Die  Freien  von  Saneck  und  ihre  Chronik  als  Grafen  von  Cilli.  Von  Dr.  Franz 
Krones  RiUer  von  Marchland.  (Graz  1883.)  —  Vgl.  dazu  Krones  in  den  Beiträgen  zur 
Kunde  steiermärkischer  GeschichtsqueUen.     VIII.  Bd.  (1871)  97  —  116. 

2)  Collectio  Monumeniortim  veterum  2.  Bd.  (Braunschweig  1726). 

3)  Annales  Ducafus  Styriae  3.  Bd.     (\N'ien   1777). 


—     99      - 

<ler  Cillier  den  Anfang  einer  Chronik  unter  die  Feder  nahm,  und  nach 
1461  diesen  Anfang  zu  einer  vollständigen  Chronik  des  berühmten 
Dynastenhauses  ergänzte.  Der  Verfasser  war  wohl  eine  Vertrauens- 
person der  letzten  Cillier  Grafen  und  gewissermafsen  ihr  Ilauschronist. 
Für  die  Geschichte  der  Cillier  als  FamiHe  und  Dynastie  ist  die  Chronik 
die  Hauptquelle,  enthält  manches  Besondere  und  dient  vornehmlich 
als  Korrektiv  jenen  Quellen  gegenüber,  die  auf  der  Gegenseite  stehen. 
Ihre  Angaben  sind  glaubwürdig,  wenn  sie  auch  mit  ganz  offenkundiger 
Wärme  für  die  Cillier  eintritt;  aber  es  ist  keine  Parteischrift,  denn  als 
der  Mönch  sein  Werk  abschlofs,  war  das  mächtige  Grafengeschlecht 
bereits  erloschen.  Schlicht  und  naiv,  ohne  aufdringliche  Beschönigung 
werden  auch  die  tiefen  Schlagschatten,  an  denen  die  Geschichte  dieser 
Familie  nicht  arm  ist,  der  Nachwelt  zur  Kenntnis  gebracht.  Zur 
inneren  Glaubwürdigkeit  dieser  Quelle  gesellt  sich  noch  die  durch 
epische  Lebendigkeit  anheimelnde  Darstellung,  welche  in  Verbindung 
mit  den  hier  und  da  vorkommenden  sachlichen  und  chronologischen 
Verstöfsen  beweist,  dafs  die  Aufzeichnung  aus  dem  Gedächtnisse  er- 
folgte, dafs  die  Erzählung  nach  dem  Erlebten  und  Gehörten,  nicht 
nach  genauen  annalistischen  Vorlagen  oder  fortlaufenden  tageartigen 
Notizen  gegeben  wurde. 

Auch  Aeneas  Sylvius  Piccolomini  (Papst  Pius  II.)  ist 
in  der  Reihe  der  steirischen  Historiographen  nicht  zu  vergessen,  da 
er  sich  einige  Zeit  in  diesem  Lande  aufhielt  und  in  seiner  Historia 
Friderici  Imperatoris  und  in  der  Historia  Bohentiae  über  viele 
Ereignisse,  welche  sich  unter  Herzog  Friedrich  V.  (dem  III.  als  Kaiser) 
in  Innerösterreich  zutrugen,  trefflich  berichtet :  so  über  die  Verbindung 
des  Grafen  Ulrich  von  Cilli  mit  dem  Führer  der  ständischen  Be- 
wegung in  Niederösterreich,  Ulrich  Eizinger,  über  die  Verhandlungen 
des  Königs  mit  dem  Altgrafen  Friedrich  von  Cilli,  über  die  Romfahrt 
des  Königs  von  Graz  über  Brück  an  der  Mur,  Leoben  und  weiter 
durch  Kärnten,  über  die  nach  der  Rückkehr  des  Kaisers  erfolgte  Be- 
lagerung von  Wiener-Neustadt  und  Baumkirchers  tapfere  Tat;  weiter 
über  den  Sturz  der  Cillier  und  den  Beginn  der  F'ehde  um  die  Erb- 
schaft dieser  Grafen.  1458  schlofs  Aeneas  Sylvius  seine  geschicht- 
schreibende  Tätigkeit ').  Er  war  mehrere  Male  in  Steiermark ,  und 
von  seinen  bis  jetzt  bekannten  Briefen  sind  nicht  weniger  als  92  aus 
Orten    dieses  Landes   datiert.     Er  weilte  hier   1443  zweimal,    1^44  zu 

1)  Kroncs,  Die  zeitgenössischen  Quellen  der  steiermärkischen  Geschichte  in  der 
t%ixittn  Hälfte  des  XV,  Jahrhunderts,  [Beiträge  zur  Kunde  steicrmärkischer  Gesclüchts- 
^jueUcn,  Vn.  Bd.  (1870)  3-55.] 


—     100     — 

Brück  an  der  Mur,  1447  zu  Radkersburg  und  1453  im  Sommer  und 
Herbst;  damals,  und  zwar  in  Graz,  schrieb  er  jene  berühmten  Türken- 
hriefe,  welche  den  Papst  und  alle  christlichen  Fürsten  zu  einträchtigem 
K«impfe  lije^en  den  Erbfeind  der  Christenheit  anfeuern  sollten.  Diese 
Briefe  werfen  auch  einiges  Licht  auf  die  Geschichte  der  Steiermark^ 
namentlich  auf  die  kirchlichen  Zustände  und  Verhältnisse.  Er  befand 
sich  auch  im  Cienusse  zweier  steirischen  Pfründen:  der  Einkünfte  der 
Pfarre  Irdning  im  obersteirischen  Ennstale  und  jener  der  Pfarre  Alten- 
markt bei  Windischgräz  im  unteren  Lande  *). 

Aus  dem  Ende  des  XV.  Jahrhunderts  sind  noch  ein  paar  kleine 
geschichtliche  Aufzeichnungen  zu  envähnen.  Johann  Manesdorfer 
ilc  Vienua,  artium  doctor ßirisque  pontificii  licentiatus,  1464  von  Abt 
Johann  Schachner  von  St.  Lambrecht  zum  Syndikus  dieses  Stiftes  er- 
nannt, verfafste  1482  eine  kurze  Geschichte  dieses  Klosters  und  1487 
eine  Darstellung  des  Ursprunges  des  Wallfahrtsortes  Maria  Zell  *).  — 
Wenig  später  tritt  uns  ein  Werk  entgegen,  welches  zwar  wie  das  des 
Johannes  von  Viktring  seinen  Ursprung  in  Kärnten  hat,  jedoch  aus- 
führlich und  verläfslich  die  gleichzeitigen  Elreignisse  in  Steiermark 
behandelt.  Es  ist  dies  die  österreichische  Chronik  des  Jakob  Unrest 
Vgeb.  zwischen  1420  und  1430,  gest.  1500^.  1469  Chorherr  zu  Gumitz 
und  Pfarrer  zu  St.  Martin  am  Techeisberge  bei  Pörtschach  in  Kärnten. 
Kr  verfafste  auch  eine  Kärtner  Chronik  ^\ ;  sie  ist  jedoch  nur  eine 
Nacher/;Uilung  geschichtlicher  und  s*igenhafter  Überlieferungen,  schliefist 
mit  der  Eroberung  Kärntens  vl335^  ""^^^  Tirols  ^  1363  t  durch  die  Habs- 
burL^er  und  h.it  keinen  historischen  Wert,  l'm  so  bedeutender  ist 
lue  Ösierrtickiscke  Chronik  ^' ,  liic  er  um  1470  begaim  und  1 500 
beenvieie.  Widmet  er  viel  Raum  seinem  iteburtsLmde  Kärnten,  so 
er.MhU  er  vleunoch  ausr\:hrlich  und  i> er.au  d:e  Begebenheiten,  welche 
sich  ju  seiner  /oi;  in  Steiermark,  Kr*uu,  Österreich,  ja  in  Böhmen 
und  l  nca'"  -utiUiren.  ur.vl  srreiit  auch  u:e  Erx"*^ r.:s>e,  deren  Schau- 
p*.a:.:  der  Osten  tiiul  Wcsteix  Kufv^pas  u,ij,  vienu  ,ils  seine  Haupt- 
.v;;i;>abe  In^ti achtete  e:.  vie  v»esv\VAhte  sonor  i'ot,  die  Henschertage 

i'   \\ci.>»     *,^t.wj«   ,S'\i*->    ,-V'.\^'«  ■•     X  v"-    ,^*  »o     .-"^  K    .W    ji.-r<    Lt^v~m    mmd   sein 
y  ,  ''»  s  X*     ,*,.      .;,   -^'w  it.    Vi  .  •'   »X  *..v,  l  ^ii*A>.  ^v*-*;  :^",    v><r  ><.r<  Wirksamkeit 

J    r*'ir   ^    ^  A^.*   V      •  ^-n  ,  *  ■  A  i  "i*       •»    •••  -    >.*  V  fc     ,-  >  >  ^  i    ,r»-.- V  T.  L    1 8<>4) 
»  V  *      1  *  k 

^    v<N':*,v,    ',v.     ,"*t\     V     X    .,.%  '*,     X    1  • ».  •        •  »1  '•^,\      Vr-i»-.>ci  ^  Ji^     1724.'^ 


-—       101       — 

Kaiser  Friedrichs    III. ,    zu    schildern  *).     Unrests   Chronik    ist    um    so 
wertvoller,  als  sie  begfinnt,  wo  andere  Quellen  versiegen,  und  als  sie 
fiir  die  Periode  von  1435  und  namentlich  von   1468  an  bis  1499  aus- 
fiihrUchen   und    meist    auch   einzigen   Bericht   über   die   Ereig^nisse   in 
Innerösterreich  g^ibt.     Er  erzählt  verläfslich  und  genau,  ist  erfüllt  von 
Liebe    für    sein  Vaterland    und    sein    Fürstenhaus,    tadelt   aber    nicht 
selten    seinen   Herrn,   Kaiser  Friedrich  III.,    ob   seiner   Saumseligkeit 
und  Tatenlosigkeit.     Obwohl  selbst  Priester,  findet  er  nicht  alles,  was 
von  hohen  Kirchenfürsten  ausgeht,    lobenswert   und   rügt  auch  deren 
Verhalten.     Von  etwa  1468  bis   1470  an  wird  seine  Darstellung  stoff- 
reicher, denn  er  schöpft  nun  aus  mündlicher  Kunde,  handschriftlichen 
und  gedruckten  fnären,  Zeitungen,  endlich  aus  öffentlichen  Urkunden, 
Mandaten,    Manifesten,   Abschieden   und  dergleichen    und  verarbeitet 
das  ihm  zur  Kenntnis  Gekommene  mit  klarem  Verstände  und  warmem 
Gemüte.     Der  humanistischen  Bildung  seiner  Zeit  stand  er  fern,  Zitate 
aus  den  Klassikern  würde    man   bei    ihm  vergeblich  suchen,    aber  er 
beruft  sich    einige  Male    auf  die   Bibel.     Sein   biederer  Sinn   für  ge- 
schichtliche Wahrheit  und  Recht  tritt  entschieden  hervor  und  ist  stets 
bemüht,    nach   bestem  Wissen    und  Können   die   ganze  Wahrheit   zu 
sagen.    Für  die  Geschichte  Innerösterreichs  in  den  Jahren  1468  bis  1499 
ist  Unrests  Chronik  von   unschätzbarem  Werte;    für   die    Baumkircher 
Fehde  und  für   die  Darstellung   der    furchtbar  verheerenden  Einfälle 
der  Türken  in  Steiermark,   Kärnten    und  Krain   in  der  zweiten  I^Iälfte 
des  X\^  Jahrhunderts   kommt   er   als  bestunterrichteter  Zeuge   in  Be- 
tracht. 

Von  Klosterannalen ,  von  Lebensbeschreibungen  der  Erzbischöfe 
von  Salzburg  im  XII.  Jahrhundert  ausgehend,  hat  sich  die  Historio- 
graphie der  Steiermark,  wenn  auch  nicht  so  reichhaltig  wie  die  anderer 
deutscher  Länder,  bis  gegen  das  Ende  des  Mittelalters  allmählich 
entwickelt;  sie  weist  Lücken  auf,  hat  aber  doch  so  bedeutende  Er- 
scheinungen, wie  den  Reimchronisten  Ottokar,  so  wertvolle  Chroniken, 
wie  die  Cillier  und  die  des  Jakob  Unrest  und  zeigt  in  einer  zwar  dem 
Lande  nur  teilweise  angehörigen  Persönlichkeit,  in  Aeneas  Sylvius 
Piccolomini,  auch  schon  die  Anfänge  des  Humanismus. 

l)  Krooes,  die  österreichische  Chronik  Jakob  Unrests  mit  Bezug  auf  die  einzige 
Msher  bekannte  Handschrift  der  känigL  Bibliothek  zu  Hannover,  (Archiv  Air  öster- 
reichische Geschichte,  48.  Bd.,  421—530.) 


102      -- 


Forschungen  und  Forschungsaufgaben  auf 
dem  Gebiete  der  Gegenreformation 

Von 
Gustav  Wolf  (Freiburg  i.  B.) 

(Schlufs)  I). 

Erheblich  schlechter  steht  es  mit  unserer  Kenntnis  der  Geschichte 
der  geistlichen  Stifter.  Von  Mainz  und  Trier  wissen  wir  so  gut 
wie  nichts.  Wir  besitzen  weder  einen  Einblick  in  das  innere  Getriebe 
der  dortigen  Stiftsregierung  und  Stiftsverwaltung  jener  Zeit,  noch 
können  wir  von  den  mafsgebenden  Personen,  die  wir  teilweise  nicht 
einmal  dem  Namen  nach  kennen,  eine  anschauliche  Charakteristik  ent- 
werfen, noch  endlich  haben  wir,  von  wenigen  Ausnahmen  abgesehen, 
Aufklärung,  welche  Fragen  denn  hauptsächlich  die  Erzbischöfe,  Dom- 
herrn und  sonstigen  Politiker  beherrscht  haben.  Dafs  hier  noch 
aufserordentlich  viel  zu  tun  ist,  ersehen  wir  aus  einigen  neueren  fleifsigen 
Untersuchungen,  wie  denjenigen  von  Burghard  über  Die  Gegen^ 
reformation  auf  dem  Eichsjeld  1^74 — /57p  (Zeitschrift  des  historischen 
Vereins  für  Niedersachsen ,  Hannover  1 890 —  1 89 1 ),  von  K  n  i  e  b ,  Geschichte 
der  Reformation  und  Gegenreformation  auf  dem  Eichsfeld  und  von 
Jakob  Schmidt,  Die  katholische  Restauratiofi  in  den  ehemaligen 
Kurmainzer  Herrschaften  Königstein  und  Rieneck  in  den  Erläuterungen 
und  Ergänzungen  zu  Janssens  Geschichte  des  deutschen  Volkes  III,  1 
(Freiburg  1902).  Durch  diese  Arbeiten  werden  wir  nicht  nur  auf  einzelne 
Quellensortcn  aufmerksam,  welche,  wie  die  Domkapitelprotokolle  und 
die  Pfarrbestellungsakten,  bisher  so  gut  wie  gar  nicht  angerührt  worden 
sind,  sondern  die  Verfasser  waren  auch  genötigt,  eine  Anzahl  allgemeinerer 
Verhältnisse  und  Gesichtspunkte,  die  mit  ihrem  Spezialthema  eng  zu- 
sammenhingen, zu  berücksichtigen,  wenn  sie  sich  nicht  mit  einer  unver- 
arbeiteten Ansammlung  lokalhistorischer  Notizen  begnügen  wollten.  Ein 
bedeutend  besseres  Bild  gewährt  uns  die  reichhaltige  Literatur  über  das 
Erzstift  Köln.  Denn  einmal  gelten  die  Gründe,  welche  die  Historiker 
zur  Betrachtung  der  Jülich-Bergischen  Geschichte  bewogen  haben,, 
zum  Teil  in  noch  verstärktem  Mafsc  für  die  benachbarten  geistlichen 
Gebiete,  und  daneben  ist  es  der  zweimalige  Versuch,  das  Elrzstüt  in 
ein  evangelisches  Kuriurstentum  umzuwandeln»  welcher  die  kölnischen 
Dinge  in  den  Vordergrund  des  Interesses  gerückt  und  glücklicher- 
weise beide  Male  zum  Gegenstand   einer    mustergültigen  Monographie 

1^  Vgl    oben  S.  Si    -Q3. 


—     103     — 

gemacht  hat.  Endlich  hat  in  alten  und  neueren  Zeiten  die  Stadt- 
geschichte  von  Köln  während  jener  Dezennien  Einheimische  wie 
Fremde  mehr  gefesselt,  als  das  bei  Mainz  imd  Trier  der  Fall 
ist.  So  begegnen  wir  auf  dem  Gebiete  der  modernen  kölnischen 
Geschichtschreibung  einer  stattlichen  Reihe  angesehener  historischer 
Namen,  wie  Varrentrapp  (Herrman  von  Wicd  und  sein  Refor- 
mationsversuch  in  Köln,  Leipzig  1878),  Lossen  (Der  Kölnische 
Krieg,  Gotha  1882,  München  und  Leipzig  1897),  Hansen  (Nuntiatur- 
berichte  aus  Deutschland,  III.  Abteilung,  1.  Band,  Berlin  1894  und 
Rheinische  Akten  zur  Geschichte  des  Jesuitenordens  1^42 — 1^82 
in  den  Publikationen  der  Gesellschaft  für  rheinische  Geschichte,  XIV. 
Bonn  1896),  Ennen  (Geschichte  der  Stadt  Köln,  Köln  1863 — 1880), 
Ehses  und  Meister  (Die  Kölner  Nuntiatur  in  den  Quellen  und  For- 
schungen aus  dem  Gebiete  der  Geschichte,  in  Verbindung  mit  ihrem 
historischen  Institut  herausgegeben  von  der  Görresgesellschaft  IV,  VIL 
Paderborn  1895,  1899),  Höhlbaum-Lau  (Das  Buch  Weinsberg, 
Kölner  Denkwürdigkeiten  aus  dem  XVL  Jahrhundert,  in  den  Publi- 
kationen der  Gesellschaft  für  rheinische  Geschichtskunde  III,  IV,  XVL 
Leipzig  1886 — 1887,  Bonn  1898)  um  nur  die  wichtigsten  zu  nennen. 
Trotzdem  darf  man  nicht  glauben,  die  Arbeit  sei  auf  diesem  Gebiete  so 
gut  wie  getan.  So  dürfte  die  Geschichte  der  einzelnen  Pfarreien,  Amts- 
bezirke und  Dekanate,  die  Durchforschung  der  kölnischen  Landtags- 
akten, die  Biographie  hervorragender  Theologen  und  Politiker  im  da- 
maligen Erzstift  uns  noch  auf  manches  jetzt  ungeahnte  Resultat  von 
allgemeiner  Tragweite  hinführen ;  braucht  man  sich  in  letzterer  Hinsicht 
doch  nur  zu  vergegenwärtigen,  welchen  Wert  die  Arbeiten  von  Paulus, 
Post  in  a  (Der  Karmelitermönch  Eberhard  Billick,  Erläuterungen  und 
Ergänzimgen  zu  Janssens  Geschichte  des  deutschen  Volkes  II,  Frei- 
burg 1901),  Schwarz  (Die Nuntiaturkorrespondenz Kaspar  Groppers 
nebst  verwandten  Aktenstücken  i^yj — ^57^>  io  den  Quellen  und  For- 
schungen aus  dem  Gebiete  der  Geschichte,  herausgegeben  von  der  Görres- 
gesellschaft Band  5,  Paderborn  1898)  nicht  blofs  für  unsere  Kenntnis  der 
betreffenden  Persönlichkeiten  besitzen,  um  zu  sehen,  dafs  wir  erst  durch 
eine  gröfeere  Anzahl  derartiger  Arbeiten  und  Publikationen  die  verschiede- 
nen k'u*chlichen  und  politischen  Kreise  nach  und  nach  kennen  lernen. 
Wenn  wir  im  status  quo  der  Forschung  über  die  Erzstifter  Mainz 
und  Trier  grofee  Lücken  konstatieren  mufeten,  so  ist  dies  angesichts 
der  archivalischen  Grundlagen  einigermafeen  erklärlich.  Ist  doch  be- 
sonders das  ehemalige  kurmainzische  Archiv  in  die  verschiedensten 
Orte,  nach  Aschaffenburg,  Wien,  Würzburg,  zerstreut  worden;  dabei 


—      104     — 

Ist    es    natürlich    mehr    oder    minder    schweren   Verlusten    ausgesetzt 
tind   derjenige   Teil   der  Akten,    welcher   in  Aschaffenburg  liegt,    der 
Benutzung    bis    in    die    neueste  Zeit   ziemlich   unzugänglich   gewesen. 
Weniger  begreiflich  dürfte  es  erscheinen,  dafs  es  mit  unserer  Kenntnis 
der  Bamberger    und   Würzburger  Reformationsgeschicbte   nicht 
sehr  viel  besser  steht.     Denn   das  Aktenmaterial   dürfte  gut   erhalten 
sein,  es  ist  für  jedes   der   beiden   Stifter   an  einer  Stelle   konzentriert 
und  sowohl  in  Ober-  wie  in  Unterfranken  gibt  es  tüchtige  Provinzial- 
zeitschriften ,    welche   auf  eine    stattliche  Reihe    von   Bänden    zurück- 
blicken.    Aber  der  selbständigen    modernen   Schriften,    die   eine    all- 
gemeinere Tragweite  besitzen,  sind  nur  wenige,  und  selbst  von  einem 
«o  prägnant  hervortretenden  Geistlichen,  wie  Bischof  Julius  Echter  von 
Würzburg,    mufste  Wegele  in  der  Allgemeinen  Deutschen  Biographie 
berichten,    dafs    dieser  Mann   keine   erschöpfende   Darstellung    seines 
Wirkens  aufzuweisen  habe.    Nur  in  einzelnen  bedeutenderen  Momenten, 
wie  gelegentlich  der  Auseinandersetzung  mit  Albrecht  Alcibiades,  der 
Grumbachischen  Händel,  des  Streites  zwischen  Julius  Echter  und  Abt 
Balthasar   von  Fulda,    der   Gründung   der  Universität  tritt  die^  Würz- 
burger  Reformations-    und   Gegenreformationsgeschichte   etwas   klarer 
hervor.     Für   die  Bamberger  Reformationsgeschichte   liegt   neuerdings 
ein  kleiner  lehrreicher  Beitrag,  auf  soliden  Aktenstudien   fufsend,    von 
Erhard,   Die  Reformation  der  Kirche  in   Bamberg  unter  Bischof 
IVeigand  1^22 — t^^6  vor,  anscheinend  durch  Kolde  angeregt,  welch' 
letzterer  ja  teils  als  langjähriger  Lehrer  der  Kirchengeschichte  an  der 
Erlanger  Hochschule,  teils  als  Herausgeber  der  Beiträge  zur  bayerischen 
Kirchengeschichte   zu   verschiedentlichen   Forschungen  über   die   neu- 
bayerischen Provinzen  im  XVI.  Jahrhundert  den  Anlafs  gegeben  hat; 
wie  reiche  Bestände   im  Bamberger  Kreisarchiv  noch   vorhanden   sein 
müssen,    ersieht  man  durch  Erhards  Monographie  besonders  aus  dem 
Umstände,    dafs    die    schwäbischen    Bundesakten,    die    Rezefebücher 
(Verhandlungen  zwischen  Bischof  und  Domkapitel),   die  Reformations- 
akten eigene  Abteilungen  bilden.     So   ist   es  kein  Wunder,    dafe    die 
allgemeindeutsche   Wichtigkeit   des   Verlaufes,   den   die   religiöse   Be- 
wegung in  den  beiden  fränkischen  Stiftern  genommen  hat,  so  gut  wie 
gar  nicht  gewürdigt  wird.    Und  doch  war  es  einmal  an  sich  für  die  ge- 
samte Stellung   des  Katholizismus   nördlich   der  Alpen   nicht   einerlei, 
ob   er   in   zwei  Diözesen,    die  es  an  Reichtum   und  Macht  mit  Mainz 
und  Trier  sehr  gut  aufnehmen  konnten,  sich  behauptete  oder  unterlag. 
Ferner   aber  hätten   die  gegenreformatorischen   Tendenzen   des   Mün- 
chener Hofes  sich  niemals  so  extensiv  geltend  machen  können,  wenn 


—     105     — 

sich  zwischen  Bayern  und  die  Gebiete  des  rheinischen  Katholizismus 
die  protestantisierten  fränkischen  Diözesen,  sei  es  als  säkularisierte 
Fürstentümer,  sei  es  aufgeteilt  unter  die  benachbarten  evang^elischen 
Landesobrigkeiten,  wie  ein  Riegel  vorgeschoben  hätten.  Erst  wenn 
das  Ringen  des  neuen  Geistes  mit  dem  Herkommen  in  seinen  Einzel- 
heiten verfolgt,  wenn  das  Auf  und  Nieder  dieses  Kampfes,  wenn  die 
hierbei  tätigen  Elemente  unserem  Auge  deutlich  sichtbar  werden,  dann 
werden  sich  solche  Erwägungen  in  ihren  Grundzügen  und  praktischen 
Konsequenzen  von  selbst  aufdrängen  und  für  die  Kritik  der  Stärke 
der  verschiedenen  Faktoren  in  der  Reformationsgeschichte  ihre  Be- 
deutung gewinnen. 

Auch  für  die  anderen  Diözesen  des  heutigen  Königreichs  Bayern 
und  Salzburg  könnte  viel  mehr  geschehen.  Dies  erscheint  vielleicht 
wunderbar,  weil  einzelne  derselben  hervorragende  Vertreter  des  deut- 
schen Prälatenstandes,  wie  Passau  Wolfgang  von  Salm  *),  Augsburg  Kar- 
dinal Otto  Truchsefe  von  Waldburg  an  ihrer  Spitze  gesehen  haben. 
Aber  gerade  der  letztere  bietet  uns  ein  anschauliches  Beispiel,  wie  oft 
der  Zufall  für  die  Berücksichtigung  oder  Vernachlässigung  wissenschaft- 
licher Probleme  entscheidet.  Im  Innsbrucker  Statthaltereiarchiv  liegt 
der  wichtige  Briefwechsel  zwischen  den  Kardinälen  Otto  Truchsefs  und 
Madrucci,  freilich  in  italienischer  Sprache  und  wohl  darum  seither 
nur  von  Friedensburg  für  seine  Nuntiaturberichte  verwertet;  es  ist 
wohl  kein  Zweifel,  dafe  gerade  hier  eine  wichtige  Fundgrube  ihrer 
systematischen  Ausbeute  harrt.  Dafs  der  Kardinal  Otto  Truchsefs 
weiter  jahrelang  als  Protektor  der  deutschen  Nation  einen  hervorragen- 
den Mittelsmann  zwischen  der  Kurie  und  den  verschiedenartigsten 
deutschen  Angelegenheiten  abgegeben  hat,  wird  man  aus  den  Rat- 
schlägen ahnen,  die  er  für  die  Wiedergewinnung  der  Deutschen  dem 
Papste  Gregor  XIII.  gegeben  und  die  uns  Schwarz^)  mitgeteilt  hat; 
aber  wie  diese  Ratschläge  allmählich  im  Inneren  des  Kardinals  ent- 
standen, durch  welche  Personen  und  Wahrnehmungen  sie  hervor- 
gerufen sind ,  dieses  zugleich  landesgeschichtlich  wie  allgemein- 
geschichtlich interessante  Problem  ist  wohl  überhaupt  noch  nicht  auf- 
geworfen worden. 

Wenden   wir    uns   von   den   bayerischen  Diözesen   zu   den   ober- 

1)  Über  Wolfgang  ist  soeben  eine  kleine  Darstellung  von  Reichenberge r,  JVolf- 
gong  von  Salm,  Bischof  von  Passau  in  Granerts  Studien  und  Darstellungen  aus  dem 
Gebiete  der  Geschichte  II,  i  (Freiburg  1902)  erschienen,  welche  aber  noch  keinen  ab- 
Khlieisenden  Charakter  hat. 

2)  Briefe  und  Akten  »ur  Geschichte  Maximilians  IL     2.  Teil  (Paderborn  1891). 

8 


—     106     — 

rheinischen,  so  hat  Strafsburg  vermöge  des  dortigen  sogenannten 
Kapitelstreites  schon  seit  längerer  2^it  die  Gelehrten  beschäftigt.  Man 
bezeichnet  im  Gegensatz  zum  Säkularisationsversuch  von  Köln,  in  den 
die  mannigfachsten  anderen  Kontroversen  hineinspielten,  diesen  Strafe- 
burger  Kapitelstreit  vom  theoretischen  und  reichspolitischen  Stand- 
punkte aus  als  die  eigentliche  Kraftprobe  auf  die  praktische  Gültig- 
keit des  geistlichen  Vorbehalts ;  zudem  nötigte  das  Faktum,  dafe  viele 
Prälaten  zugleich  im  StraCsburger  und  Kölner  Domkapitel  safsen  und 
dafs  die  Stadt  Strafsburg  Jahrzehnte  hindurch  die  Führung  der  evan- 
gelischen süddeutschen  Kommunen  hatte,  weitere  Gelehrtenkreise  zur 
Beschäftigung  mit  der  Geschichte  des  Strafsburger  Stifts.  Und  trotz- 
dem ist,  abgesehen  vom  Kapitelstreit,  über  welchen  aufser  einigen 
Vorarbeiten  das  gründliche  Buch  von  Meister*)  vorliegt,  kauip 
ein  Gegenstand  der  Bistumsgeschichte  erschöpfend  dargestellt,  ja, 
wichtige  Fragen  und  Personen  nur  ganz  kursorisch  behandelt  worden. 
Was  wissen  wir  z.  B.  von  einem  Manne  wie  dem  Kanzler  Christoph 
Welsinger,  der  geraume  Frist  hindurch  unter  den  katholischen  Staats- 
männern eine  grofee  Rolle  gespielt  hat?  Was  wissen  wir  von  den  Be- 
ziehungen zwischen  dem  Domkapitel  und  dem  elsässischen  Adel,  von 
den  Wahlkapitulationen  und  den  für  die  Charakteristik  der  damaligen 
Bischöfe  so  wichtigen  Informationen,  die  über  die  Person  und  Ver- 
gangenheit der  Gewählten  an  die  Kurie  eingeschickt  wurden? 

Worms  und  Speier  nehmen  unter  den  deutschen  Bistümern  da- 
durch eine  aparte  Stellung  ein,  dafs  sie  an  das  angriffslustigste  evan- 
gelische Territorium,  die  Pfalz,  grenzten,  teUweise  mit  derselben  sogar 
im  Gemenge  lagen.  Anderseits  tritt  gerade  hier  die  Tatsache,  dafs 
scharfe  konfessionelle  Gegensätze  dicht  neben  Achsclträgerei  und  diplo- 
matischem Lavieren  imd  Schwanken  wohnen,  ganz  besonders  hervor. 
Diese  beiden  Motive  weisen  wiederum  auf  ein  Gebiet,  wo  Territorial- 
und  Reichsgeschichte  in  engste  Fühlung  kommen  und  gegenseitig  sich 
in  einer  bis  jetzt  kaum  gewürdigten  Spezialität  fördern  können.  Lä&t 
sich  eine  solche  Frage  wohl  nicht  anders  wie  von  Amt  zu  Amt,  von 
Ort  zu  Ort  verfolgen,  so  wäre  es  von  grofeem  Gewinn,  wenn  sich 
Lokalhistoriker  dieser  für  die  Allgemeinheit  wichtigen  Gesichtspunkte 
bewufst  bleiben,  wenn  unter  diesem  Horizonte  mehrere  parallele  Einzel- 
arbeiten entstehen  würden. 

Wir  haben  uns  in  unserer  bisherigen  Zusammenstellung  auf  die- 
jenigen   katholischen    Stände    beschränkt,    welche    eine    mafsgebende 

i)  Der  Strafsburger  Kapitelstreit  1583 — 1592,     Ein  Beitrag  zur    Geschickte   der 
Gegenreformation  (Strafsbarg  1899). 


—     107     — 

aktive  Rolle  in  der  damaligen  Reichspolitik,  namentlich  auch  auf  den 
Reichsversammlungen  gespielt  haben.  Es  liegt  auf  der  Hand,  dafs  es 
außerdem  noch  eine  ganze  Reihe  territorialgeschichtlicher  Fragen  von 
allgemeinerer  Bedeutung  gibt.  Treten  auch  an  reichspolitischem  An- 
sehen die  mittel-  und  niederdeutschen  Bischöfe  hinter  den  süddeutschen 
und  rheinischen  Kollegen  meist  zurück,  so  spielt  hier  das  Auf  und 
Nieder  der  reformatorischen  Bewegimg  eine  ganz  andere  und  viel  aus- 
schlaggebendere Rolle.  Probleme,  die  zwar  auch  in  den  südlichen 
und  westlichen  Diözesen  nicht  fehlen,  begegnen  uns  hier  viel  häufiger 
und  in  oft  recht  verwickeltem  Mafse.  Diese  Bistümer  lagen  fast  alle 
inmitten  evangelischer  Distrikte,  waren  entweder  rechtlich  oder  faktisch 
von  mächtigeren  weltlichen  Nachbarn  abhängig,  die  neue  Lehre  hatte 
teils  im  Volke,  teils  in  den  Landschaften  und  in  den  Kapiteln  Fufs 
^efaist;  wo  dem  Katholizismus  nicht  von  auswärts  Stützen  geboten 
worden  sind,  ist  die  Augsburgische  Konfession  fast  allenthalben  un- 
aufhaltsam zum  Siege  gelangt.  Die  Entwickelung  ist  wiederholt  so- 
wohl populär  als  auch  wissenschaftlich  dargestellt  worden;  ich  greife 
als  Beispiel  für  die  volkstümliche  Behandlung  Erdmanns  Refor- 
mation und  Gegenreformation  im  Fürstentum  Hildesheim,  (Hannover 
1899)  für  die  gelehrte  Untersuchung  die  treflTliche  Schrift  von  Hoff  mann, 
Naumburg  im  Zeitalter  der  Reformation,  Leipziger  Studien  aus  dem 
GAiete  der  Geschichte  VII,  i  (Leipzig  19CX))  heraus,  und  über  einzelne 
Stifter  wie  Magdeburg  existiert  eine  ganze  Literatur.  Aber  auch  hier 
fehlt  es  nicht  an  ungelösten  Aufgaben;  ich  habe  in  meinen  Anfängen 
des  Magdeburgischen  Sessionsstreites  (Forschungen  zur  brand.  Gesch., 
Bd.  5,  Berlin  und  Leipzig  1893)  darauf  hingewiesen,  dafs  selbst  eine  so 
wichtige  reichspolitische  Frage  wie  diese  nicht  vom  Hintergrunde  der  nach- 
barlichen Grenz-  und  Interessenkonflikte  losgelöst  werden  darf,  dafs  erst 
durch  diesen  der  Mangel  an  geschlossener  Verteidigung  gegen  die  katho- 
lischen Fürsten  verständlich  wird.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dafs 
diese  Verquickung  kleiner  und  grofser  Gesichtspunkte  erst  recht  in 
den  mneren  Angelegenheiten  der  Wahlen,  Personalien,  Religionskämpfe 
und  Religionskompromisse  besteht  und  verfolgt  werden  müfste. 

Dafs  femer  auch  die  kleineren  katholischen  Prälaten  nicht  über- 
sehen werden  dürfen,  lehrt  das  Exempel  des  Abtes  Balthasar  von 
Fulda  und  die  Biographie  Egloffsteins  *)  über  ihn.  Nach  dieser 
Rk^tung  dürfen  wir  wohl  besonders  für  die  schwäbische  Reformations- 
geschichte noch  manche  Aufklärung  erwarten ;  ist  doch  eine  so  wichtige 

I)  Fürstabt  Balthasar  von  Dermhach  und  die  katholische  Restauration  im  Erzstift 
Fulda  (Mönchen   1890). 

8* 


—     108     — 

Quelle  wie  die  Weingartenschen  Missivenbücher  im  Stuttgarter  Archiv 
bisher  nicht  systematisch  ausgebeutet  worden. 

Ein  fast  gar  nicht  angebautes  Feld,  welches  jedenfalls  noch  einmal 
reiche  Früchte  tragen  wird,  ist  endlich  die  Geschichte  der  verschie- 
denen Orden  in  Deutschland.  Nur  für  die  Jesuiten  sind  in  dieser 
Hinsicht  durch  Braunsbergers  epistolae  Canisü,  durch  Hansens  schon 
erwähnte  rheinische  Jesuitenakten,  ganz  neuerdings  auch  diurch  das 
sehr  instruktive  Werk  von  Bernhard  Duhr,  Die  Jesuiten  an  den 
deutschen  Fürstenhöfen  des  XVL  Jahrhunderts  (Erläuterungen  und 
Ergänzungen  zu  Janssens  Geschichte  des  deutschen  Volkes,  II,  4,  Frei- 
burg 1901)  einige  Spatenstiche  getan.  Wohl  stehen  in  aktiver  Beteiligung 
am  religiösen  katholischen  Leben  damals  die  anderen  Orden  hinter  den 
Jesuiten  zurück ;  aber  wenn  uns  vielleicht  auch  die  Darstellung  der  Franzis- 
kaner und  Dominikaner  nicht  derart  in  das  Getriebe  an  den  Höfen 
einführen  wird  wie  das  Buch  von  Duhr,  ein  farbenreicheres  Bild, 
lebendigere  Anschauungen  würden  wir  sicher  gewinnen,  wenn  wir  die 
Organisation  der  verschiedenen  Klöster  imd  Klosterprovinzen  würden 
funktionieren  sehen,  wenn  wir  in  den  fortlaufenden  Briefwechsel  der 
verschiedenen  Instanzen  Einblick  hätten. 

So  dürfen  wir  uns  der  Hoffnung  hingeben,  da(s  auf  dem  Gebiete 
der  katholischen  Reformations-  und  Gegenreformationsgeschichte  die 
bewufste  Verbindung  allgemein-  und  territorialhistorischer  Gesichts- 
punkte, die  Fähigkeit,  sich  in  Einzelheiten  liebevoll  zu  versenken  und 
dabei  doch  die  grofsen  Zusammenhänge  nicht  aus  dem  Auge  zu 
verlieren,  die  Anpassung  gefundener  Resultate  in  den  groCsen  Rahmen 
und  umgekehrt  die  stete  Umarbeitung  dieses  Rahmens  nach  MaCsgabe 
der  neuen  Entdeckungen  noch  grofse  Bereicherungen  unseres  Wissens 
zur  Folge  haben  wird. 


Mitteilungen 

ArchiTe.  —  Von  den  hiventaren  der  nichtstaailichen  Archive  der  Provinx 
Westfalen  *)  ist  zu  Ende  des  Jahres  1901  das  zweite  Heft,  Kreis  Borken 
enthaltend,  erschienen  (Münster,  Aschendorff,  160  S.  8^),  welches  die  Ver- 
zeichnung der  Archivalien  genau  in  derselben  Weise,  wie  sie  in  Heft  i  be- 
gonnen worden  war,  weiterführt.  Über  die  Grundsätze  selbst  und  ihre 
Anwendung   wäre   hier  weiter   nichts   zu   sagen,   wenn  nicht,    hervorgerufen 


ij  Vgl.    über    das    erste   1899   erschienene  Heft    diese  Zeitschrift    I.  Bd.,    S.   85/86. 
Siehe  auch  Nederlandsch  Archtevenblad  1899— 1900,  S.   132/133. 


—     109      — 

durch  die  Bemerkungen  darüber  im  ersten  Bande  dieser  Zeitschrift,  eine 
Polemik  entstanden  wäre:  in  den  AnncUen  des  historisclien  Vereins  für  den 
Niederrhein f  70.  Heft  (1901),  S.  146  — 148  hat  der  Herausgeber  dieser 
Zeitschrift,  Prof,  Meister  in  Münster,  die  Übersicht  über  den  Inhalt  der 
kleineren  Archit'e  der  Rheinprovinz  Bd.  i  und  das  erste  Heft  der  west- 
^lischen  Inventare  einer  vergleichenden  kritischen  Betrachtung  unterzogen, 
in  der  im  wesentlichen  die  gegen  letztere  in  den  deutschen  Geschichtsblättern 
gdtend  gemachten  Bedenken  umgekehrt  gegen  die  Rheinische  Archivübersicht 
TOigebracht  wurden.  Der  Bearbeiter  der  letzteren  hat  sich  darauf  wesent- 
lich ausfuhrlicher  über  die  Methode  der  systematischen  Forschung  in  den 
sogenannten  kleineren,  d.  h.  den  einer  fachmännischen  Leitung  entbehrenden 
Archiven  in  der  Westdeutschen  Zeitschrift  Bd.  20,  S.  384  —  95  geäufsert 
und  vor  allem  das  von  ihm  tatsächlich  angewandte  Verfahren  begründet. 
Mit  einer  kurzen  nichtssagenden  Bemerkung  hat  Meister  im  74.  Heft  (1902), 
S.  199  der  genannten  Aimalen  darauf  geantwortet,  womit  diese  Angelegen- 
heit erledigt  ist 

Die  Inventare  der  Archive  des  Kreises  Borken  sind  von  Privatdozent 
Ludwig  Schmitz  bearbeitet,  der  Vorarbeiten  von  Prof.  Finke  benutzt 
imd  die  Berichte  des  letzteren  über  die  Schlofsarchive  zu  Anholt  *)  (S.  3 — 28 
md  S.  159 — 160),  Gemen  (S.  79 — 128)  und  Velen  (S.  146 — 158)  voll- 
ständig übernommen  hat.  Diese  drei  Archive  bergen  ein  sehr  umfangreiches 
und  in  jeder  Hinsicht  wertvolles  Material,  auf  das  in  dieser  Form  jetzt  zum 
ersten  Male  auftnerksam  gemacht  wird.  In  Anholt  sind  die  Privatkorrespon- 
denzen des  XV.  bis  XVIII.  Jahrhunderts  von  höchster  Bedeutung,  da  viele 
Qicder  des  Geschlechtes  Salm  hervorragende  Stellungen  bekleideten.  Wichtig 
sind  auch  die  Archivalien  der  Wild-  und  Rheingrafen,  femer  ein  Band  mit 
Chroniken  in  niederdeutscher  Sprache  (S.  20/21),  ein  gedruckter  Ablafsbrief 
von  1484,  der  als  Einband  dient  (S.  24),  sowie  vieles  über  das  Stift  Vreden. 
Zu  Gemen  ruhen  die  Archive  Gemen,  Raesfeld,  Ahausen,  Mengede,  Barns- 
feld,  Pröbsting,  Landsberg,  Imbsen,  von  denen  die  letzten  vier  aber  un- 
bedeutend sind:  es  überwiegen  hier  die  Regesten  der  bis  1400  vorhandenen 
Urkunden,  daneben  sind  noch  die  Handschriften  von  Belang.  Genannt 
seien  davon  die  in  zwölf  Bänden  vorliegenden  Tagebücher  eines  Feld- 
marschalls von  Landsberg  vom  Ende  XVII.  und  Anfang  XVIII.  Jahrhunderts 
(S.  102).  In  Velen  befinden  sich  Archivalien  über  Velen,  Raesfeld,  Bams- 
feld,  Botzlar,  Dülmen,  Dücking,  Engelrading-Heiden,  Rölinghof  und  Wester- 
haus  und  Emsländische  Besitzungen:  die  Urkundenregesten  bieten  hier  kaum 
allgemein  Wichtiges.  —  Bei  der  Mehrzahl  der  einzelnen  Kreisorte  ist  die 
Ausbeute  in  den  Pfarr-  und  Amtsarchiven  recht  gering,  jedenfalls  nicht  reicher 
ak  m  anderen  Gegenden:  Ausnahmen  bÜden  die  Archive  von  Stadt  und 
kath.  Pfistrramt  Bocholt  (S.  29  —  47)  und  Borken  (S.  48 — 67),  neben  denen 
Haus  Diepenbrock  (S.  68 — 78)  und  Haus  Rhede  (S.  139 — 145)  reichere  Archive 
besitzen.  Es  mögen  noch  einige  Einzelheiten  folgen :  in  Bocholt  beginnen  die 
Stadtrechnungen  1407  (S.  37) ;  ein  lateinisches  Lexikon  vom  Ende  des  XV.  Jahr- 

l)  AU  I.  Beiheft  der  Inventare  der  nichtstaatlichen  Archive  der  Provinz  Westfalen 
sind  die  Urkunden  des  fürstlich  Salm- Salmschen  Archivs  in  Anholt ^  bearbeitet  von 
Ladwig  Schmitz,  (Münster  1902)  erschienen;  ein  Rezensionsexemplar  ist  der  Redaktion 
Bicht  ZQgegangen. 


—     110     — 

Hunderts  besitzt  die  ehemalige  Kapuzinerkirche  zu  Borken  (S.  67) ;  wahrscheinlich 
Teile  der  Redin ghoven sehen  Sammlung  zur  niederrheinischen  Geschichte^ 
deren  Grundstock  die  Kgl.  Bibliothek  in  München  besitzt,  befinden  sich  in 
Haus  Rhede  (S.  139  flf.);  zwei  deutsche  Gedichte  als  Proben  S.  i6q.  — 
So  viel  auch  neues  Material  erschlossen  wird,  die  Mehrzahl  der  Urkunden- 
regesten  bietet  über  das  nächste  ortsgeschichtliche  Interesse  hinaus  doch 
recht  wenig  allgemein  Beachtenswertes;  störend  wirkt  für  den  an  moderne 
Publikationen  gewöhnten  Leser  vor  allem  die  Fraktur  bei  deutschem  Texte, 
der  direkt  den  Vorlagen  entnommen  ist.  Ein  Abweichen  von  dem  einmal 
eingeschlagenen  Verfehren  ist  freilich  jetzt  nicht  mehr  gut  möglich,  wenn 
auch  das  Urteil  darüber  kaum  verschieden  lauten  dürfte. 

Kommissionen.  —  Die  Württembergische  Kommission  für 
Landesgeschichte  ')  hielt  am  i.  Mai  1902  zu  Stuttgart  ihre  elfle  Sitzung 
ab.  Von  der  Korrespmidenx^  des  Ileixogs  Christoph  befindet  sich  der  dritte 
Band  im  Druck;  von  Wintterlins  Geschichte  der  Behördenorganisation  in 
Württemberg  liegt  der  erste  Teil,  der  bis  zum  Ende  des  XVIII.  Jahrhunderts 
reicht  (Stuttgart,  Kohlhammer,  1902.  165  S.  8®)  fertig  vor;  von  den 
GeschiddUcheH  Liedon  und  Sj/rikJien  aus  Württemberg  ist  das  dritte  Heft 
im  Druck  fertiggestellt.  Der  Druck  des  llcilbroimer  Urkundcnbuchs  y  das 
E.  Knüpfe r  bearbeitet  hat,  hat  wegen  anderer  Arbeiten  vollständig  geruht. 
Die  Inventarisation  der  kleineren  Archive  ist  wiederum  wesentlich  gefördert 
worden;  zu  den  im  letzten  Jahresbericht  genannten  dreizehn  völlig  erledigten 
Bezirken  ist  im  Berichtsjahre  der  Bezirk  Besigheim  hinzugekommen.  Eine 
ganze  Reihe  neuer  Veröffentlichungen  wurden  angeregt,  Fortsetzung  und  Er- 
gänzung der  Bibliographie  der  Württenibergisclien  Gescliielite  von  Heyd  von 
IG  zu  IG  Jahren  —  die  erste  Ergänzung  soll  1905  erscheinen  — ,  Bearbeitung 
der  Regesten  der  Grafen  von  Württemberg,  der  Politischen  Korrespondenz 
König  Friedrichs  und  der  württembergischen  Landtagsakten,  femer  Heraus- 
gabe der  württembergischen  Weistümer  und  Dorfordnungen,  der  Akten  zur 
Geschichte  der  Verfassung  und  Verwaltung  der  Stadt  Ulm  im  Mittelalter  und 
der  Tübinger  Matrikeln,  alter  württembergischer  Chroniken  und  eines  zweiten 
Bandes  des  Efslinger  Urkundenbuchs.  Endgültig  beschlossen  wurde  die  Her- 
ausgabe der  Haller  Chroniken  durch  Prof.  Kolb  sowie  die  Herstellung  von 
Grundkarten  im  Mafsstabe  i:ioggog  mit  Gemarkungsgrenzen  in  Gemein-. 
Schaft  mit  dem  Kgl.  Statistischen  Landesämt,  wenn  letzeres  zunächst  vier 
weitere  Karten  anfertigen  läfst  und  der  Kommission  eine  entsprechende  Anzahl 
von  Exemplaren  überläfst. 

Neu  eingetreten  sind  in  die  Kommission  Prof.  v.  Below  und  Dr.  Knapp, 
Vertreter  des  Vereins  für  Kunst  und  Altertum  in  Ulm  und  Oberschwaben. 
Den  Ausgaben  von  13  413  Mark  steht  eine  Einnahme  von  15386  Mark 
gegenüber. 

Die  Historische  Kommission  für  Nassau^)  hat,  nachdem  am 
28.  Juni  19G2  ihre  Hauptversammlung  stattfand,  ihren  fünften  Jahresbericht 

1)  Vgl.  diese  Zeitschrift  III.  Bd.,  S.   185-186. 

2)  Vgl    diese  Zeitschrift  Bd.  II,  S.   302—303. 


—    111    — 

ausgegeben :  der  Katxendnbogische  Erbfolgestreit,  herausgegeben  von  O.  M  e  i  - 
nardus,  liegt  jetzt  abgeschlossen  im  zweiten  Bande  der  Nassau- Oranischen 
Korrespondenxen  (Wiesbaden,  Bergmann,  1902.  113+377  S.  Mk,  13,00)  vor, 
und  zwar  geht  wie  beim  ersten  Bande  eine  Darstellung  den  mitgeteilten 
Briefen  und  Akten  (1538 — 1557)  voraus.  Fortgeschritten  sind  die  Arbeiten 
am  Eppsteiner  Lehnregister,  das  Archivdirektor  Wagner  bearbeitet, 
Archivar  Sc  haus  hat  die  Vorarbeiten  fiir  das  nassauische  Urkundenbuch 
nnd  Archivdirektor  Wagner  die  für  eine  Ausgabe  nassauischer  Weistümer 
fortgesetzt  Die  nassfimscfie  Bibliographie y  die  Bibliothekar  Zedier  bearbeitet, 
hat  nur  wenig  gefördert  werden  können,  und  „die  in  Aussicht  genommene 
loventarisation  der  nichtstaatlichen  Archive  des  Regierungs- 
beziiks  Wiesbaden  hat  im  Berichtsjahre  keine  Fortschritte  gemacht ;  es  steht 
aber  zu  hoffen,  dafs  die  auf  diesem  Gebiet  vorhandenen  Schwierigkeiten 
beseitigt,  und  mit  der  Arbeit  begonnen  wird,  der  dann  die  inzwischen  er- 
folgende gröfsere  Klärung  der  Ansichten  hinsichüich  der  Methode  der  In- 
ventarisation  zum  Nutzen  gereichen  dürfte/' 

Da  die  Kommission  als  Sektion  des  Vereins  für  nassauische  Altertums- 
kunde und  Geschichtsforschung  bisher  in  ihrer  Verfügungsfreiheit  gehemmt 
war,  hat  eine  Neugestaltung  der  Satzungen  Wandel  geschaht.  Die  Leitung 
der  Geschäfte  lag,  nachdem  Prof.  Otto,  durch  Krankheit  veranlafst,  vom  Amte 
des  Vorsitzenden  zurückgetreten  war,  in  den  Händen  von  Major  a.  D.  Kolb, 
bis  Archivdirektor  Wagner  zum  ersten  Vorsitzenden  gewählt  wurde.  Stifter  zählt 
die  Kommission  jetzt  4,  Ehrenmitglieder  i,  Gönner  9,  Freunde  27,  Mitglieder 
76;  den  Elinnahmen  von  4193  Mk.  stand  eine  Ausgabe  von  4142  Mk.  gegen- 
über, der  Bestand,  der  im  Vorjahre  7 1 1 2  Mk.  betrug,  ist  auf  7 163  Mk.  gestiegen. 


Die  ältesten  Siegelumschriften  in  deutscher  Sprache.  —  In  meiner 
kurzen  Zusammenfassung  der  bisher  gewonnenen  Forschimgsergebnisse  auf 
dem  Gebiete  der  deutschen  Urkundensprache  und  der  noch  notwendig  zu 
leistenden  Arbeit  in  dieser  Zeitschrift  III.  Bd.,  S.  11 7  habe  ich  auf  die  Verwen- 
dung der  deutschen  Sprache  bei  einigen  mit  den  Urkunden  in  mehr  oder  minder 
nahem  Zusanunenhang  stehenden  Erscheinungen  hingewiesen,  darunter  auf  die 
deutschen  Siegellegenden,  imd  als  Beispiel  die  Siegel  des  Reichshofgerichtes 
von  der  zweiten  Hälfte  der  XIII.  Jahrhunderts  an  erwähnt.  In  Österreich 
geht  jedoch  der  Gebrauch  deutscher  Siegelumschriften  noch  viel  weiter  zurück 
und  zwar  ist  es  merkwürdigerweise  der  Herzog  selbst,  welcher  sich  derselben 
bedient.  Im  Jahre  1197  bereits  findet  sich  an  einer  Urkunde  des  Baben- 
bcrger  Herzog  Leopolds  VI.  —  damab  Herzog  der  Steiermark  —  für  das 
Kloster  Heiligenkreuz  in  Niederösterreich,  gegeben  zu  Wien  am  9.  Dezember 
des  genannten  Jahres  *) ,  ein  herzogliches  Siegel  mit  der  Umschrift  f  Hei- 
"^ogt  .  Liufpolfd  vfon  .  Sfijyre,  Die  Einführung  eines  derartigen  vom  Ge- 
wohnten abweichenden  Siegels  dürfte  zu  jenen  verschiedenen  Mafsnahmen 
gehören,  welche  die  Babenberger  verfügten,  um  auch  äufserlich  die  Souveränität 
ihres  Territorialfürstentums  zu  markieren.  Dem  Beispiele  des  Landesfürsten 
folgte  bald  eine  Reihe  österreichischer  und  steirischer  Grafen  imd  Ministerialen, 


1)  Font.  rer.  Aastr.  2.  Abt.  XI,  30. 


—     112     — 

wie  die  Grafen  von  Ortenburg,  die  Kuenringer,  die  Pettauer,  die  Auersperge  ^)y 
und  so  scheint  die  Führung  von  Siegehi  mit  deutschen  Umschriften  eine 
Zeitlang  Mode  gewesen  zu  sein,  welche  sich  jedoch  im  XIII.  Jahrhundert 
wieder  allmählich  verlor,  um  im  XIV.  Jahrhundert  neu  und  allgemeiner  auf- 
zutauchen ^).  Aus  Deutschland  sind  aus  der  ersten  Hälfte  des  XUI.  Jahr- 
hunderts noch  zwei  Siegel  mit  deutschen  Umschriften  bekannt,  das  des 
"Gottfried  von  Bickenbach  (f  1244)  und  das  des  Kämmerers  Ludwig 
von  Meldingen  aus  dem  Jahre  1243  *),  doch  fallen  beide  später  als  die 
erwähnten  österreichischen  Beispiele.  Übrigens  ist  die  Siegelforschung  nach 
dieser  Richtimg  noch  nicht  systematisch  geführt  worden,  und  es  dürften  sich 
wohl  bei  genauerem  Studium,  das  hiermit  allen  Siegelbeschreibem  angelegent- 
lichst empfohlen  sei,  auch  hier  noch  neue  und  vielleicht  überraschende  Auf- 
schlüsse ergeben. 

Wien.  M.  Vancsa. 

£iiigegaiigene  Bttcher. 

Lavater:  Tagebuch  von  meiner  Reise  im  Junius  und  Julius  1774  [=  Mit- 
teilungen der  Deutschen  Gesellschaft  zur  Erforschung  vaterländischer 
Sprache  und  Altertümer  in  Leipzig.  Leipzig,  W.  Hiersemann.  9.  Bd.,. 
2.  Heft  (1902),  S.   59 — 136]. 

Mitteilungen  des  Kaiserlichen  und  Königlichen  Heeresmuseums  im  Artillerie- 
Arsenal  in  Wien,  herausgegeben  von  dem  Kuratorium  des  Kaiserlichen 
und  Königlichen  Heeresmuseums.  Wien,  Karl  Konegen.  i.  Heft 
(1902),  XXIX  und  200  S.  80. 
'  Rehm,  Hermann:  Das  landesherrliche  Haus,  sein  Begriff"  und  die  Zu- 
gehörigkeit zu  ihm  [=  Sonderabdruck  aus  der  Festschrift  der  Universität 
Erlangen  zur  Feier  des  achtzigsten  Geburtstages  Sr.  Königlichen  Hoheit 
des  Prinzregenten  Luitpold  von  Bayern].  Erlangen  und  Leipzig,  A. 
Deichert  (Georg  Böhme),   1902.     36  S.  8^.     M.   1,20. 

Rendtorff,  F.  M. :  Die  schleswig-holsteinischen  Schulordnimgen  vom  i6» 
bis  zum  Anfang  des  19.  Jahrhunderts,  Texte  imd  Untersuchungen  zur 
Geschichte  des  Schulwesens  und  des  Katechismus  in  Schleswig-Holstein 
[=  Schriften  des  Vereins  ftir  schleswig-holsteinische  Kirchengeschichte. 
I.  Reihe  (gröfsere  Publikationen)  2.  Heft].  Kiel,  Robert  Cordes,  1902. 
347   S.  80. 

Sartori-Montecroce,  Tullius  R.  v. :  Geschichte  des  landschaftlichen 
Steuerwesens  in  Tirol  von  K.  Maximilian  bis  Maria  Theresia  [=  Bei- 
träge zur  österreichischen  Reichs-  und  Rechtsgeschichte  II.].  Innsbruck, 
Wagner,   1902.     337  S.  8^.     Kr.  6,40. 

S  i  e  g  1 ,  Karl:  Materialien  zur  Geschichte  der  Egerer  Lateinschule  vom  Jahre 
1300 — 1629  nach  den  Urkunden  des  Egerer  Stadtarchivs*  Eger,  Ver- 
lag des  K.  K.  Staats-Obergymnasiums,   1902.      143  S.  4^^. 

i)  Siehe  Luschin,  Deutsche  Inschriften  ans  Krain  und  Steiermark  (Mitt.  der  k.  k. 
Zentral-Kommission  N.  F.  X,   1884,  S.  LXIX). 

2)  Vgl.  jetzt  Siegenfeld,   Das  Landeswappen  der  Steiermark   (Graz   1900),  S.  40 
und   146. 

3)  Hohenlo he- Waidenburg  im  Jahrbuch   der  heraldischen  Gesellsch.  „Adler" 
m  (1876),  S.   125. 

Herausgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzif.  —  Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes  m  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


für 


Forderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 


IV.  Band  Februar  1903  5.  Heft 


t^oland  ^  t^undsohau 

RoUnd  In  der  bildenden  Kunst  des  letzten  Jahres.    Roland-Feuille- 
tons: Neue  Deutungen.    Neues  und  Nachtrftgliches  aus  der  Spexial- 
literatur;  neue  Rolande.    Die  bAhmischen  Rolande.    Neueste  Lite- 
ratur.   Nachlese. 

Von 
G.  Sello  (Oldenburg) 

Die  Freunde  der  Deutschen  Geschichtsblätter  bitte  ich  noch 
einmal  um  Geduld  für  ein  Referat  über  die  Roland-Literatur.  Dieselbe 
ist  in  jüngster  Zeit  so  sehr  in  die  Breite  gegangen  und  die  2^1 
schreiblustiger  DUettanten,  welche  von  Verantwortlichkeit  dem  Pu- 
blikum gegenüber  nichts  wissen,  hat  in  ihr  derartig  zugenommen,  dais 
es  fast  firaglich  erscheint,  ob  es  einer  wissenschaftlichen  2^itschrift 
anstehe,  sich  damit  zu  beschäftigen.  Das  „Laienelement"  in  der  Be- 
handlung der  Roland-Frage  ist  aber  von  jeher  ein  so  erheblicher  Teü 
dieser  selbst  gewesen,  da(s  seine  einfache  Ignorierung  kaum  noch  an- 
gängig erscheint;  und  außerdem  haben  gewisse  Vorgänge  des  ver- 
flossenen Jahres  geradezu  elektrisierend  auf  die  Phantasien  und  die 
Federn  gewirkt  Außerordentliche  Ereignisse  rechtfertigen  auCser- 
gewöhnliche  Ma&nahmen;  darum  möge  für  diesmal  den  Herren  Ro- 
land-Fenilletonisten  ausfuhrlicher,  als  ihnen  für  die  Zukunft  zugesichert 
werden  kann,  auch  an  dieser  Stelle  das  Wort  vergönnt  werden.  Dais 
mir  alles  Erwähnenswerte  zu  Gesicht  gekommen,  wage  ich  nicht  zu  be- 
haupten, wennschon  Freunde  der  Sache,  denen  allen  dafür  mein  Dank 
hier  gesagt  sei,  mich  redlich  durch  Zusendungen  unterstützt  und  erfreut 
haben.  Aber  auch  so  dürfte  vielleicht  mir  entgegengerufen  werden: 
uU,  satis  superque/  Bei  späteren  Berichten  wird,  falls  dieselben  über- 
haupt noch  wünschenswert  erscheinen  sollten,  eine  Beschränkung  auf 
diejenigen  Publikationen  einzutreten  haben,  welche  tatsächlich  Neues 
zur  Spezialgeschichte  mitzuteilen  wissen.  Dais  gerade  hier  der  Tätig- 
keit der  redlichen  Lokalgeschichtsfretmde  noch  ein  mutmafslich  reiches 
Feld  der  Tätigkeit  harrt,    betone  ich  nicht  zum   ersten  Male.     Es  ist 

9 


—     114     — 

freilich  leichter  und  lockender,  aus  Lesefrüchten  und  handlichen 
Quellenstellen  eine  neue  Theorie  zu  weben,  als  etwa  eine  Reihe  von 
Jahrgängen  städtischer  Rechnungen  zu  durchmustern. 

Seit  meinem  letzten  Berichte  ^)  sind  ein  paar  Erscheinungen  auf 
künstlerischem  Gebiete  hervoigetreten,  welche  den  Eindruck  machen, 
als  könnten  sie  berufen  sein,  dem  kulturhistorischen  Roland«-Thema 
ein  neues  Kapitel  hinzuzufügen. 

Der  preisgekrönte  Elntwurf  H.  Lederers  für  die  Hamburger 
Bismarck-Statue'),  welcher  den  eisernen  Kanzler  im  Eisenkleide, 
barhäuptig,  mit  wallendem  Mantel,  auf  ein  riesiges  Schwert  sich  stützend, 
darstellt,  ist  unter  dem  Beifall  von  Presse  imd  Publikum  als  „Ro- 
land" bezeichnet  worden.  Im  Berliner  Tieigarten  ist  die  Hülle  von 
der  kolossalen  und  prächtigen  Brunnenfigur  Professor  O.  Les- 
sings ')  gefallen,  welche,  in  Erinnerung  an  den  alten  Berliner  Roland 
offiziell  auf  dessen  Namen  getauft,  trotzdem  nicht  den  Träger  des 
Roland-Mythus  der  norddeutschen  Städte  in  seiner  traditionell-ältesten 
fürstlich-richterlichen  Gestaltung  zur  Darstellung  bringt,  sondern  den 
halb  historischen,  halb  sagenhaften  Helden  von  Ronceval  in  einer  aus 
den  verschiedensten  Elementen  zusammengesetzten  Rittertracht,  im 
Detail  echt,  aber  in  seiner  Gesamtheit  ein  unecht  wirkendes  Kompromifs. 
Diesen  Eindruck  dadurch,  dais  er  dem  sonst  korrekt  gezeichneten 
Recken  einen  „Haby-Bart"  verlieh,  satyrisch  gesteigert  zu  haben,  ist 
gewissermafsen  ein  Verdienst  des  lustigen  Karrikaturisten  des  Berliner 
„Ulk"  (1902,  Nr.  29). 

Neben  diesen  beiden  öffentlichen  Denkmälern  ist  ein  denselben 
verwandtes  von  privater  Art  an  einem  Platze  entstanden,  vor  dem 
selbst  Akibas  Weisheit  zu  Schanden  werden  mu(s:  in  einem  neuen 
Prunkrestaurant  Berlins,  in  den  Räumen  des  „Kolonialhauses",  der 
historischen  Stätte  des  alten  Roland  ebenso  fem  wie  der  Tiergarten, 
empfängt  ein  neuer  „Roland  von  Berlin"  den  Gast:  eine  vom 
Kopf  bis  zum  Fu(s  gerüstete,  3  Meter  hohe  Ritterfigur  aus  getriebenem 
Kupfer  mit  dem  Porträtkopfe  Bismarcks  und  dem  angeblichen  mittel- 
alterlichen Stadtwappen  Berlins  im  SchUde. 

Die  historische  Kritik  hat  das  Recht  und  die  Pflicht,  auch  Schöp- 
fungen   wie    diese  nach   Form  und  Gehalt  zu   prüfen;    sie  stellt  be- 


I)  Vgl.  diese  Zeitschrift  m.  Band,  S.  33—48. 

a)  Mir  nnr  ans  einer  grofsen  Photographie  bekannt,  welche  ich  der  Liebenswttrdig« 
keit  des  Herrn  Senatssekret&r  Dr.  Hagedom  Tcrdanke. 

3)  Treffliche  Gesamt-  und  Teilanfoahmen  derselben  hat  das  photographische  Institut 
▼on  W.  Titzenthaler  in  Berlin  gefertigt 


—     116     — 

danemd  fest,  dafs  dabei  für  eine  Zelt,  welche  auf  ihre  „wissenschaft- 
fidie Beobachtung"  sich  soviel  zu  gute  tut,  etwas  zu  viel  künstlerischer 
^enwille,  und  etwas  zu  wenig  ernstes  Wollen  in  der  Richtung  ge- 
sduchtlicher  Wahrheit  Hand  in  Hand  gegangen  sind.  Sie  möchte 
aber  anch  nicht  verkennen,  dafs  sich  hier  vielleicht  ein  neuartiges 
Symptom  der  „versonnenen**  Liebe  des  norddeutschen  Volkes  zu 
seinem  uralten  Rolandmotiv  zu  erkennen  gibt;  da(s  wir  möglicher- 
weise am  Beginne  eines  neuen  Abschnittes  der  Roland -Geschichte 
stehen,  dessen  Wesen  etwa  in  der  spontanen  Anerkennung  eines  inner- 
halb gewisser  Grenzen  frei  sich  bewegenden  Roland-T>'pus  als  ge- 
meinsames Symbol  des  deutschen  Städtewesens  liegen  möchte;  so  etwa 
wie  in  der  Heraldik  die  unschöne  Abstraktion  der  Mauerkrone  verwand- 
tem Zwecke  dienen  sollte.  Einen  beachtenswerten  Fingerzeig  in  dieser 
Sichtung  hat  Moritz  Leopold  in  Charlottenburg  mit  seinem  zur  Aus- 
fihrung  angenommenen  Plakat,  für  die  deutsche  Städteaus- 
stellung 1903  in  Dresden  gegeben,  welches  im  Vordergrunde  einen 
„Roland''  mit  der  Stadtsilhouette  dahinter  zeigt 

Die  Zukunft  wird  lehren,  ob  die  neuen  Gebilde  wirklich  eine  Fort- 
eotwickelnng  bedeuten,  oder  ob  sie  mit  der  Laune ,  welche  sie  schuft 
wieder  vergehen  werden,  ein  Schicksal,  welches  ihnen  Theodor 
Wolff,  der  treffliche  Kenner  der  modernen  Volksseele,  voraussagt, 
wenn  er  in  einem  seiner  meisterhaften,  mit  liebenswürdigem  Lächeln 
<fie  ernstesten  Wahrheiten  kündenden  Feuilletons  (Berliner  Tageblatt 
1902,  Nr.  436)  in  der  Neuerrichtung  des  Berliner  Roland  nichts  als  die 
interessante  Erscheinung  sieht,  dafs  man  eine  tote  Symbolik  aus  ver- 
klimgenen  2Mten  heute  auferwecken  und  künstlich  wieder  beleben 
woDe.  Aber  auch  fiir  diesen  Fall  werden  die  neuen  Bilder  in  einer 
Ifin«cht  wenigstens  von  dauerndem  Nutzen  gewesen  sein. 

Dem,  der  sie  aufmerksam  miterlebte,  haben  sie  die  GewUsheit 
erbracht,  da&  eine  Reihe  scheinbar  imvermittelter  Übergänge  in  der 
R^dandgeschichte  seit  dem  XVI.  Jahrhimdert  gerade  wie  sie,  die  nur 
(fie  Wiederholung  jener  bilden,  logisch  nicht  zu  erklären  sind,  son- 
dern, unbeschadet  ihrer  Tatsächlichkeit,  einzig  und  allein  in  unkontrol- 
fierbaren  R^fungen  der  Volksseele  oder  der  Regisseure  derselben  ihre 
Veranlassung  haben. 

Wir  werden  jetzt  keinen  Anstols  mehr  daran  nehmen,  dais  das 
ffiU  Karls  des  Groisen  zu  Wedel,  der  Denkstein  Dietrichs  v.  Quitzow 
Z8  L^de,  der  „Römer"  auf  dem  Fischmarkt  zu  Erfurt,  ja  sogar  der 
gemalte  Christopborus  zu  Oschatz  volkstümlich  als  „Rolande"  be- 
werden;  dals  zahlreiche  „Rolande"  des  XVL  Jahrhunderts 


—     116     — 

nicht  mehr  die  typische,  fürstlich-richterliche  Tracht  des  XIII.,  XIV., 

XV.  Jahrhunderts  erhielten,  sondern  idealisiert,  im  antikisierenden  Helden- 
kostüm der  populären  Illustrationswerke  jener  Zeit ,  oder  veristisch  in 
der  Kriegstracht  ihrer  städtischen  Söldner  sich  zeigten;  dafs  neue 
„Rolande*',  gröfser,  prächtiger  als  ehemals,  errichtet  wurden,  wo  es 
keine  „Freiheit",  kein  Privilegium  mehr  gegen  fürstliche  Überfahrung 
zu  schützen  galt,  wo  selbst  die  Sage  verstummt  war,  und  nur  die 
Lust  an  dekorativer  Verherrlichung  einer  von  phantasievollen  Chro- 
nisten in  künstlicher  Beleuchtung  gezeigten  nebelhaften  Vorzeit  das 
Wort  führte. 

Dieselben    volkspsychologischen     Imponderabilien ,     welche     im 

XVI.  und  wiederum  im  XX.  Jahrhimdert  ein  Spielen  mit  dem  Roland- 
B^riflf,  dem  Roland-Namen,  dem  Roland-Typus  zulicfeen,  dürfen  wir 
als  vollgültige  Faktoren  in  der  frühesten  Roland-Geschichte  anerkennen« 
Die  volkstümliche  Umdeutung  in  ein  Symbol  der  nach  sächsischer 
Sage  von  Karl  dem  Groisen  gegönnten  „Freiheit",  die  nach  unserer 
Auffassung  eine  Statue  erfuhr,  welche  bei  Gelegenheit  einer  der 
ersten  deutschen  Städtegründungen  im  Sachsenlande  durch  König- 
Otto  I.  der  geistliche  Stadtherr  zum  Zeichen  ihm  verliehener  Stadt- 
gerichtsfreiheit unter  dem  BUde  eines  dies  Vorrecht  als  oberster  Richter 
schützenden  Königs  errichtete;  die  volkstümUche  Verkörperung  dieses 
unbequem  abstrakten  Symbols  zum  Abbilde  Rolands,  des  sagenhaften 
Schutzpatrons  der  Sachsenfreiheit;  die  volkstümliche  Umwertung  dieses 
Roland-AbbUdes  zu  einem  unpersönlichen  generellen  SinnbUd  städti- 
scher Freiheit  im  Sachsenlande  mit  dem  Gattungsnamen  Roland:  alle 
diese  Voraussetzimgen  werden  durch  den  Hamburger  Bismarck-Roland, 
den  Berliner  Tiergarten-Roland  von  dem  schwankenden  Boden  histo- 
rischer Hypothese  in  den  sicheren  Bereich  psychologisch  unanfecht- 
barer Möglichkeit  und  Wahrscheinlichkeit  hinübergefuhrt  So  lange 
die  tatsächlichen  Beobachtungen,  auf  die  sie  sich  stützen,  nicht  als 
irrig  nachgewiesen  sind,  werden  wir  sie  daher  als  zweifellos  richtig* 
gelten  lassen  dürfen. 

An  die  Stelle  der  Chronisten,  welche'  im  XVI.  Jahrhundert  das 
historische  RolandbUd  verwischen  halfen,  eines  Brotuff,  Angelus,  Po- 
marius,  Leuthinger,  sind  heute  die  Feuillctonisten  der  Tageszeitungen 
und  Wochenschriften  getreten,  Journalisten  von  Beruf,  Techniker» 
Kunstschriftsteller,  Naturkundige,  Geographen,  Philologen,  Juristen. 
Die  literarische  Spreu,  die  vorher  schon  bergehoch  lag,  da  jeder,  der 
einmal  einen  „Roland"  gesehen  und  irgendwo  etwas  darüber  g^elesen 
hatte,  sich  berufen  hält,  seine  Ansicht  zur  Rolandfrage  zu  äu&em,  ist 


—     117     — 

in  der  neuesten  Zeit  um  ein  Erkleckliches  gewachsen.  Ein  Satyriker 
könnte  daraus  der  hochgelobten  Bildung  unserer  Tage  einen  anmutigen 
Strohkranz  winden.  Uns  würde  der  Versuch  dazu  hier  zu  weit  fuhren; 
wir  müssen  uns  darauf  beschränken,  eine  kleine  Auswahl  der  neuesten 
Deutungen  vorzul^en. 

Carus  Sterne  (Ernst  Krause)  hat  eine  umfangreiche  ,,historisch- 
m3rthologische  Studie*'  geschrieben  „Die  Rolandsbilder"  (Vossische 
Zeitong,  Sonntagsbeilage,  1902,  Juli  20.  27) ').  Sie  beginnt  mit  einer 
TöUig  unzulänglichen,  kurzen  Zusammenfassung  dessen,  was  Rechts- 
gelehrte und  Geschichtsforscher  (er  nennt  R.  Schröders  Abhandlung 
▼OQ  1890,  Sohm  und  den  noch  zu  besprechenden  E.  A.  Müller)  über 
den  Ursprung  der  Rolandsbilder  ermittelt  haben.  Das  sei  „durch- 
aus unbefiriedigend  *',  weil  sie  trotz  J.  Grimms  Hinweisung  auf  die  Irmen- 
sanlen  und  der  Zustimmung  „verschiedener  genauer  Kenner  des  deut- 
schen Altertums,  wie  z.  B.  Mone  und  Holtzmann'*,  „  die  Mitarbeit  der 
Mythologen  verschmäht  haben".  „Auf  einem  weiten  Umwege  und 
ohne  beim  Aufbruch  von  diesen  Vorgängern  zu  wissen",  sei  er 
„zu  derselben  Schlufsfolgerung  (eines  näheren  Zusammenhanges  zwi- 
schen den  Irmensäulen  und  den  Roiandsäulen)  gelangt",  und  „hofTe 
sie  zu  einem  hohen  Grade  der  Wahrscheinlichkeit  bringen  zu  können". 
Um  zu  der  in  diesen  Worten  verheifsenen  Lösung  der  Roland- 
frage  zu  gelangen,  brauchen  wir  nicht  den  ganzen  weiten  Umweg 
oder  Irrw^  zu  wandeln,  den  Sterne  uns  nun  führen  wUl.  Nachdem 
wir  uns  etwa  bis  auf  die  fünfte  Spalte  durchgearbeitet,  stofsen  wir 
auf  eine  Art  von  Wegweiser :  „wir  werden  bald  sehen,  dafe  mit  gröfster 
Wahrscheinlichkeit  die  alten  Marktkreuze,  die  in  Gestalt  eines  Schwert- 
griffes aufjgerichtet  wurden,  und  aus  denen  die  Rolandssäulen 
hervorgegangen  sind  u.  s.  w."  Flugs  überschlagen  wir  das 
Wettere,  und  finden  bald,  was  wir  nach  dieser  Andeutung  ahnten: 
R.  Schröders  wohlbekannte  Marktkreuz  -  Theorie  von  1886.  Sterne 
hat  dieselbe,  die  er  nur  in  der  Fassung  von  1890  kennt,  in  seiner 
Einleitung  als  „die  wohl  vorherrschende  Meinung  in  neuerer  Zeit" 
bezeichnet,  aber,  wie  man  aus  seinen  weiteren  Ausführungen  schliefsen 
nntis,  zunächst  als  ebenfalls  „durchaus  unbefriedigend"  abgelehnt. 
Dann  ist  er  anderen  Sinnes  geworden;  da  er  das,  was  Schröder  ein- 
gebend zu  beweisen  gesucht  hat,  beweislos  als  Tatsache  hinstellt,  hat 
ihm  offenbar  die  Autorität  des  Rechtsgelehrten  —  dessen  Namen  er 
an  dieser  Stelle  nicht  nennt  —  für   diesmal  genügt.     Der  Ruhm  der 


i)  Mir  dorch  Herrn  Geh.  Archi?rat  Dr.  Baillen,  Berlin,  freundlichst  mitgeteilt. 


—     118     — 

Mythologea  und  J.  Grimms  „Fingerzeig'"  müssen  aber  nichtsdesto- 
weniger zu  ihrem  Rechte  kommen;  darum  der  „Umw^"  und  die 
ihn  in  mystisches  Halbdunkel  hüllende  gewaltige  Wolke  gelehrter 
Abschnitzel  aus  den  Mythologien  aller  alten  Kulturvölker.  Nachdem 
wir  den  leitenden  Faden  gefunden,  können  wir,  noch  einmal  b^^innend, 
diesen  Irrgarten  rascher  durcheilen.  Kaum  haben  wir  uns  zwischen 
den  altrömischen  Marktbildem,  „welche  nach  Bedeutung  und  Charakter 
durchaus  den  Rolanden  Norddeutschlands  entsprachen",  Vater  Lyaeus, 
pater  über,  Marsyas,  Silen,  des  Kaisers  Augustus  Tochter  Livia  mit  der 
freieren  Lebensauffassung,  Midas  und  dessen  Malern  aus  der  Renaissance- 
zeit, hindurchgewunden,  so  müssen  wir  mit  ansehen,  wie  nur  zum 
Zwecke  sofortiger  Widerlegung  die  Scheinbehauptung  angestellt  wird, 
„die  norddeutschen  Rolandsbilder  seien  Nachahmungen  der  italieni- 
schen Marsyasbilder,  die  mit  dem  römischen  Rechte  bei  uns  ein- 
gezogen seien".  Wir  erfahren  dabei,  dafs  „die  au%ehobene  Hand 
des  römischen  Marsyas  schon  einen  Hauptcharakter  der  Rolandbilder 
enthielt",  nehmen  zum  Beweise  der  Urverwandtschaft  der  römischen 
Götter  mit  den  altgermanischen  an  einer  interessanten  Konfrontation 
von  echten  (und  verdächtigen)  Hauptrepräsentanten  der  beiden  mytho- 
logischen Systeme  teil,  imd  sind  damit  dem  Ziele  ganz  nahe  ge- 
kommen. „Der  germanische  Rechtsgott  war  nun  der  aus  dem 
Himmelskämpfer  hervorgegangene  Schwertgott  Tiu  oder  2Uo,  der  alles 
auf  Erden  begangene  Unrecht  straft  und  gleichsam  den  Vorsitz  der 
unter  freiem  Himmel  vorgenommenen  Gerichtsverhandlungen  führte." 
Ihm  wurden  2Uo-Säulen  (Ziojodutes,  Tyodutes,  Jodutes,  d.  h.  Tius' 
Stamm)  errichtet,  die  mit  dem  Irminsäulen  einerlei  waren.  Be- 
weis dafür:  das  von  den  Thüringern  (!)  „um  530"  an  der  Unstrut 
errichtete  Siegesdenkmal  in  Gestalt  eines  dem  Herkules  ähnlichen 
starken  Mannes,  deo  sie  als  Mars,  d.  h.  als  den  noch  mit  einer  Keule 
bewaffneten  Kriegsgott,  bezeichneten,  den  aber  ein  guter  Mönch  des 
XII.  Jahrhunderts  in  -einem  Zusatz  —  zu  Widukinds  „Jahrbüchern  der 
Sachsen"?;  Sterne  scheint  das  zu  meinen  —  Hermes  nennt  (weil 
Wodan  =  Merkur  s=  Hermes  damals  „  bei  den  Sachsen  ond  anderen 
nordischen  Völkern"  an  die  Stelle  von  Zio-Mars  getreten  war)  und 
mit  Irmin,  dessen  Name  den  höchsten  Gott  der  Germanen  bezeichnete, 
schon  der  Namensähnlichkeit  wegen  gleichsetzte  ^).  Fernerer  Beweis : 
das    „Tyodute"- Standbild    am   Weifesholz    und    der   Weidenstumpf 

i)  Wer  die  wissenscfaalUiche  ZinrerlfiMigkeit  Sternes  prOfen  wiU,  möge  seine  Behand- 
lung der  historischen  Nachrichten  über  die  Scheidnnger  und  Eresbnrger  Irmensul  näher 
betrachten. 


—     119     — 

daselbst,  zur  Erinnerung'  des  Sieges  der  Sachsen  —  NB.  im  Jahre 
1115  —  über  des  Kaisers  Feldherm  Graf  Hoyer  von  Mansfeld,  der 
zu  YÖÜig  mythischer  Persönlichkeit  geworden  als  „angeborener  Sonnen- 
kampfer Tin- Donar -Siegfried",  d.  h.  als  „rothaariger  Gewitteigott"; 
sodann:  das  bei  Elias  Schedius  de  düs  Germanis  1648  und  in  Am- 
kiels  Cimbrischer  Heidenreligion  1691  mi^eteilte  als  Ermensul  be- 
zeichnete Bild  des  „Ritters  mit  dem  Hahn  "  ( ! ).  „Bevor  die  germanischen 
Stämme  fähig  waren,  hölzerne,  steinerne  oder  gar  metallene  Bildwerke 
herzustellen,  begnügten  sie  sich,  eine  hölzerne  oder  steinerne  Säule  zu 
errichten,  einen  Si^es-  oder  Gerichtsbaum,  der  das  fehlende  BUd  vertrat'* 
„  Den  einfachen  Pfahl  stattete  man  später  mit  zwei  Armen  aus,  namentlich 
an  den  Gerichtsstätten,  und  das  sollten  wohl  weniger  die  Arme  einer 
menschlichen  Gestalt  sein,  als  die  Parierstang'en  eines  in  der  Erde 
steckenden  Schwertes,  das  Zeichen  des  Schwertgottes,  der  als  oberster 
Richter  galt"  „Ein  solcher  Schwertbaum  der  Grerichtstätten  mufs 
—  man  beachte  den  einzig  durch  dieses  Wörtlein  geführten  schlagen- 
den Beweis  —  das  UrbUd  der  Marktkreuze  gewesen  sein,  aus  denen 
die  Rolande  hervorgegangen  sind."  Mit  den  Marktkreuzen  werden  die 
,,Slavischen  Kreuzbäume  "^nach  dem  Berichte  des  Theologen  Hilde- 
brand über  die  Lünebui^er  Wenden  aus  dem  Jahre  1672)  verglichen, 
auf  deren  Spitze  ein  eiserner  Hahn  steht  —  wir  erinnern  uns  dabei 
des  eben  erwähnten  Irmensul-Rittefs  mit  dem  Hahn.  Da  dieser  auch 
mythologisch  überaus  schätzbare  Vogel  dem  höchsten  Gott  der  Slaven, 
dem  Licht-  und  Kamp^ott  heilig  ist,  so  gleichen  also  diese  slavi- 
schen  Kreuzbäume  nach  Sinn  und  Ursprung  völlig  „den  Rechts- 
und Marktkreuzen  (WeichbUdem) ,  aus  denen  die  Rolande  hervor- 
g^angen  sind". 

Aus  dem  Wedeler  und  dem  Bramstedter  RolandsbUd  scheint  Sterne 
zu  schliefen,  dals  die  aus  den  Marktkreuzen  entstandenen  Statuen 
Kaiserbilder  gewesen  seien,  zunächst  Karls  des  Groisen,  dem  die  be- 
treffenden Länder  die  Einführung  des  Christentums  imd  eines  neuen 
Rechts  schuldeten;  die  Lösung  dafür,  dafs  an  ihre  Stelle  der  sagen- 
hafte Paladin  getreten  sei,  liege  wohl  darin,  dais  „fast  um  dieselbe 
Zeit,  in  welcher  die  alten  Marktkreuze  in  PersonenbUder  umgewan- 
delt wurden,  oder  nur  kurz  vorher  (im  XIL  Jahrhundert)  die  Ro- 
landlieder entstanden  sind",  welche  den  Paladin  zum  MusterbUde  der 
christlichen  Vasallentreue  erhoben. 

Sternes  Hineinziehen  der  slavischen  Mythologie  in  die  Roland- 
frage fuhrt  uns  hinüber  zu  der  „Studie"  des  früheren  Kuns^orzellan-^ 
fabrikanten,   jetzigen  Rentners,  Hugo  Lonitz,  Du  Rolandsäulen 


—     120     — 

(Neuhaldensleben,  Druck  von  Ernst  Pflanz.    28  SS.  8)  ^).    Dieselbe  ist 
wdtere  Ausfiihnmg  des  in  DGBl.    1901 ,   S.  46  ff,    nach  einem  Zei- 
tungsreferate   besprochenen  Vortrages  des  Verfassers  im  Aller- Verein 
zu   Neuhaldensleben.     Der  erste  Abschnitt  bringt  nach   einer  kurzen 
Statistik  folgenden  Definitionsversuch  (S.  i):    Unter  einem   „Roland^* 
ist    im    allgemeinen    zu    verstehen    eine  riesige    Ritterfigur   aus   Holz 
oder  Stein,   welche  auf  einem  Sockel  oder  hohen   Postamente  steht 
und  in  der  Rechten  ein  blankes  Schwert  aufrecht  trägt;  der  Schwert- 
träger hat  keine  Schwertscheide.     Die  linke  Faust  ist  meist  leer,  oder 
hält  ein  Trinkhom  oder  Schild.     Als  weitere  Attribute  kommen  vor: 
Fahne,   Reichsapfel  und  Doppeladler.     Als  Kopfbedeckung  kommen 
vor:    ein  Rasenstück  oder  Blumenkranz,    Stimreif  und  Krone,    selten 
ein  Helm.**     In  Abschnitt  2  und  3   wird  die  älteste   Geschichte,   in 
Abschnitt  4  und  5  die  Mythologie  der  Sachsen  und  Wenden  behandelt. 
„Als  Himmelskönig  der  Sachsen  hat  wohl  Wuotan  oder  Wodan  der 
Göttervater  gegolten**  (S.  10).     „Vor  dem  Angesichte  der  Bildsäule 
Wuotans  hielt  man  den  Gerichtstag  ab,  feierte  die  Volks-  und  Götter- 
feste   und  verband   damit  zugleich   den  Güteraustausch,    den  Markt** 
(S.  11).     „Swjatowit  war  der  Allgott  aller  Slawen,  der  Himmelskönig**. 
„    ie  Swjatowit-Säulen  (in  Holz  geschnitzte  Bilder  auf  hohem  Postament» 
mit  blankem  Schwert,   Trinkhom,   Reitzeug)   standen  schon  längst  in 
den  Hagen  (heiligen  Hainen,  Malstätten)  der  Slawen,  als  die  Sachsen 
g^en  die  Gegenden  der  Mittelelbe,   der  Ohre  und  Aller,   anrückten 
und  als  Nachbaren  der  Wenden  sich  ansiedelten**  (S.  13).     „Bei  der 
groisen  Ähnlichkeit  des  beiderseitigen  Götter-  und  Festkultus,  und  in- 
folge des  Jahrhunderte  langen  Verkehrs  zwischen  Wenden  und  Sachsen 
war  es  eine  natürliche  Folge,   dafe   die  gegenseitigen  Gebräuche  und 
besonders   die  Göttergestalten  und   die  damit  verbundenen  religiösen 
Begfriffe   von    diesen  Völkern    zum    gegenseitigen   Gemeingut  wurden 
und  auch  gegenseitig  nicht  nur  gern  geduldet,  sondern  auch  geachtet 
und  die  Feste  gegenseitig  und  gelegentlich  mitgefeiert  wurden.  Dieser 
Zustand  währte  ungefähr  bis  um  das  Jahr  748**   (S.  14).     Bei    den 
Sachsen    hatte    christliches    Bekehrungswerk    die    alten    Götterbilder 
gestürzt;   sie  mögen   damals  mit  besonderem  Interesse  das  Bild  des 
Swjatowit    angesehen   und    sich   zu   ihm   hingezogen   gefühlt   haben; 
„widerstand    doch    der    alte    heidnische  Swjatowit  noch  immer   dem 
bösen  Christengotte  **  (S.  16).     Die  Kirche  muiste  dem  Heidenglauben 
viele  Zugeständnisse  machen  (S.  17).   Aus  dem  leidenden,  gekreuzigten 
Christus,  welcher  den  kriegerischen  Sachsen  und  Wenden  unsympathisch, 

i)  Mir  Ton  Herrn  Dr.  med.  P.  Köhler,  Magdebnrg-Neiutadt,  freundlichst  mitgeteilt. 


—     121     — 

wurde  ,,der  jugendliche,  leuchtende  Held,  der  gegen  Sünde,  böse 
Gdster  und  die  Hölle  si^^eich  gekämpft  hat''.  Jeder  Gläubige  ist 
sein  „Mann**,  der  ihm  zur  Gefolgschaft  verpflichtet  ist  ^).  „Aus  der 
Verschmelzung  dieser  Christusvorstellung  mit  der  den  Sachsen  und 
Wenden  innewohnenden  Vorstellung  von  Wuotan  und  Swjatowit  ent- 
stand die  ritterliche  und  jugendliche  Elrscheinung  des  Himmelskönigs, 
welche  als  „ Roland*'  auf  uns  gekommen  ist,  eine  dreieinige  Kom- 
pronufisfigur  der  katholischen  Kirche  mit  Sachsen  und  Wenden  "  (S.  i8). 
„So  stand  nun  der  neue  riesige  Himmelskönig  in  den  uralten  Mal- 
statten, den  Friedhöfen  oder  Hagen  der  Wenden  und  Sachsen". 
Wahrscheinlich  nannten  ihn  die  Deutschen  „Himmelskönig"  oder 
schlechtw^,  „der  König",  „Kuning"  (S.  19).  Auch  im  Namen  „Ro- 
land" kann  man  nicht  ohne  Berechtigung  die  ursprüngliche  Benennung 
erblicken :  wend.  Rohld  (spr.  Rohljaa)  =  Acker,  Flur,  Rohldnt  =  der 
Flnrbesitzende ,  Flurbeherrschende  (S.  19).  „Dann  gewinnt  aber  die 
Voraussetzung  an  Wahrscheinlichkeit,  da&  die  Rolande  zuerst  bei  den 
Wenden  entstanden  seien."  Der  siav.  Rohlänt  wurde  von  den  Sachsen 
Q.  s.  w.  übernommen  und  in  Ruotland  umgewandelt.  Die  Vorstellung 
von  der  geistlichen  Gefolgschaft  des  streitbaren  Himmelskönigs  ver- 
blalste  in  der  Zeit  der  Albigenser,  der  Katharer,  der  Stedinger,  der 
Waldenser;  mit  ihr  verblafste  das  Ansehen  der  jene  Idee  personi- 
£aerenden  Rolandfigur.  Sie  wurde  nur  noch,  jener  kirchlichen  Be- 
deutung entkleidet,  als  Repräsentant  der  alten  angestammten  und  vor 
ihr  ausgeübten  Rechtsbräuche  angesehen.  Da  erst  entstand  in  Deutsch 
lasd  die  Sage  von  Roland  dem  Paladin  Karls  des  Grofsen;  in  den 
Rolandsäulen  wurde  von  nun  ab  nicht  mehr  der  Himmelskönig,  son- 
dern nur  jener  ritterliche  Held  der  Sage  erblickt.  „Die  Städte,  welche 
gewöhnlich  in  der  Nähe  der  alten  Hagen  mit  ihren  Märkten  sich  ent- 
wickelt hatten",  holten,  besonders  während  des  Interregnums,  „den 
das  Markt-  und  andere  Rechte  repräsentierenden  Roland  vom  Hagen 
in  die  Stadt  und  richteten  sein  Bildnis  auf  ihrem  Marktplatze  wieder 
auf.  So  entstand  aus  den  uralten  Himmelskönigen  Wuotan  und  Swja- 
towit der  Himmelskönig  Roland  innerhalb  freier  Landgemeinden" 
1-  8.  w.  (S.  21). 

Das  Bild,  welches  Lonitz  zeichnet,  entbehrt  nicht  künstlerischen 
Schwunges  und  plastischer  Rundtmg ;  leider  fehlt  ihm  jede  tatsächliche 
Grundlage. 

Auf  der  Seite  der  Mythologen  streitet  nach  wie  vor  unentwegt 
Professor   E.   Dünzelmann.     In    der   Historischen    Gesellschaft   zu 

i)  HelitDd-Rciiinmceiaen  des  belesenen  Verfassers. 


—     122     — 

Bremen  hat  er  am  i8.  Januar  1902  über  „Neue  Rolandforschungen*' 
referiert;  dabei  hat  er  seine  eigene  Meinung  (nach  dem  Bericht  der 
„Bremer  Nachrichten**  1902,  Nr.  20)  dahin  formuliert,  „dais  die 
Rolandsäulen  auf  eine  viel  frühere  2^it,  lange  vor  Karl  dem  Grofsen 
zurückgehen.  Sie  würden  demnach  (!)  von  den  Sachsen  gesetzt 
sein,  zu  Ehren  eines  Gottes  und  zur  Erinnerung  an  den  Sieg  des 
Arminius  über  die  Römer,  und  zwar  immer  im  Mittelpunkte  eines 
Gaues,  besonders  in  Ostfalen,  woraus  sich  die  häufigen  Rolandbild- 
nisse in  dieser  Gegend  erklären  würden.  Spätere  Sage  brachte  dann 
die  Statue  mit  Karl  dem  Grofsen  in  Zusammenhang  und  liefs  sie  ent- 
weder Roland  oder  einen  sonst  rätselhaften  Heiligen,  S.  Hulpe,  dar- 
stellen." Es  ist  in  der  Tat  unbegreiflich,  dafe  die  unermüdlichen 
Roland-Pioniere  nicht  längst  auf  Arminius  verfallen  sind.  Wir  wollen 
wünschen,  dafs  ihnen  demnächst,  etwa  aus  einem  günstig  im  Mittel- 
punkte eines  Gaues  belegenen  Moore,  ein  veritables,  kombiniertes 
Götter-  und  Arminiusbild  beschert  werde. 

In  der  an  Dünzelmanns  Bericht  sich  anknüpfenden  Diskussion  ver- 
suchte Professor  Gerd  es  ebenfalls  nicht  übel  „den  Roland  als  ein 
Wahrzeichen  für  gerodetes  Land  (Raland),  d.  h.  durch  Bann  abgegrenztes 
Königsgut  zu  erklären  ".  Diese  Deutung  berührt  sich  beinahe  mit  der  des 
Architekten  J.Oltmanns  (Hamburger Korrespondent,  1902,  die  Nummer 
fehlt  mir).  Die  Rolande  sind  danach  AbbUd  des  Kaiser  Karl,  „welche  er  wohl 
aufrichten  liefs  als  Wahrzeichen  seiner  Macht  und  seines  Willens  gerade 
an  den  Nordmarken  seines  Reiches,  nachdem  er  sie  sich  mit  blutiger 
und  eiserner  Faust  unterworfen  hatte."  „Bis  hierhin",  so  sollten  diese 
Marksteine  künden",  geht  Kaiser  Karls  Macht,  WUle  und  Rechtsspruch, 
bis  hierhin  reicht  Kaiser  „Karolus'  Land".  Aus  diesem  Karolus' 
Land  oder  Karoli  Land  wurde  KarolsLand,  und  als  er  abtrat  vom 
Schauplatz  seines  Wirkens,  und  Herrscher  mit  anderen  Namen  an  die 
Spitze  des  Reiches  traten,  wurde  den  späteren  Geschlechtem  aus 
Absicht  oder  Milsve-rständnis  der  Sinn  jener  Denkmalssäulen  ver- 
schleiert, und  aus  Karols  Land  wurde 

Karls    Roland. 
Man  mufs  dem  Verfasser  zugeben,  dafs  diese  Lösung  so  „einfach  und 
naheliegend "  ist  wie  2X2  =  4. 

Nach  dieser  kurzen  Abschweifung  kehren  wir  noch  einmal  auf 
„heiligen  Boden"  zurück.  In  der  Halbmonatsschrift  Niedersachsen 
(1902,  Nr.  4)  hatte  B.  Uhl -Münden  in  einem  Aufisatz  über  den 
„Löwenpudel"  in  Osnabrück,  welchen  er  ebenso  wie  einen,  im 
XVIII.  Jahrhundert  „Erich"  (=  Gesetzhalter)  genannten  romanischen 


/ 


—     123     — 

Löwen  in  Münden  für  ein  Hoheitszeichen  an  einer  Gerichtsstätte  er- 
Uäit,  geänfsert,  „er  halte  dies  alles  deshalb  fiir  besonders  wertvoll, 
veil  es  in  verschiedener  Hinsicht  Licht  verbreiten  könne  über  die 
Bedeutung^  der  Rolande,  für  die  es  bekanntlich  immer  noch  an  einer 
ansrdchenden  Erklärung  fehle".  Darauf  erhob  sich  E.  A.  Müller- 
Berlin  (a.  a.  O.  1902,  Nr.  8  Zur  Rolamis/rage)  und  erklärte,  die 
Rolaudfrage  „beantworten''  zu  können.  Denn  seine  Vorfiahren  hätten 
dem  uralten  Verbände  der  „Wetterfreien''  zur  Melle  angehört,  einer 
Verbindung  westfälischer  „Wehren",  die  sich  und  ihre  Gerichtsbarkeit 
für  niemand  Untertan  erachteten  als  dem  „Wetter"  und  der  Jung- 
frau Maria  zu  Herse  (welche  christlicherseits  der  Göttin  Freya  unter- 
geschoben), in  welcher  Verbindung  sich  die  Überlieferungen  germa- 
nischen Rechtswesens  aus  grauester  Vorzeit  bis  in  die  Gegenwart 
erhalten  hatten.  Auf  dem  „heilige  Boden"  der  Dingstätten  stand 
die  Figur  des  altgermanischen  Sonnengottes,  als  Sinnbild  des  Erleuch- 
ters  der  Menschen  und  der  Wahrheit.  Die  Dingstätte  selbst  wurde 
geh^  durch  Lanzen  ohne  Spitzen,  „Ruten"  von  6  Fufs  Länge,  aus 
deren  8  anf  dem  Boden  ein  Quadrat  von  12  Fuis  Seitenlänge  gebildet 
wurde.  Aus.  diesem  „ eingeruteten "  Land,  plattdeutsch  „roe  land", 
machte  „christliche  Idolatrie  und  Unverstand  einen  „Roland",  als 
diese  Gerichtstsätten  mitsamt  ihren  Sonnengöttern  „in  den  Städten 
bleibend  wurden",  und  nahm  „jene  unwürdige  Unterschiebung  mit 
jenem  Büttel  des  Frankenkaisers,  Roland",  vor.  Das  „Roe-Lands-BUd 
des  Sonnengottes"  stand  nun  in  den  Gerichtsstätten  auf  den  Markt- 
plätzen, wo  als  Ersatz  für  die  Laube  des  Baumes,  unter  dem  eigent- 
Bch  das  Gericht  stattfinden  sollte,  die  „steinernen  Gerichtslauben" 
errichtet  wurden. 

Es  ist  b^^eiflich,  dafs  Sterne  diese  „Vermutung"  Müllers  als 
„sehr  ansprechend"  bezeichnet.  Da  dieselbe  in  die  Rechtshistorie 
hinübergreift,  möge  nun  noch  ein  praktischer  Jurist  das  Wort  zur 
Sache  nehmen.  Nach  dem  mir  vorliegenden  Referat  einer  wahrschein- 
lidi  Hamburgischen  Zeitung  hat  der  Landgerichtsdirektor  Dr.  Föh- 
ring  am  28.  Februar  1902  im  Architekten-  und  Ingeiueurverein  einen 


i)  Ein  früherer  Aufsatz  Ton  H.  Theen  in  derselben  Zeitschrift  (,, NiedersAchsen '% 
Jahrg.  1S98/99,  S.  54ff.),  Du  Rolandssäulen,  ist  eine  wertlose  Kompilation.  Qir  ^i» 
Niresa  mag  durch  folgendes  Beispiel  charakterisiert  werden.  „Von  der  Rolands- 
a  Wedel  wird  behaoptet,  dals  sie  genaa  Karls  des  Grofsen  Bildnis  yorgestellt 
habe:  I>och  die  Ähnlichkeit,  wie  frappant  sie  auch  sein  mag,  sagt  an  and  für  sich  nicht 
ndj*    Unter  den  beig^ebenen  Abbildnngen  ist  eine  des  Bramstedter  Roland  nicht 


—     124     — 

Vortrag  über  den  fränkischen  und   den  deutschen  Roland  gehalten. 
Jener,  d.  h.  der  historische  Roland,  die  an  ihn  anknüpfenden  Sagen 
und  Lokalerinnerungen  Frankreichs,  interessieren  uns  hier  nicht.     Hin- 
sichtlich des  deutschen  Rolands  wird  ausgeführt,  dafs  die  deutschen  Städte 
im  Verlaufe  des  Mittelalters  verschiedene  ihre  Verwaltung  betreffenden 
Privilgien  erwarben,  die  Marktfreiheit  oder  das  Marktrecht,  das  Stapel- 
recht u.  a.  m.     Als  äufseres  Zeichen   dessen  pflegte  auf  dem  Markt- 
platze anstelle  eines  früher  daselbst  stehenden  „Weichbildes *'  (Stadt- 
wappen) ein  Kreuz  aufgestellt  zu  werden,   an  welchem  ein  Schild  mit 
Wappen  oder  Inschrift,    ein  Schwert  und  ein  Handschuh  angebracht 
und  zuweilen   auch   während  der  Dauer  des  Marktes   eine   rote  Fahne 
aufgesteckt  wurde.     „Hie  und  da  wurden  auch   nur  einfache  Säulen 
mit  der  roten  Fahne  aufgestellt.     Etwa  von  der  Mitte  des  XIII.  Jahr- 
hunderts und  von  der  Zeit  an,   wo  sich  die  Städte  vom  Kaiser  auch 
den  Blutbann,  d.  h.   die   Rechtsprechimg  und  den  Vollzug  in  Straf- 
sachen erwarben,  verschwanden  im  nördlichen  Deutschland  die  Kreuze 
und  die  Säulen,  und  an  ihre  Stelle  trat  als  Macht-  und  Hoheitszeichen 
die  Figur  eines  Schwert,  Schild,  oft  auch  Helm  tragenden  gepanzerten 
Kriegers."     „Für  diese   Figur  ist  nach   und  nach   der  Name  Roland 
gebräuchlich  geworden."     Aus  dem  Gedichte  des  Geistlichen  Konrad, 
im  Dienste  Heinrichs  des  Löwen  (!),  und  der  gröCseren  und  verbesser- 
ten ( ! )  Bearbeitung  desselben  durch  einen  anderen  Dichter  —  gemeint 
ist  der  Stricker   —   war  dem  deutschen  Volke  die  macht-  und  glanz- 
volle Gestalt  Rolands  entgegengetreten ;  da  war  nichts  natürlicher,  als 
dafs  das  Wort  Roland  bald  zu  einem  Eigenschaftsworte  wurde,  welches 
man  gebrauchte,  wenn  man  Macht  und  Hoheit  bezeichnen  wollte,  und 
dafs   es  dann  auf  ein  Symbol  übertragen  wurde,   welches  Macht  und 
Hoheit  bezeichnen  sollte.     In   der  Überzeugung  von  der  Richtigkeit 
dieser  Ansicht  wird  der  Verfasser  durch  den  Umstand  unterstützt,  dals 
sich  auf  einer  alten  Roland -Statue  von  Magdeburg  die  Inschrift  be- 
fand  „Rolandt   anno   778    gestorben".      Diese    Jahreszahl    mit   einer 
kurzen ,  aus  des  Marcantonius  Coccius  Sabellicus  (-j- 1 505)  Rhapsodiae 
historicae  entnommenen  Biographie  Rolands   wurde   bekanntlich    bei 
einer   Restauration    der    Statue  1539    auf  einer  metallenen  Tafel   am 
Sockel  angebracht! 

Fritz  Stahl,  der  furchtlose  und  scharfblickende  Kunstkritiker, 
den  wir  schon  früher  als  Roland-Feuilletonisten  kennen  gelernt  haben 
(vgl.  Jahrg.  1900,  S.  73  Anm.  2),  möge  unsere  Feuilleton-Rundschau 
beschlielsen  *).    In  einer  kurzen,  strengen  aber  gerechten  Besprechung^ 

i)  Der  Vollständigkeit   halber  erwähne   ich   noch   Hermann   Berdrow's   Aufsatz 


—     125     — 

des  neuen  Berliner  Roland  (Berliner  Tagebl.  1902,  Nr.  455)  trägt  er 
dne  eigenartige,  offenbar  auch  durch  die  Irmensul-Theorie  beeinflu&te 
Anacht  von  der  formalen  Genesis  der  Rolandstandbilder  vor.  Er 
nennt  sie  ^eine  Figur,  die  als  Säule  entstanden  ist,  und  diesen  Ur- 
^ning  nie  verleugnete*'.  So  wenig  man  dem  beipflichten  mag,  so 
wird  doch  für  den  Augenblick  der  Widerspruch  entwaffnet  durch  den 
treffenden  Sarkasmus  des  Schluissatzes,  in  welchem  es,  anknüpfend  an 
die  Charakterisierung  der  Lessingschen  Statue  als  Held  von  Ronce- 
val,  heilst:  „Dieser  Roland  braucht  kein  Hifthorn,  um  den  berühmten 
Hüfenf  zu  blasen  —  er  schreit  einfach  zum  Himmel." 


Der  tapfere  Versuch  R.  Schröders  und  weniger  anderer,  die  Roland- 
iage  in  wissenschaftliche  Bahnen  zu  lenken,  ist  auf  das  literarisch 
tätige  Publikum,  selbst  auf  diejenigen  darunter,  welche  in  ihrem  Be- 
rufe methodisches  Denken  gelernt  haben  sollten,  fast  ohne  Elinflufs 
geblieben.  Die  Musterkarte  der  Meinungen  ist  noch  bunter,  dieWill- 
kürlichkeit  und  Phantasterei  der  jede  solide  Grundlage  verschmähenden 
Kombination  immer  zügelloser  geworden. 

Man  darf  unter  diesen  Umständen  der  Untersuchung  des  Ger- 
manisten Professor  Jos  tes  in  Münster,  welche,  wie  gesprächsweise 
veriautet,  der  Veröffentlichung  entgegengeht,  um  so  erwartungsvoller 
entg^ensehen.  Vielleicht  gelingt  es  ihr,  die  besprochene  wohlfeile 
Jahrmarktsware  für  eine  Weile  wenigstens  auiser  Kurs  zu  setzen. 

Während  unsere  Rimdschau  sich  bereits  im  Druck  befand,  hat 
R.  Schröder^)  selbst  noch  einmal  kurz  das  Wort  zur  Rolandfrage  er- 
griffen; ebenso  S.  Rietschel*),  der,  nachdem  er  vor  5  Jahren  schon 
sich  gelegentlich  mit  den  Rolanden  befaist  (vgl.  DGBl.  II,  73.  III,  41), 
neuerdings  den  G^enstand  in  den  direkten  Bereich  seiner  Studien  ge- 
zogen hat  Über  beide  wird  zum  Schlüsse  berichtet  werden,  insbesondere 
über  Rietscbel,  dessen  Ausfuhrungen  in  ihrer  flüchtigen  archäologischen 
und  historischen  Begründung  als  verfehlt  bezeichnet  werden  müssen  '). 
Zunächst  sei  es  mir  gestattet,  mein  Referat  in  der  ursprünglichen 
Ordnung  weiterzuführen. 

Moiatub-SduUn  („Der  Tag«*,    1902,   no.  93),  welcher  das  VerständDis  der  „orginellen« 
BiMDWck-Roland-Idee  Lederers  erschlielsen  wilL 

1}  Lehrbuch  der  dentscheo  Rechtsgeschichte,  4.  Aufl.,  1902,  S.  626;  femer  ansfUhr- 
ficber  wi  HohetuolUm-Jahrhuchy  1902,  S.  207 — 211. 

2)  Ein   neuer  Beitrag  sur  RoUmdsforschung  ^   in   Hist.  Zeitschrift.   N.  F.   Bd.  53, 
S.  457  C,  Besprechung  meiner  Schrift  Der  Roland  zu  Bremen^ 

3)  Aach  F.  Kentgen  stellt  eine  neoe  Hypothese  anf  in  Deutsche  LiteraturMeitung^ 
1903  00.  2.  —  VgL  femer  G.  t.  Below  im  Literarischen  Zentralblatt,  1902,  Sp.  1639. 


—     126     — 

Wir  lassen  die  Spezialliterattir,  neu  Erschienenes  und  bisher  nicht 
registriertes  Älteres,  an  uns  vorüberziehen  und  haben  dabei  auch  einige 
„neuentdeckte"  Rolande  zu  verzeichnen. 

Folgen  wir  der  alphabetischen  Ordnung  —  die  böhmischen  sogen. 
Rolande  bilden  zweckmäfsigerweise  als  besondere  Gruppe  den  Schluls  ^) — 
so  macht  Berlin  den  Anfang,  das  ja  auch  sonst  in  diesem  Jahre  (1902) 
für  uns  im  Vordergrunde  der  Betrachtung  steht,  schon  durch  die  histo- 
rische Feststellung  aus  kaiserlichem  Munde,  dais  leider  von  dem 
alten  Berliner  Roland  keine  Abbildung  mehr  vorhanden  sei  (Bericht 
des  Berliner  Tagebl.  1902,  Nr.  430,  über  die  Enthüllung  des  Roland- 
brunnens am  25.  August).  Treffliches  war  von  dem  selbstverständlich 
besten  Kenner  der  Geschichte  Berlins,  Stadtarchivar  Dr.  Claus witz, 
zu  erwarten.  Er  hat  endlich  in  einem  Vortrage  im  Berliner  Geschichts- 
verein am  26.  April  1902  das  Wort  ergriffen.  Leider  liegt  nicht  der 
authentische  Text  seiner  Ausfuhrungen,  sondern  nur  ein  längeres  Re- 
ferat vor  (Mitteilungen  d.  Vereins  f.  d.  Gesch.  Berlins  1902,  Nr.  5). 
Danach  hat  Qauswitz,  nachdem  er  in  der  Einleitung  u.  a.  mich  abgetan,  zur 
Generalfrage  selbst  Stellung  genommen.  „Da  der  Roland  allenthalben 
ein  blofses  Schwert  in  der  Faust  trägt,  ohne  Scheide  an  der  Seite  *), 
und  auch  sonst  (!)  mit  Richterattributen  (!)  ausgestattet  wird,  meist 
ohne  Helm,  so  mufs  man  ihn  für  ein  Wahrzeichen  nicht  eines  Rechtes 
halten,  sondern  eines  Gerichts,  das  dort  abgehalten  wurde.  Die 
Rolande  waren  ein  Wahrzeichen  der  landesherrlichen  Gerichts- 
gewalt Das  alte  Sachsenland  ist  die  Stätte  der  Rolande;  nach  der 
im  Sachsenspiegel  sich  offenbarenden  Volksanschautmg  vrurde  Karl  der 
Grofse  als  Gesetzgeber  der  Sachsen  angesehen.  Die  Statue  Rolands 
steht  also  als  Vertreter  Karls  des  Grofsen  als  Wahrzeichen,  dais  an 
diesem  Platze  nach  Sachsenrecht  gerichtet  wird.  Hiermit  erklärt 
sich  die  Beschränkung  der  Bilder  auf  bestimmte  TeUe  Deutsch- 
lands. Da  der  Landesherr  überall  die  Gerichtsbarkeit  inne  hat,  so 
sind  sie  also  Wahrzeichen,  dafs  der  Landesherr  dort  nach 
Sachsenrecht  richten  liefs.  DafUr,  dais  man  nicht,  wie  in 
Wedel ^  die  Figur  Karls  des  Grofsen  selbst,  sondern  die  „des  Ro- 
lands** hinstellte,  mufis  die  Erklärung  in  Rolands  Volkstümlichkeit  ge- 
sucht werden.     Die  Rolandsage  nach  Strickers  Dichtung  verbreitete 


i)  Durch  während  des  Druckes  mir  xogekommenes  neues  Material,  insbesondere  aber 
durch  die  eigenartige  Kritik  RieUchels  Teranlafste  Aosftlhningen  Aber  die  Rolande  zu  Bonn, 
Elbing,  HaUe,  Hambnig,  Leitmeritz,  Perleberg,  Qaedlinbnrg,  werden  als  Nachtrag  folgen. 

2)  Der  Bramstedter  und  der  Nordhanser  tragen  noch  heat  die  Schwertscheide;  der 
Ton  Beigem  hat  sie  (samt  der  eisernen  Starmhaabe)  1756  rerioren. 


—     127     — 

sich  im  Sachsenlande  ^)  etwa  gleichzeitig  mit  Eickes  Sachsenspiegel ; 
dies  wird  zur  Erklärung  mit  heranzuziehen  sein.  „Was  nun  speziell 
den  Berliner  Roland  betrifft,  so  kann  man  darauf  hinweisen,  dafs  sämt- 
liche alte  Hauptstädte  der  Mark  ihren  Roland  besaCsen."  Zwei  Stellen 
im  Berliner  Stadtbuche  beweisen  unwiderleglich  die  Existenz  des  dortigen 
Rolands,  und  zweitens,  dals  er  um  1390  schon  (!)  stand,  wo  der  Landes- 
herr noch  die  Gerichtshoheit  hatte.  Sein  Platz  ist  nach  den  Angaben 
des  Stadtbuches  „rätselhaft**.  Nach  einer  Stelle  soll  er  einem  Eckhause 
des  Molkenmarktes  (in  Berlin)  gegenüberstehen,  nach  der  anderen  einem 
EIckhause  der  „Lappstraise**,  der  heutigen  Petristrafee  (in  Colin).  Der 
Berliner  Referent  bemerkt  hier,  da(s  man  in  der  daran  sich  knüpfen- 
den Besprechung  fast  geneigt  gewesen  sei,  das  Vorhandensein  von 
zwei  Rolanden  anzunehmen,  einen  für  Berlin  und  einen  für  Colin  '). 

i)  Der  Stricker  war  Österreicher  und  schrieb  im  reinen  Mittelhochdeutsch  des 
ynr    Jahrhunderts. 

2)  Das  Berliner  Stadtbach  (zuletzt  im  Auftrage  der  städtischen  Behörden  heraos- 
g^eben  von  P.  Claoswitz,  1883)  erwähnt  den  Roland  an  zwei  Stellen  (S.  22  einmal, 
S.  23  zweimal).  Ans  ihnen  ergibt  sich  mit  einer  Bestimmtheit,  wie  sie  gröiser  nicht 
gewünscht  werden  kann,  der  Standplatz  des  Roland  in  Berlin  auf  dem  Molkenmarkt. 
Nach  der  ersten,  den  Martini-Zins  behandelnden  SteUe,  begann  mit  einem  Eckhans  hart 
OH  sunte  Nicolaus  chore,  also  an  der  Nordostseite  des  Molkenmarkts,  eine  wohl  nach 
der  jetzigen  Poststralse  zn  gezählte  Reihe  von  acht  Hänsem,  zwischen  deren  fünftem  nnd 
sechstem  sich  ein  nnbenanntes  (nach  dem  Nikolaikirchhof  fiihrendes)  Gäfschen  befand, 
dessen  eines  Eckhaus  als  ke^en  den  Buland  bezeichnet  wird.  Im  zweiten  Abschnitt, 
▼om  Wortzins,  wendet  der  Verfasser  Ton  den  beiden  Eckhäusern  der  Stralaner  Strafse 
her  sich  nach  dem  „Alten  Markt *^;  hier  erwähnt  er  zunächst  das  negste  orthus  by 
dem  Ruland  (d.  h.  also  aof  der  Nordostseite  des  Platzes),  dann  kommt  er  znr  Läpp- 
straU  nnd  bezeichnet  das  eine  <ler  beiden  Eckhäuser  derselben  als  tugeste  ort  tu  den 
Ruiande  wart.  Nun  geht  er  zurück  in  die  Spandaner  Strafte,  welche  wieder  mit  einem 
Hanse  hart  an  sunte  Nicholaus  chore  b^innt  E^t  dann  schreitet  er  nach  CöUd  hin- 
ttber.  Die  in  diesem  Znsammenhange  genannte  „  Lappstrate '*  ist  danach  die  zuerst 
enrähnte  nnbenannte  Gasse,  welche  später  ihren  Namen  veränderte  nnd  jetzt  Molkenstrafse 
heifst.  Das  ist  die  einfache  Lösung  des  Rätsels,  nnd  der  Roland  des  brandenburgischen 
CöUo  ao  der  Ecke  der  Petristrafse  ist  Phantasterei.  —  Meine  Angabe  über  das  Fehlen 
des  Roland  im  Register  cn  Qanswitz'  Stadtbuchansgabe  (DGBL  III,  36,  Anm.  9)  ist  nicht 
ganz  richtig;  er  fehlt  nur  da,  wo  man  ihn  sucht,  im  „Sachenregister",  findet  sich  da- 
gegen im  „Personen-  nnd  Ortsregister"  unter  dem  Stichwort  „Berlin",  wo  er  nicht  gar 
leidit  zn  entdecken  ist  —  S.  Rietschel  meint  (Hist.  Zeitschr.  N.  F.  53,  S.  464),  ich 
wttrde  ihm  wohl  zugeben,  dafs  die  älteste  Berliner  Gerichtsstätte  auf  demselben  Platze 
lag,  wo  der  Roland  stand.  Ich  kann  das  für  die  kurze  Zeit  Ton  der  Gründung  der 
dentschen  Stadt  bis  zn  ihrer  Erweiterung,  bis  zur  Erbauung  des  neuen  Rathauses  nnd  der 
Gerichtslanbe.  Dafs  man  nachher  den  Roland  ruhig  auf  dem  Molkenmarkt  stehen  liefs, 
beweist  deutlich,  dafs  man  ihn  damals  nnd  rund  lY*  Jahrhunderte  weiter  in  Berlin  nicht 
ftr  ein  Zubehör  der  Dingstätte,   ein  Gerichtsbild,   oder  fUr  was  ihn  Rietschel  sonst  er- 


—     128     — 

Mit  einem  Hinweis  auf  den  neuen  Roland  am  Kemperplatze  schlofs 
der  Vortragende.  Der  Platz  der  Brunnenfigur  in  der  Nähe  der  branden- 
burgischen Markgrafen  sei  gut  gewählt.  Durch  ihre  Attribute  sei  sie 
als  Richter  und  zugleich  als  Krieger  charakterisiert  ^). 

Ein  kleiner  Aufsatz  von  R.  B^ringuier  in  dem  von  Georg  Bar- 
lösius  illustrierten,  vom  Berliner  Geschichtsverein  herausgegebenen 
„Berliner  Kalender"  für  1903  schliefst  sich  auf  das  engste  an  Claus- 
witz an.  Eigentum  des  Verfassers  ist  nur  die  im  Schlufssatz  aus- 
gesprochene, an  den  neuen  Berliner  Roland  anknüpfende  höfische 
Deutung  der  mit  mehr  als  einem  Tropfen  demokratischen  Öls  ge- 
salbten Rolandbilder:  „Möge  die  auf  Befehl  des  Deutschen  Kaisers 
errichtete  neue  Rolandstatue  wieder  sein,  was  die  Rolande  ursprünglich 
darstelle  sollten,  ein  Wahrzeichen  dauernder  landesherrUcher  Huld  und 
Gnade." 

E.  Friedel  dagegen,  Vom  Berliner  Roland  (Welt-Spiegel,  illu- 
strierte Halbwochenchronik  des  Berliner  Tageblatts  1902,  Nr.  69), 
berichtet  dankenswert  von  seinen  vergeblichen  Nachforschungen  nach 
archäologischen  Spuren  des  Roland  bei  Gelegenheit  der  tiefgehenden 
Kanalisationsarbeiten  auf  dem  Molkenmarkt,  und  von  der  eigentüm- 
lichen Vorgeschichte  des  neuen  Rolandbrunnen. 

Auch  in  Bonn  hat  man,  nach  gefälliger  Mitteilung  des  Herrn 
Dr.  Armin  Tille,  wenn  auch  keinen  Roland,  so  doch  wenigstens  eine 
Roland-Säule  ausfindig  gemacht. 


klüren  will,  ansah.    Somit  ist  es  ancb  „direkt  unwahrscheinlich^^,  dafs  er  als  der^leicheii 
in  Berlin  errichtet  and  wenige  Jahrzehnte  hindurch  verstanden  wurde. 

i)  Ihre  Charakteristik  als  Roland  von  Ronceval  dnrch  das  Hom  scheint  danadi 
dem  Vortragenden  entgangen  zn  sein.  —  Nachfmcht  des  Berliner  Roland-Rommels  iat 
die  Ton  C.  Kuhns  herausgegebene  Zeitschrift  für  Brandenbni^.-Preufs.  and  Niederdeatsobe 
Heimatskande ,  Der  Roland^  deren  i.  Nummer  vom  4.  Oktober  1902  in  der  Kopflciate 
ein  Bild  des  neaen  Berliner  Roland,  dann  ein  Gedicht  Roland  vom  Herausgeber,  eine 
nicht  sehr  treue  Zeichnung  des  Rolandbronnens  von  O.  Roick  und  einen  kurzen  An£uits 
Der  Roland  in  der  Volksauffassung  bringt,  welcher  nur  dadurch  bemerkenswert  ist,  cbds 
er  Paderborn  als  Rolandstadt  nennt.  Begreiflich  bt  es,  dafs  gerade  jetzt  auch  Leoo- 
cavallo  Ton  seiner  immer  noch  nicht  voUendeten  Oper  Der  Roland  von  Berlin  wieder 
reden  macht.  Es  verlautet,  dafs,  wie  bei  Alexis  und  Lauff,  die  Zerstörung  der  Statse 
durch  Markgraf  Friedrich  eine  grofse  Spektakelszene  bilden  soll. 

(Schlufs  folgt) 


»^^ß»>^>^^'^^^^ß^f^>^->^»>^-^*^i^ 


—     129     — 


Mitteilungen 

ArchiTe.  —  In  Kärnten  ist  man  nach  dem  Muster  von  Steiermark  ^ 
dtran  gegangen,  die  Inventare  von  Adelsarchiven  zu  veröffentlichen^  aber 
wählend  bei  dem  von  v.  Zwiedeneck  herausgegebenen  Inventar  des  Reichs- 
giiflich  Wurmbrand  sehen  Haus-  und  Familienarchivs  zu  Steyersberg  (Graz 
1S96)  ein  ansführliches  altes  Repertorium  benutzt  werden  konnte  tmd  die  Be- 
stände des  gräflich  Lambergschen  Familienarchivs  zu  Schlofs  Feistritz  bei  Hz, 
dessen  Inventar  bis  auf  eine  Nachlese  in  drei  Heften  (Graz  1897 — 99)  vor- 
liegt, abteilimgsweise  zur  Durchsicht  und  Verzeichnung  nach  Graz   gesandt 
imrden,   hat  August  von  Jaksch  mehrere  Sommer  lang   in  Gmünd   ge- 
aibeitet  und   als  Frucht  seiner  Tätigkeit  als  Archivberichte  aus  Kärnten  L 
Die  Graf  Lodronschen  Archive  in  Omünd  (Sonderabdruck  aus  dem  Archiv 
fo   vaterländische    Geschichte    und    Topographie    XIX,    Klagenfurt    1900. 
167  S.  8*)  veröffentlicht.     Trotz  des  den  Archivberichten  aus  Tirol*)  nach- 
gebildeten Haupttitels   handelt  es   sich  hier  um   etwas   voUständig   anderes, 
während    an    einer  Durchforschung    wenigstens    der    kleinen  geistlichen 
Archive   in  Kärnten  Norbert  Lebinger  tätig  bt,  wenn  er  auch  bis  jetzt 
im  Zosämmenhange   noch  nichts  veröffentlicht   hat      Jaksch  hat  die  Gräf- 
lidi  Lodronschen  Archive  vollständig  durchgearbeitet  und  ein  neues  Inventar 
hergestellt,  aber  leider  haben  Raum  und  Zeit  nicht  zur  Verfügung  gestanden, 
tm  die  Bestände   dem  Inventar  entsprechend  aufzustellen,   vielmehr  haben 
fiortlaofende  Hnks  von  den  Regesten  stehende  Nummern  nur  ideellen  Wert, 
während  die  rechts  stehenden  die  Ftmdstellen  jedes  Aktenstückes  in  Bruch- 
fbim  (der  2^ähler  nennt  die  Schublade,  der  Nenner  das  Faszikel)  bezeichnen: 
der  Druck  hätte  vielleicht  wesentlich  entlastet  werden  können,  wenn  letztere 
Befeichnnng  weggeblieben  wäre ;  ihre  Eintragung  in  das  handschrifUiche  Exem- 
plar wflrde  wohl  genügt  haben.    Von  allgemeinstem  Interesse  dürfte  aus  dem 
Lodronschen  Archiv  das  Material  über  die  Bergwerke,  namentlich  die  Eisen- 
gewinnimg  seit  1S38  sein  (vgl.  B  174,  C  115,   S.  121  tmten,  sowie  alles 
S.  150 — 167).    Für  die  Geschichte  der  Archivordnung  ist  C  114  von  Belang, 
fdr  die  des  Gmünder  Gemeindearchivs    S.   138  (1768),   für  die  Geschichte 
der  Gegenreformation  liegt  S.   121  ff.  Material  vor.    Über  einzelne  Vorgänge, 
dac  nch  f&r  die  Geschichte  der  Strafsen  und  des  Verkehrs  ausbeuten  lassen, 
berichtet  C  iS3  (15539    1569),   über  Markt,   Niederlage  und  Zoll  i553ff. 
C  158.     Akten  über  die  Landesgrenze  zwischen  Salzburg  und  Kärnten  seit 
dem  XVL  Jahrhundert  enthält  C  171.     Hier  haben   wir  es   mit  einem  im 
Drack  vorliegenden  wirklichen  Archivinventar  zu  tun;  so  nützlich  dessen 
Veröfiendichung  ist,   und  so  sehr  dem  Bearbeiter  Dank  für  die  entsagungs- 
vole  Arbeit  gesagt  werden  mufs,  es  will  scheinen,  als  ob  selbst  die  Lokal- 
forscboDg  uimiittelbar  nur  wenig  Nutzen    aus   den  MitteUungen    zu   ziehen 


1)  Hier  hat  die  „Historische  Landeskommission  für  Steiermark*'   die  Arbeit  in   die 
genommen   and   in  ihrer   2.  VeröffenÜidmng  (Graz  1896)   das  Wormbrandsche 

Arckif  M  Stcjersberg   sowie  in  der  4,  7.  and  11.  VeröffenÜichong  (Graz  1897,    1898, 
1899)  das  Gräflich  Larobergsche  zn  Sdilofs  Feistritz  beschrieben. 

2)  Bearbeitet  Ton  E.  t.  Ottenthai  and  Oswald  Redlich,    i.  Bd.  (Wien  1888). 
2.  Bd.  (Wieo  1896).     Vom  3.  Bd.  liegen  bisher  5  Hefte  (biii  Seite  320)  vor. 

10 


—      130     — 

vennag,  denn  in  jedem  einzelnen  Punkte  mufs  nochmals  auf  die  Archivalien 
selbst  zurückgegangen  werden.  Für  die  geschichtliche  Forschung  wäre  es 
jedenfalls  nützlicher  gewesen,  wenn  das  Inventar  nur  handschriftlich  —  viel- 
leicht in  zwei  Exemplaren,  eins  in  Gmünd  und  eins  im  Archiv  zu  Klagen- 
furt —  vorläge,  im  Druck  nur  ganz  knapp  die  Einteilung  mitgeteilt  wäre, 
dafür  aber  einzelne  Abteilungen,  z.  B.  die  Akten  über  die  Gegenreformation 
oder  sonstige  Gebiete,  eine  so  genaue  inhaltliche  Wiedergabe  gefunden  hätten, 
dafs  die  wichtigsten  Tatsachen  direkt  dem  Forscher  zu  nutze  kommen  könnten. 
Wir  wissen  ja,  wie  viele  Umstände  mitsprechen,  wenn  derartige  Arbeiten  zum 
Druck  befördert  werden,  und  es  ist  deshalb  imbillig,  mit  dem  Bearbeiter 
über  sein  Verfahren  zu  rechten,  aber  zweierlei  scheint  sich  mir  für  die  Ar- 
beiter, die  sich  mit  der  Erscbliefsung  der  einer  fachmännischen  Leitung  ent- 
behrenden Archive  beschäftigen,  aus  allen  neueren  Veröffentlichungen  zu 
ergeben  ') :  erstens  darf  nicht  eine  allzu  grofse  Masse  einzelner  Urkunden- 
regesten  mitgeteilt  werden,  die  den  Leser  nur  ermüden  und  im  allgemeinen 
zu  wenig  bieten,  —  hier  ist  sachliche  Auswahl  neben  der  kurzen  Charakte- 
ristik der  Abteilungen  am  Platze  —  imd  zweitens  unterbleibt  besser  ein 
Abdruck  des  ganzen  Inventars,  wenn  dessen  Angaben  nicht  zugleich  als 
Quellenveröffentlichimg  einen  gewissen  Wert  haben,  und  dann  müssen  sie 
schon  ziemlich  ausführlich  gestaltet  sein.  Dem  Benutzer  eines  grofsen  Archivs 
wird  immer  am  besten  eine  Arbeit  dienen,  wie  die  Übersicht  über  die  Be- 
stände des  K.  Staatsarchivs  zu  Hannover*)  von  Max  Bär  (=  Mitteilungen 
der  Kgl.  Preufsischen  Archivverwaltung,  Heft  3,  Leipzig  1900),  und  wo  kleinere 
Archive  in  gröfserer  Zahl  behandelt  werden,  dürfte,  wenn  man  nicht  sofort  so 
ausführliche  MitteUungen  machen  kann,  dafs  im  wesentlichen  der  Stoff  erschöpft 
wird,  das  Verfahren  zweckmäfsig  erscheinen,  welches  Georg  Winter  bei 
seinem  Aufsatze  Aus  pommerschen  Stadtarchiven  ')  eingeschlagen  hat. 

Eine  vorzügliche  Würdigung  hat  dem  deutschen  Archivwesen  neuerdings 
ein  trefflich  unterrichteter  Ausländer,  Samuel  Clason,  Archivar  am 
Schwedischen  Reichsarchiv  zu  Stockholm,  angedeihen»  lassen :  Studien  über 
das  Archivwesen  im  Auslände  ^)  nennt  er  seine  Arbeit,  die  als  Mitteilungen 
aus  dem  scJiwedischen  Staatsarchim,  Neue  Folge  2  erschienen  ist  und  nach- 
einander Frankreich  (S.  i — 53),  Belgien  (S.  54 — 74),  Holland  (S.  75  —  97), 
Preufsen  (S.  98—  122),  Vorkehrungen  in  deutschen  Ländern^ 
freistehende  Archive  zu  erhalten  (S.  123 — 152),  Archivbauten 
und  Archiveinrichtung  (S.  153 — 165  behandelt.  Sind  für  den  deutschen 
Archivar  bereits  die  MitteUungen  über  das  französische,  belgische  imd  hol- 
ländische Archivwesen  von  hohem  Interesse,  so  dafs  eine  Übersetzung  wohl 
lohnen  würde,  so  sind  die  Zusammenstellungen  über  die  deutschen,  im  be- 
sonderen preufsischen  Archiwerhältnisse ,  die  eine  völlige  Beherrschung  der 
archivalischen  Literatur  verraten,  schon  insofern  von  Wert,  als  sie  zeigen, 
wie  aufmerksam  im  Auslande  diese  Dinge  verfolgt  werden.    Sachlich  dürften 

i)  Vgl  oben  S.  loi. 

2)  Vgl.  diese  Zeitschrift  Bd.  U,  S.   185—186. 

3)  Vgl.  diese  Zeitschrift  III.  Bd.,  S.  249—261  uod  S.  295-306. 

4)  Studier   öfver  arkiväsendet   i  utlandet    af  Sam.  Clason   [Meddelanden  frän 
Svenska  riksarkivei,    Ny  föLjd  .  2.J.     Stockholm,  Norstcdt  &  Söner,  1902.     167  S.  8*. 


—     131     — 

die  Angaben  Clasons  in  jeder  Hinsicht  zuverlässig  sein ;  auch  für  den  deutschen 
Archivar  lehrreich  ist  besonders  die  Übersicht  über  die  Mafsnahmen  zur 
Erhaltimg  „freistehender  Archive",  wie  der  recht  treffende  Ausdruck  des 
Veifiissers  lautet,  denn  eine  ähnliche  bis  in  die  neuste  Zeit  führende  und 
geschicbdich  aufgebaute  Darstellung  der  einschlägigen  Verhältnisse  fehlt  bis- 
her in  Deutschland,  wenn  hier  auch  natürlich  noch  eine  Menge  einzelne 
Az^;aben  gemacht  werden  könnten,  die  dem  schwedischen  Forscher  auch 
xam  greisen  Teil  bekannt  waren,  aber  für  seinen  Zweck  zu  weit  geführt 
hätten,  denn  der  nächste  Zweck  der  von  Clason  auf  Staatskosten  ausgeführten 
Bereisung  europäischer  Archive  im  Jahre  1900  war  natürlich  der,  die  aus- 
wärtigen Verhältnisse  dahin  zu  prüfen,  ob  sie  sich  etwa  zweckmäfsigerweise 
in  Schweden  nachahmen  lassen  könnten. 

Xoseen.  —  Während  alle   österreichischen  Kronländer  im  Laufe  des 
XDL  Jahrhimderts   in  ihren   Hauptstädten  Landesmuseen   gegründet  haben, 
moCste  einzig  und  allein  Niederösterreich,  das  alte  Stammland  der  Monarchie, 
eine  so  wichtige  Sammlung  von  Kulturzeugen   bisher  entbehren.     Das  Vor- 
handensein mannigfialtiger  anderer  Museen  in  Wien,  der  beiden  Hofmuseen, 
des  Museums  für  österreichische  Volkskunde,  des  Museums  der  Stadt  Wien 
nnd  der  vielen  Privatsanmilungen  liefs  stets  den  irrigen  Gedanken  aufkonmien, 
als  ob  hier  ein  Landesmuseum  überflüssig  wäre,  wobei  man  aber  nicht  be- 
dachte, dafs  alle  jene  Sammlungen  die  spezifischen  Aufgaben  eines  Landes- 
museimis   auch  nicht  im  entferntesten  erfüllen.     Dafür  begannen  zumeist  in 
dem  letzten  Jahrzehnt  in  den  kleinen  Städten,  ja  Märkten  des  Landes  die 
Lokalmuseen  wie  Pilze  aufzuschiefsen,  und  so  wurde  das  Material,  welches 
ja  gerade  nur  in  gröfserer  und  systematischer  Zusammenstellung  und  Über- 
stcfadichkeit  seine  Bedeutung  gewinnen  kann,  zersplittert,  ja  geriet  nicht  selten 
in  dilettantenhafte  Hände,  die  es  völlig  entwerteten,  abgesehen  davon,  dafs 
solche  Sanmilungen  in   den   entlegenen   Orten   emer  wissenschaftlichen   Be- 
nutzung schwer  zugänglich  und  in  ihrem  Bestände  keineswegs  gesichert  sind. 
Schfiefslich  erwachte  in  den  ehrgeizigen  Lokalpatrioten  einzelner  dieser  sogar 
der  Ehrgeiz,  ihre  Sammlung  als  Landesmuseum  hinzustellen,  und  namentlich 
in  der  Stach  Baden  ging  anmafsender  Übereifer  so  weit,  nicht  nur  den  noch 
nicht  vergebenen  Titel   „Landesmuseum*'   der  blofsen  Lokalsammlung  bei- 
zakgen,  sondern  auch,  um  diese  Sanmilung  reichhaltiger  zu  gestalten,  noto- 
rische  Fälschungen    und  verdächtige   Gegenstände    in   dieselbe   einzureihen. 
Die  Aufdeckung   dieses   schwindelhaften    Gebarens  im  Juli  1902    führte   zu 
emer  Reihe  von  Aufsehen   erregenden  Gerichtsverhandlungen,  zugleich   aber 
kamen   die  Vertreter   der  Wissenschaft   und   alle  wahren   Landesfreunde   zu 
der  Einsicht,  dafs  angesichts  derartiger  beschämender  Vorgänge  die  Gründung 
eines  mederösteireichischen  Landesmuseums  mit  dem  Sitze  in  Wien  eine 
Notwendigkeit  sei.    Der  Leiter  der  Urgeschichtsforschung  in  Niederösterreich, 
Regiemngsrat  Dr.  Matthäus  Much,  der  Archäolog  Universitäts-Professor  Dr. 
Wilhelm  Kubitschek  und  der  Historiker  Universitäts-Professor  Dr.  Oswald 
Redlich   vereinigten   sich  daher  zur  Abfassung   einer  ausführlichen  Denk- 
schrift'),  welche   dem  Verein   für   Landeskunde   von  Niederösterreich,    der 

1)  Gedruckt    im    Monatsblatt   des    Vereins    fUr   Landeskunde    von    Niederösterreich, 
Nr.  fi  (aacfa  als  Sonderabdmck). 

10» 


—     132     — 

durch  sein  nunmehr  siebenunddreifsigjähriges  A^ken  in  erster  Linie  zur 
Lösung  einer  solchen  Aufgabe  berufen  erscheint,  vorgelegt  wurde.  Eine  aufser- 
ordenüiche  Generalversammlung  dieses  Veremes,  bei  welcher  eine  stattliche 
Reihe  hervorragender  Vertreter  der  Wissensclu^  anwesend  war,  hat. nun 
am  12.  November  1903  auf  Gnmd  dieser  Denkschrift  einstimmig  beschlossen, 
die  Errichtung  eines  niederösterreichischen  Landesmuseums  in  Wien,  „welches 
der  Veranschaulichung  imd  Erforschung  der  Vergangenheit  und  Gegenwart 
des  Landes  in  Natur  und  Kultur  zu  dienen  hat'S  anzuregen,  und  hat  den 
Ausschuis  des  Vereines  beaufbragt,  „im  Einvernehmen  mit  den  kompetenten 
Behörden,  Körperschaften  und  Vereinen,  sowie  mit  Unterstützung  geeigneter 
Persönlichkeiten''  die  vorbereitenden  Schritte  zu  imtemehmen.  Die  Aktion 
dürfte  wesentlich  dadurch  erleichtert  werden,  dafs  in  dem  niederösterreichischen 
Landesarchiv  und  der  Landesbibliothek  bereits  reiche  und  kostbare  Schätze 
an  Urkunden,  Handschriften,  Büchern  (die  gesamte  Spezialliteratur  des  Landes 
umfistssend) ,  Landkarten  und  Plänen,  topographischen  Ansichten,  Porträts 
tmd  dergleichen  mehr  vorhanden  sind  '),  welche  den  stattlichen  Grundstock 
eines  künftigen  Musetuns  bilden  können,  imd  dafs  man  in  deren  Beamten 
bereits  die  wissenschaftlich  geschulten  Kräfte  dafür  besitzt.  Zunächst  wurde 
zur  Durchführung  der  Beschlüsse  der  Generalversammlung  vom  Verein  für 
Landesktmde  ein  eigener  Musealausschufs  eingesetzt,  dem  auch  je  ein  Ver- 
treter des  Altertumsvereines,  der  Numismatischen  Gesellschaft,  der  anthro- 
pologischen Gesellschaft,  der  heraldisch-genealogischen  Gesellschaft  „Adler**, 
der  zoologisch -botanischen  Gesellschaft  tmd  des  Vereins  für  österreichische 
Volkskunde  angehört.  In  den  Händen  der  zuständigen  Behörden  und  der 
einflufsreichen  Faktoren  des  Landes  liegt  nunmehr  die  Entscheidung  darüber, 
ob  das  Versäumnis  des  XDL  Jahrhunderts  im  Lande  Niederösterreich  nach- 
geholt werden  wird  und  ob  es  zur  Gründung  eines  niederösterreichischen 
Landesmuseums  in  Wien  kommt  zur  Ehre  tmd  Zierde  des  Landes  tmd  zum 
Nutzen  tmd  Frommen  der  Wissenschaft  tmd  der  Heimatskunde. 


Die  Zeit,  in  der  nach  dem  Erstarken  des  nationalen  Bewufstseins  auch 
die  Erinnenmgen  an  die  Vorzeit  höheren  Wert  gewannen,  hat  die  älteren 
unter  den  fünf  kulturgeschichtlichen  Ortsmuseen  der  Niederlausitz, 
die  zu  Guben  tmd  Kottbus,  ins  Leben  gerufen.  Beide  haben  sich  aus 
einer  Sammhmg  vorgeschichtlicher  Gegenstände  entwickelt,  denen  sich  seit 
der  Begründtmg  der  Berliner  Gesellschaft  für  Anthropologie,  Ethnologie  tmd  Ur- 
geschichte *)  i.  J.  1869  an  vielen  Orten  die  Aufinerksamkeit  zuwandte,  in  der 
Niederlausitz  namentlich  durch  Virchows  wiederholte  Besuche  angeregt  Im 
Jahre  1874  erhielt  der  kleine  Bestand  an  vorgeschichtlichen  GefiUsen  beim 
Gymnasium  zu  Guben  gesonderte  Aufstelltmg  tmd  wuchs  schnell  durch  zahl- 


i)  Über  die  Bestände  dieser  Anstalt  siehe  Anton  Mayer,  Das  Archiv  und  die 
Registratur  der  n,  ä.  Stände  i^iS — 1848;  Van  es  a,  Über  tc^grapkische  Ansichten 
mit  besonderer  Berücksichtigung  Niederösterreichs  (beides  in  dem  nächstens  znr  Ausgabe 
gelangenden  I.  Jahrbuch  des  Vereins  fUr  Landeskunde,  sowie  aach  separat  erschienen) 
und  eine  tusammenfassende  Übersicht  im  Wiener  Fremdenblatt  vom  la.  November  190a. 

2)  Ihr  Organ  sind  die  Verhandlungen  der  Gesellschaft  für  Anthropologie^  Ethno- 
logie  und  Urgeschichte^   die  als  Anhang  sa   der  Zeitschrift  für  Ethnologie  erscheinen. 


—     133     — 

reiche  Zuwendtingen  aus  dem  damals  noch  ungeteilten  Verwaltungskreise.  Zehn 
Jihre später  trat  die  Niederlausitzer  Gesellschaft  für  Anthropologie 
and  Altertumskunde  ')  zusanmien  und  stellte  alsbald  im  Mittelpuiü:te 
der  Landschaft,  in  Kottbus,  das  allerdings  selbst  nur  vorübergehend  zur 
Niederlausitz  gehört  hat,  aber  am  leichtesten  von  allen  ihren  Teilen  her  zu 
eneichen  ist,  die  Ergebnisse  ihrer  Ausgrabungen  und  mehr&che  Ankäufe 
sisanmien.  In  den  westlichen  Kreisen  Luckau  imd  Calau  blieben  die  vor- 
geschichtlichen Funde  persönliches  Eigentum,  und  mit  den  Besitzern  zugleich 
haben  zwei  der  dort  entstandenen  Sammlungen  später  das  Fundgebiet  ver- 
lassen: gerade  dies  sollte  aber  dort  für  die  beteiligten  Kreise  eine  Anregung 
sein,  das,  was  in  Privatbesitz  noch  vorhanden  ist,  in  Stadt-  oder  Vereins- 
moseen  zu  vereinigen!  Dieser  westliche  Bezirk  ist  auch  in  dem  Museum 
zu  Kottbus  weniger  vertreten. 

Nach  dem  Muster  der  Niederlausitzer  Gesellschaft,  z.  T.  unter  ihrer  Em- 
wirkung,  bildete  sich  im  Jahre  1888  zu  Sorau  L  Lh  und  später  (1898)  in  der 
Scadt  Porst  L  L.,  die  als  selbständiger  Verwaltungsbezirk  aus  dem  Sorauer  Kreise 
ausschied,  je  ein  Geschichtsverein,  der  kulturhistorisch  bedeutsame  Gegenstände 
eiwaib  und  abbald  der  Öffentlichkeit  zugänglich  machte.  Als  jüngste  derartige 
Körperschaft  folgte  im  Jahre  1899  der  Museumsverein  in  Lübbenau,  der 
zur  Erhaltung  der  greifbaren  Niederschläge  des  Wendentums  im  Spreewalde 
cm  Museum  begründete. 

Alle  diese  Sammlungen  tragen  das  Gepräge,  das  ihnen  bei  ihrer  Ent- 
stehung gegeben  worden  ist,  noch  jetzt  ziemlich  unverwischt  an  sich:  noch 
jetzt  überwiegen  in  ihnen  diejenigen  Gruppen  von  Gegenständen,  denen  zu 
An&ng  ausschliefslich  oder  vornehmlich  die  Aufmerksamkeit  gegolten  hat; 
sie  sind  eben  aus  den  am  Orte  bestehenden  Verhältnissen  hervorgewachsen, 
imd  was  diese  boten,  haben  sie  aufgenommen.  Man  könnte  hiemach  ver- 
muten, dais  die  Sammlungen  in  den  Industrieplätzen  die  gewerbliche  Tätig- 
keit der  einzelnen  Städte  besonders  treu  wiederspiegelten,  abo  in  Sorau  die 
Leinen-  und  Wachsverarbeitung,  in  Forst  die  Tuch-,  in  Guben  die  Tuch-  und 
Hut&brikation  '),  in  Lübbenau  die  Fischerei  und  den  Gemüsebau  vorführten. 
In  der  Tat  pflegen  die  Nationalökonomen,  welche  die  vorhandenen  Samm- 
kmgsbestände  überblicken,  nach  alten  Geräten,  Stofiproben  und  Musterkarten 
zu  fragen,  aber  die  Beschaffung  derartiger  Reste  der  Vergangenheit  ist  mit 
zo  groisen  Schwierigkeiten  verbunden,  als  dafs  durch  unsere  Museen  bereits 
ein  Gesamtbild  des  der  Niederlausitz  eigentümlichen  Industrielebens  zu  ge- 
winnen wäre.  Dagegen  tritt  nach  einer  anderen  Seite  die  Besonderheit  der 
Landschaft  deutlich  hervor:  dies  sind  die  Spuren  der  nationalen  Ver- 
schiedenheit imd  der  Durchmischung  ihrer  Bevölkerung,  der  Verbindung 
deutscher  Kultur  mit  dem  Wendentum,  von  dem  teils  Reste  in  Sprache, 
Tracht  und  Geräten  fordeben,  teils  wenigstens  deutliche  Spuren  des  einstigen 
Daseins  geblieben  sind,  namentlich  in  Orts-  und  Flurnamen. 

Die  Wahrnehmung,  dafs  fUr  die  bezeichneten  beiden  Gruppen  von  land- 
schaftlich charakteristischen  Sammelgegenständen  der  vorhandene  Vorrat  nicht 

I)  Ihr  Orsfan  sind  die  NietUrlausttter  Mitteilungen^  von  deaen  7  Bände  abgeschlosseo 


2)  Die  SmmiliiDg  in  Kottbos  ist  insofern  von  anderer  Art,  als  sie  nicht  in  nnmittel- 
b«cr  Bcdelnng  snr  Stadt  steht,  sondern  die  gante  Landschaft  nmfafst. 


—     134     — 

mehr  sehr  umfänglich  ist,  hat  die  Erwägung  nahe  gelegt,  ob  sich  nicht  eine 
übersichtliche,  Einheimischen  wie  Fremden  das  Studium  erleichternde  Zu- 
sanmienfassung  des  Bestandes  in  einem  Nieder  lau  sitzer  Zentralmuseum 
oder  die  Anerkennung  einer  der  bereits  vorhandenen  Sammlungen  als  eines 
solchen  empfehlen  würde:  besteht  doch  für  die  Uckermark  zu  Prenzlau, 
für  die  Neumark  zu  Landsberg  a.  W.,  für  das  Wendentum  der  säch- 
sischen Oberlausitz  im  Wendenmuseum  zu  Bautzen  ein  derartiger  Mittel- 
punkt Es  fällt  bei  dem  meist  beschränkten  Mafse  der  Mittel  auch  die 
Erwägung  ins  Gewicht,  dafs  sich  die  Aufwendungen  verringern  würden,  wenn 
gleichartige  Gegenstände  nur  einmal  erworben  zu  werden  brauchten.  In 
unserer  Landschaft  haben  zwei  Bedenken  den  Ausschlag  gegen  eine  solche 
Zusammenziehung  gegeben:  auf  die  Verwertung  des  örtlichen  Interesses,  des 
Lokalpatriotismus  bei  den  Besitzern  geeigneter  Gegenstände  wollte  man  bei 
deren  Gewinnung  nicht  verzichten,  und  ebensowenig  auf  den  büdenden  Einflufs, 
der  von  den  Sammlimgen  ausgeht,  den  ethischen  Gewinn,  an  möglichst  vielen 
Stellen  das  Heimatgefühl  und  Heimatsliebe  in  den  Besuchern  angeregt  zu  haben. 
Einen  Ausweg  böte  allerdings  die  Verbindung  beider  Systeme  ^),  wenn  einem 
gröfseren  landschaftlichen  Museum  die  für  den  ganzen  Bezirk  charakte- 
ristischen Gegenstände  (z.  B.  die  vorgeschichtlichen  Gefäfstypen,  die  wendischen 
Trachten  und  Geräte,  die  nach  dem  Urteü  Sachverständiger  geschichtlich 
bemerkenswerten  Erzeugnisse  der  Ortsindustrieen)  zugeführt  würden,  um 
namentlich  Fremden  den  vergleichenden  Überblick  zu  erleichtem,  wenn  aber 
daneben  möglichst  viele  kleine  Sammlungen  dasjenige  au&ähmen,  was  in 
gleicher  Weise  an  vielen  einzelnen  Orten  als  bescheideneres  Denkmal  der 
Vergangenheit  zu  Tage  kommt,  z.  B.  die  grofse  Masse  der  verbreiteteren 
Formen  vorgeschichüicher  Gefäfse,  die  mittelalterlichen  Topfkacheln,  aufser 
Gebrauch  gesetzte  Münzen,  Geräte,  Trachten  dazu  alles,  was  nur  für  einen 
eng  begrenzten  Kreis  von  Interesse  ist,  wie  Bilder  von  Persönlichkeiten 
sowie  Ansichten  von  Städten  und  einzelnen  auffallenderen  Gebäuden:  hier 
würde  wie  in  einem  Ortsarchiv  niedergelegt,  was  von  mehr  örtlichem 
Interesse  ist. 

Diese  Scheidung  führt  zu  der  Frage  nach  dem  Inhalt  der  Nieder- 
lausitzer  Museen.  Von  ihnen  allen  wird  der  Gnmdsatz  festgehalten,  die 
Aufnahme  auf  diejenigen  Denkmäler  im  weiteren  Sinne  ^)  zu  beschränken, 
die  in  dem  Sammelbezirk  entweder  hergestellt  oder  in  Gebrauch  gewesen 
oder  wenigstens  als  einstiger  Gegenstand  des  Besitzes,  des  Interesses  der  Be- 
wohner, Licht  auf  ihr  geistiges  Leben  werfen. 

Für  den  der  Landschaft  femer  stehenden  Leser  ist  vieUeicht  ein  Über- 
blick über  den  Gesamtbestand,  wie  ihn  etwa  ein  Landschafbmuseum  geben 
würde,  von  Interesse,  imd  eine  kürzere  Charakteristik  der  einzelnen  Samm- 
Itmgen  mag  sich  anschliefsen. 

i)  Weiter  ansgeführt  ist  dieser  Vorschlag  hinsichtlich  der  vor-  und  frühgeschicbtlichea 
Altertümer  von  Jentsch  in  den  Niederlausitzer  Mitteilungen  Bd.  VI,  1899,  S.  17  ff:  Das 
Verhältnis  der  örtlichen  und  Vereinssammlungen  zu  den  Provinzial-  und  Landesmoseen. 

2)  „  Einer  abgelaufenen  Kulturperiode  entstammende  Gegenstände,  die  charakteristische 
Wahrzeichen  ihrer  Entstehungszeit  sind,  and  daher  für  deren  Verständnis  oder  aber  für 
die  Erinnerung  an  wichtige  Vorgänge  von  i^edeutung  sind/^  (Vgl.  die  Anleitung  für 
die  Pflege  und  Erhaltung  der  Denkmäler  in  der  Provinz  Brandenburg  von  Bluth 
(1896)  S.  9). 


—     135     — 

Bei  dem  Reichtum  der  ganzen  Niederlausitz  an  vorgeschichtlichen  Funden 
ist  es  begreiflich,  dafs  diese  in  allen  fünf  Museen  vertreten  sind,  die  aus 
der  steinzeidichen  Periode  —  ihrem  hier  überhaupt  nur  spärlichen  Vorkommen 
entsprechend  —  schwach,  am  mebten  noch  zu  Guben,  die  aus  der  Zeit 
des  sogenannten  Lausitzer  Typus  ^),  also  aus  dem  Ablauf  des  zweiten  imd 
dem  gröiseren  Teile  des  letzten  vorchrisdichen  Jahrhunderts  (die  Buckel- 
umen und  die  mannigfaltigen  zierlichen,  kleinen  Gefäfse)  reichlich,  nament- 
lich m  Rottbus  und  Guben.  Slavische  Stücke  aus  der  zweiten  Hälfte  des 
ersten  nachchrisüichen  Jahrtausends  führt  fast  ausschliefslich  Guben  vor. 
Die  Reste  aus  dem  späteren  Mittelalter  spiegeln  die  politischen  und  die 
Erwerbsverhältnisse  der  Niederlausitz  wieder.  Die  Niederlausitz  war  kein 
reiches  Land:  viel  Wasser,  Sand  und  Heide,  wenig  fruchtbarer  Boden;  von 
verschiedenen  Handelsstrafsen  durchzogen,  war  sie  kein  bedeutsames  Absatz- 
gebiet für  die  Einfuhr.  Sie  hat  femer  zu  der  Zeit  der  Vielherrschaft  in 
Deutschland  nie  einen  eigenen  Landesherm  gehabt,  sondern  hat,  in  der 
Mitte  zwischen  Böhmen,  Sachsen  und  Brandenburg  gelegen,  von  allen  dreien 
umworben,  den  Besitzer  verhältnismäfsig  oft  wechseln  müssen.  Eine  blühende 
Kulturentwickelung  ist  ihr  daher  nicht  beschieden  gewesen,  am  meisten  noch 
dort,  wo  reiche  Dynastengeschlechter,  wie  die  Bibersteine  und  Promnitze 
residierten,  und  auch  da,  wo  ein  geistlicher  Herr  über  gröfsere  Mittel  gebot, 
z.  B.  in  Neuzelle;  indessen  ist  hier  nach  der  Säkularisation  des  Klosters 
nicht  weniges  unbeachtet  verschwunden.  An  den  anderen  Orten  hatten  schon 
Torhcr  von  dem,  was  Kunst  und  Kunstgewerbe  gebildet,  Kriege  imd  Brände 
▼icks  vernichtet  Enthält  daher  die  Landschaft  überhaupt  nur  wenig  von 
wcTtrollcn  Schöpfungen  der  Architektur  imd  Skulptur  in  Holz  und  Stein, 
von  Malereien  und  Manuskripten  mit  Zierschrift,  so  sind  begreiflicherweise 
auch  die  Museen  arm  an  derartigen  Gegenständen  und  selbst  an  deren  Nach- 
nnd  Abbüdungen.  Aus  dem  XII.  bis  zum  begiimenden  XVI.  Jahrhundert 
finden  wir  als  Hauptstück  eine  gravierte  Bronzeschale  (Guben),  Münzen  (zumeist 
^akteaten,  auch  sogenannte  Wendenpfennige),  Eisengerät  wie  Schwerter,  Messer, 
Speerspitzen,  Sporen,  Kettenpanzer,  und  wie  aus  allen  Perioden  verschiedenes 
Tongeschirr,  dazu  Topfkacheln  und  Knochenarbeiten.  Durch  ähnliche  Funde 
ist  auch  noch  das  Reformationszeitalter  und  selbst  das  XVII.  Jahrhundert 
Tötreten :  es  kamen  Steinkugeln,  Schlüssel,  Wetterfahnen,  Armbrüste  und  andere 
Waffen  hinzu,  feineres  Geschirr,  Stickereien,  Drucksachen,  Büder. 

Reicher  vertreten  sind  erst  die  Gegenstände  des  XVIII.  Jahrhunderts: 
Abbildungen  damaliger  Bauwerke,  Grabsteine,  Zimmereinrichtungen  (Sorau, 
Goben,  Lübbenau),  Ziimgeschirr  imd  Porzellan  (Sorau,  Forst),  Schmucksachen, 
hämische  Druckschriften  z.  B.  Kalender  (Sorau).  Die  Niederschläge  des 
l€tzt?ergangenen  Jahrhunderts  betreffen  einerseits  geschichtliche  Vorgänge, 
<ße  Zeit  der  Kriege  sowie  nationaler  und  politischer  Bewegungen  (Guben, 
Sorau,  Forst),  andererseits  die  Umgestaltung  des  gewerblichen  Lebens  durch 
antritt  der  Fabriktätigkeit,  die  durch  billige  Massenherstellung  auch  hier 
die  ursprünglichen,  nicht  selten  unansehnlichen  Geräte,  die  Erzeugnisse  der 

I)  Durch  neuerdings  vorgenommene  Aosgrabongen  sind  Backelumen  bei  Mockan 
^BordoiUicii  von  Leipzig)  und  noch  etwas  weiter  westlich  bei  Gautzsch  (südlich  von  Leipzig) 
^^^^esteUt  worden.  Dies  sind  bis  jetzt  überhaupt  die  am  weitesten  westlich  gelegenen 
^^  wo  sieb  diese  Geföfse  des  Lansitzer  Typus  gefunden  haben. 


%  < 


—     136     — 

Hausarbeit,  verdrängte :  derartigen,  oft  recht  seltenen  Stücken  spüren  namentlich 
die  Verwaltungen  zu  Forst,  Guben  und  Sorau  nach.  Die  Wandlung  des 
Geschmackes  in  Tracht  tmd  Wohaungsausstattung  veranschaulichen  andere 
Stücke.  Erst  in  diesem  Zeitabschnitt  tritt  die  Besonderheit  des  Wendentums  ^) 
in  den  Museen  stärker  hervor,  weil  weiter  zurückreichende.  Reste  überaus 
selten  und  kaum  zu  haben  sind.  An  drei  Stellen  werden  sie  gesammelt: 
in  grösserem  Umfange  (Gewänder,  Putz,  Geräte,  Bilder,  Gedrucktes)  zu  Lübbenau, 
Trachtenproben  zu  Kottbus,  das  wenige,  was  sich  im  Wendendorfe  Homo, 
jetzt  dem  einzigen  im  ELreise  Guben,  erhalten  hat,  sowie  Nachklänge  wen- 
discher Omamentmuster  auf  Ostereiern,  zu  Guben. 

Treten  wir  schliefslich  den  einzelnen  Instituten  näher,  von  denen 
eins  (zu  Guben)  in  städtischem  Besitze  ist,  während  die  übrigen  Eigentum 
wissenschaftlicher  Vereine  sind,  deren  keiner  ein  eigenes  Grundstück  besitzt, 
einige  sogar  ftir  Miete  nicht  unbeträchtliche  Aufwendungen  machen  müssen. 
Für  Museumszwecke  feuersicher  tmd  licht  hergestellte  Räume  sind  nicht  vor- 
handen :  drei  Sammlungen  sind  in  städtischen  Gebäuden  —  zwei  in  Schulen, 
eine  (Guben)  bei  der  Lesehalle  imd  Volksbibliothek  —  zwei  in  den  ehe- 
malichen  stattlichen  Schlössern  zu  Sorau  und  Forst  untergebracht.  Staat- 
licher Zuschufs  wird  keiner,  mehreren  dagegen  (Guben,  Forst,  Sorau) 
städtische  Unterstützung  zu  teU;  der  Niederlausitzer  Gesellschaft  haben  die 
Brandenburgischen  Provinzialstände  alljährlich  eine  namhafte  Beihilfe  gewährt, 
die  Kommunalstände  der  Niederlausitz  dagegen  nur  einmal  zur  ersten  Ein- 
richtung. 

Das  Museum  zu  Kottbus,  Eigentum  der  letztgenannten  Gesellschaft, 
beschränkt  sich  in  der  Hauptsache  auf  vorgeschichtliche  Funde,  deren  es 
eine  grofse  Zahl  besitzt,  und  auf  wendische  Reste.  Unter  den  1800  Ton- 
gefäfsen,  die,  nach  den  10  Verwaltungskreisen  der  Landschaft  geordnet, 
innerhalb  der  einzelnen  aber  nach  den  Typen,  nicht  nach  den  Fundorten 
zusammengestellt,  einen  guten  Überblick  über  die  Keramik  der  vorslavbchen 
Bevölkerung  geben,  befinden  sich  terrinenförmige  und  schlichtere  Leichen- 
behälter, Buckelumen,  Tassen,  Schalen,  Kännchen,  Fläschchen  mannig£Eu:her 
Form,  geteilte  Gefäße,  darunter  auch  ein  dreifacheriges,  eine  siebartige,  ziem- 
lich grofse  Schale,  sogenannte  Räuchergefäfse ,  pokalförmig  mit  meist  von 
Fenstern  durchbrochenem  Fufse ;  femer  liegen  Spinnwürtel  aus,  Flachbeilchen 
aus  Feuerstein,  durchbohrte  Hämmer  aus  kristallinischem  Gestein,  Schaft- 
lappenzelte, die  Spiralplatten  einer  grofsen  Kreuznadel,  einfache  Ringe  tmd 
Nadeln  aus  Bronze,  zwei  Gufsformen  (für  ein  Messer  mit  Griff  und  eine 
Knopfsichel),  eine  lange  Goldspirale,  Eisengerät  aus  provinzialrömischer  Zeit, 
aus  den  Jahren  tmi  loio  ein  Münz-  und  Hacksilberfund  von  Ragow,  Kreis 
Calau  ^) ,  endlich  zahlreiche  wertvolle  Nachbildungen  der  Goldfunde  von 
Vettersfelde,  ELreis  Guben  (tmi  600  v.  Chr.),  Pietroassa  (aus  der  Gothenzeit) 
und  Hiddensöe  in  Pommern.  —  Die  wendische  Sammlung  enthält  auiser 
einer  genau  gearbeiteten  Trachtenpuppe   die  verschiedenen  Bestandteile  der 


i)  Die  Deoste  ümfasseDde  Besprecbnng  dieses  Volkstnms,  durch  zahlreiche  Abbildaogen 
erllintert,  bietet  das  Buch  von  F.  Tetzner,  DU  Slaven  in  Deutschland  (Brannschweig, 
1902)  S.  282 — 345.  Übersichüiche  Kärtchen  zeigen  das  wendische  Sprachgebiet  in  den 
verschiedenen  Zeiträumen. 

2)  Vgl.  Niederlausitzer  Mitteilungen  I,  S.  130. 


—     137     — 

männlichen  und  weiblichen  Kleidung,  einzelnes  Gerät,  auch  einen  Einbaum- 
kahn (von  Straupitz,  Elreis  Lübben).  Jüngeren  Zeiträumen  gehören  einige 
Münzfimde,  eine  kleine  Glocke  mit  tschechischer  Inschrift  (von  Finsterwalde^ 
Kreis  Luckau,  1597)  an.  Naturwissenschaftlich  bemerkenswert  sind  Proben 
des  Sumpfzypressenholzes  (iaacodium  distichum)  aus  den  Braunkohlenwerken 
bei  Grol^Räschen,  Kreis  Calau  ^),  und  die  Nachbildung  eines  Geweihs  des 
Riesenhirsches  fCervus  megaceros  Buffii)  aus  dem  diluvialen  Torflager  bei 
Klinge,  Kreis  KotÜ>us  '). 

Die  Sammlung  zu  Lübbenau  legt  ab  „Spree waldmuseum"  den 
Nachdruck,  wie  bemerkt,  auf  die  wendischen  Haus-  imd  Wirtschafts- 
gerate.  An  dergleichen  Stücken  sind  bis  jetzt  aufgestellt  —  farbig  gestrichen, 
mit  steifen  Blumen  bemalt  —  der  Geschirrschrank,  die  Lade,  das  Teller- 
brett, Holzstühle,  die  Kastenwiege  mit  Walzen,  die  hohe  Laterne  mit  Holz- 
rahmen,  Erzeugnisse  der  Bauemtöpferei  mit  Malerei  in  matten  Farben.  Über 
die  Kleidung,  namentlich  auch  die  bereits  um  die  Mitte  des  XIX.  Jahr- 
hunderts verschwundene  männliche,  unterrichten  z.  T.  recht  alte  TrachtenbUder. 
Ältere  Ansichten  der  Stadt  zeigen,  dafs  vormab  die  Strafsenverbindungen 
wie  noch  jetzt  in  einzelnen  Spreewalddörfem  in  Wasserarmen  bestanden.  Unter 
den  vorgeschichtlichen  Funden,  deren  Zahl  zwei  Dutzend  noch  nicht  über- 
steigt, ist  ein  Flachcelt  und  eine  dreieckige  Dolchklinge  der  ältesten  Bronze- 
zeit von  Tomow  (Kr.  Calau),  die  in  der  Literatur  noch  nicht  Erwähnung  ge- 
funden haben,  hervorzuheben. 

Der  Sammlung  in  Forst  ist  der  reiche  Vorrat  von  Erzeugnissen  der 
letzten  drei  Jahrhunderte  eigentümlich.  Feines  Porzellan  und  Glasgeschirr, 
Zinn-  und  Tonkrüge  (u.  a.  einer  mit  Kerbschnitt) ,  Metallgerät  fUr  Wirt- 
schaft tmd  Küche,  das,  wie  der  durchbrochene,  aus  Messing  gearbeitete 
Kohlentopf  (in  der  Niederlausitz  wie  von  Vofs  im  Siebzigsten  Geburtstag  die 
Feuerkieke  genannt)  aus  dem  Gebrauch  bereits  verschwunden  ist,  Gewerk- 
Zeichen  und  Fahnen,  veraltete  Musikinstnunente,  Waffen,  Münzen,  ein  aus 
Blechstreifen  künstlich  hergestellter  Kronenleuchter  der  Klempnerinnung,  die 
hölzerne  Kräuselvorrichtung  für  wendisch-bäuerliche  Halskragen,  allerlei  weib- 
liche Handarbeiten,  ein  kostbar  mit  Silber  gesticktes  Leichentuch,  kirchliche 
Geräte,  Stadtansichten,  Porträts,  Schreibhefte  aus  dem  Begiim  des  XIX.  Jahr- 
hunderts. Unter  den  vorgeschichtlichen  Gegenständen  sind  Steinhämmer, 
schwere  Bronzeringe,  tönerne  Klappern,  Buckelumen  verschiedener  Gestalt, 
ein  aulsen  und  innen  mit  ELreuz  gezeichneter  Gefafsboden,  Eisengerät  der 
provinzialrömischen  Periode  hervorzuheben. 

Dem  reichen  Familienbesitz  entsprechend,  der  sich  bei  einem  Teü  der 
Bürger  zu  Sorau  vererbt  hat,  ist  das  dortige  Museum  mit  wertvollen  Stücken 
ausgestattet  Ins  Auge  fällt  sogleich  ein  im  Stil  der  ersten  Hälfte  des  XVIII.  Jahr- 
hunderts geschmackvoll  möbliertes  Zimmer  mit  Tischen  und  Stühlen,  Schr^mken 
tmd  Schubladen,  Porzellan- und  Glasgeschirr,  Bildern  und  Nähzeug;  femer 
in  einer  grofsen  Glasvitrine  Kostümfiguren  vom  Ausgang  desselben  Jahrhunderts 
mit  städtischer  und  ländlicher  Tracht  In  einem  Vorzinuner  ist  ein  alter 
Prachtschlitten  aufgestellt  Auf  das  geistige  Leben  wirft  der  umfängliche 
Bücherbestand  aus   alten  Privatbibliotheken   Licht;    einzelnes   enstammt  der 

1)  Vgl  NiederUusiUer  MitteUangen  Bd.  IV  ^896)  S.  438  f. 

2)  EbcDda  S.  440. 


—     138     — 

Sorauer  Buchdruckerei,  der  ältesten  der  Landschaft,  als  deren  bekanntestes 
Erzeugnis  die  vollständige  Reihe  der  dortigen  Volks-  und  Wirtschaftskalender 
ausgelegt  ist  Grofse  Sammlungen  der  Landmünzen  sind  vorhanden,  aber 
auch  andere  Stücke,  die  vormals  hier  gangbar  waren.  Von  der  machtvollen 
Stellung  der  einstigen  Besitzer  der  grofsen  Herrschaft  Sorau,  der  Bibersteine, 
zeugen  die  Beweise  ihrer  Münzberechtigung,  die  schweren,  nach  unten  zugespitzten 
Münzstempel  aus  Eisen  und  mehrere  Urkunden.  Stadtbilder  und  Ansichten 
inzwischen  abgetragener  Gebäude,  aber  auch  des  Schlosses  selbst  schmücken 
die  Wandflächen.  Die  vorgeschichtiichen  Altertümer  —  etwa  200  Ton- 
gefäfse  und  einige  Metallgeräte  —  entstammen  den  Gräberfeldern  des  Kreises, 
die  übrigens  im  Königlichen  und  im  Märkischen  Museum  zu  Berlin  durch 
Funde  von  Güritz  und  Billendorf  besonders  stark  vertreten  sind. 

Einen  umfassenden  Plan,  der  gedruckt  ausgelegt  ist,  verfolgt  die  Sammel- 
arbeit des  Museums  in  Guben.  Zu  den  seit  30  Jahren  erworbenen  vor- 
geschichtlichen Funden  sind  namentlich  nach  der  Überführung  in  eigene 
Räume  zahlreiche  kulturgeschichdiche  Gegenstände,  zumeist  aus  den  letzten 
drei  Jahrhunderten,  getreten.  Der  Bestand  an  prähistorischen  Stücken  *) 
setzt  sich  zusammen  aus  40  Steinbeilen  aus  dem  Stadt-  und  Landkreise  Guben, 
150  Bronze-  und  einer  Zahl  von  Eisengeräten,  endlich  aus  etwas  mehr  als  2000 
Gefafsen  imd  anderen  Gegenständen  aus  Ton  —  Gräberfeldern  und  den  ihnen 
gleichzeitigen  unteren  Lagen  doppelschichtiger  Rundwälle,  namendich  des 
heiligen  Landes  bei  Niemitzsch  entstammend.  Von  den  keramischen  Erzeug- 
nissen ist  ein  Teil  unabhängig  von  den  Fundorten  als  Schau-  und  Lehr- 
sammlung nach  den  Typen  zusammengestellt,  während  alle  übrigen  nach 
den  Fundorten  gruppiert  sind.  Sie  geben  ein  übersichtliches  Bild  des 
Lausitzer  Formenkreises  einschliefslich  der  selteneren  Stücke  (Drillings-,  Etagen- 
gefafse,  Ton-Hömer  und  Klappern,  Deckeldosen,  z.  T.  mit  reicher  Verzierung, 
Bodenzeichnungen  u.  a.)  Aus  den  ersten  nachchristlichen  Jahrhunderten, 
der  provinzialrömischen  Periode,  ist  eine  Reihe  in  der  Umgegend  meist  einzeln 
gefundener  Münzen  hervorzuheben,  und  als  Beigabe  eines  kleinen  Sammelfundes 
von  Amtitz  ein  vortrefflich  erhaltener  Skarabäus.  Zur  Vergleichung,  und  um 
die  Übergänge  bestimmter  Formen  in  Nachbargebiete  zu  vergegenwärtigen, 
sind  Funde  aus  der  Mark,  Posen,  Schlesien  und  auch  aus  Sachsen  beige- 
geben, sowie  für  die  Stein-  und  ßronzesachen  zahlreiche  Abgüsse  charakte- 
ristischer Stücke,  vom  Berliner  Königlichen  Museum  für  Völkerkunde  über- 
wiesen im  Austausch  gegen  Eisengeräte,  deren  Sicherung  vor  Rostschaden 
sich  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  als  unmöglich  erwiesen  hatte.  Aus 
slavischer  Zeit  liegt  hier  wohl  die  reichhaltigste  ZusammensteUung  von  Nieder- 
lausitzer  Funden  vor,  da  9  der  sehr  selten  wohlerhaltenen  Tongefäfse  und 
überaus  zahlreiche  Bruchstücke  mit  den  mannigfaltigsten  Verzierungsmustem 
aus  den  Rundwällen  aufbewahrt  werden,  überdies  Knochen-  und  Eisengerät, 
auch  ein  silberplattiertes  Beilchen  etwa  des  VIII.  Jahrhunderts.  Die  früh- 
geschichtiiche  Zeit  ist  aufser  durch  Bodenfunde  aus  Ton  und  Eisen  namentlich 
durch  eine  gravierte  Bronzeschale  des  XII.  Jahrhunderts  vertreten,    eine  der 

i)  Die  bis  1891  zusammengekommenen  Gegenstände  sind,  nach  den  Fundorten  ge- 
ordnet, in  5  Gubener  Gymnasialprograraraen  (DU  vorgeschichtlichen  Altertümer  der 
Gymnasialsammlung  zu  Guhen^  1883,  1885,  1886,  1889,  1892)  mit  5  Tafeln,  von  Jentsch 
ausführlich  besprochen. 


—     139     — 

dm  bis  jetzt  bekannt  gewordenen  mit  szenischen  Darstellungen  ^),  sodann  auch 
durch  Teile  eines  Brakteatenfundes  aus  der  Zeit  um  1300.  Die  zweite  Abteilung 
dieses  Museums  gliedert  sich  folgendermafsen :  i.  Darstellung  des  äufseren 
Slidibildesy  der  Bodenbeschaffenheit  (dabei  aussterbende  und  ausgestorbene 
Tiere  und  Pflanzen);  2.  Zusammensetzung  der  Einwohnerschaft,  Behörden 
und  öffentliche  Einrichtungen  (Urkunden,  Siegelstempel,  Stadtmünzen,  z.  T. 
recht  selten,  Aufrufe;  Feueiwehr;  Schützengilde);  3.  Verhältnis  der  Stadt 
zur  Landesregierung  und  Landesgeschichtliches  (Bilder,  Autographen  der 
Landesherren,  Wappen,  Münzen;  örtliche  Erinnerungen  an  nationale  Vor- 
gänge und  geschichtliche  Persönlichkeiten;  Kriegsandenken);  4.  Kirchliches 
aus  vor-  und  nachreformatorischer  Zeit  (das  Jungfrauenkloster;  Abbildungen 
Ton  Kirchgebäuden  und  deren  Ausstattung,  Sanduhr ;  Porträts  von  Geistlichen ; 
Gesangbücher,  u.  a.  das  sehr  seltene  von  Chr.  Peter,  Andacht  -  Oymbeln 
für  Qvben  1655;  Patenbriefe  seit  1708,  Ostereier,  gezeichnet,  mit  Nachklängen 
wendischer  Muster;  5.  Gerichtswesen  und  Gesundheitspflege  (Rechtsbücher, 
Urkunden,  Amtssiegel,  Richtschwerter,  steinernes  Sühnekreuz;  ärztliche  An- 
weisungen u.  a.  gegen  die  Pest,  Guben  1680;  Proben  ehemaliger  Apotheken- 
einrichtungen) ;  6.  Geistiges  Leben:  a)  Pflege  von  Wissenschaft  und  Kunst 
(Sdiukn,  Volksbildung,  mittelalterliches  Manuskript  mit  goldgehöhten  Initialen; 
der  literarische  Geschmack  in  den  Leihbibliothekskatalogen);  b)  Literarische 
Persönlichkeiten  in  Bildem,  Autographen,  Denkmünzen,  Andenken,  Denk- 
mälem  (der  geistliche  Dichter  Joh.  Franck,  Bürgermeister  zu  Guben  t  1677; 
Corona  Schröter,  Goethes  erste  Iphigenie,  in  Guben  geb.  1 7  5 1 ;  der  geist- 
liche Komponist,  J.  Crtiger  in  Grofsbreesen  geb.  1598;  Chr.  O.  Freiherr 
von  Schoenaich  auf  Amtitz,  der  Gegner  Lessings);  7.  Gewerbe  und  Ver- 
kehr (u.  a.  Innungen,  Wein-  und  Grubenbau,  Handwerkserzeugnisse,  z.  B, 
Voiffihrung  der  Flachsbearbeitung,  Modeltuch  v.  J.  1685,  Handel  —  eine  stark 
Tcrtietcne  Gruppe  gleich  der  folgenden :  8.  häusliches  Leben  (Wohnung,  Haus- 
fbraien,  Wetterfahnen  seit  1601,  Heizung,  Beleuchtung  —  fast  vollständig 
vertreten,  u.  a.  ein  Geweihkronenleuchter,  „der  Nonnenkopf"  v.  J.  1 5 11  mit 
4  Gesichtern  —  Ausstattung;  Trachten  und  Schmuck,  u.  a.  wendische  Reste; 
Nahrungs-  und  Genuismittel,  Rauchen,  Schnupfen ;  Geselligkeit,  Vereinsleben, 
Spiele,  Stanmibücher ,  Kalender).  9.  Waffen  (Ketten-  u.  a.  Panzer,  Helme, 
Speere,  Degen,  Schufswaffen  seit  Beginn  des  XVI.  Jahrhunderts).  Als  Be- 
^andteile  ehemaliger  Gubener  Privatsammlungen  sind  ethnologische  Gegen- 
stände teils  aus  dem  Altertum  (Ägypten,  Kleinasien,  Mykenä,  Pompeji),  teils 
ans  der  Gegenwart  aufgenonmien. 

In  der  vorstehenden  Übersicht  sind  die  mehr  äufserlichen  Fragen  un- 
berührt geblieben,  die  doch  für  Besucher  wie  für  Verwalter  der  Museen  nicht 
nnwesentÜch  sind,  z.  B.  Einrichtung,  staubdichter  Verschlufs  und  innerer  An- 
ttrich  der  Schränke :  verfehlt  ist  für  letzteren  die  Wahl  der  schwarzen  Farbe 
(Kottbus),  die  beständige  Spiegelung  des  Betrachters  bewirkt;  vorteilhaft  ist 
ge&>liches  Hellgrau  (Guben,  Forst) ;  das  wirksame  Ponceaurot  ist  bis  jetzt  noch 
nidit  verwendet. 

Als  zweckmäfsig   hat  sich  überall  die  Festsetzung  einer  Besuchszeit  er- 


i)  Eiogehend  besprochen  Niederlausitzer  Mitteilungen.     Band  VI  (1899)  S.  i  ff.  mit 
Abbddnogen. 


—     140     — 

geben;  die  Besichtigung  erfolgt  allenthalben  iinen^;eltlich.  Die  Schenkung 
geeigneter  Gegenstände  wird  überall  durch  Nennung  des  Gebers  vergolten. 
Mit  gutem  Erfolg  hat  Forst  die  Annahme  von  Leihgaben  —  dauernden  oder 
für  bestimmte  Zeit  zugewiesenen  —  eingeführt ;  die  Behörden  sind  in  der  Regd 
an  diese  Art  der  Überweisung  gebunden:  so  hat  die  Königliche  Schul- 
verwaltung in  Kottbus,  das  Kaiserliche  Reichspostamt  in  Guben  wertvolle 
Stücke  ausgestellt  Als  höchst  nützlich  hat  sich  die  Beigabe  kurzer  Auskunft 
über  Zweck  und  Alter  der  Gegenstände  (Guben,  Sorau)  erwiesen;  hierdurch 
wird  den  Museen  erst  der  erspriefsliche  Erfolg  der  Belehrung  gesichert  Einen 
kurzen  gedruckten  Katalog  hat  die  Sorauer  Sammlung  herausgegeben,  für  die 
erste  Abteilung  der  Gubener  liegt  ein  solcher  in  den  oben  erwähnten  Pro- 
gramm-Abhandlungen vor. 

Von  Interesse  ist  schliefslich  ein  Blick  in  die  Besucherlisten.  In  der 
Regel  zeigen  sie  ein  allmähliches,  aber  stetiges  Anwachsen,  insofern  nicht 
einmal  eine  äufserliche  und  ganz  zufällige  Störung  eintiitt.  Es  kommen  Hand- 
werker, die  aus  ihrem  Besitz  beigesteuert,  Lehrlinge,  die  Anregung  zum  Be- 
such erhalten  haben,  gelegentlich  eine  Schulklasse  unter  Führung  und  dann 
wiederholt  ihre  einzelnen  Angehörigen,  allmählich  Beamte  aller  Beru&zweige, 
hin  imd  wieder  Forscher  aus  weiter  Feme,  endlich  Vertreter  der  Behörden 
bei  gelegentlichen  Revisionsbesuchen  in  den  Städten. 

Es  scheint,  dafs  alle  Bevölkerungsklassen,  die  Kleinhändler  mit  Alter- 
tumsgegenständen nicht  ausgeschlossen,  den  Orts-  und  Vereinsmuseen  wohl- 
wollend gegenüberstehen ;  wenigstens  ist  bis  jetzt  aus  keinem  der  besprochenen 
ein  Fall  mutwilliger  Beschädigung  bekannt  geworden.  Die  Vorsteher  der  grofsea 
Provinzial-  und  Landesinstitute  haben  ihre  Berechtigung  anerkannt,  selbst- 
verständlich unter  der  Voraussetzung,  dafs  sie  nach  wissenschaftlichen  Ge- 
sichtspunkten geleitet  werden ;  die  Stadtverwaltungen  aber  sehen  in  ihnen  wohl 
nicht  mit  Unrecht  wie  ein  interessantes  und  wirksames  BUdungsmittel  für 
weite,  Elreise  so  einen  nützlichen  Anziehungspunkt  ihrer  Städte;  mögen  sie 
in  voUer  Würdigung  dieser  Eigenschaften  den  Museen  auch  überall  die 
wünschenswerte  materielle  Unterstützung,  vor  allem  unentgeltliche  geeignete 
Räume,  zu  teü  werden  lassen! 


Kommissionen.  —  Die  Historische  Kommission  beiderkgL 
Bayerischen  Akademie  der  Wissenschaften  ^)  hielt  am  ai.  bis  33. Mai 
1902  ihre  43.  Plenarversammlung  ab.  Neu  ausgegeben  wurden  im  Berichts- 
jahre dlt  Jahrbücher  des  deutschen  Reichs  unter  Otto  IL  von  Karl  Uhlirz  (Leipzig 
1902)  und  vom  46.  Bande  der  Allgemeinen  deutschen  Biographie  die  Liefe- 
nmgen  4  und  5.  Alle  Veröffentlichungen  haben  erfreuliche  Fortschritte  gemacht» 
tmd  zahlreiche  Werke  befinden  sich  schon  im  Druck.  In  die  Städte- 
chroniken sollen  nach  Vollendtmg  der  Lübecker  noch  die  Bremer,  Rostocker, 
Stralsunder,  Lüneburger  sowie  die  Konstanzer  Chroniken  Aufnahme  finden; 
sachlich  wurde  die  Herabsetzung  der  Zeitgrenze  fUr  wünschenswert  erachtet, 
womöglich  bis  1648,  aber  die  Beschlufsfassimg  im  einzelnen  bis  nach  Er- 
nennung eines  neuen  Redakteurs  verschoben.    Die  Nachträge  zur  Allgemeinen 


i)  Vgl.  Bd.  m,  s.  186. 


-       141     — 

Deutsehen  Biographie  werden  nunmehr  regelmäfsig  —  im  Jahr  zwei  Bände  — 
wieder  erscheinen.  Die  Abteiltmg  Bayerische  Landesckroniken  wird  die 
sogenannten  Vorläufer  Aventins,  Andreas  von  Regensburg,  Hans  Ebran 
▼OD  Wildenberg,  Ulrich  Fuetrer  und  Veit  Ampeck  enthalten.  In  den  Queüen 
und  Erörterungen  zur  bayerischen  und  deutschen  Geschichte  steht  zunächst 
die  von  Bitterauf  besorgte  Ausgabe  der  Freisinger  Traditionen  tmd  ihre 
Verarbeitung  nach  Caros  Vorgang  ')  zu  erwarten. 

Durch  Tod  hat  die  Kommission  die  Mitglieder  v.  Hegel  und  Scheffer- 
Boichorst  verloren,  die  Ergänzungswahlen  wurden  bis  zum  nächsten  Jahre 
▼erschoben. 


Die  31.  Plenarversammlung  der  Badischen  Historischen  Kom- 
mission^) fiamd  am  14.  und  15.  November  1902  in  Karlsruhe  statt  Neu 
ausgegeben  wurde  im  Berichtsjahre  die  5.  und  6.  Liefenmg  (Schluis)  des 
n.  Bandes  der  Regesten  der  Bischöfe  von  Konstanz,  die  i.  und  2.  Lieferung 
des  m.  Bandes  der  Regesten  der  Markgrafen  von  Baden  und  Hachberg, 
das  6.  Heft  der  fränkischen  Abteilung  der  Oberrheinischen  Stadirechte  so- 
wie der  I.  Band  des  Schlettstadter  Stadtrechts  imd  das  Neujahrsblatt  für 
1902  Samuel  Friedrich  Saider,  ausgewählte  Gedichte,  herausgegeben  von 
£.  Kilian.  Der  Druck  der  zweiten  Auflage  von  Kriegers  Topographischem 
Wörterbuch  des  Oroftherzogtums  Baden  hat  bereits  begonnen,  Prof.  Schulte 
bereitet  eine  zweite  Auflage  des  ersten  (darstellenden)  Bandes  seiner  Geschichte 
des  mittelalterlichen  Handels  und  Verkehrs  zvnschen  West -Deutschland  und 
Italien  mit  Ausschluß  von  Venedig  vor,  das  Register  zu  Band  i — 39  der 
Zeitsekriß  für  die  Geschichte  des  Oberrheins  bearbeitet  Fritz  Frankhauser. 
Archivrat  Obs  er  beschäftigt  sich  mit  einem  Nachtragsbande  zur  Politischen 
Korrespondenz  Karl  Friedrichs  von  Baden.  Der  Antrag  Tumbülts,  eine  Geld-  imd 
Münzgeschichte  der  im  Grofsherzogtum  Baden  vereinigten  Territorien  bearbeiten 
zu  lassen,  ward  einer  Unterkonmiission  zur  weiteren  Beratung  überwiesen. 
Von  den  Grundkarten  wurden  die  zwei  Doppelsektionen  Worms-Mannheim 
und  Miltenberg-Mosbach  fertiggestellt 

Proü  Beyerle  bt  infolge  seiner  Beruftmg  nach  Breslau,  Prof.  Car- 
tellieri  infolge  der  nach  Jena  als  aufserordentliches  Mitglied  der  Konmiission 
ausgeschieden.  Die  Arbeiten  des  letzteren  an  den  Regesten  der  Bischöfe 
von  Konstanz  hat  sein  bisheriger  Mitarbeiter  K.  Rieder  übernommen.  Femer 
wurde  beschlossen,  fortan  auch  „korrespondierende  Mitglieder**  zu 
ernennen:  zu  solchen  wurden  gewählt  Prof.  Beyerle  (Breslau),  Landgerichts- 
lat  Adolf  Birkenmayer  (Freiburg),  Pfarrer  Gustav  Bossert  (Nahem  in 
Württemberg),  Prof.  Alexander  Cartellieri  (Jena)  und  Stadtarchivar 
Joseph  Geny  (Schlettstadt).  Zu  aufserordentlichen  Mitgliedern  wurden 
Profi  Theodor  Ludwig  und  Profi  Heinrich  Witte  (beide  in  Strafsburg) 
ernannt,  mit  der  Geschäftsführung  für  weitere  5  Jahre  wurde  Geh.  Archivrat 
T.  Weech  betraut  Als  Oberpfleger  im  V.  Bezirk  ist  Dr.  Walter  (Mann- 
heim)  an  Stelle  von  Prof.  Wille  getreten. 

i)  Vgl.  Zur  Grundbesttzverteilung  in  der  Karolingerteit  in  dieser  Zeitschrift  Bd.  m, 
S.  65-76. 

a)  Vgl  Bd.  in,  S.  186—187. 


—     142     — 

Eingegangene  Bfieher. 

Schubert,  H.  von:  Ansgar  und  die  Anfange  der  schleswig-holsteinischen 
Kirchengeschichte  [=  Schriften  des  Vereins  für  schleswig-hobteinische 
Kirchengeschichte.  II.  Reihe  (Beiträge  und  Mitteilungen)  2.  Bd.  (1901), 
S.  145—174]. 

Schuller,  Friedrich:  Schrifteteller-Lexikon  der  Siebenbürger  Deutschen. 

4.  Bd.  (Ergänzungsband  zu  J.  Trausch,  Schriftsteller-Lexikon  oder  bio- 
graphisch-literarische Denkblätter  der  Siebenbürger  Deutschen).  Her- 
mannstadt, W.  Krafit,   1902.     575  S.  8^ 

Tille,  Armin:  Zwei  Waldordnungen  aus  dem  Herzogtum  Jülich  [=  Zeit- 
schrift des  Aachener  Geschichtsvereines,  23.  Bd.  (1901),  S.   i — 30]. 

Ancona,  Alessandro  d*:  Friedrich  der  Grofse  und  die  Italiener.  Deutsche 
Übersetzimg  von  Albert  Schnell.  Rostock,  Stiller,  1902.  201  S.  8^ 
M.  2,40. 

Arens,  Franz:  Die  Siegel  und  das  Wappen  der  Stadt  Essen  [=  Beiträge 
zur  Geschichte  von  Stadt  und  Stift  Essen.     22.  Heft  (1902),  S.  5  — 13]. 

Baier,  Johannes:  Geschichte  des  alten  Augustinerklosters  Würzburg. 
Mit  5  Abbildungen.     Würzburg,  Stahel,   1895.     9^  S.  80.     M.   1,50. 

Derselbe :  Ausgrabungen  bei  dem  alten  Augustinerkloster  Würzburg  im  Jahre 
1900,  zugleich  Nachtrag  zur  Geschichte  dieses  Klosters  vom  gleichen 
Verfasser.  Mit  7  Abbüdungen.  Würzburg,  Stahel,  1901.  36  S.  8®. 
M.  0,80. 

Becker,  Wilhelm  Martin:  Aktenstücke  zur  Gründungsgeschichte  der 
Universität  Giefsen  [=  Mitteilungen  des  Oberhessischen  Geschichts- 
vereins.    Neue  Folge  10.  Band  (1901),  S.  40 — 55]. 

Duijnstee,  Dominicus  Fr.  H.  P. :  Polemica  de  S.S.  eucharistiae  sacra- 
mento  inter  Bartholomaeum  Amoldi  de  Usingen  O.  E.  S.  A.  eiusque 
olim  in  universitate  Erphurdiana  discipulum  Martinum  Luthenun  anno 
1530.     Wirceburgi,  Stahel,   1903.     98  S.  8<>.     M.  2,50. 

Eskuche,  Gustav:  Sarcerius  als  Erzieher  und  Schulmann  [Programm  des 
Realg)'mnasiums  zu  Siegen,   1901].     74  S.  8^. 

Gruber,  Christian:  Deutsches  Wirtschaftsleben^  Mit  4  Karten.  [=  Aus 
Natur  und  Geisteswelt,  Sammlung  wissenschaftlich-gemeinverständlicher 
Darstellungen  aus  allen  Gebieten  des  Wissens.  42.  Bändchen.]  Leipzig, 
B.  G.  Teubner,   1902.      137  S.  8®.     Gebunden  M.   1,25. 

Hertzberg,  Gustav:  Geschichtlicher  Überblick  über  die  Entwicklung  des 
thüringisch  -  sächsischen  Geschichts-  und  Altertumsvereins  von  seiner 
Stiftung  bis  zur  Gegenwart  [=  Festschrift  des  Thüringisch-Sächsischen 
Geschichtsvereins,  Herrn  Geh.  Oberregierungsrat  Dr.  Ernst  Dümmler 
dargebracht    zu    der    Feier    seines    50  jährigen    Doktor  -  Jubiläums    am 

5.  August  1902.     Halle,  Ed.  Anton,   1902,  S.   i — 17]. 
Kästner,  Alexander:  Die  Kinderfragen,  der  erste  deutsche  Katechismus 

MDXXI,  herausgegeben  und  mit  einer  Einleitung  und  einem  Abrifs 
der  Brüdergeschichte  versehen  von  A.  K.  [=  Neudrucke  Pädagogischer 
S chriften  XVII].  Leipzig,  Friedrich Brandstetter,  1902.  77  S.  8^  M.  0,80. 
Knoth,  Ernst:  Ubertino  von  Casale,  ein  Beitrag  zur  religiösen  Literatur 
des  Franziskanerordens.     Marburger  Dissertation,   1901.     50  S.  8^ 


—     143     — 

Köhler,  Walther:  Der  Katzenelnbogische  Erbfolgestreit  im  Rahmeo  der 
allgemeinen  Reformationsgeschichte  bis  zum  Jahre  1530  [=  Mitteilungen 
des  Oberbessischen  Geschichtsvereins,  Neue  Folge  11.  Band  (Giefsen, 
Ricker,   1902),  S.   i — 30]. 

Ockel,  Hans:  Bayerische  Geschichte  [=  Sammlung  Göschen].  Leipzig, 
G.  J.  Göschen,   1902.      135  S.  8®.     Gebunden  M.  0,80. 

Oidtmann,  Heinrich:  Die  Schlacht  bei  Baesweiler  am  22.  August  1371 
=  Sonderabdruck  aus  dem  Kreis-Jülicher  Korrespondenz-  und  Wochen- 
blatt 1902]. 

Derselbe:  Das  Linnicher  Geschlecht  van  weyrdt,  ein  Beitrag  zur  Familien- 
geschichte des  Johann  von  Werth  [=  Annalen  des  Historischen  Vereins 
für  den  Niederrhein,  73.  Heft  {1902),  S.   123 — 153]. 

Ohlenschlager,  Friedrich:  Römische  Überreste  in  Bayern,  nach  Be- 
richten, Abbildungen  und  eigener  Anschauung  geschildert  und  mit  Unter- 
stützung des  Kaiserlich  Deutschen  Archäologischen  Instituts  heraus- 
gegeben. Heft  I  mit  3  Karten.  München,  J.  Lindauer,  1902. 
96  S.  8».     M.  4,00. 

Otto,  Eduard:  Das  Butzbacher  Wollwebergewerbe  im  XIV.,  XV.  und 
XVI.  Jahrhundert  [=  Mitteilungen  des  Oberhessischen  Geschichtsvereins. 
Neue  Folge   10.  Band  (1901),  S.  86 — 118]. 

Perlbach,  Max:  Über  eine  Sanunlung  Strafsburger  Ordnimgen  und  Mandate 
von  15 18 — 1673  *^s  der  Universitätsbibliothek  zu  Halle  [=  Festschrift  des 
Thüringisch-Sächsischen  Geschichts Vereins  zum  50jährigen  Doktor- Jubiläum 
Ernst  Dümmlers  5.  August  1902.    Halle,  Ed.  Anton,  1902,  S.  39 — 84]. 

Ribbeck,  Konrad:  Übersicht  über  die  Verfassung  der  Stadt  Essen  bis 
zum  Untergange  der  städtischen  Selbständigkeit  [==  Beiträge  zur  Ge- 
schichte von  Stadt  und  Stift  Essen,  22.  Heft  (1902),  S.   17 — 28]. 

Schädel,  Ludwig:  Über  die  „Kustodie"  Philipps  des  Grofsmütigen 
[=  Mitteilungen  des  Oberhessischen  Geschichtsvereins,  Neue  Folge 
II.  Band  (1902),  S.  31 — 56]. 

Schmidt,  O.  E.:  Kursächsische  Streifzüge.  Leipzig,  Grunow,  1902. 
351  S.  80.     M.  3,50. 

Schultze,  Walther:  Die  Thronkandidatur  Hohenzollem  und  Graf  Bismarck.. 
Halle  a.  S.,  Ed.  Anton,   1902.     55  S.  8®.     M.  0,80. 

Schultze,  Victor:  Waldeckische  Reformationsgeschichte.  Mit  56  Ab- 
bildungen.    Leipzig,  A.  Deichert  (Georg  Böhme),   1903.     459  S.  8®. 

Siegl,  Karl:  Hervorragende  Egerer  Künstier  und  Werkleute  im  XV.  Jahr- 


hundert 
Stieda,   Wi 


=  Egerer  Jahrbuch,  XXXIII.  Jahrgang  (1903),  S.  i — 18]. 
heim:  Ilmenau  und  Stützerbach,  eine  Erinnerung  an  die 
Goethe-Zeit  Leipzig,  Hermann  Seemann  Nachfolger,  1902.  97  S.  8<>. 
Viereck,  L. :  W.  Assmanns  Geschichte  des  Mittelalters  von  375 — 1517» 
dritte  neu  bearbeitete  Auflage.  Dritte  Abteilung:  Die  beiden  letzten 
Jahrhimderte  des  Mittelalters,  Deutschland,  die  Schweiz  und  Italien.  Erste 
Lieferung.  Braunschweig,  Vieweg  &  Sohn,  1902.  635  S.  8^.  M.  12,00. 
Wendt,  Oscar:    Lübecks  Schiffs- und  Warenverkehr   in   den  Jahren  1368 

Iund   1369,  in  tabellarischer  Übersicht  auf  Grund  der  Lübecker  Pfimd- 
zollbücher  aus  denselben  Jahren.     Lübeck,  Lübcke  &  Nöhring,   1902. 

*  64  S.   80.     M.  1,50. 

I 


I 


—     144     — 

Zwiedineck-Südenborst,  Hans  von:  Die  geschichtliche  Stellung  der 
Steiennark.     Graz,   1902.      13  S.  S^. 

Baier,  Johannes:  Dr.  Martin  Luthers  Aufenthalt  in  Würzburg.  Würs- 
bürg,  Stahel,   1895.     34  S.  8<>.     M.  0,60. 

Derselbe :  Geschichte  der  beiden  Kannelitenklöster  mit'  besonderer  Berück- 
sichtigung des  ehemaligen  Reurerinnenklosters  in  Würzburg.  Würzburg, 
Stahel,   1902.     136  S.  8®.     M.  2,50. 

Becker,  Reinhold:  Der  Dresdener  Friede  und  die  Politik  Brühls  [=  Biblio- 
thek der  sächsischen  Geschichte  und  Landeskunde,  herausgegeben  von 
Gustav  Buchholz.  i.  Band,  i.  Heft].  Leipzig,  S.  Hirzel,  1902. 
143  S.  8«.     M.  3,00. 

Beschorner,  H.:  Denkschrift  über  die  Herstellung  eines  Historischen 
Ortsverzeichnisses  flir  das  Königreich  Sachsen,  im  Auftrage  der  KgL 
Sächsischen  Kommission  fUr  Geschichte  ausgearbeitet  Dresden,  Baensch, 
1903.     68  S.  80. 

Doebner,  £.:  Bausteine  zu  einer  Geschichte  der  Stadt  Meiningen,  Au^ 
Sätze  und  Entwürfe  [=  Neue  Beiträge  zur  Geschichte  deutschen  Altertums, 
herausgegeben  von  dem  Hennebergischen  altertumsforschenden  Verein 
in  Meiningen,  17.  Lieferung].  Meiningen,  Brückner  &  Renner,  1902. 
III  S.  80. 

Heyne:  Über  Körperbau  und  Gesichtsbildung  der  alten  Niedersachsen 
[=  Protokolle  über  die  Sitzungen  des  Vereins  fUr  die  Geschichte 
Göttingens  im  zehnten  Vereinsjahre  1901 — 1902,  S.  4 — 7]. 

Höfer:  Fortschritte  in  der  Datierung  der  Steinzeit  [=3  Mühlhäuser  Geschichts- 
blätter, Zeitschrift  des  Mühlhäuser  Altertumsverebs  in.  Jahrgang  1902 
bis  1903,  S.  4 — 7]. 

Holder,  K.:  Das  Landrecht  von  Jaun  [=  Freiburger  Geschichtsblätter, 
herausgegeben  vom  deutschen  geschichtsforschenden  Verein  des  Kantons 
Freiburg  IX.  Jahrgang  (1902),  S.  i  —  73]. 

Ilgen,  Th.:  Die  Entstehung  der  Städte  des  Erzstifts  Köhi  am  Niederrhein 
[s=3  Annalen  des  Historischen  Vereins  ftir  den  ^^ederrhein,  74.  Heft 
(1902),  S.   I — 26]. 

Kraus,  Joh.:  Das  Jahr  1618  und  seme  schweren  Folgen  ftir  die  Stadt 
Frankenthal  [=  Monatsschrift  des  Frankenthaler  Altertumsvereins,  10.  Jahr- 
gang (1902)]. 

Berichtigung 

Im  dritten  Hefte  des  laufenden  Jahrganges  (Dezember  1902)  ist  die 
Seitenzfthlung  irrtümlich  um  einen  Bogen  vorausgeeilt,  obwohl  die  Bogen- 
bezeichnung  selbst  richtig  ist  Das  zweite  Heft  schliefst  mit  Seite  64,  das 
dritte  mufs  nach  richtiger  Zählung  die  Seiten  65  bis  88  tmifassen,  während 
das  vierte  wiederum  richtig  mit  Seite  89  einsetzt  Um  die  richtige  Zählung 
wieder  herzustellen,  wird  gebeten,  sofort  im  dritten  Hefte  derartig  die  Seiten- 
zählung  zu  berichtigen,  dafs  die  mit  83  bezeichnete  Seite  die  Nummer  67, 
die  mit  91  bezeichnete  die  Nummer  75  u.  s.  w.  erhält 

Die  Redaktion. 

H«rMUf«b«r  Dr.  Armio  TiUo  in  Ldpdg.  —  Drock  nad  Vtriag  von  Friedrich  AndreM  Pardiat  in  Oodn. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


nur 


Forderung  der  landesgeschichtlichen  Forscbung 

IV.  Band  März/April  1903  6./;.  Heft 


Der  historische  Atlas  der  österreiehisehen 

Alpenländer 

Von 
Eduard  Richter  (Graz) 

Von  berufener  Seite  eingeladen  beim  Historikertag  in  Heidelberg 
über  den  beabsichtigten  historischen  Atlas  der  österreichischen  Alpen- 
länder zu  sprechen,  habe  ich  eine  Ausstellung  veranstaltet,  welche, 
besser  als  Worte  vermöchten,  den  versammelten  Vertretern  der  Ge- 
schichtsforschung zeigen  sollen,  wie  wir  arbeiten,  und  wie  das  Werk 
allmählich  entsteht.  Da  ich  selbst  leider  nicht  in  Heidelberg  erscheinen 
kann,  möge  das  folgende  zur  Erklärung  jener  Ausstellung  dienen. 

Vorerst  ein  paar  Worte  über  Ziel  und  Absicht  des  Atlas  *).  Es 
gibt  bis  heute  (mit  Ausnahme  des  geschichtlichen  Atlas  der  Rhein- 
provinz) kein  Kartenwerk,  welches  die  geschichtlichen  Abgrenzungen 
in  einem  so  grofsen  Mafsstabe  darstellt,  wie  die  vorhandenen  Landes- 
aufnahmen der  Kulturstaaten  erlaubten.  Es  ist  bisher  noch  niemals 
versucht  worden  mittelalterliche  Abgrenzungen,  wie  sie  uns  in  so 
vielen  Grenzbeschreibungen  erhalten  sind,  in  einem  ihrer  Ausführlich- 
keit entsprechenden  Mafsstab  wiederzugeben.  Wir  haben  daher  das 
Verhältnis  i  :  200000  gewählt.  Eine  Neuerung  ist  ferner  die  Verwen- 
dung von  Karten  mit  Terrain;  ein  Punkt,  worin  wir  auch  von  dem 
rheinischen  Atlas  abweichen.  Eine  Karte  ohne  Geländezeichnung  bleibt 
immer  etwas  rätselhaft  und  unverständlich ;  vollends  in  den  Alpenländem 
dürfte  das  Gelände  nicht  vernachlässigt  werden. 

Die  Frage,  welche  Art  historischer  Abgrenzungen  dargestellt 
werden  soll,  beantwortet  sich  für  Österreich  ganz  anders  als  für  andere 
Teile  des  alten  Deutschen  Reiches,  insbesondere  den  Westen.  Während 
das  naturgemäfse  Ziel  des  rheinischen  Atlas  nur  sein  konnte,  alle  reichs- 
unmittelbaren  Territorien  und   ihre   einzelnen  Stücke   abzubilden,   kam 


i)  Vgl.  diese  ZeiUchrift   I.  Bd.,  S.  28  und  II.  Bd.  S.  217—227    (Kapper:    Der 
Werdegang  des  hietorisehen  Atlasses  der  österreichischen  Älpenländer). 

11 


—     146     — 

für  die  österreichischen  Länder,  deren  heutige  Grenzen  der  Hauptsache 
nach  bis  ins  13.  Jahrhundert  hinaufreichen,  nur  die  innere  Gliede- 
rung in  Betracht;  also  nicht  die  Abgrenzung  einzelner  Territorien, 
sondern  der  Gerichte.  Die  Landgerichte,  die  Einheiten  der  Kriminal- 
gerichts-Verwaltung  gehen  zurück  auf  die  alten  Grafschaften  und  diese 
wieder  auf  Zcnten  der  alten  Gaue.  Wir  streben  also  hauptsächlich 
danach  die  alten  Landgerichte  darzustellen,  die  bei  uns  bis  zu  der 
Reformzeit  nach  1848  oder  doch  bis  zur  napoleonischen  Periode  be- 
standen haben.  Ihre  Schicksale,  insbesondere  was  ihre  räumliche 
Ausdehnung  betrifft,  also  Spaltungen,  Zusammenlegungen  u.  s.  w. 
sollen  soweit  als  möglich  nach  rückwärts  verfolgt  werden;  und  dafs 
man  damit  bis  ins  hohe  Mittelalter  kommen  kann,  ist  schon  durch  die 
Tat  erwiesen  worden. 

Zur  Ermittelung  der  Abgrenzungen  der  einst  bestandenen  Land- 
gerichte gibt  es  zwei  Wege.  Einmal  die  Verwendung  alter  Grenz- 
beschreibungen, wie  sie  gedruckt  in  den  Weistümem,  oder  noch 
ungedruckt  stellenweise  in  Menge  in  den  Archiven  erhalten  sind.  Eine 
ganz  gewaltige  Archivdurchstöberung,  die  noch  keineswegs  beendet 
ist,  war  daher  die  erste  Lebensregung  der  neuen  Unternehmung.  Nicht 
in  allen  Ländern  sind  die  Archivalien  in  grofsen  Archiven  koncentriert; 
in  Österreich  ob  und  unter  den  Enns  z.  B.  sind  die  für  uns  wichtigen 
Dinge  nicht  blofs  in  einem  halben  Dutzend  der  grofsen  Wiener  Archive» 
sondern  in  unzähligen  Herrschafts-,  Stadt-  und  Marktarchiven  zerstreut. 
Nur  der  Sachkundige  wird  unseren  bescheidenen  Karten  ansehen,  welche 
Aktenmassen  ihretwegen  durchgesehen  worden  sind. 

Die  Angaben  der  Grenzbeschreibungen  können  nur  auf  Karten 
grofsen  Mafsstabes  mit  Terrain  aufgefunden  werden.  Das  scheint 
ohne  weiteres  einleuchtend ;  denn  je  gröfser  der  Mafsstab  der  Karte  ist 
und  je  mehr  Einzelheiten  sie  daher  enthält,  desto  mehr  Wahscheinlich- 
keit  ist  vorhanden,  die  Gehöfte,Waldränder,  Brücken,  Bächlein,  Zaunecken» 
Kapellen  und  sonstigen  Landmarken  zu  finden,  von  welchen  die  Be- 
schreibungen berichten.  Die  Karte  gröfsten  Mafsstabs  ist  auf  unserem 
Gebiete  die  Originalaufnahme  im  Mafs  i  :  25CXX);  leider  sind  die  Blätter 
zu  teuer  und  auch  zu  wenig  deutlich,  da  sie,  von  Natur  vielfarbig,  nur 
in  photographischer  Kopie  erhältlich  sind.  Für  die  Übergriffe  nach 
Bayern  habe  ich  mich  der  bayerischen  Positionsblätter  1  :  25  000  be- 
dient, die  sehr  viele  Einzelheiten  des  Terrains  und  der  Situation,  nur 
leider  viel  zu  wenig  Namen  enthalten.  Diese  mufs  man  durch  Be- 
gehungen oder  Anfragen  ergänzen.  Im  allgemeinen  benützen  wir  die 
Spezialkarte    der    österreichisch -ungarischen    Monarchie    im   Mafsstab 


—     147     — 

i'.JS^^oo  als  eigentliche  Arbeitskarte,  Unser  Arbeitsgebiet  umfafet 
ungefähr  140  Blätter  derselben.  Da  wir  die  Blätter  um  den  Vorzugs- 
pids  von  50  Hellem  beziehen,  so  brauchen  wir  uns  nicht  zu  sorgen, 
wenn  eines  zu  gründe  gerichtet  wird. 

Wie  man  auf  den  Gedanken  kommen  konnte,  Arbeitskarten  ohne 
Gelände,  und  mit  ganz  spärlicher  Situation  für  historische  Ein- 
tragungen zu  verwenden,  wie  die  Thudichum  sehen  Grundkarten  sind, 
ist  mir  unverständlich.  Wenn  man  auch  nur  einmal  mit  ihnen  zu 
arbeiten  versucht  hätte,  so  wäre  man  gewi(s  schon  in  der  ersten 
Viertelstunde  zur  Überzeugung  gelangt,  da(s  sie  unbrauchbar  sind. 
Denn  keine  moderne  Karte,  selbst  solche  im  gröfsten  Malsstab  nicht 
ausgenommen,  enthält  auch  nur  annähernd  so  viel  Detail  als  die  alten 
Grenzrügungen  darbieten.  In  manchem  wichtigen  Falle  können  daher 
erst  Katasterblätter  Aufschlug  geben.  Was  macht  man  da  mit  einem 
90  gut  als  leeren  Blatt  Papier? 

Die  alten  Grenzen  werden  also  in  die  Spezialkarten  eingetragen; 
da  diese  ziemlich    schwarz  gehalten  sind,   mit   bunten  Farben.     Wir 

unterscheiden  nur  zwei  Grenzsignaturen:   die  der  Landgerichte , 

und  der  Burgfrieden  (Hofmarken)  

Die  zweite  Gruppe  von  Quellen  für  die  historischen  Abgrenzungen 
ist  kartographischer  Natur.  Alte  Karten  gibt  es  nicht  viele;  aus  der 
Zeit  vor  dem  XVII.  Jahrhundert  sind  nur  vereinzelte  erhalten.  Aus 
dem  XVTI.  und  XVIII.  findet  man  sie  für  solche  Gebiete  wo  es  Grenz- 
streitigkeiten gab  ziemlich  häufig;  also  iiir  das  Tirolsche  Zillertal,  für 
Berchtesgaden,  an  den  Grenzen  gegen  Venedig.  Im  Binnenlande  hat 
man  vor  Peter  Anichs  Karte  von  Tirol,  also  vor  den  letzten  Dezennien 
des  XVIII.  Jahrhunderts  nichts  für  uns  brauchbares  hergestellt.  Anichs 
Karte  enthält  die  Landgerichtsgrenzen  und  auf  sein  Beispiel  hin  wurden 
anderswo  ähnliche  Aufnahmen  versucht ;  doch  alle  Arbeiten  dieser  Art 
helfen  uns  nicht  weit. 

Viel  wichtiger  ist  für  uns  die  Frage,  ob  und  wieviel  Historisches 
in  den  durch  den  Kataster  zum  erstenmal  um  1830  auf  Karten  fest- 
gelegten Gemeindegrenzen  steckt.  (Man  hat  hier  stets  an  die 
Steuergemeinden  zu  denken,  denn  die  politischen  oder  Ortsgemeinden 
stammen  in  Osterreich  erst  aus  1849  ^^^  ^^^  immer  gleich  einer  oder 
mehreren  Steuergemeinden.)  Das  Ergebnis  ist  für  die  einzelnen 
österreichischen  Länder  sehr  verschieden.  Man  findet  z.  B.  in  Kärnthen 
dnc  vollkommene  Übereinstimmung  der  Steuergemeinden  mit  den 
alten  „Jurisdiktionen",  d.  h.  Landgerichten  und  Burgfrieden  imd  zwar 
deshalb,  weil  bei  der  Josefinischen  Steuerregulierung  (1789)  die  einzelnen 

11* 


—     148     — 

Herrschaftsgebiete,  welche  Gerichtsbarkeit  besafsen,  zu  Steuergemeinden 
gemacht  worden  sind  und  man  1828  die  josefinische  Einteilung  wieder 
aufgenommen  hat  In  Steiermark  hingegen  ist  zwischen  den  Land- 
gerichten und  den  Steuergemeinden  gar  kein  Zusammenhang; 
diese  wurden  hauptsächlich  nach  Pfarren  abgegrenzt.  In  Salzburg 
stammen  die  Steuergemeinden  aus  dem  Jahre  1828  und  wurden  dort 
ohne  jede  Anknüpfung  an  frühere  Verhältnisse  von  dem  Geometer  und 
einem  „politischen  Kommissär*'  nach  Zweckmä&igkeitsrücksichten  ab- 
gegrenzt Trotzdem  sind  sie  für  die  Landgerichtsgrenzen  wichtig,  da 
jedes  Pfleggericht  zum  Steuerbezirk  eingerichtet  wurde,  und  daher  eine 
ganze  Zahl  von  Steuergemeinden  umfafste;  alle  Pfleggerichtsgrenzen 
laufen  daher  auf  Steuergemeindegrenzen ;  man  mulis  nur  wissen,  welche 
Gemeinden  zu  dem  Gerichte  gehört  haben,  was  leicht  festzustellen  ist. 

Nur  eine  eingehende,  keineswegs  leichte  Untersuchung  gibt  also 
Antwort  auf  die  Frage,  welchen  geschichtlichen  Wert  die  „Gemar- 
kungen" haben,  wie  sie  gegenwärtig  bestehen.  Sie  von  vornherein  als 
etwas  uraltes  anzusehen  ist  für  Österreich  in  den  Grenzen  des  eben 
Ausgeführten  ganz  ungerechtfertigt. 

Es  gibt  in  Österreich  „Übersichtskarten  der  Steuergemeinden", 
die  sich  von  den  Thudichum sehen  Grundkarten  fast  gar  nicht  unter- 
scheiden, sie  sind  ebenso  leer  und  differieren  nur  wenig  im  Mafsstab 
(1:115200  anstatt  i  :  100 000).  Ich  habe  mich  daher  schon  vor 
mehreren  Jahren,  als  ich  noch  nicht  durch  die  Erfahrung  von  der  Un- 
brauchbarkeit  der  Grundkarten  überzeugt  worden  war,  gegen  die  Aus- 
dehnung des  Grundkarten-Untemehmens  auf  Österreich  ausgesprochen, 
da  wir  hier  etwas  Entsprechendes  bereits  besafsen.  Aber  wir  können 
diese  Karten  auch  dort  nur  schwer  verwenden,  wo  ihre  Abgrenzungen 
für  uns  von  gröfstem  Werte  sind,  wie  in  Kämthen.  Denn  aus  einer 
terrainlosen  Karte  eine  Linie  in  eine  Terrainkarte  zu  übertragen  ist  ein 
waghalsiges  Unternehmen.  Jede  Grenze  knüpft  an  eine  Terrainform 
an,  und  wäre  es  auch  nur  ein  Feldrain ;  die  punktierte  Linie  auf  weifsem 
leeren  Papier  sagt  mir  aber  gar  nichts  über  ihren  Zusammenhang  mit 
der  Natur,  sie  ist  ein  wesenloses  Gespenst,  das  man  nicht  fassen  kann, 
und  das  nur  beunruhigt.  Wir  ziehen  daher,  wenn  wir  Gemarkungs- 
grenzen benutzen  müssen,  immer  noch  die  überaus  schwer  leserliche 
Eintragung  in  der  Spezialkarte  von  ( ) 

Also  auch  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  hat  sich  die  Ver- 
wendung von  Karten  nach  dem  Typus  der  Grundkarten  durchaus 
nicht  bewährt. 

Wenn  der  Mitarbeiter   die   fertigen  Spezialkarten  an   die  Zentral- 


—     149     — 

stelle  (das  geographische  Institut  der  Universität  Graz)  eingeliefert  hat, 

so  werden    die  historischen  Abgrenzungen   auf  das   Mafs   i  :  200000 

reduziert    Das  k.  u.  k..  militäi^eographische  Institut  in  Wien  liefert  der 

Unternehmung  Abdrücke  der  Generalkarte  von  Mitteleuropa  im  Ma(se 

1 :  200000  in  mattem  blaugrauem  Tone.     Man  sieht  Terrain,  Situation 

(Straisen,  Flüsse,  Städte  und  Gehöfte  u.  s.  w.)  und  Schrift  genau,  aber 

sie  erscheinen  blafe.    In  diesen  „Blaudruck"  werden  nun  zunächst  die 

Grenzlinien  übertragen,  und  zwar  aus  freier  Hand,  nicht  mittels  eines 

mechanischen  Verfahrens,  da  die  Linien  dem  Terrain  angepaist  werden 

müssen,  welches  wegen  des  kleineren  Maisstabes  etwas  anders  gehalten 

ist,  als  das  der  Spezialkarte  1:75  000,  obwohl  es  auf  ihr  beruht.    Bei 

den  ersten  Blättern  wurde  diese  Übertragung  im  militäi^eographischen 

Institute  gemacht,  jetzt  machen  wir  sie  selbst. 

Der  Blaudruck  mit  den  Grenzen  geht  wieder  hinaus  an  den 
Mitarbeiter,  und  dieser  hat  nun  die  Schrift  einzutragen.  Weitaus 
die  Mehrzahl  der  einzutragenden  Namen  steht  bereits  auf  dem  Blau- 
druck, denn  die  meisten  historischen  Namen  von  Siedelungen  Flüssen, 
Bachen,  Bergen  u.  s.  w.  sind  ja  noch  heute  im  Gebrauch.  Diese  Namen 
werden  nun  entweder  mit  dunkler  Tinte  oder  Tusche  nachgezogen, 
oder  es  wird  durch  eine  bestimmte  Art  von  Unterstreichen  angedeutet, 
dafe  dieser  Name  auch  auf  der  historischen  Karte  erscheinen  soll.  Was  von 
der  blaugedruckten  Schrift  nicht  nachgezogen  oder  unterstrichen  wird, 
bleib  t  w  eg.  Was  endlich  an  Namen  auf  der  historischen  Karte  erscheinen 
soll,  und  nicht  im  Blaudruck  steht,  wird  jetzt  eingeschrieben ;  ebenso 
die  Signaturen  für  Landgerichtssitze,  Burgfriede  und  einiges  der  Art. 

Der  Blaudruck  mit  Terrain  verbürgt  die  richtige  Anpassung  der 
Grenzlinien  an  die  Bodenformen,  Flüsse  u.  s.  w. ;  er  bietet  einen  festen 
Anhaltspunkt  für  die  Schrift,  indem  er  erspart,  das  einzuschreiben,  was 
schon  in  der  modernen  Karte  steht,  und  zugleich  den  Mitarbeitern, 
welche  keine  Kalligraphen  und  Kartographen  sind,  sondern  Geschichts- 
forscher, die  schwere  Last  abnimmt,  die  Schrift  richtig  einzupassen  und 
anzuordnen.  Überhaupt  soll  nichts,  was  fachmäfsig  und  mit  den  Mitteln 
der  Technik  gemacht  werden  kann,  durch  Ungeübte  erstümpert 
werden. 

So  kommen  die  Blätter  abermals  an  das  k.  und  k.  militärgeographische 
Institut,  und  dort  wird  die  Schriftplatte  neu  hergestellt.  Von  dieser 
(schwarzgedruckten)  Schriftplatte,  dem  (braunen)  Terrainstein  und  dem 
(blauen)  Gewässerstein  der  Generalkarte  i :  200000  wird  schliefslich  die 
Landgerichtskarte  zusammengedruckt.  Es  wird  also  nur  das  neu  her- 
gestellt, was  nicht  auf  der  Generalkarte  vorhanden   ist,   die   Grenzen 


—     152     — 

i86i,  bis  zu  seiner  Berufung'  als  Professor  an  das  Kgl.  Kadettenkorps 
in  Dresden.  Die  Lehraufgabe  letzterer  Anstalt  bietet  in  pädagogischer 
Hinsicht  manche  Eigenheiten  und  Schwierigkeiten  dar,  die  anderen 
Lehrerstellen  nicht  eigen  sind;  die  aufserordentliche  Beschränkung', 
bezw.  der  fast  völlige  Mangel  an  direkter,  selbständiger  Strafgewalt 
verlangt  von  den  Zivillehrem  besonderes  Geschick,  sich  die  Aufmerk- 
samkeit ihrer  Schüler  zu  sichern  und  ihren  Fleifs  zu  wecken.  Knothe 
besafs  diese  Gabe  und  erfreute  sich  in  hohem  Grade  der  Liebe  seiner 
Zöglinge;  zahlreiche  Offiziere  der  sächsischen  Armee  gedenken  mit 
warmer  Verehrung  ihres  Lehrers.  Diese  Stellung  brachte  in  Knothes 
sonst  in  stiller  Gleichmäfsigkeit  dahinfliefsendes  Leben  auch  die  einzige 
stärkere  Aufregung  hinein:  im  Krieg  von  1866  verliefsen  die  nicht  der 
aktiven  Armee  überwiesenen  Kadetten  mit  ihren  Lehrern  am  16.  Juni 
Dresden  und  verlebten  nach  kurzem  Aufenthalt  in  Prag  den  Sommer 
und  Herbst  in  Wien  und  Liebenau  bei  Graz;  erst  am  28.  November 
traf  man  wieder  in  Dresden  ein.  Knothe  hat  diese  Zeit  anschaulich 
in  den  Kriegserlebnissen  eines  SoldcUenschtdmeisters  aus  dem  Jahre  1866 
(in  den  Bautzener  Nachrichten  1886  Nr.  35 — 38)  geschildert  Im  Jahre 
1880  trat  er  in  den  Ruhestand,  wobei  ihm  das  Ritterkreuz  L  Klasse 
des  Kgl.  Sachs.  Verdienstordens  zu  teil  wurde;  den  gleichen  Grad  des 
Albrechtsordens  hatte  er  bereits  1874  erhalten;  an  seinem  80.  Geburts- 
tage wurde  er  durch  den  Titel  eines  Geh.  Hofrats  erfreut.  Auch  an 
wissenschaftlichen  Ehrungen  fehlte  es  ihm  nicht:  die  Oberlausitzische 
Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Görlitz,  ')  der  er  seit  dem  11.  April 
1860  (nicht  1850,  wie  N.  L.  M  61,  348  steht)  angehörte,  ernannte  ihn 
am  8.  Okt.  1879  bei  der  Jubelfeier  ihres  hundertjährigen  Bestehens  zum 
Ehrenmitgliede,  und  die  Kgl.  Sachs.  Kommission  für  Geschichte  wählte 
ihn  als  Vertreter  der  lausitzischen  Geschichte  1897  zu  ihrem  Mit- 
gliede.  *)  Die  höchste  Anerkennung  aber,  die  ihm  zu  teil  wurde,  war 
das  ihm  1882  seitens  der  sächsischen  Regierung  gemachte  Anerbieten 
der  Direktorstelle  des  Kgl.  Sachs.  Hauptstaatsarchives,  eine  Stellung, 
die  sein  schlichter  Sinn  ihn  ablehnen  liefs,  da  die  neuen  Dienst- 
geschäfte ihn  seinen  oberlausitzischen  Studien  zum  Teil  entzogen  hätten. 
Er  blieb  in  Dresden,  an  welches  persönliche  Beziehungen  und  besonders 


i)  Über  diese  eigenartige,  der  Geschichtsforschung  dienende  Organisation  vgl.  Deat- 
sehe  Geschichtsblätter  III.  Bd.,  S.   18—22. 

2)  Bezeichnend  iiir  Knothes  Gewissenhaftigkeit  ist  es,  dafs  er  sich  in  seinen  letzten 
Jahren  mit  dem  Gedanken  trug,  die  Mitgliedschaft  niederzulegen,  weil  sein  hohes  Alter 
ihn  zu  selbsttätiger  Beteiligung  an  den  Kommissionsarbeiten  nicht  mehr  kommen  liefs 
und  er  es  (Ür  unrecht  hielt,  die  Publikationen  ohne  wirkliche  Gegenleistung  zu  empfangen. 


—     168     — 

die  reichen  wissenschaftlichen  Schätze  des  Hauptstaatsarchivs  und  der 
Kgl.  Bibliothek  ihn  fesselten.  Im  Verkehr  mit  Freunden  und  Fach- 
genossen  verlebte  er  hier  noch  über  zwei  Jahrzehnte  eines  behaglichen 
Alters,  nicht  aber  der  Arbeitsruhe,  denn  auf  seinem  historischen 
Forschungsgebiet  blieb  er  bis  zuletzt  ein  fleifsiger  Arbeiter.  Ein 
Unglücksfall  (er  wiurde  am  2.  März  1898  von  einem  Wagen  überfahren 
imd  erlitt  einen  doppelten  Schenkelbruch)  trübte  seine  letzten  Jahre; 
CT  genas  zwar,  war  aber  in  seinem  Bewegungsvermögen  stark  beein- 
trächtigt Am  8.  Februar  1903  starb  er  zu  Dresden  und  wurde 
hier  am  11.  Februar  auf  dem  Annenfriedhofe  bestattet;  er  war  un ver- 
mählt geblieben. 

Schon  als  Gymnasiast  und  ebenso  als  Student  hatte  er  sich  in 
seinen  Ferien  —  veranlafst  durch  Zeitereignisse  (einen  Rechtsstreit 
Sttaus  mit  Hirschfelde  von  1835  bis  1841  über  des  letzteren  Stadt- 
gerechtigkeit) —  mit  der  Vergangenheit  seiner  Heimat  befafst  und 
zwar  die  Kirchen-  und  Schöppenbücher  ordentlich  durchgearbeitet, 
eine  Beschäftigung,  die  schon  die  ernste,  streng  wissenschaftliche 
Richtung  seiner  Arbeiten  vorahnen  liefs.  Auch  sein  Vaterhaus  selbst 
om&te  ihn  zu  geschichtlichem  Nachdenken  anregen.  Bereits  im  Anfang 
des  XIV.  Jahrhunderts  besafs  der  Johanniterorden  eine  Kommende  zu 
Hirschfelde;  noch  bis  in  die  Neuzeit  tragen  gewisse  Äcker  den  Namen 
^Komthnräcker"  und  liegen  am  „Komthurweg",  die  Vergangenheit 
lebt  also  noch  im  Munde  der  Bewohner  in  diesen  Flurbezeichnungen 
fort  Der  Sitz  des  Komthurs  war  der  Pfarrhof,  der  1555  abbrannte, 
auf  dessen  erhaltenen  Grundmauern  aber  1593  das  neue  protestantische 
P£urhaas  erbaut  wurde.  Die  2^«  Ellen  starken  Mauern  des  alten  Baues 
m<^en  die  Phantasie  und  das  Interesse  des  Jünglings  oft  beschäftigt 
haben;  der  Johanniter-Commende  zu  Hirschfelde  ist  daher  seine  erste 
Studie  gewidmet,  die  1846  im  23.  Bande  des  Neuen  Lausitzischen 
Magazins  —  im  folgenden  abgekürzt  N.  L.  M.  —  erschien.  Ein  zweiter 
Aufsatz  desselben  Jahrgangs  zeigt  uns  bereits  Knothes  Neigung  zu 
reditBgeschichtlichen  Arbeiten:  er  behandelt  d(is  älteste  Schöppenbwih 
JM  Hirsehfdde.  Der  Geschichte  seines  Geburtsortes  ist  er.  auch  femer 
treu  geblieben;  ihr  ist  seine  erste  selbständige  Schrift,  die  Geschickte 
des  Fleckens  Hirsehfdde  in  der  kgl  sächsischen  Oherlausitz  (Dresden  185 1) 
gewidmet,  und  noch  1897  lieferte  er  Ergänzungen  dazu  in  dem  Aufsatze 
Die  ältesten  Ortsherrschaften  von  Hirsehfdde  (N.  L.  M.  73). 

Der  Oberlausitz  galt  aber  auch  fast  ausnahmslos  die  ganze 
wissenschaftliche  Lebensarbeit  Knothes  und  dieses  Gebiet 
um&iste   er  in   einer  erstaunlichen  Vielseitigkeit.     Es  gibt  kaum 


—     154     — 

zeitlich  eine  Periode,  örtlich  einen  Landesteil,  sachlich  einen  Gegen- 
stand der  politischen,  Wirtschafts-  und  Kulturgeschichte  der  Oberlausitz, 
den  er  nicht  wenigstens  einmal  in  seinen  zahlreichen  Schriften  behandelt 
oder  doch  berührt  hätte. 

Es  ist  nicht  die  Aufgabe  eines  Nekrologs  in  diesen  Blättern  eine 
vollständige  Bibliographie  aller  Bücher  und  Aufsätze  Knothes  zu  geben, 
deren  Zahl  sich  auf  weit  über  loo  Nummern  beläuft.  Nicht  wenige 
davon  sind  ja  auch  nur  kleinere  Mitteilungen  von  geringem  Umfang 
und  mäfsiger  Bedeutung  oder  Zeitungsartikel  zwar  von  mehr  Gehalt, 
als  er  dieser  sekundären  Literaturgattung  meist  anhaftet,  aber  doch 
ohne  höheren  wissenschaftlichen  Wert.  Eine  stattliche  Zahl  von  Ab- 
handlungen aber  ist  von  grundlegender  und  dauernder  Geltung  und 
wird  ständig  beachtenswert  bleiben,  wenn  auch  die  Beschaffung  neuen 
Quellenmaterials  oder  vertieftere  Auffassung  künftig  Ergänzungen  und 
Berichtigungen  seiner  Resultate  ergeben  wird.  Die  Mehrzahl  seiner 
Arbeiten  enthält  das  Neue  Lausüzische  Magazin  (die  spezielleren  An- 
gaben bringt  W.  v.  Böttichers  Register  über  die  ersten  75  Bände  des 
Magazins,  s.  Band  76,  S.  118,  119,  168),  andere  K.  v.  Webers  Archiv 
für  die  Sächsische  Geschichte  (s.  Verzeichnis  im  6.  Bande  der  Neuen 
Folge),  H.  Ermischs  Neues  Archiv  für  Sächsische  Geschichte  (s.  Ver- 
zeichnis Band  12),  die  Mitteilungen  des  Nordböhmischen  Exhursianshlubs, 
Briegers  und  Dibelius'  Beiträge  eur  sächsischen  Kirchengeschichte  (i,  2, 
4,  7),  die  Bautzener  Nachrichten,  einzelne  auch  andere  Zeitschriften 
(Mitteilungen  des  Dresdner  Geschichtsvereins  9,  Ersch  und  Grubers 
Allgemeine  Encyklopädie  42,  Löhers  Archivalische  Zeitschrift  4,  Mär- 
kische Forschungen  14,  Blätter  für  Münzfreunde  1890,  Herold  1893, 
Germania  I  (1894),  Zittauer  Nachrichten  1891,  Leipziger  Zeitung  1891 
u.  a.)  ^).  Ihnen  reihen  sich  noch  zahlreiche  Rezensionen  und  Referate 
über  neue  literarische  Erscheinungen  in  verschiedenen  Zeitschriften  an. 
Nur  die  wichtigeren  Schriften  seien  hier  genannt. 

Die  relativ  gröfste  Anzahl  gilt  der  Ortsgeschichte,  bei  der 
es  ihm  vor  allem  darauf  ankam,  die  Grundlinien  der  äufseren  Geschichte, 
die  Reihenfolge  der  Besitzer  von  Orten,  Herrschaften  oder  Sonder- 
gebieten festzustellen,  so  bei  Kamenz,  Königsbrück,  Pulsnitz,  Gabel- 
Lämberg,  Hainsbach,  Hoyerswerda,  Reichenau,  Schirgiswalde,  Schönau, 
Türchau  u.  a.,  bei  anderen   erweiterte   er   diese   Studien  zu    einer   als 


i)  Die  Stellen  sind  fUr  die  letzten  lO  Jahre  aus  Jechts  jährlichen  Literatlirüber- 
sichten im  N.  L.  M.  und  fiir  die  letzten  20  Jahre  aus  Ermischs  Übersichten  im  Neuen 
Archiv  fUr  Sachs.  Geschichte,  sowie  aus  den  Jahresberichten  der  Geschichtswissenschaft 
leicht  za  ersehen. 


—     166     — 

selbstäadiges  Buch  erschienenen  Ortsgeschichte,  so  für  Hirschfelde 
(s.  oben),  ferner  in  der  Geschickte  der  Dörfer  Rohnau,  BosetUhal  und 
Sduirre  in  der  Kgl.  Sachs.  Oberlausitz  (Zittau  1857),  der  Geschichte  der 
Dörfer  Burkersdarf  und  Schlegel  (Zittau  1 862),  der  Geschichte  des  Eigen- 
sehen  Kreises  in  der  Kgl.  Sachs.  Oberlausite  (Dresden  1870,  auch  als 
Aufsatz  im  N.  L.  M.  47).  Bei  wieder  anderen  behandelte  er  einzelne 
Zeitabschnitte  oder  besondere  Elreignisse,  so  bei  Bautzen,  Görlitz,  Karlsfried, 
Kirschau,  Kosel,  Seifhennersdorf,  Seidenberg*  (Reibersdorf) ,  Weifeen- 
berg,  Wilthen,  oder  ihre  geistlichen  Verhältnisse,  so  für  Bautzen 
(Ftäpste  des  CoUegiatstiftes  S.  Petri  eu  Bautzen  1221-^1562,  im  Neuen 
Archiv  für  Sachs.  Gesch.  1 1),  die  Pfarreien  Göda  und  Grottau,  desgl  auch 
die  Nonnenklöster  Marienstern,  dem  ein  besonderes  Buch,  Urkundliche 
Gesdiichte  des  Jungfrauen- Klosters  Marienstem  ....  iis  Anfang  des 
XVI.  Jahrhunderts  (Dresden  187 1)  gewidmet  ist,  und  Marienthal,  die 
Cölestiner  des  Oybin,  die  Klöster  zu  Lauban,  Löbau  und  Kamenz,  das 
Zittauer  WeichbUd  u.  a. 

Neben»  diese  mehr  das  lokalgeschichtliche  Element  betonenden 
Studien  zur  Oberlausitzer  Kirchengeschichte  treten  dann  noch 
Aufeätze  allgemeineren  Gehalts,  so  2wr  Geschichte  der  Feier  des 
Gregariusfestes  (N.  L.  M.  39),  über  die  Meißner  Bistumsmatrikel  (N. 
L.  Bl  56),  die  geistlichen  Güter  in  der  Oherlausitz  (N.  L.  M.  66),  die 
Stellung  des  erxpriesterlichen  Stuhls  SarcM  unter  die  Präpositur  Bautzen 
(Beiträge  zur  sächsischen  Kirchengeschichte  7).  Mit  der  Pflege  der 
geistigen  Kultur  befassen  sich  Zusammenstellungen  über  die  Oher- 
hmsUzer  auf  Universitäten  während  des  Mittelalters  und  iis  1550  und 
spezieller  über  die  Oberlausitzer  auf  der  Universität  Leipzig  von 
1420 — 1550  (N.  L.  M.  7 1  und  77),  sowie  über  das  Schulwesen  auf  den 
Dörfern  des  Weichbilds  Zittau  bis  1835  (N.  L.  M.  70). 

Der  Ortsgeschichte  dient  auch  Knothes  gröfete  Quellenver- 
öffentlichung; einzelne  Urkunden  hat  er  ja  vielfach  in  Aufsätzen 
oder  Schriften  mit  beigefügt,  als  besondere  Urkundenpublikation  aber  gab 
er  das  Urkundenbuch  der  Städte  Kamenz  und  Löbau  (Leipzig  1883,  als 
Band  7  des  2.  Hauptteiles  des  Codex  diplomaiicus  Saxoniae  regiae)  heraus. 

Die  Beschäftigung  mit  der  Ortsgeschichte,  besonders  mit  den 
Bentz-  und  Herrschaftsverhältnissen  mufste  Knothe  von  selbst  hinüber- 
fihren  zur  Pflege  der  Genealogie.  Eine  Reihe  dankenswerter  Unter- 
suchungen hat  er  in  einzelnen  Abhandlungen  den  Familien  —  d.  h. 
soweit  sie  der  Oberlausitz  angehören  oder  sie  mit  berühren  —  Dohna, 
Kamenz,  Berka  von  der  Duba,  Gersdorf,  Hochberg,  Metzrad,  Schafi"  (d.  i. 
Scfaa^otsch),  Schleinitz  imd  einigen  Bürgerfamilien   gewidmet  (s.  N. 


—     156     — 

L.  M.  39,  41,  43,  44,  45,  49,  64,  69).  Eine  Verbindung  der  Adels- 
und Ortsgeschichte  bietet  Knothes  umfänglichstes  Werk,  die  Geschichte 
des  Oberlausüzer  Adels  und  seiner  Gruter  vom  XIIL  bis  gegen  Ende 
des  XVL  Jahrhunderts  (Leipzig  1879),  ein  Buch,  das  für  die  Adels- 
geschichte Sachsens,  der  Lausitzen,  Schlesiens  und  Böhmens  von 
mafsgebender  Bedeutung  ist  und  in  einer  umfassenden  Einleitung  auch 
die  rechts-,  wirtschafts-  imd  kulturgeschichtlichen  Seiten  dieser  Aul- 
gabe berücksichtigt.  Eine  Fortsetzung  für  die  folgende  Zeit  bis  1620 
brachte  unter  sonst  gleichem  Titel  ein  Aufsatz  des  N.  L.  M.  63.  In 
einer  wesentlichen  Hinsicht  liefs  allerdings  das  Werk  zu  wünschen 
übrig:  die  Heraldik,  die  in  einer  Adelsgeschichte,  besonders  der 
zusammenfassenden  Adelsgeschichte  eines  geschlossenen  Territoriums 
wegen  ihrer  Bedeutung  für  den  ursprünglichen  Zusammenhang  später 
getrennt  erscheinender  Familien  von  Wichtigkeit  und  oft  grofsem 
Nutzen  ist,  war  ganz  beiseite  gelassen.  Mit  Recht  machte  ihm  dies 
Mülverstedt  zum  Vorwurf,  mit  dem  er  über  Wappenfragen  sowie  über 
die  Nationalität  einzelner  Familien  eine  literarische  Fehde  auszufechten 
hatte  (N.  L.  M.  67,  68,  69).  Um  diesem  Mangel  abzuhelfen,  beschrieb 
Knothe  die  ältesten  Siegel  des  oherlausitzischen  Adels  (N.  L.  M.  67  mit 
Abbildungen);  doch  läfst  sich  nicht  verhehlen,  dafe  er  mit  heraldischen 
Dingen  weniger  vertraut  war. 

Der  allgemeinen  Landesgeschichte  der  Oberlausitz 
kommen  einige  Aufsätze  zur  Geschichte  des  angehenden  XV.  Jahr- 
hunderts, besonders  aber  zur  Geschichte  des  XVH.  Jahrhunderts  zu 
gute,  so  über  die  Bemühungen  der  Oberlausüs  um  einen  Majestäts- 
brief 1609—1611  (N.  L.  M.  56),  den  Anteil  der  Oberkmsite  an  den  An- 
fängen des  30jährigen  Krieges  1618—1623  (N.  L.  M.  56),  die  Oberlausüe 
während  der  Jahre  1623—1631  (N.  L.  M.  65),  ferner  über  die  verschiedenen 
Benennungen  des  jetzigen  Markgrafentums  Oberlausitz  (Webers  Archiv, 
N.  F.  i),  das  Landeswappen  der  Oberlausitz  (N.  Arch.  f.  Sachs.  Gesch.  3)  u.  a. 

Sehr  verdienstlich  sind  Knothes  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der 
oherlausitzischen  Rechtsgeschichte,  wo  aufser  mehreren  Auf- 
sätzen, von  denen  nur  die  über  die  Hausmarken  in  der  Oberlausitz 
(N.  L.  M.  70)  und  Ein  Görlüzer  Hofgerichtsbuch  von  1406-1423  (N. 
L.  M.  74)  erwähnt  seien,  seine  Urkundlichen  Grundlagen  zu  einer 
Rechtsgeschichte  der  Oberlausitz  von  ältester  Zeit  bis  Mitte  des 
XVL  Jahrhunderts  (N.  L.  M.  53,  auch  als  Buch  erschienen,  Görlitz 
1877)  sich  entschiedener  Anerkennung  zu  erfreuen  hatten. 

Nicht  minder  gilt  dies  von  verschiedenen  Arbeiten  wirtschafts- 
geschichtlicher Art,  unter  denen  die  auch  als  Buch  (Dresden  1885) 


—     157     — 

eiscliieneiie  über  die  Stellung  der  Chäsunterthanen  in  der  OberlausUg 
tu  ihren  Grtdsherrschaflen  van  den  äUesten  Zeiten  bis  zur  Ablösung  der 
Snsen  und  Dienste  (N.  L.  M.  6i)  die  wichtigste  ist.  Bei  dem  Mangel 
einer  ausgiebigen  Quellensammlung  besonders  für  die  ländlichen  Ort- 
schaften wäre  kaum  ein  anderer  ebenso  in  der  Lage  gewesen,  die 
Fülle  des  Stoffes  zusammenzubringen  und  zu  durchdringen,  die  hier, 
wie  auch  in  den  Grundlagen  zur  Rechtsgeschichte,  verarbeitet  ist,  als 
ein  Mann,  der  in  jahrzehntelanger  Arbeit  das  Quellenmaterial  sich  zu 
e^en  gemacht  hatte.  Für  die  Wertschätzung  dieses  Buches  sei  hin- 
gewiesen auf  das  Urteil  des  kompetentesten  deutschen  Fachmanns, 
A.  Meitzens,  in  den  Göttingischen  Gelehrten  Anzeigen  (1887,  Nr.  2, 
S.  66 — 73),  der  S.  66  schreibt:  „Für  den,  der  in  der  Oberlausitz  be- 
kannt ist,  bedarf  es  kaum  der  Erwähnung,  dafs  schlechthin  niemand 
fiir  die  Aufjg^abe  besser  ausgerüstet  gewesen  wäre,  und  dafe  sie  auf 
das  Zuverlässigste  und  Wohlbegründetste  und  zugleich  in  durchaus 
anschaulicher,  energisch  die  lebendigen  Tatsachen  zusammenfassender 
Weise  gelöst  ist.  Knothe  beherrscht  das  gesamte  vorhandene  Material 
in  einer  solchen  Weise,  dais  er  kurz  sem  kann'*  u.  s.  w.  Ergänzend 
stehen  auch  diesem  Werke  andere  Aufsätze  zur  Seite,  wie  der  über 
die  Auskaufungen  von  Bauergütem  in  der  Oberlausite  (N.  L.  M.  72)^ 
über  die  verschiedenen  Klagen  slavischer  Höriger  in  den  wettinischen 
Landen  wahrend  der  Zeit  vom  XI.  bis  zum  XIV.  Jahrhundert  (N.  Arch. 
f.  Sachs.  Cjesch.  4).  Femer  seien  von  kulturgeschichtlichen  Arbeiten 
genannt  die  Abbandlungen  Zur  Geschichte  der  Juden  in  der  Ober- 
lausiiß  während  des  Mittelalters  und  Die  Entstehung  und  Bildung 
bürgerlicher  Familiennamen  . .  .  bis  gegen  Ende  des  XIV.  Jahrhunderts 
(N.  Arch.  f.  Sachs.  Gesch.  2  und  14).  Auch  die  Handwerks- 
geschichte ging  nicht  leer  aus,  die  Geschichte  des  Tuchmacher^ 
hamdwerks  in  der  Oberlausitz  bis  Anfang  des  XVI I.  Jahrhunderts 
(N.  L.  M.  58)  ist  eine  sehr  schätzbare,  grundlegende  Studie. 

Die  ganze  reiche  Lebensarbeit  des  fleifsigen  Mannes  beschränkt 
sich  aber,  wie  des  Näheren  gezeigt  ist,  fast  ausschließlich  auf  die 
Oberlausitz.  Die  wenigen  Ausnahmen,  einige  meist  kurze  Aufsätze 
über  angrenzende  Orte  und  Gegenden  des  nordöstlichen 
Böhmens*)  sowie  der  südöstlichen  Niederlausitz*)  beruhen 
aoch  auf  gewissen  lokalen  oder   sachlichen   Beziehungen    zur  Ober- 

i)  So  aber  Pfarrei  Grottaa,  Herrschaft  Gabel  •  Lämberg ,  über  das  SchleiniUer 
Liodcben. 

i)  Über  Sorau,  Beetkow,  Storkow  im  Besitz  sächsischer  Fürsien,  in  den  Nieder- 
Isuitscr  Mitteil.  3. 


—     158     — 

lausitz,  und  auch  die  auf  meifsnische  Geschichte  bezüglichen  Aufsätze 
in  sächsischen  Zeitschriften  zeigen  stets  einen  ähnlichen  Zusammenhang  '). 

Auch  die  literarges chichtliche  Abhandlung  über  den  Barden 
Bhingidphf  den  Dichter  Karl  Friedrich  Kretschmann  (Zittauer  Gym- 
nasialprogramm 1858),  die  sachlich  mit  der  Oberlausitz  nichts  zu  tun 
hat,  ist  nur  dadurch  veranlafst,  dafs  Kretschmann  aus  Zittau  stammte, 
hier  lebte  und  starb. 

Knothe  war  also  provinzialgeschichtlicher  Spezialist  von  so  aus- 
Schliefelich  oberlausitzischer  Tendenz,  wie  das  in  anderen  Territorien 
bei  entsprechender  Vielseitigkeit  auf  allen  Teilgebieten  der  Geschichts- 
wissenschaft und  ihrer  Hilfsdisziplinen  und  bei  gleichem  Fleifse  nicht 
häufig  sich  wiederholen  wird.  Er  wufete  und  fühlte  es  auch  selbst, 
dafs  hierin  seine  Stärke,  aber  auch  seine  Schwäche  lag.  Wenn  von 
ihm,  wie  es  nicht  selten  von  minder  in  seine  Eigenart  Eingeweihten 
geschah,  eine  Auskunft  über  niederlausitzische  Dinge  erbeten  wurde, 
so  wies  er  das  entschieden  und  halb  scherzend,  halb  ernsthaft  un- 
willig über  eine  solche  in  seinen  Augen  eigentlich  ungehörige  Zu- 
mutung ab:  „Ist  Niederlausitz!  geht  mich  nichts  an!'*  Allen  seinen 
Arbeiten  ist  emsiger  Fleife,  redlichstes  Bestreben  nach  wahrer  Er- 
kenntnis und  zuverlässiger  Wiedergabe  der  gewonnenen  Ergebnisse, 
ohne  jede  der  historischen  Objektivität  widerstreitende  Nebenabsicht, 
eigen  —  vgl.  seine  Polemik  mit  Pastor  Scheuffler  über  religiöse 
Fragen,  N.  L.  M.  57,  58,  obwohl  Knothe  selbst  ein  treuer  Protestant 
war;  damit  verbinden  sich  schlichte  Klarheit  des  Ausdrucks  und 
bescheidener  Sinn,  wenn  er  auch  im  Gefühl  seiner  umfassenden  Kennt- 
nisse, seiner  Beherrschung  des  gesamten  oberlausitzischen  Geschichts- 
gebiets und  seiner  vielen ,  meist  sehr  gut  beurteilten  Arbeiten  *)  et- 
waigen Widerspruch  gelegentlich  schwer  verwinden  konnte.  Solche 
kleine  Schwächen  sind  ja  eben  leicht  den  Vorzügen  gepaart  und 
sogar  durch  sie  hervorgerufen.  Die  deutsche  Provinzialgeschichte  hat 
in  ihm  einen  ihrer  würdigsten  Vertreter  verloren,  von  dessen  Arbeiten 


i)  So  über  die  politischen  Beziehungen  zwischen  der  Oberlausitz  und  Meißen 
in  Webers  Archiv  12,  über  die  Vereinharungen  zmschen  König  Johann  von  Böhmen, 
Herzog  Heinrich  txm  Jauer  und  Bischof  Withego  von  Meißen  1319  in  Webers 
Archiv  8,  über  die  Kragensche  Fehde  im  N.  Arch.  f.  Sachs.  Gesch.  7. 

2)  Verschiedene  seiner  Abhandlangen  waren  preisgekrönte  Bearbeitungen  der  von 
der  Oberlaosiiser  GeseUschaft  der  Wissenschaften  aasgeschriebenen  Themen,  so  die  ^e- 
schichte  des  Eigenschen  Kreises  (1870),  Die  Grundlagen  zu  einer  Bechtsgesehiehte 
der  Oberlausitz  (1877),  Der  Anteil  der  Oberlausitz  an  den  Änßngen  des  30jähr%gen 
Krieges  (1880),  Die  Stellung  der  Gutsunterihanen  (1885). 


—     159     — 

gar  manche  auch  über  den  provinziellen  Interessenkreis  hinaus  bisher 
stets  Beachtung  gefunden  haben  und  sie  auch  femer  wahrlich  ver* 
dienen  *). 


t^oland  ^  l^undsohau 

Von 
G,  Seile  (Oldenburg) 

(Schlufs) «) 

Mein  Schriftchen  über  den  Roland  zu  Bremen*),  auf  welches 
ich  im  verflossenen  Jahre  hinwies,  hat  die  Historische  Gesellschaft  zu 
Bremen,  die  es  herausgegeben  hat,  nun  auch  im  XX.  Band  ihres- 
Bremischen  Jahrbuches  1902,  S.  i  ff.,  wiederholt.  Ich  verweise  be- 
sonders auf  die  darin  veröffentlichte  neue,  in  Heliogravüre  ausgeführte 
photographische  Aufnahme  des  Roland  mit  dem  Rathause  als  Hinter- 
grund. Sachlich  zu  bemerken  ist,  dafe  meine  Angabe  S.  7,  der  Bremer 
Roland  sei  sowohl  historischer  Überlieferung  als  formaler  Bildung  nach 
das  älteste  dei^  in  Norddeutschland  bekannten  Bilder,  sich  selbstver- 
Btändlicfa,  wie  auch  aus  dem  ganzen  Zusammenhange  hervorgeht,  nur  auf 
die  erhaltenen  Rolandstatuen  bezog.  Die  überhaupt  erste  urkund- 
liche Erwähnung  eines  städtischen  Roland  ist  die  des  Hamburger 
im  Jahre  1342*);  —  Femer  schreibt  mir  Herr  Professor  Dr.  O.  Schroeder, 
da(s  der  Dom  zu  Verona  nicht  dem  heUigen  Zcno  geweiht  ist  (S.  21),- 
sondern  von  der  Kirche  S.  Zeno  eine  halbe  Stunde  entfernt  liegt.  —  Bald 

i)  Als  Gnmdlageo  der  vorstehenden  Lebeosskizze  and  literarischen  Würdigung, 
dienten:  der  Nekrolog  seines  Vaters  K.  F.  Knotbe  im  N.  L.  M.  33  (1857),  448 f.; 
Bemerknngen  Knothes  selbst  in  der  Geschichte  des  Fleckens  Hirschfelde  (s.  oben), 
•ovie  andere  Angaben  in  verschiedenen  Bänden  des  N  L.  M.;  W.  Haan,  Sächsisches- 
SeknfUUOer-Lexikon  (Leipzig  1875),  S.  i66f.;  A.  Meitzen,  Die  Oberlausitz  und 
Hermann  Knothe  (in  den  Götting.  Gelehrten  Anzeigen  1887,  Nr.  2,  S.  66 f.); 
O.  Friedrich,  Album  des  Gymnasiums  tu  Zittau  (Zittau  1886),  S.  87,  183; 
B.  Poten,  Cteschichte  des  Mihtär-Erziehungs-  und  Bildungswesens  in  Sachsen 
(Berlin  1897),  S.  134;  mündliche  and  schriftliche  Mitteilangen  von  Freunden  und  Be- 
kannten Knothes,  sowie  persönliche  langjährige  Bekanntschaft. 

2)  Vgl.  oben  S.  113— 128. 

3)  I}er  Roland  mu  Bremen,  Von  Georg  SeUo.  Mit  i  Heliogravüre  und  11  Ab- 
büdnngcn  im  Text.  Heransgegeben  von  der  Historischen  GeseUschaft  des  Künstlervereins- 
»  Bremen.  Max  Nössler  1901.  69  S.  8.  Aus  der  allgemeinen  Einleitung  der  Schria 
habe  ich  anf  AniTordernng  der  Redaktion  einen  Aufsatz  über  Entstehung  und  Bedeutung: 
öer  Rolande  för  die  Gartenlaube  (1902,  no.  29)  geformt. 

4)  Von  demselben  wird  später  noch  die  Rede  sein. 


—     160     — 

nach  der  Ausgabe  meines  Büchleins  ging  die  Bremer  Bauverwaltung* 
daran,  ihren  Roland  einer  gründlichen  Reinigung  zu  unterziehen  und 
einige  völlig  verwitterte  Teile  unter  sorgfältigster  Nachbildung  des  Altea 
zu  erneuern.  Dabei  kamen  mancherlei  Reste  der  letzten  Bemalimg  zu 
Tage  und  es  konnte  mit  Hilfe  des  aufgeschlagenen  Gerüstes  festgestellt 
werden,  dafs  der  ganze  Kopf  einer  ziemlich  späten  Restauration  angehört 
(vgl.  meine  Bemerkungen  über  den  auffälligen  Schnitt  des  Profils  S.  67» 
Anm.  130)  ').  Bei  dieser  Gelegenheit  wurde  die  stilgerechte  Restauration 
der  Bekrönung  der  Statue  (welche  etwa  um  1800  in  ganz  ungeschickter 
Weise  unter  Benutzung  alter  Teile  erneuert  worden  ist)  und  die  Wieder- 
herstellung ihrer  alten  Bemalung  erwogen.  Hoffentlich  kommt  die- 
selbe bis  zum  500jährigen  Jubiläum  der  Statue  im  Jahre  1904  zur 
Ausführung.  Gewisse  Kreise  der  Bremer  Bevölkerung  finden  daran 
vorläufig  kein  Gefallen;  ein  „eingesandtes"  Gedicht  (Bremer  Nachrichten 
1901,  Nr.  353)  läfst  den  Roland  bitten: 

Man  een  Ding  doht  mi  nich  to  leed, 
Smeert  mi  nich  an  med  Klör! 
De  unnerliggt  de  „Mode"  so, 
Ick  bin  dor  gor  nich  för; 
Eikeen  hat  sin'  Gesmack  fÖr  sick. 
Ick  bin  man  'n  groven  Mann: 
Treckt  mi  biet  keen  karreerde  Büx 
Un  keen  Busruntje  an! 

Wie  der  Bremer  Roland  in  der  französischen  Zeit  zu  einem  Hei- 
ligen umgestempelt  wurde,  so  hat  er  schon  viel  früher  zu  einem  Hei- 
ligen Modell  gestanden.  Im  Jahre  1448  gofs  Gerd  Klinge  eine  Glocke 
für  die  Stiftskirche  S.  Alexandri  im  uralten  oldenburgischen  Widukinds- 
städtchen  Wildes  hausen.  Auf  dieser  Glocke  sollte  der  Stiftsheilige 
dargestellt  werden;  da  dem  Künstler  für  die  Erscheinung  des  bescheidenen 
Märtyrerknaben  jeder  Anhalt  fehlte,  machte  er  naiv  genug  aus  dem 
Träger  eines  so  heroischen  Namens  einen  Krieger,  den  er  seinem 
heimischen  Rolande  nachbildete,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dafe  er 
die  Spitze  des  Schwertes  gegen  den  Boden  kehrte.  Damit  schuf 
er  ein  Bild,  welches  dem  Hamburger  Bismarck-Roland  bemerkenswert 
ähnelt.  Dafs,  abgesehen  von  dieser  ihnen  übrigens  verborgenen  Roland- 
vetterschaft des  heiligen  Alexander,  die  Herausgeber  der  Bau-  und 
Kunstdenkmäler  des  Herzogtums  Oldenburg  in  Wildeshausen  auf  Grund 
einer  „sagenhaften"  Irmensul-Erinnerung  einen   „mittelalterlichen  Ro- 


i)  Nach  geföUigen  Mitteilnngen  des  Herrn  SUdtbaarat  Weber,  welche  dorch  Zeich- 
Dangen  und  pbotographische  Detailaufnahroen  erläutert  waren. 


—     161     — 

hnd"  gesucht  haben  (1896),  ist  bereits  im  Jahre  1901  (S.  41)  von 
mir,  unter  Nachweis  der  ganz  unsinnigen  Entstehungsursache  dieser 
angeblichen  SaLge^  mi^eteilt  worden.  Der  sich  nicht  nennende  Heraus- 
geber der  letzten  Auflage  der  „  Oldenbtirger  Spaziergänge  und  Aus- 
fioge*'  (Oldenburg  19CX)),  welcher  mit  einem  Mitgliede  der  Denkmäler- 
Inventarisationskommission  identisch  sein  dürfte,  hat  nun  zwar  den 
Roland  wieder  gestrichen,  von  der  Irmensul  sich  aber  nicht  zu  trennen 
vennocht  Sie  soll  gestanden  haben,  wo  der  Bnmnen  vor  dem  Rat- 
hause  sich  befindet,  und  vom  Christ  gewordenen  Widukind  zerstört  sein  ^). 

Der  oben  (S.  159,  Anm.  3)  erwähnte  Aufisatz  in  „der  Garten- 
laobe''  hat  mir  eine  Reihe  amüsanter  Reklamationen  über  von  mir 
, vergessene"  oder  mir  „imbekannte"  Rolande  eingetragen,  welche 
wiederum  das  zu  beweisen  scheinen,  was  ich  eingangs  die  „versonnene" 
Liebe  der  Norddeutschen  zu  ihrem  Rolandmotiv  nannte.  So  bricht 
2.  B.  ein  Perleberger  eine  ritterliche  Lanze  iiir  den  Roland  seiner 
Heimatstadt,  welcher  „einer  der  ältesten  und  besterhaltenen"  sei;  er 
hatte  offenbar  die  Jahreszahl  1546  am  Stützpfeiler  der  Statue  und  das 
Kostüm  übersehen;  wie  der  Perleberger  Roland  1871  seine  Nase 
verlor  und  für  53  Thlr.  23  Sgr.  wieder  erhielt,  hat  GeorgBufs  in  der 
Zeitschrift  „Zur  guten  Stunde"  (1892,  S.  207)  ganz  lustig  erzählt  Aus 
Bdgem  kamen  gleich  fiinf  Postkarten  mit  Ansicht,  auf  deren  einer 
CS  vorwurfisvoll  hiefs,  der  dortige  Roland  sei  doch  einer  der  gröfsten, 
während  ein  Anderer  nur  meinte,  derselbe  sei  doch  „gewifs  hübsch". 

Corbach  in  Waldeck  war  mir  schon  vor  längeren  Jahren  als 
Rolandort  genannt  worden ;  mein  inzwischen  verstorbener  sphragistischer 
Gewährsmann  hatte  mich  aber  auf  eine  ganz  falsche  Fährte  gebracht. 
Nun  hat  mich  Herr  Professor  A.  Leifs  in  Wiesbaden  auf  das  liebens- 
würdigste und  ausführlichste  schriftlich  orientiert  und  in  den  Ge- 
schichtsblättem  für  Waldeck  und  Pyrmont  (II,  1902,  S.  iii  ff.)  selbst 
ein  Referat  gegeben.  Am  Südportal  der  Pfarrkirche  St.  Küian 
(früher  auf  der  Spitze  des  Giebels,  jetzt  in  einer  Nische  des  östlich 
flankierenden  Strebepfeilers)  befindet  sich  (nach  mir  vorliegender  Photo- 
graphie) die  mittelgrofse  Figur  eines  Kriegers  mit  Plattenharnisch 
und  Helm,   mit   der  Linken    sich   auf  einen   Schild   stützend,  in   der 

i)  Anhäoger  der  RoUnd-Irmensol-Tbeorie  mache  ich  darauf  aufmerksam,  dafs  bei  dem 
mtgmts  lopis  in  foro  Wildeshusensi  Kaufverträge  abgeschlossen  wurden  (Urkunde  yom 
28.  April  1281,  H.  Sudendorf,  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Stifts  Wildeshausen,  in  Ztschr.  f. 
▼itcrläod.  Gesch.  o.  Altertumskunde,  herausgeg.  von  Erhard  und  Gehrken.  VL  Münster 
1S43,  S.  269;  dgL  Yom  22.  Mai  1310,  ungedr.,  Oldenburg.  Arch.).  Es  dürfte  leicht 
icia,  daraus  and  aus  der  2^ichnung  bei  Balth.  Voigtländer  (vgl.  DGBl.  II,  41,  Anm.  t) 
«ioea  regelrechten  Irmin-Roland-Kultus  zu  konstruieren.  - 

12 


—     162     — 

Rechten  anscheinend  eine  Fahne  haltend.  Ältere  Leute  bezeichnen 
dieselbe  als  ^ Roland'^.  M.  Stephanus  Ritter,  Rektor  des  Corbacher 
Gymnasiums,  sagt  darüber  in  seiner  Cosmographia  prosometrica  (Mar- 
burg* 1619,  S.  524):  templum  s.  Kiliant  in  urbe  veteri,  portatn  ob^ 
iinens,  qnae  forum  resptci't,  sculptiltbus  eleganter  exornatam,  tnter 
quae  etiam  est  statua  Rolandt,  istum  in  locum  e/oro  trans- 
lata.  Auf  diesen  ^.Roland"  als  Freiheitswahrzeichen  berief  sich  die 
Stadt  Corbach  in  einer  beim  Reichskammergericht  gegen  den  Grafen 
anhängig  gemachten  Klage  wegen  Eintreibung  neuer,  ungebräuchlicher 
und  unverbindlicher  Abgaben,  wogegen  der  gräfliche  Kanzler  Zacharias 
Vietor  am  16.  Juni  1620  in  der  Klagebeantwortung  erwiderte,  dals  die 
Bürgerschaft  dessen  nit  ein  einzigen  Schein  oder  Buchstaben  jetnat 
vorzeigen  können;  nur  was  cUte  Weiber  von  einem  unsichtbaren 
und  in  Ewigkeit  unerfindlichen  Roland  etwa  geträumet  haben, 
läßt  man  sie  gut  darvor  sein  *).  Auf  den  lebhaften  Wortstreit  der 
älteren  Lokalbistoriker :  ob  Roland?  ob  nicht?  ist  es  unnötig  einzu- 
gehen, da  in  demselben  sachlich  nichts  Neues  beigebracht  wird.  Die 
Figur,  einem  St.  Moritz  gleichend,  mag  ursprünglich  als  Brunnenfigur 
auf  dem  Marktplatz  gestanden  haben. 

Einen  ebensolchen  ehemals  als  Brunnenfigur  dienenden,  jetzt  am 
grofeherzoglichen  Schlosse  eingemauerten  „Roland'^  wUl,  wie  er  mir 
im  Frühjahr  1902  mündlich  mitzuteilen  die  Freundlichkeit  hatte,  Herr 
Professor  Haupt  in  Eutin  gefunden  haben. 

Den  von  Götze  erwähnten  Roland  in  Königsberg,  Ostpreulsen, 
hat,  wie  mir  Herr  Professor  Dr.  H.  Ehrenberg  nachzuweisen  die  Liebens- 
würdigkeit gehabt  bat,  Steffenhagen  entdeckt  (Königsberger  Hartungsche 
Zeitung  1863,  BeUage  zu  Nr.  143.  146;  Altpreufe.  Monatsschrift  1864^ 
S.  155 — 158),  irre  geleitet  durch  eine  Notiz  in  „Erläutertes  Preufeen" 
II,  Stück  19,  1724,  S.  499  (auch  in  Caspars  Steins  Beschreibung  der 
Stadt  Königsberg,  XVII.  Jahrhundert,  in  deutscher  Übersetzung  bei 
A.  Bötticher,  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  der  Provinz  Ostpreu&en» 
VII,  Königsberg  1897,  S.  216):  „an  denen  Wänden  (des  alten  Junker- 
hofes in  Königsberg)  stehen  einige  Statuen,  als  z.  E.  des  Arturi  Königs 
von  Engeland,  des  grofsen  Rolands  im  Harnisch  und  blolsem  Schwert 
mit  einem  Mantel,  Caroli  Magni,  Herculis  . . .,  Sebastiani".  Das  Ge- 
bäude ist  längst  abgebrochen;  es  wurde  samt  den  Statuen  an  die 
Pinnauer  Fabrik  für  Mehl,  Graupe  etc.  verkauft.  Die  Bildsäulen  gingen 
auf  dem  Transport   entzwei;   die   des  Roland   wurde  von  den  Fabrik- 

I)  Gräffliche  Waldeckische  Ehreorettnng,  Frankfart  a.  M.   1624.     Beilage  Nr.  XXDC» 

s.  343. 


—     163     — 

arbeitem  allmählich  zu  Schleifstemen  verbraucht.  Es  liegt  auf  der 
Hand,  dafs  es  sich  hier  um  eine  reine  Dekorativfigur  handelte,  welche 
für  unsere  Frage  gar  nicht  in  Betracht  kommt. 

Den  reitenden  Roland  zuNeuhaldensleben  hat  Lonitz  im  Anhange 
zu  seiner  schon  besprochenen  Studie  Die  Rolandsäulen  (s.  oben 
S.  1 19 — 120)  behandelt.  Er  ist  ihm  einer  der  ältesten,  vielleicht  der  älteste 
aller  Rolande  auf  sächsischem  Gebiet ;  denn  er  hat  die  ursprüngliche 
Bezeichnung  „Himmelskönig"  oder  „König"  getragen.  Der  Beweis 
dafür,  bei  welchem  des  Verfassers  frühere  Ausführungen  Voraussetzung 
sind,  ist  überwält^end.  Er  geht  aus  von  der  bei  Neuhaldensleben 
gelegenen  Anhöhe  „Kinnikenberg",  im  Jahre  172 1  „Königesberg". 
Im  Ohretale  bei  Haldesleve  war  jedenfalls  schon  seit  uralten  Zeiten 
eine  Malstätte,  erst  der  Langobarden,  dann  der  Wenden,  dann  der 
Mischbevölkerung  von  Sachsen,  Franken  und  Wenden.  Hier,  am 
Schlüsselpunkt  zum  Wendenlande,  war  der  Ort,  wo  die  Kirche  zuerst 
den  Weg  des  Kompromisses  einzuschlagen  sich  genötigt  sah.  „Hier, 
entfernt  von  der  alten  heidnischen  Malstatt,  welche  von  den  katho- 
lischen Priestern  nun  „Teufelsküche"  genannt  wurde,  wurde  der  erste 
hölzerne  Himmelskönig  errichtet.  Es  ist  nicht  unmöglich,  dafs  säch- 
sischer Einfluis  auch  Wuotans  Pferd  Sleipner  Recht  verschaffte,  und 
daher  dieser  erste  Himmelskönig  zu  Pferde  steigen  mulste,  was  später 
nicht  mehr  (als  zu  entlegen  dem  Christusbegriff)  gestattet  worden  ist." 
Ringsherum  lag  der  Hagen  für  den  Volks-  und  Marktverkehr,  mit  der 
Hauptquelle  für  das  Volk,  dem  „Quickbom",  einer  zweiten  Quelle, 
und  dem  Aufenthaltsort  der  Priester,  dem  „Papenberg**.  Nachdem 
die  Stadt  1224  das  Magdeburger  Recht  erhalten  hatte,  „wurde  der 
König  vom  Königesberg  im  Jubel  eingeholt  und  auf  dem  Marktplatz, 
das  Antlitz  nach  Morgen,  aufgerichtet  Damit  hörte  wohl  auch  die 
Bezeichnung  , König*  auf  und  der  , Roland*  wurde  modern". 

Bei  diesem  Phantasiereichtum  ist  es  begreiflich,  dafs  dem  Ver- 
fasser das  Jahr  der  Errichtung  der  jetzigen  Statue,  1528  *),  ganz  un- 
bekannt ist  2^it  wäre  es,  dafs  die  Ortshistoriker  endlich  die  Richtig- 
keit der  Notiz  von  Behrends,  dais  der  Neuhaldensleber  Roland  1419 
in  einem  „alten  Ratsbuche"  erwähnt  werde,  feststellten  *). 

Über  den  Nordhausener  Roland  hatte,  wie  ich  1900  (S.  45) 
berichtet  habe,  Karl  Meyer-Nordhausen  im  Feuilleton  der  Nordhäuser 

i)  G.  Torquatos,  Anoal.  Magdeb.  et  Halberstad.,  1574,  bei  Boysen,  Monum, 
ined,  red,  Gtrm,^  praecipue  Magdeburguarum  ei  Halber stadensium  I  (1761),  S.  165. 

2)  VgL  dazu  meinen  Aufsatz  im  Montagsbl.  der  Magdeb.  Zeitung  1890,  unter  Neu- 
htldensleben. 

12* 


—     164     — 

Zeitung  vom  30.  August  1899  *)  einen  Aufsatz  geschrieben,  in  dem  es 
ihm  gelungen,  dessen  urkundliche  Existenz  bis  in  das  Jahr  141t  hinauf- 
zurücken.  Dieser  Aufsatz  ist  danach  in  die  Zeitschrift  des  Harzvereins 
Rir  Geschichte  und  Altertumskunde  •)  übernommen  worden,  mit  einigen 
redaktionellen  Änderungen  und  mit  zwei  Zusätzen,  welche  hier  zu  er- 
wähnen sind.  Meyer,  der,  wie  vorausgeschickt  werden  mufs,  zu  Ein- 
gang seines  Aufsatzes  das  in  Platens  Osterprogramm  1899')  zusammen- 
getragene Beweismaterial  als  bei  weitaus  den  meisten  Rolandsorten 
genügend  erklärt,  um  der  Annahme  einstiger  Donarsverehrung  an  ihnen 
einen  hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit  zu  verleihen,  hatte  in  dem 
Nordhäuser  Domlehns-  und  Zinsbuche  von  1322  für  ein  Gehöft  in  der 
Nähe  des  alten  Kaufhauses  (und  Rathauses)  die  Bezeichnung  curia 
contra  truncum  gefunden.  Diesen  „truncus"  oder  Baumstumpf  (Holz- 
säule) hielt  er  für  die  älteste  Rolandssäule  der  Stadt  Nordhausen,  <Ue 
damals  noch  nicht  die  Gestalt  eines  Königs  hatte.  Eine  bedeutsame 
Holzsäule  müsse  sie  gewesen  sein,  sonst  hätte  man  nicht  die  Lage 
eines  Hofes  nach  ihr  bezeichnet.  „Ist  meine  Annahme  richtig,  so 
fuhr  er  fort,  und  ich  glaube  das,  so  ist  die  Existenz  einer  Rolandssäule 
in  Nordhausen  im  Jahre  1322  urkundlich  bezeugt."  Diese  „Sachlage 
und  Vermutung"  teilte  er  an  R.  Platen  mit,  und  dessen  Antwort  vom 
9.  September  ist  nun  dem  Abdruck  des  Feuilletons  in  der  Harzvereins- 
Zeitschrift  eingefügt.  Darin  heifst  es:  „Die  von  Ihnen  aufgefundene 
Nachricht  über  den  , truncus*  im  Jahre  1322,  den  ich  wie  Sie  mit 
vollster  Überzeugung*)  auf  den  Vorgänger  des  Rolandes  be- 
ziehe, ist  meines  Erachtens  von  weittragendster  Bedeutung  für  die 
ganze  Rolandsfrage"  ...  „Es  ist  nunmehr  ein  Punkt  von  wunder- 
barer Festigkeit  gewonnen.  Da  1322  noch  nicht  die  Bezeichnung 
, Roland'  an  dem  Bilde  haftet,  so  läfst  sich  meines  Erachtens  der 
Übergang  des  Namens  Roland  auf  die  alten  Zeichen  mit 
ziemlicher  Bestimmtheit  in  die  Zeit  zwischen  1322  und  1341,  Er- 
wähnung des  Halleschen  Rolands,  verlegen.  Weiter  aber  und  vor 
allem  scheint  mh:  die  ältere  Bezeichnung  , truncus*  von  höchster  Be- 
deutung" —  es  folgt  nun  der  „truncus"  =  Irminsul  des  Rudolf  von  Fulda. 

i)  Das  von  mir  dort  angegebene  Jahr  1900  ist  ein  Schreibfehler.  ^ 

2)  XXXn.  Jahrg.  1899,  Wernigerode  1899,  S.  625     631. 

3)  Von  dieser  Arbeit  liegt  bisher  immer  noch  der  erste  Teil  aUein  gednickt  tof, 
aber  demnächst  wird  das  Ganze  —  der  erste  Teil  nochmals  mit  —  veröffentlicht  werden 
unter  dem  Titel:  Der  Ursprung  der  Rolande  von  Paul  Platen,  aus  Anlass  der  deut- 
schen Städteausstellung  tu  Dresden  igoj  veröffentlicht  vom  Vereine  für  Geschichte 
Dresdens. 

4)  Diese  nnd  die  folgenden  Sperrungen  sind  von  mir  vorgeschrieben. 


—     165     — 

„Ich  messe  der  von  Ihnen  au^efiindenen  Nachricht  gro&e  Bedeutung 
iur  die  Rolandsfrage  bei."  Dals  dieser  Punkt  von  wunderbarer  Festig- 
keit bei  richtiger  Übersetzung  des  in  mittelalterlichen  Quellen  un- 
gezählte Male  vorkommenden  truncus  zerrinnt,  braucht  hier  nicht 
wiederholt  zu  werden.  Platen  insbesondere  hätte  sich  übrigens  bei 
dem  von  ihm  so  liebevoll  in  Schutz  genommenen,  von  anderen  „so 
hart  beurteilten"  Zöpfl  vorher  Rats  erholen  sollen  (Altertümer  des 
deotschen  Reichs  und  Rechts  I,  S.  54  S  13  yJ^Qi  Stock.  Diebstock", 
vgl.  S.  60).  So  recht  hat  freilich  auch  dieser  die  Sache  nicht  be- 
griffen, denn  er  versteht  darunter  ein  „Gefängnis";  das  ist  aber  immer 
noch  erträglicher  als  die  Meyer -Platensche  Übersetzung  Irmensul- 
Roland. 

Im  Jahre  1708  hatte  Melissantes  den  Nordhäuser  Roland  gehamischt 
und  im  Helm  beschrieben,  Berckenmeyer  1709  aber  mit  der  Krone 
auf  dem  Haupte.  Hierauf  bezieht  sich  der  zweite  Zusatz  Meyers.  Die 
Unrichtigkeit  der  ersteren  Angabe  will  er  durch  ein  einheimisches 
Zeugnis  nachweisen.  Der  Nordhäuser  Chronist  Kindervater  teile  in 
seiner  171 5  erschienenen  Nordhusa  ülustrü  ein  „weit  über  hundert 
Jahre  altes  Gedicht"  mit,  nach  welchem  der  Roland  Krone  und 
Schwert  trug.  Dazu  mag  bemerkt  werden,  dafs  die  Datierung  von 
Kindervaters  Quelle  zu  unbestimmt  und  unsicher  ist,  um  mit  ihrer 
Hilfe  präzise  Kritik  zu  üben,  und  dafis,  wenn  man  genauer  zusieht, 
die  von  Melissantes  gegebene,  1708  gedruckte  Beschreibung  sehr 
wohl  auf  dem  Befund  einer  früheren  Besichtigung  beruhen  kann. 
Bis  auf  weiteres  liegt  also  kein  hinreichender  Grund  vor,  die  sach- 
liche Richtigkeit  der  Melissantesschen  Angabe  in  Zweifel  zu  ziehen; 
ihre  chronologische  Zuverlässigkeit  erscheint  auch  sonst  fraglich  *), 

Wir  wenden  uns  nun  den  böhmischen  Rolanden  zu.  Infolge 
meines  vorjährigen  Berichts,  in  welchem  (S.  34)  Aufklärung  über  die 
Prager  Brunswicksäule  erbeten  wurde,  sind  an  die  Redaktion  ver- 
schiedene Beschwerden  von  Nordböhmen  darüber  ergangen,  dafs  die 
ans  deutschem  Samen  geborenen  Rolande  ihrer  Heimat  in  der  Roland- 
torschung  des  Stammlandes  nicht  die  genügende  Berücksichtigung  ge- 
funden hätten.  In  ihrer  Allgemeinheit  ist  diese  Behauptung  nicht  ganz 
richtig.  Was  über  die  Rolande  zu  Prag,  Leitmeritz,  Komotau,  Aman 
bei  Zöpfl,  Götze,  Müller  und  Mothes  (Archäologisches  Wörterbuch), 
R.Schroeder  und  in  meiner  Abhandlung  von  1890  mitgeteilt  war,  ge- 
Qugte  durchaus,  um  zu  erkennen,  dafs  die  fraglichen  Bildwerke  schwer- 


I)  In  meioem  Roland  zu  Bremen  S.  1 7  ist  dem  nicht  genügend  Rechnung  getragen. 


—     166     — 

lieh  in  irgendeiner  Weise  für  die  Lösung  der  Rolandfrage  bedeutsam 
seien.  Freilich  fehlte  der  Roland  zu  Eger  darunter,  der  einzige,  welcher 
im  XVI.  Jahrhundert  einmal  gelegentlich  diesen  Namen  führt ;  es  wird 
sich  aber  zeigen,  dafs  auch  er  nicht  bedeutungsvoller  ist. 

Seit  in  Deutschland  die  Rolandfrage  in  Flufs  gekommen,  haben, 
soweit  ich  zu  sehen  vermag,  die  Deutsch  -  Böhmen  sich  darüber  nie 
mit  unserer  Wissenschaft  ins  Vernehmen  gesetzt;  meinem  durch  jene 
Reklamationen  angeregten  Wunsche,  die  deutsch  -  böhmische  Roland- 
literatur  gründlicher  kennen  zu  lernen,  sind  von  kollegialer  und  von 
buchhändlerischer  Seite  ganz  unerwartete  Schwierigkeiten  bereitet 
worden ;  nur  der  glücklichen  Hand  des  Herrn  Dr.  Armin  TUle  ist  es 
gelungen,  durch  die  grofee  Gefälligkeit  des  Herrn  Ankert  in  Leitmeritz 
eine  Reihe  recht  willkommener  Nachrichten  zu  erhalten. 

Danach  hat,  einem  kurzen  Referat  in  den  Mitteilungen  des  Nord- 
böhmischen Exkursionsklubs  (IV,  127)  zufolge,  Oberlehrer  Grunert  in 
der  Generalversammlung  des  Konoyeser  Lokalklubs  einen  Vortrag  über 
die  Rolandsäulen,  die  uralten  Zeichen  des  einstigen  Magdeburger 
Rechtes,  gehalten.  Die  Richtung  der  dortigen  Lokalforschung  liegt 
hierin  programmatisch  ausgedrückt.  Sehen  wir,  wie  es  um  die  monu- 
mentalen Stützen  derselben  im  einzelnen  bestellt  ist. 

Als  böhmische  Rolande  werden,  von  Westen  nach  Osten  fort- 
schreitend, links  der  Elbe,  am  Südrande  des  Erzgebirges,  im  Gebiet 
der  Eger,  genannt  Eger,  Saatz,  Komotau;  an  der  Mündung  der 
Eger  in  die  Elbe,  im  „böhmischen  Paradies",  Leitmeritz;  rechts 
der  Elbe,  am  Fufse  des  Riesengebirges,  Arn  au;  südlich  von  dieser 
leicht  nach  Norden  geschwungenen  Linie  Prag.  Saatz  und  Komotau 
dürfen  von  vornherein  ausscheiden.  Erstere  Stadt  betreffend  hat  der 
verstorbene  Leitmeritzer  Stadtarchivar  Professor  Dr.  W.  Katzerowsky 
in  einer  handschriftlichen  Notiz  lediglich  die  Frage  aufgeworfen,  ob 
die  dortige  Brunnensäule  in  der  Nähe  des  Rathauses  nicht  als  Ge- 
richtssäule anzusehen  sei,  die  zur  Erinnerung  an  die  der  Stadt  von 
König  Ottokar  1266  verliehene  freie  Gerichtsbarkeit  errichtet  wurde; 
ein  Roland  in  Komotau  wird  kurz  in  der  Leipziger  Ulustrierten  Zeitung 
(1902,  Juli  23.  Briefwechsel  mit  Allen  für  Alle)  erwähnt;  Herr  Ankert 
weifs  nur  anzugeben,  dafs  dort  noch  heute  eine  Anhöhe  „Roland- 
höhe"  heifse.  Für  Eger  liegt  eine  recht  fleifeige  Arbeit  von  J.Trötscher 
vor  [Das  Brunnenstandbild  auf  dem  oberen  Marktplatze,  mit  zwei 
Abbildungen,  Egerer  Jahrbuch,  Kalender  für  das  Egerland  und  seine 
Freunde,  XXIV.  Jahrgang  1894).  Nach  dem  städtischen  Ausgabebuche 
zum  Jahre  1528   und   der  Krieglsteinischen  Chronik  zum  Jahre  1529 


—     167     — 

fert^e  Mathes  Maler  auf  dem  Röhrkasten  des  Marktbrunnens  einen 
,,hölzemen  Mann**,  der,  weil  er  am  Martini-Abend  aufgestellt  wurde  und 
dem  alten  Barth  Tischer  (Tischler)  ähnelte,  den  Spitznamen  „Marti 
Barth  Tischer**  erhielt.  Am  4.  August  1581  erbot  sich  der  Bildhauer 
Wolf  Hampf  (Henf,  aus  Helberg) ,  für  den  steinernen  Röhrkasten  ein 
gewapneUs  streitpares  mannsbüd  zu  fertigen,  der  ganzen  gemeinen 
Stadt  zur  ehr,  ihm  selbst  zum  rühm.  Laut  Ratsprotokoll  vom  14.  Sep- 
tember 1584  erhielt  der  Künstler  für  Anfertigung  des  steinernen  Ro- 
land vom  Röhrkasten  ein  Geschenk;  nach  einer  Notiz  des  Gerichts- 
herm  Andr.  Baier  (Gradl ,  Chroniken  der  Stadt  Eger ,  S.  900)  wurde 
der  von  Meister  Wolf  gemachte  steinerne  mann  am  29.  Juli  1591  auf 
den  steinernen  Röhrkasten  gesetzt.  Die  1,84  Meter  hohe  Figur  zeigt 
einen  Gehamischten  in  der  Rüstung  des  ausgehenden  XVI.  Jahrhunderts, 
barhäuptig,  mit  Vollbart,  in  der  Rechten  eine  Lanze  (an  der  eine  Fahne 
befestigt  gewesen)  haltend,  mit  der  Linken  sich  auf  den  Wappenschild 
der  Stadt  Eger  stützend,  dessen  Ende  auf  einem  Löwen  ruht.  Neben 
den  rechten  Fufe  ist  die  0,47  Meter  hohe  Figur  Davids  mit  dem 
Haupt  des  Goliath  angebracht.  Am  Sockel  befindet  sich  die  Jahres- 
zahl der  Errichtung  der  ersten  hölzernen  Figur,  1528.  Im  Volksmunde 
hei&t  das  Standbild  der  Brunnen-Wastl.  Trötscher  kommt  selbst 
zu  dem  Resultat,  dafs  dasselbe  mit  dem  herkömmlichen  Typus  der 
Rolande  (welche  „Wahrzeichen  der  städtischen  Gerichts-  und  Märkt- 
freiheit sind ")  nichts  gemein  hat,  insbesondere  erscheint  ihm  statt  des 
blanken  Schwertes  der  Spiefs  mit  Banner  auffallig.  Er  meint  indessen : 
„was  sonst  das  Schwert  anzeigt,  nämlich  die  Gerichtsbarkeit  über  Leben 
und  Tod  oder  den  Blutbann,  das  deutet  die  gleichsam  zum  Ersatz  an- 
gebrachte kleine  Figur  mit  dem  Schwert  in  der  einen  tmd  dem  ab- 
geschlagenen Haupte  in  der  anderen  Hand  an.  Wir  haben  also  in 
dem  bewaffneten  aufrecht  stehenden  Manne  mit  unbedecktem  Haupte, 
mit  Hambch  und  Beinschienen,  immerhin  eine  Art  Roland,  der 
zugleich  Wappenhalter  ist,  vor  uns.  Es  ist  eine  eigenartige 
Gestaltung  der  Rolandsäule ,  die  ein  Egerer  Meister  des  XVL  Jahr- 
hunderts seiner  Zeit  angepafst  hat."  Dafs  für  die  Geschichte  der 
stadtischen  Rolande  diese  Brunnenfigur  mit  dem  Davidfigürchen ,  ob- 
wohl der  Rat  sie  einmal  im  XVL  Jahrhundert  per  analogiam  Roland 
nemit,  belanglos  ist,  bedarf  keiner  weiteren  Ausführung. 

Über  den  Roland  zu  Leitmeritz  befindet  sich  ein  Aufsatz  mit 
Abbildung  in  dem  „Jahrbuch  Comoto via"  (Komotau  1877,  S.  108 — iio), 
der  mir  nicht  erreichbar  gewesen  ist.  Herr  Ankert  beschreibt  das 
Bildwerk  wie  folgt:  „Am  nördlichen  Strebepfeiler  des  Rathauses,  am 


—     168     — 

Ringplatze,  steht  der  Leitmeritzer  Roland.  Es  ist  dies  ein  kleiner,  in 
einen  Kettenpanzer  gekleideter,  also  geharnischter  Mann  (aus  Stein) 
mit  einer  Kettenhaube.  In  dieser  knapp  anliegenden  Tracht  sieht  er 
fast  nackt  aus.  Die  Linke  stützt  sich  auf  einen  (neueren)  Schild,  welcher 
als  Wappenbild  eine  Geldbörse  zeigt.  Die  Rechte  trägt  eine  Steinkeule 
(bis  1854  eine  hölzerne).  Die  Figur  steht  auf  einem  hohen,  im  Re- 
naissancestil erbauten  Postament,  welches  Medaillons  (Männer  und  ge* 
flügelte  Engelsköpfe)  und  das  Leitmeritzer  Stadtwappen  trägt.  Der 
Sockel  wurde  laut  Inschrift  1539  erbaut.*'  Lippert  [Geschichte  der 
Stadt  Leitmeritz,  Prag  1871,  S.  32)  hält  diesen  „Roland'',  welcher 
mindestens  so  alt  sei  als  die  südliche  gothische  Hälfte  des  Rathauses, 
für  ein  Zeichen  des  Stapelrechts.  Herr  Ankert  bemerkt  dem  gegen- 
über, dals  nach  den  Aufzeichnungen  der  Leitmeritzer  Ratsschreiber 
(Stadtarchiv)  1598  das  Elbewasser  bis  zu  dem  Hute  des  Bradacz  (am 
„alten  Markt"  an  der  Elbe)  gereicht  habe.  Bradacz  sei  =  Roland; 
es  müsse  also  mindestens  damals  zwei  „Rolande"  in  Leitmeritz  ge- 
geben haben.  Ein  Überrest  des  Bradacz  sei  höchstwahrscheinlich 
der  verstümmelte  Steinkopf  in  der  Ufermauer  der  Mühlinsel  nächst  der 
groisen  Elbebrücke.  Dem  ist  wieder  entgegenzuhalten,  dafs  Brada£: 
Grofsbart  heilst,  imd  dafs  diesen  Namen  auch  eines  der  ältesten 
Wahrzeichen  der  Altstadt-Prag  führt,  ein  in  Stein  gehauenes  altes 
bärtiges  Männerantlitz  an  der  Außenseite  des  Bogens,  welcher  den 
kleinen  Platz  neben  dem  Altstädter  Brückenturm,  auf  welchem  die  neue 
Statue  Karls  IV.  steht,  gegen  die  Moldau  stützt  ^). 

Also  auch  hier  wieder  der  Wunsch  der  Vater  des  Gedankens. 
Der  „Roland"  am  Leitmeritzer  Rathause  ist  ein  HerkulesbUd,  wie  es, 
auf  einen  Schild  mit  Stadtwappen  sich  stützend,  1728  an  der  Rathaus- 
treppe und  in  einer  NachbUdung  von  1738  auf  dem  unteren  Markt- 
brunnen zu  Eger  aufgestellt  wurde,  um  als  „wUder  Mann"  für  einen 
„rätselhaften  deutschen  Heldenkönig  Aleman"  erklärt  zu  werden  (Prökl, 
Eger  und  das  Egerland  I,  491).  Herkulesdarstellungen,  auch  in  Zu- 
sammenstellung mit  dem  Roland  des  Stadt -Mythus  oder  der  karo- 
lingischen  Heldensage,  scheint  die  städtische  Kunst  früherer  Zeit  ge- 
schätzt zu  haben.  Wir  sahen  eine  solche  am  alten  Junkerhofe  in 
Königsberg  (Ostpreufsen) ;  am  Sockel  des  Perleberger  Rolands  sind 
Relieis  aus  der  Herkulesmythe  angebracht  (AbbUdung  bei  L.  Schneider, 
Der  Roland  von  Berlin,  „Berliner  Denkmäler",  Tafel  4,  S.  18);  auch 
Berlin  wird  nächstens  seinen  Herkulesbrunnen  erhalten. 

i)  Die  OsteiTeich.-Ungar.  Monarchie  in  Wort  aod  Bild.    „Böhmen.*'    i.  Abt.  S.  201 
(J.  A.  Frb.  V.  Helfer t,  Die  alU  KönigssUdt  Prag). 


—     169     — 

Zu  Arnau  befinden  sich  am  Rathausturtn,  iS^^  über  der  Erde, 
xwei  17 N^  hohe  bärtige  Steinriesen,  Wahrzeichen  der  Stadt,  in  Panzer 
und  Helm  barock-römischen  Kostüms,  Arbeiten  des  XVIII.  Jahrhunderts. 
„Sie  scheinen  Nachbildungen  älterer  Rolandsbilder  zu  sein'*  ').  Nach 
der  vorliegenden  flüchtigen  Zeichnung  stützt  sich  die  eine  Figur  mit 
der  Linken  auf  einen  Schild  mit  Löwenwappen  imd  hält  in  der  Rechten 
ein  mit  der  Spitze  nach  unten  gekehrtes  Schwert ;  die  andere  stützt  sich 
mit  der  Rechten  auf  einen  Adlerschild;  was  ihre  Linke  hält,  ist  nicht 
zu  erkennen.  Im  Archäologischen  Wörterbuch  von  Müller  und  Mothes 
(Stichwort  „Roland **)  ist  von  einem  „gemalten"  Roland  zu  Aman  die  Rede» 

Den  Beschlu(s  macht  Prag,  wo  seit  C.  Heideloff*)  ein  Bildwerk 
an  der  Moldaubrücke  für  einen  Roland  angesprochen  wird.  Dieses 
„Freistandbild  der  Spätgothik,  derzeit  gänzlich  durch  eine  moderne 
Nachbildung  ersetzt",  erhebt  sich  auf  dem  Vorhaupte  des  Brücken- 
pfeflers  auf  der  Insel  Campa.  In  seiner  jetzigen  Gestalt  zeigt  es  auf 
reich  ornamentiertem  Sockel  einen  jugendlichen  Mann  in  kanelliertem 
Plattenhamisch  mit  Helm,  in  der  Rechten  das  blofise  Schwert  aufrecht 
tragend.  Nicht  sein  Schild  zeigt  das  Stadtwappen,  sondern  der  Ritter 
dient  dem  mächtigen  Wappen  der  Stadt  als  Stütze,  als  Wappen- 
halter. Das  ist  seine  ganze  formale  Bedeutung,  wenn  er  auch  „heute 
als  Rolandsäule,  als  altes  Symbol  der  Stapelgerechtigkeit  be- 
trachtet und  vom  Volke  alsBrunzliksäule  bezeichnet  wird,  die  dem 
Andenken  eines  sagenhaften  Beherrschers  Böhmens  gelten  soll*'  ^). 

Den  sog.  Rolanden  zu  Eger  und  Aman  legt,   soweit  ersichtlich, 


1)  Mitteilnngen  der  K.  K.  Zentralkommission  f.  ErforschaDg  u.  Erhaltimg  d.  Bau- 
denkmale XV,  1870,  S.  LXIV.     Danach  besprochen  in  meiner  Abhandlmig  von  1890. 

2)  Die  Ornamentik  des  Mtiielalters ,  Nürnberg  1847,  ^  (?);  ^ßl-  ^öpfl  S.  309. 
Aach  B.  Graeber,  Die  Kunst  des  Mittelalters  in  Böhmen  IV,  1879,  S.  133  sagt,  dafs 
d»  Prager  Bildwerk  ein  Zeichen  der  Marktfreiheit,  mithin  eine  sog.  „ Rolandsäule *'  seL 
Heidelofis  imd  Gmebers  genannte  Werke  sind  auf  den  Bibliotheken  meines  Wohnorts  nicht 
vorhanden.  Ersterer  ist  ein  eifriger  Rolandfinder  gewesen;  einen  angeblichen  Roland  zu 
Heilbronn  unter  einem  Tabernakel  hat  ZöpfL  S.  308  ihm  zweifelnd  entlehnt;  ans 
Drexels  Aufsatz  über  den  Brunnen  auf  dem  Fischmarkt  zu  Regensburg  (1900,  S.  16 
des  Sep.-Abdr.)  entnehme  ich,  dafs  es  sich  um  zwei  gerüstete  behelmte  Schildhalter  auf 
der  Freitreppe  des  Heilbronner  Rathauses  handelte.  Demselben  Gewährsmann  zufolge 
behauptet  Heideloff,  dafs  eine  einfache  Rolandsäule  (ohne  Standbild)  im  Kreuzgange  des 
Domes  zu  Regensburg  aufbewahrt  werde.  Niemand  dort  kennt  sie.  Über  die  sog. 
Predigtsanle  vor  dem  St.  Peterstore  daselbst  als  angebliche  Nachfolgerin  einer  Irmensänle 
«{L  die  Bemerknngen  a.  a.  O. 

3)  Berühmte  Kunstitätten  Nr.  8.  Prag,  von  Jos.  Neuwirth  (Leipzig  u.  Berlin  1901,) 
S.80. 81,  Abb.  S.  75.  Die  Mitteilungen  v.Helferts  in:  Die  Österreich.-Ungar.  Monarchie  etc. 
(s.  oben),  S.  201,  sind  unerheblich. 


—     170     — 

die  Lokaltradition  keine  besondere  stadtrechtliche  Bedeutung^  bei;  die 
zu  Leitmeritz  und  Prag  und  der  angeblich  einst  in  Komotau  vorhandene 
werden  in  der  neueren  Literatur  Wahrzeichen  des  Stapelrechts  genannt 
Ob  diese  Auffassung  schon  in  älterer  Zeit  sich  findet,  oder  das  Produkt 
modemer  Gelehrsamkeit  ist,  würde  die  Lokalforschung  zu  ermitteln 
haben.  Aber  auch  im  ersteren  Falle  würde  es  sich  nur  um  eine  ten- 
denziöse Deutung  bereits  vorhandener  Bildwerke  handeln.  Dasselbe 
war  der  Fall  bei  den  Stapelrechts  -  Streitigkeiten  Magdeburgs  mit  den 
Herzogen  von  Braunschweig-Lüneburg  1569,  mit  Hamburg  1609,  mit 
Kursachsen  1658.  Bei  der  Bedeutung  des  Magdeburgischen  Rechts 
für  die  deutsch- böhmischen  Stadtgemeinden  lag  es  nahe,  auf  dieses 
redende  Beispiel  zurückzugreifen. 

Zum  Schlufs  sei  noch  der  sog.  Rolande  zu  Bartfeld  (ungarisch 
Bartfa)  *)  in  Nord-Ungarn  an  der  galizischen  Grenze,  und  zu  Hermann- 
stadt (ungarisch  Nagy-Szeben)  in  Siebenbürgen,  nördlich  vom  Roten- 
Tor-Pafs,  gedacht,  von  denen  L.  Götze  {Urkundliche  Geschichte  der 
Stadt  Stendal,  1873,  S.  307  Anm.)  nach  Photographie  resp.  Zeichnung 
genügende  Beschreibungen  gegeben  hat.  In  der  Rolandgeschichte  ist 
kein  Platz  für  dieselben,  ebensowenig  wie  für  die  sog.  Rolande  in 
Niederösterreich  *),  Tyrol  •),  Schweiz  *),  Holland  ^)  und  die  angeblichen 
Rolande  Mittel-,  Süd-  und  Westdeutschlands,  welche  aufzuzählen  zwecklos 
ist.  Dafür  möge  als  erheiternder  Epilogus  eine  gelehrte  Zeitungs- 
notiz (Berliner  Tageblatt  1902,  Nr.  446,  3.  September)  folgen,  welche 
zeigt,  wie  das  Hifthorn  des  neuen  Berliner  Roland,  gleich  dem  Oberons, 
seine  sinnverwirrende  Kraft  schon  auszuüben  beginnt.  Nachdem  eine 
Korrespondenz  des  Mailänder  Corriere  dellasera  mitgeteilt,  nach  welcher 
König  Viktor  Emanuel  die  Begrüfeungsrede  des  Oberbürgermeisters 
von  Berlin  nicht  verstanden  habe,  wcU  derselbe  „zu  stark  berlinisch" 
gesprochen,  wird  wörtlich  fortgefahren:  „Interessant  ist  noch  eine 
andere  Mitteilung,  die  ein  italienischer  Korrespondent  anläislich  der 
Berliner  Festtage  an  sein  Blatt  schrieb.  Sie  lautet:  , In  der  Siegesallee 
ist  vor  wenigen  Tagen  das  Rolanddenkmal  enthüllt  worden.     Dieser 

i)  In  meinem  „Roland  zu  Bremen''  S.  48.  steht  infolge  eines  Drnckfehlers : 
Gr.  Bortfeld. 

2)  Drosendorf,  Grafendorf  (Alt-  ?,  Ober-  ?),  Hollenburg,  Stierndorf  (?), 
s.  Mitteilungen  der  K.  K.  Zentralkommission  etc.  X  (1884),  S.  CLX;  Mitteilungen  des 
Altertnmsvereins  £u  Wien  XX,  96.   129.     Zöpfl  S.  311. 

3)  Hall,  Marmorfigur  von  1522,  Mitteilung  des  Herrn  Oberpfarrer  Wemicke-Loborg. 

4)  Weite,  Kanton  St.  GaUen,  s.  Ed.  Zetsche  in  Leipz.  iUustr.  Zeitung  1895, 
Nr.  2772,  S.   199. 

5)  Amsterdam,  s.  Götze  a.  a.  O.  S.  307. 


—     171     — 

Roland  ist  eine  halb  legendäre  Figur  aus  jener  Zeit,  in  der  die  Mark 
Brandenburg  von  den  Wenden  überflutet  war  und  Polen  sich  ge- 
wöhnt hatte,  sie  als  ein  polnisches  Lehen  zu  betrachten.  Roland  hat 
dem  kräftig  entgegengewirkt  und  so  ist  sein  Denkmal  die  symbolische 
Antwort  des  Kaisers  und  Deutschlands  auf  die  polnische  Feier  der 
Sdilacht  von  Tannenbeig!'  Wenn  wir  es  von  dem  Italiener  auch 
nicht  verlangen  können,  dafs  er  in  die  Geheimnisse  der  deutschen 
Dialekte  und  Dialektanklänge  eingeweiht  ist  —  wer  Orlando  war, 
sollte  der  Landsmann  Ariostos  doch  wissen/' 

Nachwort 

Die  in  der  Überschrift  S.  113  am  Schlufs  angekündigte  iVa^A/^j^, 
auf  die  auch  im  Laufe  der  Darstellung  mehrfach  verwiesen  wurde,  hat 
einen  Umfang  angenommen,  dafs  im  gegenwärtigen  Augenblicke  von 
ihrer  Veröflentlichung  abgesehen  werden  mufs.  Sie  wird  jedoch  zur 
gi^benen  Zeit  folgen ;  damit  soll  aber  dann  auch  endgiltig  das  Thema 
der  Rolande  für  diese  Zeitschrift  abgetan  sein. 


(Reform  des  inreltliehen  Standes  nach 
der  sogen.  (Reformation  des  Kaisers  Sig^* 
mund  im  Iiiehte  der  gleichzeitigen  (Reform^ 
Bestrebungen  im  t^eieh  und  in  den  Städten 

Von 
Heinrich  Werner  (Merzig) 
Mit  meinen  früheren  Arbeiten  über  die  sogen.  Reformation  des 
Kaisers  Sigmund  *)  glaube  ich  die  von  dem  Abte  Trithemius  erweckte 
und  bereits  traditionell  gewordene  Annahme,  wonach  der  Verfasser  der 
genannten  Reformschrift  hussita  potins  quam  christiantis  *)  gewesen  sei, 
endgültig  widerlegt  zu  haben.    Voraussetzung  für  die  richtige  Beurtei- 

i)  In  der  Historischen  Vierte^jahrsschrifl,  5.  Bd.  S.  467  ff.  und  in  den  Deutsefien 
OttdMUsUättem,  IV.  Bd.  S.  1  —  14  and  S.  43  -55- 

2)  Aschbach,  Geschichte  Kaiser  Sigmunds.  4.  Bd.  S.  425.  Anm.  6.  In  neuerer 
Zeit  hat  man  sogar  einen  „  ursprünglichen  Entwurf"  der  Schrift  konstruiert,  der  womög- 
lich „noch  viel  schärfer  formuliert  und  von  hussitischem  Geiste  durchtränkt  war".  Vgl. 
Heinrich  Boos,   Geschichte  der  rheinischen  Städtehdttir.     2.  Bd.  (1897)  S.  455. 


—     172     — 

lung  der  Reformforderungen  über  den  geistlichen  Stand  im  ersten 
Teile  der  Schrift,  und  für  die  Auffindung  der  Quellen  dazu  war  die 
Lösung  der  Frage  nach  dem  Verfasser:  dies  war  um  so  wichtiger, 
als  einzelne  Gedanken  von  verblüffender  Eigenart  sind  und  leicht  zu 
einer  falschen  Beleuchtung  verleiten  konnten. 

Die  Erkenntnis,  wer  der  Verfasser  ist,  wird  durch  seine  Forderungen 
in  Bezug  auf  eine  Reform  des  weltlichen  Standes  durchaus  ge- 
stützt. Dafs  dieser  Teil  desselben  Ursprungs  ist  wie  der  erste  und 
mit  diesem  organisch  zusammenhängt,  ist  aus  denselben  charakte- 
ristischen Wendungen  zu  ersehen,  in  denen  sich  der  Verfasser  als 
Stadtbürger  und  Stadtschreiber  verrät,  ganz  abgesehen  von  der  in  der 
Einleitung  angegebenen  und  dann  oft  wiederholten  Disposition  der 
ganzen  Schrift.  Der  Verfasser  will  nämlich  sprechen  von  den  beiden 
gröfsten  gepresten:  an  den  geistlichen  liegt  große  Simonie  und  an  den 
welÜichen  liegt  der  gaitz  (=  avaritia)  *).  Auch  dem  ersten  Beurteiler 
der  Schrift,  Wolfgang  Aytinger  lagen  schon  bei  der  Abfassung 
seines  Methodiuskommentars  vom  Jahre  1496  beide  Teile  zusammen 
vor:  er  redet  mit  grofsem  Lob  von  dem  darin  gemachten  Versuch 
totum  ecclesiasticum  staium  et  saectdarem  zu  reformieren.  Für  einen 
und  denselben  Verfasser  sprechen  deutlich  eine  Reihe  von  charakte- 
ristischen Erörterungen,  die  sich  in  beiden  Teilen  wiederholen.  So 
führt  die  im  ersten  Teil  durchgeführte  Scheidung  des  Geistlichen  vom 
Weltlichen  zu  der  im  zweiten  Teile  gestellten  Forderung,  den  Geist- 
lichen und  Ordensleuten  das  Zollregal  zu  entziehen  ^)  zu  Gunsten  der 
Reichsstädte  und  zu  dem  prinzipiellen  Satz:  es  soll  sich  alleweg  sehet- 
den  das  geistlich  vom  weltlich.  Der  einheitliche  Geist  der  ganzen 
Schrift  wird  auch  erkannt  in  der  übereinstimmenden  Erklärung  der 
Zünfte  im  zweiten  und  der  Orden  im  ersten  Teil,  die  beide  eine  parcia- 
litas  seien  und  der  Gemeinsamkeit  widersprächen.  Ebenso  wiederholt 
sich  der  Verfasser  im  ersten  und  zweiten  Teil  über  die  Insiegel  und 
Instrument.  ^).  Ferner  stimmt  das  Kapitel  von  den  Insiegeln  im  zweiten 
Teile  stellenweise  mit  den  Worten  der  geistlichen  Reformation  über- 

i)  Nach  der  Ausgabe  Boehms  S.  162.  Auch  S.  171.  241.  249  f.  wird  der  Gegen- 
satz zwischen  dem  geistlichen  und  weltlichen  Stand  als  Einteilungsgrnnd  angeführt. 

2)  Vgl.  ßoehm  214. 

3)  Im  ersten  Teil  heifst  es  hierüber  S.  164:  sie  (die  Klöster)  sehreiben  gen  hof, 
wir  seien  rerprunnefi,  icir  haben  krieg y  wir  seien  xer stört  und  finden  Ursache  das 
alles  erlogen  ist.  Im  zweiten  Teil  drückt  sich  der  Verfasser  S.  231  ganz  ähnUch  ans, 
nämlich:  ron  den  instrumenten ,  die  von  den  klÖstem  gen  hof  geschickt  werdetit  .  .  . 
da  schreiben  sie  in  die  insirument  ihr  klag  und  ihre  gepresten ,  das  eitel  lüge  sind. 


—     173     — 

ein:  mtm  ninrnd  auch  geU  von  den  insigel,  das  in  aller  weit  die 
wahrheU  beseidmet. . .  Das  eeichen  der  Wahrheit  ist  das  insigel,  das 
niemand  taufen  oder  verkauffen  soU,  das  ist  offen  umcher  ^).  N^ben 
diesen  gerade  für  die  Persönlichkeit  des  Verfassers  als  eines  Stadt- 
schreibers charakteristischen  Erörterungen,  liefsen  sich  noch  andere 
glcidilautende  anfuhren  *).  Soviel  ist  hieraus  ersichtlich :  Die  Schrift 
ist  von  einem  Verfasser,  aber,  was  ich  gleich  zeigen  will,  nicht  aus 
einem  Gusse. 

Der  erste  Teil  ist  mit  Rücksicht  auf  die  Abhängigkeit  der  vor- 
gebrachten Reformpläne  von  anderen  gleichzeitigen  *)  und  namentlich 
durch  die  scharfe  Stellung  gegen  Simonie  und  Konkubinat*)  den 
Jahren  1433 — ^434  zuzuweisen.  Der  Entwurf  zur  Reform  des 
weltlichen  Standes  ist  im  Hinblick  auf  die  politische 
Aktion  der  Städte  und  die  prophetische  Konstellation*) 
1438  entstanden  und  1439  als  Ganzes  hervorgetreten. 
Also  sind  die  beiden  Jahre  1434  und  1440,  zwischen  denen  Goldast 
ursprünglich  schwankte,  nicht  „von  vornherein  als  ganz  unmöglich  ab- 
zulehnen "  ^.  Auf  das  Jahr  1440  verfiel  Goldast  wegen  der  Notiz, 
der  Priester  Friedrich  sei  in  Basel  gewesen:  diese  bezieht  er  in  einer 
Randbemerkung  zu  seiner  Ausgabe  unserer  Schrift ')  auf  den  nach- 
folgenden Kaiser  Friedrich. 

Aber  nicht  nur  die  Abfassimgszeit  beider  Teile  liegt  von  einander 
ab,  sondern  auch  die  äufsere  Gestaltung  beider  ist  sehr  verschieden. 
Während  sich  bei  den  Reformentwürfen  des  geistlichen  Standes  durch- 
gehends  Ordnung  in  den  Vorschlägen  nach  einer  programmmäfsigen 
Unterlage  findet,  die  auf  gelehrte  Entwürfe  zurückgeht,  sind  im  zweiten 
Teile  Gedanken  lose  an  einander  gereiht,  die  offenbar  aus  der  prak- 
tischen Erfahrung  erwachsen,  von  einem  durchaus  unscholastischem 
Geiste  vorgetragen  werden.  Freilich  ist  die  Reform  des  weltlichen 
Standes  hier  nicht  so  verkümmert  wie  bei  dem  höheren  Kleriker,  bei 
Andreas   von  Escabor,   dem  jene  ferner  lag,  aber  auch  nicht  so 

i)  Ebenda  S.   175,  vgL  daza  S.  230  Z.  8  n.  10. 

2)  So  S.  179  Z.  23  a.  24,  vgl.  zQ  S.  227  Kapitel  vom  rechtsprechen  umb  eigen 
und  erb.  Vgl.  auch  die  Forderung,  die  Klöster  sollen  ganz  zerstört  werden.  S.  222 
wnd  S.  169. 

3)  VgL  Deutsche  Geschichtsblätter,  IV.  Bd.  2.  H.  S.  48. 

4)  VgL  Histor.  Vierteljahrsschrifl,  5.  Bd.  S.  475  f. 

5)  VgL  Anhang  S.  81  ff.  zu  meiner  Schrift:  „Die  Flugschrift  onus  ecclesiae  mit 
einem  Anhang  über  sozial-  und  kirchenpolitische  Propheten.'*     1901. 

6)  Boehm  S.  97. 

7)  VgL  Statuta  et  Rescripta,  4.  Bd.  (17 13)  S.  198. 


-     174     -        . 

systematisch  behandelt  wie  die  des  geistlichen,  dafe  sie  etwa  den 
Stufen  der  Würden  oder  den  Reichsständen  folgte.  Hier  fehlten  dem 
Stadtschreiber  eben  die  Vorlagen  von  Zunftgelehrten.  Er  drückt  das 
auch  an  zwei  Stellen  aus;  während  er  in  der  Einleitung  zur  Reform 
des  geistlichen  Standes  sagt:  han  ich  von  hoher  meister  (Magister) 
Weisung ,  gunst  und  willen  und  lehr  diese  Ordnung  gemachet  und  von 
latein  zu  deutsch^),  so  spricht  er  vom  zweiten  Teile  folgendermafsen: 
wir  thun  jsu  wissen,  dass  wir  mit  hohen  wisen  diese  urhund  erläutert 
haben  *).  Hier  hört  man  also  nichts  mehr  von  Übersetzung  und  Ma- 
gistern, sondern  es  wird  der  Glaube  erweckt,  als  läge  eine  Urkunde 
Sigmunds  über  die  Reform  des  weltlichen  Standes  vor,  die  der  Verfasser 
mit  dem  Beirat  verständiger  Männer  erläutert  hier  vorlegt.  So  kommen 
wir  denn  zu  einer  der  Hauptfragen,  die  wir  uns  im  Vorliegenden  zu 
stellen  haben:  In  welcher  Beziehung  steht  Sigmund  zu  unserer 
Schrift? 

Dafs  sie  als  Entwurf  irgend  einem  Reichstag  zur  Beratung  oder 
Annahme  vorgelegt  worden  sei ') ,  hat  man  schon  lange  nicht  ge- 
glaubt. Koehne  *)  hat  untersucht ,  ob  die  Forderungen  mit  den  auf 
den  Reichstagen  zu  Regensburg  und  Basel  (1434)  vorgelegen  Artikeln 
übereinstimmen  und  findet,  dafs  nirgends  Beschlüsse  oder  Vorschläge 
von  jenen  Reichstagen  wörtlich  übernommen  sind.  Aber  welchen 
Eindruck  hätte  der  Verfasser  der  Reformschrift  bei  den  Städten  ge- 
macht, hätte  er  die  offiziellen  Anträge  —  zu  Beschlüssen  kam  es  auf 
beiden  Reichstagen  gamicht  —  in  der  bereits  stereotyp  gewordenen 
Form  einfach  übernommen?  Wie  hätte  er  eine  grofse  Aktion  des 
gesamten  städtischen  Elements  durch  Proklamierung  offizieller  Be- 
schlüsse, in  denen  auch  die  Wünsche  der  Herren  berücksichtigt  sind, 
gegen  die  Herren  selbst  in  Szene  setzen  können?  Dazu  waren  ge- 
rade diese  beiden  Reichstage  für  die  Reichsreform  am  unfruchtbarsten. 
Zuletzt  hat  sich  L.  Quid  de')  über  die  Reformschrift  geäufsert:  er 
hält  sie  für  eine  „private  politische  Schrift**  und  deshalb  gehöre  sie 
nicht  zu  den  Reichstagsakten.  Soviel  Interesse  die  Schrift  auch  „für 
die  Beurteilung  der  Frage,  um  die  es  sich  damals  bei  der  Reichs- 
reform handelt  und  für  die  Auffassung  der  Bestrebungen,  die  sich  an 
Sigmunds   Namen    knüpfen  **,    habe ,    zu    einem  Wiederabdruck   kann 

i)  Boehm  S.   171. 

2)  Ebenda  S.  244. 

3)  Aschbach  a.  a.  O.     4.  Bd.  S.  426. 

4)  Zcitschr.  für  Sozial-  und  Wirtschaftsgeschichte,  5.  Bd.  (1897)   S.  369—430. 

5)  Deutsche  Reichstagsakten,  Bd.  XU  (1900)  S.  XLVII. 


—     175     — 

sich  Quidde  doch  nicht  entschliefsen  '),  da  sie  „doch  in  keiner  auch 
noch  so  indirekten  Weise  mit  den  Verhandlungen  irgend  eines 
bestimmten  Reichstages  zusammenhängt**.  Nach  Koehnes  Studien 
sollte  man  zu  dieser  Ansicht  neigen.  Aber  die  Schrift  wird  hier  an 
einer  falschen  Seite  angefafst:  sie  ist  ja  überhaupt  an  die  Öffentlich- 
keit getreten,  weil  die  Häupter  und  gewaltigen  sich  gegen  eine 
Reform  sperren.  Da  wird  sie  doch  nicht  die  häufig  gar  nicht  ernst 
{gemeinten  Projekte  der  Fürsten  oder  die  auf  Reichstagen  gefa&ten 
Kompromi&beschlüsse  einfach  übernehmen!  Man  hat  in  ihr  nicht 
wörtliche  Wiedergabe  derselben  zu  suchen,  sondern  nur  Reflexe,  die 
Nachwirkungen  der  Vorschläge  und  Beschlüsse,  und  zwar  hier  wieder 
nur  von  solchen,  die  besonders  das  innerste  Wesen  des  Städtebürger- 
tums, die  städtebürgerlichen  Freiheiten,  berührten.  Auch  eine  flüch- 
tige Durchsicht  der  Reform  des  weltlichen  Standes  zeigt  überdies  so- 
fort, dafe  viele  der  vorgebrachten  Vorschläge  gar  nicht  vor  das  Forum 
eines  Reichstages  gehören ;  viele  Kapitel  behandeln  Gegenstände  rein 
städtischer,  verwaltungstechnischer  Natur,  die  höchstens  auf  Städte- 
tagen zur  Beratung  gestellt  werden  konnten,  so  die  Abschnitte  über 
^e  Zünfte,  den  Stadtschreiber,  die  Arztordnung,  die  städtischen  Siegel, 
die  Kaufmannschaft,  die  Monopole  u.  a.  Nun  wissen  wir  aber  von 
rührigen  Bestrebungen  der  Städte  im  Jahre  1438  auf  mehreren  Städte- 
tagen '),  wo  besonders  über  die  städtischen  Bedürfhisse,  die  zum  Teil 
den  fürstlichen  direkt  gegenüberstanden,  beraten  wurde.  Das  Neue 
hieran  ist,  dafs  die  Städte  gemeinsam  über  innere  Angelegen- 
heiten ratschlagten  und  zwar,  wie  es  heifst,  nach  jeglicher  Stadt  not- 
iwrft  *).  Leider  sind  wir  über  die  Einzelheiten  noch  nicht  unterrichtet 
—  und  die  Heranziehung  alles  über  jene  Verhandlungen  vorhandenen 
Quellenmaterials  wäre  dringend  nötig  — ,  aber  unsere  Schrift  gibt 
ohne  Zweifel  städtische  Ansichten  über  die  auf  dem  Ulmer  Städte- 
tage gepflogenen  Erörterungen  über  städtische  Bedürfnisse  wieder.  Schei- 
den wir   nun   diese   rein  städtischen  Fragen  aus,   so  bleibt  uns  noch 


i)  Ein  Wiederabdruck  von  bewährter  Haod  hätte  besonders  den  zweiten  Teil  ganr 
andefB  als  er  bei  Boehm  vorliegt,  anordnen  müssen.  So  mnfs  S.  202  Z.  4  nach 
ngeordoet  ist*'  weitergefahren  werden  mit  „darumb  wa  sich  des  gemeinen  volks**  auf 
S.  208  Z.  1 7.  —  S.  209  Z,  8  „  rechte  totsünd  <'.  Anfserdem  gehört  an  S.  208  Z.  8 :. 
S.  209  Z.  9 — 13.  An  S.  208  Z.  17  gehört  S.  211  Z.  29  bis  S.  212  Z.  4.  Zu  S.  218- 
^  23  gehört  S.  220  Z.  15  hw  S.  221.  Z.  22. 

2)  Namentlich  ra  Ulm  and  Konstanz.  Vgl.  Janssen,  Frankfurts  Reickskorre" 
Mpondenx,  L  Bd.  (1863)  No.  810  und  No.  824. 

3)  Jaosten  a.  a.  O.     No.  810  art.  3. 


—     176     — 

der  Teil   über   die  Reichsreform  übrig,    der  allein  zu  Reformtätigkeit 
Sigmunds  in  Beziehung  stehen  könnte. 

Zu  der  Reform  des  städtischen  Wesens  gehört  vor  allem  das 
Kapitel  von  den  Zöllen  *).  Das  Zollwesen  hat,  soweit  wir  sehen,  bei 
den  Reichstagen  Sigmunds  nicht  auf  der  Tagesordnung  gestanden, 
wohl  aber  wissen  wir,  dafe  auf  dem  Städtetag  zu  Ulm  auf  den  An- 
trag Nürnbergs  auch  über  den  Zoll  *)  geratschlagt  wurde.  Ob  wir  in 
unserer  Schrift  eine  dort  vorgetragene  Meinung  vor  uns  haben,  läfst 
sich  bis  jetzt  nicht  entscheiden:  es  mufe  genügen,  an  dieser  Stelle 
auf  einen  naheliegenden  Zusammenhang  hingewiesen  zu  haben!  Der 
Klage  von  der  Übersetzung  aller  Länder  und  Städte  mit  Zöllen  folgt 
über  die  Abstellung  dieses  Mifsstandes  ein  Vorschlag,  der  sich  auf 
eine  genetische  Erörterung  über  den  Ursprung  des  Zolles  stützt. 
Diese  Art  des  Zurückgehens  auf  die  Urgeschichte  von  Orten  und 
Einrichtungen  mich  alten  Chroniken ')  ist  ein  deutliches  Kennzeichen 
für  den  in  dem  damals  sich  bildenden  Augsburger  Humanistenkreis  *) 
herrschenden  Geist.  Auch  seine  Ausführungen  im  einzelnen  lassen 
die  persönlichen  Züge  des  Verfassers  als  eines  Reichsstädters  scharf 
hervortreten.  Kaiser  und  Päpste  haben  nämlich  zuerst  der  gemeinen 
wdt  SU  hilf  und  nutz  den  Zoll  erlaubt.  Dem  Reich  allein  gehören 
die  Zölle,  die  Herren  haben  sie  nur  lehensweise  inne ;  Priester,  Ordens- 
leute, Ritter,  Knechte  sollen  nickt  zoll  geben  (d.  h.  verleihen).  Die 
Städte  dürfen  Zoll  erheben,  wenn  die  schwere  der  wege  ihn  notwendig 
macht  —  denn  nur  zum  Wegbau  ist  er  erlaubt  — ,  halten  ihn  aber 
die  Geistlichen,  so  soll  man  denselben  nehmen,  und  die  Stadt  als 
Vertreterin  des  Reichs^)  soll  ihn  an  sich  reifsen.  Zum  Schlufs 
fügt  der  Verfasser  einen  offenbar  städtischen  Vorschlag  zu  einer  Weg- 
ordnung hinzu,  über  den  wohl  auf  dem  Ulmer  Städtetag  beraten 
wurde:  Es  soll  danach  jede  Stadt  zwei  Wegebeschauer  wählen,  die 
für  Bau  und  Instandhaltung  der  Wege  zu  sorgen  haben.    Naiv  klingt 


i)  Boehm,  S.  212  f. 

2)  VgL  Janssen  a.  a.  O.     No.  810   arL  3. 

3)  Boehm,  S.  215:  also  findet  man  es  lauter  in  den  alten  Chroniken, 

4)  Vgl.  Joachimsohn,  Anfange  der  humanistischen  Oeschichtschreibung, 
1.  Heft  Sigmund  Meisterlin,  S.  12.  Da  man  diesen  Zusammenhang  seither  nicht  be- 
achtete, so  nannte  man  die  Ausführungen  des  Verfassers  „ganz  wunderliche  Ansichten 
über  die  Rechtsverhältnisse  und  die  historische  Eotwickelung  der  Reichsverfassnng",  die 
natürlich  „im  Wesen  des  Radikalismus  begründet'^  sein  sollen.  Vgl.  dazu  H.  Boos, 
Geschichte  der  rheinischen  Städtekultur  von  ihren  Anfängen  bis  xur  Otgenwart  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  Stadt  Worms.    II.  Bd.  (1897)  S.  447. 

5)  Vgl.  Boehm,  S.  214  Z.  27  u.  28. 


—     177     — 

uns  die  Begründung"  zu  dem  Vorschlag,  die  Unzuchtgelder  für  den 
Wegbau  zu  verwenden:  so  wirf  das  sündig  geU  zu  gutem  bracJU  und 
«M  die  sünd  vertreten  ^). 

Zu  der  städtischen  Reform  gehört  auch  das  Kapitel  von  den 
emflen  in  den  stetten  ^).  Hier  ist  der  Gedankengang  ähnlich  dem  bei 
der  Kritik  der  Orden;  die  Zunft  wird  auch  eine  parcialiUis  genannt, 
beide  sind  sehr  gewaltig  geworden  •)  Wie  ein  aus  einem  Orden  ge- 
wählter kirchlicher  Würdenträger  nur  das  Interesse  seines  Ordens 
durch  leichtfertiges  Dispensieren  im  Auge  hat,  so  halten  die  Mitglieder 
einer  Zunft  zusammen  *)  und  eine  Zunft  hüft  wieder  der  anderen  *). 
Die  2^nfte  machen  Gesetze,  bringen  ihre  Mitglieder  in  den  Rat  und 
betrügen  die  Gemeinde  durch  Verabredung  von  Lieferungen  schlechter 
Waren  unter  Aufrechterhaltung  eines  hohen  Preises;  dazu  mufs  man 
die  Zünfte  noch  gröblich  kaufen.  Deshalb  sollen  sie  abgeschafft  wer- 
den, denn  sie  widersprechen  einer  rechten  gemeinsamkeit ,  wie  sie  in 
einer  Stadt  herrschen  soll.  Wenn  nämlich  in  einer  Stadt  alle  dinge 
gemein  wären,  herren  und  jedermann  wären  ihnen  auch  gemein,  d.  h. 
sie  würden  Städter  werden.  Es  ist  alles  in  der  Stadt  Übersetzt,  und 
itnd  herm  und  landleut  darumb  den  Städten  gram.  Laß  man  es  in 
gemeinsam  kommen,  es  soU  sicher  niemand  gereuen.  Denn  dann  aufjfeten 
{=  vergröfsem)  sich  die  städt  großeMich.  Dieses  stolze  politische 
Bewufistsein,  sowie  den  Zusammenhang  dieser  Worte  mit  dem  ganzen 
Programm  hat  man  bis  jettt  ganz  übersehen :  Der  Verfasser  glaubt 
durch  Abschaffung  der  Zünfte  und  des  hohen  Eintrittsgeldes  zu  den- 
selben, der  Verallgemeinerung  städtischen  Wesens  *),  das  ist  aber  der 
städtischen   Freiheit,   bei   Herren    und   Landleuten   Vorschub 


i)  Boehm,  S.  216. 

2)  Ebenda  S.  216. 

3)  Vgl  :  Die  kWster  haben  das  erdreich  innc. 

4)  Wirt  einer  erzürnet  in  einer  'xunftj  so  ist  die  ganxe  zunfl  erxiimet.   S.  217. 

5)  So  hilft  dick  eine  xunfl  der  anderen ^    als  ob  ich  spräche:    hilf  mir,   ich 
kdfedir. 

6)  Dieser  Gedanke  der  „Geroeinsamkeit''  unter  allen  Ständen  wird  wiederholt  ans- 
Sesprochen,  so  auch  noch  S.  233:  nun  ist  auch  xu  gedenken  die  allemtäxest  ord- 
nmtg  umb  fried  und  rechte  gemainsami  xehaben  unter  herren  und  stetten  und  auf 
dem  Umd,  Diese  Forderung  der  „Gemeinsamkeit''  hat  man  irrtümlich  als  Proklamiemnj^ 
^  „Gleichheit"  hingestellt.  Vgl.  H.  Boos  a.  a.  O.  S.  446  u.  451.  Und  zwar  wolle 
«ucr  RcTolotiooär  mit  der  Abschaffung  der  Zünfte  die  „  Demokratisierung  der  Gemeinde  ". 
Aber  unser  Verfasser  will  gar  nicht  die  Zünfte  ausschliefslich  deshalb  abgeschafft  wissen, 
«tfl  sie  „die  armen  Leute"  durch  Erhebung  eines  hohen  Eintrittsgeldes  vom  Beitritt 
atsschliefscn ,  sondern  es  sind  auch  die  Herren  bei  diesem  Vorschlag  berücksichtigt. 
Dvrch  die  Abschaffung  der  Zünfte  und  die  Erleichterung  der  Bürgeraufnahme  durch  Herab- 

13 


—     178     — 

7M  leisten.  Diese  Ausbreitung  der  städtischen  „Gemeinsamkeit''  soll 
aicb,  wie  unten  noch  gezeigt  wird,  von  innen  nach  aulsen  vollziehen 
durch  Proklamierung  der  städtischen  Freiheit  für  alle  feudal  Ab- 
hängigen und  von  aufsen  nach  innen  durch  Verleihung  des  Bürger- 
rechts an  alle  Aufsbürger.  Den  Zusammenhang  seines  Reformvor- 
schlags zur  ganzen  Ordnung  stellt  der  Verfasser  auch  selbst  her: 
Dieser  rat  ist  gut  und  wiU  euch  sagen,  wie;  wenn  diese  Ordnung  ge^ 
halien  muß  werden,  so  sucht  es  sich  im  rechten  selber,  daß  es  nicht 
bestehen  mag.  Bei  der  Durchfuhrung  dieser  Reform  also,  die,  wie 
wir  sehen  werden,  hauptsächlich  die  städtische  Freiheit  zur  All- 
gemeinheit erheben  will,  wird  es  den  rechten  Weg  von  selbst  nehmen» 
nämlich  über  die  Zünfte  hinweg. 

Der  stimmungsvolle  Bericht  über  den  Terrorismus  der  Zünfte  er- 
innert lebhaft  an  Augsburg,  das  ja  alle  seine  Bewohner  in  eine  poli- 
tische Zunft  aufnahm  und  das  im  Gegensatz  zu  dem  patrizischen 
und  oligarchischen  Nürnberg  als  besonders  „zünftisch''  ')  bezeichnet 
wird.  Wie  aktuell  übrigens  damals  das  demokratische  Treiben  in  den 
schwäbischen  Städten  war,  zeigt  uns  auch  eine  Urkunde  Sig^munds^ 
welche  dieser  nach  seinem  Aufenthalt  in  Augsburg  (vom  3.  bis  12.  Sep- 
tember 143 1)*)  auf  seiner  Reise  nach  Basel  in  Feldkirch  am  19.  Sep- 
tember 143 1  zeichnete.  Dieser  fiir  die  Städte  bedeutungsvolle  Erlais 
ist  gerichtet  besonders  an  die  Vereinigung  von  Ulm  und  des  oberen 
Bundes,  also  auch  an  Augsburg,  das  ihn  aber  erst  am  17.  Dezember 
erhält.  Darin  heifst  es:  uns  ist  fürkommen  von  guter  unterweisunge, 
wie  etlich  in  den  städten  bei  euch,  beide  Zunftmeister  und  ander  in  den 
Zünften  besonder  samenunge  hohen  und  heimlich  gesprech  und  rete  fiir 
sich  nehmen  ohne  wissen  und  befehJnus  eines  rechten  rats,  das  uns  so- 
viel dester  mehr  wider  und  wißfeUig  ist,  so  wir  verstehen  und  eigentlich 
merkefi,  daß  denselben  unsem  stetten  kein  nutz  noch  ehr  sunder  gans 
Unordnung,  Zwietracht  und  Verderbnisse  daraus  entstehen  als  sich  dann 
in  Konstanz  *')  ...  und  viel  anderen  stetten  leider  wohl  beweist  hat,  was 
aus  solchen  Sonderheiten  und  heimlichen  gesprechen  und  reten  entstanden 
ist.    Der  Kaiser  hofft,  dafs  er  nach  seiner  Rückkehr  aus  den  welschen 


setxong  der  Gebühren  soll  nur  diejenige  Gemeinsamkeit  gefördert  werden,  die  darin  be- 
steht, dafs  möglichst  viele  der  städtischen  freiheü  teilhaftig  werden. 

1)  Joachimsohn,   Die   humanistische    Oesehiehtsschreibimg y    i.  Heft    (1895) 
S.  152. 

2)  Vgl.  Reiehsiagsakteny  IX.  Bd.  No.  467  Anm.  i. 

3)  VgL  Aschbach,  3.  Bd.  S.  355.     In  Konstanz   setzte  Sigismand  Dezember  1430- 
die  dorch  die  Zünfte  vertriebenen  Geschlechter  wieder  in  ihre  Rechte  ein. 


—     179     — 

Landen  die  Städte  noch  in  gtäem  toesen  finden  und  kinfiir  sktiglick 
Ane  aOs  neuigkeit  behauen  werde. 

Auch  BurchardZink')  klagt  über  ähnliche  demokratische  Aus- 
artungen in  AugsburgTinter  etwas  fortgeschritteneren  sozialen  Verhält- 
nissen: es  sind  dock  erschrecklich  ding,  daß  die  minderweisen  und  die 
armen  die  reichen  regieren  tvoUen,  also  sieht  es  noch  und  toeiß  niemand, 
wbä  es  bleiben  mag.  dcis  gsmein  volk  will  nU  ungeU  geben  und  wiU 
große  Steuer  auf  die  reichen  setsen.    Damit  werden  die  reichen  als  arm. 

Der  Verfasser  unserer  Reformschrift  schreibt  offenbar  aus  diesem 
Milieu  heraus,  aber  sein  Bericht  ist  nur  als  persönlicher  Ratschlag* 
anzusehen,  was  er  ausdrücklich  betont:  Dieser  rai  ist  gut  und  wiU 
ich  euch  sagen,  wie. 

Ejnen  unbedingt  städtischen  Charakter  haben  die  nun  folgenden 
Kapitel  von  dem  Handel  und  Gewerbe.  Hierher  gehört  zunächst  das 
Kapitel:  daß  jeder  sein  handwerh  und  gewerbe  treiben  soll^).  Jeder 
soll  nur  ein  Handwerk  ausüben  und  zwar  nach  kaiserlichem 
Rechte,  denn  so  mag  sich  jeder  ernähren;  bei  der  kaiserlichen 
Ungnade  und  einer  Strafe  von  40  Mark  Goldes  soll  die  Ausübung 
mehrerer  Gewerbe  durch  eine  Hand  verboten  sein.  „Reiser  will", 
80  unterschiebt  Boos  (S.  452),  „dafs  keiner  mehr  verdiene  als  er  zum 
Leben  nötig  hat."  Wenn  der  Verfasser  sich  so  ausgedrückt  hätte, 
läge  darin  allerdings  eine  „sozialistische  Tendenz".  Doch  der  Ver- 
fasser fordert  nur  Gelegenheit  des  Erwerbs  für  alle,  die  ihm  ge- 
acherter  erscheint,  wenn  einer  nur  ein  Gewerbe  treibt.  Über  die 
Höhe  des  Erwerbs  aus  einem  Gewerbe  sehen  wir  nirgends  eine 
Forderung.  Das  nächste  Kapitel  von  der  kaufleut  Ordnung  ^)  versetzt 
ans  lebhaft  in  den  schon  damals  fast  international  gewordenen  Güter- 
austausch. Gerügt  wird  vor  allem  die  übliche  Preisverabredung  zwi- 
schen den  Kaufherren,  die  auf  eine  Hochhaltung  der  Preise  abzielt; 
die  Kaufleute  seien  dick  eins,  es  sei  ^u  Venedig  oder  anderswo,  sodafs 
man  den  Preis  der  Spezereien  zu  Wien  *)  weifs ,  wie  mans  hie  kauft. 
Dagegen  sei  folgendermafsen  aufzukommen :  In  jedem  Hafen  soll  alle 
Kaufmannsware  bei  ihrer  Ankunft  aus  den  fernen  Ländern  mit  dem 
Insiegel  des  römischen  Reichs  versiegelt  und  damit  der  Einkaufs- 
preis der  Ware  verbrieft  werden.  Dann  sollen  alle  Waren  ans  Land 
gebracht  und   in  ein  gemeinsames  Kaufhaus  übergeführt  werden,  wo 

i)  Vgl  Städtecbronikcn,  V.  Bd.     Angsbnrg.    II.  Bd.  S.   121. 

2)  BoehiD  S.  21S. 

3)  S.  220. 

4)  Au  Wien  erhielt  ja  Valenün  Eber  Nachrichten  und  Papiere. 

13* 


—     180     — 

ein  Oberster  in  einer  Stadt  mit  zwei  oder  drei  aus  dem  Rat  den  Brief 
liest,  und  dann  soll  vom  Tage  der  oben  genannten  Verbriefung  für 
jeden  folgenden  Tag  der  Warenführung  8  Schilling  4  Pf.  als  Verdienst 
pro  100  Gulden  Warenwert  auf  den  verbrieften  Einkaufspreis  der 
Ware  geschlagen  werden.  So  sozialistisch  dieser  interessante  Vor- 
schlag klingt,  so  ist  er  dennoch  aus  dem  Geiste  des  mittelalterlichen 
städtebürgerlichen  Sozialismus  entsprungen;  eine  ähnliche  Festlegung 
des  Preises  namentlich  von  Handwerkserzeugnissen  wurde  schon  durch 
die  Zünfte  ausgeführt. 

Unmittelbar  hierher  gehört  auch  das  Kapitel  vom  furkauffen  >). 
Das  Vorkaufen  oder  Autkaufen  —  bekanntlich  dem  ganzen  Mittel- 
alter, das  den  möglichst  direkten  Verkehr  zwischen  Produzent  und 
Konsument  mit  Ausschaltung  des  berufsmäfeigen  Händlers  für  Landes- 
ware wünscht,  ein  Greuel  —  fände,  so  heifst  es,  gern  bei  partiell 
schlechten  Ernten  statt  ^).  Deshalb  soll  in  jeder  Reichsstadt  von  jedem 
Handwerk  ein  weiser  mann  d.  h.  ein  Sachverständiger  gewählt  wer- 
den; diese  sollen  einen  Überschlag  über  Korn-  und  Weinertrag  in 
einem  Jahre  machen  und  danach  den  Preis  bestimmen,  wie  auch  für 
jedes  Handwerksprodukt  einen  Lohn  festsetzen  *). 

Das  Kapitel  von  den  großen  gesellschafien  fuhrt  uns  unmittelbar 
zu  einer  bestimmten  Einrichtung  und  Örtlichkeit.  Die  grofsen  Handels- 
kompagnien, die  sich  einander  helfen,  damit  sie  nicht  verlieren,  soUen 
ab  sein;  weder  Bürger,  noch  Reichsstädte  noch  Adlige  sollen  ein 
solches  Bündnis  eingehen  bei  der  Ungnade  des  Reichs.  Offenbar 
hat  der  Verfasser  die  große  geseUschaft  von  Ravensburg,  wie  sie  sich 
selbst  nannte,  oder  die  compagnia  grande,  wie  sie  in  Mailand  hiefs  *), 
vor  Augen.  Als  seit  1419  das  Geschlecht  der  Huntpifs  die  leitende 
Macht  der  Kaufmannschaft  wurde,  verbreitete  sie  sich  nicht  nur  über 
die    schwäbischen    Städte    Memmingen ,    Ulm ,    Konstanz  *)    und    die 

1)  S   234. 

2)  Vgl.  Reichstagsakten,  XU.  Bd.  S.  48.  In  einem  Schreiben  Ravensburgs  an  Ulm 
steht  die  Notiz:  von  des  fleisches  und  pfragnens  wegen  derer ,  die  das  vteh  kaufen 
auf  gewinn. 

3)  Boos  sagt  a.  a.  O.  S.  453  darüber:  „Diese  Wünsche  entsprechen  vöUig  den 
im  Mittelalter  herrschenden  Ansichten ^\  was  insofern  nicht  richtig  ist,  als  hier  nicht  für 
eine  bestimmte  Stadt,  sondern  für  eine  ganze  Landschaft,  ja  womöglich  das  ganze 
Reich  ein  einziger  Preis  festgesetzt  werden  soll. 

4)  Vgl.  W.  Heyd,  Die  große  Ravensburger  Oesellscha ft  {StutigBri  1890). 

5)  Vgl.  W.  Heyd,  S.  12- f.  Hier  wurde  sogar  während  der  Zunftaufstände  am 
1425 — 1429  dasselbe  beschlossen,  was  unser  Verfasser  fordert,  nämlich  die  Handels- 
gesellschaften  abzuschaffen.  Vgl.  Schulte,  Geschichte  des  mittelalterliehen  Handels 
und  Verkehrs  zwischen  Westdeutschland  und  Balien,     i.  Bd.,  S.  608. 


—     181     — 

Schweiz,  sondern  auch  bis  nach  Mailand  und  nach  Barcelona  ^).  Mit 
den  Ulmer  Kauthäusern  bestand  eine  enge  Geschäftsverbindung,  aber 
in  den  gröfeeren  Handelsstädten,  Augsburg  und  Nürnberg,  machte 
sich  das  Bedürfnis  eines  Anschlusses  an  eine  fremde  Handelsgesell- 
schaft weit  weniger  fühlbar  *).  Das  dürfte  der  Grund  sein,  warum  über 
die  grofse  Gesellschaft  ziemlich  kurz  hinweggegangen  wird. 

Während  der  erste  Teil  des  Kapitels :  von  zmng  und  benne  nach 
kaiserlichen  rechten  *)  zur  Reichsreform  gehört,  weist  der  zweite  Teil  ohne 
Zweifel  auf  die  Beziehungen  zwischen  Stadt  und  Land  hin.  Es  wird  hier 
von  den  Bannrechten  an  Holz,  Flur  und  Wasser  auf  dem  Lande,  die 
sämtlich  als  der  Abschaffung  würdig  erscheinen,  gehandelt.  Auffallend 
ist  dabei,  dafs  die  Forderung  in  kein  Verhältnis  zu  der  grofsen  so- 
zialen Erregung  unter  den  Bauern  um  diese  Zeit,  nämlich  zu  der  im 
Jahre  143 1,  gebracht  ist.  Das  Landvolk  um  Worms  hatte  nämlich 
im  Jahre  143 1  das  früheste  Vorspiel  des  grofsen  Bauernkrieges*) 
jf^eben,  indem  es  mit  bewaffneter- Hand  die  Auslieferung  der  Juden 
forderte.  Das  erregte  grofsen  Schrecken  bei  allen  Städten  *) ,  sodafs 
man  in  dieser  Angelegenheit  einen  allgemeinen  Städtetag  plante: 
die  elsässischen  und  mittelrheinischen  Städte  luden  auch  Nürnberg 
und  Augsburg  am  22.  Januar  1432  dazu  ein.  Die  Städte  betonten, 
dafe  die  Bewegung  nicht  nur  gegen  die  Juden,  sondern  gegen  jede 
Ehrbarkeit,  geistlich  und  weltlich,  gerichtet  sei;  es  sei  geradezu  eine 
Lebensfrage  für  alle  Reichsstädte,  auf  Mittel  zur  Abwehr  und  Dämpfung 
zu  sinnen.  Der  Aufstand  war  also  nicht  lokaler  Natur,  aber  trotzdem 
finden  sich  keine  Beziehungen  darauf  in  der  sogenannten  Reformation : 
nur  die  Abschaffung  der  Bannrechte  wie  der  Leibeigenschaft  über- 
haupt wird  aus  dem  freien  städtebürgerlichen  Bewufstsein  heraus  ge- 
fordert. Das  zeigt  zugleich  wieder,  dafs  diese  Auslassung  ganz  pri- 
vater Natur  ist,  und  die  Proklamierung  unserer  Schrift  als  „Trompete 
des  grofsen  Bauernkrieges  "  ^)  fällt  in  sich  zusammen.  Die  Abschaffung 
der  Bannrechte  haben  auch  die  Bauern  in  den  Jahren   1524  bis  1525 

1)  Ebenda  S.  33. 

2)  Ebenda  S.  46. 

3)  Boehm  S.  221  fif. 

4)  Vgl.  von  Bezold,  Vom  rheinischen  Bauernaufstand  im  Jahre  1431^  in  der 
Zdtscbrift  für  Geschichte  des  Oberrheins.  27.  Bd.  (1875)  S.  129  fif. 

5)  Wie  man  sich  in  Nürnberg  dafUr  interessierte,  zeigen  die  neaerdings  bei  San- 
<ier,  Die  reiehssiädiisehe  Haushaltung  Nürnbergs  (Leipzig  1902)  z.  B.  S.  554  oder  585 
oütgctcflten  Auszüge  aus  den  Stadtrechnongen ,  die  Kosten  für  Bolen  nach  Worms  be- 
treffen. 

6)  Boos  a.  a.  O.  S.  455  macht  sich  diese  Bezeichnung  za  eigen. 


—     182     — 

gefordert,  doch  ein  direkter  Zusammenhang  der  damaligen  Forde- 
rungen mit  den  in  der  sogenannten  Reformation  Kaiser  Sigmunds  auf- 
gestellten ist  ebensowenig  zu  entdecken,  wie  die  Anregung  zu  irgend 
welchen  anderen  Neuerungen,  die  unsere  Schrift  auf  rechtlichem  und 
politischem  Gebiete  in  der  Folgezeit  gegeben  haben  soll  '). 

(Fortsetzang  folgt.) 


Mitteilungen 

YorsanilllluilSteil.  —  Seit  dem  sechsten  Historikertage  ^)  sind  drei 
Jahre  vergangen,  und  nunmehr  steht  die  VII.  Versammlung  deutscher 
Historiker  vor  der  Tür,  die  vom  14.  bis  18.  April  zu  Heidelberg  statt- 
finden wird.  Das  soeben  ausgegebene  Programm  verspricht  folgende  Vor- 
träge: Prof.  Eduard  Meyer  (Beiiin)  über  Kaiser  Äugustus,  Prof.  Georg 
von  Below  (Tübingen)  über  die  Entstehung  des  modernen  Kapitalismus, 
Archivdirektor  GeorgWolfram  (Metz)  über  Neuere  Forschungen  über  die 
Beiterstatuette  Karls  des  Grofsen,  Prof.  Karl  Neumann  (Heidelberg)  über 
Byzantinische  Kultur  und  Benaissancckultur,  Prof.  Erich  Marcks  (Heidel- 
berg) über  Ludwig  Häusser,  Prof.  Johannes  Haller  (Marburg)  über  den 
Ursprung  der  galUhmischen  FreihfAten,  Prof.  Eberhard  Gothein  (Bonn) 
über  VorderOsterreich  unter  Maria  Theresia  und  Joseph  IL,  Prof.  Friedrich 
Gottl  (Brunn)  über  die  Grenzen  der  Geschichte.  Ferner  wird  über  den  Plan, 
die  Korrespondenz  Karls  V.  zu  bearbeiten  *),  berichtet  und  eine  Reihe  kleinere 
wissenschaftliche  Mitteilungen  gemacht  werden.  Neben  einem  Rundgang  durch 
das  Schlofs  unter  der  sachkundigen  Führung  von  Prof.  Karl  Pf  äff  ist  ein 
Ausflug  ins  Neckartal  sowie  am  18.  April  ein  Besuch  des  Schlosses  zu 
Bruchsal  und  des  Klosters  Maulbronn  in  Aussicht  genommen.  Alle  Sitzungen 
finden  in  der  Universisät,  die  Vorträge  in  der  Aula  statt;  für  die  erfahrungs- 
gemäfs  ausgedehnten  gemütlichen  Zusammenkünfte  werden  Räume  im  „Museum" 
(Städtischer  Saalbau)  freigehalten.  Teilnehmen  können  alle  historischen  Fach- 
genossen und  Fachverwandten  sowie  Freunde  geschichtlicher  Forschung,  die, 
soweit  sie  nicht  dem  „Verband  deutscher  Historiker"  (Jahresbeitrag  5  Mk.) 
angehören,  eine  Teilnehmergebühr  von  5  Mk.  entrichten.  Gegenwärtiger 
Vorsitzender  des  Verbandes  ist  Prof.  ErichMarcks  (Heidelberg,  Scheffel- 
strafse  7),  Vorsitzender  des  Ortsausschusses  Oberbibliothekar  Prof.  J.  Wille 
(Heidelberg,  Bunsenstrafse  9),  welche  beide  auf  besondere  Anfragen  gern 
Auskunft  erteilen. 

Gleichzeitig  wird  wie  gewöhnlich  die  Konferenz  von  Vertretern 
deutscher  Publikationsinstitate   tagen.     Als   hauptsächlichster   und  vor- 

1)  Koehne  a.  a.  O.  S.  430. 

2)  Vgl.  den  Aufsatz  Die  Historikertage  im   i.  Bande  dieser  Zeitschrift  S.  137 — 145 
sowie  im  besonderen  den  Bericht  über  die  Tagung  zu  Halle  ebenda  S.   199 — 204. 

3)  Vgl.  diese  Zeitschrift  I.  Band,  S.  241  —243. 


—     183     — 

knfig  ebziger  Gegenstand  soll  die  Frage  erörtert  werden :  Wache  Methoden 
sind  eur  Lösung  histtmech^gtographiacher  Probieme,  insbesondere  auch  eu 
denn  kartographischer  Bewältigung  ausetibilden  und  anzuwenden?  Za 
diesem  Behofe  werden  die  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde,  die 
Kommission  für  den  historischen  Atlas  der  österreichischen  Alpenländer  *), 
die  Historische  Kommission  der  Provinz  Sachsen  sowie  die  Kgl.  Sächsische 
Kommission  für  Geschichte  das  Material  ausstellen,  was  sie  bis  jetzt  ge- 
wonnen haben,  um  damit  eine  Probe  ihrer  Arbeitsweise  zu  geben.  Natür- 
fich  wäre  es  besonders  dankenswert,  wenn  auch  andere  Institute  sich  durch 
AossteUung  eines  Materiales  beteiligen  wollten,  das  ihre  bisher  getibte  oder 
demnächst  in  Aussicht  genommene  Praxis  vollständig  beleuchtet. 

ArchlTC.  —  Gelegentlich  des  dritten  deutschen  Archivtages 
hat  Prof.  Heydenreich  (Mühlhausen)  über  Städtische  Archivbauten*)  gc- 
sprodien.  Nachdem  die  Protokoll  des  dritten  deutschen  Ärchivtages  eu 
DUssddorf  1902  vollständig  im  Korrespondenzblatt  des  Gesämtvereines  der 
deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  50.  Jahrgang  (1902)  gedruckt 
erschienen  und  auch  im  Sonderabdruck  ausgegeben  worden  sind,  mag  noch 
einmal  die  Aufmerksamkeit  auf  jenen  Vortrag  gelenkt  werden,  dessen  Inhalt 
dem  Hörer  nicht  so  bedeutsam  erschienen  sein  dürfte  wie  dem  Leser.  Eine 
ganz  aufserordentliche  Fülle  von  Material  hat  H.  zusammengebracht  nnd  vor- 
züglich gruppiert,  und  besonderen  Wert  weit  über  den  unmittelbar  berührten 
Gegenstand  hinaus  verleiht  seiner  Veröffentlichung  der  Umstand,  dafs  in  114 
Anmerkungen  genaue  Angaben  über  die  Herkunft  der  einzelnen  Mitteilungen 
gemacht  sind.  Dieser  Teil  der  Arbeit  bietet  gewisse rmafsen  eine  Bibliographie 
der  arcbivalischen  Literatur  aus  dem  ganzen  deutschen  Sprachgebiet,  denn, 
wo  nur  irgend  Mitteilungen  über  den  Zustand  städtischer  Archive  aufzufinden 
waren,  da  hat  sie  H.  aufgespürt,  und  für  diese  Sammelarbeit  schuldet  ihm 
der  Archivar  nicht  minder  Dank  als  der  historische  Forscher. 

Zeitschriften.  —  Seit  der  letzten  die  periodische  Literatur  behandelnden 
Mitteilung  ^)  haben  wieder  eine  Reihe  neue  Zeitschriften  zu  erscheinen  be- 
gonnen, von  denen  einige  allgemeine  Aufmerksamkeit  verdienen. 

Im  Jahre  1862  bat  der  damalige  Gymnasialdi rektor  zu  Corbach,  Louis 
Curtze  einen  „Historischen  Verein  der  Fürstentümer  Waldeck  und  Pyrmont** 
ins  Leben  gerufen,  der  aber  nach  Curtzes  Tod  (1868)  allmählich  einschüef. 
Die  ansehnlichen  Sammlungen  des  Vereins  blieben  ganz  ohne  Aufsicht,  bis 
sich  seit  etwa  1895  Stimmen  regten,  die  eine  Erneuerung  des  Vereins 
befürworteten.  Am  28.  Okt.  1900  kam  dieselbe  durch  eine  Versammlung 
zu  Corbach  zu  stände,  und  mit  dem  Sitze  in  Arolsen  besteht  seitdem  der 
„Geschichtsverein  für  Waldeck  und  Pyrmont",  dessen  Schrift- 
fuhrer  Realgymnasialoberlehrer  R  u  d  o  1  f  F 1  a  d  e  ist  Im  Jahre  1 90 1  erschien 
bereits  der  f.  Band  der  Gesnhichtsblätter  für  Wfädeck  und  Pyrmont  (Menge- 
rioghausen,  Kommissionsverlag   von  Weigel)   unter  Redaktion  von  Victor 

i)  Vgl.  den  Aufsatz  an  der  Spitze  dieses  Heftes! 

2)  Vgl.  den  Bericlit  oben  S.  59. 

3)  Vgl  IL  Band,  S.  188—190. 


—     184     — 

Schultze,  Prof.  der  Kirchengeschichte  in  Greifswald,  auf  dessen  Wald- 
eckische  Beformationsgeschichte  (Leipzig,  A.  Deichert  Nachfolger,  1903,  459  S. 
8  ^)  an  dieser  Stelle  vorläufig  hingewiesen  sei.  Die  neue  Zeitschrift  eröffiiet 
«in  gröfserer  Aufisatz  aus  dem  Nachlasse  des  verstorbenen  Prof.  Bosch  (Ufeld) 
über  die  Geschichte  des  Klosters  Arötsen  (S.  i  — 114).  Die  ältere  Ge- 
schichte der  Siedlung  Arolsen  ist  hier  naturgemäfs  einbezogen,  und  besonders 
die  Anfänge  des  Klosters,  die  bis  zu  Anfang  des  XII.  Jahrhunderts  hinauf- 
führen, sind  ausführlich  und  gründlich  behandelt  Die  weitere  Entwickelung 
war  offenbar  mangels  reicherer  QueUen  schwer  zu  beleuchten,  und  die  Dar- 
stellung wird  daher  erst  mit  der  Schüderung  des  Verfalls  im  XV.  Jahrhundert 
wieder  breiter,  gegen  dessen  Ende  —  wohl  1492  —  die  Antoniter  einziehen 
tmd  das  Kloster  in  jeder  Hinsicht  reformieren.  Da  diese  Erneuerung  des 
klösterlichen  Lebens  eine  .Allgemeinerscheinung  ist,  so  verdient  die  eingehende 
DarsteUung  dieser  Verhältnisse  in  Arolsen  besondere  Beachtung.  Auch  die 
Einziehung  (1526)  bietet  manche  Belehnmg.  —  Zwei  kleinere  Beiträge  be- 
schreiben dann  die  Sammlungen  im  fürstlichen  Residenzschlosse  zu  Arolsen 
(S.  115 — 122),  die  sich  in  Antikensammlung,  Gewehrkammer  und  Hofbiblio- 
thek gliedern,  und  die  waldeckischen  Archive  (S.  134 — 138),  und  in  ihrem 
Wortlaut  mitgeteUt  ist  die  christliche  Unterweisung  ^  die  Gräfin  Anna  Katha- 
rina zu  Waldeck  1655  ihren  in  fremde  Kriegsdienste  ziehenden  Söhnen 
Christian  Ludwig  und  Josias  erteilte  (S.   123  — 133). 

Im  Fürstentum  Liechtenstein  ist  am  10.  Februar  1901  ein  histo- 
rischer Verein  ins  Leben  getreten,  dem  der  regierende  Landesfürst  Johann 
einen  jährlichen  Beitrag  von  200  Kronen  gewährt  Auch  dieser  Verein  ist 
sofort  mit  deip  ersten  Bande  eines  Jahrbuchs  des  Historischen  Vereins  für 
das  Fürstentum  Liechtenstein  (Vaduz,  Selbstverlag  des  Vereins,  1901)  an  die 
Öffentlichkeit  getreten.  KarlvonlnderMauer  eröfifhet  den  Band  mit  dem  Auf- 
satze Die  Gründung  des  Fürstentums  Liechtenstein  (S.  5 — 39),  die  in  das  Jahr 
1 7 1 9  fällt,  beleuchtet  aber  auch  die  Geschichte  der  Grafen  von  Hohenems,  die 
vor  den  Liechtensteinern  Vaduz  und  Schellenberg  besafsen,  um  in  einem 
dritten  Abschnitte  die  Geschichte  des  Hauses  Liechtenstein  vorzuführen. 
Mehrere  Aktenstücke  sowie  eine  Stammtafel  der  Fürsten  von  Liechtenstein 
(S.  41 — 80)  schliefsen  sich  an.  Mit  der  Tätigkeit  des  liechtensteinischen 
Landtages  1862 — 1873  beschäftigt  sich  Albert  Schädler  (S.  81  — 176) 
und  bietet  darin  recht  interessante  Einblicke  in  das  Leben  des  kleinen  Landes, 
das  natürlich  nicht  ohne  Rücksicht  auf  die  Nachbarstaaten  darzustellen  ist 
Als  dritte  Darbietung  kommt  eine  i.  Folge  der  Begesten  zur  Geschichte  der 
Herren  von  Schellenberg  von  Johann  Baptist  Büchel,  die  Zeit  von 
1000 — 1433  in  321  Nummern  umfassend,  in  Betracht  (S.  180 — 268):  wenn 
mit  derartigen  fieifsigen  Sammelarbeiten  jeder  Verein  seine  Tätigkeit  beginnen 
wollte,  so  würde  dies  selbst  auf  die  Gefahr  hin,  dafs  zunächst  nur  imvoU- 
ständiges  geboten  werden  kann,  einen  grofsen  Fortschritt  bedeuten! 

Das  Kaiserliche  und  Königliche  Heeresmuseum  in  Wien 
gibt  seit  kurzem  Mitieüungen  heraus,  deren  i.  Heft  (Wien,  in  Kommission 
bei  Karl  Konegen,  1902)  vorliegt  und  neben  einem  geschäftlichen  Teil 
(29  Seiten)  einen  wissenschaftlichen  (S.   i — 200)    enthält     Der  Konservator 


—     185     — 

des  Museums,  Wilhelm  Erben,  bietet  hier  eine  gröfsere  Quellenveröffent- 
tichimg  (S.  33 — 200)  mit  vorzüglicher  Einleitung  (S.  i — 32):  Kriegsartikel 
md  Beglemenis  als  Quellen  zur  Geschichte  der  k.  und  k.  Armee.  Der  Ver- 
&sser,  der  bereits  1900  im  6.  Ergänzungsband  der  Mitteilungen  des  Insti- 
tuts für  österreichische  Geschichtsforschung  den  Ursprung  und  die  Entwicke- 
kmg  der  deutschen  Kriegsartikel  sachkundig  dargestellt  hat,  zeigt  hier,  wie 
ake  Exerzierreglements  mehr  sind  als  Kuriositäten  und  wie  sie  sich  für  die 
Geschichte  des  Heeres  selbst  als  Quellen  benutzen  lassen.  Die  Reglements 
and  verhältnismäfsig  jung,  sie  sind  erst  im  XVII.  Jahrhundert  (S.  9 — 10) 
zur  Regelung  des  praktischen  Dienstes  verwendet  worden  und  zwar,  um  dem 
Laodesaufgebot  eine  brauchbare  Gestalt  zu  geben :  Landgraf  Moriz  von  Hessen 
hat  um  1600  das  erste  Reglement  verfafst,  indem  er,  wie  und  was  weis  man 
die  Soldaten  exerciren  solle,  niederschrieb  *.  In  Osterreich  ist  die  früheste 
entsprechende  Ordnung  bald  danach  in  Tirol  entstanden.  Im  XVUI.  Jahr- 
hundert mehren  sich  die  Reglements,  die  sich  immer  an  ältere  anlehnen,  aber 
in  der  Regel  einige  Neuerungen  enthalten,  es  bilden  sich  zugleich  allgemein 
für  das  ganze  Heer  giltige  Exerzierordnungen  aus,  während  die  früheren  immer 
nur  für  ein  Regiment  galten,  und  somit  wird  die  Grundlage  für  die  ent- 
sprechenden, im  XIX.  Jahrhundert  geltenden  Vorschriften  gewonnen.  Der 
Forschung  erwächst,  nachdem  hier  vortrefflich  die  Bedeutung  jenes  Quellen- 
materials gewürdigt  ist,  die  Aufgabe,  nachzuspüren,  wo  etwa  solche  Exer- 
aeneglements  erhalten  sind,  und  sie  auf  ihre  Abhängigkeit  von  anderen  be- 
kannten zu  untersuchen.  Abgedruckt  ist  bei  Erben  Das  Exercier-Beglement 
f6r  die  Tiroler  LandesdefensUm  von  1653  (S.  75 — 114)  und  das  Infanterie" 
Beffiement  des  Freiherm  von  Ogilvy  aus  dem  Jahre  1690  (S.  115 — 200). 
Aof  ein  handschriftlich  überliefertes  Exerzierreglement  kaim  hierbei  hingewiesen 
werden :  es  findet  sich  in  einem  Sammelband,  der  Befehle,  Berichte,  Einblatt- 
drucke enthält,  welche  1640  bis  1651  dem  im  Regimente  des  Obersten  Niven- 
heiift  dienenden  Leutnant  Martin  Henriques  von  Strevestorff*  dienstlich  zu- 
gegangen sind  *. 

Zur  Belebung  der  geschichtlichen  Studien  im  Königreich  Sachsen  und 
namentlich  zur  Veröffentlichung  gröfserer  Arbeiten  hat  Gustav  Buch  holz 
die  Herausgabe  einer  Bibliothek  der  sächsischen  Geschichte  und  Landeskunde 
(Leipzig,  S.  Hirzel)  begonnen.  Der  Herausgeber  hat  die  Absicht,  „  das  weit 
▼erbreitete,  aber  sachlich  unbegründete  Vorurteil  Lügen  zu  strafen,  als  werm 
manche  Teile  der  sächsischen  Geschichte  besser  der  Bearbeitung  ganz  ent- 
legen würden",  er  will  Arbeiten  aus  allen  Gebieten  der  sächsischen  Ge- 
schichte Aufnahme  gewähren  und  denkt  zugleich  an  gelegendiche  Publikation 
von  Briefwechseln  u.  dgl.  Das  bis  jetzt  allein  vorliegende  i.  Heft  des  ersten 
Bandes  enthält  Reinhold  Becker,  Der  Dresdener  Friede  und  die  Politik 
Brühls  (Leipzig,  S.  Hirzel,   1902,   143  S.  8"). 

'i)  Es  wäre  eine  sehr  verdienstliche  Arbeit,  wenn  namentlich  für  die  der  Union  an- 
getörenden  Territorien  im  einzelnen  untersucht  würde,  in  wie  weit  das  Landvolk  ge- 
MftcTt  und  militärisch  ausgebildet  worden  ist!  Die  allgemein  geschichtliche  Bedeutung 
<tiese$  Vorgangs  kennzeichnet   unter  Anführung   der  wichtigsten  Litteratur  Erben  S.   12. 

2)  Vgl.    Obersicht  über  den  Inhalt  der  kleineren  Archive    der  Bheinprovim, 
IL  Bd.  I.  Heft  (Bonn  iQor),  S.  41  No.  37. 


—     186     — 

Die  Ausgabe  der  im  Verlag  von  Emil  Felber  erschienenen  T^itsrhrift 
für  Kulturgeschichte,  herausgegeben  von  Georg  Steinhausen,  sowie  der 
Zeiischri/i  für  Social'  und  Wirtschaftsgeschichte,  herausgegeben  von  Stephaa 
Bauer  und  L.  Moritz  Hart  mann,  war  seit  langem  unregelmäfsig  erfolgt, 
die  Herausgeber  haben  daher  ihre  Verträge  gelöst  und  die  Fortsetzung  ihrer 
Unternehmen  in  neuer  Gestalt  begonnen.  Georg  Steinhausen,  jetzt  Stadt- 
bibliothekar in  Kassel,  läfst  seit  Beginn  des  Jahres  ein  Archiv  für  Kultur^ 
geschichte  im  Verlag  von  Alexander  Duncker  in  Berlin  erscheinen,  das 
jährlich  vier  Hefte  im  Umfang  von  zusammen  30 — 32  Bogen  zum  Preise 
von  12  Mark  umfassen  soll.  Im  Verlag  von  C.  L.  Hirschfeld  in  Leipzig 
wird  vom  i.  April  ab  eine  Vierteljahrschrift  für  Sozial-  und  Wirtschafts- 
geschichte erscheinen,  deren  Herausgeber  Stephan  Bauer  (Basel),  Georg 
von  Below  (Tübingen)  und  L.  Moritz  Hartmann  (Wien)  sind,  in  deren 
Auftrag  Kurt  Käser  (Wien)  die  Redaktionsgeschäfte  führt.  Die  Vierteljahr- 
schrift soll  viermal  jährlich  in  Heften  zu  je  10  Bogen  erscheinen,  die  Bei- 
träge können  in  deutscher,  englischer,  französischer  oder  italienischer  Sprache 
abgefafst  sein. 

Historische  OrtsTcrzclchnlsse.  —  Seitdem  bei  der  Jahresversamm- 
lung des  Gesamtvereines  des  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereines 
zu  Dresden  im  Jahre  1900  die  modernen  Grundsätze  zur  Abfassung  histo- 
rischer Ortsverzeichnisse  festgelegt  worden  sind  *),  regt  es  sich  erfreulicherweise 
auf  diesem  Gebiete  allenthalben  *).  Reimer,  selbst  Mi^lied  des  engeren 
Ausschusses  zur  Abfassung  dieser  Grundsätze,  hat  bereits  nach  dem  auf- 
gestellten Muster  Proben  für  ein  historisches  Ortsverzeichnis  von  Hessen 
ausgearbeitet  und  im  Druck  vorgelegt.  Die  einzelnen  Artikel  halten  sich 
auf  das  Knappeste,  man  wird  wohl  finden,  allzu  knapp  und  bedauern,  dafs 
das  durchforschte  Material  nicht  doch  noch  zu  weiteren  Aufschlüssen  ^ver- 
wendet wird.  Mit  Recht  hat  daher  die  Sächsische  Kommission  für 
Geschichte,  als  sie  sich  zu  Ende  des  genannten  Jahres  1900  demselben 
Unternehmen  zuwandte,  sich  etwas  weitere  Grenzen  gesteckt.  H.  Beschorner, 
welcher  schon  früher  in  eingehender  Weise  den  Gegenstand  mit  besonderer 
Rücksicht  auf  Sachsen  behandelt  hatte  '),  wurde  mit  der  Ausarbeitung  einer 
eigenen  Denkschrift  betraut,  die  er  nunmehr  der  Öffentlichkeit  übergeben 
hat  *).  Auch  er  war ,  wie  sich  ja  Jeder ,  der  ein  solches  Unternehmen  in 
Angriff  nimmt,  wird  überzeugen  müssen,  genötigt,  die  Sache  individuell  zu 
erfassen,  d.  h.  nicht  nur  dem  historischen  Charakter  des  Landes  angemessen, 

1)  Mitgeteilt  in  der  Zeitschrift  II.  Bd.,  b.  92  —  94. 

2)  Zu  dem  Gegenstande  vergl.  meinen  ausführlichen  Aafsatx  Über  historische  TopO' 
graphie  mit  besonderer  Rückncht  auf  Niederösterreich  in  dieser  Zeitschrift  111.  Bd., 
S.  97 — 109  ond  129  137.  Ich  trage  hier  nach,  dafs  auch  die  Thüringische  Historische 
Kommission  seit  ihrer  Gründung  im  Jahre  1896  die  Abfassung  eines  historischen  Orts- 
verteichnisses  in  ihr  Arbeitsprogramm  aufgenommen  hat,  wozu  man  allerdings  über  Vor- 
arbeiten bis  jetzt  noch  nicht  hinausgekommen  ist.  —  Über  die  Landes-  and  Ortsbeschreibung 
von  EUaf^-Lothrin(^en  vgl.  oben  S.  87  (falsche  Zählung  S    103). 

3)  Stand  und  Aufgaben  der  historischen  Topographie  in  Scushsen  [Neues  Archiv 
für  Sächsische  Geschichte  XXI,  (1900),  S.   138  ff.]. 

4)  Denkttchrift  Ober  die  Herfdeilung  eines  historischen  Ortsverseichmsses  für 
das  Königreich  Sachsen  (Dresden,  1903). 


—     187     — 

sondern  auch  nach  dem  Stande  der  bisherigen  Vorarbeiten.  In  bezug  auf 
die  Bau-  und  Kunsttopographie,  die  kirchliche  Topographie  und  die  Ver- 
zeichnisse der  prähistorischen  Funde  ist  z.  B.  Sachsen  bereits  bestens  ver- 
sorgt, dagegen  hält  Beschorner  die  Sammlung  der  Flurnamen  und  die 
Anlage  eines  Wüstungsverzeichnisses  flir  unerläfsliche  Vorarbeiten,  bevor  an 
die  Abfassung  eines  historischen  Ortsverzeichnisses  geschritten  werden  kann. 
Ihnen  sind  daher  die  zwei  ersten  Abschnitte  der  Denkschrift  gewidmet. 
(Man  beachte  auch  den  Fragebogen  zur  Ermittelung  älterer  Flurverhältnisse 
im  Anhang!)  Bezüglich  des  eigendichen  Ortsnamensverzeichnisses  ist  es, 
wie  gesagt,  von  Bedeutung,  dafs  Beschorner  die  Vorschläge  des  Dresdener 
Tages  vielfach  umwandelt.  Einerseits  will  er  für  die  Artikel  die  zusammen- 
hängende Darstellung  anwenden,  andrerseits,  damit  das  Werk  nicht  zu  sehr 
anschwillt,  die  2.  und  3.  Gruppe  der  Vorschläge,  nämlich  die  Sammelartikel 
über  Gerichts-,  Münz-,  Zollstätten  u.  s.  w.  und  über  die  Einteilung  des  Landes 
in  politischer  und  kirchlicher  Hinsicht  weglassen,  jedoch  eine  Einleitung  über 
terntoriale  Entwickelung,  politische  und  kirchliche  Einteilung,  über  Statistik  und 
namentlich  über  die  benutzte  Literatur  vorausschicken  und  ein  Sachregister 
begeben.  Der  einzelne  Artikel  würde  demnach  enthalten:  L  den  heutigen 
Namen  (offiziell  und  volkstümhch),  Angabe  des  Ortscharakters  und  der  Lage ; 
n.  die  Namensentwickelung  (mit  Quellenbelegen) ;  IIL  Historisch-topographische 
Nachrichten  (u.  zw.  i.  Gründung  des  Ortes,  2.  Erhebung  zur  Stadt  oder  Ver- 
leihung von  Marktprivilegien,  3.  bei  Wüstungen  Zeit  und  Art  des  Wüstwerdens, 
4.  Eingemeindungen,  5.  Burgen  und  Rittergüter,  6.  adlige  Familien,  7.  kirch- 
liche Verhältnisse,  8.  GerichtsstäUen,  9.  Münz-,  Zoll-  und  Geleitstätten, 
10.  Mühlen,  11.  Bildungsanstalten,  12.  industrielle  Anlage,  13.  politische 
Zogehörigkeit,  14.  Naturereignisse,  kriegerische  Vorgänge,  15.  statistische 
Angaben).  Da  über  das  Wesen  der  historischen  Ortsverzeichnisse  und  ihre 
Angaben  vielfach  sehr  unklare  Vorstellungen  herrschen,  so  ist  es  sehr  dankens- 
wert, dafe  Beschorner  sein  geplantes  Werk  präzisiert  (S.  26)  als  ein  „lexi- 
kalisch gefafstes  handliches  Nachschlagewerk,  das  den  Histo- 
riker für  jede  Epoche  der  Geschichte  über  das  Land  im  all- 
gemeinen, seine  Einteilung  und  seine  Wohnstätten  kurz  auf- 
klärt'*. Er  veranschlagt  den  Umfang  des  Werkes  auf  einen  Band  und  will  es 
ohne  Mitarbeiterschatt  allein  abfassen.  So  sehr  die  Denkschrift  gezwungen  ist,  in 
jedem  Funkte  auf  die  spezifisch  sächsischen  Verhältnisse  Rücksicht  zu  nehmen, 
so  wird  sie  dennoch  für  alle  derartigen  Unternehmungen  eine  höchst  will- 
kommene Vorlage  bilden,  denn  es  werden  auch  viele  allgemeine  Fragen, 
namentlich  in  bezug  auf  die  praktische  Seite  der  Durchführung  erörtert.  — 
Von  der  Topographie  von  Niederösterreich  ist  das  i.  Heft  des 
VL  Bandes  im  Umfange  von  16  Bogen  (Buchstabe  M)  fertiggestellt.  Die 
weitschichtige  Anlage  dieses  ganzen  Werkes,  an  welchem  gegenwärtig  fünf- 
nndzwanzig  Mitarbeiter  beschäftigt  sind,  bedingt  einige  wesendiche  Verschieden- 
heiten von  den  in  Ausführung  begriffenen  oder  auf  Grund  der  Dresdener 
Vorschläge  geplanten  historischen  Ortsverzeichnissen  in  Deutschland,  die  eben 
Dar  ab  Hand-  und  Nachschlagebücher  gedacht  sind,  während  hier  eine  Samm- 
lung ausführlicherer  Ortsgeschichten  geboten  werden  soll.  Um  auch  sonst 
kein  Miisverständnis  aufkommen  zu  lassen,  betone  ich  nochmals,  wie  ich 
dies  bereits  in  meinem  oben  erwähnten  Aufsatz  getan,  dafs  auch  ich  selbst- 


—     188     — 

verständlich  mit  vielen  eigentümlichen  Verhältnissen  des  Landes  Niederöster- 
reich  rechnen  mufste  und  bei  dem  schon  weit  vorgeschrittenen  Stadium 
des  Erscheinens  an  gewissen  bisher  eingebürgerten  Einrichtmigen  des  Werkes 
auch  fernerhin  festzuhalten  gezwungen  war.  Aufserdem  werden  manche 
schwierigere  Reformen,  die  längerer  Vorbereitungen  bedürfen,  erst  im  weiteren 
Verlaufe  durchgeführt  werden  können,  da  in  dem  Erscheinen  des  Werices 
keine  Unterbrechung  eintreten  durfte. 

Wien.  M.  Vancsa. 

Personalien.  —  Am  17.  Oktober  1902  starb  Dr.  Franz  Krones 
Ritter  von  Marchland,  k.  k.  Hofrat,  o.  ö.  Professor  der  österreichischen 
Geschichte  an  der  Universität  zu  Graz,  ein  hochverdienter  Gelehrter,  erfolg- 
reicher Lehrer,  eifriger  Forscher  und  fruchtbarer  Schriftsteller.  Am  19.  No- 
vember 1835  7'^  Ungarisch  -  Ostrau  in  Mähren  geboren,  besuchte  K.  1844 
bis  1852  das  Gynmasium  zu  Brunn  und  bis  1856  die  Universität  zu  Wien, 
wo  er  vorzugsweise  historisch-geographische  und  germanistische  Studien  trieb» 
Mitglied  des  1855  gegründeten  Instituts  ftir  österreichische  Geschichtsforschung 
war  und  zum  Dr.  phil.  promoviert  wurde.  Erst  21  Jahre,  1856,  zum  Supplenten 
der  Lehrkanzel  ftir  österreichische  Geschichte  an  der  damals  deutschen 
Rechtsakademie  zu  Kaschau  in  Ungarn  ernannt,  ward  er  dort  1857  zum 
aufserordentlichen  Professor  dieses  Faches  bestellt  und  blieb  in  diesem  Amte, 
bis  durch  den  völligen  Umschwung  der  politischen  Verhältnisse  in  Ungarn 
(186 1)  alle  von  der  Wiener  Regierung"  seit  1849  dorthin  entsendeten  Be- 
amten ihre  Stellen  aufgeben  mufsten.  Seinen  Aufenthalt  in  Ungarn  benutzte 
K.  zur  vollständigen  Erlernung  der  ungarischen  Sprache  und  erwarb  sich 
dadurch  das  Mittel  zu  seinen  späteren  Forschungen  auf  dem  Gebiete  der 
Geschichte  Ungarns. 

Von  Kaschau  nach  Wien  zurückgekehrt,  1861  als  Professor  an  das 
erste  Staatsgymnasium  in  Graz  gesendet,  habilitierte  er  sich  1862  an  der 
Universität  daselbst  und  wurde  1865  zum  o.  ö.  Professor  ernannt,  welche 
Stelle  er  bis  zu  seinem  Tode  bekleidete.  Wesenüichen  Anteil  nahm  er  an 
der  Gründung  des  historischen  Seminars  (1866/67),  nicht  minder  an  den 
Arbeiten  des  historischen  Vereins  ftir  Steiermark,  dessen  Ausschufsmitglied 
er  durch  lange  Zeit  war,  und  zu  dessen  Ehrenmitglied  er  bei  dem  ftinfzig- 
jährigen  Jubiläum  desselben  (1900)  ernannt  wurde.  Zweimal  bekleidete  er 
die  Würde  eines  Dekans  der  philosophischen  Fakultät  (1869  und  1873), 
1877  w^*"  ^^  Rektor  der  Universität,  seit  1874  korrespondierendes  Mitglied 
der  kaiserl.  Akademie  der  Wissenschaften  in  Wien  und  später  auch  der 
königl.  ungarischen  Akademie  zu  Buda-Pest.  Seit  1865  hielt  K.  auch  als 
Honorardozent  der  Geschichte  an  der  k.  k.  technischen  Hochschule  Vor- 
lesungen, von  1873  ^^s  1874  leitete  er  das  in  Graz  gegründete  Mädchen- 
lyzeum, die  erste  derartige  höhere  Lehranstalt  ftir  das  weibliche  Geschlecht 
in  Österreich,  als  prov.  Direktor  und  wirkte  durch  mehr  als  zwanzig  Jahre 
als  Fachmann  im  steiermärkischen  Landesschulrate.  Als  Auszeichnungen 
wurden  ihm  der  Orden  der  eisernen  Krone  IIL  Klasse,  die  Erhebung  in 
den  Ritterstand  mit  dem  Prädikate  „von  Marchland"  und  die  Verleihung 
des  Titels  eines  k.  k.  Hofrats  zu  teil. 

Als  Forscher  hat  K.  vor  allem  die  Geschichte  Ungarns,  die  Geschichte 


—     189     — 

• 

der  Steiermark  und  Innerösteireichs,  sowie  die  allgemeine  österreichische  Ge- 
schichte an  der  Wende  des  XIX.  Jahrhunderts  bereichert,  indem  er  entweder 
Dcoes  archivalisches  Material  zur  Kenntnis  der  Fachgenossen  brachte,  dessen 
Verarbeitung  erst  noch  zu  erfolgen  hat,  oder  mit  Verratung  endegener  ge- 
dmckter  Quellen  Untersuchungen  interessanter  Fragen  anstellte,  die  zur  Auf- 
hellung und  Klärung  einzelner  Zeiträume  beitragen.  Zu  dieser  Gruppe  seiner 
literarischen  Arbeiten  zählen  wir  die  Abhandlungen  Der  Kampf  des  Anjou- 
^ektn  Königtums  mit  den*  Oligarchie  (1863);  Zur  Geschichte  Ungarns  im 
ZeitaUer  fhram  Rakocxys  IL  (1870);  Zur  Qescfiichte  des  deutschen  Volks- 
tums m  den  Karpathen  (1878);  Vorarbeiten  zur  Quellenkunde  (1865 — 69)  und 
Materialien  zur  Oesehiclite  des  mittelalterlicfien  Landtagswesens  der  Steierfnark 
(1879);  ^^  Freien  von  Saneck  und  ifire  Chronik  (1883);  Qraf  Hermann  IL 
ron  OilU  (1873);  Zur  Gesdiichi^  dei"  Steiermark  vor  und  in  den  Tagen 
der  Baumkircherfehhie  (1869);  Zeugenverhör  über  Andreas  Bau/mkirchers 
Taten^  Leben  und  Ende  (187 1);  Aktenmäßige  Beiträge  zur  Geschichte  des 
Tattenbacltisehen  Prozesses  (1862);  Verfassung  und  Verwaltung  der  Mark 
und  des  Herzogtums  Steter  (1893);  Landes  fürst,  Behörden  und  Stände  des 
Herzogtums  Steier  1282 — 1411  (1901);*  Geschichte  der  Kari-Franzens-Ühi- 
rersüät  in  Graz  (Jubiläumsschrift  1886  mit  Fortsetzung  1895);  ^''  Geschichte 
ösienreidis  1792—1816  (1886);  Tirol  1812-1816  und  Erzherzogs  Johann 
ron  Österreich  (1890);  Aus  dem  Tagebuche  Erzherzogs  Johanns ,  Aus  Öster- 
reichs stillen  und  bewegten  Tagen  1810—1812,    1813—1815   (1891,   1892). 

Zu  diesen  letztgenannten  Studien  aus  dem  Gräflich  Meranschen  Archiv 
m  Graz  gesellen  sich  die  Monographieen  Feldzeugmeister  Josef  Freiherr  von 
Simbsehen  1810—1818  (1891)  und  Moritz  von  Kaiserfeld  (1888). 

Grofse  Verbreitung  hat  das  Handbuch  der  Ge^chicJäe  Österreichs  (5  Bde., 
1876 — 1879)  gefunden,  das  bis  zur  Vollendung  des  Huberschen  Werkes  durch 
Oswald  Redlich  das  einzig  brauchbare  Nachschlagewerk  bleiben  wird,  tmd  dessen 
bibliographische  Hinweise  dem  Historiker  unentbehrlich  geworden  sind.  Kom- 
pÜatorischen  Charakter  haben  die  Geschichte  österreicJis  für  die  reifere  Jugend 
(2  Bde.),  der  Grundri/h  der  österreichischen  Geschichte  ynit  be^sonderer  Bück- 
fficht  auf  Quellen-  und  Literaturkunde  (188 1),  die  Geschichte  der  Neuzeit 
Österreichs  (1879),  während  die  Umrisse  de^  Geschichtslebens  der  deuisch-öster- 
reichischen  Ländergruppe  (1863)  und  Die  österreichisdten ,  böhmischen  und 
ungarischen  Länder  im  letzten  Jahrhundert  vor  ihrer  dauernden  Vereinigung 
(1864)  vielfach  auch  selbständige  Anschauungen  zum  Ausdruck  bringen. 

Mit  diesen  Werken  sind  die  Leistungen  des  rasdosen  und  emsig  schaffen- 
den Mannes  nicht  erschöpft;  mehr  als  fünfzig  Aufsätze  im  Archiv  für  öster- 
reichische Geschichte,  in  den.  Mitteilungen  und  Beiträgen  des  Historischen 
Vereines  und  in  den  Veröffentlichungen  der  Historischen  Landes-Kommission  für 
Steiermark  müfeten  noch  aufser  einer  stattlichen  Anzahl  selbständiger  Brochüren, 
Volksbücher  u.  dgl.  m.  aufgezählt  werden,  um  eine  vollständige  Bibliographie 
von  K.  zu  bieten.  Was  unermüdlicher  Fleifs  und  liebevolle  Vertiefung  in 
<iie  Denkmäler  heimatlicher  Geschichte  hervorzubringen  vermögen,  das  findet 
nun  in  allen  seinen  Arbeiten;  scharfe  Kritik,  die  Durchdringung  politischer 
oder  kulturhistorischer  Probleme  war  seine  Sache  nicht.  Es  genügte  ihm, 
oeuc  Wege  durch  das  Dickicht  der  Aktenfaszikel  eingeschlagen,  Ausblicke 
nach  den  verschiedenen  Richtungen  geschaffen  und  damit  seine  zahlreichen, 


—     190     — 

mit  inniger  Verehrung  an  ihm  hängenden  Schüler  zur  Nacharbeit  angeeifert 
zu  haben.  Seine  Lehrtätigkeit  wurde  am  wesentlichsten  durch  seine  liebens- 
würdige Persönlichkeit  und  seine  wahrhaft  kollegiale  Gesinnung  unterstützt, 
die  ihm  bei  Allen,  die  zu  seinen  Füfsen  gesessen  sind  oder  mit  ihm  das 
Vereinsleben  gefördert  haben,  eine  dankbare  Erinnerung  bewahren  wird. 

An  deutsche  Universitäten  wurden  berufen:  der  Leipziger  Privatdozent 
Karl  Sapper  als  aufserordentlicher  Prof.  der  Geographie  nach  Tübingen; 
der  aufserordentliche  Prof.  der  Geschichte  in  Marburg  Karl  Brandi  als 
ordentlicher  Prof  nach  Göttingen;  der  aufserordentliche  Prof.  der  Geschichte 
in  Göttingen  Otto  Krauske  als  ordentlicher  Prof  nach  Königsberg  i.  P. ; 
der  ordentliche  Prof.  der  alten  Geschichte  in  Halle  Eduard  Meyer  in 
gleicher  Eigenschaft  nach  Berlin;  der  aufserordentliche  Prof  der  deutschen 
Rcchtsgeschichte  in  Freiburg  i.  B.  Konrad  Beyerle  in  gleicher  Eigen- 
schaft nach  Breslau ;  der  ordentliche  Prof  der  Geschichte  in  Königsberg  L  F. 
Georg  Erler  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Münster  i.  W.;  der  bisherige 
Assistent  am  Kgl.  Preufs.  historischen  Institut  in  Rom  J.  Haller  als  aufser- 
ordentlicher Prof  nach  Marburg;  der  aufserordentliche  Prof  der  National- 
ökonomie in  Freiburg  i.  B.  Heinrich  Sieveking  in  gleicher  Eigenschaft 
nach  Marburg ;  der  Archivar  und  Privatdozent  der  Kunstgeschichte  in  Königs- 
berg i.  P.  Hermann  Ehrenberg  als  aufserordentlicher  Prof  der  Kunst- 
geschichte nach  Münster  i.  W. ;  der  Sekretär  an  der  Hof-  und  Staatsbibliothek 
in  München  Franz  Kampers  als  aufserordentlicher  Prof  der  Geschichte 
nach  Breslau;*  der  ordentliche  Prof  der  alten  Geschichte  in  Würzburg 
Ulrich  Wilcken  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Halle ;  der  ordentliche  Profi 
der  Geschichte  in  Heidelberg  Dietrich  Schäfer  in  gleicher  Eigenschaft 
nach  Berlin;  der  aufserordentiiche  Prof  der  Geschichte  in  Bonn  Karl 
Hampe  als  ordentlicher  Prof  nach  Heidelberg;  der  aufserordentliche  Prof. 
der  Geschichte  in  Heidelberg  Alexander  Cartellieri  in  gleicher  Eigen- 
schaft nach  Jena;  der  aufserordentliche  Prof  der  Geschichte  in  Halle  Felix 
Rachfahl  als  ordentlicher  Prof  nach  Köm'gsberg  L  P.  Unter  Verbleiben 
an  ihrem  Wohnsitz  wurden  der  aufserordentliche  Prof  der  Kunstgeschichte 
Adelbert  Matthaei  in  Kiel  sowie  die  aulserordentlichen  Pioff.  der  Ge- 
schichte Anton  Chroust  in  Würzburg,  O.  Hintze  in  Berlin,  Span- 
nagel imd  Aloys  Meister  in  Münster  i.  W.  zu  Ordinarien  ernannt. 
Domkapitular  AlexanderSchnütgen  in  Köb  erhielt  die  Ernennung  zum 
Honorarprofessor  für  christliche  Kunstgeschichte  in  Bonn.  —  In  Berlin  wurde 
eine  aufserordentliche  Professur  für  „deutsche  Archäologie  und  germanische 
Altertumskunde",  wie  sie  in  neuerer  Zeit  öfter  gefordert  worden  ist,  begründet 
und  damit  die  erste  selbständige  Professur  dieses  Faches  ins  Leben  gerufen ; 
berufen  wurde  dafür  im  Juli  1902  Gustav  Kossinna,  ein  Schüler  Müllen- 
hoffs,  früher  Bibliothekar  an  der  Kgl.  Bibliothek  in  Berlin,  der  seit  langer 
Zeit  auf  diesem  Felde  erfolgreich  tätig  gewesen  ist. 

Für  Geschichte  habilitierten  sich:  in  Greifswald  Albert  Werming- 
hoff;  in  Strafsburg  i.  E.  Robert  Holtzmann;  in  Wien  J.  Lechner; 
in  München  Beckmann  und  Jansen;  in  Karlsruhe  (Technische  Hoch- 
schule) Karl  Brunner;  in  Leipzig  Richard  Scholz  und  A.  Doren; 
in  Berlin  Norden;  in  Innsbruck  für  österreichische  Reichsgeschichte  Kogler. 


—     191     — 

—  Für  Kunstgeschichte  habilitierten  sich:  in  Berlin  L.  Justi  und 
CX  Wulff;  in  Stuttgart  (Technische  Hochschule)  Karl  Franck;  in  Wien 
(Technische  Hochschule)  H.  Egg  er. 

Es  starben:  7.  Mai  1902  Adolf  Beer,  Prof.  an  der  Technisches 
Hochschule  in  Wien,  Ver&sser  der  Geschichte  des  Welthandels  (1860)^ 
71  Jahre  alt;  xi.  Mai  Prediger  Henri  Tollin  zu  Magdeburg,  der  rer- 
Aenstvolle  Erforscher  der  Geschichte  französischer  Hugenottengemeinden  in 
Fnmkfurt  a.  Ö.,  Magdeburg,  Berlin,  Halberstadt,  Celle,  Mannheim,  Oranien* 
barg,  seit  1890  Herausgeber  der  Geschiehtsblätter  des  deutschen  Hugenotten^ 
Vereins i  69  Jahre  alt;  23..  Mai  in  München  Reichsarchivassessor.  Franr 
Schnei  de  rwirth,  ein  geborener  Westlaie,  43  Jahre  alt;  4.  Juni  in  Dussel* 
dorf  der  frühere  langjährige  Leiter  des  dortigen  Staatsarchivs  Woldemar 
Harless,  74  Jahre  alt  (vgl.  II.  Bd.,  S.  94 — 95);  8.  Juni  der  Heidelberger 
Obeibibliothekar  Karl  Zangemeister,  der  Wiedergewinner  der  Manessischen 
Handschrift,  der  Förderer  Heidelberger  Orts-  tmd  Schlofsgeschichte  sowie 
der  römischen  Altertumsforschung  auf  deutschem  Boden  und  Vorsitzende  des 
geschäftsführenden  Ausschusses  der  Reichs-Limeskommission ,  64  Jahre  alt; 
7.  Juli  der  Archivar  und  Bibliothekar  der  Stadt  Trier  M  ax  Keuffer,  46  Jahre 
ah;  10.  Juli  der  Innsbrucker  Rechtshistoriker  Julius  Ficker,  76  Jahre 
ah;  2f.  Juli  in  Kissingen  der  Direktor  des  grofsherzoglichen  Museums  in 
Schwerin,  Friedrich  Schlie,  63  Jahre  alt;  im  Juli  der  Privatdozent  der 
Geschichte  an  der  deutschen  Universität  in  Prag  Oskar  Wanka  Edler 
TonRodlow,  28  Jahre  alt;  Anfang  September  in  München  Ferdinand 
Kaltenbrunner,  Prof.  der  geschichtlichen  Hilfswissenschaften  in  Innsbruck,. 
56  Jahre  alt.  10.  September  in  Friedrichroda  Ernst  Dümmler,  Vor- 
sitzeoder der  Zentraldirektion  der  Monvmenta  Germaniae  historica,  73  Jahre 
ah;  17.  September  in  München  der  Rechtshistoriker  Konrad  von  Maurer, 
79  Jahre  adt;  10.  Oktober  der  Stadtarchivar  von  Dorpat  Lichtenstein; 
X2.  Oktober  der  Direktor  des  Trierer  Provinzialmuseums  Felix  Hettner, 
Mitherausgeber  der  Westdeutschen  Zeitschrift,  51  Jahre  alt;  24.  November 
der  Direktor  des  Kgl.  Bayerischen  Reichsarchivs  in  München  Edmund 
von  Oefele,  58  Jahre  alt;  27.  Dezember  Prof.  ¥.  Otto  in  Wiesbaden,  em- 
siger Forscher  in  Nassauischer  Geschichte,  76  Jahre  alt;  i.  Januar  1903  Geh» 
Archivrat  Ernst  Friedländer  in  Berlin,  61  Jahre  alt;  4.  Januar  Major  a.  D. 
Wegen  er,  Konsen'ator  des  städtischen  Museums  in  Braunschweig,  72  Jahre 
ah;  13.  Januar  der  Leiter  der  Universitätsbibliothek  und  Prof.  der  Biblio- 
thekswissenschaft in  Göttbgen  KarlDziatzko,  60  Jahre  alt;  13.  Januar 
Staatsarchivar  a.  D.  Labhart-Labhart  in  Zürich,  79  Jahre  alt;  im  Januar 
der  Stettiner  Stadtbibliothekar  TheodorMünster,  40  Jahre  alt ;  8.  Februar 
der  Archäolog  Lycealprofessor  Joseph  Führer  in  Bamberg,  45  Jahre  alt; 
10.  Februar  CarlAdolfCornelius,  eins  der  letzten  Mitglieder  des  Frank- 
furter Parlaments,  84  Jahre  alt. 

Im  KgL  Preufsischen  Archivdienst  wurden  die  Assistenten  Lau  von 
Stettin  nach  Düsseldorf  und  Loewe  von  Berlin  nach  Hannover,  die  Hilfs- 
arbeiter Ther Stappen  von  Königsberg  nach  Breslau  und  Eggers  von 
Schleswig  nach  Königsberg  versetzt.  —  Zum  Direktor  des  Kgl.  Bayerischen 
Reicbsarchivs  in  München  wurde  Reichsarchivrat  Franz  Ludwig  Bau  mann 
ernannt;  nach  dem  Tode  von  Oefeles  war  der   dienstälteste   Reichsarchivrat 


—     192     — 

Pius  Wittmann,  der  im  Sommer  1902  gerade  25  Jahre  am  Reichsarchtr 
tätig  war,  mit  der  Geschäftsführung  betraut.  Der  Kreisarchtvar  Glasschröder 
in  Speier  wurde  als  Reichsarchivassessor  nach  München  berufen ,  an  seine 
Stelle  in  Speier  trat  Kreisarchivsekretär  A.  Müller.  —  Zum  Staatsarchivar  des 
Kantons  Zürich  wurde  Dr.  Häne-Wegelin  ernannt,  Stadtarchivar  in  Augs- 
burg wurde  Dr.  Dirr,  in  Efslingen  Architekt  A.  Benz.  —  Prof.  Hey  den- 
reich,  Stadtarchivar  zu  Mühlhausen  i.  Th.,  wurde  als  Hilfsarbeiter  in  das 
Ministerium  des  Innern  zu  Dresden  berufen  zur  Bearbeitung  der  Adelsangelegen- 
heiten und  Einrichtung  eines  Adelsbuches. 

Prof.  L.  Kämmerer,  Assistent  am  k.  Kupferstichkabinett  in  Berlin, 
wurde  zum  Direktor  des  Provinzialmuseums  in  Posen  gewählt,  zum  Konser- 
vator der  Kunstdenkmäler  im  Herzogtum  Anhalt  Dr.  Ostermayer,  bisher 
in  Danzig,  zum  Konservator  für  Ostpreufsen  Dethlefsen,  für  Hessen 
von  Drach.  H.  Dragendorff,  aufserordentl.  Prof.  der  klassischen  Philo- 
logie und  Archäologie  in  Basel,  wurde  zum  Direktor  der  römisch-germanischen 
Konmiission  des  kais.  archäologischen  Instituts  mit  dem  Wohnsitze  in  Frank- 
furt a.  M.  ernannt. 

Eingegangene  Bfleher. 

Lutsch,  Hans:  Verzeichnis  der  Kunstdenkmäler  der  Provinz  Schlesien, 
Band  VI:  Denkmälerkarten  (für  jeden  Regierungsbezirk  eine). 
Breslau,  Gottl.  Korn,  1902.     M.  9,00. 

Meier,  P.  J. :  Untersuchungen  zur  Geschichte  der  Stadt  Wolfenbtittel 
[Sonderabdruck  aus  dem  „  Braunschweiger  Jahrbuch"  1902].    37  S.  8®. 

Nentwig,  Heinrich:  Silesiaca  in  der  Reichsgräflich  Schaflfgottsch'schen 
Majoratsbibliothek  zu  Warmbrunn.   2.  Heft.  Leipzig,  1902.  S.  233  -  576. 

Ohr,  Wilhelm:  Der  Karolingische  Gottesstaat  in  Theorie  und  Praxis. 
Leipziger  Dissertation.     Leipzig,  Gustav  Fock,   1902.     80  S.  8^. 

Oidtmann,  Heinrich:  Die  Hubertusschlacht  bei  Linnich  in  Dichtung, 
Sage  und  Geschichte  [Sonderabdruck  aus  dem  Kreis- Jülicher  Korre- 
spondenz- und  Wochenblatt,   1902].     32  S.  8®. 

Overmann,  Alfred:  Die  ersten  Jahre  der  Preufsisehen  Herrschaft  in 
Erf'rt  1802  — 1806,  veranlafst  und  unterstützt  von  der  Stadt  Erfurt. 
Erfurt,  Keyser  1902.     145  S.  S^. 

Pfau,  W.  C. :  Grundzüge  der  älteren  Geschichte  des  Dorfes  Seelitz  und 
seiner  Kirche  [=  Einzelheiten  aus  dem  Gebiet  der  Rochlitzer  Geschichte, 
Lieferung  2].     Rochlitz  i.  S.,   1902.     67  S.  8®. 

Derselbe:  Zur  Geschichte  des  Tabaks  in  der  Rochlitzer  Pflege  [==  Einzel- 
heiten aus  dem  Gebiete  der  Rochlitzer  Geschichte ,  Lieferung  3 ,  S.  5 
bis  10].     Rochlitz  i.  S.,   1902. 


Berichtigung 

Auf  Seite  135    auf  Zeile  6  ist  statt:   „des  letzten  vorchristlichen  Jahr- 
hunderts" zu  lesen:  „des  letzten  vorchristlichen  Jahrtausends". 

Die  Red. 


U«^r4UJ(eeher  Dr.  Armin  Tille  in   Leipzig. 
Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andrea«  Perthes  AkdengeselUchaft  Gotha. 


Deutsche  Ceschichtsblätter 

Monatsschrift 


rar 


Forderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

IV.  Band  Mai  1903  8.  Heft 


Die  {Reform  des  mreltliehen  Standes  naeh 
der  sogen,  t^eformation  des  I^aisers  Sig^ 
mund  im  Iiiehte  der  gleiehzeitigen  t^eform^ 
Bestrebungen  im  t^eieh  und  in  den  Städten 

Von 
Heinrich  Werner  (Merzig) 

(Fortsetzung.) 

Nun  folgt  eine  Reihe  von  Kapiteln,  die  sich  auf  das  Polizeiwesen 
und  den  diplomatischen  Verkehr  der  Städte  beziehen.  Zu  der  Po- 
lizei, d.  h.  im  Mittelalter  zu  der  gesamten  öffentlichen  Wohlfahrts- 
pflege, gehören  zunächst  die  Kapitel  über  das  Arzneiwesen,  im  be- 
sonderen den  Arzt  *).  Leider  sind  die  Polizeiverordnungen  der  Städte 
aus  jener  Zeit  noch  sehr  lückenhaft  veröffentlicht;  auch  würden  die 
Beratungen  des  Ulmer  Städtetages,  wenn  deren  Protokolle  dem  Drucke 
übergeben  werden  könnten,  gröfseres  Licht  auf  diese  Vorschläge 
werfen,  namentlich  auch  auf  die  beiden  Kapitel:  ein  poUtten*),  und 
daß  man  den  pfundzoU,  d.  h.  Wertzoll,  geben  soll ').  Neben  dem  Zoll- 
wesen soll  auch  das  Geleite  Gegenstand  der  Beratung  in  Ulm  ge- 
wesen sein:  der  Vorschlag,  einen  Stadtpafs  einzufuhren,  dürfte  daran 
erinnern. 

Die  Kapitel  über  den  diplomatischen  Verkehr  einer  Reichsstadt 
sind  höchst  charakteristisch  für  die  Person  des  Verfassers.  Es  sind 
das  die  Kapitel  von  insigeln,  eine  reichssiaU  soU  ewei  insigel  hm,  ein 
dadtschreiber  sdU  publicus  notaritis  sein,  kein  priester  soU  notarius  sein. 
Zunächst  fallt  hier  auf,  dafs  die  Bemerkungen  über  die  Insiegel  fast 
mit  denselben  Worten  in  beiden  Teilen  wiederkehren,  und  dafs  dieses 
Thema  so  ausführlich  behandelt  ist,   dafs  es  in  keinem  rechten  Ver- 


1)  Boehm  S.  aa6f. 

2)  Ebenda  S.  331. 

3)  Ebenda  S.  236. 

14 


—     194    — 

hältnis  zu  den  übrigen  Reformvorschlägen  steht.  Dazu  gelten  diese 
breiten  Ausfuhrungen  fast  nur  dem  Stadtschreiberamt,  denn  nur  an 
einer  Stelle  wird  auch  der  „kaiserliche  Schreiber"  *)  erwähnt  —  wohl 
infolge  der  Bekanntschaft  des  Verfassers  mit  dem  zwischen  Städten 
und  kaiserlicher  Kanzlei  üblichen  diplomatischen  Verkehr;  der  Ver- 
fasser nennt  sich  ja  selbst  einmal  r(U  des  kaisers  '),  er  konnte  auch  als 
städtischer  Gesandter  wohl  einmal  in  den  Rat  des  Kaisers  gelangen  '). 
Wie  die  Art  der  Behandlung,  so  zeigt  auch  der  Inhalt  der  Forde- 
rungen, welches  Interesse  der  Verfasser  dem  Stadtschreiberamt  ent- 
gegenbringt: es  ist  offenbar  ein  von  tiefem  Groll  und  verletztem 
eigenen  Interesse  diktierter  Protest,  der  zur  Vermeidung  eines  Ein- 
griffs geistlicher  Personen  bei  der  Besiegelung  weltlicher  Sachen 
Scheidung  des  Geistlichen  vom  Weltlichen  auf  der  ganzen  Strecke 
verlangt.  Das  Insiegel  sei  das  Zeichen  der  Wahrheit,  diese  soll  weder 
verkauft  noch  gekauft  werden,  wie  es  geschehe,  das  sei  offener  Wucher. 
Wie  im  ersten  Teile  die  Beseitigung  aller  geistlichen  Taxen  und 
Schreibgebühren  gefordert  wurde,  so  soll  auch  kein  Geistlicher  eine 
weltliche  Sache  versiegeln:  es  soU  sich  lauter  in  alweg  scheiden  das 
geistlich  und  dcLS  weUlich.  Nur  konsequent  ist  diesem  die  folgende 
Forderung,  dafs  kein  priester  weder  stadtschreiber,  noch  notari  sein  sott, 
es  gehört  lauter  ihrem  ^att  nit  zu,  als  ihr  doch  in  viel  stetten  ist.  So 
wissen  wir  von  Nürnberg,  dafs  dort  Heinrich  Leubing,  Pfarrer  von 
St.  Sebald ,  Stadtschreiber  *)  war  und  ebenso  Sigmund  Meisterlin  in 
Öttingen  *).  Im  eigenen  Interesse  ist  dann  namentlich  auch  die  For- 
derung gestellt,  dafs  in  allen  Reichsstädten  ein  Stadtschreiber  sei  ^, 
der  alle  Instrumente  machen  soll  als  putiicus  notarius.  Man  soll 
keinen  anderen  aufsuchen,  denn  ihm  ist  hoher  eu  trauen  denn  den 
andern.  Auch  sollen  nicht  mehrere  sein ,  sondern  nur  einer  in 
einer  Stadt. 

Auch  soll  jede  Reichsstadt  zwei  Siegel  haben,  ein  sigiUum  secre- 
tum,  mit  dem  nur  dasjenige,  was  heimlich  dem  reich  zugehört,  versiegelt 
wird,  und  ein  anderes  Siegel  mit  dem  Zeichen  der  Stadt  für  städtische 
und  Reichsangelegenheiten.  Dazu  bemerkt  Goldast  in  einer  Rand- 
note: „Solche  zwei  Siegel  hat  die  Stadt  Nürnberg ** ').    Eine  Kontrolle 

i)  Boehm  S.  231. 

2)  Vgl.  Histor.  Vicrtcljahrschrift,  5.  Bd.  S,  482. 

3)  Das  zeigt  Deuisehe  Reiehstagsiikien  12.  Bd.    No.  90. 

4)  Joachimsohn,  Gregor  Heimburg  (1891)  S.  108. 

5)  Derselbe,  Humamstisehe  QesekiehUaekreibung,  i.  Heft  (1895)  S«  ^'o* 

6)  Boehm  S.  232. 

7)  A.  «.  O.  S.  194. 


—     196     — 

dieser  Behauptung  wäre  insofern  wichtig,  als  im  Falle  ihrer  Bestä- 
ttgnng  ein  neuer  Hinweis  auf  die  Verhandlungen  des  Städtetages  zu 
Ulm  gegeben  wäre,  denn  dort  soll  auf  Antrag  Nürnbergs  über  Zoll 
und  Geleit  und  nach  jeglicher  Stadt  notdurft  beraten  worden  sein. 

Überschauen  wir  nochmals  das  zuletzt  Gesagte:  wie  kann  man 
hier  einen  Geistlichen  als  Verfasser  vermuten  wollen  ?  Die  Breite  der 
Ausführung,  das  sittliche  bis  zum  Protest  gehobene  Pathos  zeigen, 
wie  persönlich  der  Verfasser  an  diesem  Thema  des  Stadtschreiber- 
amts interessiert  ist;  die  Hebung  seiner  Stellung,  die  Ausdehnung 
seines  Wirkungskreises,  die  Erlangung  einer  Monopolstellung  als 
öffentlicher  Notar  und  die  Verdrängung  des  geistlichen  Elementes  aus 
beiden  Ämtern  liegt  ihm  am  Herzen :  da  wird  es  sogar  undenkbar,  dafs 
ein  geistlicher  Stadtschreiber  dies  geschrieben  hat,  es  mufs  ein  Laie 
gewesen  sein. 

Hiermit  schliefst  die  vorgeschlagene  Reform  des  städtischen 
Wesens;  jedenfalls  liegt  ihr  ein  Entwurf,  der  dem  Ulmer  Städtetag 
vom  Jahre  1438  vorgelegt  wurde,  zu  Grunde.  Der  Verfasser  scheint 
selbst  darauf  hinzuweisen,  indem  er  die  Verwirklichung  der  Reform 
für  das  Jahr  1439  in  Aussicht  stellt ,  das  nun  da  sei  ^).  Eben  dahin 
gehören  die  Worte:  die  städte  üben  sich  in  dieser  Ordnung^)» 

Was  jetzt  noch  von  Vorschlägen  zur  Reichsreform  übrig 
bleibt,  ist  sehr  gering;  es  sind  die  Kapitel:  von  etoing  und  benne  nach 
haiserlicken  rechten,  von  dem  ritterlichen  statt,  von  dem  gerickt  und 
redU  sprechen  umb  eigen  und  erb,  man  soU  niemand  bannen  umb  geU- 
scJmdd,  es  soUent  sein  4  vikari  des  reichs,  dcfß  man  fried  mach,  daß  eine 
jede  reichstaU  mag  burger  aufnehmen  und  van  der  muntg.  Das  sind 
alles  Fragen,  die  auch  1438  auf  den  Städtetagen  als  Vorbereitung  zu 
den  Nürnberger  Reichstagen  gelöst  werden  sollten,  die  aber  schon 
anter  Sigmund  aktuell  waren.  Wie  kommt  es  nun,  dafs  der  Verfasser 
seine  Reformschrift  als  eine  Urkunde  Sigmunds  hinstellt ,  welche  er 
wnt  koken  wisen  erläutert ')  haben  will  ?  Nachdem  nun  die  Reichstags* 
akten  aus  der  Regierung  Sigmunds  abgeschlossen  vorliegen,  ist  es  an 
der  Zeit,  den  formellen  und  ideellen  Zusammenhang  unserer  Schrift 
mit  den  unter  Sigmund  nachweislich  gepflogenen  Verhandlungen  end- 
gültig zu  prüfen.  Der  Verfasser  wirft  eine  ähnliche  Frage  selbst  auf 
und  gibt  auch  eine  Antwort  darauf  in  dem  Kapitel :  une  es  aufgestanden 


1)  Boehm  S.  339:  eUieh  rdehstaUf  die  hand  erwerben  in  den  vordem  Jahr 
(ako  143S)  umb  diese  Ordnung  und  meineni  auch  daxu  xu  tun, 

2)  Vgl.  DenUche  GeschichtsbläUer,  IV.  Bd.     S«  13. 

3)  Boehm  S.  244. 

14* 


—     196    — 

ui  eu  dem  ersten  ^),  das  goU  will  ein  ander  stat  und  Ordnung.  Bisher 
hat  man  den  hier  erzählten  Traum  für  ein  pamphletartiges  Einschiebsel 
betrachtet  •),  aber  erst  die  Feststellung-,  wo  dieser  Traum  stattfand  und 
welche  Stimmung  ihm  zu  Grunde  liegt,  dürfte  genügenden  Anhalt 
geben,  um  den  geschilderten  traumhaften  Zustand  zu  einem  tatsäch- 
lichen in  Verbindung  zu  bringen. 

Der  Verfasser  verlegt  den  Traum  Sigmunds  nach  Prefeburg  •), 
wo  dieser  krank  zu  Bette  liegt  und  eben  die  Sonne  frühmorgens  in 
sein  Schlafgemach  dringt:  Da  hört  er  denn  eine  Stimme  vom  Himmel, 
die  ihn  als  den  Wegbereiter  des  grofsen  Reformators  —  d.  i.  unseres 
Verfassers  —  hinstellt.  Sigmund  redet  dann  mit  eigenen  Worten: 
als  unr  das  hörten,  da  umrden  wir  betrübt  van  herzen  .  .  .  doch  wart 
uns  ein  bekantnuß,  daß  wir  ein  weg  bereiten  sollten,  gewunnen  wir  ein 
groß  anfenthaU  und  ein  leichterung  . . .  dazu  (zur  Reform)  unr  arbeitten 
und  alles  unser  vermugen,  in  siechtagen  und  gesundheit  ^)  •  •  .  nun  tun 
wir  (der  Verfasser)  aber  eu  wissen,  daß  wir  mü  hohen  wisen  diese 
Urkunde  (nämlich  Sigmunds),  als  sie  an  ihr  selbst  besdiehen  ist,  er- 
leutert  halben.  Offenbar  hat  der  Verfasser  hier  den  Bericht  einer  Rede 
Sigmunds  vor  sich  gehabt,  in  der  eine  melancholische,  niedergeschla- 
gene Stimmung  vorherrscht.  Nach  einem  kurzen  unbefriedigten  Rück- 
blick auf  seine  Bestrebungen  zur  Reform  der  Kirche  in  Konstanz, 
Pavia,  Siena  und  Basel,  und  zwar  in  kranken  und  gesunden  Ts^en, 
wird  ihm  eine  Erleichterung  in  der  Erkenntnis,  dafs  er  nur  ein  Weg- 
bereiter zur  grofsen  Reform  sein  soll.  Unser  Verfasser,  der  eigent- 
liche Reformator,  dem  Sigmund  nur  ein  Vorläufer  war,  läfst  deshalb 
eine  Urkunde  Sigmunds  erläutern  und  zu  einem  rechten  bekennen^) 
bringen.  ' —  Nun  hielt  Sigmund  im  Jahre  1429  (vom  4.  bis  13.  De- 
zember) in  Wirklichkeit  einen  Reichstag  zu  Prefsburg  •)  ab,  namentlich 
auf  Veranlassung   und  in  Gegenwart    der   Städte.     Dieser  Reichstag 


1)  Boehm  S.  141.  Dieses  Kapitel  gehört  mlso  nickt  hierher,  sondero  an  den  An- 
fang der  weltlichen  Reform.    Bald  darauf  heilst  es  wieder:  xu  dem  allerersten, 

2)  Ich  habe  bereits  in  Die  Flugschrift  'onus  eeelesiae'y  S.  91  Anm.  3  auf  die 
gleichlautende  Einkleidiing  dieser  Vision  mit  einer  anderen  Sigmunds,  die  dem  Angs- 
burger  Dmck  Yom  Jahre  1497  beigegeben  ist,  hingewiesen. 

3)  Ebenda  S.  14>. 

4)  Ebenda  S.  S43. 

5)  Ebenda  S.  S43  Z.  2. 

6)  Unsere  Reformschrift  nennt  das  Jahr  1403.  Diese  Zahl  wird  aber  Yom  Heraus- 
geber als  lückenhaft  beteichnet.  Sigmund  war  vom  39.  Mfirs  bis  Schlnfs  des  Jahres  in 
Prefsburg,  also  auch  an  dem  erwähnten  Auflahrtstag.  Vgl.  Aschbach,  Oesekiehte  des 
K.  Sigmund,  3.  Bd.  (1841)  S.  468. 


—     197     — 

verlief  nicht  nur  wegen  der  Abwesenheit  der  Fürsten,  sondern  auch 
wegen  Krankheit  des  Kaisers  selbst  ergebnislos.  Über  den  Gang 
der  Verhandlungen  sind  wir  nun  zufallig  durch  zwei  städtische  Ge- 
sandtschaftsberichte besser  unterrichtet  als  über  irgend  einen  anderen 
Reichstag  ^).  Namentlich  der  neu  herausgegebene  Bericht  des  Regens- 
burger Gesandten  Lucas  Ingolstetter  (?)  überliefert  „manche  Einzel- 
heiten'' und  läfist  „die  Motive  imd  Stimmungen  der  Versammelten 
recht  deutlich  erkennen".  „König  und  Städte  begegnen  sich  in  dem 
dringenden  Wunsche,  dafs  endlich  einmal  Ordnung  im  Innern  des 
Reichs  gemacht  werde.  Besonders  ist  es  der  König,  welcher  alle 
anderen  Fragen,  sogar  die  Abwehr  der  Husiten,  dieser  nachsetzt.'* 
Das  Milieu  cUeses  fuhrt  also  schon  deutlich  hinüber  zu  dem  in  der 
Vision  geschilderten.  Der  Gesandte  berichtet  weiter  von  einer  langen 
Rede  des  Königs ') ,  die  sofort  die  gekennzeichnete  melancholische 
Stimmung  verrät.  Sie  beginnt  mit  einem  Rückblick  auf  die  Reform- 
tatigkeit  Sigmunds  ')  mit  ganz  ähnlichen  Worten  und  Wendungen  ^) 
und  ei^eht  sich  weiter  in  melancholischen  Betrachtungen,  denen  Ärger 
und  Verstimmung  wegen  des  schlechten  Fortgangs  der  Reform  zu 
Grunde  liegen.  Dabei  stehen  ihm  auch  die  Kurfürsten  und  Fürsten 
im  Wege,  wie  in  der  Vision  die  hohen  Häupter  als  die  Widerspen- 
st^en  bezeichnet  werden.  Aber  Sigmund  will  mit  aller  Macht  auf 
seiner  Mission  bestehen  und  Ordnung  schaffen  ^) :  wie  krank  er  auch 
war  ...er  uhM  auf  allen  vieren  dahin  kriechen,  damü  er  ah  römischer 
hmig  mü  eren  in  sein  grub  kam.  Nun  kommt  die  wichtigste  Stelle 
in  dem  Berichte:  (der  König)  wulU  auch  seiner  begerung  gern  ein  ge- 
sekriß  machen  lassen  und  ihnen  die  toeisen  und  daß  sie  die  pesserien, 
wenn  dessen  not  war,  und  dqfl  sie  also  van  ihm  geweüt  (ss  ausgebreitet, 
bekannt  gemacht)  wmd  und  darauf  zugeschrieben,  dem  also  nacheugehn. 
Hier  finden  wir  also  genau  das  Vorbild,  nach  dem  die  sogenannte 
Reformation  gearbeitet  ist.  Der  Gesandtschaflsbericht  von  Augsburg 
ist  bis  jetzt  noch  unbekannt,  aber  jedenfalls  hat  unserem  Verfasser 
ein  städtischer  Gesandtschaftsbericht  über  diesen  Presburger  Tag  vor- 
gel^en,  woraus  er  den  Vorsatz  Sigmunds  kennen  lernte,  eine  Reform- 
schrift abfassen  zu  lassen,  den  Ständen  sie  vorzulegen,   die  dann  sie 


i)  Vgl.  Deiäseht  Beiehstagsaktm,  9.  Bd.  (1887)  S.  341  ff. 

2)  VgL  Deutsche  Eeiehstagaakten,  S.  358. 

3)  Dafii  in  miserer  Schrift  noch  die  weiteren  Konzilien  bis  Basel  hinxngefttgt  sind, 
gehört  zur  EriMtening  des  Verfassers. 

4)  Ebenda  No.  286  Art  3. 

5)  No.  a86  Art  11.  12.  23  u.  26. 


—     198     — 

verbessern  könnten;  wie  denn  der  Verfasser  auch  sagt:  war  auch 
jemand  also  tveis,  der  dehain  stuck  in  der  Ordnung  gepessren  mochi  nach 
jeglichen  landes  gelegenheü  .  .  .  dem  soU  es  piUich  vergunstet  sein,  also 
für  sich  au  nehmen  und  fürzubringen  für  unsem  herm  den  könig  ^). 
Auch  will  er  sie  verbreiten  su  einem  allgemeinen  (oder)  rechten  he^ 
kennen  oMen  gemeinen  Christen,  und  jeder  ist  verpflichtet,  diese  Ord- 
nung SU  halten,  und  namentlich  sollen  die  reichstett  das  schwert  daeu 
gebrauchen.  Auch  deckt  sich  die  beiderseitige  Verstimmung  gegen 
Kurfürsten  und  Herren,  weil  sie  sich  gegen  die  Reform  sperren.  So 
kann  der  Verfasser  auch  die  Form  des  Berichtes,  den  Traum,  aus 
einer  ausführlicheren  schriftlichen  oder  mündlichen  Mitteilung  eines 
in  Prefeburg  Anwesenden  vernommen  haben.  Dafs  die  Rede  Sigmunds 
den  städischen  Gesandten  sehr  gefiel,  besagt  auch  ein  anderer  Ge- 
sandtschaftsbericht *).  Dafs  der  König  einen  Traum  erzählen  und  ihm 
solche  Bedeutung  beimessen  konnte,  dafür  spricht  sein  krankhafter 
Zustand  damals  zu  Presburg,  das  Podagra,  und  der  ganze  Zeitgeist. 
Jedenfalls  bedeutet  der  Presburger  Reichstag  den  Höhepunkt  im  Ver- 
hältnis zwischen  den  Städten  und  dem  König,  der  mit  jenen  insgeheim 
unterhandelt  und  zu  ihnen  gesagt  haben  soll:  „Bei  den  Städten  sei 
eigentlich  nur  noch  das  Reich,  wenn  sie  nicht  wären,  würde  er  nicht 
weiter  mehr  die  römische  Königskrone  tragen  wollen "  *).  Unser  Ver- 
fasser kennt  den  Vorsatz  des  Kaisers,  eine  Reformschrift  machen  zu 
lassen,  sieht  ihn  aber  unausgeführt  und  von  ihm  selbst  unausführbar 
—  denn  er  ist  ja  tot  — ,  da  knüpft  er  an  diesen  Vorsatz  an  und  nennt 
seine  Schrift  ein  ordnungsbuch,  in  dem  er  eine  Urkunde  Sigmunds  er- 
läutert und  allgemein  verbreitet.  So  ist  Sigmund  der  Wegbereiter, 
und  er  der  eigentliche  Reformator,  der  letzte  Vollstrecker  seines  Wil- 
lens und  zugleich  der  Absichten,  welche  die  mit  dem  Kaiser  im 
innigen  Einverständnis  gestandenen  Reichsstädte  hegten.  Doch  das 
Verhältnis  zwischen  beiden  blieb  nicht  immer  so  innig ;  die  Politik 
Sigmunds  ging  nicht  in  so  gerader  Linie  weiter,  und  auch  das  hat 
seinen  Niederschlag  in  unserer  Sckrift  zurückgelassen. 

Schon  1430  beim  Aufenthalt  des  Königs  in  Schwaben  wurde  es 
getrübt  und  immer  gespannter  *) ;  das  Pfahlbürgertum  hatte  viele  Land- 
bewohner dem  Steuer-  und  Gerichtsbann  der  Herren  entzogen,  und 
die  Fürsten  verkehrten  deshalb  bei  dem  König  mehr  als  den  Städten 

i)  Boehm  S.   171  f. 

2)  Eine  lange  erber  vernünftig  und  treffliche  redde.  Reichstagsakten  a.  a.  O.  S.  367. 

3)  Vgl.  Aschbach  a.  a.  O.  3.  Bd.  S.  311. 

4)  Rcichstagsakten,  9.  Bd.  S.  494. 


—     199     — 

lieb  war  ^).  Namentlich  hatten  die  Ritter  sich  an  den  König  gewandt, 
um  ein  allgemeines  Verbot  des  Püahlbürgertums  zu  erwirken  und  um 
so  die  häufigen  Zwistigkeiten  wegen  entlaufener  Untertanen  zu  besei- 
tigen. Die  Herren  hatten  das  geschriebene  Recht  für  sich,  die  Städte 
das  Herkommen  ^),  den  ritterschaftlichen  Entwurf  nahm  der  König 
nicht  in  der  schroffen  Form  an,  sondern  suchte  die  gegen  die  Städte 
gerichtete  Spitze  abzubrechen,  aber  es  genügt,  dafs  er  tatsächlich 
das  Pfahlbürgerverbot  auf  dem  Reichstag  zu  Nürnberg  im  Jahre  143 1 
erliefs  ').  Damit  hat  sich  Sigmund  für  immer  den  Ruhm  einer  wahren 
Städtefreundlichkeit  verscherzt;  die  Städte  fühlten  dieses  auch  und 
wurden  zurückhaltender  ^).  Kurzum  das  Verhältnis  zwischen  den 
Städten  und  dem  König  hat  auf  diesem  Reichstag  einen  Tie^unkt 
erreicht.  Den,  wenn  auch  nur  sachlichen  Widerschein  davon,  zeigt 
die  sogenannte  Reformation  besonders  in  dem  Kapitel,  daß  jede  reichS" 
Stadt  mag  bürget  aufnehmen  %  In  letzterem  wird  deutlich  auf  die 
Streitigkeiten  zwischen  Herren  und  Städten  um  das  Pfahlbürgertum  Bezug 
genonmien  *).  Die  Reichsstädte  haben  die  Freiheit  der  Bürgerauf- 
nahme van  angende;  dies  hat  bestätigt  Jcaiser  Sigmund  aUen  reichstetten 
(Us  ein  mehrer  des  reichs,  der  aUe  freiheit  geit  und  nimmt  nach  der 
Sachen  statt.  Denn  die  Erteilung  des  Bürgerrechts  geschieht  nach 
dem  Urteil  unseres  Verfassers  von  des  hl.  reichs  wegen,  daß  ^  (die 
Reichsstädte)  das  sterkten  ^).  Die  Einzelheiten  über  die  Bedingungen 
zur  Aufnahme  eines  Bürgers  zeigen  den  Stadtschreiber  und  sind  dem 
Stadtrecht  einer  Reichsstadt  entnommen.  Aber  noch  ein  anderer  sach- 
licher Gegensatz  gegen  das  Pfahlbürgerverbot  ist  zu  entdecken  in  dem 
Kapitel:  van  ewing  und  benn  nach  kaiserlichen  rechten.  In  der  kaiser- 
lichen Urkunde  steht  eine  Bestimmung  über  die  Ansprechung  von 
Leuten  als   eigen  ^.     Gegen  diese  Besetzung  einer  Person  als  sein 


i)  Reichttagsakten,  No.  394. 

2)  Hans  Ehioger  drückt  das  in  seinem  Bericht  über  den  Reichstag  sa  Nttrnberg 
1431  an  Ulm  ans.     Ebenda  No.  430. 

3)  VgL  Ebenda  No.  427,  429  o.  429h. 

4)  Wie  grofs  die  Spannung  zwischen  den  StSdten  nnd  dem  König  wurde,  zeigt  die 
Besorgnis  Nürnbergs.     Ebenda  S.  502. 

5)  Ebenda  S.  236  f. 

6)  Die  Herrn  dürfen  nü  gedenken,  daß  ihnen  ihr  xwing  und  bann  mehr  helfen 
eoüeni  kriegen,  sie  Hand  bisher  auf  solches  gehalten  und  hand  dick  krieg  aufgetrieben 
umb  ein  varUmtx, 

7)  Ebenda  S.  237. 

8)  Reichstagsakten,  9.  Bd.  No.  429  Art  2h:  tcill  einer  eine  person  für  sein  eigen 
person  besetxen. 


—     200     — 

eigen,  also  gegen  die  Leibeigenschaft,  ist  das  genannte  Kapitel  des 
Verfassers  ein  feierlicher  Protest,  der  eingeleitet  wird  mit  den  Worten*): 
es  ist  eine  ungehörte  s(ju:h,  daß  man  es  in  der  hi.  chrisienheii  öffnen 
muß  das  groß  unrechi.  so  gar  für  gai,  daß  einer  so  geherzt  ist  vor 
gott,  daß  er  gedar  (=  wagt)  sprechen  zu  einem:  du  bist  mein  eigen . . . 
Christus  hat  uns  durch  seinen  tod  gefreit  und  von  aUen  banden  ge- 
löst,  wer  getauft  ist  und  gelaubt,  die  sind  in  Christo  glieder  gezählt^ 
darumb  wiß  jedermann,  wer  der  ist,  der  seinen  mitchristen  eigen  spricht, 
daß  der  nit  Christen  ist  Wir  sehen  also,  welchen  Hintergrund  diese 
feierliche  Absage  und  Kriegserklärung  gegen  die  Leibeigenschaft  hat: 
sie  ist  zurückzufuhren  auf  den  Ansturm,  den  die  feudalen  Geburts- 
stände gegen  die  Freiheit  der  städtebürgerlichen  Berufsstände  und 
ihren  Grundsatz:  „Wer  das  Weichbild  der  Stadt  betritt,  ist  frei",  unter- 
nahmen, indem  sie  sich  vom  Kaiser  ein  Verbot  des  Pfahlbürgertums 
erwirkten.  Aus  diesem  Gedankengange  erklärt  sich  auch  die  hier  und 
wiederholt  verkündete  Freiheit  jedes  Cluisten:  sie  ist  nicht  die  der 
Revolution,  der  Sozialdemokratie,  wie  Boehm  gemeint  hat,  sie  ist  also 
keine  Phantasmagorie ,  sie  ist  vielmehr  eine  Freiheit,  die  tatsächlich 
bestanden  hat,  und  zwar  in  der  mittelalterlichen  Stadt,  von  der  sie 
der  moderne  Staat  übernommen  hat.  Nur  diese  Freiheit  meint  der 
Verfasser,  die  im  Gegensatz  steht  zur  Leibeigenschaft,  wie  er  es  auch 
sonst  ausdrückt:  u^er  woUt  wider  sich  selbst  sein  und  lieber  eigen  sein 
denn  frei  •).  Koehne  stellt  die  Forderung  der  Freiheit  mit  dem  Evan- 
gelium •)  zusammen.  Doch  von  dem  Evangelium  spricht  der  Ver- 
fasser nirgends;  wohl  führt  er  die  Freiheit  jedes  Christen  auf  den  Tod 
Christi  zurück  *),  und  das  hängt  mit  seiner  eigentümlichen  Auffassung 
von  dem  Ursprung  der  reichsstädtischen  Freiheit  zusammen :  ihr  wir^- 
dige  reichstett,  sagt  er,  ihr  habt  eure  freiheit  von  äer  Christenheit j  ihr 
seid  des  hl.  glaubens  schirmer  und  recht  vogt  ^).  Es  wird  hier  der  gött- 
liche Ursprung  der  kaiserlichen  Würde  im  Mittelalter  geradezu  mit 
denselben  Worten  auf  die  Bedeutung  der  Reichsstädte  übertragen  •). 
darunib  ihr  edlen  reichsstett  sind  ermahnt  bei  gott  dem  vater,  bei  Jesu 
Christo,  bei  seinem  rosenfarben  bUU  . . .  dqß  «Ar  ansehent,  wie  wir  vcn 
gott  gefreiet  seien  ^.     Diese    fromme  Ausschmückung  ist  an  sich  im 

i)  Boehm  S.  221. 

2)  Boehm  S.  247. 

3)  A.  a.  O.  S.  380  ff. 

4)  Boehm  S.  221. 
5;  Ebenda  S.  168. 

6)  Vgl.  dazn  ebenda  S.  224  Z.  4  ff. 

7)  Ebenda  S.  162. 


—     201     — 

Mittelalter,  wo  für  alles  Denken  „die  Religion  die  unentbehrliche 
Lebensluft  ist"  %  nicht  auffallend,  nur  die  Beziehung  auf  die  Reichsstädte 
ist  eigenartig  und  charakterisiert  aufs  neue  die  Stellung  des  Verfassers. 
Steht  unsere  Schrift  auch  im  sachlichen  Gegensatz  zu  diesem 
Stüdc  städtefeindlicher  Politik  Sigmunds,  so  ist  doch  nichts  von  einem 
persönlichem,  der  in  Wirklichkeit  neben  dem  ersteren  einher- 
^t*),  zu  merken;  im  Gegenteil,  das  Recht  der  Reichsstädte,  Pfahl- 
bü^er  aufzunehmen,  wirdr  gerade  auf  Sigmund  zurückgeführt!  Der 
Grund  liegt  darin,  dafs  sich  von  jetzt  ab  wieder  allmählich  eine  An- 
näherung zwischen  Städten  und  König  vollzieht,  die  kurz  vor  dem 
Tode  Sigmunds,  also  auch  kurz  vor  der  Abfassung  unserer  Schrift, 
nochmals  einen  Höhepunkt  erreicht,  und  zwar  durch  die  Donauwörther 
Angelegenheit,  bei  der  sich  die  sogenannte  Städtefreundlichkeit  Sig- 
munds wieder  im  hellen  Lichte  zeigt.  Es  mufste  den  Städten  als  eine 
sonderbare  Zumutung  Sigmunds  erscheinen,  zur  Erhaltung  der  Reichs- 
immittelbarkeit  Donauwörths,  die  durch  den  Herzog  von  Bayern  ge- 
fihrdet  war,  mit  den  eben  noch  gegen  eine  ihrer  Hauptfreiheiten  auf- 
getretenen Rittern  des  St.  Georgenschildes  einen  Landfriedensbund 
einzugehen.  Diese  Angelegenheit  spielt  lange  auf  den  Reichstagen 
10  Basel  *),  Ulm  *)  und  Regensburg  (im  Jahre  1434  *)  eine  wichtige 
Rolle.  Die  Vereinigung  scheiterte  an  den  widerstrebenden  Interessen 
von  Rittern  und  Städten ;  jemehr  sich  Sigmund  dabei  interessiert  zeigte 
nnd  den  Städten  entgegenkam  •),  um  so  offener  traten  letztere  an  ihn 
mit  der  Forderung  heran,  das  Pfahlbürgerverbot  nicht  durchzuführen. 
Denn  sollte  das  Verbot  in  Kraft  treten,  so  beUeben  gar  wenig  hd  an 
attenreichssiädien  und  das  wäre  allen  stäMen  ein  schlag,  die  sie  niemmer 
mAr  überwinden,  klagen  die  schwäbischen  Städte.  Der  Grundgedanke 
von  Sigmunds  Politik  war,  die  Städte  politisch  niederzuhalten,  sie  nur 
zur  Befriedung  des  Landes  heranzuziehen  und  das  nur  in  Gemeinschaft 
mit  dem  niederen  Adel.  An  die  Spitze  des  Bürgertums  sich  zu 
stellen,  lag  ihm  ferne  —  er  hätte  die  Donauwörther  Angelegenheit  sonst 
nicht  den  Städten  selbst  überlassen  — ,   aber  seine  finanzielle  Kraft 

i)  Vgl.  TOD  Bezold,  Die  armen  Leute  und  die  detUsche Litteraiur  des  späteren 
MiUdaiiers,  in  Sjbek  Histor.  Zeitschrift.    N.  F.     5.  Bd.  (1879)  S.  i. 

2)  Dafs  die  Städte  im  AngeDbUck  nichts  Yom  König  so  erwarten  haben,  drttckt  ein 
Scfcrca>en  Ulms  an  Nördlingen  ans:  denn  es  isi  not,  daß  goU  die  ding  naeh  noidiurft 

und  jedermann  xu  sieh  selbst  sehe.    Reichstagsakten,  9.  Bd.  No.  484. 

3)  Y^  Rcichstagsakten,  11.  Bd.  No.  loi,  103  a.  117. 

4)  Ebenda  S.  381  ff. 

5)  Ebenda  No.  240. 

6)  Ebenda. 


—     202     — 

wollte  er  sich  nutzbar  machen.  So  mufste  Donauwörth,  als  der  Herzog 
es  frei  g^b,  eine  frühere  Schuld  Sigmunds  streichen,  die  Zehrungs- 
kosten  des  Kaisers  in  Ulm  mit  13000  Gulden  bezahlen  und  sein  in 
Basel  versetztes  Silbergeschirr  im  Werte  von  5140  Gulden  auslösen^). 
Die  langen  Verhandlungen  über  eine  Vereinigung  der  Ritter 
Schwabens  mit  den  Reichsstädten  haben  offenbar  dem  Verfasser  eine 
Behandlung  des  Ritterstandes  nahe  gelegt.  Es  ist  schon  auffallend, 
dafs  er  diesem  Stand  allein  von  allen  Reichsständen  ein  eigenes  Ka- 
pitel widmet,  dafls  er  aber  die  Ritter  als  die  natürlichen  Verbündeten 
der  Städte  betrachtet,  weist  auf  den  genannten  Zusammenhang  hin. 
Im  einzelnen  g^bt  er  zunächst  eine  Entstehungsgeschichte  des  Ritter- 
standes in  echt  frühhumanistischem  und  nicht  revolutionären  Geiste: 
seine  Gründung  geht  auf  den  sagenhaften  ersten  Kaiser  Mimus  zurück. 
Der  Grund,  der  diesem  Kaiser  dazu  bewog,  ist  offenbar  mit  Rück- 
sicht auf  die  Gegenwart  des  Verfassers  gewählt:  als  er  nämlich  mii 
seiner  Jcrafl  das  kaisertum  nicM  regieren  noch  behaupUn  mocM,  damit 
die  Ritter  in  des  Kaisers  Namen  gebieten  sollten.  So  regierte  der 
Kaiser  wohl  bis  auf  Konstantin  den  Grofsen,  der  vom  Papst  die  kaiser- 
liche Gewalt  lehensweis  empfing  als  ein  staUhaUer  und  schirmer  des 
hl.  christenlichen  glaübens.  Da  wurden  denn  auch  die  hl.  reichsteU 
geordnet  und  gefreiet  .  .  .  und  wurden  ihnen  geistliche  und  welüiche 
recht  empfohlen  als  dem  Jcaiser  das  reich  .  ,  .  da  wurden  die  riUer 
erst  recht  gesetgt  .  .  .  und  sachend  an,  daß  die  vordem  kaiser  oh$%e 
die  riüerschafl  nicht  mochten  gewdlMglich  regieren  .  ,  .  do  wurden  sie 
(nämlich  die  Ritter)  gewirdigt  und  bas  (=  besser)  erhöht,  denn  vor. 
Nun  hand  sie  sere  abgdan  und  ton  gar  blind  eu  der  großen  verfallmuß 
alles  rechtes  an  geistlichen  und  weltlichen  statt.  Nun  scUent  sie  doch 
erkennen,  wie  sie  vereint  sind  mit  den  reichsstetten  . . .  daß  sie  wachend, 
wenn  es  tut  not.  das  geistlich  recht  ist  krank,  das  kaisertum  und  aües, 
was  ihm  augehört,  statt  eu  unrecht,  man  muß  es  mit  kraft  durchbrechen. 
Wenn  die  großen  schlaffen,  so  müssent  die  kleinen ')  uHuihen,  daß  es 
doch  je  gan  muß. 

Aus  den  angeführten  Stellen  klingt  des  Verfassers  Absicht  mit 
diesem  Kapitel  klar  durch:  die  Ritter  sind  die  Stützen  der  kaiser- 
lichen Gewalt.  Den  Städten  ist  geistliches  und  weltliches  Recht  em- 
pfohlen wie  dem  Kaiser  das  Reich.  Da  nun  das  geistliche  Recht 
krank  ist  und  das  Kaisertum  zu  Unrecht  steht,  müssen  es  die  Städte 
jetzt  ihre  natürlichen  Verbündeten,  wie  sie  es  ehemals  bei  dem  Kaisertum 

1)  Vgl.  Aschbach  a.  a.  O.  4.  Bd.  S.  230. 

2)  Wer  diese  „Kleiaen<<  sind,  zeigt  mein  Anhang.     S.  86. 


—     203     — 

verbessern  und  in  rechte  Ordnung  bringen.  Dabei  sind  die  Ritter 
waren.  Wir  sehen  also  neben  der  schon  erkannten  Verherrlichung 
der  Städte,  dafe  der  Ritter  hier  nach  der  damaligen  landläufigen  An- 
schauung nicht  nur  der  öffentliche  Rechtsanwalt  ist,  der  Witwen  und 
Waisen  beschützt  und  den  Städten  die  Kriege  führt,  sondern  auch  der 
geborene  Verbündete,  wenn  es  gilt,  das  Unrecht  in  weltlichem  und 
geistlichem  Stand  bei  der  geplanten  Reform  mit  krafl  zu  durchbrechen. 

Die  innere  Reichsreform  tritt  auf  den  Reichstagen  dieser 
Zeit  ganz  zurück.  Es  sind  aufser  dem  Streit  mit  Donauwörth  und  der 
Verhandlung  um  die  Vereinigung  zwischen  den  schwäbischen  Städten 
und  den  Rittern  des  St.  Georgen -SchUdes  hauptsächlich  Angelegen- 
heiten der  äufseren  Politik  und  der  Kirchenpolitik,  die  nach  dem 
Presburger  Reichstag  die  politischen  Köpfe  erfüllen,  „Den  Regens- 
burger Reichstag  haben  Reichsangelegenheiten  offenbar  nicht  beschäf- 
tigt" *).  Auf  den  darauffolgenden  Frankfurter  Tagen  (1434  Dezember 
und  1435  Mai  und  Juni)  waren  16  Artikel  zur  Beratung  in  Aussicht 
genommen,  darunter  befanden  sich  solche  über  Frieden,  Gericht  und 
Beseitigtmg  wirtschaftlicher  Schäden.  „Doch  die  ganze  grofs  ange- 
legte Aktion  des  Kaisers  ist  kläglich  gescheitert "  *).  Augsburg  läfst 
sich  wegen  seines  Ausbleibens  feindschaß  halber  *)  entschuldigen,  viele 
andere  schwäbische  Städte  fehlen,  und  selbst  der  Kaiser  sendet  nicht 
einmal  einen  Gesandten.  So  ist  von  vornherein  anzunehmen,  dafs 
diese  Tage,  deren  Vorschläge  und  Beschlüsse  Koehne  auf  unsere 
Schrift  hin  prüft,  keine  Spur  in  ihr  zurückgelassen  haben.  Der  Erfolg 
war  durchaus  negativ,  die  Unordnung  wuchs,  die  Verhältnisse  des 
Reichs  werden  immer  unhaltbarer,  der  Glaube  an  die  Zentralgewalt 
immer  schwächer  und  der  Drang  nach  Reform  heftiger  *). 

Zu  dieser  rafft  sich  Sigmund  zum  letztenmal  auf  dem  nun  folgen- 
den Reichstag  zu  Eger  auf  und  zwar,  wie  es  scheint,  auf  Drängen  der 
Kurfürsten.  Denn  schon  vor  den  eigentlichen  Reichstagsverhandlungen 
zeigen  sich  letztere  verstimmt,  indem  sie  „ihm  die  unbefriedigenden 
Zustände  des  Reichs  vorhalten"*).  Sigmund  antwortet  hierauf  „nicht 
ohne  Bittericeit"  und  läCst  nun  eine  Einladung  nach  Eger  ergehen  mit 
einem  Vorschlag  von  vier  Punkten,  nämlich  über  die  Reform  von 
Gericht,  Acht  und  Aberacht,  Landfrieden  und  Münze.    Die  Kurfürsten 


1)  Reichstagsakten,  ii.  Bd.,  S.  491. 

2)  Ebenda  S.  492. 

3)  Ebenda  No.  260. 

4)  Näheres  darüber  vgl.  Aschbach    a.  a.  O.,  4.  Bd.  S.  306 ff. 

5)  Reichstagsakten,  12.  Bd.,  S.  XXXVII.     Vgl.  aach  ebenda  No.  31  [lo]. 


—     204     — 

fügen  in  ihrer  Antwort  diesen  vier  Artikeln  noch  einen  fünften  hmzu : 
vom  rieh,  daß  es  sehr  versplissen,  verpfand  ist,  nun  virkauft  toird. 
Sigmund  ist  über  diesen  Vorwurf  sehr  ungehalten  und  sucht  mifstrauisch 
gegen  die  Kurfürsten,  die  ihn  immer  mehr  aus  Deutschland  zu  ver- 
drängen suchen,  den  Angriff  zu  parieren,  indem  er  ihnen  die  Voll- 
macht erteilt,  einen  Reichstag  zur  Vornahme  der  Reform  abzuhalten, 
aber  nicht  etwa  als  Zeichen  des  Vertrauens,  oder  im  Glauben,  diese 
könnten  ohne  seine  Autorität  doch  nichts  ausrichten  ^),  sondern  er 
wendet  vielmehr  wieder  die  von  ihm  oft  beliebte  Politik  an,  einen 
Reichsstand  gegen  den  anderen  auszuspielen.  Da  Sigmund  die  scharfen 
Interessengegensätze  zwischen  den  Städten  und  Herren  kennt,  so  schlägt 
er  sich  diesmal  zu  ersteren,  um  letztere  im  Zaume  zu  halten.  Daher 
rührt  eine  neue  gro(se  Einmütigkeit  zwischen  König  und  Städten,  und 
der  Einflufs,  den  die  Verhandlungen  in  Eger  auf  unsere  Schrift  geübt 
haben,  läfst  sich  wiederum  erkennen. 

Offenbar  waren  die  Kurfürsten  noch  vor  dem  Reichstag  bemüht, 
einige  Propositionen  Sigmunds  in  ihrem  Sinne  eigenmächtig  zu  lösen; 
der  Kaiser  hört  davon  und  wendet  sich  bezeichnenderweise,  um  Atis- 
kunft  über  ihr  Verhalten  zu  erlangen,  an  die  Städte :  so  fragt  er  Nürn- 
berg nach  den  geheimen  Plänen  der  Fürsten.  Dieses  weife  aber  nur 
von  einem  Tag  derselben  in  Lahnstein  zu  berichten,  wo  über  die 
Münze  beraten  werden  sollte  *). 

Wie  sehr  der  Kaiser  die  Städte  in  sein  Vertrauen  zieht,  zeigen 
auch  andere  Berichte  ') :  so  sind  einige  Städteboten  auch  der  Augs- 
burger, dessen  Bericht  aber  leider  fehlt,  dem  Kaiser  nach  Prag  ent- 
gegengeritten *) ,  wo  sie  diesen  in  einer  Unterredung  offenbar  wieder 
über  die  Fürsten  ausforscht.  Der  Frankfurter  Gesandte  gibt  dann 
einer  Besorgnis  ^)  Ausdruck,  die  sich  auch  im  Laufe  der  Verhandlungen 
bestätigen  sollte  und  die  auch  im  voraus  ein  Licht  wirft  auf  den  Grund 
der  Uneinigkeit  der  Fürsten  mit  den  Städten  in  ihren  beiderseitigen 
Reformentwürfen  auf  dem  Egerer  Reichstage  *). 

i)  Reichstagsakten,  I3.  Bd.,  S.  XXXVII,  wie  Qnidde  meint. 

3)  Vgl.  Reichstagsakten,  12.  Bd.,  No.  68.  Übrigens  hatten  die  Städte  Grand  ge- 
nug, über  das  Vorgehen  der  Fürsten  betreffs  der  Mtinze  sa  wachen.  Wie  wir  unten 
sehen  werden,  erfolgt  nach  dem  Tode  Sigmunds  sofort  ein  Angriff  der  Knrfflrsten  gegen 
das  Münzrecht  der  Städte. 

3)  Ebenda  No.  75. 

4)  No.  78. 

5)  Ebenda  No.  83. 

6)  Ich  besorge,  schreibt  er  an  Frankfurt,  kommt  der  kaiser,  daß  den  «iedffi 
wUckn  zugemutet  werde,  dcfi  guten  ratee  den  stedin  not  wäre;  denn  die  fitrtten 


—    406    — 

Mehrfach  stimmt  man  deshalb  schon  vor  den  eigentlichen  Ver- 
handlongen  von  städtischer  und  königlicher  Seite  seine  Erwartungen 
über  den  Erfolg  derselben  tief  herab  ^).  Sofort  mit  dem  Zusammen- 
tritt des  Reichstags  kommen  die  gegensätzlichen  Interessen  zum  Vor- 
sdiein.  So  meint  der  Nürnberger  Gesandte  *) ,  der  Ratschlag  der 
Fürsten  über  die  vier  kaiserlichen  Propositionen  sei  zu  weit  und  zu 
viel  enthaltend ,  dardt$rch  aüer  statte  freiheii  schwerlich  gekrenkt  würde. 
Die  Antwort  der  Städteboten  an  den  Kaiser  über  den  Entwurf  der 
Fürsten  nimmt  derselbe  beifallig  auf;  der  Berichterstatter  glaubt,  daCs 
Fürsten  und  Städte  sich  hc^t  einen,  wann  jedermann  sucht  seinen  vor- 
teily  die  Städteboten  seien  aber  aUe  eins  und  das  sei  ihr  glück  '). 

Auch  der  Frankfurter  Stadtschreiber,  der  uns  über  diesen  Tag  am 
ausführlichsten  berichtet,  nennt  die  Erklärung  der  Fürsten  einen  langen 
begriff y  ebenso  äufsert  sich  nach  ihm  der  Kaiser  zu  den  Städteboten: 
der  Begriff  sei  in  etlichen  stücken  wüde  und  wid.  Auch  bei  einer  Be- 
sprechung des  ßirstlichen  Ratschlags  im  einzelnen  zwischen  Sigmund 
und  den  Städteboten  ward  es  letzteren  immer  klarer,  dafs  mehrere 
Artikel  desselben  wider  kaiserliche  und  andere  Rechte  und  ihre 
Freiheit  und  Herkommen  wären.  Die  kurze  Gegenschrift  der  Städte- 
boten gefiel  dem  Kaiser  besser  als  der  Fürsten  Verzeichnis ;  es  wurde 
dann  eine  Kompromifsschrift  verfafst  unter  Leitung  eines  kaiserlichen 
Bevollmächtigten,  der  sich  ebenfalls  nach  der  Meinung  der  Städte 
richtete.  Der  Kaiser  machte  noch  den  Vorschlag  über  einen  Land- 
frieden und  die  lande  in  4  teüe  m  teilen  ^) ;  die  Fürsten  glauben  mit 
dem  Beschlossenen  genug  getan  zu  haben.  Sigmund  nimmt  dies 
etwas  weigerlich  auf,  die  Städteboten  dagegen  erklären  sich  bereit,  auf 
alle  kaiserlichen  Vorschls^e  einzugehen,  falls  die  Kreiseinteilung  noch- 
mals beraten  werden  sollte.  Der  Kaiser  dankt  für  die  Untertänigkeit 
der  Städte  mit  der  B^^ndung,  er  wäre  auch  immer  ihr  gnädiger 
herr  gewesi  und  wollte  es  auch  noch  sein.  Der  kenig  warb  noch  oft 
darwn,  nämlich  um  Landfrieden  und  Kreiseinteilung,  sagt  der  Frank- 
furter Berichterstatter,  doch  aUes  blieb  liegen.    Deutlich  erkennbar  ist 


migertide  emg^uiben  un$  nach  gewaU  gu  fragen  und  sehen  gern,  defi  man  an  den 
gereekUn  anhübe;  dann  die  in  aUen  landen  nU  bestcdt  sind,  ah  büge  were  und  ein 
mmme  gemein  recht  hestaU  uford,  dffi  aw^  getnein  Hed  boten  kein  gefäUn  han;  dann 
mBe  er  und  unBer  freiheit  dardorch  viemechtgU  wordin. 
i)  VgL  ReichsUgstkten,  12.  Bd.,  No.  86  a.  87. 

2)  Ebenda  No.  88. 

3)  VgL  anch  No.  91. 

4)  Ebeoda  Artikel  16. 


—     206     — 

hiernach  ein  gutes  Einvernehmen  der  Städte  unter  sich  und  mit  dem 
König,  ein  starkes  Betonen  ihrer  Freiheit  und  des  kaiserlichen  Rechts, 
ein  bereitwilliges  Eintreten  für  den  kaiserlichen  Plan  einer  Teilung  des 
Reichs  in  vier  Kreise  zum  Zwecke  des  Landfriedens. 

Sehen  wir  uns  nun  die  Kompromifsbeschlüsse  zwischen  Herren 
und  Städte  näher  an!  Von  dem  Hofgericht,  mit  dessen  Bestellung 
die  Kurfürsten  zum  Schein  ihrer  Arglosigkeit  gegen  den  Kaiser  ihren 
Entwurf*)  beginnen,  ist  hier  nicht  mehr  die  Rede,  sondern  vor  allem 
vom  Landfrieden :  die  der  Acht  und  Aberacht  Verfallenen  sollen  nach 
dem  bestehenden  Rechtsgebrauch  behandelt  werden;  auch  sollen  alle 
Reichsstände  alle  ihre  Gerichte  und  Rechte  aufrecht  und  redlich  halten 
nach  Recht  und  Herkommen.  Es  wird  also  von  einer  Neuordnung  des 
Rechtsverfahrens  bei  Schuldforderungen  ganz  abgesehen.  Dagegen  ist 
noch  ein  Zusatz,  offenbar  von  den  Städten  im  Gegensatz  zu  dem 
fürstlichen  Austragssystem  durchgesetzt  worden:  doch  jedermann  in 
seinen  rechten  und  freiheiten  in  dUen  sachen  unscJiedelichen.  Abgesehen 
von  der  Anerkennung  der  Vchme  in  ihren  rechtlichen  Grenzen  wurde 
auch  die  von  den  Herren  allein  gestellte  Forderung  über  herrenlose 
Knechte  aufgenommen.  Von  der  Münzordnung  weiis  dagegen  der 
fürstliche  Vorschlag  nichts,  wohl  weil  sie  diese  Angelegenheit  eigen- 
mächtig ordnen  wollten  und  im  voraus  gegen  das  Münzrecht  der 
Städte  waren.  So  kommt  es  denn  auch,  dals  sie  den  städtischen  Vor- 
schlag über  die  Münze,  dafs  die  iQkaratige  Goldmünze  als  gemeine 
Landeswährung  gelten,  die  silberne  dagegen  nach  jedes  Landes  Gre- 
wohnheit  ordentlich  geschlagen  werden  soll,  einfach  über  sich  ergehen 
lassen.  Kurzum  es  werden  alle  vom  Kaiser  angeregten,  von  den 
Fürsten  z.  T.  gar  nicht  berührten  Punkte  erledigt  und  zwar  mit  grofser 
Anpassung  an  den  Vorschlag  der  Städte. 

Sehen  wir  nun,  wie  sich  unser  Verfasser  zu  diesen  Verhandlungen 
verhält.  Die  vier  Artikel  der  Egerer  Reichstagsverhandlungen  sind 
ohne  Zweifel  deutlich  in  unserer  Schrift  angeschlagen,  so  vor  allem 
in  dem  Kapitel  von  dem  gericht  und  vom  rechtsprechen  um  eigen  und 
erb  *).  Letzteres  war  in  dem  Ratschlag  der  Fürsten  ausdrücklich  von 
einer  Behandlung  ausgenommen  und  bei  der  Besprechung  des  ersteren 
weifs  er  nichts  von  dem  Austragssystem,  das  von  den  Fürsten  geplant 
war.  Es  werden  nur  praktische  Gesichtspunkte,  wie  die  Forderung- 
eines  guten  Leumundes  des  Richters,  über  den  Instanzenzug  u.  a.  gel- 


i)  In  No.  93. 

2)  Vgl.  Boehm,  S.  227  f. 


—     407     — 

teod  gemacht  und  nicht  prinzipielle  wie  auf  dem  Egerer  Reichstag. 
Nur  private  Ansichten  liegen  den  Forderungen  des  Verfassers  zu  Grunde, 
die  offenbar  städtische  Einrichtungen  teils  kritisieren,  teils  kopieren. 
Besonders  wichtig  für  eine  Reichsstadt  war  auch  die  Frage  nach  der 
Kompetenz  der  geistlichen  und  weltlichen  Gerichtsbarkeit.  „  Die  Aus- 
dehnung der  geistlichen  Gerichtsbarkeit  auf  rein  weltliche  Streitsachen, 
von  den  Laien  lange  Zeit  gebilligt,  führte  damals  zu  häufigen  Konflikten. 
Besonders  die  Städte  suchten  diesen  Übergriffen  durch  Verbesserung 
der  eigenen  Rechtspfl^e  einen  Damm  entgegenzusetzen**  *).  Unser  Ver- 
£user  bestimmt  in  dieser  Beziehung :  das  geistliche  Recht  soll  in  geist- 
lichen Gerichten  herrschen,  das  kaiserliche  bei  den  weltlichen,  be- 
sonders an  den  Hauptgerichten  soll  über  Blutschuld  nach  dem  kaiser- 
lichen Rechisbuch  gerichtet  werden. 

An  den  Streit  über  die  Kompetenz  des  geistlichen  Gerichts  schliefst 
das  Kapitel  an :  man  soU  niemand  bannen  umb  geUschuld  ^).  Es  ist  be- 
kannt, welcher  Miisbrauch  mit  der  geistlichen  Gewalt  gerade  bei  welt- 
lichen Angelegenheiten  im  ausgehenden  Mittelalter  getrieben  wurde. 
Namentlich  brach  in  den  Städten  häufig  Streit  aus  zwischen  der  Pfaff- 
beit  und  dem  Rat  wegen  rein  wirtschaftlichen  Fragen,  so  z.  B.  wegen 
des  Wetnungelds  *).  Der  Bischof  exkommunizierte  aus  solcher  Ver- 
anlassung oft  die  Stadt,  und  Sperrung  des  Gottesdienstes  war  dann  die 
Folge.  Es  fordert  deshalb  der  Verfasser,  dafs  um  Geldschuld  nicht 
mehr  gebannt  werden  soll.  Auch  wegen  anderer  Verbrechen,  Avie 
wegen  Sakrileg,  Wucher  und  Ehebruch,  die  sich  ein  oder  zwei  Per- 
sonen zu  schulden  kommen  lassen,  den  goUesdienst  gu  hindern,  sei 
dAädUek.  Nur  bei  grö&erer  Beteiligung  an  schweren  Vergehen  soll 
man  mit  verschlahen  der  kirchen  und  niederlegen  des  goUesdienstes  vor- 
gehen. Auch  das  an  dieser  Stelle  getadelte  Unrecht  der  Bischöfe, 
ni^erechte  Steuern  auf  die  Pfaffheit  zu  legen,  um  Kri^  zu  führen, 
le^  der  Verfasser  in  demselben  Lichte,  wie  im  ersten  Teile  seiner 
Schrift.  Denn  weltliche  Sachen  und  der  Besitz  von  Lehen  will  er  den 
Bischöfen  abgenommen  wissen.  Mit  diesen  Klagen  des  Verfassers 
werden  wir  aber  lebhaft  in  das  Augsburg  von  damals  versetzt.   Burchard 


1)  Joachimsohn,  Chregor  Heimburg  (1891)  S.  15. 

2)  Boehm,  S.  229.  —  Anch  der  genannte  Ratschlag  der  Ftlrsten  bertthrt  diese 
Fra^:  d4nß  die  geistUehen  geriehte  nicht  richten  noch  arme  Jeute  mit  laden pannen 
oder  wtU  proMceee  hcMchweren  in  weltlichen  sw^ien,    Artikel  [10]. 

3)  Beisptele  geben  H.  Boos,  Geschichte  der  rheinischen  Städtehultw,  2.  Teil 
(1897),  S.  2380.  für  Worms,  und  H.  Hegel,  Verfaseungsgeschichte  von  Mainz  im 
MOUkMer  (1882X  S.  40  dir  Mainx. 


—     208     — 

Zink  ^)  berichtet  ßir  das  Jahr  141 8  von  einem  skandalösen  Streit  der 
Stadt  Augsburg  mit  dem  Bischof  Neuninger,  dem  bei  der  Wahl  wohl 
die  Pfaffheit ,  aber  nicht  der  Rat  anhing.  Der  Bischof  bannte  *)  die 
Stadt,  und  die  Pfaffheit  verliels  dieselbe,  weil  sie  nicht  mehr  lesen 
wollte.  Doch  hold  waren  wieder  viele  pfaffen  da  und  ward  alles  schlechi, 
die  Augsburger  beklagten  sich  beim  König  über  den  Neuninger,  der 
die  Augsburger  gegen  Rom  wegen  des  Weinungeides  und  des  Pflaster- 
zolles laden  liefe.  Zink  verurteilt  auch  diesen  geistlichen  Übergriff 
scharf  mit  den  Worten:  das  doch  weltlich  sach  war  und  daß  mam  sie 
um  kein  wdttich  sach  fw  ein  geistlich  gericht  mit  laden  stelU,  denn  das 
sei  verbrieft  von  Kaiser  und  Königen  '). 

Auch  die  Frage  des  Landfriedens  mu&te  den  Verfasser  als  Städter 
beschäftigen.  In  einem  eigenen  Kapitel  ^)  fordert  er  vor  allen  die 
Reichsstädte  auf,  sich  gegenseitig  zum  Frieden  zu  mahnen.  Aber  auch 
die  Frage  nach  der  Einteilung  des  Reiches  in  vier  Teile,  die  vom 
Kaiser  selbst  zur  besseren  Handhabung  des  Landfriedens  auf  dem  letzten 
Egerer  Reichstag  angeregt  wurde,  erörtert  unser  Verfasser  in  dem  Ka- 
pitel :  man  soll  4  vikari  des  reidis  seUsen  %  Jeder  soll  Reichsgewalt 
haben  und  soll  residieren  in  einem  der  vier  Teile  der  Christenheit, 
nämlich  in  Österreich,  Mailand,  Savoyen  und  Burgund.  Diese  sollen, 
ein  jeder  in  seinem  Bezirk,  ein  Schiedsgericht  bilden,  vor  dem  alle 
Rechtshändel  des  einzelnen  Sprengeis  ausgetragen  werden.  Wer  sich 
dem  nicht  unterwirft,  wird  von  allen  Reichsständen  befehdet;  die  Hel- 
fershelfer werden  wie  diejenigen,  die  im  Ungehorsam  verharren,  in 
contumaciam  prozediert,  und  zwar  bezeichnenderweise  wieder  von  den 
Reichsstädten.  Ebenso  sollen  die  Reichsstädte  den  Brand- 
schatzem  land  und  sfwinge  gewinnen  und  dem  reiche  schwören  und 
dienen.  Ob  hier  der  vom  Kaiser  zu  Eger  gemachte  Vorschlag  vom 
Verfasser  mit  eigenen  Gedanken  umschrieben  wiederg^eben  ist,  läist 
sich  nicht  kontrollieren ;  jedenfalls  decken  sich  seine  Forderungen  mit 
anderen  ähnlichen  Vorschlägen  in  dem  sogleich  darauffolgenden  Jahre 
unter  Albrecht  nicht.  Genug  ist,  dais  damals  die  Städte  gerade  wie- 
der auf  diese  Vierteilung  des  Reiches  mit  ausdrücklicher  Beziehung  auf 
Sigmunds  Ratschlag  zu  Eger  zurückgreifen. 

Auch  den  vierten  und  letzten  Artikel  des  städtischen  Ratschlags 

i)  VgL  Chroniken  der  Städte,  5.  Bd.  (Angsborg  2.  Bd.  1866),  S.  77. 

2)  s.  79. 

3)  Ebenda  S.  86. 

4)  Vgl.  Boehm,  S.  234. 

5)  Vgl.  ebenda  S.  232  ff. 


—    40Ö     — 

und  des  gemeinsamen  Kompromiisbeschlusses  zu  Eger  (Mr.  94  u.  95) 
von  der  Münze  hat  unser  Verfasser  in  seinem  Kapitel  über  die  müme  ^) 
behandelt  Die  Münze  sei  schlecht,  weil  äos  gold  geschwächt  wird 
teils  durch  nach  der  Prägung  vorgenommene  äufsere  Manipulationen) 
teils  durch  ursprünglich  schlechte  Prägung  *) :  man  soll  deshalb  die 
Münzfälscher  verbrennen  und  sie  des  Münzrechtes  berauben.  Aber 
auch  aüe  fireüieü  der  münss  sott  ab  sein  ').  Das  Münzregal  soll  dem 
Könige  zurückgegeben,  der  Gold-  und  Silbergehalt  der  Münzen  durch 
buOe  %md  brief  festgelegt  werden.  Alle  Münzen  sollen  auf  dem  Avers 
des  reiches  geichen,  auf  dem  Revers  der  herm  oder  städte  zeichen  tragen, 
damit  der  Fälscher  erkannt  wird.  Dieser  soll  das  Münzrecht  verlieren 
und  100  Goldgulden  in  die  kaiserliche  Kammer  zahlen.  Diese  Art 
der  Münzreform  geht  ofTenbar  weiter  als  der  Egerer  Reichstagsbeschlufs, 
der  sich  an  den  städtischen  Ratschlag  sehr  eng  anlehnt.  Die  Forde- 
rungen sind  hier  bestimmter  und  genauer  und  hätten  eine  Umgestal- 
tung des  Münzwesens  zu  Gunsten  der  Reichsgewalt  bedeutet :  es  drückt 
sich  hierin  wieder  der  einheitliche  Zug  unserer  Schrift  nach  der  ganz 
bestimmten  Richtung  des  Verfassers  als  eines  Reichsstädters  aus.  Wie 
er  im  ersten  TeU  von  der  Reform  des  geistUchen  Standes  Heimfall 
alles  Reichsguts  der  Geistlichen  an  das  Reich  verlangt,  das  den  Reichs- 
städten verliehen  werden  soll  ^),  so  vindiziert  er  auch  das  Zollregal 
dem  Reiche  und  die  Übertragung  der  von  den  Geistlichen  besessenen 
Zölle  an  die  Städte,  als  die  Vertreterinnen  des  Reichs.  So  soll  jetzt 
wieder  das  Münzregal  dem  Reiche  zurückerstattet  und  jede  Münze 
zum  Teil  als  Reichsmünze  geprägt  werden.  Kaiserliches  Recht 
nach  dem  kaiserlichen  Rechtsbuch  soll  herrschen,  das  Reich  überall 
gestartet  werden.  Dafür  sind  die  Reichsstädte  nicht  nur  von  Anfang 
an  gesetzt,  sondern  haben  auch  jetzt  wieder  bei  der  bevorstehenden 
Neuordnung  einzutreten.  Diese  hohe  politische  Wertschätzung  der 
Reichsstädte  deckt  sich  aber  mit  der  von  Kaiser  Sigmund  wenn  auch 
mir  zur  Schau  getragenen  Auffassung  über  die  Bedeutung  der  Reichs- 

i)  Vgl.  Boehm,  S.  247. 

2)  VgL  den  Auftrag  Nürnbergs  an  seinen  Gesandten  in  Eger.  Reichstagsakten, 
12.  Bd^  No.  84.  Er  soU  dem  Kaiser  erklären,  dafs  es  bisher  reäUeh  die  müns  ge- 
halten  habe  und  daß  unsere  herm  die  furaten  umb  uns  eine  geringere  iiKünse  darein 
meinen  eu  schiahen  und  jetet  scMahen,  daß  die  nicht  allein  uns  und  unsere  Stadt, 
mmdem  lant  und  leuten  grqfien  edtaden  sei.  Vgl.  anch  ebenda  No.  51.  Ulm  schreibt 
an  Nördlingen  Dezember  1436  betreffend  Schädigung  der  sUbemen  münz  durch  die 
Miinxen  Berns  und  Überlingens. 

3)  VgL  Boehm,  S.  248. 

4)  VgL  Deutsche  Geschichtsblätter,  IV.  Bd.  S.  12. 

16 


—     210     -- 

Städte.  Auch  die  Donauwörther  Angelegenheit  warf  ein  den  Presburg^er 
Äufserungen  ähnliches  Licht  auf  diese  hohe  Auffassung  des  Kaisers 
von  den  Reichsstädten.  Es  soll  nach  dem  Abschied  eines  schwä- 
bischen Städtetages  ')  die  Meinung  des  Kaisers  über  den  Eintritt 
Donauwörths  in  den  schwäbischen  Städtebund  gewesen  sein,  daß  die 
Städte  sie  (nämlich  Donauwörth)  bei  dem  heiligen  römischen  reich  je 
handhaben  und  behalten  sollen  seiner  kaiserlichen  gnade  m  toUlen,  dem  * 
römischen  reiche  zu  umrden  und  ehren  und  des  M.  röm.  reichs  zu 
nutzen  und  sterkung  ...  als  des  hl.  röm.  reichs  ein  tröstlich  schloß  und 
thore  zum  Bayemlande,  da  es  vor  Zeiten  den  Reichsstädten  zu  schwerem 
Abbruch  von  dem  römischen  Reiche  entfrenidet  worden  sei.  Auf  dem 
letzten  Reichstag  des  Kaisers  kam  dann  nochmals  das  innige  Einver- 
nehmen der  Reichsstädte  mit  dem  Kaiser  zum  deutlichen  Ausdruck. 
Da  ist  es  denn  verständlich,  dafs  gerade  ein  Städtebürger  unter  dem 
Namen  Sigmunds  gleichsam  als  Vollender  und  Vollstrecker  eines  Ver- 
mächtnisses des  Kaisers  ein  Reformprojekt  herausgibt  und  zu  dessen 
Vollzug  gerade  die  Reichsstädte  herausfordert. 

Aber  das  gute  Einvernehmen  Sigmunds  mit  den  Städten  auf  dem 
letzten  Egerer  Reichstag  traf  gerade  mit  einem  auch  von  Sigmund 
vereitelten  Angriff  der  Herren  auf  die  Freiheiten  der  Städte  zusammen. 
Es  war  somit  von  neuem  unter  dem  Namen  dieses  Kaisers  den  Städten 
gleichsam  die  Parole  gegeben,  zu  einer  energischen  Abwehr  gegen 
die  nun  unter  Albrecht  sich  wiederholenden  Angriffe  der  Herren  auf  ihre 
Freiheiten  zu  schreiten.  Dafs  ein  versteckter  hochgradiger  Gegensatz 
zwischen  Herren  und  Städten  auf  dem  Egerer  Reichstag  bestand,  ohne 
dafs  direkte  Berichte  darüber  vorliegen,  ist  durch  einen  Rückschlufs 
von  den  Handlungen  der  Fürsten  nach  dem  Tode  Sigmunds  auf  die 
Gesinnungen  derselben  noch  zu  dessen  Lebzeiten  namentlich  auf  dem 
genannten  Tage  unabweisbar.  Bei  der  Prüfung  der  nun  unmittelbar 
folgenden  Schritte  der  Herren  sowohl  als  der  Städte,  sehen  wir  wiederum 
diurch  Rückschlufs  die  grofee  Einigkeit  der  Städte  mit  Sigmund  zu  Eger 
ausdrücklich  ausgesprochen,  ebenso  die  dort  unter  dem  Einverständnis 
desselben  Kaisers  beschlossenen  Artikel  als  das  Mindestmafs  ihrer  Re- 
formforderungen angesehen.  Vor  allem  aber  bricht  aus  allen  diesen 
politischen  Akten  der  Fürsten  das  heftige  Verlangen  hervor,  anstatt 
das  Reich  zu  reformieren,  endlich  den  Städten  die  Freiheiten  zu  nehmen. 
Da  mufe  es  denn  wieder  selbstverständlich  sein,  wenn  ein  Reichs- 
städter  den   von  Sigmund  unter  dem  Beifall  der  Städte  wiederholt  in 


i)  VgL  Reichstagsakten,  ii.  Bd.,  No.  244« 


—     211     — 

Angfriff  geüommenen  Plan  einer  Reichsreform  in  dessen  Naraeü  auf* 
greift  und  gerade  städtisches  Wesen  und  städtische  Freiheit  nicht  nur 
zu  rechtfertigen,  sondern  zu  verallgemeinem  sucht. 

Bald  nach  Sigmunds  Tod   (9.  Dez.  1437)  treten   die   Kurfürsten 
in  einer  Landfriedenseinigung  geschlossen  auf  *).    Der  Gesandte  Frank- 
furts   berichtet  dann   über   die  „Werbungen"  der  Kurfürsten  bei  dem 
neuen  König  Albrecht,    die  gar  grtißelichen  sind  tmder  euch  besonders 
und  aJle  anderen  reichsstett  ^).    Denn  sie  bezwecken  nichts  anderes  als : 
primo  den  stetten  ihre  freiheiten  zu  widerrufen,   die  nickt  redlich  sind. 
Item   besonders  d€fß  sie  nirgends  eu  recht  stehen  seilen,  denn  bei  ihnen, 
item   betreffend  ihre  müfize,  die  etliche  haben  *).     So  haben   wir  denn 
hier  klar  ausgesprochen,  was  die  Herren  mit  ihrer  Reichsreform  wäh- 
rend der  Regierung  Kaiser  Sigmunds   wollten,   nichts   anderes  als  die 
Widerrufung  der  städtischen  Freiheiten  aber  namentlich  der  Freiheiten 
des   eigenen  Gerichts  und   der  eigenen   Münzen:   kurzum   der  Kampf 
des    territorialen  Fürstentum  um   die  Reichsunmittelbarkeit  der  Städte 
wird  immer  akuter.    Zugleich  wird  aber  auch  durch  dieses  post  hoc  zu 
der  wichtigsten  Frage  über  den  Egerer  Reichstag,  weshalb  die  Städte 
so  auiserordentlichen  Anstols  an  den  Vorschlägen  der  Herren  genommen 
haben,   ein  propter  hoc  in  dem  Sinne  der  bereits  von  Quidde  mit  an- 
deren Gründen    versuchten  Lösujig  geschaffen.     Das   fürstliche  Aus- 
tragsystem sollte  ofTenbar  die  städtische  Gerichtsbarkeit  durchlöchern, 
und  nicht  weniger  gab  das  Münzrecht,  zu  dessen  Reform  der  fürstliche 
Ratschlag  schweigt,  den  Grund  zu  einem  latenten  Gegensatz  zwischen 
Herren  und  Städten. 

Aber  auch  auf  städtischer  Seite  macht  man  mobil  mit  Vorstel- 
lungen bei  dem  neuen  König.  So  schreibt  Speier  an  Köln  wegen 
einer  städtischen  Zusammenkunft,  um  zu  beraten,  wie  man  dem  König 
die  not  und  gebrechen  der  städte  verlegen  soll,  und  hoffl,  dafs  Albrecht 
gegen  ungiemlichkeiten  und  unredliche  wege  der  fiirsten  stehen  werde  *). 
Als  nun  der  König  nach  Nürnberg  einen  Reichstag  *)  wegen  der  drei 
Punkte:  gemeiner  Frieden,  Münz  und  Gericht  ausschreibt,  da  be- 

i)  Vgl.  Janssen,  Frankfurts  BeicJukorre^pondene,  No.  794. 

2)  Ebenda  No.  800. 

3)  Ebenda  No.  801.  April  1438.  In  der  Instraktion  der  kurfürstlichen  Gesandt- 
schaft soU  gestanden  haben:  Item  cds  wohl  wissentlich  tat,  daß  mancherlei  freiheit 
die  etädte  erworben  ?u»n,  die  unziemlich  und  unredlich  sind,  daß  mit  dem  eu* 
künßigen  könig  geredet  würde,  wifilicher  zu  bedenken,  w(u  eu  bestätigen  sei  oder 
nit  mit  rat  seiner  kurfürsten  und  anderer  fürsten. 

4)  Ebenda  No.  805. 

5)  Ebenda  No.  807. 

15* 


-   äli   — 

bchlie&en  die  Städte  auf  einem  vorberatenden  Tage  zu  Ulm  i)  bei 
den  Artikeln  zu  Eger  (1437)  bleiben  zu  wollen;  2)  sich  wegen 
ihrer  Freiheiten  und  Rechte  besser  zusammenzutun  w^en  man- 
cherlei ivilden  landsläufen  und  Artikel  über  diese  Vereinigung  jedem 
Rate  zu  übergeben,  3)  sei  auf  Antrag  Nürnbergs  auch  über  Geleit  und 
Zoll  geratschlagt  worden  und  nun  anderes  nach  jeglicher  Stadt  Not- 
durft *).  Auf  diesem  Tage  waren  Ulm  und  Augsburg  auch  vertreten. 
Die  obengenannten  Artikel  über  eine  festere  Einigung  der  Reichsstädte 
liegen  nun  von  Augsburg  und  der  schwäbischen  Bundesstädte  vor,  sie 
zeichnen  eine  feste,  detaillierte  Organisation  der  genannten  Städte 
gegen  Angriffe  von  einer  dritten  Seite,  das  ist  von  selten  der  Fürsten, 
namentlich  zum  Schutze  ihrer  freiheiten,  als  sie  von  dem  hl.  reiche  her- 
kommen wäre  *).  Ravensburg  schlägt  vor,  alle  Streitigkeiten  unter  sich 
zu  lassen  oder  durch  ein  Schiedsgericht  untereinander  zu  schlichten  *). 
Als  nun  die  beiden  Reichstage  zu  Nürnberg  (Juli  und  Oktober  1438) 
zu  Stande  kommen,  da  schlagen  die  königlichen  Räte  zur  Handhabung 
des  Landfriedens  die  von  Sigmund  vorgeschlagene  Teilung  des  Reiches 
vor,  aber  nicht  in  vier,  sondern  in  sechs  Kreise^).  Die  Städte 
bleiben  bei  der  von  Sigmund  vorgeschlagenen  Teilung  in  vier  und 
beziehen  sich  ausdrücklich  auf  die  Einigkeit  mit  Sigmund  in  diesem 
Punkte.  Das  zeigt  der  Abschied  des  vorberatenden  Städtetages  zu  Kon- 
stanz, wo  gerade  von  selten  Augsburg  und  Ulms  geltend  gemacht 
wird,  auf  dem  zweiten  Reichstag  zu  Nürnberg  bei  den  sseUdn  des 
Egerer  tags  von  1437  0u  bleiben  und  darinnen  tmserm  herm  den  kaiser 
(Sigmund)  seliger  gededUnas  gu  anhoarten  ganz  eins  gewesen  sind  % 

Unser  Verfasser  bat  nun  auch  die  Vierteilung  des  Reiches  bei- 
behalten und  dem  Vorgang  der  Städte,  stimmt  aber  mit  den  örtlichen 
Bezirken  dieser  vier  TeUe  mit  den  von  den  Städten  dort  vereinbarten 
nicht  überein:  es  ist  eben  in  unserer  Schrift  nur  eine  der  in  Konstanz 
in  einem  Gesamtbeschlufe  untergegangenen  Einzelstimmen.  Auch  die 
ausführlichen  Verhandlungen  zu  Nürnberg  über  Gericht,  Austragver- 
fahren  *)  und  Münze  ^)  stimmen  in  keiner  Weise  mit  den  von  unserem 
Verfasser    über    dieselben    Punkte    gegebenen   Vorschlägen    überein. 


1)  VgL  Janssen,  No.  810. 

2)  Ebenda  S.  446. 

3)  Ebenda  S.  447* 

4)  VgL  Wencker  a.  a.  O.,  S.  340. 

5)  Janssen  a.  a.  O.,  S.  45^  f. 

6)  Vgl.  Wencker  a.  a.  O.,  S.  343  u.  349. 

7)  Ebenda  S.  357  u.  359. 


—     218     — 

Boehm,  der  jene  im  emzelnen  mitteilt  ^),  konstruiert  eine  Übereinstim- 
mung, ist  aber  selbst  am  Schlusse  derselben  von  ihrer  Unhaltbarkeit 
äberzeugt  Es  sind  vielmehr  die  Vorschläge  unseres  Verfiusers,  wie 
gesagt,  eine  Einzelstimme  zu  den  vorbereitenden  Verhandlungen  auf 
den  Städtetagen  zu  Ulm  und  Konstanz.  Die  wiederholt  auf  diesem 
Tage  zum  Ausdruck  gekommene  Übereinstimmung  mit  Sigmund  und 
namentlich  auch  von  selten  Augsburgs  in  der  Frage  der  Teilui^  des 
Reiches  und  der  Reichsreform  überhaupt  und  die  ausdrückliche  Er- 
klärung bei  dieser  mit  Sigmund  zu  Eger  vereinbarten  notkin  bleiben 
zu  wollen,  fuhren  zu  der  Angabe  des  Verfassers,  als  vollziehe  er  nur 
die  Reform  des  genannten  Kaisers,  der  nur  ein  Wegbereiter  gewesen 
sei,  ganz  abgesehen  davon,  dafs  sie  das  von  uns  oben  schon  bewie- 
sene Einverständnis  zwischen  Kaiser  und  Städten  zu  Eger  von  neuem 
klar  l^en.  Namentlich  die  in  Ulm  zur  Vorberatung  gelai^^ten  Gegen- 
stände über  Zoll  und  Geleite  und  sonstiger  Notdurft  der  Städte  sind 
offenbar  die  Unterlagen  zu  unserer  Schrift  in  ihrem  zweiten  Teile. 
Eine  städtische  Instruktion  zu  diesen  Tagen,  auf  denen  die  Städte  bei 
der  von  Sigmund  b^onnenen  Reichsreform  bleiben  wollen,  hat  ohne 
Zweifel  unserem  Verfasser  vorgel^en  und  er  hat  sie  erläutert  im 
reichsstädtischen  Geist  und  Interesse.  Wenn  man  sich  diese  Einzel- 
heiten namentlich  das  zu  Eger  bei  der  Reichsreform  zu  Tage  getretene 
Einverständnis  zwischen  Städten  und  Sigmund  und  auch  die  spätere 
Betonung  desselben  fest  vor  Augen  hält,  dann  versteht  man  allein 
den  Sinn  der  Worte  unseres  Verfassers  über  die  Herkunft  seiner  Re- 
form des  weltlichen  Standes:  tvir  thun  aber  m$  wissen,  dtf/l  unr  mit 
hohem  und  weisen  diese  urhmd  (nämlich  Sigmunds)  als  sie  an  ihr  selbst 
hesdtehen  ist,  erläutert  haben  und  finden  darin  daß  wahrlidh  gottes  um»- 
fmng  ist,  was  wir  nun  van  stOch  su  stück  erJdert  haben  und  wird  m 
emem  reckten  bekennen  bracht. 

Aber  auch  von  der  Rührigkeit,  womit  damals  die  Städte  die 
bürgerlichen  Zustände  zu  verbessern  streben,  ist  unsere  Schrift  ein 
hervorragendes  Zeugnis.  Der  Verfasser  deutet  ganz  offen  auf  die  Re- 
formbestrebungen der  Städte  im  Jahre  1438  hin;  an  der  Stelle,  wo 
er  vom  jüngsten  Propheten  spricht,  der  einen  kleinen  Geweihten  als 
den  Reformator  für  das  Jahr  1439  verhelfst,  sagt  er:  daß  in  dem 
neunten  Jahr  (d.  i.  1439)  dieses  aufgehen  soUe,  das  ist  nun  beschehen, 
offenbar  mit  der  Abfassung  und  Verkündung  seiner  eigenen  Reform. 
Gleich  darauf  fährt  der  Verfasser  fort:   wann  etUch  reichslädt  haben 

i)  a,  n.  O.,  S.  95  ff. 


^     214     — 

geworben  in  dem  vordem  jähr  um  diese  Ordnung  und  vermeinen  auch 
dojsu  zu  ihun.    Dieses  vordere  Jahr  ist  also  1438  und  die  Werbung 
um   diese  Ordnung   ist  nichts   anderes  als  die  Beratung  der  Städte  zu 
Ulm  imd  Konstianz.    Dieselbe  Rührigkeit  bezeichnet  auch  der  Verfasser 
mit  den  Worten:    die  städte,  die  sich  üben  in  dieser  sache  und  Ord- 
nung *).     Aber  sie   hat  auch   ihren   Grund    in   dem   Gefühle    der   Bc- 
dröhimg  von  seiten  der  Fürsten  *) ;  die  Städte  wollen  deshalb  bei  dem 
neuen  König  den  Werbungen   der  Fürsten  zuvorkommen.     Schon   bei 
der  Beratung  des  Landfriedens  zu  Nürnberg  1438,  als  man  sich  nicht 
einigen  konnte,   liefsen  die  Städte  soM^  abscheidung  des  tags  an  seine 
Majestät  gleich  bald  gelangen,   damit  die  kurfürsten  mit  ihrer  noitel 
ihnen  nicht  zuvorkämen ').     Auch  bei  dem  zweiten  Reichstag  zu  Nürn- 
berg wollen   die  Städte  noch  vor  Ankunft  des  Königs  daselbst,  den- 
selben  über  alles  unterweisen,  ehe  dann  daß  die  fürsten  gemeinUch  jau- 
kommen   werden  ^).     Der  Abschied    dieses    Städtetages    zu   Nürnberg* 
fordert  dann  eine  sehr  eilige  und  notwendige  Abordnung  an  den  König 
von  mancherlei  Sachen  wegen,  die  etile  alles  lantes  nicht  zu  schreiben  ge- 
bühren und  jetzt  notdürftiger  als  vop-mals  ^).    Und  all  diese  Hast  dreht 
sich  um  die  Erhaltung  ihrer  Freiheiten,,  die  sie  nun  wiederholt  seit 
dem  Egerer  Reichstag  betonen  *).     Wir  sahen ,   wie   die   Städte  sich 
zum  Schutze  derselben  enger  zusammentun  wollen,  ja  einige,  nämlich 
Mainz,  Strafsburg,  Worms   und  Speier  schliefen   kurz   vor  dem  Ab- 
sterben Kaiser  Albrechts  ^)  ein  Bündnis,  weil  die  kurfürsten  und  andere 
fürsten  darauf  gelegen  und  vermeint,  daß  die  stadie  zu  viel  freiheU 
haben,   sottten  sie  einen  römischen  konig  kiesen,  dann  würden  sie  ihn 
verbinden,  ohne  Zweifel  diese  Freiheiten  abzutun.    Diese  Städte  haben 
sich  auch  in  gegenseitiger  treue  und  liebe  verschworen,  keinen  römischen 
könig  gehorsam  sein  zu  woUen,  wenn  er  nicht  vorher  ihre  freiheU,  rechte 
und  gute  gewohnheit  bestätigt.    Wir  sehen  also,  wie  die  Herren  darin 
einig  sind,  die  zukünftigen  Vertreter  der  Zentralgewalt  gegen  die  Städte 
zu  binden  und   wie  anderseits   die  Städte  erkennen,  dafs  die  Reform 
der  Herren   nur   die  Vernichtung   der  städtischen  Freiheiten  bezweckt 
und  so   ebenfalls   den  zukünftigen   römischen  König  zur  unbedingten 


i)  VgL  Boehm  a.  a.  O.,  S.  300. 

2)  Vgl.  Janssen  a.  a.  O.,  No.  817. 

3)  Wencker  a.  a.  O.,  S.  338  ff. 

4)  Janssen,  No.  825. 

5)  Ebenda  No.  834. 

6)  Darauf  macht  Wencker  besonders  aafmerksam  auf  S.  354> 

7)  Vgl.  Wencker  a.  a.  O.,  S.  354  f. 


—     215     — 

Anerkennung  ihrer  Freiheiten  binden  wollen.  Die  Gegensätze  sind  bis 
zu  der  Krklärung  offenen  Ungehorsams  und  gewaltsamen  Widerstandes 
zugespitzt  ^).  Dabei  sind  die  Städte  einig,  und  die  Erinnerung  an  die 
einstig'e  Einigkeit  mit  Sigmund  in  der  Reichsreform  gibt  ihnen  den 
Mut  eines  hohen  politischen  Bewußtseins,  die  Kraft  der  Selbsthilfe.  Der 
Augenblick  dazu  ist  wieder  gekommen  und  er  wird  von  unserem  Ver- 
fasser kraftvoll  au^egrifTen  mit  dessen  Appell  an  die  Reichsstädte, 
die  von  den  Herren  auf  ein  falsches  Gebiet  geleitete  Reform  in  ihrer 
Art  durchzuführen.  Dazu  pafst  femer  die  Drohung,  mit  Gewalt  und 
dem  Schwert  nicht  nur  die  Freiheiten  der  Städte  zu  behaupten, 
sondern  auch  die  städtische  Freiheit  überhaupt  iiir  alle  zu 
proklamieren  und  zwar  mit  Hilfe  des  zu  erwartenden  und  aus  städtischen 
Kreisen  hervorgegangenen  Priesterkönigs  Friedrich  *). 

Wie  denkt  sich  nun  unser  Verfasser  selbst  den  Vollzug  seiner  Neu- 
ordnung?    Genau  so  wie  die  Vorlagen,   auf  denen  seine  Forderungen 
beruhen;   denn   wie  ihm   bei   der  Erläuterung  des  ersten  Teils  seiner 
Reformschrift   hauptsächlich  motivierte  Anträge  imd  Amendements  zu 
den  Konzilsberatungen  zu  Basel  vorgelegen  haben,  so  liegt  im  zweiten 
Teil  im  grofsen  und  ganzen  offenbar  eine  städische  Instruktion  zu  dem 
Uimer  Städtetag  (1438)  zu  Grunde,  wo  vorberatend  und  mit  ausdrücklicher 
Übereinstimmung   mit  Sigmunds  zu  Eger  (1437)   begonnenen  Reichs- 
reform  über  diese  selbst  sowie  über  rein  städtische  Bedür&isse  nach 
jeglicher  stadi  notdurfl  Beratung  gepflogen  wurde.    Dazu  standen  dem 
Stadtschreiber  viele  Papiere   des  diplomatischen  Verkehrs   der  Städte 
unter  sich  und  namentlich   mit  Sigmund  von  dem  Reichstag  zu  Pres- 
burg   (1429)   und  über  das  Pfahlbürgerverbot  zur  Verfügung.     Also 
die    Reformtätigkeit    am    Konzil    zu  Basel    sowie   die   der 
Städte  im  Jahre  1438  sind  in  seiner  Schrift  erläutert  und 
erweitert.     So  konnte   unser  Verfasser  auch   von  der  weiteren  Re- 
formtätigkeit des  Kaisers  Friedrich   sagen:    Viel  andere  Ordnung  mrd 

i)  Für  diese  Zeit  schreibt  der  Chronist  za  Augsburg,  Burcbard  Zink  (1444) 
a.  a.  O.,  S.  1 76,  8 :  €8  war  eine  gemeine  eag,  daß  die  Jierm  den  wiüen  hatten,  sie 
ufolUen  äUe  reichsstädte  verderben  und  unterdrücken,  gott  ist  herr  Über  uns  aUe,  er 
behüte, 

2)  Offenbar  versetzt  uns  die  letzte  Redaküon  unserer  Schrift  in  die  Zeit  des  Inter- 
regnums zwischen  Albrecht  und  Friedrich  m.  Es  scheinen  mir  folgende  Worte  darauf 
hinzuweisen:  dein  zom  ist  offen,  uAr  gangen  als  die  schaf  ohne  einen  hirten. 
(Boehm^  S.  161.]  Ebenso  fafst  der  Verfasser  auch  das  Reichs-Vikariat  ins  Auge 
auf  S.  172  und  stellt  auch  deshalb  die  kurze  Frist  von  nur  i  Monat  für  den  Beitritt  zu 
seiner  Ordnung,  weil  er  die  prophetische  Kombination  auf  das  Jahr  1439  braucht  und 
nach  Albrechts  Tod  von  diesem  Jahre  nicht  viel  mehr  übrig  ist. 


—     216     — 

man  noch  verhandeln,  die  jetzt  nicht  notdürftig  sind  jsu  erzählen,  die 
toerden  den  reichsstädten  empfohlen,  ein  teil  in  ein  cancUi  geschlagen. 
Also  die  Reichsstädte,  die  ja  nach  ihm  an  Reiches  Stelle  stehen,  und 
ein  Konzil  sind  die  zur  Vornahme  der  Reform  berufenen  Korpo- 
rationen,  toann  ein  jeglich  concüi  ist  nun  recht  bezeichnet  die  heiligen  kirchen. 
Dafe  der  VerCausser  an  einen  Vollzug  seiner  Reform  wirklich  ge- 
dacht hat,  zeigt  er  selbst  an.  Er  fordert  zunächst  alle,  Herren,  Ritter, 
Knechte  und  besonders  die  Reichsstädte  auf:  in  einem  monat  frist  nach 
dieser  Verkündigung  und  Offenbarung,  wo  ihr  innen  werd,  daß  des  reichs 
banner  aufgesteckt  werde  mit  Qraf  Friedrichs  banner,  so  trettent  zu  und 
spar  sich  niemand.  Ja  mit  Gewalt  soll  jeder,  besonders  aber  wieder 
die  im  Jahre  1438  ja  besonders  fest  organisierten  Reichsstädte  wider 
denjenigen  ziehen,  der  himder  thet.  Wenn  es  denn  not  tourd,  daß  sie 
ermahnt  werden  mit  unser  geschrift  und  ordnungsbuch,  wie  die  botten 
zu  ihnen  kommen,  daß  sie  dieselben  in  schirm  setzen  und  geleiten  in 
ihrer  eigenen  kosten  und  wären  sie  in  etwas  notdürftig,  daß  sie  daran 
dienen  tincJ  also  verhüten  für  unterdrücken  und  hinderung  dieser  sdigen 
und  heiligen  Ordnung.  Dies  gebieten  wir  bei  unseres  reichs  hulden  und 
bei  der  penne  100  M.  goldes  ').  Bem  es  soü  auch  ein  jeglicher  fürst 
oder  herr,  land  oder  stadt,  diese  Ordnung  in  einem  buch  behalten  und 
schndl  lassen  abschreiben.  Es  soll  also  nichts  anderes  als  der  diplo- 
matische Verkehr  bei  Reichs-  oder  Städtetagverhandlungen  nachgeahmt 
werden.  Unsere  Schrift  gibt  sich  außerdem  durchaus  als  eine  offizielle, 
alle  Stände  bindende  aber  hauptsächlich  den  Reichssädten  geltende 
Kundgebung  und  ist  nur  insofern  „ privat*'  als  sie  offizielle  Ratschläge 
und  Beschlüsse  von  einem  rein  persönlichen  Standpunkte,  nämlich 
von  dem  eines  Stadtschreibers  und  Mitgliedes  des  Augsburger  Huma- 
nistenkreises  erläutert  darbietet.  Der  Verfasser  fragt  sich  selbst  über 
die  Möglichkeit  der  Diurchfiihrung  seiner  Reform,  sowie  über  die  An- 
erkennung des  Priesterkönigs  Friedrich  aus  städtebürgerlichen  Kreisen : 
Nun  möcht  man  gedenken,  wie  möcht  es  zugehen,  wenn  es  sei  unmög- 
Uch,  den  gang  zu  haben.  Des  mag  man  wohl  verstehen  und  hören. 
Nun  kommt  die  ideale  Spekulation  des  Verfassers:  wenn  die  gemeine 
weit  bekennen  wird  unsere  freiheit  (d.  h.  die  städtebürgerliche  und  nicht 
irgend  eine  revolutionäre,  wie  wir  oben  zeigten),  so  ist  den  gewaltigen 
häuptem  ihre  kraft  genommen.  Denn  u^er  woUt  lieber  wider  sich  selbst 
sein  und  lieber  eigen  sein  (=  leibeigen)  als  frei?  Also  der  Verallge- 
meinerung der  städtebürgerlichen  Freiheit')  traut  der  Verfasser 

i)  Boehm,  S.  168. 

2)  nod  nicht  der  Freiheit  ttberhanpt  wie  noch  Boos  a.  a.  O.,  S.  454 f.  glaubt 


—     217     — 

soviel  Zugkraft  zu,  dais  man  sich  bei  ihrer  Verkündung  allgemein  zu 
einer  Reform  in  städtebürgerlichem  Sinne  und  zu  einem  Reformkaiser 
der  „  Kleinen "  (d.  i.  der  Reichsstädter)  dem  feudalen  Fürstentum  zum 
Trotz  erklären  wird.  Das  ist  offenbar  ein  noch  deutlicheres  Zeichen  des 
starken  politischen  BewuCstseins  der  Städte  als  wir  es  oben  in  der 
Forderung  fanden,  Zünfte  und  Pfahlbürgerverbot  abzuschaffen,  damit 
sich  die  Städte  großeckUch  auffeten  (=  vermehrten).  Also  nicht  nur 
äo&erlich  sollen  die  Städte  wachsen  durch  Zuzug  vom  Lande  und  so 
dem  städtischen  Freiheitsprinzip  weitere  Kreise  gewonnen  werden,  son- 
dern auch  die  städtische  Freiheit  soll  dem  bleibenden  Rest  hinaus- 
getragen werden.  Der  Gedanke  ist  kühn  und  zeigt  von  dem  freien 
Horizont  des  Verfassers  sowohl  als  der  damaligen  Laien,  namentlich 
der  in  dem  Augsburger  Humanistenkreis. 

Aber  die  Spekulation  ist  als  verfehlt  zu  bezeichnen.  Von  ihrer 
unmittelbaren  Verwirklichung  sehen  wir  nichts.  Das  hat  einmal  seinen 
Grund  darin,  dafs  der  Verfasser  die  politische  Kraft  des  Städtebürger- 
tums seiner  Zeit  überschätzt.  Denn  diese  hat  bereits  ihren  Höhepunkt 
überschritten :  die  Tage  der  kraftvollen  Selbsthilfe  der  Städte  im  Bunde 
mit  Fürsten  und  dem  Kaiser  sind  vorüber.  Anderseits  unterschätzt 
er  die  krafl  der  gewaiUigen  Häupter,  der  Fürsten:  gerade  diese  ist  es, 
die  jetzt  politisch  in  aufisteigender  Richtung  begriffen  ist.  Dem  Fürsten- 
tum gehört  die  unmittelbare  Zukunft,  und  bei  seinem  Aufstieg  zur 
Höhe  im  i6.  Jahrhundert  übernimmt  es  auch  kulturell  das  Erbe  des 
Städtebürgertums.  Aus  dieser  Überschätzung  der  städtebürgerlichen 
Kraft  ist  es  denn  auch  zu  verstehen,  dafe  der  zweite  Teü  weniger  der 
Reform  des  weltlichen  Standes,  wie  er  es  sein  will,  als  vielmehr  der 
des  städtischen  Wesens  gewidmet  ist.  Nur  für  die  Städte  ist  an- 
g^cben,  was  auf  Städtetagen  durchgeführt  werden  soll,  das  Fürsten- 
tum aber  ist  ganz  ausgeschieden.  Oder  sollte  der  Verfasser  gewufst 
haben ,  dafs  die  von  den  Fürsten  damals  angestrebte  Reform  es  nur 
auf  die  Vernichtung  städtischer  Freiheiten  abgesehen  hatte,  und  hat 
er  deshalb  diese  in  den  Vordergrund  seiner  Reform  gestellt,  ja  die 
Verallgemeinerung  der  städtischen  Freiheit  gefordert?  Jedenfalls  be- 
steht ein  Widerspruch  zwischen  der  Einsicht  in  die  Verhältnisse  und 
der  notwendigen  Tatkraft,  um  Wandel  zu  schaffen.  So  sind  die  Re- 
formpläne  unseres  Verfassers  von  vornherein  totgeboren. 

Aber  unsere  Schrift  ist  nicht  nur  ein  hervorragendes  Zeugnis  von 
der  Höhe  bürgerlicher  Kultur  im  ausgehenden  Mittelalter,  sondern  auch 
ein  Beweis  dafür,  wie  sehr  der  Reichsgedanke  schon  bürgerlich 
geworden  ist    Wie  überall  das  Reich  in  seine  ursprüngliche  Macht- 


—     Ä18     — 

Vollkommenheit  eingesetzt  werden  und  der  Kaiser  und  kaiserliches 
Recht  überall  vorherrschen  soll,  so  sind  die  Reichsstädte  auch  überall 
die  Stellvertreter  dieses  Reiches.    Diesen  ist  geistliches  und  weltliches 
Recht  von  Anbeginn  empfohlen,    wie   dem  Kaiser  das  Reich.     Ntm 
steht  das  Jcaisertum  und  alles,  tcas  ihm  eugehort,  zu  unrecht,  man  muß 
es  mit  hraft  durchbrechen;  wenn  die  großen  schlafen,  müssen  die  kleinen 
wachen,  daß  es  doch  gehen  muß.     Diese  „Kleinen**  sind  die  Bürger 
und   mit  ihnen   als   ihre   natürlichen  Verbündeten   die  Ritter.     Darum 
soU  der   namen    des   Jcönigs   Friedrich   von  Landnau  sein   oder  graf 
Friedrich  *).  Dieser  Reformkaiser  ist  ebenfalls  ein  „Kleiner**,  d.  h.  Städte- 
bürger und  dazu  ein  geweihter;  denn  er  wird  stMcer  pussiUus  genannt 
Als  Städtebürger  und  Stadtschreiber  mit  niederen  Weihen  hat  unser 
Verfasser  diese  Eigenschaften.     Ebenso  ist  er  damals  noch  jung,   wie 
er  es  auch   vom  Reformkaiser  Friedrich   verlangt,   indem  er  ihn  ver- 
gleicht mit  dem  söhn  eines  haisers  von  India,  dem  gott  in  jungen  tagen 
toeisheU  gab.    Dasselbe  wird  gefordert  in  dem  Gleichnis  des  Verfassers 
aus  Matthäus:  es  sei  denn,  daß  ihr  werdent  als  der  jung.    Wenn  alle 
diese  Forderungen  als  „religiöse**  *)  hingestellt  werden,  so  ist  das  im 
Mittelalter   nichts  Auffallendes   und   am   wenigsten   ein  Beweis   für  die 
Persönlichkeit  ihres  Urhebers.    Wie  man  sich  hierin  in  die  Irre  führen 
liefs,   so  hat   man   auch   seither  die  wichtigsten  staatsrechtlichen  Ge- 
danken unserer  Schrift  falsch  gewertet     Der  Verfasser  spricht  keine 
radikalen    Ideen    aus,    sondern   nur  Worte   einer  damals   fast  all- 
gemein gewordenen  Erregung  und  im  Bürgertum  geltende  Gnmdsätze. 
Nur  als  Ausdruck   dieser  hat   unsere  Schrift  zu   gelten  und  nicht  als 
Programm   einer   „gewünschten   Revolution**'),   die   dann   im  Bauern- 
krieg ausbrach.     So  gereizt  auch   ihr  Ton  ist,  so  hat  sie  doch  keine 
aufireizende  Wirkung  gehabt  *).     Es   hat   sich   vielmehr  auch    für  das 
mittelalterliche  Bürgertum  bestätigt,  was  Ranke  vom  Bürgertum  über- 
haupt sagt  dafs  in  ihm  alle  liberalen  Ideen  wurzeln. 


iWn  dieser  Usarpaüoo  des  Adels  durch  noseren  V.  ist  passcod  der  mn  diese  Zeit 
enrachende  Dünkel  der  httTQJti  aas  der  Kanxlei  aosgesprochen ,  die  sich  spater  ^ofiFen 
mit  dem  Adel  aaf  eine  Stmfe  stellen"  (TgL  Boos  a.  a.  O«  S.  394). 

2\  VgL  Koehnc  a.  a.  O^  S.  370. 

3)  VgL  Boos  a.  a.  O.,  S«  455,  wo  dieser  falsche  ^Ji^ammmhang  niletxt  aafrecht 
erhallen  ist. 

4^  UamiiteibAre  Wirkuut;  aui'  den  Onuig  nach  Ncnordning  hatten  nur  die  hier  firisch 
und  vcnrcj^n  mm  Aasdnick  gekommenen  Stichxrörter  der  Propbetien.  Das  zeigte  ich 
in  dem  Anhang  i«  meiner  Schrift:  diu  Flmgsdl/rift  * 9mm$  aedesMM*  an  der  voiüegenden 
Reformtchrift  sowie  an  einer  Reihe  andeter.     VgL  S.  94C 


—     219     — 

Mitteilungen 

Yersainillllingeil«  —  Die  siebente  Versammlung  deutscher 
Historiker  hat  so  wie  es  nach  dem  oben  mitgeteilten  Programm  (vgl. 
S.  182)  geplant  war,  vom  14.  bis  18.  April  in  Heidelberg  stattgefunden, 
und  192  Namen  waren  in  der  Teilnehmerliste  verzeichnet.  Die  Vorträge 
boten  einen  reichen  Wissensstoff,  aber  entschieden  zu  bedauern  ist,  dafs  die 
Aussprache  über  die  angeregten  Fragen  zeitlich  so  sehr  beschränkt  war. 
Es  machte  beinahe  den  Eindruck ,  als  ob  gerade  die  am  ehesten  zur  Dis- 
kussion anregenden  Vorträge  so  anberaumt  worden  seien,  dafs  die  Stunde 
der  Mahlzeit  kommen  mufste  und  der  Hunger  die  Teilnehmer  von  dannen 
trieb.  Dabei  waren  die  Vorträge  sämtlich  mit  Ausnahme  der  beiden  „öffent- 
lichen", über  die  eben  von  vornherein  eine  Aussprache  nicht  vorgesehen  war 
(Marcks:  Ludwig  Häusser  und  Gothein:  Vorderösterreich  unter  Maria 
Theresia  und  Josef  II.),  zu  Auseinandersetzungen  auch  über  allgemeine  und 
grundsätzliche  Fragen  recht  wohl  geeignet,  und  es  zeigten  sich  auch  mehr- 
fach die  Ansätze  dazu.  Doch  bei  diesen  ist  es  auch  geblieben,  da  sich 
unter  den  ntm  einmal  obwaltenden  Verhältnissen  nur  ganz  wenige  Redner 
zum  Worte  zu  melden  wagten.  Wünschenswert  wäre  es  entschieden, 
wenn  künftig  so,  wie  es  bei  den  ersten  fünf  Historikertagen 
der  Fall  war'),  unter  Ansetzung  einer  genügenden  Zeit  der 
Diskussion  ein  breiterer  Raum  gewährt  und  die  Vortrags- 
themen wenigstens  teilweise  —  am  liebsten  als  Referat  und 
Gegenreferat  —  so  gewählt  würden,  dafs  sie  Anregung  zu 
erspriefslicher  Erörterung  auch  allgemeiner  Fragen  gaben. 
Nach  dem  Vortrag  über  die  Grenzen  der  Geschichte  von  Gottl  sollte  eine 
Auseinandersetzung  über  die  Grenze  zwischen  Geschichte  und  sogenannter 
Vorgeschichte  selbstverständlich  sein,  denn  auf  der  einen  Seite  sind  die 
meisten  Historiker  darin  einig,  dafs  vorgeschichtliche  Funde  im  gegebenen 
Falle  praktisch  verwertet  werden  müssen,  während  andrerseits  doch  viele 
einen  grundsätzlichen  Gegensatz  zwischen  Geschichte  und  Vorgeschichte 
konstruieren.  Hier  und  in  vielen  anderen  Fällen  wird  sich  durch  Rede  und 
Gegenrede  viel  eher  ein  Ergebnis  und  eine  Klärung  der  Ansichten  bei  dem 
einzelnen  zeitigen  lassen  als  durch  literarische  Erörterung.  Mögen  die  Leiter 
des  8.  Historikertages,  der  im  September  1904  in  Salzburg  stattfinden  soll, 
bei  Aufstellung  des  Programms  diese  Anregung  beherzigen:  recht  viele  und 
angesehene  Teilnehmer  haben  in  den  Heidelberger  Tagen  im  Privatgespräch 
der  hier  vertretenen  Anschauung  Ausdruck  verliehen. 

Im  einzelnen  wird  über  die  Verhandlimgen  der  wie  früher  im  Auftrag  des 
Ausschusses  des  Verbarides  deutscher  Historiker  bearbeitete  Bericht  Auskunft 
erteilen ;  hier  müssen  wir  uns  auf  einige  kurze  Mitteiltmgen  beschränken  und 
dürfen  dies  um  so  eher  als  von  den  Vorträgen,  die  dargeboten  wurden, 
einige  ihrem  Gegenstande  nach  aufserhalb  des  Rahmens  dieser  Zeitschrift 
bUen.  Eduard  Meyer  (Berlin)  stellte  den  Kaiser  Augustus  inseiner 
Charakteristik    als    überzeugten   Republikaner    hin    und    durchaus    nicht  als 

i)  Schon    in    dem    Bericht    über   die   Tagung    in  Halle   wurde   dieser  Wunsch   aus- 
gesprochen.    Vgl.  diese  Zettschrift  i.  Bd.,  S.  199. 


—     220     — 

Heuchler,  wie  er  gewöhnlich  aufgeSafst  wird  und  wie  es  von  anderer  Seite 
in  der  kurzen  Debatte  aufrecht  erhalten  wurde.  —  Halle r  (Marburg)  suchte 
die  gallikanischen  Freiheiten  als  Nachbildung  des  in  der  Rirchen- 
verfassung  des  mittelalterlichen  England  vorliegenden  Musters  zu  erweisen.  — 
V.  Below  (Tübingen)  sprach  über  die  Entstehung  des  modernen 
Kapitalismus,  beschränkte  sich  aber  dabei  auf  eine  Kritik  des  Werices 
von  Sombart,  Der  moderne  Kapitaliemus  (1902),  so  weit  dessen  Darstellung 
sich  mit  dem  Aufkommen  der  ersten  gröfseren  Vermögen  in  den  Städten 
des  Mittelalters  beschäftigt:  Sombart  sieht  darin  vor  allem  akkumulierte 
Grundrente,  v.  Below  vielmehr  durch  Kleinhandel  und  Gewerbebetrieb  erzielte 
Überschüsse.  Die  angeschnittene  Frage  verdient  eingehende  Untersuchung 
an  einzelnen  Beispielen,  dürfte  sich  aber  kaum  auf  so  einfache  Art,  wie  die 
beiden  Gegner  es  wollen,  beantworten  lassen,  vielmehr  wird  der  B^;riff 
„Kapital"  für  jene  Zeiten  gewisse  begriffliche  Modifikationen  erüthren  müssen; 
den  Spezialforschem  in  den  Städten,  wo  reicheres  Material  vorliegt,  ist  hier- 
mit jedenfalls  Anregung  zu  Arbeiten  gegeben,  die  grolsen  Nutzen  versprechen. — 
Der  nunmehrige  Göttinger  Kimsthistoriker  Karl  Neu  mann,  ein  ausgezeich- 
neter Kenner  byzantinischer  Geschichte  imd  Verfasser  der  WeltsieUung  des 
byzantinischen  Reiches  vor  den  Kreuxxügen  (Leipzig  1894),  stellte  in  seinen 
Ausführungen  über  byzantinische  Kultur  und  Renaissancekultur 
einen  Vergleich  an  zwischen  den  auf  byzantinischem  und  den  auf  italienischem 
Boden  erwachsenen  Erneuerungen  der  Antike  im  Laufe  des  Mittelalters  tmd 
gewann  durch  diesen  Vergleich  einen  Mafsstab  zur  Beurteilung  der  sogen. 
Renaissancekultur:  in  Byzanz  ist  die  Antike  gewissermafsen  erstarrt  erhalten 
geblieben,  aber  nur  in  einer  kleinen  hochgebildeten  Oberschicht  der  Gesell- 
schaft ;  doch  diese  Kultur  blieb  unfiuchtbar,  da  sie  die  Masse  der  barbarischen 
Untertanen  überhaupt  nicht  berührte  und  sich  auch  mit  dem  Christentum 
nur  äufserlich  verband.  In  Italien  war  die  Antike  lange  Zeit  imbekannt, 
gelangte  aber  aufs  neue  zu  Anerkennung  in  einer  Epoche,  die  sich  durch 
ein  tieferes  Gemütsleben  auszeichnet,  in  erster  Linie  jedoch  als  naturgemäfse 
Fortsetzung  mittelalteriicher  Kultur  charakterisiert  ist  Demgemäis  überwiegt  im 
Zeitalter  der  italienischen  Renaissance  zunächst  das  Neue,  das  aus  einer 
gegenseitigen  Befruchtung  von  Christentum  und  Barbarentum  hervorgeht,  und 
diese  erste  Periode  der  Renaissance  ist  die  kulturell  fruchtbare  Zeit  Als 
dann  in  einer  zweiten  Periode  die  mehr  mechanische  Wiederbelebung  der 
Antike  in  den  Vordergrund  trat,  bedeutete  das  für  Italien  eine  kulturelle 
Gefahr,  während  die  Renaissance  nördlich  der  Alpen  als  neues  germanischem 
Wesen  beigemischtes  Kulturelement  ganz  anders  fruchtbringend  gewirkt  hat 
Das  Verhältnis,  in  das  bei  den  verschiedenen  Renaissancen  die  Antike  zu  bar- 
barischem Wesen  und  Christentum  getreten  ist,  war  das  Entscheidende  für  die 
kulturelle  Bedeutung  und  die  schöpferische  Kraft  der  jeweiligen  Renaissance: 
nicht  die  Antike  als  neu  zutretendes  Element,  sondern  4ie  Kultur,  mit  der  sie 
sich  verbinden  soll,  ist  dabei  für  den  Erfolg  das  wesentliche.  —  Archivdirektor 
Wolfram  (Metz)  sprach  über  die  Reite  rstatuette  Karls  des  Grofsen 
aus  Bronze,  die  dem  Metier  Domschatz  entstammt  und  sich  jetzt  im  Mus^ 
Camavalet  zu  Paris  befindet,  und  suchte  vor  allem  gegenüber  Giemen,  der 
sie  als  Werk  karolingischer  Renaissance  betrachtet,  durch  angehende  Analyse 
der  Darstellung,  namentlich  hinsichtlich  des  Retdisq>fels,  zu  erweisen,  dafs 


-    iil    — 

dfie  Statuette  erst  1507  auf  BesteUung  des  Metzer  Domkapitels  vom  Metzer 
Goldscfamied  Fran^ois  hergestellt  sei  und  zwar  nach  einer  Abbildung,  die 
Kall  den  Kahlen  darstellt,  früher  aber  allgemein  als  Darstellung  Karls  des 
Groisen  angesehen  wurde.  In  der  Debatte  trat  Lamprecht  (Leipzig)  für 
den  abwesenden  Giemen  ein  und  führte  die  zu  dessen  Gunsten  sprechenden 
Momente  vor,  erklärte  aber  ausdrücklich,  dais  nur  eine  chemische  Unter- 
suchung der  Bronce  den  endgiltigen  Beweis  fUr  die  Richtigkeit  dieser  oder 
jener  Ansicht  zu  erbringen  vermöge.  —  Erich  Marcks  (Heidelberg)  zeich- 
nete ein  treffliches  Bild  des  Pf^er  Historikers  Ludwig  Häusser  (1818 
bis  1867),  dessen  Wirksamkeit  als  Forscher,  Lehrer  und  Politiker  der  Redner 
eingehend  darstellte;  auch  Häussers  Lehrer  Schlosser  liefs  er  in  der  £b- 
kttung  eine  gediegene  Würdigung  zu  teil  werden.  —  Eberhard  Gothein 
(Bonn)  schil<krte  die  Zustände  Vorderösterreichs  unter  Maria  The- 
resia und  JosefIL,  die  von  dem  Geiste  der  Reformbestrebtmgen  beherrscht 
▼idiach  für  die  Entwicklung  Badens,  an  das  der  Breisgau  später  fiel,  ent- 
scheideiid  geworden  sind.  Hatte  Maria  Theresia  die  alten  Eigentümlichkeiten 
des  Landes  noch  geschont  und  nur  behutsam  eingegriffen,  so  begann  Josef  II. 
sofort  energisch  mit  Neuerungen,  hatte  aber  wenig  Glück,  denn  imter 
Leopold  II.  wurde  vieles  wieder  beseitigt,  und  erst  längere  Zeit  nach  dieser 
Reaktion  sind  die  josefinischen  Ideen  im  badischen  Liberalismus  lebendig 
geworden.  —  Den  Abschlufs  der  Tagung  bildete  der  Vortrag  von  Gottl 
(Brunn)  über  die  Grenzen  der  Geschichte,  in  dem  er  das  naturwissen- 
schafUiche  Ericennen,  welches  das  Sein  ordnet,  dem  geschichtlichen 
Erkennen,  welches  Geschehen  erschliefst,  gegenüberstellte  und  die 
Denkweisen  beider  Arten  des  Erkennens  in  den  denkbar  schärfsten  Gegen- 
satz zueinander  brachte.  Gegenüber  der  Historik  ab  Wissenschaft  der 
Geschichte  bezeichnet  G.  die  naturwissenschaftlich-geschichtlichen  Disziplinen, 
wie  Geologie  und  Biologie,  in  ihrer  Gesamtheit  alsMetahistorik  und  will 
beide  nach  Arbeitsgebiet  und  Methode  aufs  schärfste  geschieden  wissen. 
Edoard  Meyer  (Berlin),  Kaufmann  (Breslau),  Windelband  (Strafsburg)  stimmten 
dem  Redner  im  wesentlichen  zu,  dagegen  aber  sprach  energisch  Lamp- 
recht  (Leipzig),  der  einen  grundsätzlichen  Wesensunterschied  zwischen  natur- 
wissenschaftlichem und  geschichtlichem  Erkennen  nicht  zugibt  und  ein  völliges 
Begreifen  der  in  Personen  namentlich  weit  zurückliegender  Zeitalter  sich  voll- 
ziehenden seelischen  Vorgänge  seitens  des  modernen  Forschers  für  aus- 
geschlossen hält:  nur  näher  kommen  kann  der  einzelne  den  Motiven  des 
Handelns,  die  jene  geschichtlichen  Persönlichkeiten  bestimmten,  völlig  er- 
kennen kann  er  sie  nie ;  das  Seelenleben  eines  Papua  bleibt  ihm  ebenso  ver- 
schlossen, wie  er  sich  in  ein  Kristall  nicht  hineinzuversetzen  vermag. 

Als  Heidelberger  Stimmungsbild  teilte  Alfred  Stern  (Zürich)  einen 
von  ihm  im  BerUner  Geheimen  Staatsarchiv  als  Beilage  zu  dem  Bericht  des 
Fretherm  t.  Otterstedt,  preufsischen  Gesandten  in  Karlsruhe,  aufgefundenen 
Brief  des  Juristen  Thibaut  vom  26.  Mai  1832  mit  Der  Brief  ist  unmittelbar 
▼or  dem  Hambacher  Fest  geschrieben  und  stellt  sich  ab  eine  Art  von 
Verteidigang  der  Heidelberger  Hochschule  dar,  die,  wie  Freiburg,  der  preu- 
ftbdien  Regierung  damals  so  verdächtig  geworden  war,  dafs  an  ein  Verbot 
ihres  Besuchs  durch  preufsische  Untertanen  gedacht  wurde. 

Iq  Halle  war  1900  eine  Kommission  eingesetzt  worden,  um  zu  beraten, 


n 


—    i2i   - 

und  zwar  in  vier  Gruppen  (geistliche  Personen,  geistliche  Korporationeü, 
weltliche  Korporationen,  weltliche  Personen)  sowie  die  Herausgabe  von 
Urkunden  und  Akten  xur  Rechts-  und  Wirtschjaflsgeschichte  der  kleineren 
rheinischen  Städte,  Die  Leitung  beider  Arbeiten  liegt  in  den  Händen  des 
Archivdirektors  Ilgen  (Düsseldorf),  mit  der  Ausführung  sind  Dr.  Ewald 
und  Dr.  Lau  beauftragt. 

Stifter  zählt  die  Gesellschaft  gegenwärtig  7 ,  von  denen  3  verstorben 
sind,  Patrone  118  (3  mehr  als  im  Vorjahr),  Mitglieder  175.  Die  Gesamt- 
einnahme im  Jahre  1902  betrug  39  50oMk.,  die  Ausgabe  26175  Mk.  Das 
Vermögen  beziffert  sich  einschliefslich  der  Mevissen-Stiftung  (41825  Mk.)  auf 
110 150  Mk.  Für  die  Preisaufgabe,  Darstellung  der  durch  die  fran- 
zösische Revolution  in  der  Rheinprovinz  bewirkten  agrarwirtschaftlichen  Ver- 
änderungen, ist  rechtzeitig  eine  Bearbeitung  eingegangen,  deren  Prüfung  aber 
noch  nicht  abgeschlossen  ist. 

Eingegangene  Bficher. 

Rosenthal,  Ludwig:  Antiquariatskatalog  104  (Newe  Zeytungen,  Relatf<men 
und  Briefliche  Mitteilungen  des  XV. — XVIIL  Jahrhunderts),  München, 
Hildegardstrafse  16.     72  S.  8^. 

Rühlmann,  Paul:  Die  öffentliche  Meinung  in  Sachsen  während  der  Jahre 
1 806  — ^1812  [=  Geschichtliche  Untersuchungen ,  herausgegeben  von 
Karl  Lamprecht,  i.  Heft].  Gotha,  Friedrich  Andreas  Perthes,  1902. 
121  S.  8». 

Rüthning,  Gustav:  Geschichte  der  Oldenburgischen  Post,  Denkschrift 
zur  Eröffnung  des  Dienstbetriebes  im  neuen  Reichspost-Gebäude.  Olden- 
burg i.  Gr.,  Gerhard  Stalling,   1902.     91  S.  8<^. 

Salomon,  Ludwig:  Geschichte  des  Deutschen  2^itungswesens  von  den 
ersten  Anfängen  bis  zur  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Reiches. 
2.  Band  (Die  deutschen  Zeitungen  während  der  Fremdherrschaft  1792 
bb   1814).     Oldenburg  und  Leipzig,  Schulze,   1902.     272  S.  8<^. 

Schäfer,  Rudolf:  Die  Marie  Altenstad  [Mitteilungen  des  Oberhessischen 
Geschichtsvereins,  Neue  Folge  10.  Band  (1901),  S.  i — 39]. 

Schierse,  Bruno:  Das  Breslauer  Zeitungswesen  vor  1742.  Breslau, 
J.  U.  Kern,  1902.     138  S.  8^.     M.  3,00. 

Schnürer,  Franz  und  v.  Bertele,  Carl:  Radmer,  Gedenkblätter  zur 
Dreijahrhundertfeier  der  Kirche.    Wien,  Karl  Fromme,  1902.    61  S.  4*^. 

Sello,  Georg:  Des  PfiEiffen  Konemann  Gedicht  vom  Kaland  zu  Eilenstedt 
am  Huy  [Zeitschrift  des  Harzvereins  fUr  Geschichte  und  Alterttmis- 
kunde  XXUI  (1890)].     72  S.  8«. 

Siebert,  Hermann:  Das  Tanzwunder  zu  Kölbigk  und  der  Bemburger 
Heiige  Christ,  Festschrift  dem  Verein  für  Geschichte  und  Altertums- 
kunde zu  Bemburg  anläfslich  seines  25  jährigen  Bestehens  am  2.  De- 
zember 1902  gewidmet.     Leipzig,  Richard  Siebert,   1902.      18  S.  8<^. 

Tille,  Armin:  Zwei  Waldordnungen  aus  dem  Herzogtum  Jülich  [Zeitschrift 
des  Aachener  Geschichtsvereins  23.  Band  (1901),  S.  i — 30]. 

Derselbe:  Vom  Kappbusch  bei  Brachelen  [=  Zeitschrift  des  Aachener  Ge- 
schichtsvereins.    24.  Band  (1902),  S.  232 — 257]. 

Heraufgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig. 
Druck  und  Verlag  too  Friedrich  Andreas  Perthes,  Akdengesellschaft,  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


Forderung  der  landesgescbichtlichen  Forschung 

IV.  Band  Juni  1903  9.  Heft 


Iiandsehaftliohe  Gloekenkunde 

Von 
H.  Bergner  (Nischwitz,  Sachsen -Altenburg) 

Die  Glockenkunde  ist  (lir  den  ersten  Blick  einer  der  leichtesten 
Wege,  um  in  das  Studium  der  Altertümer  einzudringen.  Denn  für  den 
Anfänger  ist  es  schon  in  hohem  Grade  reizvoll,  die  Glocken  eines 
kleineren  Kreises,  etwa  der  heimatlichen  Umgebung  au&unehmen, 
die  Inschriften  epigraphisch  genau  zu  sammeln,  Gröfsen-  und  Ton- 
Verhältnisse,  Verzierungen  und  Giefser  festzustellen  und  etwa  aus 
Archivalien  ältere  Berichte,  Verträge,  Rechnungen  und  dergl.  aus- 
zugraben, aus  der  Volksüberlieferung  Glockensagen,  Klangreime,  Spott- 
veiBe  aufzulesen  und  das  so  gewonnene  Material  nach  berühmten 
Mustern  leidlich  lesbar  abzurunden.  Auch  die  kleinste  derartige  Vor- 
arbeit wird  der  allgemeinen  Glockenkunde  zu  Gute  kommen  und  der 
Zweck  dieser  Zeilen  ist  es,  hierzu  anzuregen  und  die  nötigen  Hilfs- 
mittel und  Gesichtspunkte  anzugeben.  Von  der  Vertiefung  der  Forschung 
gilt  dann  allerdings  der  Vers :  „  Ihr  Fortgang  aber  bringt  Gefahr. "  Denn 
einzelne  ältere  Stücke  finden  sich  überall,  die  durch  unlösbare  Inschriften 
oder  rätselhafte  Bilder  an  sprachliche,  ikonographische  oder  heral- 
dische Kenntnisse  nicht  geringe  Anforderungen  stellen.  Vollends  der 
^ystematiker ,  der  das  Fazit  langjährig  erörterter  Verhandlungen  zu 
ziehen  und  gewisse  letzte  Fragen  zu  beantworten  sucht,  wird  oft  genug 
mit  einem  resignierten  nan  liquet  schliefsen  und  das  Ende  jenes 
Verses  von  der  Glockenkunde  anzuwenden  geneigt  sein:  „Ihr  Ende 
Nacht  und  Grauen." 

Der  unentbehrliche  Leitfaden  für  den  Anfanger  ist  Ottes  Oloekev^ 
hmde  (Leipzig,  Tauchnitz  1884,  I^^^*  6)>  worin  der  Altmeister  der 
deutschen  Archäologie  in  seiner  gründlichen  und  gediegenen  Art  die 
Grenzen  des  Forschungsgebiets  ziemlich  weit  mit  Einbeziehung  z.  B.  der 
Schallbretter  und  Kuhschellen  gezogen  hat.  Wer  dieses  Buch  zuerst 
in  die  Hand  nimmt,  ist  doch  erstaunt,  wie  vielseitig  in  liturgischer, 

16 


—     226     — 

technischer  oder  kulturgeschichtlicher  Hinsicht  das  Interesse  angferegi: 
wird,  mag*  er  sich  nun  in  den  mannigfachen  Gebrauch  und  das  Rechts- 
verhältnis der  Glocke,  in  den  dichterisch  verklärten  Entstehungsprozefs, 
in  die  eigene  Poesie  ihrer  Inschriften,  in  die  oft  wunderlichen  Schick- 
sale einzelner  Stücke  oder  die  Leistungen  der  grofsen  Giefser  vertiefen. 
Das  Material ,  mit  welchem  Otte  arbeitet ,  ist  ja  verhältnismäfsig  sehr 
lückenhaft  Er  spricht  über  die  Glocken  der  ganzen  Welt,  der  altea 
Römer,  der  Chinesen  nnd  Russen,  der  Franzosen  und  Engländer  nach 
dürftigen  Berichten.    Genauere  statistische. Angaben  ^)  lagen  ihm  jedoch 


i)  Ehe  die  wissenschaftliche  Arbeit  beginnen  kann,  mofs  natürlich  die  Sammlang^ 
des  Materials  erfolgen.  Dies  geschieht  gegenwärtig  durch  die  in  allen  Landschafteo 
in  Angriff  genommene  Inventarisaüon  der  Knnstdenkmäler.  Den  Stand  der  Dinge  muf 
diesem  Gebiete  kennzeichnet  folgende  Mitteilung  von  Ernst  Polaczek  (Strafsborg) : 

Die  Behandlang  der  Glocken  in  den  deutschen  Denkmäler -Verzeichnissen  ist  ähnlicfar 
Terschieden,  wie  die  Anlage  der  Verzeichnisse  selbst.  Dafs  sogar  Inventarisatoren,  die 
sonst  sehr  zuverlässig  sind,  den  Glocken  gegenüber  zuweilen  versagen,  ist  leicht  erldärlicb.. 
Zu  ebener  Erde  giebt  es  selten  genaue  Abschriften,  und  der  Mühe-  und  Zeitaufwand  einer 
Turmbesteigung  steht  für  den  meist  zu  rascher  Arbeit  genötigten  Denkmalsbeschreiber 
oft  nicht  im  Verhältnis  zum  Resultat.  Es  ist  nicht  jedermanns,  insbesondere  nicht  des- 
mit  Jahren  reichlich  Belasteten  Sache,  auf  steilen  Treppen  und  schwanken  Leitern,  durch* 
Falltüren  nnd  über  morsche  Bretterböden  hinweg  den  Glockenstuhl,  der  meist  aach- 
Taubenhaus  ist,  zu  erklimmen,  den  erhitzten  Leib  der  Zugluft  zwischen  den  stets  geöffneten^ 
SchalULöchem  auszusetzen  und,  eingekeilt  in  drangvoll  fürchterliche  Enge,  im  halben. 
Dunkel,  mit  Kerzen  und  anderen  künstlichen  Aufhellungsmitteln  eine  gotische  Minuskel- 
inschrift  durch  Abtasten  und  Abdrücken  festzustellen.  Zuweilen  sind  die  Glockenränme 
überhaupt  nicht  ohne  Lebensgefahr  zugänglich.  Die  folgenden,  nach  der  amtlichen  Reihe- 
der  deutschen  Bundesstaaten,  bezw.  der  preufsischen  Provinzen  geordneten  Notizen  geben, 
soweit  dies  ohne  Nachprüfung  am  Orte  möglich  ist,  Aufschlufs,  wie  die  Denkmäler -Ver^ 
zeichnisse  die  Forderungen  der  Glockenspezialisten  erfüllen.  Es  sollen  und  wollen  keine  Zen- 
suren sein.  Das  Fehlen  von  Registern  ist  nur  bei  fertigen  Inventaren  notiert.  Die  genaueni 
Titel  der  Inventare  sind  in  Bd.  I,  S.  170  und  Bd.  III  S.  137  dieser  Zeiuchrift  genannt. 
Ostprenben«     Keine  Mafse.  Bei  älteren  Glocken  (bis  XVI.  Jahrhundert)  sind  die  Inschriftem 

in  extenso  wiedergegeben,  bei  neueren  nur  die  Jahreszahl.     Kein  Register. 
Wettprenbea«     Keine  Mafse;  sehr  sorgfältige  Wiedergabe  der  Inschriften. 
Bnuidenborgr*     Z^f^^i  Teil  sehr  genau;  anderwärts  ganz  ungenau.     Kein  Register. 
Berlin«     Sehr  sorgfaltig,  jedoch  ohne  Mafse. 

Pommern«     In   den   ältesten  Heften   ungenau;   in   den   neueren  sehr  sorgfältig  mit  aus- 
führlicher Beschreibung  und  Mafsangabe. 
Posea«    Malse  angegeben.   Z.  T.  Inschriften  sehr  sorgfältig  in  extenso ;  jedoch  kein  Register» 
Sehleslen«     Mafse  und  Inschriften  sehr  sorgfaltig. 
Saehtea«     Ausführliche  Beschreibung;  zuweilen  auch  Mafse. 

Sehleswlg'-HolstelB«  Mafsangabe  fehlt.  Bei  den  älteren  Glocken  ist  die  Inschrift  in  extenso- 
wiedergegeben;  bei  neueren  nur  Jahreszahl  und  Giefser.  Sehr  ausführliche  Register : 
Die  Glocken  in  Gruppen  nach  ihrer  Ejitstehungszeit  und  innerhalb  dieser  alphabetisclk 
nach  den  Orten.     Die  Giefser  alphabetisch  mit  Verzeichnissen  ihres  Gesamtwerkes. 


—     227     — 

nur  fiir  Mitteldeutschland  und  auch  da  nur  für  das  Gebiet  der  Provinz 
Sachsen  vor,  wo  sich  an  dem  ungewöhnlichem  Reichtum  alter  Glocken 
schon  seit  etwa  1830  ein  gewisses  Glockeninteresse  entzündete,  wie  denn 
auch  das  sächsische  Inventar  nach  G.  Sommers  Vorgang  den  einzelnen 
Heften  eine  besondere  „Glockenschau'*  beigegeben  hat  Das  Kindes- 
alter statistischer  Kenntnis  tritt  besonders  an  dem  Giefserverzeichnis 
Ottes  zu  Tage  (S.  180 — 219),  welches  doch  heut,  wo  die  Inventarisation 
noch  lange  nicht  abgeschlossen  ist,  schon  für  Deutschland  allein  reich- 
lich um  das  Vierfache  erweitert  werden  könnte.  Otte  hat  noch  ein- 
mal am  Ende  seines  reichgesegneten  Lebens  das  Wort  „zur  Glocken- 

LnMBlrar;^«     Ähnlich,  nur  knapper. 

KsBBOTer«     Durchmesser.     Wortlaut  der  Inschrift,  Schriftart,  Anordnung. 

WestIkleB«     Das  ältere  Inventar  ungenau;   das  neuere,  obwohl  nicht  ganz  gleichmäfsig, 

gibt  bei  älteren  Glocken  die  Mafse,   bei  allen  den  Wortlaut  der  Inschriften  paläo- 

gn^hisch  getreu  wieder.    Abbildungen. 
Benea-Kaasail.    Das  ältere  Kasseler  Verzeichnis  sehr  unvollständig;  das  neuere  beschreibt 

ausführlich,   nennt   oberen   und  unteren  Durchmesser  und  Höhe,  gibt  Inschriften  in 

extenso;  auiserdem  Abbildungen. 

Das  filtere  Wiesbadener  Verzeichnis   ist  in  der  Behandlung  der  Glocken  nicht 

ganz  koosequeot;  das  neue  in  Mafsangabe  und  Inschriftwiedergabe  ausführlich. 
BheiaprOTlBS,     Ohne  Mafse.     Die  Inschriften  wörtlich,   die  Abbreviaturen   aufgelöst 

Verzeichnisse  der  Glocken,  nach   der  Eatotehungszeit  geordnet;   die  Gieiser  nach 

dem  Alphabet. 
H^heBX^em«     Sorgfaltig,  jedoch  ohne  Mafse.    Kein  Regbter. 
Bftjera.     Das  Inventar  verzeichnet  die  Glocken  nicht 
Mafse  und  Inschriften  ausführlich. 
WillkflrUch. 
Ohne  Maisangabe.     Die  Kraus'schen  Hefte  sind   insbesondere   in  Bezug   auf 

spätere  Glocken  sehr  summarisch;   die  älteren  Inschriften  hingegen  sehr  genau  nach 

Schriftart  und  Wortlaut     Die   von  Adolf  v.  Oechelhänser   bearbeiteten  Hefte   sehr 

ausführlich,  doch  ebenfalls  ohne  Mafse. 

Mafse,  sowie  ausführliche  Beschreibung  und  Inschrift  •Wiedergabe. 
Meeklfln^vrg^Sellwerlll.     Sehr  sorgfältig,  jedoch  ohne  Mafse. 

TkflrlBgVB«      Ausführliche  Beschreibung  der  Dekoration;   genaue  Wiedergabe  der  In- 
schriften. 
Bekirarzbnrf  «SoBdenhaiisen.    Sehr  sorgfaltig,  ohne  Mafse. 
6ellMaibar|r*I«IpP®«     Beschreibung   sorgfältig;    Mafsangaben;    Inschriften    in    extenso. 

Kein  Register. 
Oldeoborir«     Ausführliche  Beschreibung  der  Dekoration;  genaue  Inschriften -Wiedergabe» 

Keine  Mafse. 
Bnurasehwelfr»     Angabe   von  Höhe  und  Durchmesser.     Sorgfaltige  Beschreibung  und 

genaue  Wiedergabe  der  Inschriften.  Die  jüngeren  Glocken  sind  etwas  kürzer  behandelt. 
AsluUt»     Genaue  Angaben  der  Inschriften,  Dekoration  und  Mafse. 
Elnfii-IiBthliBg6]l«    Wo  sich  Angaben  finden,  fast  immer  auf  Grund  fremder  Abschriften. 

Offenbar  sehr  unvollständig;  das  Register  nennt  70  Orte  mit  Glocken  und  16  Giefser! 

16» 


—     228     — 

künde"  ergriffen  (Halle  1891)  in  einem  Weihnachtsheftchen  des  thür.- 
sächs.  Altertumsvereins,  worin  er  einige  der  ältesten  Glocken  bespricht. 
Der  Tod  nahm  ihm  mitten  in  der  Arbeit  die  Feder  ans  der  Hand, 
doch  ist  das  BmchstUck  nach  seinen  Aufzeichnungen  von  seinem  ver- 
trauten Freunde  E.  Wemicke  vollendet  worden.  Es  richtet  sich  — 
unausgesprochen  —  gegen  die  etwas  magistrale  Sicherheit,  womit  sich 
Schoenermarck  über  „die  Altersbestimmung  der  Glocken"  (Berlin  1889) 
ausgesprochen  hatte.  In  vieler  Beziehung  musterhaft  ist  sodann  die 
Monographie  von  W.  Schub art  Die  Glocken  des  Hersogtums  ÄnhaU 
(Dessau  1896,  Mk.  30).  Schubart  hat  eine  ganz  vortreffliche  Tabelle  er- 
fanden, welche  in  kurzen  knappen  Angaben  gestattet,  eine  Übersicht 
über  den  Bestand  zu  gewinnen  und  er  hat  alle  älteren  Inschriften  und 
Bilder  mittels  Durchreibung  faksimiliert ,  wodurch  der  Befund  unab- 
hängig von  subjektiven  Eindrücken  festgelegt  ist.  Sonst  ist  die  &- 
örterung  freilich  ungemein  umständlich.  Wir  werden  nicht  nur  mit 
den  Resultaten  bekannt  gemacht,  sondern  auch  mit  den  verschiedenen 
Wegen,  auf  denen  der  Verfasser  dazu  gelangt  ist.  Und  in  Bezug 
auf  Lesung  und  Erklärung  hat  Schubart  die  Grundsätze  nüchterner 
Kritik  weit  überschritten,  so  dafs  sein  mit  grofsen  persönlichen  Opfern 
entstandenes  Weric  an  bedauerlichen  Entgleisungen  keinen  Mangel 
leidet.  Tadellos  in  jeder  Hinsicht  ist  die  Arbeit  W.  Effmanns 
Die  Glocken  der  Stadi  Freiburg  i.  Schw.  (Strafsburg  1899,  Mk.  5) 
mit  zahlreichen  photographischen  Aufiiahmen  und  einigen  interessanten 
Aktenstücken.  Auch  ein  Aufsatz  von  H.  Pfeifer  Kirckenglocken  im 
Hereogtwn  Braunschiceig  (Denkmalpflege  III,  113)  mit  zahlreichen  Ab- 
bildungen verdient  Beachtung  w^en  der  auffällig  variablen  Glocken- 
formen, die  sich  dort  finden.  Endlich  darf  ich  noch  auf  meine  eigenen 
Versuche  hinweisen:  Zur  Glockenkunde  Thüringens  (Jena,  F.  Strobel, 
1896,  Mk.  2)  und  Die  Glocken  des  HenfogUnns  S.'Meiningen  (ebenda 
1898,  Mk.  3.60),  worin  ich  glaube,  wenigstens  die  zahlreichen  Irrtümer 
Lehfeldts  in  den  foti-  und  Kunstdenkmälem  berichtigt  und  die 
thüringische  Giefsergeschichte  auf  sicheren  Boden  gestellt  zu  haben. 
Eine  Ergänzung  ist  in  Kurzem  vom  Oberpfarrer  Liebeskind  in  München- 
bemsdorf  zu  erwarten,  welcher  die  Glocken  des  Neustädter  Kreises 
(S.- Weimar)  aufjgfenommen  hat 

Es  braucht  wohl  nicht  bemerkt  zu  werden,  dafs  die  Glocken- 
forschung sehr  grofse  Opfer  an  Zeit  und  Geld  erfordert  und  buch- 
händlerischen Gewinn  schlechterdings  nicht  abwirft.  Dagegen  ist  der 
ideale  Gewinn,  die  Entdeckerfreude,  die  Lust,  auf  unbetretenen  Pfaden 
zu  wandeln,   blödsinnige  Irrtümer  zu  beseitigen  und  neue  Wahrheiten 


—     229     — 

ans  Licht  zu  bringen,  so  voll  von  reinen  Freuden  und  innerer  Be- 
fined^[ung'9  dais  man  mit  gutem  Gewissen  zur  Arbeit  auffordern  darf. 
Zumal  strebsame  jüngere  Geistliche  werden  sich  leicht  in  das  inter- 
essante Grenzgebiet  zwischen  Theologie  und  Altertumskunde  ein- 
arbeiten. 

Wenn  wir  nunmehr  versuchen»  die  Methode  der  Forschung  zu 
umschreiben,  so  hat  die  Arbeit  natürlich  zuerst  mit  der  Aufnahme  der 
Denkmäler  ,Jioch  in  des  Turmes  Glockenstube"  zu  beginnen.  Die 
Ausrüstung  ist  einfach:  ein  2^11stock,  einige  Bogen  weifses  Papier, 
ein  Farbstein  und  etwa  noch  einige  Blätter  Staniolpapier  mit  einer 
Kleiderbürste.  Zuerst  wird  die  Grö&e  und  Form  der  Glocken  fest- 
gestellt Bei  neueren  Glocken  genügt  es  meist,  den  unteren  Durch- 
messer von  Schärfe  zu  Schärfe  anzugeben,  da  die  Rippen  nur  selten 
Abweichungen  vom  gewöhnlichen  Schema  (der  sogen,  gotischen  oder 
deutschen  Rippe)  zeigen.  Bei  älteren,  romanischen  Glocken  von  un- 
gewöhnlicher Form  wird  man  wenigstens  noch  die  Höhe  bis  zur  Krone 
messen  und  auch  die  Ktirve  der  Flanke  durch  einige  Hilfsmessungen 
annähernd  feststellen  und  nach  dem  Profil  aufzeichnen,  wie  es  z.  B. 
Pfeifer  mit  bestem  Elrfolg  bei  den  braunschweigischen  Glocken  getan 
hat  Denn  wirklich  genaue  Schnitte  von  Rippen,  bei  denen  auch  die 
innere  Wandung  metrisch  aufgenommen  werden  mufs,  lassen  sich  nur  mit 
Hilfe  eines  groCsen  Zirkels,  wie  ihn  Glockengiefser  benutzen,  abstechen. 
Sodann  ist  eine  genaue  Abschrift  der  Inschriften  zu  machen,  natürlich 
mit  allen  Schreib-  und  Gu(sfehlem  imd  mit  Bezeichnung  der  Fundstelle 
z.  B.  „am  Hals  zwischen  Linien,  Doppellinien,  Stricklinien,  an  der  Flanke 
vom  und  hinten,  am  Schlag",  wobei  auch  sorgfaltig  auf  die  Inter- 
punktion und  Trennungszeichen  (Punkte,  Schwanzpunkte,  Glöckchen, 
Kleeblätter,  Kreuzchen  etc.)  zu  achten  ist.  Inschriften  bis  ca.  1500 
wird  man  daneben  immer  abzuklatschen  haben.  Hierbei  legt  man 
eben  Bogen  gewöhnlichen  Papiers  auf  die  Buchstaben,  fährt  mit 
einem  blauen  oder  roten  Farbstein  darüber,  bis  die  Schrift  vollkommen 
sichtbar  ist  und  setzt  die  Fortsetzung  Zeile  für  Zeile  untereinander. 
Man  erhält  so  typisch  genaue  Urkunden,  welche  zu  Haus  am  Schreib- 
tisch verglichen  und  nach  den  verschiedenen  Giefsern  klassifiziert 
werden  können.  Denn  genau  so  wie  die  Inkunabeln  des  Buchdrucks 
nach  der  „Type"  den  verschiedenen  Offizinen  zugeordnet  werden, 
ebenso  darf  man  die  Glocken  nach  der  „Type"  der  Gicfser  behandeln. 
Denn  bis  ca.  1450  gehört  es  immerhin  zu  den  Ausnahmen,  dafs  sich 
der  Meister  regelmäfsig  und  auf  allen  seinen  Glocken  nennt;  oft  be- 
genügt  er  sich  mit  seinem  Monogramm,  wie  der  Erfurter  Heinrich 


—     230     — 

Ziegler,  der  h.  c.  und  H.  C.  zeichnet,  oder  mit  einer  Marke «  oder  er 
verschweigt  seinen  Namen  ganz.  Namenlose  Gie&er  kann  man,  wie 
es  in  der  Geschichte  des  Kupferstichs  geschieht,  zunächst  ruhig  nach 
irgend  welchen  Eigenheiten  z.  B.  Giefeer  mit  den  Lilien,  Schwertern  etc. 
benennen.  Entdeckt  man,  dafe  ein  Giefser  verschiedene  Typen  oder 
zwei  Meister  dieselbe  benutzten,  um  so  interessanter  ist  es.  Den  Grund 
wird  man  leicht  finden:  in  ersterem  Fall  kann  die  wechselnde  Grö&e 
der  Glocken  oder  die  fortgeschrittene  Zeit,  im  zweiten  ein  Schüler- 
oder Verwandtschaftsverhältnis  in  Betracht  kommen.  Ich  habe  dieses 
Verfahren  zuerst  in  Thüringen  angewandt  und  z.  B.  den  ausgezeichneten 
Meistern  Marc  Rosenberger,  Johannes  Kantebom,  Peter  Koreis  u.  a.  ihre 
zugehörigen  Werke  mit  einer  bisher  bewährten  Sicherheit  zuschreiben 
können.  Bei  wachsender  Erfahrung  sieht  man  den  meisten  Stücken 
schon  auf  den  ersten  Blick  an,  aus  wessen  Hand  sie  stammen. 

Die  Aufnahme  des  Dekors  und  des  Bilderschmuckes  setzt  aller- 
dings einige  Übung  im  Zeichnen  voraus.  Doch  kann  man  sich  auch 
dabei  mit  Durchreibungen  oder  Staniolabzügen  helfen  ').  Letztere  werden 
so  hergestellt,  dafs  man  ein  entsprechend  groises  Staniolplättchen 
auf  die  meist  flachen  Medaillons  legt  und  mit  einer  weichen  Bürste 
solange  klopft,  bis  das  Relief  durchtritt.  Die  Abzüge  mufs  man 
wenigstens  auf  dem  Transporte  am  besten  in  einem  Zigarrenkistchen 
vor  Druck  schützen.  Um  sie  dann  länger  aufzubewahren,  empfiehlt 
es  sich,  die  Rückseite  mit  Wachs  suszugiefsen.  Sehr  erhabene  Sachen 
lassen  sich  mechanisch  nicht  leicht  abformen;  sind  sie  besonders 
schön  oder  bezeichnend,  so  wird  man  sie  photographisch  aufnehmen 
müssen.  Der  Dekor  ist  ja  bis  zum  XVI.  Jahrhundert  meist  sehr  ein- 
fach. Es  kommen  wohl  nur  Spitz-  und  Kreuzbogenfiiese  am  Halse 
und  etwa  ein  Laubstab  am  Schlage  vor.  Dagegen  im  XVII.  und  XVIII. 
Jahrhundert  finden  sich  ungemein  reiche  und  vielgestaltige  Friese,  und 


i)  Oberpfarrer  Liebeskind  verfahrt  nach  seiner  freundlichen  Mitteiltrag  folgender 
Mafsen  und  hat  damit  befriedigende  Ergebnisse  erzielt:  ein  schmaler  Streifen  von  nicht 
za  weichem  Papier  (Seidenpapier  auf  keinen  Fall)  wird  auf  die  Inschrift  gelegt,  mit  dem 
Finger  werden  die  einzelnen  Buchstaben  abgedrückt,  und  dann  wird  nochmals  mit  staubiger 
Hand  darüber  hingefahren,  damit  die  Buchstaben  Gnmd  bekommen.  Daheim  zieht  man 
mit  Feder  und  Tusche  die  Konturen  nach  und  hat  so  ein  ganz  getreues  Bild  der  Typen. 
Ebenso  wird  bei  Reliefs  das  Staniolblättchen  aufgelegt  und  mit  dem  Finger  auf  aUe 
SteUen  fast  aufgedrückt,  wobei  auch  der  feinste  Strich,  Gufsfehler  u.  dgl.  ganz  deutlich 
zum  Vorschein  kommt  Die  Rückseite  wird  am  besten  an  Ort  und  SteUe  auf  Stearin 
oder  Wachs  ausgefüUt,  und  die  Gefahr  einer  Beschädigung  auf  dem  Transport  ist  ver- 
mieden. Um  das  Nachzeichnen  zu  erleichtem,  empfiehlt  es  sich,  so  wie  bei  den  Inschriften 
auch  noch  einen  Papierabdruck  des  Reliefs  zu  nehmen.  Anm.  d.  Red. 


—     231     — 

rein  künstlerisch  angesehen  kann  man  die  Zeit  nach  dem  3ojäbrigen 
Kri^e  als  die  Blütezeit  der  Gieiskunst  bezeichnen.  —  Schließlich 
wird  man  auch  der  Gestalt  der  Krone  und  der  Bügel,  des  Klöppels 
nnd  dem  Glockenstuhl  und  seinen  Inschriften  Aufmerksamkeit  schenken 
tmd  —  was  ja  eigentlich  die  Hauptsache  an  dem  tönenden  Gefafse 
ist  —  den  Ton  und  die  Beitöne  feststellen.  Auch  mu(s  gleich  an  Ort 
und  Stelle  den  mündlichen  Überlieferungen  über  Glockensagen,  Klang- 
reime, Aberglauben  und  im  Pfarrarchiv  etwaigen  Aufzeichnungen  über 
ältere  Glocken,  Rechnungen,  Gieiserverträgen  u.  s.  w.  nachgespürt 
werden  *). 

Bei  der  Ausarbeitung  beginnt  man  naturgemäfs  mit  der  Einzel- 
beschreibung,  die  am  besten  nach  der  alphabetischen  Reihenfolge 
der  Ortschaften  angelegt  wird,  und  läfst  die  Glocken  unbekümmert 
um  das  Alter  nach  der  Gröfse  folgen.  Verständige  Kürze  und  feste 
Ordnung  werden  dem  Verfasser  und  dem  Leser  höchst  dienlich  sein. 
Statt  weiterer  Regeln  sei  es  mir  gestattet  einige  Beispiele  aus  den 
„Glocken  Meiningens"  beizubringen. 

Saalfeld.  Johanniskircbe.  6  Glocken,  a.  Fest-  und  Feuer- 
glocke. 165  cm.  Ton  E.  1500  [H.  Ziegler].  Am  Hals  zwischen 
Stricklinien:  (Hier  ist  ein  Faksimile  der  Type  eingesetzt)  Anncdni* 
m*cccc'  confolor  *  viva  *  Fleo  *  mortua  *  pello  •  nociva  *  sancte*iohannes*ora* 

i)  Die  Akten  über  die  Herstellung  von  Glocken,  im  besonderen  die  mit  dem 
Clockengieiser  teitent  der  Pfarrgemeinden  abgeschlossenen  Verträge  tlber  Nea-  oder 
Umgnfs  Ton  Glocken  verdienen  die  gröfste  Beacbtang,  da  sie,  für  ein  bestimmtes  Gebiet 
in  dnigcr  Anxahl  znsammen  gebracht,  in  verschiedener  Richtung  wichtige  AnlschlQsse  so 
geben  rermögen :  neben  der  Zeitbestimmung  sind  die  Bedingungen  und  Kosten 
4tT  Lieferung,  aber  auch  die  Dauer  und  nicht  zuletzt  der  Ort  der  HersteUung  von 
Belang.  Diese  Nachrichten  sind  natürlich  um  so  interessanter,  je  älter  sie  sind,  aber  die 
entsprechenden  natürlich  viel  zahlreicheren  Akten  ans  dem  XVn.  bis  XDC.  Jahrhundert 
■sind  durchaus  nicht  weniger  wertvoll.  In  Pfarrarchiven  finden  sich  Glockenguisakten 
ziemlich  häufig,  im  Rheinland  z.  B.  zu  Helenabrunn  bei  München -Gladbach  von  1743 
{Übergieki  über  den  JMtaÜ  der  kleineren  Arehite  der  Rheinprovinx,  L  Bd.  S.  49  Nr.  6), 
za  Marienberghausen  bei  Gummersbach  von  1699  (Ebenda  S.  296  Nr.  5),  zu  Gevenich 
bei  Erkelenz  von  171 1  (Ebenda  II.  Bd.  S.  iio  Nr.  11),  in  Westfalen  zu  Borken  mehrere 
einschlägige  nicht  näher  bezeichnete  Papiere  des  XV.  Jahrhunderts  {Inventare  der  nieht- 
etaaÜiehen  Arehite  der  Provinx  Westfalen.  I.  Bd.  2.  Heft  (1901)  S.  56).  In  Erkelenz 
bei  Aachen  erzählt  die  Chronik  zum  Jahre  1434  von  einem  Glockengufs,  den  Meister 
Johann  zu  Aachen  ausgeführt  hat:  dieser  erhielt  einen  auf  je  100  Pfund  Glockenspeise 
berechneten  Giesslohn,  die  alte  Glocke  wog  2600  Pfund  und  dazu  werden  vom  koper- 
Sieger  Meister  Simon  noch  19 14  Pfund  Glockenspeise  gekauft;  auch  die  Kosten  des  Trans- 
ports von  Erkelenz  nach  Aachen  und  zurück  sind  angegeben  (Annalen  des  historischen 
Vereins  (^  den  Niederrhein  5.  Heft  (1857)  S.  10).  Ebenso  berichtet  der  Chronist  der 
Stadt  Hof  über  Alter  —  die  älteste  ist  von  1374  —  und  Inschriften  der  dortigen  Glocken 


—     232     — 

pro  •  nobis  -  deü.  (Im  Jahre  des  Herrn  1500.  Ich  tröste  das  Lebendige, 
ich  beweine  das  Tode,  ich  vertreibe  das  StMdUche,  heäiger  Johannes, 
bat  Gott  für  uns.)  Die  Worte  sind  durch  Schwanzpunkte  und 
Kreuzchen  getrennt,  b  in  nobis  steht  verkehrt  Die  T)rpe  ist  die 
Heinrich  Zieglers;  ebenso  dessen  beliebte  Medaillons:  an  der  Flanke 
vom  im  Rechteck  Maria  in  der  Glorie  (etc.  folgt  Beschreibung  der 
Bilder).  —  b.  Schlagglocke  oder  Seier.  140  cm.  Ton  G.  1353. 
Am  Hals  zwischen  doppelten  Stricklinien  +  ^BB©  *  ^Bj2F  •  Jß  *  (Z^JZ^iZ^ 

Jß>?;F?  •  B©B  •  §im  '  ^^SS© '  3E>?e35ß  •  Ä©B?Sa  •  Ice3ä»ja5l$f  • 

S'^i^Äjfi^Jpni  •  (folgt  Übersetzung  und  Faksimile  sowie  Beschreibung 
der  12  Medaillons)  —  f.  Bergglocke.  54  cm.  1713  Joh.  Rose.  Am 
Hals  in  zwei  ZeUen  i.  GOTTES  WORT  BLEIBET  EWIG  ANNO 
MDLXXXin  2.  ANNO  MDCCXIU  UMGEGOSSEN  DURCH  JOHANN 
ROSEN  IN  VOLCKSTiED,  darunter  Rankenfries.  An  der  Flanke 
Saalfelder  Stadtwappen  mit  S.  P.  Q.  S.  (senatus  populusque  Saal- 
feldensis)  und  lOH.  lACOB  SCHLEGEL  D.  BURGERM.  lOH.  HEIN. 
GELLER  KASTENVORSTEHER,  anderseits  das  Monogramm  JE, 
des  Herzogs  Josias  Ernst 

Es  empfiehlt  sich,  wenn  irgend  möglich,  die  Inschriften  gleich  in 
den  charakteristischen  Typen,  Majuskel,  Minuskel  und  Antiqua,  drucken 
zu  lassen,  weil  dadurch  für  die  weitere  Benutzung  die  bessere  Über- 
sicht gewahrt  wird  und  beim  Verfasser  wie  beim  Leser  die  Freude  an 

(Quellen  xur  Geschichte  der  Stadt  Hof,  herausgegeben  von  Christian  Meyer.  I.  Bd.  (1894) 
S.  44).  —  Aach  die  Rechtsverhältnisse  der  Glocken,  namentlich  die  Tielfach  bestehende 
Verpflichtung  der  2^hntherren,  sie  zu  beschaffen,  finden  oft  aktenmäisige  Beleuchtung;  zu. 
Sittard  z.  B.  wird  diese  Frage  in  einem  interessanten  Prozels  1542 — 1558  erörtert  (Über- 
sicht tlber  den  Inhalt  u.  s.  w.  II.  Bd.  S.  155  Nr.  13)  oder  ähnlich  zu  Beggendorf  bei 
Geilenkirchen  (Ebenda  S.  125  Nr.  5 — 7).  —  Die  Person  des  Giefsers  und  seine  gewerb- 
liche SteUung  ist  nicht  minder  wichtig:  so  scheint  z.  B.  in  Leipzig  gegen  Ende  des 
XV.  Jahrhunderts  der  Beruf  des  Glockengiefsers  noch  nicht  selbständig  zu  sein,  sondern 
der  Gnss  wird  von  den  Kupferschmieden  zugleich  mit  besorgt  (Berlit,  Leipxdger 
Bmungsordnungen  des  XV,  Jahrhtmderte,  S.  12  im  Programm  des  Nikolaigymnasiums  ra 
Leipzig  1886).  Aus  der  Zahl  der  Glocken,  die  als  etwa  gleichzeitig  von  einem  Giefser 
hergesteUt  erwiesen  werden,  wird  sich  auf  die  Gröise  seines  Betriebes  schliefsen  lassen; 
die  Lieferung  oder  Nichtlieferung  des  Rohmaterials  wird  zeigen,  ob  sich  der  Giefser  noch 
^  gegen  Lohn  arbeitender  Handwerker  oder  schon  als  Unternehmer  fählt;  ersteres  ist 
entschieden  1434  Meister  Johann  in  Aachen.  Ist  in  einem  gröfseren  Gebiet  ftir  jede 
Glocke  Zeit  und  Ort  der  Herstellung  bekannt,  so  dürften  sich  daraus  oil  überraschende 
wirtschaftsgeschichtliche  Erkenntnisse  gewinnen  lassen,  insofern  immer  nur  relativ  wenige 
Orte  fUr  den  Glockengufs  in  Frage  kommen  und  nicht  nur  die  Veränderungen  in  der 
wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit  einzelner  Städte,  sondern  vor  allem  auch  stattfindende 
Verschiebungen  ihre«  wirtschaftlichen  Wirkungskreises  erkennbar  werden. 

Aniii*  cL  Rad. 


—     23S     — 


diidomatischer  Genanig^keit  wächst.  Die  Übeisetzung  der  lateinischen 
Texte  ist  man  den  Kreisen  schuldig,  die  sich,  wie  z.  B.  Volksschal- 
lehrer,  sehr  gern  mit  den  Glocken  wenigstens  der  Heimat  beschäftigen. 
An  die  Beschreibung  der  noch  vorhandenen  Glocken  wird  man  dann 
die  Nachrichten  über  ältere»  sowie  Läuteordnungen,  Gielserverträge  und 
dergleichen  anzufügen  haben. 

Zur  Übersicht  wird  man  zwei  Tabellen  au&tellen,  die  eine  kürzere 
nach  Ottes  Entwurf  über  den  Bestand: 


Diöscse 

Orte 

Zahl 

ohne 
Inschrift 

ohne 
Datum 

14 

Jahrhondert 
15    16    17    i8    19 

Inschriften  in 
Maj.      Min. 

I.  Salzimgeii 

41 

38 

4 

^"*» 

-~ 

I 

— 

3 

9 

21 

— 

I 

Die  andere  ausführlichere  nach  Schubarts  Schema 


Ort 

M^ 

Dnrchm. 

Ton 

Jahr      Giefscr 

Themar 

I 

150 

d 

1520         — 

2 

120 

e 

1507  |P.  Koreis 

3 

100 

eis 

■"     1      "■ 

Inschrift 


Veraiemng  and  Bilder 


matheos,  marcns  etc. 
maria  som  nominata  etc. 

}saM^ßus  etc. 


Barbara,  Bartholomäus 


Hieran  schliefsen  sich  nun  einige  Abschnitte  mit  den  allgemeinen 
Erörterungen.  Zunächst  über  Inschriften,  deren  Technik  und  Inhalt  (un- 
leserliche, Scbutzinschriften,  liturgische  oder  biblische  Texte,  Zeit-  und 
Gufsangaben,  Klangreime,  Siglen,  Jahreszahlen,  Chronogramme  etc.)  und 
über  Bilder  und  Dekor;  dann  über  die  Geschichte  der  Glocken 
(älteste  Schicksale  einzelner  Stücke,  Haltbarkeit  der  Geläute,  Stiftungen 
und  dergleichen)  und  über  die  Giefser,  vobei  die  einzelnen  nach  ihren 
Eigenheiten  zu  charakterisieren  sind.  Sehr  reichlich  pflegt  das  Material 
sodann  über  Namen,  Gebrauch  und  Recht  der  Glocke  zu  fliefsen  und 
auch  über  Sagen  und  Volksglauben  wird  man  immer  noch  einige  neue 
und  interessante  Züge  beibringen  können.  Den  Schlufs  bildet  ein 
alphabetisches  Verzeichnis  der  Giefser  mit  Angabe  ihrer  Wirkungszeit 
und  der  ihnen  zugehörigen  Glocken,  wobei  man  die  umgegossenen 
passend  mit  einem  Kreuzchen  bezeichnet. 

Wie  bemerkt  ist  es  hocherwünscht,  dals  alle  älteren  Inschriften 
iaksimiliert  und  dem  Texte  im  verkleinertem  Malsstabe  eingedruckt 
werden.  Wo  dies  indefs  wegen  zu  hoher  Kosten  nicht  durchführbar 
ist,  sollte  wenigstens  jede  der  vorkommenden  Typen  einmal  bildlich 
dargestellt  werden.  Es  empfiehlt  sich  die  AbbUdimgen  auf  folgende 
Weise  anzufertigen.  Die  Abklatsche  werden  mit  schwarzer  Tusche 
ausgezogen  und  entweder  ganz  oder  in  ausgewählten  Proben  auf  die 


—     284     — 

Wand,  eine  Tür  oder  eine  Pappe  geheftet,  wobei  dicht  unter  jede 
Schriftprobe  das  metrische  Maus,  etwa  lo  cm,  aufgezeichnet  wird.  Der 
ganze  Komplex  wird  photographiert  und  dabei  auf  V«  oder  */$  der 
natürlichen  GröCse  verkleinert,  auf  Umdruckpapier  kopiert  und  darauf 
•einer  Kunstanstalt  zur  Atzung  in  Zink  übergeben.  Die  Kosten  sind 
hierbei  verhältnismäfsig  sehr  gering.  Da  ein  Verlagsbuchhändler  das 
Risiko  der  Drucklegung  für  eine  solche  Monographie  von  beschränktem 
Absatz  wohl  kaum  übernehmen  wird,  so  wird  man  die  Arbeit  am 
besten  dem  altertumforschenden  Vereine  des  fraglichen  Gebiets  zur 
Veröffentlichung  übergeben. 

Die  weitere  Belehrung  über  Einzelheiten  des  Faches  wird  der  an- 
gebende Forscher  in  Ottes  Glockenkunde  suchen  müssen.  Ich  gestatte 
mir  nur  einige  Bemerkungen  zu  machen,  zu  denen  die  neueren  Arbeiten 
Veranlassung  gegeben  haben. 

Zunächst  über  das  Material.  Bekanntlich  weife  Theophilus,  der 
kunstreiche  Mönch  Rugkerus  v.  Helmershausen,  in  seiner  schedula  di- 
i^ersarum  artium  noch  nichts  von  Silberbeimischung  zum  gewöhn- 
lichen Glockengut.  Doch  schon  in  dem  angehängten  Breviarium  wird 
bemerkt,  dafs  ein  Zusatz  von  Silber  oder  Gold  den  Ton  ,, schärfer, 
«tärker  oder  lieblicher**  mache.  Von  „Silberglocken**  wird  dann  weiter 
in  Glockensagen  oft  berichtet.  Ein  Beweis  durch  die  chemische  Analyse 
ist  aber  bisher  nicht  erbracht  worden.  Vielmehr  zeigten  angebliche 
-„Silberglocken**  die  gewöhnliche  Bronzemischung  mit  einem  so  ge- 
ringen Silbergehalt,  wie  er  sich  oft  in  Rohkupfer  findet.  Nun  fand 
Effmann  ein  Schreiben  der  „Herren  von  Freiburg**  an  die  „Gesell- 
schaft zu  Memmingen**,  dafs  diese  zum  Gufe  der  Zionsglocke  ver- 
schaffe  um  160  Ctr.  guots  kupfers  u.  um  48  Qr.  engelsch  eins  guo 
ir  gloggen,  dessglichen  si  an  40  mark  (V*  Ctr.)  Silbers,  das  werden 
inen  min  Tierren  erberlich  zaUen,  Effmann  hat  das  als  ersten  voll- 
gültigen Beweis  angesehen,  leider  aber  die  Glocke  nicht  analysieren 
lassen.  Aus  dem  Text  folgt  m.  E.  durchaus  noch  nicht,  dafs  das 
Silber  auch  zum  Glockengufs  bestimmt  war:  die  Herren  von  Freiburg 
konnten  es  bei  der  passenden  Frachtgelegenheit  fiir  die  städtische 
Münze  bestellen.    Die  Sache  ist  also  fraglich  nach  wie  vor. 

Eiserne  Glocken  der  Frühzeit  sind  selten.  Es  sind  bis  jetzt  drei 
aus  Blech  zusammengenietete  bekannt,  der  „Saufang**  aus  St.  Cäcilien 
im  Museum  zu  Köhi,  das  „Kolumbansglöckchen**  im  Schatz  von 
St.  Gallen  und  ein  Glöckchen  zu  Ramsach  in  Oberbayem.  Guiseiseme 
Glöckchen  in  Halbkugelform  etwa  XV.  Jahrhundert  sind  in  Oberbayem 
mehrfach  nachgewiesen,  häufiger  in  ganz  Deutschland  seit  dem  30jährigen 


—     236     — 

Krieg-,  die  jetzt  noch  von  Rost  zerfressen  und  gesprungen  da  und  dort 
als  altes  Inventar  aufbewahrt  werden. 

Ein  sicheres  Rezept  für  die  Altersbestimmung  der  romanischen 
Glocken,  soweit  sie  des  Datums  entbehren,   gibt  es  auch   heut  noch 
nicht     Nur  aus  der  Form  der  Glocke  und  der  Technik  der  Inschriften 
lassen  sich  etwa  folgende  Beobachtungen  zusammenstellen.     Bis  Ende 
<les  XII.  Jahrhunderts  arbeitete  man  in  einer  Form,   welche  Otte  als 
Bienenkorb  treflfend  bezeichnet  hat.     Der  Typus   wird    am   besten 
durch  die  sogen.  LuUusglocke  in  Hersfeld  von  ca.  1059  vertreten.   Diese 
ist  mehr  breit  als  hoch,  die  Flanke  fällt  fast  senkrecht  ab,  die  Haube 
ist  rund  gewölbt,  der  Schlag  ladet  nur  wenig  aus  und  die  Schärfe  ist 
nicht  spitz  zugeschnitten,  sondern  breit  rechteckig.    Hierzu  gibt  es  aber 
zahlreiche  Varianten,  indem  das  Profil  meist  ohne  rechten  Absatz  aus 
-der  Haube  in  die  geschwungene  Flanke  und  den  wulstigen  Schlag  über- 
geführt wird.     Die  Inschriften  sind  ausnahmslos  vertieft,  da  sie  in  das 
Wacbshemd  rechtläufig  und  vertieft  eingegraben  wurden,  wie  es  Theo- 
philus  beschreibt.     Aufserdem  rät  dieser  noch   zur  Verbesserung  des 
Schalles   am  Hals   2 — 4  dreieckige   Löcher  (foramina)    anzubringen. 
Doch  sind  Glocken  und  Schalllöcher   nicht  gerade   häufig.     Mir  sind 
folgende  bekannt:  die  LuUusglocke  in  Hersfeld,  aus  Graitschen  S.  W. 
im  Germ.  Mus.   zu  Nürnberg,   2  im  Dom   zu  Augsburg,   2  aus  Dies- 
xJorf  und  Elsdorf  im  Prov.  Mus.  zu  Halle,  Taufglocke  in  Roslau,  Godewins- 
glocke  in  Glentorf,  je  eine  im  Dom  zu  Merseburg,  im  diözes.  Mus.  zu 
Köln,    im    Ferdinandeum    zu   Innsbruck    und    aus    dem   Münster    im 
Museum  zu  Basel.     Neben  den  Bienenkorb   tritt  schon  im  XII.  Jahr- 
inmdeit  eine  gerade  entgegengesetzte,  die  „Zuckerhutform",  bei 
welcher  der  Umrife  bis  zum  Kegel  gesteigert  ist  und   der  Schlag  so- 
"weit  ausladet,   dafe  er  gegen  den  Hals  im  Verhältnis  von  2  :  i    steht. 
Zuckerhüte  sind  noch  sehr  zahlreich  erhalten,  einige  mit  barbarischem 
Flechtomament  bedeckt,   die  meisten  inschriftlos.     Die  Form   scheint 
sich  noch  weit  bis  ins  XIV.  Jahrhundert  hinein  gehalten  zu  haben,  wie 
auch    wohl    unfähigen    Giefsern    noch    später   Bienenkörbe    gelangen. 
Der  Ton   beider   Formen   ist   schlimm    in    allen   Variationen,    schrill, 
jammernd,  weinerlich  oder  blechern,  jedenfalls  so  absonderlich,    dafs 
man  sie  sofort  aus  einem  Geläute  heraushört. 

Die  normale,  klangreiche  „gotische"  Rippe  hat  sich  im  Laufe 

des  XIII.  Jahrhunderts  gebildet.    Damals  erkannte  man  die  noch  heute 

geltende  Regel,  dafe  eine  Glocke  drei  harmonische  Töne  von  sich  geben 

müsse,  den  Grundton  am  Schlag  und  die  Beitöne  der  Oktav  am  Hals, 

•der  grofeen  oder  kleinen  Terz  oder  auch   der  Quart  an  der  Flanke. 


—     236     — 

Diese  günstige  Klangmischung  ergibt  sich  aber  nur  bei  einer  ganz 
genau  der  Gröfse  und  dem  Gewicht  entsprechenden  Rippe,  die  etwa  als 
Kompromifs  zwischen  Bienenkorb  und  Zuckerhut  bezeichnet  werden 
kann.  Das  Verhältnis  des  Zuckerhuts  (unterer  Durchmesser  zum  Hals 
=  2 :  i)  wurde  beibehalten,  die  Höhe  aber  wesentlich  verringert,  die 
Flanke  verdünnt  und  etwa  von  der  Mitte  an  elegant  nach  aufsen  ge- 
schwungen, der  Schlag  aber  verdickt  und  nach  unten  zu  einer  Schärfe 
zugespitzt,  wodurch  sich  noch  ein  günstiger  Beiton,  die  Unter- 
oktave,  ergab. 

Als  älteste  mit  einem  Datum  versehene  Glocke  galt  bisher  die- 
jenige von  Iggensbach  in  Bayern,  ein   formloser  Bienenkorb   mit   der 
Inschrift:  Anno  MCXLIÜI  (i  144)  ab  incamcUiane  Domini  fusa  est  cam- 
pana.     Diesem  weitberühmten  Gefäfse  hat  nun  Schubart  nicht  ohne 
patriotisches  Behagen  die  Ehre  genommen,  indem  er  eine  Qlocke    in 
Drohnsdorf  „als  älteste  nicht  nur  Deutschlands'*  proklamiert.    Er  liest 
nämlich  aus  der  Inschrift  f  AM .  IirDRFSAST  MI  II  COC I II  V  MCFD 
„nach  langem  vergeblichem  Sinnen"  das  genaue  Datum  30.  Sept  1098: 
Anno  MIIC  die  post  festum  archangeli  Michaelis  IL  Caiendas  Odobris, 
in  honorem  virginis  Mariae  genetricis  Dei.     Man  kann  zugeben,  dafs 
die  Auflösung  der  4  ersten  Zeichen :  AMIIC  durch  Anno  MIIC  tnil- 
lesimo  dtMdecentesimo  oder  nonagesimo  octavo  möglich  ist,   dagegen 
die  ganze  folgende  Auflösung  ist  völlig  gegen   den  Geist  frühmittel- 
alterlicher Epigraphik,  welche  sich  nie  derartig  in  Siglcn  bewegt.    Viel- 
mehr darf  man   den  Text   ruhig  zu   den   ungelösten  imd  unlö3baren 
Rätseln  legen  wie  die  Inschrift  der  Lullusglocke. 

Die  Zahl  schwieriger  Inschriften  wächst  von  der  Zeit  an,  wo  man 
die  Inschriften  nicht  mehr  in  das  Hemd,  sondern  in  den  Mantel  grub. 
Um  ein  richtiges  Schriftbild  im  Gufs  herzustellen,  mufs  die  Eingrabung 
„im  Negativ"  d.  h.  rückläufig  und  verkehrt  geschehen.  Im  andern 
Fall  erscheint  die  Schrift  im  Spiegelbild.  Welche  Vexierfiragen  hierbei 
entstehen  können,  dafür  bietet  ein  evidentes  Beispiel  die  sogen.  Silber- 
glocke in  Pöisneck.  Am  Hals  fand  sich  in  dünner  Linienmajuskel  folgende, 
Inschrift:  EROHTEB  •  TAMIN  TSYEG  ESOB  NSAD  EKOH  •  TVL- 
EGEN  •  AM  •  OW  •  SNV  •  KOV  •  TOG  •  TIB  •  SUEMOHTKAB  •  EREH  • 
KEGLYEH  f,  an  der  Flanke  TON  SVRIM  KOO  ONV  IHTOG  FUH. 
Natürlich  waren  alle  Forscher  verzweifelt  und  ich  wollte  nach  vielen 
vergeblichen  Versuchen  die  Sache  auch  schon  beiseite  legen,  als  ich 
bemerkte,  dafs,  trotzdem  die  Buchstaben  so  wie  hier  im  Druck  recht- 
läufig stehen,  der  Text  doch  linksläufig  angelegt  ist,  wobei  konstant 
R  durch  K  ersetzt  wurde.    So  kam  denn   der  schöne  deutsche  Text 


—     237     — 

herans:  Heyiger  here  Barihohmeus,  bit  got  vor  uns,  wo  mane  gelvt 
horej  daen  hose  gegst  nimant  hetkore  und  hilf  got  hi  und  dort  mir  us  not. 
Wirklich  unleserliche  Sachen,  denen  auch  der  Verferüger  keinen 
Sinn  nnterl^rte,  beginnen  doch  erst  seit  Anfang  des  XIV.  Jahrhunderts, 
wo  der  Gie&er  sich  vom  Schreiber  unabhängig  machte,  seine  Lettern  aus 
Wachs  in  Holztäfelchen  preiste  und  auf  das  Hemd  klebte.  War  er  selbst 
des  Lesens  imkundig,  so  klebte  er  die  Buchstaben  in  wilder  Mischung  auf, 
wie  sie  ihm  unter  die  Hand  kamen.  In  dieser  naiven  Kunst  glänzte 
Q.  a.  ein  Giefser  in  Jena  um  1350,  der  eine  ganze  Reihe  von  Glocken 
hinterlassen  hat,  auf  denen  sich  sinnlose  Buchstabenreihen  finden,  sog, 
Kryptogramme. 

Hiermit  dürfte  auch  die  Frage  der  ABC-Glocken,  an  deren  Vor- 
kommen Otte  noch  zweifelt,  im  Zusammenhang  stehen.    Es  sind  davon 
bisher  12  Beispiele  bekannt,  in  Mennsdorf  A — ^F,  in  Marisfeld  A — G, 
in  Je&nitz  A — T,  in  Gelnhausen  Ratsglocke  A — Z,  in  Kicklingen  bei 
Wertingen  a.  Donau  A — ^V,  in  Gomesfeld  b.  Donauwörth,  in  der  Pfarr- 
kirche zu  Biel   A  —  K  und  A  —  D ,    in  Luzem  E — M ,    sämtlich  in 
Biajuskeln  XIII.  und  XIV.  Jahrhunderts,  dann  in  Minuskeln  in  Rödelwitz 
S.  M.  a — z,  das  Vesperglöckchen  in  Villingen  a — z  (lückenhaft),  in  der 
Gertrudsldrche  zu  Stettin,   in  Schmilkendorf  b.  Wittenberg.     Es  lä&t 
sich  ja  sehr  gut  denken,  dafs  man  schon  in   der  blofeen  Buchstaben- 
reihe eine  Art  Zauberformel  sah,   durch  welche  die  Kraft  der  Glocke 
g^en   feindliche  Mächte  verstärkt  wurde,    wie  ja  auch    der  Bischof 
bei  der  Kirchweih  auf  zwei  kreuzweis  auf  den  Boden  der  Kirche  ge- 
streute Aschenstreifen,  das  griechische  und  lateinische  Alphabet  zu 
schreiben  hatte.   Neuerdings  sind  auch  einige  wenige  Beispiele  äufserer 
Bemalung  von  Glocken  bekannt  geworden.  Jos.  Branis  wies  zuerst  eine 
solche  im  Glockenturm  auf  dem  Friedhof  bei  Vidic  in  Böhmen  (Mitt. 
K.K.  C.C.  XIX.  70)  1599  von  Thomas  Klabal  in  Kuttenberg  gegossen, 
nach,  woran  sich  reicher  Figurenschmuck  weifs,  rot  und  grün  emailliert 
und  künstlich  oxydiert  findet.  Und  in  Münster  fand  Hertel  3  Glocken,  die 
Lambert!-  und  Katharinenglocke  mit  Bildern  der  Namensheiligen  und  die 
Marien-  oder  Totenglocke  mit  dem  Bild  des  Todes  in  Ölfarben  bemalt. 
Dazu  kommt  eine  umgegossene  Zeitglocke  des  Nikolausturms  in  Freiburg 
Schw.y  welche  nach  Ausweis  der  Seckelmeisterrechnungen  1484  von 
einem  Meister  Hans  für  40  Mk.   bemalt  wurde.     Es  wäre  interessant, 
diese  merkwürdige  Sitte  durch  weitere  Beispiele  zu  belegen.    Man  ver- 
gleiche dazu  die  Inschrift  einer  Glocke  in  Lübnde  von  1278:  me  fudit 
Thideridts  VL  Kai.  Novembr.  et  me  pinxit  Hermanntis  plebanus,  welches 
Otte  auf  die  Gravierung  der  Bilder  deutet. 


—     238     — 


Die  Inschriften,  namentlich  in  katholischer  Zeit,  bewegen  sieb 
grofsenteils  in  ganz  festen  Formeln,  Sprüchen,  liturgischen  oder  poetischen  ' 

Sentenzen,  gereimten  (leoninischen)  Hexametern  und  dieser  Zustand 
erleichtert  dem  Anß^nger  die  Arbeit  ungemein.  Er  wird  die  Formeln, 
auch  in  schlechten ,  gedrückten,  beim  Gufe  mifslungenen  Typen  oder  in 
augenscheinlicher  Verballhornung  wiedererkennen  und  sich  mit  den  vor-  j 

kommenden  Abbreviaturen  leicht  befreunden.  Kommen  freie  Texte 
in  schwieriger  Form  vor,  so  ist  es  immer  rätlicher,  das  Faksimile  in 
Bescheidenheit  nur  mit  Vorschlägen  zu  begleiten  als  sich  auf  eine 
subjektiv  ausgeklügelte  Lesung  zu  kaprizieren,  deren  man  sich  später 
zum  Gaudium  aller  Mitarbeiter  nicht  wenig  zu  schämen  pfl^t.  Mit 
Beispielen  könnte  man  reichlich  aufwarten. 

Ebenso  mufe  vor  voreilig   aufgefaßten  Giefsernamen  gewarnt 

werden.     Wie   oft  tritt  hinter  der  frommen  Sentenz  noch  ein  Name 

wie  Johannes,  Petrus  auf.    Es  ist  dies  aber  nicht  der  Name  des  Giefeers,, 

sondern  der  Glocke.     Ganz  verführerisch  lautet  z.  B.  eine  Inschrift  in 

Gellershausen  1403 : 

maria  heis  mich 

cristus  der  schuf  mich, 

insofern  man  fast  genötigt  wird,  einen  Giefser  Cristus  anzunehmen. 
Aber  hier  ist  der  zweite  Satz  nicht  auf  die  Glocke,  sondern  auf  Maria 
zu  beziehen  nach  dem  dichterisch  so  oft  verherrlichten  Geheimnis^ 
dafs  der  Sohn  der  Jungfrau  auch  ihr  Vater  und  Schöpfer  sei. 

In  dieser  Hinsicht  steht  auch  der  Hallesche  Giefser  Jahr  (Jar, 
Jaur)  warnend  am  Wege.  Dieser  vielseitige,  fruchtbare  und  langlebige 
Mann  ist  durch  Schubart  in  die  Wissenschaft  eingeführt  worden.  In 
der  Provinz  Sachsen  und  in  Anhalt  gibt  es  eine  ganze  Reihe  Glocken 
mit  gleicher  Type  und  dem  Halleschen  Wappen  (zwei  Sterne,  dazwischen 
ein  Halbmond),  manchmal  auch  mit  Giefserzeichen  (Weinblatt)  Schon 
Otte  hatte  darauf  aufmerksam  gemacht,  aber  der  Mann  blieb  namenlos. 
Da  fand  Schubart  eine  Glocke  in  Sollnitz  mit  der  Inschrift :  f  anno  • 
domini  *  m  *  ccccc  *  iaur  und  in  Bobbau  mit  f  anno  *  domini  *  m  -  ccccc  * 

i  '  iar  —  „Es  wäre  somit  der  Name   dieses  Meisters hierdurch 

ermittelt,  nämlich  Jaur  oder  Jar".  Und  dann  werden  ihm  die  frag 
liehen  Stücke  von  1475  — 15 19  zugeschrieben.  Ist  die  Wirksamkeit 
des  Meisters  Jaur  schon  hierbei  etwas  ausgedehnt,  so  kann  sie  vorwärts 
und  rückwärts  noch  verlängert  und  über  ganz  Deutschland  ausgedehnt 
werden.  In  Jena  findet  sich  eine  Schlagglocke  mit  Anno  dni.  m^  ccc(fi 
xl  u  iii  iare  (1448),  eine  noch  ältere  in  Bobeck  S.  A.,  die  umgegossen 
ist,  hatte  die  Inschrift:  anno  domini  m  cccc  xi  iar  (141 1),  eine  andere 


—     239     — 

in  Jena  mit  anno  ixu  in  dem  itd  gar  gegos  (1546).  Hier  ist  nun  der 
Irrtum  auch  dem  Laien  klar.  Jar,  jaur,  gor  ist  das  deutsche  „Jahr*V 
das  trotz  des  vorausgehenden  anno  doniini  nachklappt  und  so  auch  in. 
Bau-  und  GeßLlsinschriften  vorkommt.  Übrigens  wäre  es  grausam,  den 
,, Meister  Jaur"  wieder  in  der  Versenkung  verschwinden  zu  lassen^ 
Man  kann  ihm  ruhig  die  Glocken  wenigstens  mit  dem  Weinblatt  lassen, 
bis  einmal  der  wahre  Name  gefunden  wird. 

Ich  schliefse  mit  dem  Wimsche,  dafs  die  Glockenkunde  zu  den 
alten  immer  mehr  neue  Freunde  finde,  welche  mit  der  edlen  Leiden- 
schaft des  Suchens  und  Entdeckens,  mit  der  opferfreudigen  Hingabe 
an  einen  schönen  und  weitverzweigten  StofT  die  nötige  Nüchternheit 
des  Urteils  und  den  demütigen  Stolz  auf  kleine  aber  sichere  Ergebnisse 
verbinden.  Schliefslich  ist  doch  der  hohe  Genufs  der  Arbeit  schon. 
ein  „Lohn  der  reichlich  lohnet*'. 


üiteratur  zur  Gloeketikutide  ^) 

zusammengestellt  von 
Oberpfarrer  Liebeskind  (Münchenbemsdorf) 

L  Allgemeines. 

Biringoccio,  Piroteduiia,  Vinegia,  2.  Ausg.  1558  (in  der  UniYen.-Bibl.  ni  Göttingexk 
[An  mUit.  183]  Fol.  94 — 100).    Die  älteste  gedrackte  Anweisung  xur  Glockengiefserei. 

Hieronymi  Magii  Anglariensis  de  tintinnabolis  Über  posthnmus  com  notis  Fran- 
dsci  Swertü,  Amstelodami  1664,  sninpt.  Andreae  Frisii;  abgedruckt  in  A«  H.  de  Sallengre^ 
Noths  thesanms  antiquitatiun  Romanamm  Tom.  2.  Halae  Comitiun  1718,  p.  1156 
bis  1200;  im  letasten  Separatabdmck  heraosgeg.  von  A.  Lazzarini,  Rom  1822.  (Diese 
älteste  Monographie  über  die  Glocken  wurde  vom  Verfasser  während  seiner  türkischen  1 
Gefangenschaft,  in  der  er  1572  oder  1573  ermordet  wurde,  nächtlicherweile  voU- 
endet  Sie  ward  die  Quelle  für  die  zahlreichen  Dissertationen  des  17.  und  18.  Jahrh.. 
fiber  diesen  Gegenstand.) 

Rocca,  Angelns,  de  campanis  commentarius  ad  sanctam  ecd.  cathol. ,  Romae  16 12.. 
4.  Abgedruckt  bei  Sallengre  a.  a.  O.  p.  1233  ff.;  auch  in  Thesaurus  pontif.  sacrarum* 
que  antiquitatum,  ed.  U.  Romana,  Romae  1745.     Tom.  I.  p.  151 — 196. 

Stockflet,  Arn.,  de  campanarum  usu.     Altdorf  1665.     12. 


i)  Diese  Zusammenstellung  soll  die glockenkundliche  Bibliographie  in  O  ttes  Oloeken- 
bmde  ergänzen.  Einen  Anspruch  auf  Vollständigkeit  erhebt  sie  nicht,  aber  manchem. 
Leser  dürfte  sie  willkommene  Fingerzeige  für  seine  Forschungen  geben.  Da  Otte  nicht 
aSen  Lesern  zur  Hand  sein  wird,  sind  die  bei  ihm  zu  findenden  bis  1884  ziemlich  voll- 
ständigen Nachweise  hier  nochmals  mit  aufgenommen. 


—     840     — 

Reimann,  Joh.  Chr.,  DisserUtio  de  campanis,  Isnad  1679  (HaUescbe  UiiiTert.*Bibl. : 
Kefersteinscbe  Sammlong  Bd.  293). 

Bierstfidt,  Alexins,  Dissert  de  campananun  materia  et  forma,  Jena  1685. 

Der».,  Dissert.  de  origine  et  nomine  campanamm,  Jena  1685. 

Storhias,  Joh.  Manr. ,  Dissert.  de  campanis  templomm.  Ups.  1692. 

Pacicbeliiy  J.  B.,  de  tintinnabnlo  Nolana  Incnbratio.    Napoli  1695. 

Wall  er  ii,  Harald.,  Dissert  de  campania  et  praecipois  eanmi  nsibns,  Holm.  1694. 

Mi  zier,  H.  A.,  de  campanis.     Viteb.  1695. 

Thiers,  J.  B.,  Trait6  des  clocbes.  Paris  1719.  Abgedruckt  in  Tezier,  Dictionnaire 
d'orKtrerie.     Paris  1857.     p.  391—435. 

Irenins  Montanas,  Histor.  Nachrichten  von  den  Glocken,  deren  Ursprung.  Materie, 
Nutzen  und  Miisbranch.     Chemnitz  1726. 

Stedman,  Fab.,  Tintinnalogia  or  the  art  of  ringing  1668  und  bis  1680  in  3.  Aafl. 
Campanologia  improved  or  the  art  of  ringing  made  easj.    London  1733* 

Franke,  Dan.  Chr.,  Programma  von  den  Glocken,  Mtthlheim  a.  Rh.  1736. 

Eschenwecker,  Job.  Mich.,  Dissert.  de  eo  quod  iustnm  est  circa  campanas.  Vom 
Recht  der  Glocken.     HaL  Magd.  1739  (Halleiche  Univers.-BibL  a.  a.  O.  Bd.  24). 

Baulacre,  Recherches  sur  les  horloges  et  sur  les  doches  des  6glises,  im  Journal 
Helv6tique  1750/51. 

W.  C  J.  (Chrysander)  Antiquar.  Nachrichten  von  den  Kirchenglocken;  in  der  Zugabe 
zu  den  Hannoverschen  gelehrten  Anzeigen  vom  J.  1754.  Sp.  69 — 196.  (Auch 
Rinteln  1755.) 

Carr6,  Remi,  Receuil  curieux  et  6düUnt  sur  les  clocbes.    Cologne  1757. 

Roujoux,  Der  kfinstliche  und  harmonische  Glockengiefser.     Augsburg  1766. 

Hahn,  J.  H.  Gottfr.,  Campanologie  oder  Anweisung,  wie  Laut-  und  Uhrglocken  ver- 
fertigt werden.    Erfiirt  1802. 

Cancellieri,  F.,  le  due  nnove  campane  di  Campidoglio.    Rom  1806. 

Ober  die  wichtige  Erfindung,  gesprungene  Glocken  ohne  Umguls  zum  Gebrauche  wieder- 
herzustellen. Vorangehend:  Gemeinnützige  Belehrungen  Aber  die  Glocken  über- 
haupt etc.     Quedlinburg  182 1.  * 

Lannay,  Der  vollkommene  Glockengiefser.    Aus  dem  Französischen.    Quedlinburg  1834. 

Barraud,  Notice  sur  les  doches  (in  de  Canmort,  Bulletin  monumentaL  VoL  X.  1844. 
p.  93— "9). 

Cvatty,  Alfr. ,  the  Bell,  its  origin,  history  and  uses,  London  1848. 

Pfnor,  Ober  die  Akustik  der  Glocken,  in  den  Verhandlungen  des  hessischen  Gewerbe- 
vereins (Darmstadt)  1848. 

Otte,  H.,  Ober  Alter  und  Technik  der  Glockeninschriften,  im  deutschen  Kunstblatt  1852, 
S.  409. 

Ellacombe,  H.  T.,  Paper  and  Beils,  in  Report  of  Bristol  Architectural  Sodetj.  1850. 
Angezeigt  im  Quarterly  Review.    Nr.  CXC.    Sept.  1854.    p.  308 — 337. 

•(Zehe,  B.)  Ober  die  Glockengiefserkunst  und  die  Guisstahlglocken,  im  Organ  für  dirist- 
liehe  Kunst  1853.    Nr.  11. 

S k,  Ober  eheroe  Glocken  und  Gufsstahlglocken.    Ebd.  Nr.  14  u.  15. 

Harzer,  Fr.,  Die  Glockengiefserei  mit  ihren  Nebenarbeiten.    Weimar  1854. 
Perrey,  Ed.,  Montage  des  doches  et  construction  des  be&ois,  in  der  Revue  de  Tarchi- 
tecture,  1855. 

Ellacombe,  H.  T.,  An  affectionate  adress  to  ringers  in  everj  church  and  parish. 
London  1855. 


—     241     — 

Corblet,  Jales,  iituigie  des  doches.     Amiens  1855. 

Den^  Notice  historiqae  et  litorgiqiie  sor  les  doches.    Paris  1857. 

Lokis,  W.  C,  An  mcconnt  of  diiirch-bells.     London  and  Oxford  1857. 

Die  Glocken.  (Aussog  aas  Barraad,  Abhandlung  sor  les  dodies  in  Didron,  Annales  ar- 
di^L  VoL  Xn.  Livr.  6 sqq.  und  Jules  Corblet,  Notice  historiqne  et  liturgique 
sur  les  doches,  in  der  Refue  de  l'art  chrötien,  Livr.  2 sqq.,  sowie  ans  mehreren  in 
der  englischen  Zeitschrift  The  Builder,  Jahrg.  1856,  enthaltenen  Abhandlungen).  Im 
Organ  fiir  christliche  Kunst,  herausgeg.  von  F.  Bandri.  Köln  1857.  Nr.  ii  — 14,  16, 
17  n.  23.    1858,  Nr.  2  u.  12. 

Die  Glocke.  Eine  archäologische  Studie,  in  der  Wiener  Zeitung  und  Abendblatt  1857.  Nr.  173. 

Kr  als,  J.  M.,  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Glocken,  im  Organ  für  christliche  Kunst 
1858  Nr.  6.     S.  64. 

Smeddingk,  Erste  chronologische  Glockengiefser-Reihe,  im  Organ  fUr  christliche  Kunst 
1858  Nr.  13 — 21. 

(Smnvcter)  Essay  sur  le  symbolisme  de  la  doche.     Bayonne  1859. 

Billon,  Epigraphie  campanaire.    Paris  1860. 

Über  Glocken,  deren  Alter,  Form,  Inschriften  und  Schicksale,  besonders  in  Deutschland, 
in  der  Angsburger  Postzeitung  1861.     Beilage  zu  Nr.  40  u.  41. 

Glockeninschriften,   im  Anzeiger  für  die  Kunde   der   deutschen  Vorzeit,    8.   Bd.   (1861) 

S.  159.  304. 

Edel,  F.  W.,  Von  den  Glocken.     Strafsburg  1862. 

Endert,  van.  Ober  Glocken,  im  Organ  fUr  christliche  Kunst  1863  Nr.  7. 

Nene  Beiträge  zur  Glockenkunde,  ebd.  1866  Nr.  2. 

E.,  Die  Glocke   einer  Erfindung   des  christlichen  Nordens,   im   christlichen   Kunstblatt, 

herausgeg.  von  Grilneisen  etc.     1866,  Nr.  6  u.  7. 
Ders^  Glockeninschriften  als  Zeugen  kirchlichen  Glaubens.     Ebd.  Nr.  10 — 12. 
Sommer,  G.,  Zur  Glockenkunde,  im  Anzeiger  des  Germanischen  Museums  1867,  Nr.  9. 

Sp.  274—277. 
Stein,   A.  G.,   Fingerzeige   für  Kirchenvorstände   bei  Anschaffung   neuer  Glocken,   im 

Organ  fUr  christliche  Kunst,  1867,  Nr.  9  u.  10. 
Nordhoff,  J.  B.,  Ober  das  Leben  und  die  Arbeiten  des  V^olter  Westerhues,  Glocken* 

giefsers  in  Münster.     Ebd.  1868,  Nr.  4  u.  1869,  Nr.  2. 
Schafhäutl,  Ober  die  Töne  der  Glocken  und  die  Kunst  des  Glockengiefsers  überhaupt, 

im  Kunst-  u.  Gewerbeblatt  für  Bayern  1868. 
Zar  älteren  Glockenkunde,  im  Katholik.     Herausgeg.  von  Heinrich  und  Moufang.     1869. 

Heft  II  u.  12. 
C  0.,  Geschichtliche  und   artistische  Notizen  über  Glocken,   im  Organ   für   christliche 

Kunst,  187 1,  Nr.  11 — 13. 
Hg,  Alb.,   Theophilus  Presbyter,   schedula  diversarum   artium,   in  Quellenschriften   zur 

Kunstgeschichte  VIL     Wien  1874. 
Bantrazler,  G.,  Wert  der  Glockenkunde,   im  Kirchenschmuck  (Sekkau).     Graz    1872, 

Nr.  8—12;  1873,  Nr.   1—5. 
Cassel  P.,  Turm  und  Glocke.     Berlin  1877. 
Blavignac,  J.  Dan.,  La  cloche.     Etudes  sur  son  histoire  et  sur  les   rapports  avec  la 

sod6t6  aux  diff^rents  äges.     Gen^ve  1877. 
Lederle,  Die  Kirchenglocken,  ihre  Geschichte  etc.,  für  die  Pfarrämter,   Bauämter  etc. 

Karlsruhe,  Badenia. 
Pas  ig,  G.,  Glockeosagen.    Kottbus,  Gotthold-E^edition,   1880. 

17 


—     242     — 

Lascbin  v.  Ebengrentb,  A. ,    Münzen   als  Glockenzierrat ,    in   den    Mitteilungen    der 

k.  k.  Zentralkommission.     Nene  Folge.     1880.     6,  LXXlff. 
Colas,  Alph.,  Les  cloches  an  point  de  vne  s^colier.     Paris  1881. 
Die   Glocke   und   ihre   Bedeutung   in   der  kathol.    Kirche,    12   Kanzelvorträge.      3.   Aufi^ 

Donauwörth  1881. 
Boeckeler,   H.,   Beiträge   zur  Glockenkunde.     Mit  28   autogr.   Tafeln.     Aachen    1882. 
Hach,  Th. ,  Münzen  und  Denkmünzen  als  Glockenzierrat,  im  christlichen  Kunstblatt  1883. 

Nr.  I,  S.  9—14. 
Geiges,  F.,  Unsere  plocken,  im  „Schau  ins  Land"  (Zeitschr.  des  Breisgau- Vereins)  1883. 

X,  S.  3—9. 
Otte,  H.,  Handbuch  der  kirchl.  Kunstarchäologie,  5.  Aufl.,  I,  S.  352 — 359.    Leipzig  1883.. 
Ders.,  Glockenkunde,  2.  Aufl.     Leipzig  1884. 

N  o  rd  h  o  f  f,  Zur  Erzgiefserkunst,  in  den  Bonner  Jahrbüchern.  76.  Heft  (1883),  S.  1 76  bis  186.. 
Der  Glockengiefser   Dillmann  von   Hackenburg    145 1  — 1482,   in   den   Geschichtsblättem 

für  die  mittelrheinischen  Bistümer,     i.  Jahrg.,  4.  Heft,  1883/84. 
Hach,  Th.,  Die  Schiedglocke,  sowie  die  Trinitatis-   und  Fronlcichnamsglocke ,  in   der 

Zeitschr.  für  kirchl.  Wissenschaft  und  kirchl.  Leben,   1885.     XI,  592,  614. 
Schönermarck,   G.,  Die  Altersbestimmung  der  Glocken,  mit  3  Tafeln.     Berlin  1889. 
Sommer,    G.,    Über  das  T.  in  Glockeninschriften,   in   der  Zeitschr.    des    Harz -Vereins. 

XXm,  1890,  S.  492—497. 
Ruetschi  &  Co.,  Anfertigung  von  Kirchengeläuten  und   deren  Unterhalt.     Aarau   1890.. 
Otte,   H.,   Zur  Glockenkunde,    nachgelassenes   Bruchstück,   heransgeg.    von   der  Histor.^ 

Kommission  der  Provinz  Sachsen.     Halle  1891. 
Krause,  Tb.,  Bronze  oder  Gufsstahl?     Ein  Gutachten    über  Kirchenglocken,   im  Sonn- 
tagsblatt des  Reichsboten,  1892,  Nr.  45. 
Wachler,  K.,  Zur  Glockenkunde,  im  christlichen  Kunstblatt,  1892,  2. 
Steffens,  A.,  Kirchweihe  und  Glockensegnung  nach  dem  römischen  Pontifikale.  Essen  1893.. 
Meier,  Dr.,  Eine  merkwürdige  Glockeninschrift,  im  christlichen  Kunstblatt,  1894,  Nr.  4. 
Rein,  B.,  Anschauungstafel  für  den  Glockengufs  unter  besonderer  Berücksichtigung  von 

Schillers  Lied  von  der  Glocke.     Gotha  1894. 
Schnbart,  Alphabet-Glocken,  in  der  Monatsschrift  ftir  Gottesdienst  und  kirchliche  Kunst  II,  16. 
Hertel,  Über  die  Bemalnng  der  Glocken,  im  Westfälischen  Merkur.     1897,  ^r.  194. 
Appunn,    Über   die  Gefahr   des  2^rspringens   der    Glocken,    im    Centralblatt   der   Bau- 
verwaltung.    Berlin  1898.     S.  588. 
Nachrichten  über  Inschriften,  welche  in  Österreich  von  zersprungenen  und  umgegossenen 

Glocken  genommen  worden,  in  den  Mitteilungen  der  k.-k.  Zentralkommission  XVUI, 

S.  66;  XX,  S.   176;  XXI,  63  und  202- 
P.  Lehfeldt,    Über    den   Glockennamen    Susanna   in  der  Zeitschrift   des  Vereins   für 

Thüringische  Geschichte  und  Altertumskunde  XVII,  S.  664. 
W.  Schubart,  0  rex  gloriae,  ein  uraltes  Glockengebet.     Dessau  1898. 
Bergner,  H.,  Grundrifs  der  kirchlichen  Kunstaltertümer  (Göttingen  1900)  S.  261  ff. 
Effmann,  W, ,  Die  Glocken  der  Stadt  Freiburg  i.  d.  Schweiz.     Strafsburg  1899. 

Aufserdem  sind  zu  vergleichen  die  betreflFenden  Artikel  in  Enzyklopädieen  etc.,  be- 
sonders: Hallesche  Enzyklopädie  (Sekt.  I,  Bd.  70)  die  Artikel  Glocke  und  Glockengut 
von  C  Rcinwarth;  Prechtls  Enzyklopädie,  Bd.  7,  Art.  Glocke  von  K&rmarsch;^ 
Viollet  le  Duc,  Dictionnaire  de  l'architecture  fran^aise  Tom.   3. 


—     243     — 
II.  Landschaften  und  Orte  0. 

Aaehen.  Boeckeler,  H.,  Die  Mnttergottesglocke  der  Münsterkirche  in  Aachen.  Aachen 
1882.  —  Loersch,  H.,  Meister  nnd  Entstehangszeit  der  grofsea  Glocke  Ton 
St.  Peter  za  Aachen,  in  der  Zeitschrift  des  Aachener  Geschichtsvereins  1882. 
4,  318 — 333.  —  Die  Glockengiefserfamilie  ,|Ton  Trier*'  in  Aachen,  in  der  Zeitschr. 
des  Aachener  Geschichtsvereins,  6.  Bd.,  1884,  S.  239. 

All^Q.  Werner,  C,  Beiträge  zur  Glockenknnde  im  Allgäa,  im  Allgäuer  Geschichts- 
freund.    13.  Jahrg.     1900.     S.  145—154. 

Altenbnr^*  Lobe,  Beitrag  zu  den  Glockeninschriften,  in  den  Mitteilungen  der  Ge- 
schichtsforschenden  Gesellschaft  des  Osterlandes  Vn.  2.     Altenbnrg  1869. 

Anhalt.  Schab art,  F.  W.,  Die  Glocken  im  Herzogtun  Anhalt,  Dessau  1896.  Ders. : 
Askanische  Glocken  in  der  2^itschr.  des  Harzvereins  XXDC  (1896)  S.  1  —  24. 

Baselland*  Birmann,  Über  die  Glocken  von  Baselland,  in  den  Blättern  zur  Heimat- 
kunde von  ßaselland,  Liestal  1875. 

Bayern.  Die  Glockenkunde  in  Alt-Bayern,  in  der  Augsburger  Postzeitung  1858.  Nr.  65.  — 
G.  Kr  aus  s,  über  gufseiseme  Glocken  in  Oberbayern  im  Oberbayrischen  Archiv 
48.  Bd.  S.  522. 

Berlin.  Die  Glocken  der  Kaiser- Wilhelm-Gedächtnisldrche  in  Berlin,  im  „Daheim**  1895. 
Nr.  38.  —  Die  Glocken  für  die  Gnadenkircbe  in  Berlin,  ebd.   1895.     S.  480. 

Beim.     Nüscheler-Usteri,  Glockeninschriften  im  reformirten  Teile  des  Kantons  Bern, 
im  Archiv  des  historischen  Vereins  des  Kantons  Bern.  1882.  IX.  3.  —  G.  Studer 
Über   die   lateinische  Umschrift   der  Glocke   des  Dominikanerklosters   in    Bern,    im 
Archiv  des  histor.  Vereins  des  Kantons  Bern  V.  Bd.     1863.,   S.  373  ff. 

BVbmen.     Müller,  Prof.  Rud.,  Glockeninschriften  aus  Böhmen  gesammelt,  Reichenberg. 

Brandenbnrg  a*  H.  Wem  icke,  E.,  Beiträge  zur  Glockenkunde  aus  Brandenburg  a.  H., 
im  „Bär**,  1876  Nr.  20  u.  21. 

BraunsehwellT»  Voges,  Mittelalterliche  Glockeninschriften  aus  dem  Herzogtum  Brann- 
schweig, im  Anzeiger  des  Germanischen  Museums  1876  Nr.  7.  —  Der  Glocken- 
giefser  Gerhardt  de  Wou  aus  Kampen;  und:  Zur  Geschichte  der  Kirchenglocken  in 
ßraunschweig ,  im  Beiblatt  zur  Magdeburger  Zeitung  1889  Nr.  22  und  1890 
Nr.  21.  —  Voges,  Th.,  Niederländische  Glocken  in  Wolfenbüttel,  in  der  Zeit- 
schrift des  Harz -Vereins  XXV,  250.  1892.  —  H.  Pfeifer,  Kirchenglocken  im 
Herzogtum  Braunschweig,  Denkmalpflege  III,  113. 

Dänemark.  Nyrop,  C,  Om  Danmarks  Kirkeklokker  og  dere  Stöbere,  in  Kirke- 
historiske  Samlinger,  Bd.  IV,  157—302,  Kopenhagen  1882.    1883. 

Elsafe-Lothringen.  Straub,  A.,  Nachlese  zur  Glockenkunde  aus  dem  Elsais,  im 
Organ  fttr  christliche  Kunst.  1863.  Nr.  6.  —  Wernicke,  E.,  Lothringische  Glocken- 
giefser  in  Deutschland,  im  Jahrbuch  der  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  und 
Altertumskunde  m,  40I  und  IV,  2.  —  de  Marsy,  Lothringische  Glockengiefser  in 
Holland  im  Journal  de  la  soci6t6  d'arch^ologie  lorraine.     Nancy  1886. 

£ngland.  North,  Th.,  The  church  bells  of  Bedfordshire:  Their  founders,  inscriptions, 
traditions  and  peculiar  uses  etc.  London  1883.  —  Lynam,  Ch. ,  the  church  bells 
of  the  connty  of  Stafford,  mit  136  Tafeln,  London  1889. 


i]  Die  Inventare  der  Bau-  und  Kunstdenkmäler  fiir  die  einzelnen  Länder  und  Pro- 
vinzen (vgl.  diese  2^itschrift  i.  Bd.  S.  270 — 290)  enthalten  natürlich  auch  viel  Material 
zur  Glockenkunde.     Vgl.  oben  S.  226  —  227. 

17* 


—     244     — 

Blfnrt«  Tettaa,  W.  J.  A.  t.,  Der  Meister  und  die  Kosten  des  Gusses  der  grofsen 
Domglocke  m  Erfurt.  1866.  —  Ders.,  NichtrÜge  hierzu,  im  Sonderabdruck  aus  den 
Mitteilungen  des  Vereins  fttr  die  Geschichte  und  Altertumskunde  von  Erfurt.  2,  1 29  ff. 
1868.  -*  Gleite,  K.  A.,  Geschichtliches  ttber  die  grofse  Glocke,  die  übrigen  Glocken 
des  Domes  und  einige  Glocken  der  Severikirche  zu  Erfurt;  desgl.  über  die  Stimmung 
und  Harmonie  dieser  Glocken.  Erfurt  1867.  36.  Aufl.  1892. 
FniBkroich.     Vallois,  les  doches  de  P6ronne  1865.  —  Deogny,  les  doches  du  pajrs 

de  Bray  I.  IL  1863.     1866. 
Frelb^rg  !•  8*     Glockengiefser  Martin  Hilger  zu  Anfang  des  XVI.  Jahrh.  in  den  Mitteilungen 
des  Vereins  für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen.  30.  Jahrg.  (1892),  S.  128  u.  338. 
Freibnrf  \.  d.  Behwels.     Effmann,  W.,  Die  Glocken  der  Stadt  Freiburg  i.  d.  Schweiz, 

Strafsburg  1899. 
FriesUuid«     ▼.  Borssum-Waalkes,  G.  H.,   Friesche  Klokke-Opschriften   in   de  Voije 

Fries  XVI.  XVm.  XIX.     Leeuwarden  1885.     1892.     1895. 
Halbentadt«     Nebe,  G. ,   die  HalberstXdter  Glocken,   in  der  Zeitschrift  des  Harz-Ver« 
eins  1876.   XIX,  286.  •—  Otte,  H.,  Alte  Glocke  in  HalbersUdt  Ton  1251,  in  Zeit- 
schrift des  Harz-Vereins  1878.    XI,  401. 
Haaibmrg«     Hamburger  Glockengiefser,  in  Mitteil,  des  Vereins  für  Hamburger  Geschichte 

Bd.  U,  I.  2;  IV. 
HumoTdr«     Plath,  G.,  Vier  alte  Glocken  in  LiederstSdt,  in  der  Zeitschrift  des  Harz- 

Vereins  XXIV,  272.     1891. 
H6886n.     Schäfer,   Hessische  Glockeninschriften,   im  Archiv   für  hessische  Geschichte 

und  Altertumskunde«  XV,  S.  475—544.  1884. 
HUdetheiin«  Kratz,  M.,  Historische  Nachrichten  über  die  Glocken  im  Dom  zu  Hildes- 
heim, in  der  Zeitschrift  des  historischen  Vereins  für  Niedersachsen.  1865.  S.  357  ff. 
H<Mfll«  H.  G.  V.  Die  Glocken  von  Hom  in  der  Hunsrücker  Zeitung.  1902,  Biai  27. 
HOTBI«  Röder,  V.  v.,  Die  Kirchenglocken  zu  Hoym,  in  der  Zeitschrift  des  Harz -Ver- 
eins XXVn,  314.  1894. 
I^lun.     A«  Nowak,   Glocken   der   Iglauer   Pfarrkirche   in   den   Mitteilungen   der   k.   k. 

Zentralkommission  XX,  S.  139- 
KnÜB«     Hitzinger,   Zur  Geschichte   alter  Glocken  in  Krain,   in  den  Mitteilungen  des 

Historischen  Vereins  für  Krain.     Jahrg.  1862. 
Lübeck,     Hach,  Th.,   Beiträge  zur  Lübeckischen  Glockenkunde,  in  der  Zeitschrift  det 

Vereins  für  Lübeckische  Geschichte.     1872.     3,  593  ff. 
Mansfalder  Seekrels«     Grössler,  H.,  Glocken  des  Mansfdder  Seekreises,  in  der  Zdt* 

Schrift  des  Harz-Vereins  1878.     XI,  26—46.     Mit  3  Tafeln. 

Hark*     Niemöller,   Glocken  der  Grafschaft  Mark,   in   dem  Jahrbuch   des  Vereins  für 

die  evangelische  Kirchengeschichte  der  Grafschaft  Mark.    i.  Jahrg.    S.  27 — 62.    1899. 

HerMburg*     Otte,  H.,  Mittelalterliche  Glocken  im  Stift  Merseburg,   in  der  Zeitschrift 

für  christliche  Archäologie  und  Kunst,   herausgeg.  von  Ferd.  v.  Quast  und  H.  Otte, 

Bd.  L  1856.     S.  81—85;  Bd.  IL  i8s8.    S.  35—37. 

Mltt^lmaik«     Ledebur,  L.  v.,    Beiträge  zur  Glockenkunde   in  der  Mittelmark,    in  den 

Märkischen  Forschungen  Bd.  6.     S.  122  ff.     1858. 
Mtsieil«      Ledebur,   L.   v.,   Glocken    im   Fürstentum   Minden   und    in   der   Gralschaft 
Ravensberg,    in  seinem  Allgemeinen    Archiv    für    die    Gesdüchtskunde    des    Preuft. 
Staates  Bd.  VIIL     S.  7«  ff-     »S32. 
Hoflkm««     Montferrand,  Aug.  de.,   Description   of  the  great  l>dl  of  Moscou.     With 
appendix:  The  bells  of  the  cathedrale  church  of  St  Isaac  at  St  Petersburg. 


—     245     — 

HiMter.  Zehe,  B.,  Historische  Notizen  über  die  Glockcngiefserkunst  des  Mittelalters, 
groistenteiU  gesammelt  ans  den  Glockeninschriften  der  Diöcese  Münster.   Münster  1857. 

ICInber^.  Nürnberger  Glockengufs,  in  den  Mitteilungen  des  Vereins  für  Geschichte 
der  Stadt  Nürnberg.  5.  Heft  (1884),  S.  218^223;  7.  Heft  (1886),  S.  259-265; 
lo.  Heft  (1893),  S.  67. 

Osterland.     Vgl.  AUenburg. 

SefUMbarg.  Schnegraf,  Kurze  Geschichte  der  Erfindung  der  Glocken,  insbesondere 
geschichtliche  Nachrichten  über  die  ältesten  Glocken  und  Glockengicfscr  der  Stadt 
Regensburg,  in  den  Verhandlungen  des  historischen  Vereins  von  Oberpfalz  und 
Regensburg.     Bd.  IX  (N.  Folge  Bd.  I)  1845.  S.  294—308- 

Buft^ek.     W.  Effmann,   Die  Glocken  der  Marienkirche  zu  Rostock  in  der  Zeitschrift 

f^  christliche  Kunst  VII,  81. 

B^tteB^arg.  Buse,  C.  A.,  Zur  Glockcnkunde ,  im  katholischen  Kirchenblatt  fiir  die 
Diöcese  Rottenburg.  1866.  Nr.  31  f.  (vgl.  hierzu:  Pastoralblatt  dieser  Diöcese. 
1882.     Beüage  Nr.  i  f.) 

Saeksea,  Kgr,     Gurlitt,   Zur  Geschichte   der  Kirchcnglocken  im  Königreich  Sachsen 
im  35.  Jahresbericht  des  Vereins  ftlr  kirchliche  Kunst  1898,  14—19  "^^^  ^^  Neuen 
.Archiv  fUr  sächsische  Geschichte  und  Altertumskunde  1900,  S.  259. 

Sftdlfleil,  PrOTinx.  Eisenhardt,  H.,  Kirchenglocken  aus  gotischer  Zeit  aus  der  Um- 
gegend von  Magdeburg.  Zur  Glockenkunde  in  der  Provinz  Sachsen,  im  Beiblatt  zur 
Magdeburgischen  Zeitung  1889  Nr.  45.  46;  1891  Nr.  18.  —  Sommer,  G.,  Zur 
Glockenkunde  in  der  Provinz  Sachsen,  im  Beiblatt  der  Magdeb.  Zeitung  1889  Nr.  51. 

Saeksen-Meilliniren.  Bergner,  H.,  Die  Glocken  des  Herzogtums  S.-Mciningen,  Jena 
1899  (Separatabdruck  aus  den  Schriften  des  Vereins  für  S.-Mciningische  Geschichte 
und  Landeskunde  Heft  33). 

Sebweiz«  Tissot,  Ch.Eug.,  Les  vieilles  cloches  de  Valangin,  im  Mus^  Nenchatelois  1878. 
i^  97—108.  —  Brandstet ter,  Repertorium  über  die  in  Zeit-  und  Sammelschriften 
der  Jahre  1812 — 1890  enthaltenen  Aufsätze  schweizergeschichtlichen  Inhalts.  Basel  1893. 
S.  249.  Darin  sind  zu  finden:  v.  Szadrowski,  Glocken  der  Stadt  St.  Gallen.  — 
Nüscheler-Usteri,  Glocken  im  Kanton  Glarus,  Schafihausen,  Tessin,  Appenzell. 
Sulzb erger,  Die  Glocken  des  Kantons  Thurgau,  vgl.  auch:  Thurgauische  Beiträge 
zur  vaterländischen  Geschichte,  12.  Band  1875.  —  Aufserdem:  v.  Vantrey,  Glocken 
des  bemischen  Jura,  vgl.  auch  La  semaine  catholique,  Fribourg,  seit  1881. 

SiebealMIrsr^n»  Müller,  F.,  Zur  älteren  siebenbürgischen  Glockenkunde,  im  Archiv  des 
Vereins  für  siebenbürgische  Landeskunde.     Neue  Folge  IV.  2.     1860. 

SiMidal.  Wrede,  H.,  Berühmte  Glocken  in  Stendal,  im  Beiblatt  der  Magdeb.  Zeitung 
1889.  Nr.  19. 

Thlringen.  Bergner,  H.,  Zur  Glockenkunde  Thüringens,  Jena  1896.  —  H.  S.,  Die 
ältesten  Glocken  Thüringens,  im  Erfurter  Allgemeinen  Anzeiger  1903.  Nr.  60.  2. 
Beiblatt  —  Liebeskind,  P.,  Noch  einmal  die  „ältesten"  Glocken  Thüringens, 
ebd.  1903  im  Februar. 

Torarlberir.  S.  Jenny,  Glocken  in  Vorarlberg  in  den  Mitteilungen  der  k.  k.  Zentral- 
kommission XXI,  139  u.  230. 

Wcraigerode,  Jacobs,  Ed.,  Alte  Glocken  der  Grafschaft  Wernigerode,  im  christ- 
lichen Kunstblatt  1869,  Nr.  9  (vgl.  auch  Zeitschrift  des  Harz-Vereins  1869.     i,  39). 

Wirttenberg,  KUnzinger,  C,  Zur  Glockenkunde  in  Württemberg,  in  den  Württem- 
bergischen Jahrbüchern  1857.     Heft  2. 


—     246     — 


Mitteilungen 

YersammlllDgen»  —  Qeicbzeitig  mit  dem  Historikertag  fand  unter  dem 
Vorsitz  von  Professor  Lamprecht  (Leipzig)  am  15.  und  16.  April  die  fünfte 
Konferenz  von  Vertretern  deutscher  Publikationsinstitute 
in  Heidelberg  statt.  ^)  Zwei  Sitzungen  wurden  abgehalten  und  darin,  ab- 
gesehen von  einigen  organisatorischen  Fragen,  historisch-geographische 
Probleme  erörtert.  Um  einen  Überblick  über  das  auf  diesem  Gebiete  in 
den  verschiedenen  Landesteilen  bisher  Geleistete  zu  gewinnen,  war  eine  Aus- 
stellung von  Arbeitskarten  und  fertigen  Karten  veranstaltet  worden,  die  das 
von  den  verschiedenen  Bearbeitern  eingeschlagene  Arbeitsverfahren  erläutern 
sollten  und  in  der  Tat  in  dieser  Richtung  Belehrung  und  Anregung  zu  geb^n 
geeignet  waren.  Kartenmaterial  hatten  vorgelegt:  i.  Die  Gesellschaft  fiir 
Rheinische  Geschichtskunde;  2.  die  Historische  Kommission  für  die  Provinz 
Sachsen  und  Anhalt;  3.  die  Kommission  zur  Bearbeitung  eines  historischen 
Atlasses  der  österreichischen  Alpenländer;  4.  die  Kgl.  Sächsische  Kommission  für 
Geschichte;  5.  dasWürttembergische  Statistische  Landesamt;  ö.Prof.Dr.Lorentzen 
(Oberrealschule  Heidelberg)  von  ihm  für  pädagogische  Zwecke  entworfene 
Karten.  Die  Leipziger  Zentralstelle  für  Grundkarten  hatte  ein  vollständiges 
Exemplar  der  erschienenen  Grundkarten  Deutschlands  tmd  Hollands  ausgestellt. 

Einleitend  bemerkte  Prof.  Lamprecht,  dafs  die  Herstellung  der  Grund- 
kalten  jetzt  im  wesentlichen  überall  gesichert,  ihr  Charakter  als  Arbeits- 
karten vielseitig  aneriiannt  und  die  Frage  nach  dem  geschichtlichen  Wert  der 
Gemarkungsgrenzen  in  Klärung  begriffen,  die  Zentralstelle  für  Grundkarten 
in  Leipzig  in  Tätigkeit  getreten  *)  und  dafs  es  bei  dem  gegenwärtigen 
Stand  der  Forschung  die  wichtigste  Aufgabe  sei,  die  hier  und  dort  gemachte 
Erfahrungen  praktisch- technischer  sowohl  als  wissenschaftlicher  Natur  aus- 
zutauschen, um  sich  gegenseitig  zu  fördern  und  dort,  wo  man  etwa  die 
Arbeit  neu  in  Angriff  nähme,  nicht  erst  lange  experimentieren  zu  müssen. 
Zudem  seien  die  Arbeiten  teuer,  sodafs  sich  durch  rechtzeitige  Berichtigung  der 
FragesteUung  grofse  Summen  ersparen  lassen.  Das  jetzt  immer  stärker  auf- 
tretende wissenschaftliche  Problem  sei  die  Darstellung  der  Fläche  in  einem 
bestimmten  geschichtlichen  Zustand,  während  bisher  immer  wesentlich  die 
Linien  d.  h.  in  diesem  Falle  die  Gebietsgrenzen  aDein  zur  Darstellung  ge- 
langt sind.  Und  zweitens  komme  es  darauf  an,  die  hier  und  dort  fest- 
gestellten Forschungsergebnisse  nach  Möglichkeit  so  zu  gestalten,  dafs  sie 
unter  sich  x-erglcichbar  werden. 

In  die  materielle  Ervirtemng  eintretend  berichtete  zunächst  Archivdirektor 
Prof.  Hansen  ^Köln^  über  die  «eitlich  am  weitesten  zurückreichenden  histo- 
risch-geographischen Arbeiten  in  der  Rheinpro^nnx,  als  deren  Frucht  bis  jetzt 
4  Karten  des  (^rÄ^^^'»^*K*V^••l  JfAucjsrcf  i^  /iV#/ir-^.^rtn^  (Bonn,  Behrend,  1894  ff.) 
erschienen  sind,  nämlich  i,  die  Rheinj^rvMin*  unrer  französisciier  Herrschaft 
1813  (Konstantin  Sohultris,  i  :  5000VX*,  *4  4.50^;    2.  die  politische   xmd 

i\  CSer  die  xk-rte  Kv^ahrrwu  yltWlK  l^oo^  >i|ct  lV«;»cfec  GesdbcktsbL  i,  B<L,  S.  201 
Ins  «05. 

a^  Yjt  <i*r*b<T  dw»  \«ii*u  ron  Kc»ti»cl»i.e  ua  Kc^rres^pocdgiubUtt  des  Gesamt* 
^ercutt  d<T  devt^Wo  G^^^-yaciiU-  »»d  Aheft«is»t*re«>«k     t«»a^  Nr.  7  &. 


—     247     — 

• 

administrative  Einteilung  der  heutigen  Rheinprovinz  1789  (Wilhelm  Fabricius, 
7  Blätter,  i  :  160000  und  Übersicht  der  Staatsgebiete,  i  :  500000,  Ji  34.50) ; 
3.  Übersicht  der  Kreiseinteilung  der  Rheinprovinz  1789  (W.  Fabricius, 
1:500000,  M^  4.  50);  4.  die  Rheinprovinz  unter  preufsischer  Verwaltung 
18 18  (Konstantin  Schulteis,  i  :  500000,  jH  4.  50).  Femer  sind  Erläute- 
ftmgen  zum  Geschichtlichen  Atlas  der  Rheinprovinz  erschienen,  von  denen 
der  erste  Band  die  Karten  von  18 13  und  18 18  {Ji  4.50),  der  zweite 
{JH  18)  die  von  1789  behandelt  Mit  dem  dritten  Bande,  W.  Fabricius: 
Das  Hochgericht  Rhaunen  [Ji  4.  80)  beginnen  typische  Spezialuntersuchungen, 
die  notwendig  sind,  um  bei  dem  Zurückgehen  über  1789  klarere  Einsicht 
in  die  Verhältnisse  zu  gewinnen.  Als  4.  Band  ist  eine  in  diesem  Sinne  aus- 
geführte Arbeit  über  das  Gebiet  der  vormaligen  Reichsabtei  Prüm  von  Archivar 
a.  D.  Forst  (Zürich)  ganz  kürzlich  erschienen,  während  eine  andere  von 
Archivar  Knipping  (Düsseldorf)  über  das  Amt  Rheinberg  in  Vorbereitung 
ist  Abgeschlossen  ist  ferner  die  Darstellung  der  Kirchenkarte  der  Rhein- 
provinz nach  der  Reformation  (imi  16 10)  in  4  Blättern,  von  denen  drei 
schon  gedruckt  sind. 

Im  einzelnen  berichteten  über  ihre  Forschungen  Wilhelm  Fabricius, 
Archivar  Forst  imd  Archivar  Knipping  persönlich.  Ersterer  führte  aus: 
Die  bbher  im  Rheinland  befolgte  Arbeitsmethode  ging  von  dem  Grundsatze 
aus,  dafs  die  jetzigen  Gemarkungsgrenzen  bei  der  Konstruktion  alter  Grenzen 
für  Territorien,  Ämter,  Gerichte,  Diözesen,  Dekanate,  Kirchspiele  zu  Grunde 
zu  legen  sind ,  soweit  nicht  etwa  gute  alte  Karten ,  die  auf  wirklicher  geo- 
metrischer Aufiaahme  beruhen,  oder  Grenzbeschreibungen  ein  besseres  Hilfs- 
mittel bieten.  Es  wurde  also  aus  den  Amtsbeschreibungen,  Rechnungen, 
Ortsverzeichnissen  imd  sonstigen  Akten  der  Umfang  und  Bestand  eines  jeden 
Bezirks  festgestellt,  die  Enklaven  imd  Exklaven  ermittelt  imd  für  jede  Ortschaft 
ein  2^ttel  angelegt,  auf  dem  die  festgestellten  Punkte  nach  Rubriken  ein- 
getragen wurden.  Alte  Karten  wurden  kopiert  und  die  Grenzen,  die  sich 
dort  fanden,  in  Mefstischblätter  und  andere  Karten  mit  Gemarkungsgrenzen, 
die  z.T.  erst  aus  den  etwa  1800 — 1830  bearbeiteten  Gemeindeübersichtskarten 
eingetragen  wurden,  eingezeichnet.  Wo  diese  Grenzen  nicht  ausreichten,  sind 
die  Flurgrenzen  des  jetzigen  Katasters  eingetreten,  die  aber  nicht  immer  auf  alter 
Grundlage  beruhen,  sondern  sogar  meist  aus  Bedürfnissen  der  Katasteraufnahme 
hervorgegangen  smd.  Dies  stellte  sich  jedoch  erst  heraus,  als  ich  nach  Fertig- 
stellung der  jetzt  erschienenen  Karten  zu  der  systematischen  Bearbeitung  der 
alten  Grenzbeschreibungen  überging.  Die  sich  ergebenden  Spezialkarten  auf 
Pauspapier  wurden  dann  von  einem  Zeichner  auf  den  Mafsstab  und  die 
Blattgröfse  der  zu  druckenden  Karten  reduziert  und  dann  lithographiert.  Seit 
mir  Grundkarten  zur  Verfügung  stehen,  zeichne  ich  die  Vorlagen  für  den 
Lithographen  selbst  in  diese  ein.  Die  Reduktion  und  Zusammensetzung  der 
Xartenblätter  besorgt  die  lithographische  Anstalt;  für  den  Farbendruck  lasse 
ich,  wenn  die  Situation  und  Grenzen  fertig  sind,  auf  einen  Abdruck  davon 
unter  meiner  Aufsicht  eine  Vorlage  herstellen.  —  Bei  der  Bearbeitung  von 
mittelalterlichen  Karten  sind  alte  Karten  nicht  mehr  zu  benutzen ;  es  müssen 
dafür  die  Grenzbeschreibimgen  ausgebeutet  werden,  deren  systematische  Durch- 
arbeitung aber  ohne  die  Benutzung  der  Flurkarten  des  Katasters  unmöglich  ist 
Das  Quellenmaterial,  das  neben  den  Grenzbegehungsprotokollen  in  Frage  kommt. 


—     248     — 

Urbare,  Zins-  und  Lehenbücher,  Urkunden  u.  s.  w.  ist  aber  so  reich,  dafs 
dessen  Sammlung  und  Durcharbeitung  nur  möglich  ist,  wenn  man  dabei 
kleinere  Gebiete  (Grafschaften,  Ämter,  Landgerichte)  berücksichtigt;  die  Auf- 
gabe ist  überhaupt  nur  auf  dem  Wege  monographischer  Bearbeitung  solcher 
Landesteile  zu  lösen.  —  Die  jetzt  übliche  Einteilimg  der  Gemarkung  beruht 
wenigstens  zum  grofsen  Teil  auf  geschichtlicher  Grundlage,  die  heutigen  Ge- 
markungsgrenzen decken  sich  in  sehr  vielen  Fällen  mit  alten  Grenzen.  Da 
aber  nicht  von  vornherein  zu  sagen  ist,  wo  Veränderungen  eingetreten  sind, 
mufs  die  Übereinstimmung  oder  Abweichung  von  Fall  zu  Fall  festgestellt 
werden.  Das  Material  dafür  in  den  Akten  ist  reichhaltig,  aber  nur  in  be- 
sonderen Arbeiten  über  diese  Fragen  für  die  verschiedenen  Gegenden  kann 
es  ganz  ausgebeutet  werden,  ebenso  wie  das  Schicksal  von  Wüstungen,  Forsten 
und  gemeinen  Marken,  von  selbständigen  Einzelhöfen  und  Wildhufen  in  bezug 
auf  ihre  Eingemeindung  aktenmäfsiger  Aufklärung  bedarf. 

Forst  hat  bei  seiner  Untersuchimg  des  Territoriums  der  Abtei  Prüm 
gefunden,  dafs  sich  die  Grenzen  der  lokalen  Gerichts-  und  Verwaltungsbezirke  — 
hier  Höfe  oder  Schultheifsereien  genannt  —  für  das  XVL  Jahrhundert  genau 
bestimmen  lassen  und  Rückschlüsse  auf  die  frühere  Zeit  bis  ins  X.  Jahr- 
hundert gestatten;  sogar  die  Grenze  eines  im  Jahre  8i6  der  Abtei  zu- 
gesprochenen Bannforstes  ist  noch  genau  festzustellen,  da  sie  mit  den  Hilfs- 
grenzen des  XVL  Jahrhunderts  zusammenföUt.  Die  Hilfsgrenzen  decken  sich 
meist,  jedoch  nicht  immer,  mit  den  heutigen  Gemeindegrenzen  oder,  wenn 
ein  Hofbezirk  mehrere  Ortschaften  umfafste,  mit  den  entsprechenden  Teil- 
strecken der  heutigen  Ortsgrenzen.  Wo  sich  Abweichungen  finden,  lälst  sich 
meist  auch  die  Ursache  dieser  ermitteln.  Bei  den  Hofbezirken,  die  mehrere 
Ortschaften  umfafsten,  war  es  nicht  möglich,  die  Grenzen  der  einzelnen  Orte 
innerhalb  des  Hofbezirks  genau  festzustellen.  Es  hat  vielmehr  den  Anschein, 
als  ob  die  Wälder  und  ödländereien  noch  im  XVIII.  Jahrhundert  Gemeingut 
der  im  Hofbezirk  vereinten  Orte  gewesen  und  erst  unter  französischer 
Herrschaft  aufgeteilt  worden  seien,  als  man  die  alten  Hof  bezirke  auflöste 
imd  die  Einzelgemeinde  zur  Grtmdlage  der  Verwaltung  machte.  Die  in  den 
Grenzbeschreibungen  der  Höfe  genannten  Ortlichkeiten  liefsen  sich  zum  gröfsten 
Teile  mit  Hilfe  der  Flurkarten  und  der  Mefstischblätter  ermitteln  und  in  die 
Grundkarten  eintragen;  die  Mefstischblätter  selbst  bieten  zu  wenig  Raum  für 
diese  Eintragungen,  und  aufserdem  treten  darauf  die  Grenzen  der  Einzel- 
gemeinden nicht  genügend  gegenüber  den  Grenzen  der  modernen  Verwaltungs- 
bezirke (Landbürgermeistereien)  hervor.  Die  Flurkarten,  auf  denen  man  die 
Namen  der  einzelnen  Flurteile  findet,  können  nur  auf  den  Katasterärotem 
selbst  benützt  werden,  aber  Übersichtskarten  einzelner  Gemeinden  des  Regienmgs- 
bezirks  Koblenz  sind  bei  der  Regierung  käuflich;  sie  sind  grofs  genug,  um 
darauf  die  Namen  der  Flurteile  einzutragen,  und  es  würde  sich  empfehlen, 
eine  Sammlung  dieser  Übersichtskarten  anzulegen. 

Knipping  betonte,  dals  bei  der  Bearbeitung  politischer  Karten,  auf 
die  es  ftir  die  nächste  Zukunft  im  Rheinland  allein  ankommen  kann,  eine 
Änderung  der  Arbeitsmethode  eintreten  müsse,  denn  bei  den  von  ihm  und 
Archivar  Redlich  (Düsseldorf)  ausgeftihrten  Einzeluntersuchungen  habe  sich 
gezeigt,  dafs  das  Aktenmaterial  so  umfangreich,  der  wirklich  kartographisch 
verwendbare  Stoff  aber  so  gering  imd  lückenhaft  sei,  dafs  man  an  eine  Prüfung 


—     249     — 

der  Stabilität .  der  Gemarkungs-,  Gerichts-,  Amts-  und  Territorialgrenzen,  wie 
bisher  geschehen,  gar  nicht  denken  könne.  Deshalb  seien  künftig  nur  die 
äu&eren  Territorialgrenzen  kritisch  rückwärts  zu  verfolgen,  die  inneren  Grenzen 
müsse  man  jedoch  aus  der  Karte  von  1789  herübemehmen  und  ihre  Stabilität 
voraussetzen,  obwohl  sich  oft  bei  der  Arbeit  Verschiebungen  ergeben  hätten. 
Dort,  wo  Mefstischblätter  vorliegen,  die  ja  die  Gemarkungsgrenzen  enthalten,. 
seien  die  Grundkarten  überflüssig. 

An  zweiter  Stelle  erstattete  als  Erläuterung  zu  der  von  der  Histori- 
schen Kommission  für  die  Provinz  Sachsen  veranstalteten  Aus- 
stellung Dr.  Kötzschke  (Leipzig)  Bericht  an  Stelle  des  erkrankten  Vertreters 
der  Kommission,  Oberbürgermeisters  Dr.  Brecht  (Quedlinburg),  dem  vor 
allem  die  Anregung  imd  Förderung  der  vorgelegten  Arbeiten  historisch-karto- 
graphischer Art  zu  danken  ist.  Die  provinziabächsische  Kommission  hat  die 
historisch-geographischen  Probleme  von  seiten  der  Besiedelungsgeschichte 
angeüafst  imd  ist  so  auf  das  für  die  Fluren  vorhandene  und  historisch  ver- 
wertbare Quellenmaterial  zurückgegangen.  Die  Aufgabe ,  die.  man  sich  zu- 
nächst stellte,  ist  die,  nach  einem  neuen  und  gründlichen  Verfahren  die  Flur- 
namen und  die  Wüstungen  möglichst  umfassend  zu  ermitteln  imd  kartogra- 
phisch genau  zu  fixieren.  Aus  den  Separationskarten  und  anderem  Material 
werden  die  historisch  belangreichen  Gregenstände  (frühere  und  jetzige  Ge- 
meindegrenzen, sämtliche  Namen,  die  Landgräben  und  Landwehren,  Wüst- 
ungen u.  s.  w.)  in  die  Mefstischblätter  des  Generalstabs  in  i  125  000  über- 
tragen. Femer  wird  für  ein  jedes  Mefstischblatt  ein  Wüstimgsbuch  herge- 
stdlt,  in  dem  die  auf  das  Gebiet  jenes  Blattes  bezüglichen  Pausen  solcher 
Fhuteile  der  Separationskarten,  wo  Wüstungen  nachweisbar  sind  oder  ver- 
mutet werden,  sich  gesammelt  finden.  Ebenso  wird  für  jedes  Mefstischblatt 
ein  Feld¥rannenbuch  angelegt,  in  dem  die  zu  den  betr.  Ortschaften  ge- 
hörigen Namen  von  Feldwannen  verzeichnet  werden.  Ist  so  ein  reiches 
handschriftliches  Material  als  Grundlage  für  mannigfache  historisch-topo- 
gr^hische  Studien  beschafft  worden,  so  hat  die  Kommission  auch  einige 
Karten  im  Druck  veröffientlicht :  für  den  Nordthüringgau  ist  als  Beigabe  zu 
einer  urkimdlich-quellenmäfsigen  Publikation  (herausgeg.  von  Hertel)  über 
die  Wüstungen  eine  Wüstimgskarte ,  von  G.  Reischel  im  Mafsstabe  der 
Gcneraktabskarten  i  :  100  000  gezeichnet,  veröffientlicht  worden  (mit  Höhen- 
scbichten);  ebenso  erscheint  jetzt  eine  zweite  für  die  Kreise  Duderstadt,  Worbis, 
Heiligenstadt  und  Mühlhausen  (auch  mit  Einzeichnung  von  Strafsen);  da- 
neben sind  geschichtliche  Karten  herausgegeben  worden,  die  aufserdem  Ein- 
tragungen betreffs  des  Baustils  der  Kirchen  (durch  farbige  Unterstreichung  der 
Ortsnamen)  enthalten;  so  baugeschichtliche  und  Wüstungskarten  für  die 
Kreise  Ziegenrück  und  Schleusingen. 

An  diitter  Stelle  folgte  die  Besprechung  des  zum  Behufe  eines  histo- 
rischen Atlasses  der  österreichischen  Alpenländer  gesammelten 
und  ausgestellten  Materials.  In  Abwesenheit  des  Leiters  jenes  Unternehmens, 
Prof,  Richter  (Graz),  wiederholte  Prof.  v.  Zwiedineck-Südenhorst  an  seiner 
Stelle  dasjenige,  was  Richter  selbst  in  dieser  Zeitschrift  zu  diesem  Zwecke 
mitgeteilt  hat  ').    Lediglich  im  Punkte  des  für  die  Alpenverhältnisse  nicht  ver- 

1)  Vgl.  oben  Heft  6/7,  S.  145—150.  Jeder  Teilnehmer  an  der  Versammlung  deutscher 


— •    250     — 

wendbaren  Begriffs  der  „Gemarkungsgrenze",  der  Gegenden  mit  Dorf- 
siedelung  entnommen  ist,  wurden  einige  Erörterungen  angestellt:  in grofsen Teilen 
■der  Rheinprovinz  z.  B.  kann  als  Gemarkung  nur  das  Gebiet  einer  „Honnschaft"  in 
Frage  kommen,  deren  5  und  mehr  oft  eine  „Gemeinde"  bilden,  und  in 
den  Alpenländem  entspricht  der  „Gemarkung"  das  zu  einem  Einzelhof  ge- 
hörige Gebiet  oder  die  oft  noch  erkennbaren  Unterabteilungen  der  den  mo- 
dernen Steuergemeinden  am  nächsten  verwandten,  vor  den  Josefinischen  Re- 
formen bestehenden  Gemeinden.  (VgL  Armin  Tille,  Die  bäuerliche  Wirt- 
sckaßsverfassung  des  Vintschgaues  [Innsbruck  1895]  besonders  Kap.  10: 
Die  Gemeindebildung  S.  242 — 264.) 

Als  vierter  Berichterstatter  erklärte  Archivdirektor  Stalin  (Stuttgart)  zu- 
nächst die  Karte  der  Herrschaftsgebiete,  die  das  heutige  Württemberg  im 
Jahre  1801  ausmachten,  imMafsstabe  i  :  260000.  In  Verbindung  mit  Topograph 
Bechtle  hat  Redner  sie  selbst  1896  im  Auftrage  des  Kgl.  wtirttembergischen 
statistischen  Landesamts  im  Anschlufs  an  eine  ältere  Karte  seines  Vaters  her- 
ausgegeben. Diese  Karte  ist  an  der  Hand  des  einschlägigen  Aktenmaterials 
auf  Grund  von  Gemarkungskarten  aufgebaut  —  stellt  also  insofern 
die  Verwirklichung  eines  Ideals  historisch-geographischer  Arbeit  dar  —  und 
enthält  ztmächst  nur  die  Namen  der  einzelnen  Gemeinden  mit  ihren  Grenzen. 
Wenn  einzelne  Parzellen  von  Gemeinden  jedoch  zur  genannten  Zeit  anderen 
Herrschaften  zustanden  als  die  ftir  den  jetzigen  Gesamtgemeindenamen  mafs- 
gebende  örtlichkeit,  so  sind  auch  diese  Parzellen  mit  der  ftir  die  betreffende 
Herrschaft  gewählten  Farbe  bezeichnet.  Ein  erklärender  Text  (28  S.)  ist 
dieser  Karte  beigegeben.  Zweitens  besprach  Stalin  die  gleichfalls  vom  statisti- 
schen Landesamt  herausgegebene  Gemarkungskarte  des  Königreichs  — 
dort  „Markungskarte"  genannt  —  im  Mafsstabe  i  :  350000,  in  der  nach  den 
Angaben  des  Oberstudienrates  Hartmann  einzelne  Verhältnisse,  die  für  die 
Landesbesiedelung  von  Interesse  sind  (Orte  mit  vorrömischen  und  alemannisch- 
fränkischen Altertümern,  Orte  auf  —  ingen.  Orte  mit  fränkischen  Kirchen- 
heiligen, vor  1000  genannte  Orte  u.  s.  w.),  mit  Farbe  bezeichnet  worden 
sind.  Im  Anschlufs  an  die  Denkschrift  von  Beschomer  *)  weist  Stalin  noch 
darauf  hin ,  dafs  für  Württemberg  15572  sogen.  Rurkaxten  im  Maisstabe 
I  :  2500  existieren,  in  die  auch  die  Namen  der  einzelnen  Fluren  und  Wüstungen 
eingezeichnet  sind,  und  von  denen  Abdrücke  einzeln  käuflich  erworben  werden 
können;  der  Preis  beträgt  bei  amtlicher  Benutzung  ^  o.  30,  für  Privatkäufer 
J^  o.  90,  zu  beziehen  sind  sie  vom  Katasterbureau  in  Stut^art  Auf  Grund 
dieser  Flurkarten  ist  ein  Zettelkatalog  der  württembergischen  Flur-  und  Wüstungs- 
namen angelegt  worden,  der  beim  statistischen  Landesamt  aufbewahrt  wird.  Sehr 
viel  einschlägiges  Material  enthalten  auch  die  64  teilweise  in  zweiter  Auflage 
erschienenen  Beschreibungen  der  einzelnen  württembergischen  Oberämter  '). 

Ebenfalls  Dr.  Kötzschke  (Leipzig)  berichtete  zuletzt  über  die  noch 
in  dem   ersten  Vorbereitungsstadium  befindlichen  Unternehmungen  der  Kgl. 


Historiker  hat  dieses  Heft  als  Geschenk   erhalten;   die  Orientienmg   des   einzelnen    über 
<i»s  Verfahren  in  Österreich  war  demnach  wesentlich  erleichtert. 

1)  Vgl  oben  S.  1S6/S7.  Dort  ist  insofern  ein  Irrtum  untergelaufen,  als  angenommen 
worden  ist,  Beschomer  wolle  ein  sächsisches  Ortsveneichnis  selbst  bearbeiten,  dies  ist 
aber  nirgends  aasgesprochen 

2)  VgL  darüber  Deutsche  G«schichtsbL  3.  Bd.,  S.  9S. 


—     251     — 

Sächsischen  Kommission  für  Geschichte.  Er  gab  zunächst  einen 
Überblick  über  die  älteren  Hauptwerke  der  Kartographie  Kursachsens,  um 
den  QueHenbefund  für  die  jetzt  zu  schaffenden  Arbeiten  nach  dieser  Seite 
bin  zu  charakterisieren;  dabei  ging  er  besonders  ausfuhrlich  auf  die  eigen- 
artige und  als  Quelle  höchst  wertvolle  Landesaufnahme  aus  der  Zeit  Kurfürst 
Augusts  und  seiner  Nachfolger  ein  (um  1600;  M.  Oeder  und  B.  Zimmer- 
mann). £r  schilderte  sodann,  wie  sich  die  Stellung  historisch-geographischer 
Probleme  innerhalb  der  sächsischen  Geschichtskommission  ')  entwickelt  hat : 
zunächst  Schaffung  einer  für  die  verschiedenartigen  Aufgaben  historisch-karto- 
grs^hischer  Art  brauchbaren  zeichnerischen  Grundlage  in  den  Grundkarten, 
zugleich  Plan  eines  Flurkartenatias ,  der  die  wichtigsten  Flurtypen  mit  agrar- 
geschichtlichen  Erläuterungen  vorführen  sollte;  daran  schlofs  sich  der  Plan 
einer  Behandlung  der  Grenzen  des  Kurstaats,  der  sofort  zu  der  Aufgabe 
einer  Ermittelung  der  Amts-  und  Gerichtsbezirke  führte ;  weiterhin  aber  stellte 
sich  das  Bedürfnis  eines  historischen  Ortsverzeichnisses  ein,  imd  dabei  wieder 
traten  als  nächste  wichtige  Aufgaben  die  Sammlung  der  Flurnamen  lind  die 
Wüstungsforschung  heraus;  auch  die  Bearbeitung  der  Ämter  in  Wort  und 
Kartenbild  erweist  sich  ohne  die  des  Ortsverzeichnisses  als  undurchführbar 
oder  doch  höchst  unpraktisch.  Die  Kommission  ist  so  aus  den  allmählich 
gewonnenen  Erfahrungen  heraus  dazu  gekommen,  an  erster  Stelle  das  für  die 
Fluren  des  Landes  vorhandene  Material  möglichst  gründlich  imd  vielseitig 
verarbeiten  zu  lassen  und  hat  auf  Vorschlag  Prof.  Lamprechts  beschlossen, 
zunächst  versuchsweise  für  mehrere  Amtshauptmannschaften  in  der  Umgegend 
von  Dresden  und  Leipzig  die  aus  der  Zeit  vor  den  Zusammenlegungen 
(1835  ff.)  vorhandenen  älteren  Flurkrokis  'für  ihre  Zwecke  reproduzieren 
zu  lassen;  in  diese  Karten  soll  dann  der  für  historische  Zwecke  in 
Betracht  konamende  Stoff  eingetragen  werden;  die  von  der  Kommission 
als  notwendig  erkannte  Methode  ist  also  die,  ihre  sowohl  den  politisch- 
historischen, wie  auch  kulturgeschichtlichen  Problemen  dienende  karto- 
graphische Arbeit  auf  den  kleinsten  hierfür  in  Betracht  kommenden  Boden- 
abschnitten, den  Ortsfluren,  aufzubauen.  —  Ausgelegt  waren  zur  Ver- 
anschaulichung dieser  Erfahrungen  imd  Pläne  aufiser  Beispielen  der  Karte 
um  1600  einige  die  Verwertung  von  Grundkarten  zeigende  Karten,  Versuche 
der  Amterdarstellung  imd  die  Anfange  der  Flurkartenreproduktion. 

Aus  allen  fünf  eingehenden  und  durch  die  vorgelegten  Karten  imd  Texte 
eriäuterten  Berichten  ergibt  sich  bei  aller  Verschiedenheit  der  Arbeits- 
weise und  der  Aufgaben  die  Notwendigkeit,  auf  die  Einheiten  der  Be- 
siedelung  zurückzugehen  und  aus  diesen  von  unten  herauf  Entstehung 
bezw.  Zusammensetzung  der  gröfseren  Komplexe  darzustellen.  Die  Einheiten 
sind  die  Gemarkungen  bezw.  die  zu  Einzelhöfen  gehörigen  Flurbezirke. 
Zwar  haben  diese  manche  Veränderungen  erfahren  —  namentlich  in  Gegenden, 
wo  sich  zahheiche  Wüstungen  finden  — ,  und  diese  müssen  in  jedem  ein- 
zelnen Falle,  wo  sie  urkundlich  belegt  sind,  von  der  Forschung  berücksichtigt 
werden;  wo  aber  urkundliche  Belege  fehlen,  ist  die  Geltung  des  heutigen 
Verlaufs  subsidiär  anzunehmend  Als  Arbeitsgrundsatz  ergibt  sich  daraus 
neben  dem  schon  seit  langem  anerkannten,   dafs  rückläufig  von  der  Gegen- 


i)  Vgl.  oben  s.  223. 


~     252     — 

wart  aus  gearbeitet  werden  muls,  der  zweite:  eine  Sammlung  des 
Urmaterials,  der  Flurkarten  aus  der  Zeit  vor  der  Separation, 
mufs  den  Ausgangspunkt  der  Forschung  bilden.  Wird  die  ein- 
zelne Flur  in  dieser  Weise  untersucht  und  in  emem  Textbuch  alles  Zu- 
gehörige eingetragen,  so  wird  zugleich  die  Geschichte  der  Flurverfassung 
und  die  Feststellung  der  Flurtypen  sehr  erleichtert,  ebenso  die  Erforschung 
der  Flurnamen,  aber  zugleich  wird  —  und  das  ist  das  wichtigste  —  eine 
dauernde  Grundlage  geschaffen  für  den  Betrieb  der  geschichtlichen 
Geographie  als  Wissenschaft 


Die  praktisch  zunächst  zu  erstrebenden  Ziele  begründete  Dr.  Kötzschke 
(Leipzig)  in  der  zweiten  Sitzung  in  seinem  Antrag: 

„Die  Konferenz  deutscher  Publikationsinstitute  wolle  beschliefsen,  eine 
Denkschrift  ausarbeiten  zu  lassen,  in  der  untersucht  wird,  inwieweit  bei 
der  künftigen  Bearbeitung  für  den  Druck  bestimmter,  historischer  Karten- 
werke grofsen  Mafsstabes  in  Deutschland  einheitliche  Grundsätze  beobachtet 
werden  können." 

Die  Kernpunkte   seiner  Auseinandersetzung   hatte   er  bereits   den   Teil- 
nehmern durch  den  Druck  zugänglich  gemacht,  sodafs  er  sich  im  wesentlichen 
auf  eine  Erläuterung  seiner  „  Begründung "  beschränken  konnte.    Diese  lautet : 
Die    derzeitige    Lage    der    historischen    Kartographie    im    deutschen 
Reichsgebiet  ist  dadurch  gekennzeichnet,  dafs,  mit  einziger  Ausnahme  der 
Rheinprovinz,    Veröffentlichungen,    die  den  gesteigerten  wissenschaftlichen 
Ansprüchen  der  Gegenwart  genügen  und  den  in  grofsen  Mafsstäben  aus- 
geführten  topographischen,   geologischen   und   anderen   modernen   Karten 
ebenbürtig  sind,    heute  noch  nicht   vorliegen,    wohl   aber   Bestrebungen, 
ähnliches  zu  schaffen,  mannigfach  sich  geregt  haben  und  auch  Vorarbeiten 
dazu  ins  Werk  gesetzt  worden  sind. 

Der  Zeitpunkt  scheint  darum  geeignet  zu  sein,  emmal  der  Frage 
näher  zu  treten,  ob  bei  der  Bearbeitung  historischer  Kartenwerke  inner- 
halb der  deutschen  Bundesstaaten,  an  die  in  absehbarer  Zeit  an  der  einen 
oder  andern  Stelle  bestimmt  herangetreten  wird,  gemeinsame  Grundsätze 
hinsichtlich  des  Forschungsverfahrens,  wie  der  bildlichen  Darstellung  be- 
obachtet werden  können;  der  Zeitpunkt  ist  günstig,  weil  einerseits  heute 
schon  eine  Summe  von  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete  historisch  -  karto- 
graphischer Arbeit  in  Österreich,  in  den  Rheinlanden,  auch  in  Württemberg, 
in  Sachsen,  in  Brandenburg  und  anderwärts,  gemacht  sind,  die  es  ermög- 
lichen, nicht  blofs  theoretische  Forderungen  zu  stellen,  sondern  einen 
genügenden  Einbb'ck  in  die  Wege  praktischer  Ausführung  gestatten,  zum 
andern  aber  weil  heute  in  der  Praxis  durchaus  noch  die  Möglichkeit  be- 
steht, bei  der  Ausarbeitung  der  künftig  erscheinenden  historischen  Karten- 
werke einheitliche  Grundsätze,  soweit  deren  Beachtung  überhaupt  möglich 
oder  erwünscht  ist,  auch  wirklich  zu  betätigen.  Erfolgt  erst  an  mehreren 
Stellen  in  Deutschland  ein  ganz  selbständiges  Vorgehen  einzelner  landes- 
geschichtlicher Kommissionen  oder  Vereine,  so  ist  bei  der  Kostspieligkeit 
kartographischer  Unternehmungen  das  Versäumte  auf  Jahrzehnte  hinaus 
gar  nicht  wieder  gut  zu  machen. 


—     253     — 

Die  Lösung  historisch- kartographischer  Probleme  ist  durch  land- 
schaftliche Verschiedenheit  aufserordentlich  stark  bedingt :  Hochalpennatur, 
KGttelgebirge  und  Hügelland,  Hoch-  und  Tiefebene,  Dorf-,  Hof-  und 
Weileisiedlung,  die  Wegsamkeit  eines  Landstrichs,  die  politischen  Schicksale 
und  die  Besonderheiten  der  Verwaltungsgeschichte,  die  Entwickelung  der 
Gnmdbesitzverhältnisse  und  der  Flurverfassung,  die  Eigenart  der  Gemeinde- 
bildnng,  die  Förderung  der  Landesaufnahme,  wie  der  Landesbeschreibimg 
und  infolge  davon  Alter,  Reichtum  und  Wert  der  besonderen  historisch- 
geographischen Quellen,  dies  alles  und  andres  mehr  schafft  bei  gewissen 
gemeinsamen  Grundzügen  die  manigfachsten  Bedingungen  für  die  Arbeiten 
zur  historischen  deutschen  Landeskunde  iu  Wort  und  Kartenbild:  wie 
sollte  nicht  gerade  auf  diesem  Forschungsfelde  jenes  Merkmal  deutscher 
Landes-  und  Volksnatur,  die  reiche  Ausgestaltung  des  landschaftlich  und 
örtlich  Besonderen,  aufs  stärkste  zur  Erscheinung  kommen?  Die  historisch- 
kartographischen Probleme  werden  daher  eine  nach  den  deutschen  Land- 
schaften mannigfach  verschiedene  Lösung  finden  müssen;  das  landschaftliche 
Sondertum  hat  in  diesen  Dingen  sein  gutes  Recht 

Aber  gibt  es  darum  nicht  mancherlei,  worüber  eine  Verständigung 
möglich  und  dringlich  ist?     Ich  weise  auf  folgende  Punkte  hin: 

1.  Die  zurzeit  bestehenden  geschichtlichen  Publikationsinstitute  ent- 
falten ihre  Wirksamkeit  zu  einem  guten  Teile  innerhalb  modemer  Staats- 
oder Provinzgrenzen.  Liegt  es  nicht  nahe,  dafs  diese  oft  recht  jungen 
Grenzen  auch  den  Rahmen  des  historischen  Kartenwerkes  abgeben 
werden?  In  der  Tat  ist  die  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde 
so  vorgegangen,  und  es  ist  bekannt,  dafs  auch  anderwärts  ein  entsprechendes 
Verfahren  jedenfalls  im  Bereiche  der  nächsten  Möglichkeit  liegt.  Hier 
entsteht  eine  Frage,  die  gründlich  erörtert  werden  mufs:  ist  die  Ver- 
öffentlichung historischer  Kartenwerke  nach  Abgrenzungen,  die  oft  genug 
die  historischen  Gebilde  zerstören,  wirklich  das  zweckmäfsigste ?  Wenn 
ja,  wie  lassen  sich  die  damit  verbundenen  unleugbaren  Nachteile  vermeiden? 
Wenn  aber  nein,  wie  läfst  sich  ein  zweckdienlicheres  Verfahren  in  die 
Wege  leiten? 

2.  Eine  weitere  Frage,  die  sich  erhebt,  ist  die  nach  dem  zu  wählenden 
Mafs Stabe,  nicht  nur  für  Arbeitskarten,  sondern  für  die  Veröffent- 
lichungen selbst.  Ich  bin  nicht  der  Meinung,  dafs  einige  Abweichungen 
bei  der  Wahl  der  Mafsstäbe  für  territoriale  Spezialatlanten  (z.  B.  i :  looooo, 
I  :  80  000,  1:115  000)  an  sich  die  Benutzung  sehr  erschweren  würden ; 
nur  bei  Flächenmessungen  wäre  der  Übelstand  empfindlich.  Aber  es  ist 
doch  klar,  dafs  Abweichungen,  für  die  nicht  gewichtige  Gründe,  wie 
z.  B.  die  Natur  des  Landes,  die  Siedlungsweise  imd  Flurgröfse,  starke 
Splittening  der  Gerichtsbezirke  u.  a.  oder  auch  die  Art  der  kartographischen 
Quellen  mafsgebend  sind,  vermieden  werden  sollten.  Ich  halte  es  nicht 
für  einfach,  diese  Frage  nach  dem  Mafsstäbe  allseitig  befriedigend  zu 
lösen;  ohne  eingehende  vergleichende  Studien  für  die  verschiedenen 
deutschen  Territorien  ist  dies  nicht  möglich.  Die  Erfahrungen  der  öster- 
reichischen Fachgenossen  sprechen  für  i  :  200000  bei  der  historischen 
Spezialkarte ;  es  wäre  in  mancher  Hinsicht  die  idealste  Lösung,  wenn 
dieser  Mafsstab  für  ganz  Deutschland  angenonmien  würde,  und  Erwägungen 


—     264     — 

in  dieser  Richtung  sind  jedenfalls  am  Platze ;  auch  die  rheinischen  Karten 
für  1789  in  I  :  160000  (auf  Grund  einer  Arbeitskarte  in  1:80000) 
kommen  ihm  nahe ;  indessen  bedarf  die  Frage  durchaus  noch  gründlicher 
Untersuchungen  für  die  typischen  Fälle  historischer  Kartographie  in  Deutsch- 
land. Für  Übersichtskarten  wird  man  sich  wohl  leicht  auf  i  :  500  000 
verständigen  können. 

3.  Die  wichtigste,  von  den  Bearbeitern  •  des  historischen  Atlasses  der 
österreichischen  Alpenländer  angeregte  Frage  ist  die  nach  der  Aufnahme 
der  Gelände  darstellung  in  die  historischen  Karten.  Es  ist  gan^ 
unleugbar,  dafs  für  die  älteren  Zeiten  die  Bodenbeschafifenheit  zum  mindesten 
die  gleiche,  meist  aber  noch  eine  erhöhte  Bedeutung  für  das  Menschen- 
dasein hat  als  heute,  und  dafs  somit  eine  historische  Karte,  die  diese  mit 
zum  Ausdruck  bringt,  ihre  grofsen  Vorzüge  für  das  Verständnis  der  Vor- 
zeit birgt.  Es  ist  gut,  dafs  dies  Problem  von  Österreich  gestellt  worden 
ist ;  und  es  scheint  mir  an  sich  allerdings  sehr  erwünscht,  dafs  man  jeden- 
falls irgend  welche  historische  Karte  mit  Terraindarstellung  für  eine  jede 
deutsche  Landschaft  zur  Verfügung  hat.  ^)  Es  läfst  sich  aber  nicht  leugnen, 
dafis  auch  die  Darbietung  von  buntem  Flächen-  und  Streifenkolorit  für  die 
bildliche  Wiedergabe  historischer,  oft  sehr  zerstreuter  und  vermengter 
Lebenserscheimmgen  bisweilen  sehr  geeignet,  ja  einzig  möglich  ist;  und 
so  wird  es  auch  hier  eingehender  landschaftlicher  Studien  bedürfen,  um 
in  dieser  Hmsicht  zu  einem  Ergebnis  zu  kommen,  inwieweit  vielleicht  ge- 
meinsame Grundsätze  bezüglich  der  Aufnahme  der  Geländezeichnung,  auch 
der  Darstellungsart  (Schraffen,  Höhenlinien,  Schummerung)  in  die  historischen 
Karten  befolgt  werden  können. 

4.  Auch  die  Frage  einheitlicher  Zeitpunkte  für  die  Herstellung 
historischer  Karten  taucht  auf.  Ich  messe  ihr,  was  die  historischen 
Territorialkarten  betrifft,  keine  so  erhebliche  Bedeutung  bei;  es  ist  z.  B. 
ganz  gut  möglich,  eine  Karte  für  Kursachsen  von  1720  und  Brandenburg- 
Preufsen  von  1740  nebeneinander  zu  benutzen,  wenn  auch  das  Jahr  nicht 
stinmit ;  es  ist  dies  m.  £.  weniger  bedenklich,  als  wenn  man  einer  theoretisch 
geforderten  Einheitlichkeit  zu  Liebe  etwa  dem  Quellenbefund  Gewalt  antun 
wollte.  Bei  Übersichtskarten  für  ganz  Deutschland  oder  wenigstens  für 
gröfsere  Teile  wird  sich  der  einheitliche  Zeitpunkt  natürlich  einstellen 
müssen.  Indes  ist  eine  Untersuchuug  darüber,  inwieweit  sich  auch  schon 
für  territoriale  Spezialatlanten  einheitliche  oder  wenigstens  annähernd 
stimmende  Zeitpunkte  finden  lassen,  doch  recht  erwünscht,  damit,  wenn 
im  übrigen,  die  Gründe  gleich  sind,  die  Rücksicht  auf  die  Termine  der 
Nachbarstaaten  den  Ausschlag  gibt. 

Diese  vier  Punkte  erschöpfen  nicht  die  Summe  der  Fragen,  die  für 
die  Gewinnung  einzelner  gemeinsam  bei  der  künftigen  Bearbeitung  histo- 
rischer Kartenwerke  im  deutschen  Reichsgebiet  zu  beobachtender  Grund- 
sätze aufzuwerfen  wären ;  sie  sollen  nur  andeuten,  dafs  hier  ein  wichtiges, 
der  Erörterung  harrendes  Problem  vorliegt  Zum  Schlüsse  sei  betont, 
dafs  es  sich  bei  der  angeregten  Frage  imi  die  Herausbildung  wissenschaft- 


ij  Bei  der  mündlichen  Begründung  ging  K.  in  diesem  Znsammenhange  noch  besonders 
anf  die  fUr  ebene  Gegenden  so  wichtige  Aufnalime  der  Walddarstellong  ein. 


—     255     — 

Hcher  Grundsätze  handelt,   nicht  um   eine  Organisationsfrage.     Nicht   ein 
historischer  Spezialatlas  des  Deutschen  Reiches  wird  unter  zentralisierender 
Leitung   zu   bearbeiten   sein,    sondern   eine   Reihe    deutscher   Territorial- 
kartenweike.      £s   wird   aber   dafür   gesorgt   werden   müssen,    dafs   diese 
nicht  in  den   einzelnen  Landschaften   nach   zufalligen  Umständen   hier  so 
und  dort  so  ausfallen,  sondern  dafs  sie,  insofern  gemeinsame  Grundsätze 
bei  der  Bearbeitung  befolgt  werden  können,  auch  danach  geschaffen  werden. 
Nachdem  noch  einige  Teilnehmer  sich  zu  Einzelheiten  dieser  Erörterungen- 
z.  B.  über  die  Zeitpunkte,  für  die  Karten  über  gröfsere  Gebiete  herzustellen 
sind  (Hansen:  erst  durch  die  Arbeit  können  diese  gefunden  werden!)  und 
über    die   kartographische   Fixierung   der  Veränderung  in   den  Waldgebieten 
(Krieger,  Curschmann)  geäufsert,   Knipping   noch    auf  die  für  West- 
deutschland   schon    erschienene    Generalstabsübersichtskarte    in    i  :  20000a 
hingewiesen  hatte,  die  das  Terrainbild  enthält  tmd  deshalb  am  besten  geeignet 
sei  gleich  der  österreichischen  desselben  Malsstabes  als  Publikatipnskarte  zu 
dienen,  —  wurde   der  Antrag  Kötzschke  in  folgender  Form  zum  Beschlufs 
erhoben : 

„Die  Konferenz  beschliefst,  eine  Denkschrift  ausarbeiten  zu  lassen, 
in  der  untersucht  wird,  inwieweit  bei  der  künftigen  Bearbeitung  für  den 
Druck  bestimmter  historischer  Kartenwerke  grofsen  Mafsstabes  in  Deutsch- 
land einheitliche  Grundsätze  beobachtet  werden  sollen,  beauftragt  Herrn 
Dr.  Kötzschke  mit  ihrer  Abfassung  und  bittet  ihn,  zunächst  durch  Aus- 
gabe von  Fragebogen  bei  den  verschiedenen  Instituten  über  die  ge- 
machten Erfahrungen  Erkundigungen  einzuziehen." 

Zur  Bestellung  einer  Hilfskraft  bei  dieser  Arbeit  werden  Herrn  Dr.  Kötzschke 
aas  den  vorhandenen  Mitteln  der  Konferenz  150  Mark  bewilligt. 


In  Verfolg  der  früher  gepflogenen  Verhandlungen  über  kirchlich-hjstorisch- 
gcographische  Studien  berichtete  Prof.  M  e  i  n  e  c  k  e  (Strafsburg)  kurz  über  den 
gegenwärtigen  Stand  der  Arbeiten,  und  auf  seinen  Antrag  wurde  beschlossen : 
„Die  Konferenz  macht  die  in  ihr   vertretenen  Institute   auf  das  be- 
vorstehende Erscheinen   der   historisch  -  geographischen  Bearbeitungen   der 
Diözesen  Brandenburg  und  Meifsen  aufmerksam  und  empfiehlt  ihnen 
entsprechende  Arbeiten  für  ihre  Gebiete,  wo  es  nicht  schon  geschehen  ist,, 
anzuregen  und  zu  unterstützen.' 


cc 


Um  die  lose  Verfassung  der  Konferenz  etwas  zu  konsolidieren,  wurde  aur 
Antrag  ihres  bisherigen  Leiters,  Prof.  Lamprecht,  beschlossen 

1.  „Die  Geschäftsführung  der  Konferenz  wird  Herrn  Dr.  Kötzschke 
als  Sekretär  im  Ehrenamt  ständig  übertragen." 

2.  „Der  Vorsitzende  wird  in  jeder  Konferenz  von  den  anwesenden 
Mitgliedern  dieser  auf  die  Dauer  der  Tagung  mit  einfacher  Mehrheit  in 
schriftlicher  Abstimmung  gewählt.  Jedes  vertretene  Publikationsinstitut  hat 
eine  Stimme." 

Nachdem  noch  v.  Zwiedineck  mit  allseitiger  Zustimmung  angeregt 
hatte,  die  Beratung  über  einige  der  früher  verhandelten  Gegenstände  (Anlage 
von  Urkundenbüchem  u.  s.  w.)  künftig  wieder  aufzunehmen  uod  Kötzschke 


—     256     — 

den  Wunsch  ausgesprochen  hatte,  es  möchten  nicht  nur  rechtzeitig  etwaige 

Verhandlungsgegenstände  von  den  Instituten  angeregt,  sondern  auch  Bericht- 
erstatter vorgeschlagen  und  sonstige  Vorbereitungen  getroffen  werden,  wurde 

die  überaus  anregende  Versammlung  geschlossen. 

Die  nächste  Tagung  wird  bereits  in  i  Vj  Jahren,  September  1 904,  gleich- 
zeitig mit  dem  8.  Historikertag  in  Salzburg  stattfinden,  während  seit  der  letzten 

drei  Jahre  verflossen  waren.     Seit  der  Begründung  der  Konferenz  deutscher 

Publikationsinstitute  auf  dem  Historikertag  in  Leipzig  (1894)  haben  sich  fol- 
gende Institute  an  ihren  Bestrebungen  beteiligt: 

Berlin:  Verein  für  Geschichte  der  Mark  Brandenburg. 

Brüssel:  Commission  royale  d*histoire  de  Belgique. 

Dan  zig:  Westpreufsischer  Geschichtsverein. 

Graz:  Historische  Landeskommission  für  Steiermark  und  Historischer  Ver- 
ein für  Steiermark. 

Halle:  Historische  Kommission  für  die  Provinz  Sachsen  und  Anhalt 

Hannover:  Historischer  Verein  für  Niedersachsen. 

Jena:  Thüringische  Historische  Kommission. 

Karlsruhe:  Grofsherzoglich  Badische  Historische  Kommission. 

Köln:  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde. 

Königsberg:  Verein  für  Geschichte  Ost-  und  Westpreufsens. 

Leipzig:  Königlich  Sächsische  Kommission  für  Geschichte. 

Metz:  Gesellschaft  für  Geschichte  und  Altertumskunde  Lothringens. 

Münster  i.  W. :  Historische  Kommission  für  die  Provinz  Westfalen. 

Posen:  Historische  Gesellschaft  für  die  Provinz  Posen. 

Prag:  Verein  für  die  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen. 

Riga:  Gesellschaft  für  Geschichte  und  Altertumskunde  der  Ostseeprovinzen. 

Schwerin:  Kommission  für  Herausgabe  des  Mecklenburgischen  Urkunden- 
buches. 

Stettin:  Gesellschaft  für  Pommersche  Geschichte  und  Altertimiskunde. 

Stuttgart:  Kgl.  Württembergische  Kommission  für  Landesgeschichte. 

Utrecht:  Historisch  Genootschap. 

Wien:  K.  u.  K.  Kriegsarchiv  (ausgeschieden). 

Wiesbaden:  Verein  für  Nassauische  Altertumskunde  und  Geschichts- 
forschung. 

Zürich:  Allgemeine  Geschichtsforschende  Gesellschaft  der  Schweiz. 

Eingegangene  Bttcher. 

Tschierschky,  Siegfried:  Die  Wirtschaftspolitik  des  Schlesischen  Kommerz- 
koUegs  17 16  —  1740.  [=  Geschichtliche  Studien,  herausgegeben  von 
Dr.  Armin  Tille,  i.  Band,  2.  Heft.]  Gotha,  Friedrich  Andreas  Perthes, 
1902.     132  S.  8^.     M.  2,40. 

Uhde-Bernays,  Hermann:  Catharina  Regina  von  Greiflfenberg  (1633 
bis  1694),  ihr  Leben  und  ihre  Dichtung.  [=»  Anzeiger  des  Germanischen 
Nationalmuseums,  Jahrgang  1902,  S.   77 — 93]. 

Berlchtlgang.  Unter  dem  Titel  Die  Reform  des  tveltlieken  Standes  u.  s.  w.  S.  193  mafs 
es  statt  Fortsetzung  heifseo:  Schlufo.  Der  Hinweis  auf  den  ersten  Teil  des  Auf- 
satzes ist  ebenfaUs  irrtümlich  weggeblieben,  er  steht  S.   171 — 182.  D.  Red. 

HerauüKeher  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig. 
Dnick  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes,  Aktiengesellschaft,  Godia. 

Hiena  als  Beilagen:  i)  Lagerkatalog  Nene  Folge  Nr.  100  von  Oswald  Weigels  Antiqaariom 
in  Leipzig,  enthaltend  Allgemeine  und  Deutsche  "^  >rreich-Ungarn,  Schweiz.  — 

2)  Prospekt  der  Verlagsbuchhandlung  R.  Oldent  n  und  Berlin,  betr.  Hand- 

finrK    r1(»p   miffMaUftrlirhen   nnrl    npiier^n    fi#»«rhii  .hen   von    O.   v.    Relow^   und 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


tur 


Förderung  der  landesgescbichtlicben  Forschimg 

IV.  Band  Juli  1903  10.  Heft 


Üie  Hufe 

Von 
Georg  Caro  (Zürich) 

Die  Ansichten  von  der  Hufe,  welche  als  die  g^enwärtig"  allgemein 
geltenden  betrachtet  werden  dürfen,  hat  Waitz  in  der  Abhandlung 
-,,übcr  die  altdeutsche  Hufe"  *)  niedergelegt  und  sind  im  wesentlichen 
folgende.  Buba  oder  hoba,  gleichbedeutend  mit  sors,  portio,  angel- 
rsächsisch  hida,  nordisch  hol,  in  den  lateinischen  Quellen  mansfis,  be- 
zeichnet im  frühen  Mittelalter  „den  Komplex  von  Land  und  dazu 
^hörigen  Rechten,  den  regelmäfsig  der  einzelne  hat  tmd  dessen  er 
für  seine  Bedürfhisse  als  Landbauer  bedarf".  Die  Hufe  genügt,  „um 
-die  Arbeit  eines  Landbauers  mit  einem  oder  zwei  Knechten  in  Anspruch 
xa  nehmen  und  um  ihn  und  die  Seinen  ausreichend,  wie  es  die  Ge- 
irobnheit  forderte,  zu  ernähren".  'Zur  Hufe  gehörte  dreierlei:  „Der 
Hof  mit  dem  Wohnhaus,  das  Ackerland  und  das  Nutzungsrecht  an 
einem  ungeteilt  belassenen  Teil  des  Grundes  und  Bodens." 

Die  Hofstätte,  mansus  in  der  ursprünglichen  Bedeutung  des  Wortes, 
umfalste  Wohnhaus  und  Nebengebäude,  Scheunen,  Ställe,  dazu  den 
<jarten  und  wohl  auch  einen  Weinberg.  Sie  war  durch  einen  Zaun 
abgeschlossen;  ihre  Lage  im  Dorfe  wird  durch  Aufführung  der  an- 
stolsenden  Grenznachbam  bestimmt.  Das  Ackerland,  die  Hufe  im 
engeren  Sinne,  lag  in  der  Flur  verstreut.  Es  war  nämlich  die  DorfHur 
nach  Mafsgabe  der  BodenbeschafTenheit  in  eine  Anzahl  von  Vierecken 
(Gewanne  oder  Kampe)  geteilt,  deren  jedes  in  ebensoviel  Ackerstreifen 
zerfiel,  als  das  Dorf  Hufen  zählte,  und  die  wiederum  entsprechend  den 
Anforderungen  der  Dreifeldenvirtschaft  zu  drei  grofsen  Feldern  (Schlägen, 
Helgen,  arcUura)  zusammengefafst  waren.     So  befanden  sich  die  zur 


l)  Abhmndlimgea  der  k.  Gesellschaft  der  Wissenscbaflea  zn  Göttingeo  Bd.  6  (Gdt- 
tingen  l8$6),  S.  179  ff.  und  S.  A.;  Nendrock  in  Gesammelte  Abhandlangen  von  G.  Waitz 
Bd.  I,  Abhandlongen  rar  Deutschen  Verfassnngs-  nnd  Rechtsgeschichte,  heransgeg.  ron 
£.  Zenmer  (Göttingen  1896),  S.  123  ff. 

18 


—     258     — 

Hufe  gehörigen  Äcker  in  jedem  der  drei  Felder  und  in  allen  Gewannen.. 
Die  Lage  der  Hufe  konnte  daher  nicht  wie  die  der  Hofistätte  nacb 
den  Nachbarn  bestimmt  werden.     Ihre  Gröüse  betrug  etwa  30  oder 
40  Morgen,   die  gerade   ausreichend  zur  „Grundlage   einer  einfachen^ 
bäuerlichen  Existenz'*,  „mit  einem  Pflug  und  einem  Gespann  und  den 
dabei   üblichen  Knechten'*   sich   bewirtschaften  lielsen.     Indem    aber 
schon  das  Flächenmais  des  Morgens,  als  des  Landes,   das  man  „an. 
einem  Tage  oder  Morgen  mit  einem  Pfluge  und  einem  Joch  beackern 
konnte",  erhebliche  Verschiedenheiten  aufwies  und  vielleicht  selbst  in 
der  gleichen  Gemarkung  wechselte,   je   nach    der    schwereren    oder 
leichteren  Pflügbarkeit  des  Bodens,  finden  sich  in  den  Quellen  mannig- 
fach von  einander  abweichende  Angaben  über  die  Gröfse  der  Hufen. 
Wenn  gleichwohl  die  Ausdrücke  Hufe  und  Morgen  als  Mafseinheit  auf 
Land  angewendet  wurden,  das  noch  nicht  in  Kultur  genommen  war, 
so  ist  dabei  an  den  in   der  betreffenden  Gegend   oder  in   dem  Dorfe* 
üblichen  Hufenumfang  zu  denken.    Der  Bestand  der  Hufen  blieb  nicht, 
unverändert.    Aufser  Teilungen  in  Hälften  und  Drittel  kam  Abtrennung 
einzelner  Morgen  bereits  früh  vor.     Es  „konnte  eine  Hufe  vermindert 
werden,  eine  andere  Zuwachs  erhalten,  und  die  alte  Regelmäfsigkeit 
der  Zustände  ward  durchbrochen;  sodafs  es  fast  mehr  zu  verwundem 
ist,  dafs  aus  späterer  und   selbst  neuerer  Zeit  noch  so  viele  Belege 
von    derselben   übrig   sind,    als    dafs    sich    zahlreiche  Abweichungen, 
finden."    Neben  dem  Ackerland  gehörten  Wiesen  zur  Hufe,  die  in  die 
Gesamtzahl  der  Morgen   eingerechnet,  oder  häufiger  gesondert  auf- 
geführt werden.    Der  dritte  Hauptbestandteil  der  Hufe,  „die  Teilnahme* 
an  der  Nutzung  des  gemeinen  Landes",  wird  aus  den  älteren  Urkunden, 
nicht  so  deutlich  ersichtlich  als  aus  den  späteren  Quellen,   vor  allem, 
den  Weistümem.     Aufgeführt  sind  in  jenen  als  Zubehör  Wasserläufe, 
W^e,  Weiden,  Wald  und  speziell  auch  das  Recht  zur  Schweinemast 
im  Walde.     Aufserdem  kommt  die  Befugnis  zum  Roden  in  Betracht. 
Die  Rechte  sind  „an  die  Hufe  oder  an  den  Hof  gebunden"  und  gehen, 
mit  ihnen  auf  jeden  Besitzer  über. 

Inhaber  der  Hufe  ist  in  Konsequenz  der  Auffassungfsweise  von 
Waitz  der  Freie ,  sodafs  ursprünglich  auf  je  einen  Gemeinfreien  eine 
Hufe  entfiel,  die  ihm  zu  Eigentum  gehörte.  Daher  äufserte  Waitz  die 
Vermutung,  dafs  der  Wert  der  Hufe  und  die  Höhe  des  Wergeides 
des  Freien  mit  einander  im  Zusammenhang  ständen.  Die  Hufen  der 
Hörigen  oder  Knechte  haben  sich  ursprünglich  vielfach  in  der  Hand 
eines  Freien  befunden  und  sind  „bei  der  Vereinigung  gröfseren  Grund- 
besitzes in  einer  Hand  von  dem  Eigentümer  an  abhängige  Leute  aus- 


—     269     — 

getan*'  worden.  Es  werden  hobcte  (mansi)  serviles,  lidiles,  ingenuäes 
(tributales)  unterschieden  „nach  der  Verschiedenheit  (des  Standes)  der 
Inhaber  oder  doch  ihrer  ursprünglichen  Bestimmung  für  verschiedene 
Inhaber".  Diese  drei  Arten  von  fnansi  vestUi  stehen  wiederum  im 
G^ensatz  zu  den  nichtbesetzten  mansi  äbsi,  und  zur  hoba  saiica  das 
ist  der  Hufe  des  Herrn,  die  dieser  von  seiner  saia  (=  Haus)  aus  (im 
Eigenbetrieb)  bewirtschaftete,  und  die  ursprünglich  „in  vielen  Fällen 
nichts  anderes  ist  als  eine  der  mehreren  Hufen  im  Dorfe'^  Die  Ver- 
einigung mehrerer  Hufen  in  der  Hand  eines  einzigen  Eigentümers  ist 
für  später  fast  als  Regel  anzusehen.  Die  Zahl  der  Hufen  in  einem 
Dorf  war  anfanglich  nicht  sehr  grofs  und  dürfte  kaum  mehr  als  höchstens 
fünfzig  betragen  haben. 

Von  der  gleichen  Auffassung  der  Hufe  ist  Waitz  in  seiner  deutschen 
Verfassungsgeschichte  ausgegangen.  Indem  er  von  späteren  Zuständen 
auf  die  älteren  zurückschliefst,  nimmt  er  schon  für  die  Zeit  des  Tacitus 
das  Bestehen  der  Hufenverfassung  an  ^).  Zur  Merowingerzeit ')  hätten 
in  deutschen  Landen  die  alten  Zustände  fortgedauert  und  seien  viel- 
fach „auch  auf  die  später  eingenommenen  Gebiete  übertragen,  wo  die 
Ansiedelungen  der  Deutschen  zahlreich  und  zugleich  mit  einer  gewissen 
Regelmäisigkeit  stattgefunden  haben.  Hier  (in  Alamannien,  Bayern) 
sind  Dörfer  angelegt,  das  Land  nach  Hufen  ausgeteUt,  Ackerland  und 
Land»  das  als  Wald  und  Weide  in  näherer  Gemeinschaft  blieb,  ge- 
sondert". „Der  Bestand  ^)  der  alten  Gemeindeordnuug  ward  auch 
dann  nicht  gestört,  wenn  ein  TeU  der  Hufen  an  ein  geistliches  Stift 
oder  einen  höheren  weltlichen  Herrn  gekommen  war  und  nun  von 
abhängigen  Leuten  bewohnt  und  bewirtschaftet  ward." 

Die  eben  dargelegte  Ansicht  von  der  Hufe,  die,  wie  bereits  be- 
merkt, der  Hauptsache  nach  noch  jetzt  in  Geltung  ist,  beruht  in  zwei 
wesentlichen  Stücken  auf  dem  BUde  von  der  sozialen  Entwickelung 
des  deutschen  Volkes,  welches  einst  Moser  entworfen  hatte.  Der  Ver- 
fasser der  patriotischen  Phantasieen  hat  die  Anschauung  aufgebracht, 
dafs  Hufenbesitz  und  staatsbürgerliche  Rechte  bei  den  Germanen  aufs 
engste  zusammenhingen.  Indem  er  den  altdeutschen  Staat  als  Gesell- 
schaft der  Hufenbesitzer  ansah,  fafste  er  den  manstis  als  Landaktie 
auf  ^),  die  zum  Anteil  am  gemeinsamen  Vorteil  und  Schaden  berechtigte 

f )  Waitz,  Deutsche  Verfassnngsgeschichte  i  ^,  126  ff. 

2)  Ibid.  2.  I  •,  277. 

3)  Ibid.  394. 

4)  Jattas  Moser,  Patriotische  Phantasieen,   in  Sämtliche  Werke  heransgeg.  von 
Abeken,  Bd.  3  (Berlin  1892),  S.  291  ff.,  nr.  LXm,  DerBanerhof  als  eine  Aktie  betrachtet 

18* 


—     260     — 

und  verpflichtete,  übrigens  aber  in  verschiedenen  Staatsvereinigungen 
verschieden  grois  war.  Moser  hat  femer  den  Untergang  der  gemeinen 
Freiheit,  den  er  in  die  Karolingerzeit  setzte,  auf  die  Weise  vor  sich 
gehen  lassen,  dais  die  Hufen  an  abhängige  Leute  kamen.  Ursprüng- 
lich war  ^)  „noch  mehrenteils  jeder  deutsche  Ackerhof  mit  einem 
Eigentümer  oder  Wehren  besetzt,  kein  Knecht  oder  Leut  auf  dem 
Heerbannsgute  gefestet".  Ludwig  der  Fromme  „und  Schwache'* 
opferte  die  Gemeinfreien  „den  Geistlichen,  Bedienten  und  Reichs- 
vögten" auf.  Bischof  und  Graf  „besetzten  die  erledigten  mansos  mit 
Leuten  und  Knechten,  und  nötigten  die  Wehren,  sich  auf  gleiche  Be- 
dingungen zu  ergeben".  Hinsichtlich  der  staatsrechtlichen  Bedeutung 
der  Hufe,  als  Grundlage  fiir  die  Stellung  des  Freien  im  Gemeinwesen, 
und  ihres  Überganges  vom  freien  Eigentümer  an  den  g^rundherrlichen 
Hintersassen  ist  also  Waitz  —  und  mit  ihm  die  geltende  Ansicht  — 
der  Auflassung  Mosers  gefolgt  Während  aber  Moser  sich  nach  west- 
fiLlischem  Muster  die  Hufe  ab  Einzelhof  vorstellte,  hielt  Waitz  die 
dorfrnäfisige  Siedelang  für  die  dem  germanischen  Agrarwesen  eigen- 
tümliche, im  Anschluls  an  die  Untersuchungen  des  Dänen  Olufsen, 
wdche  Haussen  fiir  die  Ericenntnis  der  Urzeit  verwertet  hatte  *). 

Gleich  Moser  ist  Olu&en,  nach  den  Ausflihnmgen  Hanssens,  von 
den  agrarischen  Zuständen  seiner  Zeit  an^fegangen.  Feldgemeinschaft 
und  entsprechende  Gestaltung  der  Feldmaßen  in  Dänemark,  die  er 
aus  praktischer  Beschäftigung  als  Fddmesser  genau  kennen  gelernt 
hatte,  frmd  er  in  den  „alten"  däniscfaen  Gesetzen  (des  Xm.  Jahrhunderts) 
wieder  und  konstruierte  nun  ans  dem  aktuellen  Befund  und  geschichts- 
philosophischen  Erwägungen  den  Hergang  bei  der  ursprünglichen  An- 
steddung,  fiir  die  eine  Zeitbestimmung  nicht  einmal  versucht  ist.  Als 
die  Niederlassung  sich  vollzog,  sd  noch  Fanstrecht  „das  einzigste  Ge- 
setz" gewesen.  Es  kam  den  Ansiedlern  darauf  an,  für  Person  und 
Eigentum  giöistmögliche  Sicherhdt  zu  erlangen.  Daher  vereinigten 
sich,  kraft  des  menschlichen  Geselhgkdtstriebes,  mehrere  Familien,  „um 
mit  vereinten  Kräften  eine  so  grolse  Strecke  Landes  an£nibauen,  als 
für  hinlänglich  zu  ihrer  Ernährung  angesehen  wurde".  Audi  bauten 
sie  ihre  Wohnungen  nahe  aneinander,  um  nöt^cn£aUs  sich  Beistand 
leisten  XU  können«  So  seien  die  Dörfer  und  gemetnschaftfichen  Fddmarken 
entstanden.     Wenn  nun  ein  Verein  von  Familien  ein  Doff  bauen  und 


1)  Jvstas  M^ser,  0$MibrtK:kx»cb«  Ge»cluclite«  ibid.  B.  6,  S.  Xff. 

3)  G.  Haassen,  Acr»riii«tMvcl»«  Abkaftücrv^r»  Bd.  I,  Lequ^  iS8o,  S.  I  ff^  An- 
skirteü  ibcr  dms  A£i«w<wtn  der  Vonciti  xverst  crscKvczies  io  Falds  Ni 
IkftKfi  Mufmun,  Bd.  3  ».  6  (i$35 — 37V 


—     261     — 

Äcker  in  Kultur  nehmen  wollte,  war  die  Verteilung^  der  Ackerfläche 
unter  die  einzelnen  Interessenten  das  erste  Geschäft.  „Alle,  welche 
an  dem  Unternehmen  teilnahmen,  hatten  gleiche  Rechte  und  gleiche 
Pflichten,  hatten  gleiche  Schwierigkeiten  zu  überwinden,  um  dasselbe 
Ziel  zu  erreichen,  nämlich  mit  gleicher  Kraft  in  den  Stand  gesetzt  zu 
werden,  eine  Familie  zu  ernähren/'  Demnach  mu&ten  alle  Teilnehmer 
ein  gleich  gutes  Landlos  erhalten.  Da  aber  formliche  Taxation  oder 
Bonitierung  des  Landes  nicht  möglich  war,  schon  weil  sie  Erfahrung 
durch  vorherigen  Anbau  erfordert  hätte,  sei  nur  die  Anlage  der  Ge- 
wanne übrig  geblieben.  „Jeder  Teil  der  bauiahigen  Landstrecke,  welcher 
w^en  der  Beschaflenheit  des  Terrains  und  sonstiger  physischer  Be- 
ziehung von  dem  übrigen  Lande  abwich,  wurde  zu  einem  besonderen 
Kamp  (=  Gewann)  gemacht  Nach  der  an  beiden  Enden  aufgenommenen 
Breite  wurde  ein  solcher  Kamp  in  kleinere  Teile  geteilt,  in  Striemen, 
die  jetzt  sogen.  Acker,  von  denen  dann  ein  jeder  Dorfsmann  (Los- 
interessent) so  viel  als  der  andere  erhielt."  „Eine  notwendige  Folge 
von  der  Teilung  der  Ländereien  war,  dafs  alle  Boole  (=  Hufen)  in 
Feldgemeinschaft  lagen,  oder  dais  jede  Boole  ihre  Ländereiea  Acker 
um  Acker  mit  den  übrigen  Boolen  im  Dorf  besafs." 

1  ndem  Haussen  der  Ansicht  beipflichtete, ,  ,dals,  wo  wir  Dörfer  mit  Feld- 
gemeinschaft vorfinden,  diese  auch  gleich  bei  der  ersten  Kultivierung  des 
Bodens  so  eingerichtet  worden  sind",  verwarf  er  die  Meinung  Mosers  von 
einer  ursprünglichen  Ansiedelung  in  Einzelhöfen  mit  arrondierten  Äckern, 
und  sachte  nun ,  über  Olufisen  hinausgehend,  auf  Grund  der  Berichte  von 
Qisar  und  Tacitus  über  den  Wechsel  des  Baulandes  bei  den  Germanen 
eine  stufenweise  Entwickelung  festzustellen  vom  Gemeinbesitz  am  Grund 
und  Boden  bis  zu  dem  Grade  des  Sondereigentums,  den  die  späteren 
Quellen  aufweisen.  Hierin  ist  ihm  Waitz  nicht  gefolgt,  der  vielmehr 
schon  für  die  Urzeit  das  Bestehen  von  Privateigentum  am  Acker 
annahm  ^) ,  während  die  neuere  Forschung  vielfach  nach  Analogieen 
für  das  gemeinschaftliche  Grundeigentum  der  Germanen  gesucht  hat  *), 

In  der  Auffassung  der  Hufe  stimmen  wesentlich  mit  Waitz  die 
fast  gleichzeitigen  Werke  von  Landau')  und  Maurer*)  überein.    Je- 

1)  D.  V.  G.  I  ',  124.  Für  die  Zeit  der  lex  salica  t.  Waitz,  Das  alte  Recht  der 
uliacben  Franken  (Kiel  1846),  S.  117. 

2)  W^en  des  MÜseifolgs  dieser  Bestrebungen  vgL  Below,  Das  korze  Leben  einer 
vielgenannten  Theorie,  Beilage  rar  Allgemeinen  Zeitung,  1903,  nr.  11  n.  12. 

3)  G.  Landau,  Die  Territorien  in  Bezog  auf  ihre  Bildung  und  ihre  Entwickdnng 
(Hamburg  n.  Gotha  1854). 

4)  G.  L.  T.  Maurer,  Einleitung  zur  Geschichte  der  Mark-,  Hof-,  Dorf*  und  Stadt- 
ferÜMsnng  und  der  öffentlichen  Gewalt  (München  1854). 


—     262     — 

doch  unterscheidet  Landau  nach  der  Lage  der  Äcker  verschiedene 
Hufengattungen,  von  denen  Waitz  blofe  die  mit  Verteilung  der  Äcker 
über  die  Gewanne  als  ursprünglich  anerkennen  will.  Maurer  hat  er 
die  Verwechselung  von  Gewannen  und  Zeigen  vorzuwerfen.  Neuere 
Untersuchungen  sind  nicht  sowohl  Waitz  in  der  Interpretation  der  ur- 
kundlichen Zeugnisse  gefolgt,  als  da(s  sie  unter  Benutzung  der  Flur- 
karten die  OIufsen-Hanssenschen  Theorieen  weiter  auszubauen  suchten. 
Nachdem  schon  Haxthausen  ^)  über  Gewanneinteilung  und  Hufen- 
verfassimg  für  deutsche  Landschaften  zu  ganz  ähnlichen  Ergebnissen 
gelangt  war,  wie  Olufsen  für  Dänemark,  hatte  Jacobi  *)  nationale  Unter- 
schiede in  der  Anlage  der  Dörfer  und  Fluren  bei  Deutschen  und 
Slaven  ermittelt.  Zur  Erläuterung  agrarischer  Zustände  zogen  See- 
bohm  •)  für  England  und  Lamprecht  *)  für  die  Mosellande  Flurkarten 
heran.  Zuletzt  hat  Meitzen  ^)  in  umfassendem  Mafsstabe  die  Flurkarten 
verwandt,  um  die  ursprünglichen  Ansiedelungsformen  der  Germanen 
zu  erkennen  ^). 

Eben  den  durch  Waitz  festgestellten  Begriff  der  Hufe  setzt  Meitzen 
voraus.  In  den  germanischen  Dörfern  „ist  die  Hufenverfassung  die 
Grundlage  der  Eigentumsverteilung**.  Unter  der  Hufe  verstand  man  ^ 
„eine  ländliche  Besitzung,  welche  von  dem  Hausvater  mit  seiner  Familie 
und  wenigem  Gesinde  bestellt  werden  konnte  und  dabei  hinreichend 
war,  um  demselben  den  nötigen  Unterhalt  und  die  Mittel  zu  gewähren, 
die  üblichen  öfTenUichen  Lasten  zu  tragen.  Sie  stellte  ein  Bauerngut 
dar,  welches  unter  primitiven  Umständen  und  Ansprüchen   im   stände 


I)  AogQst  Freiherr  t.  Haxthaasen,  Über  die  Agrar ver f— «qng  in  Nord- 
deQtschUod  und  deren  Konflikte  in  der  g^enwlrtigen  ZeiL  Teil  i ,  Band  i.  Über  die 
Agrairerfassnng  in  den  FiirstentuLmem  Paderborn  und  Correj  (Berlin   1829). 

3)  Victor  Jacobi,  Forschungen  ober  das  Agranresen  des  Altenbnrgischen  Oster- 
andes  mit   besonderer  Berücksichtigung   der  AbManmiungsrerhältnisse   der  Bewohner,    in 
ninstrierte  Zeitung  Bd.  5  (Lcipiig  1S45). 

3)  F.  Seebohn,  Die  ethische  Dorigei&eiode ,  nach  der  3.  Auflage  ans  dem 
Englischen  öbertragen  tob  Tk  v.  Bansen  (Heidelberg  1SS5V 

4)  K.  Lamprecht,  Deatsches  Wiitschaibleben  im  MitteUUer,  Bd.  i,  T.  I,  S.  331  ff. 

5)  A.  Meitzen,  Wanderungen,  Anbau  und  Agrarrecht  der  Völker  Eoropas  nörd- 
lich der  Alpen,  l.  Abu  Siedelung  and  Agrarvesen  der  TVestgemanen  and  Ostgermanen, 
der  Kelten,  Römer,  Finnen  and  Slawen,  4.  Bd.  (Berlin  iSofV. 

6)  I>ie  frtiheren  auf  den  gleichen  Gegenstand  t>ecligUclieo  Eimdabhandlaogen 
Meitiens  sind  dort  1^30  m.  i  TerteichneL  Auf  die  Haie  besiefat  sich  Tor  aDem 
««Volkshufe  and  KiSnigshale  in  ihren  allea  MarsTeHOtltms^cii*,  in  der  Festgabe  ftr  Georg 
Hanssen  «ura  31.  Mai  iSSg,  Täbingen  1SS9,  S,  l  C 

7)  So  Meitxen  im  Handw<j>rteTbach  der  SualUaisjeiwc^ften,  heraasg^.  von 
Conrad  etc,  2.  Aafl.,  Bd.  4*  Je«a  igoo,  AftÄel  Hafc,  S  1*31, 


—     263     — 

-war»  selbständig  aus  seinen  eigenen  Kräften  zu  bestehen''.  Die  Grölse 
•der  Hufen  war  je  nach  Ort  und  Umständen  eine  sehr  verschiedene. 
^^Dag^en  waren  die  Hufen  derselben  Gemarkung  bei  den  volksmä&igen 
Anlagen  stets  gleich  groiis/'  Jede  Dorfgemarkung  zerfiel  also  „in  eine 
^wisse  Zaid  unter  einander  gleich  gedachter  Hufen,  welche  ihrem 
Wesen  nach  ideelle  Anteile  an  den  zur  Kultur  verteilten  wie  an  den 
tmgeteilten  Ländereien  der  Gemarkung  bildeten''.  Die  Hufenanteile 
wurden  „auf  dem  altgermanischen  Kulturlande  stets  in  Gemenglage 
.als  verhältnismälsige  Unterteile  zahlreicher  Gewannabschnitte  ange- 
wiesen". Daher  sei  es  in  der  Regel  möglich,  „aus  den  Grölsenver- 
hältnissen  der  Unterteile  in  den  einzelnen  Gewannen  die  Zahl  der  in 
ihnen  gemachten  gleichen  Anteile,  und  aus  der  Übereinstimmimg  dieser 
Zahl  in  den  verschiedenen  Gewannen  die  (ursprüngliche)  Anzahl  der 
Hufen  im  Dorfe  festzustellen". 

Indem  nun  Meitzen  ein  Gebiet  nationaler,  germanischer  Siedelung 
zwischen  Weser  und  Saale  ausscheidet,  das  nie  unter  fremden  Einflufs 
kam,  gelangt  er  dazu  (in  Übereinstimmung  mit  Waitz),  die  Verteilung 
der  Äcker  über  die  Gewanne  und  die  hufenartige,  des  festen  Grund- 
plans entbehrende  Anlage  des  Dorfs  als  die  ursprüngliche  Form  der  Nieder- 
lassung zu  bezeichnen«  Jüngerer  Entstehung  sind  die  Marschdörfer  der 
Nordseeküste,  deren  Gehöfte  in  einer  Reihe  an  der  inneren  Seite  der 
Deiche  liegen,  während  die  zugehörigen  Äcker  in  langen  schmalen  Streifen 
durch  die  ganze  Flur  sich  erstrecken.  Auf  keltischen  Ursprung  fuhrt 
Meitzen  das  Einzelhofisystem  westlich  der  Weser  zurück.  Im  Osten 
unterscheidet  er  zwei  slavische  Typen,  die  Runddörfer  und  die  Straßen- 
dörfer, und  dazu  die  späte  Kolonisationsform  der  Reihendörfer  mit 
Waldhufen,  in  denen  die  Gehöfte  zu  beiden  Seiten  einer  Stra&e  durch 
die  glänze  Gemarkung  sich  hinziehend  jeweils  auf  dem  zugehörigen 
Lande  erbaut  sind,  und  dieses  in  emem  Streifen  von  der  Strafse  bis 
zur  Flurgrenze  reicht,  vom  Tal  bis  zur  Höhe  oder  quer  durch  das 
TaL  Für  Oberdeutschland,  alemannisches  und  bayrisches  Stammes- 
gebiet, konstatiert  Meitzen  das  Vorhandensein  der  volkstümlichen  Ge- 
wanndörfer und  schliefst  daraus,  dafs  alle  eindringenden  deutschen 
Stämme  „bei  der  ersten  stürmischen  Besitznahme  der  keltorömischen 
Landgebiete  die  Besiedelung  unter  den  alten  nationalen,  aus  der  Heimat 
hergebrachten  Ideen  ausführten.  Diese  aber  beruhten  wesentlich  auf 
genossenschafUicher  Grundlage  und  entwickelten  überall,  wo  sie  zur 
Geltung  kamen,  geschlossene  Dörfer,  Gemenglage  der  Grundstücke 
und  gleiche  Hufen  in  der  Flur".  In  solcher  Weise  habe  schon  die 
Ansiedelung  der  Vangionen,  Nemeter  und  Triboker  auf  dem  linken 


—     264     — 

Rheinnfer  zur  Zeit  des  Ariovist  stattgefunden.  Die  besonders  in  bergigen 
elenden  verbreiteten  Weiler  charakterisiert  Meitzen  als  Gruppen  voa 
wenigen  Höfen,  oder  Hufen,  deren  Fluren  in  blockförmigen  Stücken 
au^eteilt  waren,  und  betrachtet  sie  als  grundherrliche  Gründungen,, 
indem  er  von  ihnen  noch  die  romanischen  Einzelhöfe  in  den  Alpen 
unterscheidet. 

Auf  Grundherrschaft  und  grundherrlichen  Wirtschaftsbetrieb  kommt 
Meitzen  des  öfteren  zurück.  Der  Abschnitt,  den  er  speziell  der  „Ent* 
mckelung  der  Gnmdherrlichkeit,  der  Lehne  und  der  Siedelungen  auf 
Landleihe"  widmet*),  schildert  die  Vorgänge  wesentlich  im  Anschluis 
an  die  herrschende  Ansicht.  So  hält  er  auch  daran  fest,  dals  in  der 
FlureinteUung  und  dem  Wirtschaftsbetrieb  der  Dörfer  erhebliche  Ände- 
rungen nicht  eintraten,  wenn  einzelne  Bauerngüter  an  Grundherren  ge- 
langten, und  selbst  wenn  eine  ganze  Dorfischaft  hörig  wurde,  habe  die 
alte  Dorfverfassung  fortbestanden.  Grundherrliche  Neugründungen 
von  Dörfern  seien  in  der  volkstümlichen  Gestalt  mit  Gewannfluren, 
erfolgt,  aber  auch  in  anderen  Formen,  mit  blockförmiger  Geschlossen- 
heit der  einzelnen  Besitzstücke,  wie  sie  bei  den  Weilern  üblich  war, 
mit  Wald-  und  Hagenhufen,  deren  Ackerland  in  einem  Stück  zusammen- 
lag, und  im  Norden  mit  den  analogen  Marsch-  oder  Moorhufen.  Eine 
Ausnahme  von  der  ursprünglichen  Allgemeingültigkeit  der  Hufen- 
verfassung will  Meitzen  nur  für  Friesland  gelten  lassen,  in  dessen  west- 
lichen TeUen  sie  erst  durch  fränkischen  Einflufs  eingeführt  worden 
sei,  während  für  Ostfriesland  „weder  in  den  Urkunden  des  früheren 
oder  späteren  Mittelalters,  noch  in  den  neueren  Zins-  und  Steuerregistern 
oder  im  Sprachgebrauch  Hufen  vorkommen  *)". 

Wesentlich  im  Anschlufs  an  Olufsen-Hanssen,  Waitz  und  Meitzen: 
sind  von  den  Rechtshistorikem  die  Grundeigentumsverhältnisse  dar- 
gestellt worden  ^),  Die  Wirtschaftshistoriker  bringen  nur  wenig  ab- 
weichendes. Inama  -  Stemegg  will  die  ursprüngliche  Gleichheit  des- 
Grundbesitzes, die  aus  der  Hufenverfassung  sich  ergibt,  blofs  in  sehr 
bedingter  Weise  anerkennen  %  während  er  im  übrigen  den  gangbaren 
Meinungen  über  das  Hufensystem  folgt,  welches  die  Karolingerzeit  in. 

i)  Meitten,  Agrarwesen  2,  371  ff. 

2)  Ibid.  2,  50. 

3)H.  Branner,  DeaUche  Rechtsgeschichte  Bd.  i  (Leipxig  1887),  S.  194 £ 
{25.  R.  Schröder,  Lehrbuch  der  dentschen  Rechtsgesch. ,  4.  Aufl.  (Leipzig  1902)^ 
i  88,  S.  202  ff.  F.  Dahn,  Die  Könige  der  Germanen,  Bd.  7,  T.  2  (Leipzig  1894V 
S.  13  ff:,  Bd.  9  (1902),  S.  447  ff. 

4)  K.  Th.  T.  Inama-Sternegg,  Deutsche  TWirtschafUgeschichte,  Bd.  i  (Leipzig: 
1879),  S.  IIa  ff. 


—     266     — 

Deutschland  noch  intakt  übernommen  habe  ^).  Lamprecht ')  geht 
mehr  auf  den  Verfall  der  Hafenverfassung  (im  späteren  Mittelalter)  ein 
als  auf  deren  Entstehung.  Übrigens  bestreitet  er  die  Annahme,  „dafs- 
der  Morgen  in  verschieden  abgestufter  Gröüse  die  stehende  Teilungs- 
einheit der  Gewanne  gebildet  habe,  und  daüs  jede  Gewanne  stets* 
Stücke  jeder  Hufe  enthalten  habe').*'  Wenn  neuerdings  Hildebrand 
beiläufig  die  Meinung  geäufsert  hat,  dafs  „die  sogen.  Hufen  Verfassung 
ihrem  Ursprünge  nach  keine  sehr  alte  Einrichtung  sein  kann  ^)",  so 
geschah  das  ohne  näheren  Nachweis  auf  Grund  jener  vergleichenden 
Methode,  die  gar  leicht  zu  Trugschlüssen  führt  ^). 

Es  herrscht  also  in  der  Auffassung  von  Wesen  imd  Bedeutung  der 
Hufe  £ast  völlige  Übereinstimmung.  Um  so  gröfser  war  meine  Ver- 
wunderung, als  ich  bei  dem  Versuch,  aus  urkimdlichen  Quellen  der 
Karolingerzeit  den  Bestand  kleiner  freier  Gnmdeigentümer  nachzuweisen^),, 
die  Hufendörfer  nicht  antraf,  welche  nach  der  herrschenden  Meinung  über 
g^anz  Deutschland  verbreitet  waren.  Dörfer,  in  denen  alle  oder  auch  nur 
ein^e  Bewohner  als  freie  Leute  je  eine  Hufe  inne  hatten,  die  frei  von 
grundherrlichem  Nexus  war,  ihnen  zu  Eigentum  gehörte  und  durch  sie  mit 
Hnfe  ihrer  Familie  oder  von  Knechten  im  Eigenbetrieb  bewirtschaftet  wurde,, 
solche  Dörfer  konnte  ich  nicht  finden,  weder  in  der  Nordostschweiz,  noch 
in  Oberschwaben,  noch  in  Unterelsafs,  oder  überhaupt  im  alamannischen 
Stammesgebiet,  auf  welches  zunächst  meine  Untersuchungen  sich  be- 
schränkten.    Gerade  die  Traditionen  an  Kirchen,   die  augenscheinlich 

i)  n>id.  311. 

2)  Dentschet  >^^rtsdiafUleben  a.  a.  O. 

3)  Ihid.  I.  I,  337. 

4)  R.  Hildebrand,  Recht  und  Sitte  aaf  den  verschiedenen  wirtscbafUichei» 
Roltnntnfen  (Jena  1896),  S.  146  n.  i. 

5)  K.  Weller,  Die  Besiedelang  des  Alamannenlandes ,  in  Württembergische 
Yierteljahnhefte  fUr  Landesgeschichte  N.  F.  7  (1898),  S.  337  läfst  das  Hafendorf  erst 
Back  der  Ansiedelong  sich  ans  dem  orsprttnglichen  Gesdilechtsdorf  entwickeln,  hfilt  aber 
daran  fest»  dafs  „die  Hofe  als  das  spätere  Dnrchschnittsmals  des  Besitzes  der  Gemein- 
freien  beseichnet  werden  kann*'.  Für  die  Schweiz  nimmt  ganz  im  Sinne  der  herrschen- 
den ÄDSchannngen  das  Bestehen  von  Dörfern  mit  freien  Hafen  an  F.  v.  Wyss,  Die 
schweizerischen  Landgemeinden  in  ihrer  historischen  Entwickelnng ,  in  Abhandlangen  zor 
Geschichte  des  schweizerischen  öffentlichen  Rechts  (Zürich  1892),  S.  10  fl. 

6)  S.  meine  „Stadien  zn  den  älteren  St  Galler  Urkunden"  im  Jahrbach  für 
Schwetzeriache  Geschichte  Bd.  26  (1901),  S.  205  ff.,  Bd.  27  (1902),  S.  185  ff.;  „Die 
Grvndbesitzrerteilnng  in  der  Nordostschweiz  and  angrenzenden  alamannischen  Stammes- 
gebieten ZOT  Karolingeneif  in  Conrads  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  nnd  Statistik,. 
3.  Folge,  Bd«  21  (1901),  S.  474 ff-;  und  „Zwei  Elsäfser  Dörfer  znr  Zeit  Karls  dea 
Grofsen^y  in  Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Oberrheins,  N.  F.,  Bd.  17,  S.  450  ff.  n. 
S.  563  ff. 


—     266     — 

von  kleineren  freien  Grundeigentümern  herrühren,  bezeichnen  das  tra« 
<lierte  Objekt  nicht  als  Hufe  oder  Teil  einer  solchen,  sondern  wenden 
Umschreibungen  an,  die  unbegreiflich  wären,  wenn  das  Normalmafs 
^er  Hufe  als  Anteils  an  der  Dorfgemarkung  sich  auf  den  Besitz  der 
Tradenten  hätte  anwenden  lassen.  Der  den  Urkundenschreibem  wohl- 
bekannte Ausdruck  Hufe  (oder  mansus)  wird  nur  gebraucht,  um  ab- 
hängige Landgüter  zu  bezeichnen,  höchstens  auch  für  das  im  Eigen- 
betrieb des  Grundherren  befindliche  Salland,  das  gelegentlich  hoha  saUca 
-genannt  wird,  im  Gegensatz  zu  den  vestierten,  mit  freien  oder  unfreien 
Hintersassen  besetzten  Hufen. 

Waitz  ist,  entgegen  seiner  sonstigen  Arbeitsweise,  bei  der  Be- 
trachtung der  urkundlichen  Quellenzeugnisse  von  dem  ihm  von  vorn- 
herein feststehenden  Begriff  der  Hufe  ausgegangen,  den  er  nur  aus 
dem  reichlich  vorhandenen  Material  näher  zu  erläutern  suchte.  Hierbei 
«ah  er  ganz  darüber  hinweg,  ob  es  sich  um  grundherrliche  Hufen 
handelt  oder  nicht,  denn,  ebenfalls  vermöge  vorgefaCster  Meinung,  hielt 
-er  die  grundherrlichen  Hufen  mit  den  (hypothetischen)  der  freien 
Bauern  für  identisch,  und  bezog  ohne  Unterschied,  was  von  ersteren 
ausgesagt  wurde,  auf  letztere  *).  Wenn  man,  anstatt  einzelne  Quellen- 
stellen ohne  Rücksicht  auf  den  Zusammenhang  mehr  oder  minder  will- 
kürlich herauszugreifen,  die  Gesamtheit  des  zur  Verfügung  stehenden 
Materials  berücksichtigt,  so  ergibt  sich  ein  ganz  anderes  Bild  der  Ver- 
hältnisse, als  nach  der  Hufentheorie  zu  erwarten  steht.  Die  Traditionen 
an  St.  Gallen  liefsen  sich  nicht  in  solche  von  ein,  zwei  oder  mehr 
Hufen  einteilen  *).  Für  die  von  freien  Leuten  bewohnten  Dörfer  war 
schlechterdings  eine  Hufenzahl  nicht  zu  ermitteln  *).  Wohl  mochten 
sich  die  Besitzungen,  wie  das  bei  den  Hufen  der  Fall  ist,  aus  einem 
Gehöft  im  Dorf,  Äckern  und  Wiesen  in  der  Flur  und  Anteil  an  der 
gemeinen  Mark  zusammensetzen;  aber  sie  waren  nach  Belieben  des 
Eigentümers  teilbar.  Recht  häufig  werden  einzelne  Bestandteile,  Acker 
und  Wiesen,  veräulscrt  Des  öfteren  müssen  selbst  kleinere  Freie 
Besitz  an  mehreren  Orten  gehabt  haben.  Hätte  je  für  ihr  Eigengut 
die  Hufenverfassung  gegolten,  so  wäre  dieselbe  überaus  schnell  in 
Verfall  geraten ;  und  doch  erschienen  zur  selben  Zeit  die  wirklich  nach- 
weisbaren Hufen,  die  gnindherrlichen,  noch  so  fest,  dafs  selbst  Halbie- 
rungen äufserst  selten  sind.  Die  Voraussetzung  mnb  faüsch  sein,  deren 
.^ ^_^ _ .  _   • 

I)  A«ch  Grimn«  Dcstsche  Reditsaltcitimtr  (i.  Aift.,  Götttac«  iSaS)   a,  5S4  ff>« 
war  Mf  deo  UntvncKwd  nicht  «iDgeganKtn, 

a)  S.  dk  Ihibelleo  im  jakrb.  f.  Sckw.  Gc9clk  a^  K7  ^ 
3)  S.  die  ZttsuMMnsteUttugeft  ibid.  a?»  atgfi. 


—     267     — 

NichtzutrefTen  bei  Anwendung^  auf  konkretes  Material  sich  herausstellt. 
Der  gangbare  Begriff  der  Hufe  ist  zu  modifizieren.  Unter 
Hufe  wird  eben  im  Sprachgebrauch  der  St.  Galler  und 
Weifsenburger  Urkunden  ein  abhängiges  Landgut  im  Ver- 
bände einer  (grofsen  oder  kleinen)  Grundherrschaft  ver- 
standen, das  ausreichte,  den  Hintersassen  und  seine 
Familie  zu  ernähren  und  die  ihm  vom  Grundherrn  auf- 
erlegten Lasten  zu  tragen. 

Die  Umformulierung  des  Hufenbegriffs  zieht  für  die  gesamte  Auf- 
fassung von  der  älteren  deutschen  Wirtschafts-  und  Verfassungs- 
geschichte nicht  unwesentliche  Modifikationen  nach  sich.  Die  Ergeb- 
nisse der  Flurkartenforschung  bleiben  nur  insoweit  unberührt,  als  sie 
auf  tatsächlicher  Grundlage  beruhen,  also  die  Gestaltung  der  Fluren 
im  XVIII.  und  am  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts  betreffen.  Für  die  daraus 
gezogenen  Rückschlüsse  auf  die  Urzeit  wird  das  Urteil  von  Knapp  *) 
volle  Geltung  behaupten:  „Gemarkungskarten  zeigen  deutlich  die  Lage 
der  Äcker,  aber  die  Lage  der  Menschen  geht  aus  anderen  Urkunden  her- 
vor." Die  Streifenteilung  der  Gewanne  hat  Knapp,  unter  Verwerfung 
der  „rationalistischen**  Annahme  von  der  ursprünglichen,  planmäfeigen 
Anlage,  aus  allmählicher  Entstehung  zu  erklären  gesucht,  also  aus  gemein- 
samer BeteiliguDg  der  Dorfnachbarn  an  der  Ausdehnung  der  Flur  über 
früheres  Almendland.  Von  einer  Gütergleichheit  bei  den  alten 
Germanen  mufs  gänzlich  abstrahiert  werden.  Dergleichen 
findet  sich  wohl  in  der  Grundherrschaft  bei  den  Hintersassen,  die  ab- 
hängige Güter  bauen,  aber  nicht  bei  den  freien  Leuten,  die  auf  eigenem 
Grund  und  Boden  sitzen.  Jedenfalls  ist  in  der  Zeit,  über  welche  die 
Urkunden  Aufschlufs  geben,  keine  Spur  von  einer  Gleichheit  des  Besitz- 
tums vorhanden,  und  die  auf  frühere  Zeiten  aus  der  Hufenverfassung 
gezogenen  Schlüsse  sind  hinfällig. 

Wenn  Moser  anerkanntermafsen  die  Zustände  des  späteren  Mittel- 
alters auf  die  Urzeit  zurückübertragen  hat,  unter  Herstellung  eines 
freien  Bauernstandes,  so  genügt  es  nicht,  die  Züge  aus  dem  von  ihm 
entworfenen  Gemälde  zu  entfernen,  welche  in  offenbarem  Wider- 
spruch zu  den  Quellen  stehen,  sondern  man  mufs  eben  völlig  von 
seiner  in  den  älteren  Quellen  nicht  begründeten  Auffassimgsweise  sich 
loslösen.  Die  Stellung  der  Vollhufher  in  der  späteren  Dorfverfassung 
unter  der  Grundherrschaft  beweist  nicht  das  geringste  für  die  Verhält- 
nisse der   freien  Leute   früherer  Epochen,   von  denen  sie  keinesfalls 

i)  G.  F.  Knapp,  Siedelang  and  Agrarwesen  nach  A.  Meitzen,  in  der  Beilage 
2ar  Allgemeinen  Zeitnng,  Jahrg.  1896,  nr.  249,  vgl.  WeUer  L  c.  S.  338. 


—     268     — 

direkt  herzuleiten  sind;  denn  dafs  auch  der  (angebliche)  Unteigangp 
der  freien  Bauern  nicht  einfach  durch  Eingliederung  ihrer  Hufen 
(richtiger  Besitzungen)  in  die  Grundherrschaften  erfolgt  sein  kann, 
habe  ich  bereits  früher  zu  zeigen  gesucht  *).  Diejenigen  Grundherr- 
schaften, deren  Entstehung  unmittelbar  nachweisbar  ist,  die  geistlichen,, 
beruhen  guten  Teils  auf  den  vor  ihnen  vorhandenen  weltlichen.  Wohl 
mochte  durch  Tradition  zu  frommem  Zweck  gar  manches  Eigengut 
kleiner  Freier  in  immittelbare  Nutzniefsung  einer  Kirche  übergehen 
und  ist  dann  etwa  bei  Neueinrichtung  von  Hufen  iiir  Hintersassen  mit 
verwandt  worden,  ganz  wie  ja  auch  auf  Rodland  neue  gnmdherrliche 
Hufen  angelegt  wurden ;  aber  die  Vorstellung  ist  abzuweisen,  dafe  der 
Freie,  der  sein  tradiertes  Eigengut  zu  Prekarie  zurückempfing '),  damit 
in  das  gleiche  Verhältnis  zum  grundherrUchen  Frohnhof  trat,  in  dem 
sich  der  Hufner  befand.  Leihe  zu  Hofrecht  und  Leihe  zu  Prekarie 
waren  imd  blieben  verschieden  •) ,  auch  wenn  durch  Ausdehnung  der 
Immunität  obrigkeitliche  Rechte  der  Grundherren  über  die  Inhaber  der 
freien  Leih^^ter  begründet  wurden. 

Gerade  auf  alamannischem  Stammesgebiet  haben  die  alten  Zu- 
stände nur  sehr  langsam  sich  geändert.  Als  BestandteUe  der  Frohn- 
höfe  erscheinen  noch  in  den  späteren  Urbaren  Salland  und  Hufen  ^)» 
Ersteres  wurde  nach  Aufhören  des  grundherrlichen  Eigenbaues  vom 
Kellner  gegen  feste  Abgaben  auf  eigene  Rechnung  bewüischaftet.  Zu 
den  Hufen  sind  als  dienende  Güter  im  Frohnho£sverband  die  (kleineren) 
Schupposen  hinzugetreten.  Auiserdem  aber  sind  die  2Unsgüter  nachweisbar,, 
die,  wie  sie  nicht  nach  Hofrecht  innegehalten  wurden,  so  auch  in  der  Regel 


i)  Vgl.  Jahrb.  f.  Schweix.  Gesch.  27,  343  ff. 

2)  Das  Wesen  der  Prekarie  im  Gegensatz  zum  Beneficinm  beleuchtet  nenerdings- 
Seeliger,  Die  soziale  und  politische  Bedeuttmg  dm'  Orundherrsehaft  im  früheren 
MiäelaÜer  [=  Abhandlungen  der  phU.-hist.  Klasse  der  königL  Sächsischen  Gesellschaft 
der  Wissenschaften  22.  Bd.]  Leipzig  1903. 

3)  Wegen  der  Entstehung  der  freien  Leihe  ans  der  Prekarie  s.  Rietschel, 
Die  Entstehung  der  freien  Erbleihe,  in  Zeitschrift  der  Savigny*Stiftung  für  Rechtsgeschichte,. 
germ.  Abt.  Bd.  22  (1901),  S.  181  ff. 

4)  VgL  die  SL  Galler  Rodel  bei  Wartmann,  Urkundenbuch  der  Abtei  St  Gallen^ 
Bd.  3,  St  Gallen  1882,  S.  746  E  Das  Habsburgische  Urbar,  herausgeg.  von  R.  Maag, 
in  Quellen  zur  Schweizer  Geschichte  Bd.  14  und  15  (Basel  1894,  99).  Das  Üteste  Eia> 
Siedler  Urbar,  herausg^.  von  P.  Gall  Morel  in  Der  Geschichtsfrennd,  Mitteüungen  des. 
historischen  Vereins  der  fünf  Orte,  Bd.  19  (1863),  S.  93  ff.  Das  Einsiedler  Urbar  von 
1331,  herausgeg.  von  P.  Odilo  Ringholz,  ibid.  Bd.  45  (1890),  S,  i  (L  Ein  Rheinaner 
Urbar  des  XIV.  Jahrhunderts,  herausgeg.  ron  J.  M  e  7  e  r ,  in  Alemannia,  Zeitschrift  f&r  Sprache,. 
Litteratur  und  Volkdmode  des  TOsassrt  und  Oberrhtins,  herausgeg.  von  A.  Birlinger^ 
Bd.  4  (1877),  S.  106  fi:^  212  ff. 


—     269     — 

nicht  als  Hufen  oder  Schupposen  bezeichnet  werden  ^) ,  ebensowenig* 
wie  das  Eigengnt  freier  Bauern  *).  An  diesen  Verhältnissen  hat  der 
Wechsel  der  Zeiten  nichts  geändert.  Die  Hufenverfassung  war  im 
Xn.  und  XIII.  Jahrhundert  so  wenig  allgemein  durchgeführt,  als  in  der 
Karolingerzeit.  Ihre  Auflösung  ist  ein  Vorgang,  der  nicht,  wie  bisher 
wohl  angenommen  werden  mufete,  sich  über  mehr  als  ein  halbes  Jahr- 
tausend ausdehnte  ^),  sondern  der,  aufs  engste  zusammenhängend  mit 
den  Veränderungen  in  der  Verfassung  der  Grundherrschaften,  im 
südlichen  Alamannien  kaum  vor  dem  XIII.  Jahrhundert  begonnen  hat 
tmd  in  der  Weise  sich  vollzog,  dais  die  nach  Hofrecht  zu  Erbe  sitzenden 
Inhaber  der  Hufen  das  Nutzland  teilten  oder  auch  Stücke  davon  ver- 
änüserten.  Die  seit  der  Karolingerzeit  durch  Ablösung  der  Frohnden 
in  Abgaben  verwandelten  grundherrlichen  Lasten  wurden,  (als  Grund- 
zins) auf  den  Boden  radiziert,  mit  diesem  geteUt,  sodals  schlie&lich 
Hufen  (und  auch  Schupposen)  zu  ideellen  Belastungseinheiten  im  Rahmen 
der  Grundherrschaft  herabsinken  konnten^). 

Inwieweit  die  aus  der  Betrachtung  eines  lokal  begrenzten  Quellen- 
kreises gewonnenen  Ergebnisse  allgemeine  Geltung  beanspruchen  dürfen, 
wird  sich  erst  durch  weitere  spezielle  Untersuchungen  ermitteln  lassen. 


i)  VgL  meine  AusfÜhningeii  über  die  Dörfer  Mari  und  Wohlen  (nach  den  AcU 
llnrcnsia,  QoeUen  cur  Schweiz.  Gesch.  Bd.  3,  T.  3)  in  dem  Aufsatz  „Zar  Agrargeschichte 
<ler  Nordostschweis  and  angrenzenden  Gebiete  vom  10.  bis  13.  Jahrbondert**  in  Conrads 
Jahrbttchem  für  Nationalökonomie  and  Statistik,  3.  Folge,  Bd.  24  (1903),  S.  601  ff., 
s.  S.  615  f. 

3)  VgL  ibid.  S.  611  wegen  der  Besitzungen  des  freien  Banem  Rözo. 

3)  So  Terlegt  Inama-Sternegg,  D.  W.  G.  i,  313  den  Anfang  bereits  ins 
Vm.  Jahrhimdert  and  läftt  ibid.  3.  i.  22$  ff.  die  Aaflösang  der  (gmndherrlichen)  Hufen- 
onfamng  ganz  besonders  im  XIV.  Jahrhundert  vor  sich  gehen. 

4)  Besonders  deutlich  ersichtlich  ist  die  Hufenteilung  in  dem  oben  S.  268,  Anm.  4 
erwähnten  Rheinaner  Urbar,  wo  für  die  einzelnen  Höfe  das  Zubehör  an  Hufen,  Schup- 
posen etc.  mit  der  darauf  ruhenden  Belastung  angegeben  wird,  und  dann  die  Teilinhaber  der 
Haien  und  ihre  Abgaben  aufgeführt  sind.  Sehr  stark  zersplittert  erscheinen  die  Hufen  in 
einem  den  Statuten  des  GrofsmOnsterstifts  Zürich  von  1 346  beigefügten  Einkünfteverzeichnis 
^Stadtbibliothek  Zürich  Msc  C.  10 a).  So  ist  ibid.  f.  240  von  Albisrieden  gesagt,  dafs 
Niemals  dort  3Vt  Hufen  vorhanden  waren,  die  proeessu  temparum  ex  vendicumibuSy 
iontUicmbua  ei  permutaiiombus  adeo  partieulariter  nmt  divise,  quod  vtx  vel  ttmquam 
rtmUgrari  pos9%mt.  Für  Schwamendingen  werden  (f.  251)  aufser  dem  Kelnhof  loy,  Hufen 
«od  6  Schupposen  aufgeführt  (ebenso  im  Habsburger  Urbar  1.  c.  14,  252),  die  schon  stark 
zerstOckelt  sind,  während  in  einem  Urbar  des  XVL  Jahrhunderts  die  Hufenverfassung  wieder- 
hergestellt erscheint,  und  die  Dorföffnung  von  1533  Teilung  der  Hufen  oder  Abverkauf 
von  ParzeUen  verbietet,  eine  Bestimmung,  welche  die  älteren  Weistttmer  des  Dorfs  noch 
nicht  enthielten,  s.  Hotz,  Zur  Geschichte  des  Grofsmttnsterstifts  Zürich  und  der  Mark 
Schwamendingen,  Bd.  i,  Urkundenbuch  (Zürich  1865),  S.  38  nr.  45  und  S.  39  nr.  46. 


—     270     — 

Gewife  waren  die  Verhältnisse  nicht  in  allen  deutschen  Landschaften 
die  gleichen ;  aber  gerade  da,  wo  gnindherrlicher  Besitz  überwog,  sind 
auch  die  Hufen  besonders  häufig  zu  finden  ^).  Anderwärts  ist  die 
doppelte  Bedeutung  des  Wortes  mansus  zu  beachten,  das  vor  allen 
in  den  Lorscher  Traditionen  vielfach  ausschließlich  die  Hofstätte  be» 
zeichnet.  Gesondert  aufgeführte  Pertinenzen  des  manstis  entsprechen 
dann  sehr  wenig  dem  herkömmlichen  Begriff  der  Hufe  ^).  Aus  den 
Urbaren  der  Karolingerzeit  können  über  die  Beschaffenheit  des  Grund- 
eigentums freier  Bauern  keine  Aufschlüsse  gewonnen  werden,  da  in 
ihnen  nur  grundherrlicher  Besitzstand  verzeichnet  ist ').  Gerade  die 
Urbare  schildern  jedoch  so  deutlich  die  Hufe  als  Nutzungs-  und  Be- 
lastungseinheit im  Frohnhofsverband ,  dafs  allein  schon  die  in  ihnen 
massenhaft  vorhandenen  Zeugnisse  jeder  anderen  Auffassung  der  Hufe 
die  gröfeten  Schwierigkeiten  bereiten. 

Die  Frage  nach  dem  Wesen  der  Hufe  hat  einschneidende  Bedeu- 
tung für  die  gesamte  Auffassung  von  der  sozialen  und  wirtschaft- 
lichen Entwicklung  des  deutschen  Volkes.  Eine  Lösung  kann 
sie  nicht  finden  durch  Abstraktionen  und  Rückschlüsse,  welche  achtungs- 
los über  die  Wandlungen  im  Verlauf  einer  mehr  als  tausendjährigen  Ge- 
schichte hinweggehen.  Nur  eindringende  lokalhistorische  Forschung 
vermag  all  die  Veränderungen  nachzuweisen,  welche  die  scheinbar  so« 
stabilen  agrarischen  Zustände  erfahren  haben.  Aus  Nordfrankreich  liegt 
wichtiges  Material  zum  Vergleich  vor  *).   Die  reichhaltigen  Quellen  Eng- 


i)  Über  die  Gnindbesitzyerteilang  znr  Karolingerzeit  in  Deutschland  und  das  ftir 
die  Ermittelang  derselben  verwendbare  Material,  vgl.  meinen  Aufsatz  in  dieser  Zeitschrift 
Bd.  3  (1901),  S.  65  fif.  Sehr  bemerkenswert  ist  z,  B.  im  breviarium  des  Abts  Urolf  von 
Niederalthaich  in  Bayern  (Monumenta  Boica  Bd.  11,  S.  13  ff.)»  ^^  ^  ^^  Schenkungen, 
welche  der  Herzog  machte  oder  die  aus  Herzogsgut  herrührten,  die  Zahl  der  mansi  an- 
gegeben wird.  Bei  den  Traditionen  der  nobiles  heifst  es  nur,  dafs  sie  Erbgut  des  Tra- 
denten  an  dem  und  dem  Orte  betrafen. 

2)  Das  hat  schon  Landau,   Territorien  S.  5  fi^,  erkannt  und  mit  Beispielen  belegt. 

3}  Ober  Urbare  vgl.  J.  Susta,  Zur  Geschichte  und  Kritik  der  Urbarialaufzeich- 
nungen,  Sitzungsberichte  der  Wiener  Akademie,  phiL  hist  Klasse,  Bd.  138  (1898).  Aufser 
den  vom  Lamprecht  2,  59  ff.  behandelten  Prümer  und  Metlacher  Urbaren  sind  besonders 
interessant,  auch  w^en  der  Möglichkeit  des  Vergleichs  mit  Urkunden,  die  jedenfalls  auf 
karolingische  Grundlage  zurückgehenden  Aufzeichnungen  von  Weifsenburg  und  Lorsch. 
Erstere  bei  Zeufs,  Traditiones  possessionesque  Wizenburgenses  (Speier  1842),  S.  269  ff.,  vgl. 
W.  Hart  t er.  Der  Güterbesitz  des  Klosters  Weifsenburg  i.  E.  2.  Teil,  Gymnasialprogramm, 
Speier  1893/4;  letztere  im  Lorscher  Traditionskodex,  Codex  principis  olim  Laureshamensis 
diplomaticus,  ed.  Academia  Palatina  (Mannheim  1768),  Bd.  3,  S.  175  ff.,  nr.  3651  ff. 

4)  Für  Nordfrankreich  hat  Gu^rard  in  den  Erläuterungen  zum  polyptichum  Ir- 
minonis  den  Begriff  des  mansus  festgestellt  nach   dem  Gebrauch   des  Wortes   in   diesen» 


—     271     — 

lands  würden  erneute  Durchsicht  verdienen  ^),  Erst  wenn  es  gelungem 
ist,  die  Entwickelung  bis  zu  ihrem  durch  positive  Zeugnisse  erkenn- 
baren Ausg^angspunkt  zurückzuverfolgen,  können  Vermutungen  über 
die  dunkle  Vorzeit  gewagt  werden. 

Auf  einen  Umstand  möchte  ich  noch  hinweisen.  Vollkommen 
durchgeführt  erscheint  die  Hufenverfassung  im  deutschen  Kolonisations- 
g^biet  östlich  der  Elbe.  Dort  sind  die  Ansiedelungen  in  Dörfern  er- 
folgt, das  Land  wurde  in  Hufen  ausgeteilt,  Acker  und  gemeine  Mark 
blieben  gesondert;  aber  gerade  die  ostelbischen  Ansiedelungen  tragea 
durchgehends  grundherrlichen  Charakter  >).  Es  haben  nicht  die  zu- 
ziehenden Bauern  den  Boden  als  Eigentum  okkupiert,  sondern  ihui 
von  den  Eigentümern  zu  Erbzinsrecht  'angewiesen  erhalten.  Die  inv 
Mutterlande  ausgebüdeten  Formen  von  Dorfverfassung  und  Gnmd- 
herrschaft  wurden  auf  die  Kolonieen  übertragen  mit  denjenigen  Modi- 
fikationen in  Bezug  auf  persönliche  Freiheit  der  Hintersassen  und  häufige 
auch  geringere  Höhe  der  speziell  grundherrlichen  Belastung,  welche 
dem  freiwilligen  Eintritt  in  das  Leiheverhältnis  und  der  Leistung  der 
Beliehenen  für  Nutzbarmachung  des  Landes  entsprachen.  Kaum  glaub- 
Uch  erscheint,  dals  germanische  Krieger,  die  im  wilden  Ansturm  den 
römischen  Grenzwall  durchbrachen  und  das  Schilddach  der  Legionen 
sprengten,  auf  dem  Boden  eroberter  Provinzen  ebenso  fein  säuberlidt 
ihre  zum  notdürftigen  Unterhalt  der  Familie  gerade  ausreichenden 
Äckerlein  sollen  abgezirkelt  haben,  wie  das  an  Untertänigkeit  gewöhnte 
Bauern  taten,  welche  nach  dem  Osten  auswanderten,  um  mehr  Land 


UrbAT  des  Klosters  Saint-Germain-des-Pr^,  s.  Poljptyque  de  Tabb^  Irminon,  ed.  Gn^rard,« 
Bd.  I  (Paris  1844),   S.  577  ff.     Seine  Begrifftbesümmnog  „on  doit  entendre,  en  g6n^ral, 
par  mause  iine  sorte  de  ferme  oa  nne  habitation  mrale  k  laqneUe  ^tait  attacb6e,  4  per-- 
pteit6,  nne  qnaoüt^  de  terre  d6termiii6e  et,  eo  principe,   invariable **  war  weit  gefafst,. 
SB  anfser  den  mit  Hintersassen  besetzten  mansi  aach  dem  mansns  dominicos  einsaschliefsen. 
Von  letzterem  sieht  Fnstel   de  Conlanges   aosdrücklich   ab,   wenn  er  anter   dem  mansas 
„ranit^  de  tennre"  rersteht  (Histoire  des  institntions  politiqnes.     L'aUen  et  le   donuune- 
rvaly  Paris  1889,  S.  367)  uid  ibid.  371  sagt,  „les  hobae  sont,   en  g6n^ral,   des  manses- 
d'esdares  on  de  Utes."    Mit  Rücksicht  auf  westfränkische  Veriiältnisse  ist  jedenfalls   die 
Bedentnng  des  mansns  in  den  karolingischen  Kapitularien  zu  erklären ;  vgL  ilbrigens  meine - 
demnächst  in  der  Historischen  Vierteljahrschrift  erscheinende  Abhandlung  über  „Die  Land- 
gfiter  in  den  fränkischen  Formelsammlungen". 

i)  VgL  fiber  die  flir  das  ältere  englische  Agrarwesen  streitigen  Fragen  W.  J.  Ashley,, 
Ab  introdnction  to  English  economic  history  and  theory,  Bd.  i ,  The  middle  ages 
(London  1888). 

2)  Vgl.    besonders   Meitzen,   Urkunden   schlesischer  Dörfer   zur   Geschichte   der 
ländlichen  Verhältnisse  und  der  Flureinteilung  insbesondere   [=  Codex  diplomaticus  Sile- 
■iae,  Bd.  4  (Breslau  1863)]. 


—     272     — 

tind  bessere  Bedingungen  zu  finden,  als  die  übervölkerte  Heimat  zu 
bieten  vermochte.  Es  ist  vielmehr  ein  g'anz  ung'eheuerer 
Anachronismus,  die  Formen  der  g'ermanischen  Ansiede- 
lungen auf  römischem  Boden  in  der  Völkerwanderung's- 
^eit  gleich  zu  setzen  mit  denen,  welche  bei  der  deutschen 
Kolonisation  imOsten  über  ein  halbes  Jahrtausend  später 
üblich  waren,  und  die  Bodenverteilung  in  den  deutschen 
.Stammesgebieten  zur  Merovingerzeit  sich  unter  dem  Bilde 
vorzustellen,  welches  die  Landbücher  des  XIV.  Jahr- 
hunderts von  Brandenburg  und  Schlesien  gewähren.  Und 
•  doch  würden  zu  solchen  Folgerungen  die  geltenden  Anschauungen  von 
der  Hufe  fuhren,  indem  sie  über  den  tiefgreifenden  Unterschied  von 
Eigengut  der  Freien  und  dienenden  Gütern  der  Hintersassen  in  der 
'Grundherrschaft  mittels  einer  durch  die  Quellen  nicht  bestätigten 
Fiktion  hinweggleiten. 


Mitteilungen 

Famillenforsehung.  —  Die  Bedeutung  einer  nach  wissenschafUichen 
Grundsätzen  betriebenen  Familien  forschung  —  d.h.  der  Untersuchungen, 
die  über  Jahrhimderte  hinweg  eine  Famüie,  ihre  Wanderungen ,  die  Berufe 
ihrer  Glieder  u.  s.  w.  verfolgen,  —  läfet  sich  heute  keinen  Augenblick  ver- 
kennen, und  ihre  Zusammengehörigkeit  bezw.  Interessengemeinschaft  mit  der 
Ortsgeschichte  wurde  bereits  früher  nachdrücklich  betont^).  Aber  gerade 
auf  diesem  Felde  sind,  da  das  allerindividuellste  Gebiet  geschichtlichen 
Lebens,  die  einzekie  meist  nicht  weiter  hervortretende  Person,  Forschungs- 
objekt ist,  die  Schwierigkeiten  ganz  besonders  grofs  und  für  den  einzelnen 
(äst  unüberwindlich.  Zwar  beschäftigen  sich  heute  viele  einzelne  Personen 
mit  der  AufheUung  ihrer  Familiengeschichte,  aber  ihre  Arbeit  pflegt  der  All- 
gemeinheit verloren  zu  gehen,  da  eben  nur  die  im  besonderen  daran  Inter- 
essierten davon  Kenntnis  nehmen  und  der  Forscher,  den  aus  rein  sachlichen 
Gründen  eine  bestimmte  Person  und  ihre  Herkunft  interessiert,  selbst  dann, 
wenn  die  entsprechenden  Nachforschungen  bereits  einmal  angestellt  worden 
sind,  selten  etwas  davon  erßLhrt  oder  sie  sich  gar  zu  nutze  machen  kann. 
Und  kommt  er  selbst  in  diese  glückliche  Lage,  dann  sind  die  ihm  vor- 
liegenden Angaben  vielfach  zu  ungenau  tmd  entsprechen  nicht  seinen  kri- 
tischen Anforderungen,  sodaüs  er  doch  selbst  aufis  neue  an  die  Arbeit  gehen 
mufs.  Das  sind  Mifsstände,  die  sich  bei  dem  heutigen  Stande  der  For- 
schung immer  empfindlicher  fühlbar  machen,  und  wenn  sich  Mittel  finden 
liefisen,  um  sie  zu  beseitigen,  so  wäre  dies  für  die  gesamte  Geschichtsforschung, 

i)  VergL  diese  ZeiUchrift  3.  Bd.,  S.  182  —  185. 


—    273    — 

nameadich  Tom  XVI.  bis  XIX.  Jahrhundert  ein  unschätzbarer  Gewinn.  £in 
Versuch  dazu  wird  jetzt  von  Leipzig  aus  unternommen;  eine  der  brei- 
testen Öffentlichkeit  zugängliche  Zentralstelle  fOr  deutsche  Per- 
sonen- und  Familiengeschichte  soll  gegründet  und  zu  deren  Begründung 
zunächst  ein  Verein  ins  Leben  gerufen  werden.  Der  Verein  ist  hier  nur 
Mittel  zum  Zweck ;  den  Mitgliedern  werden  natürlich  bei  der  Auskunfterteilung 
besonders  günstige  Bedingungen  gewährt,  aber  auch  jedem  anderen  Frager 
soll  die  Zentralstelle  ofifen  stehen.  Ihre  Aufgabe  besteht  zimächst  darin,  das 
weitschichtige  gedruckte  Material  auszubeuten  und  in  Zettelkatalogen  nieder- 
zulegen, und  daraus  jedem  Frager  gegen  geringes  Entgelt  Auskunft  zu  gewähren, 
sowie  eigene  Forschungen,  auch  im  Auftrage  der  Interessenten,  anzustellen. 
Neben  der  freiwilligen  Mitarbeit  der  Vereinsmitglieder  soll  aber  dauernd  die 
eines  historisch-wissenschaftlich  geschulten  Beamten  —  später 
mehrerer!  —  für  diese  Zwecke  nutzbar  gemacht  werden,  und  hierin  liegt 
gegenüber  ähnlichen  Versuchen  eine  beachtenswerte  Besonderheit  und,  wenn 
es  gelingen  sollte,  einigermafsen  Mittel  dafür  zusammenzubringen,  die  Gewähr 
für  ein  glückliches  Fortschreiten,  da  nicht  allein  auf  die  zufällige  oft  versagende 
Id&beTeitschaft  einzelner  gerechnet  wird. 

DreiunddreÜsig  Personen  jeglichen  Berufis,  die  sich  über  ganz  Deutsch- 
land verteilen  und  unter  denen  sich  zahlreiche  Mitglieder  der  Vereine  „Herold** 
und  „Roland**  befinden,  haben  einen  soeben  verbreiteten  Aufruf  unterzeichnet, 
den  wir  vollständig  folgen  lassen: 

Wiederholt  ist  in  den  letzten  Jahren  in  den  Kreisen  der  Genealogen 
und  Familiengeschichtsforscher  der  Gedanke  angeregt  worden,  die  grofsen 
Schwieri^eiten ,  welche  die  ungeheure  Zersplitterung  des  Materials  ihren 
Art>eiten  in  den  Weg  legt,  dadurch  zu  überwinden,  dafs  die  in  Urkunden- 
büchem,  Universitätsmatrikeln,  Bürgerlisten  und  anderen  gedruckten  und 
ungedruckten  Quellen  zerstreuten  Angaben  planmäfsig  gesanunelt  und  an 
einer  Stelle  der  Benutzung  weiterer  Kreise  zugänglich  gemacht  werden. 
Es  ist  dabei  meist  ausschliefslich  an  freiwillige  Betätigung  der  zahlreichen 
Interessenten  gedacht  worden,  und  wenn  auch  heute  schon  eine  Reihe  von 
Vereinigungen  besteht,  die  ihren  MitgUedem  solche  Forschungen  zu  er- 
leichtem suchen,  so  fehlt  es  doch  noch  immer  an  einem  Mittel,  um  jedem 
Fragenden  über  alle  tatsächlich  angestellten  Ermittelungen  Auskunft  zu  geben. 
Die  Unterzeichneten  sind  der  Überzeugung,  dafs  das  erstrebte  Ziel,  die 
Begründung  einer  Zentralstelle  für  deutsche  Personen-  und  Familiengeschichte 
nur  erreicht  werden  kann,  wenn  zu  der  freiwilligen  Arbeit  der  Interessenten, 
auf  die  gerade  in  einem  solchen  Falle  gar  nicht  verzichtet  werden  kann, 
die  Mitarbeit  historisch  geschulter  Arbeitskräfte  tritt,  deren  es  vor  allem 
bedarf  zur  systematischen  Durcharbeitung  des  schon  gedruckt  vorliegenden 
QueUenmaterials ,  um  das  Material  zu  ergänzen  und  auszubauen,  das  der 
einzelne  freiwillige  Mitarbeiter  seiner  Neigung  oder  seinem  Berufe  gemäfs 
bearbeitet  Zur  Beschafitmg  der  Mittel  für  die  zunächst  nötigen  Bücher, 
Schreibmaterialien  und  Zettelkästen,  sowie  für  die  nötigen  Arbeitskräfte, 
haben  die  Unterzeichneten  beschlossen,  einen  Verein  zur  Begründung  imd 
Erhaltung  einer  solchen  2^ntralstelle  ins  Leben  zu  rufen,  dessen  Mitglieder 
durch  einen  regelmäisigen  Jahresbeitrag  und  nach  Kräften  durch  Einsendung 
korrekt  ausgefüllter  Zettel  zu  dem  bezeichneten  Zwecke  mitwirken  sollen. 

19 


—     274    — 

Sie  richten  deshalb  aa  alle  Freunde  ÜEuaufieogeschichtlicher  Forschung  die 
Bitte,  das  Zustandekonunen  des  Unternehmens  durch  den  Beitritt  zu  diesem 
Verein  zu  unterstützen. 

Als  Grundlage  einer  solchen  Zentralstelle  soll  dann  ein  alphabetisdi 
geordneter  Zettelkatalog  geschaffen  werden,  dessen  einzelne  Zettel  enthalten 
sdkn:  Geburts-  bezw.  Taufzeit  und  Ort,  Todeszeit  und  Ort,  Angaben  über 
Wohnort  und  Lebensstellung,  Verheiratung,  Eltern  imd  Kinder  unter  genauen 
Angaben  der  Quellen  und  bei  Zetteln,  die  von  Mitgliedern  eingesandt  sind, 
die  Angabe  des  Einsenders.  Ausgeschlossen  sollen  alle  die  Personen  sein, 
über  welche  bereits  genaue  biographische  Angaben  in  allgemein  zugäng- 
lichen gedruckten  Werken  vorhanden  sind,  die  Zentralstelle  würde  aber  fUr 
solche  Personen  die  gedruckte  Literatur  nachweisen,  auf  Anfragen  Auskunft 
erteilen  und  gegen  geringes  Honorar  Abschriften  des  in  ihren  Zetteln  vor- 
handenen Materials  liefern.  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dals  eine  so  aus- 
gestattete Zentralstelle  nicht  nur  flir  die  Familien-  und  Personengeschichte, 
sondern  auch,  für  die  Orts-  und  Namensforschung,  die  Geschichte  der 
inneren  Wanderungen  und  der  Stämme  von  gröfster  Wichti^eit  sein  würde. 
Die  Schwierigkeiten,  die  dem  Unternehmen  entgegenotehen,  verhehlen  sich 
die  Unterzeichneten  nicht,  sie  weisen  aber  darauf  hin,  da&  eine  ähnliche 
Einrichtung  kleineren  Maßstabes  besteht  bei  der  Commission  de  Vkütok-e 
des  SgUaes  tcaUonnes  in  Leyden  (Holland),  die  Kircbenbuchauszüge  fran- 
zösisch-reformierter  Gemeinden  in  Belgien,  Holland,  Deutschland  u.  s.  w. 
besitzt  und  davon  gegen  geringe  Gebühr  Abschriften  liefert 

An  die  Verwirklichung  des  Planes,  eine  Zentralstelle  ftir  deutsche 
Personen-  tmd  Familiengeschichte  zu  schaffen,  kann  nur  gegangen  werden, 
wenn  die  zugesagten  B^eiträge  eine  genügende  Höhe  erreichen,  und  die 
Zeichner  von  Jahresbeiträgen  sollen  deshalb  bis  zum  i.  Januar  1904  an 
ihre  Zusage  gebunden  bleiben.  Bis  dahin  wird  ihnen,  wenn  das  Zustande- 
kommen der  Zentralstelle  gesichert  ist,  eine  entsprechende  Mitteilung  zu- 
gehen und  der  Beitrag  von  ihnen  erhoben  werden. 

Als  jährlicher  Mindest-Beitrag  sind  fünf  Mark  festgesetzt  worden. 

Zuschriften  und  Sendungen  werden  zunächst  erbeten  an  Rechtsanwalt 
Dr.  Breymann  in  Leipzig,  Neumarkt  29. 

Allen  Freunden  der  Geschichte,  im  besonderen  den  Genealogen  mufs 
die  Beteiligung  an  diesem  Unternehmen  empfohlen  werden.  Es  ist  nicht  von 
vornherein  zu  grofsartig  angelegt,  kann  mit  einigen  Tausend  Mark  jährlich 
wohl  seine  Täti^eit  beginnen,  aber  die  Organisation  gestattet  auch  leicht 
eine  Ausdehnung  und  Vergröferung  des  Betriebes,  wenn  das  Interesse  und 
damit  die  finanzielle  Grundlage  wächst 

ZeltoclurlftolU  —  Der  Fuldaer  Geschichtsverein  veranlafst  seit 
1 902  die  Herausgabe  der  FuZdaer  Oesehieht^UUtef',  die  der  Stadt- 
archivar Dr.  Josef  Karteis  redigiert  imd  die  mit  dem  Untertitel  Zeüschrift 
für  OeschiebU,  Kunst-,  Kultur-  und  Wirtsehaßsgtsokkhte,  insbesondere  des  ehe- 
makgen  Fürstentums  Fulda  als  MonsUsbeilage  zur  Fuldaer  Zeitung  erscheinen. 
Der  erste  Jahrgang  (1901)  liegt  jetzt  abgeschlossen  vor  (192  S.  S^)  imd 
zeigte  wie  ein  Verein  ohne  grofse  Kosten  sich  ein  Organ  schaffen  und  — 


—    «76     — 

noch  mehr  ist  *—  zugleich  auf  die  weiteren  Kreise  wirken  kann,   da 
eben   in   der  Beäage  zur  Tageszeitung  mancher  Dinge  liest,  die  ihm  sonst 
nie   zu  Gesicht  kommen  würden  ^).     Beiträge ,   die   auch  für  die  allgenieine 
Forschmig  belangreich  sind,  stellen  die  Wieiertäuferhewegiing  im  ehemoHgen 
HoeksUft  FiMa  von  Karteis  (S.  3 — 20)  und  Fulda  im  Bauernkriege  von 
Antoni  (8.  33 — 41,  49 — 59,  65 — 72)  dar:  beide  Verfasser  benutzen  neben 
der  Literatur  Akten   des  Marburger  Staatsarchivs.     Recht  lehrreich  ist  auch 
der  Au£ntz  über  die  Lebensmittelpreise  in  Fkäda  (S.  8x^—88,   97 — 109), 
in   dem  Karteis  die  Polizeibestimmungen  geschickt  mit  den  Ergebnissen  der 
Rechnungen  verbindet:   die   ganz  allgemein  übUche  Tabelle,   nach  der  das 
Gewicht  eines  Groschenbrotes  mit  dem  Kompreis  variiert  (S.  102),   nicht 
wie   heute  der  Preis   für  ein  feststehendes  Gewicht,   verdient  bei  ähnlichen 
Stadien  zum  Vergleich  herangezogen  zu  werden.    Von  eigentümlichem  Reize 
und  für  die  Geschichte  der  Chronistik,  ganz  abgesehen  von  den  Nachrichten, 
die  sie  bringt,  wertvoll  ist  die  den  Jahren  1637 — 1667  entstammende  Chrcmik 
eines  Stausenbacher  Bauern,  die  id,  fünf  Stüdcen  vollständig  mitgeteilt  wird: 
eine    ganz   drastische  Schilderung  erfährt   der  Besuch  eines  Wolfe  im  Dorfe 
Stansenbach  und  seine  Verfolgung   am    16.  Mai    1643;   u*  ^  E^^^  damus 
hervor,   daüs  der  Bauer  auch  damals  noch  nackt  im  Bett  zu  liegen  pflegte 
(S.  130).     Eine   grö&ere  Zahl  MiszeUen   berichtet  über  die  verschiedensten 
Vorgänge  meist  durch  Mitteilung  von  Aktenstüdcen :   bemerkenswert  ist  das 
Verzeichnis  der  Fuldaischen  Bürger  von  1525 — 27:  es  sind  370  (S.  22 — 27); 
16 18  werden  auf  dem  Wdhnachtsmaikte  zu  Fulda  von  Auswärtigen  Honig- 
kuchen feilgeboten  (S.  191).    Recht  verdienstvoU  ist  schliefslich  der  Versuch, 
eine  Fuldaische  Bibliographie  zusammenzustellen,  der  in  8  Studien  gemacht 
wird;    diesem   löbHchen  Unternehmen  sollten  alle  Geschichtsvereine  für  ihr 
Gebiet  besondere  Aufinerksamkeit  zuwenden  und  vor  allem  verstreute  Zeit- 
schriftenaufeätze  sämdich,  wie  es  hier  geschieht,  mit  Titel  und  genauer  An- 
gabe der  Fundstelle  aufiühren!     Die  Leistung  des  Fuldaer  Geschichtsvereäis 
und  des  Redakteurs  verdient  die  vollste  Anerkennung,  denn  mit  bescheidenen 
Mitteln  ist  hier  viel  erreicht:   die  Beiträge  sind  voUcstümlidi  und  jedermann 
verstftndHch  und  doch  zugleich  sachUch  wertvoll,   sodafs  jeder  Forscher  für 
seine  Zwecke  hier  brauchbares  Material  finden  kann  und  die  Zeitschrift  einer 
Durchsicht  würdigen  solke. 


Von  der  bereits  früher  *)  erwähnten  Vierteljahrschrift  iDeUiSCh'AMS' 
rikamtBehe  Ges^^UchtäbUtMer,  die  die  Deutsch-Amerikanische 
Historische  Gesellschaft  von  Illinois  herausgibt,  hegen  jetzt  zwei 
Jahrgänge,  1901  und  1902,  abgeschlossen  vor  und  zeigen,  daft  'die  deutsche 


i)  Ganz  ähnlich  steht  es  mit  den  Blättern  fUr  lippische  HeimaÜcimde,  die  als 
monatliche  Beilage  der  Lippischen  Landeszeitnng  in  Detmold  erscheinen,  aber  ohne  dafs 
tto  Verein  dahinter  steht.    Vgl.  2,  Bd.,  S.  189. 

2)  VgL  diese  Zeitschrift  3.  Bd.  S.  311 — 312.  —  £•  gibt  anch  eine  „Gesellschaft 
filr  die  Geschichte  der  Deutschen  in  Maryland^^  mit  dem  Site  in  Baltimore,  aber  eine 
Zeitschrift  hat,  wie  es  scheint,  nur  die  Deutsch-Amerikanische  Gesellschaft  von  Illinois, 
die  aber  nicht  nur  Illinois,  sondern  das  gante  Gebiet  der  Vereinigten  Staaten  als  ihr 
Aibeitagebiet  betraditot. 

19* 


—     276     — 

Geschichtsforschung  allen  Grund  hat,  nicht  achtlos  an  dieser  VeröfientUchung 
vorüberzugehen.  Es  ist  ein  Stück  deutscher  Geschichte,  dessen  Aufdeckung 
sich  die  Gesellschaft  zum  Ziel  gesetzt  hat,  denn  sie  will  den  Anteil  des 
deutschen  Volkes  an  der  Kolonisation  und  dem  Ausbau  des  Staats-  imd 
Wirtschaftslebens  in  den  Vereinigten  Staaten  erforschen,  und  das  ist  eine 
Notwendigkeit,  da  von  der  offiziellen  und  vorherrschenden  englisch  gefärbten 
Geschichtschreibung  dieser  Anteil  absichtlich  und  unabsichtlich  vernach- 
lässigt worden  ist  Für  die  Geschichte  der  deutschen  Landschaften  sind 
diese  Blätter  so  wichtig,  weil  sie  zu  einer  individuellen  Charakteristik  des 
Auswanderertums ,  das  in  der  Regel  in  Deutschland  nur  statistisch  begriffen 
wird,  fortschreiten  und  so  den  Verlust,  den  das  Mutterland  durch  Abgabe 
so  vieler  seiner  Kinder  erlitten  hat,  verstehen  lehren.  Die  Persönlichkeit  und 
die  Arbeit  der  Auswanderer,  die  Mühe  und  die  Not  der  Kolonisten  wird 
in  zahlreichen  Einzelbeispielen  geschildert,  und  die  alte  Heimat  bildet  dabei, 
wenn  irgend  nähere  Kenntnis  davon  vorliegt,  den  Ausgangspunkt 

Die  Zeitschrift  erscheint  vierteljährlich,  aber  leider  nicht  so,  dafs,  wie 
wir  es  in  Deutschland  gewöhnt  sind,  vier  Hefte  einen  Jahrgang  und  Band 
mit  einem  Titelblatt  bilden,  sondern  jedes  Heft  steht  mit  einer  selbständigen 
Seitenzählung  für  sich;  das  im  je  vierten  Hefte  veröffentlichte  Inhalts-  und 
Namenregister  kann  den  Mangel  nicht  ersetzen,  und  jedenfalls  sollte  daneben 
eine  systematische  Inhaltsübersicht  nicht  fehlen.  Ein  alphabetisches  Register 
folgt  besser  nach  Abschlufs  von  etwa  fünf  Jahrgängen  und  mufs  dann  den 
gesamten  mitgeteilten  Stoff  zu  einer  Einheit  zusanunenzufassen  suchen.  An 
der  Form  der  Beiträge  ist  vielleicht  für  manchen  Leser  störend,  dafs  die 
einzelnen  Aufsätze  offenbar  absichtlich,  um  sofort  recht  viel  verschiedenes  zu 
bieten,  recht  klein  sind,  so  dafs  der  Stoff  allzusehr  zerstückelt  wird.  Wird 
eine  Mitteilung  zunächst  zurückgelegt  imd,  wenn  eine  kleine  Zahl  verwandter 
Arbeiten  vorliegt,  mit  diesen  zugleich  veröffentlicht,  so  verliert  jede  mitgeteilte 
Tatsache  die  Eigenschaft  des  Kuriosiuns,  denn  dann  tritt  im  Einzel&ll  das 
Typische  hervor.  Ein  so  herrUches  Stück  wie  Börstlers  Tagebuch  sollte 
höchstens  in  zwei  oder  drei  Abschnitten  mitgeteUt  werden;  jetzt  liegt  es  in 
sieben  Stücken  vor  und  ist  noch  nicht  abgeschlossen.  Im  Einzelnen 
könnten  die  positiven  Angaben  genauer  sein :  z.  B.  läfst  sich  I,  3,  S.  40  aus 
dem  Zusammenhange  nicht  erkennen,  im  April  welchen  Jahres  das  deutsche 
Theater  in  Chikago  eröfhet  worden  ist;  es  kann  1857  ebensogut  wie  1858 
gemeint  sein.  Büchertitel  sollten  stets  so  vollständig  imd  genau  sein,  dafs 
der  Leser  sie  ohne  weiteres  in  einer  Bibliothek  bezw.  beim  Buchhändler  zu 
bestellen  und  dieser  sie  zu  identifizieren  vermag.  Diese  Bemerkungen  sollen 
nur  vom  deutschen  Standpunkte  aus  auf  einige  formale  Mängel  aufinerksam 
machen,  sollen  aber  niemandem  die  Freude  am  Inhalt  verkümmern! 

*  Wert  und  Ziel  der  deutsch-amerikanischen  Geschichtsforschung  behandelt, 
wie  billig,  der  erste  Beitrag  (I,  i,  S.  4 — 8),  und  Wilhelm  Vocke  hat  mit 
wenigen  kräftigen  Zügen  hier  die  Beziehungen  klargelegt,  die  zwischen  den 
Deutschen  in  den  Vereinigten  Staaten  und  den  Deutschen  im  Mutterlande 
bestehen.  Eme  Ergänzung  dazu  bildet  die  Zuschrift  von  H.  A.  Ratter- 
mann (Cincinnati)  an  den  Verein  (I,  i,  S.  11 — 12),  die  um  so  wertvoUer 
ist,  als  der  Verfasser,  entschieden  der  eifrigste  deutsch-amerikanische  Ge- 
schichtsforscher, bereits  in  den  dreizehn  Jahrgängen  seiner  Zeitschrift  Pionier 


—     277     — 

dne  FfiUe  einschlägiger  Arbeiten  veröffentlicht  hat.  Der  Weit  der  Arbeit,  die 
der  Verein  leisten  will,  wird  aber  nicht  nur  von  den  schriftstellerisch 
tätigen  Deutsch- Amerikanern  anerkannt,  sondern  eine  ganze  Reihe  am 
Schlosse  der  ersten  Hefte  unter  Aus  unsrer  Briefmappe  mitgeteilte  Zu- 
schriften beweisen,  dafs  sich  Angehörige  aller  Kreise  lebhaft  daftir  interes- 
sieren und  ihre  z.  T.  ererbten  Aufzeichnungen  aus  der  Vergangenheit  zur 
Verfügung  steUen.  Nicht  minder  legen  die  zahlreichen  Geschenke  für  die 
Bibliothek  Zeugnis  davon  ab,  die  zusammen  mit  der  Verzeichnung  deutsch- 
amerikanischer Geschichtslitteratur  manchen  in  Erstaunen  darüber  setzen 
dürften,  wie  viel  Material  bereits  ausgegraben  ist,  das  nur  der  Ergänzung 
und  vor  allem  Ausbeutung  bedarf.  —  Von  den  Beiträgen  können  hier  nur 
die  charakteristischen  genannt  werden,  sie  mögen  ein  Bild  davon  geben,  was 
für  den  Deutschen  hier  zu  suchen  ist.  Natürlich  wird  den  Deutschen,  die 
sich  nachgewiesenennafsen  zuerst  an  diesem  oder  jenem  Orte  niedergelassen 
haben,  besondere  Aufinersamkeit  geschenkt,  und  ihre  Lebensschicksale  werden 
mit  Recht  z.  T.  einzeln  dargestellt,  denn  nur  so  lassen  sich  bestimmte  be- 
gründete Anschauungen  über  das  typische  Einwandrergeschick  gewinnen. 
Eine  wiederholt  zu  machende  Beobachtung  ist  z.  B.  die,  dafs  die  Einwandrer 
nacheinander  an  recht  vielen,  oft  weit  voneinander  entfernten  Orten  ihr 
Glück  versuchen,  ehe  sie  dauernd  sefshaft  werden.  Die  Geschichte  der 
Deutschen  Quinc/s  wird  von  I,  2  an  in  sieben  Abschnitten  geschildert  und 
ist  damit  noch  nicht  zu  Ende  geführt :  Der  erste  Deutsche  ist  Michael  Mast, 
1797  zu  Forchheim  geboren,  der  181 6  auswanderte  imd  sich  1829  hier 
mederUefs.  Der  erste  Deutsche  in  Chikago  hiefs  Matthias  Meyer  und  kam 
1831  dort  an  (I,  i,  S.  38  und  I,  3,  S.  17).  Die  Einwandrung  von  drei 
Banemfamilien  aus  der  Nähe  von  Aschaftenburg  1837  wird  nach  der  Er- 
zählung der  Beteiligten  anschaulich  geschildert  (I,  i,  S.  33 — 35).  Für  uns 
.ist  bei  diesen  Feststellungen  vor  allem  die  Gegend  Deutschlands,  aus  der 
die  Einwandrer  stammen,  von  Interesse  und  nicht  minder  die  2^t,  wo  sie, 
und  die  Verhältnisse,  unter  denen  sie  die  neue  Heimat  aufsuchten:  oft  ist 
eme  Rrisenepoche  die  Veranlassung,  namentlich,  wenn  eine  gröfsere  Zahl 
^chzeitig  von  dannen  zieht;  andre  meiden  als  politische  mehr  oder  weniger 
freiwillige  Flüchtlinge  die  Heimat  tmd  gehen  über  das  Meer,  und  wieder 
andre  locken  besonders  günstige  Aussichten,  von  denen  die  Kunde  zu  ihnen 
dringt,  oder  auch  gewissenlos  erweckte  Hofibungen.  In  letzterer  Hinsicht 
ist  die  Einwandrung  westfälischer  Bergleute  aus  der  Gegend  von  Musen 
nach  Virginien  17 14  von  Interesse:  40  Leute  unter  Führung  ihres  Ober- 
steigers harrten  im  Herbst  17 13  in  London  der  Überfahrt;  unter  diesen 
be£uid  sich  auch  Johann  Kemper,  dessen  Nachkoiomen  in  einer  neu  er- 
schienenen sich  über  elf  Generationen  erstreckenden  Familiengeschichte  diese 
wichtigen  Nachrichten  veröffentlicht  haben.  Die  Gründung  dieser  Bergleute, 
die  zur  Eisenschmelze  einen  heute  noch  vorhandenen  Hochofen  erbauten, 
war  die  jetzt  verschwtmdene  Stadt  Germana,  die  aber  bereits  vor  1724 
wieder  verlassen  wurde  (II,  4,  S.  28 — 32);  denn  die  Deutschen  zogen  weiter 
nordwärts  und  gründeten  das  heute  ebenfalls  wieder  eingegangene  German- 
town,  nicht  zu  verwechseln  mit  der  1833  gegründeten  gleichnamigen  Kolonie 
im  nordwestlichen  Louisiana  (I,  4,  S.  82 — 83)  und  der  ebenso  genannten 
am  Ende  des  ,XVII.  Jahrhunderts  gegründeten^  Ansiedlung  in  Pennsylvaniea 


—     278     — 

(ly  I  S.  48).   Woher  die  Weinstock,  Flachs  und  Webstuhl  iniAringenden  „Hoch- 
teutsden**  stammten,  die  1^84  bereits  in  Pennsylvanien  lebten,  ist  aus  den 
entsprechenden   Mitteilungen   nicht   zu    ersehen.     Einwandrer    aus  Drachen- 
bronn  im  Unterelsafs  kamen  seit    1833   ^  Menge  über  Havre  nach  Mac 
Henry  County  (I,  2,  S.  20);   seit  1841  treten  hier  Leute    aus  der  Eifel  auf 
(II,  4,  S.  58),  und  Oldenburgische  Jeverländer  liefsen  sich  seit  1849  in  Will 
County  nieder  (II,  i,  S.  33):  den  Anstofs  dazu  gab  der  Schulmeister  Fried- 
rich Heinrich  Luhrs  in  Norder-Schweiberg,  der  andere  nach  sich  zog.    Die 
1836  am  Missouri  angelegte  und  bis  heute  ein   deutsches  Gemeinwesen  ge- 
bliebene Stadt  Hermann  ist  die  Gründung  einer  Gesellschaft  von  Deutschen, 
die,  meist  kurz  vorher  eingewandert,  sich  in  Philadelphia  zusanunenfanden 
(I,  4,  S.  41).     Bei  weitem  am  lehrreichsten  ist  die  bereits   oben   erwähnte 
Autobiographie    und    das    Tagebuch     (noch    nicht    ganz    vollständig)     des 
Christian  Börstler:  er  stanmite  aus  Glanmünchweiler  in  der  RheinpÜEÜz, 
war  Schulmeister  und  Wundarzt  und  wanderte  1784  aus  nebst  70  Personen 
aus  seiner  G^end;    diese  fuhren  den  Rhein  hinunter  und  schifiten  sich  in 
Rotterdam  ein,  wo  gleichzeitig  drei  Schiffe  mit  180,   136  und  300  Deutschen, 
die  Kinder  ungerechnet,  nach  Amerika  abgingen  (I,  i,  S.  20).  —  Nach  einer 
gelegentlichen  Angabe  (I,  2,  S.  56)  existiert  bereits  eine  um^greiche  Samm- 
lung  der  Namen  von  Leuten,   die  vom  XVII.   bis  XIX.  Jahrhundert  aus 
Deutschland  eingewandert  sind,  aber  der  Titel  und  Erscheinungsjahr  ist  leider 
nicht  angegeben.     In  neuerer  Zeit   finden   sich  Angaben  über   die  Heiktmft 
der  Leute  in  den  Kirchenbüchern:  mitgeteilt  werden  solche  z.  B.  aus  den 
Trauregistem  der  protestantbchen  Gemeinde  in  Chikago  1861 — 71  (1, 3,  S.  45), 
woraus  sich  ergibt,  dais  die  Mehrzahl  aus  Hannover  stammt,  sowie  aus  allen 
Registern    der    Jahre    1838 — 39    (I,  4,  S.  64 — 78).     Von  ausgewanderten 
Achtundvierzigern  werden  Gustav  Adolf  R Osler  aus  Öls  (n,  2,  S.  39)  und 
Christian  Essellen  (11,  i,  S.  45 — 47)  aus  Hamm  behandelt,  ja  sogar  das 
Frankfurter  Attentat  vom  3.  April  1833  nach  den  Berichten  der  daran  be- 
teiligten Bunsen  und  Körner  (U,  i,  S.  i — 15). 

Nicht  weniger  interessant  ist  die  Schilderung  amerikanischer  Zustände 
in  früherer  Zeit  unter  deutschem  Einflufs  und  im  Kreise  der  Einwanderer. 
Da  wird  vom  Schulwesen  (I,  i,  S.  13 — 17),  vom  Schützenwesen  (I,  2, 
S.  48 — 51),  von  der  Rechtspflege  ^,  2,  S.  35 — 47 ;  n,  2,  S.  40)  erzählt,  die 
Geschichte  der  Juden  in  Illinois  (I,  3,  S.  30 — 38),  die  Gründung  des  deutschen 
Hauses  und  des  Theaters  in  Chikago  (I,  3,  S.  38 — 43)  verfolgt  Die  An- 
fänge des  kirchlichen  Lebens  (I,  2,  S.  24 — 29)  und  das  Predigerleben  in  den 
über  viele  Meilen  ausgebreiteten  Pfsurbezirken  (II,  i,  S.  47 — 49,  1841)  werden 
geschildert.  Besonderes  Interesse  bieten  auch  die  Arbeiten  über  die  Bau* 
kunst  im  Staate  Illinois  (I,  i,  S.  25 — 32)  und  die  Erlebnisse  eines  deutschen 
Ingenieurs  1867 — 1885,  die  in  sechs  Abschnitten  von  I,  3  bis  n,  4  mit- 
geteilt sind.  Auch  die  deutsche  Litteratur  ist  nicht  vergessen:  das  Leben 
des  Dichters  Johann  Oottlieb  Dönitz^  zu  HaUe  a.  S.  181 1  geboren  und 
1894  auf  seiner  Farm  in  Illinois  gestorben,  wird  kurz  (I,  i,  S.  53 — 55)  ge- 
schildert und  einige  seiner  Gedichte  sind  mitgeteilt  Wir  er&hren,  wie  im 
Rebellionskriege  1861  das  deutsche  Soldatenlied  erklungen  ist  (I,  4,  S.  29 — 31) 
and  wie  das  deutsche  lied  nicht  nur  gepflegt,  sondern  auch,  wie  es  inner* 
halb  der  deutsch-amerikanischen  Dichtung  geschätzt  wird  (I,  2,  S.  33-^3 9). 


—     2W     — 

Dn  deutsche  Elemeott  imierbalb  des  ameriksiiischen  Wirtschafb-,  Geistes«- 
und  Staatslebeos  zu  würdigen»  seine  Spnren  zu  rerfolgen  und  somit  den 
deutschen  Anteil  am  Amerikanertum,  der,  wie  schon  gesagt,  von  den  Angel- 
sachsen mannigÜEich  geschmälert  imd  herahgedrückt  worden  ist,  zur  allseitigen 
Anerkeimung  zu  verhelfen  —  das  ist  das  Bestreben  der  DetUsch^Amerikamschen 
OeaehichisbUUter.  Die  Geschichtsforschung  ist  hier  also  so  recht  in  den  Dienst 
der  Nationalität  getreten  und  hat  in  kurzer  Zeit  eine  Fülle  Ton  Arbeit  geleistet 
und  vor  allem  Anregung  gegeben.  Von  hoher  Bedeutung  ist  z.  B.  noch 
die  mit  groiser  Wahrscheinlichkeit  zutreffende  Feststellung,  dais  der  Präsident 
Lmeoin  deutscher  Abkunft  und  sein  Name  nur  en^isch  Yerstümmdt  ist, 
da  sein  Grofsrater  noch  1780  amtlich  als  Abraham  lAnkhom  bezeichnet 
wird  (I,  2,  S.  54). 

Als  schöne  Aufgabe  der  Deutsch-Amerikanischen  Historischen  Gesell- 
schaft für  die  Zukunft  mu(s  es  gelten,  einmal  eine  Bibliogn^hie  der  im 
Piomer  Terüffmdichten  historischen  Arbeiten  zu  bearbeiten  und  als  not« 
weodigerweise  erstrebenswertes  Ziel  stets  die  Schaffung  einer  grofsen  tun- 
üissenden  deutsch -amerikanischen  Bibliographie  im  Auge  zu  bebaken.  Eine 
wichtige  Vorarbeit  dazu  wäre  die  sorgsame  Sammlung  aller  deutschen 
Zeitungen:  schon  die  Feststellung  der  Titel  mit  den  Angaben  der  Jahre, 
in  denen  jede  erschienen  ist,  dürfte  oft  Schwierigkeiten  machen,  viel  gröisere 
aber  die  Beschaffung  vollständiger  Jahrgänge  ipid  ganzer  Reihen  von  diesen. 
Die  wicfat%sten  Zeitungen  zum  wenigsten  sollten  in  der  Bibliothek  der  Gesell- 
schaft vorhanden  sein,  denn  darm  wird  auf  die  Dauer  die  um&ssende 
Gnmdlage  ftir  die  amerikanische  Geschichtsforschung  liegen.  A.  T. 

Neuen  Idtentur  ttber  den  TBrkeiikrieg  y<Ni  1664  %    Unsere 

Kenntnis  der  politischen  und  militärischen  Vorgänge,  welche  mit  dem  Frieden 
von  Vasvar  im  September  1664  ihren  Abschlufs  banden,  ist  durch  einige  in 
den  letzten  Jahren  erschienene  Werke  wesentlich  erweitert  und  vertieft  worden. 
Zani<^i8t  hat  die  Direktion  des  K.  und  K.  Kriegsarchivs  in  Wien  eine  Aus- 
wähl  der  Schriften  Montecuccolis  in  deutscher  Übersetzung  herausgegeben  '). 
Diese  Sammlung  enthält  aufser  den  bereits  bekaonten  Memoiren  des  Generals 
dne  Reihe  wichtiger,  bisher  imgedruckter  Aufsätze  aus  seinem  Nachlasse.  Für 
(fie  Gesdiichte  des  Türkenkrieges  besonders  wertvoll  sind  die  in  Band  III 
nntgeteSten  Bemerkungen  zu  den  Schriften  des  Abb^  de  Noires  und  des 
Grafen  Gualdo  Priorato,  sowie  diejenigen  zu  veuetianischen  Berichten  in 
Band  IV,  femer  militärische  Gutachten  aus  dem  Jahre  1663  und  Aufzeich- 
mmgen  über  Verhandlungen  in  Regensburg  im  März  und  April  1664.  Leider 
sbd  die  zahlreichen  amtlichen  Schreiben,  die  Montecuccoli  aus  dem  Feld- 
lager abgehen  liefs,  in  diese  Sammlung  nicht  aufgenommen. 

Genaue  Nachrichten  über  das  braunschweigische  Kontingent,  welches 
sich  unter  dem  von  der  Rheinischen  Allianz  dem  Kaiser  gestellten  IClfscorps 
befimd,  gibt  O.  £lster  ^.    £r  berichtigt  dabei  die  Irrtümer,  welche  sich  in 


1)  VgL  diese  ZeiUchrift  i.  Bd.,  S.  76—88  and  S.  176. 

2)  Anigewählte  ScIurifteD  des  Rumnnd  Fürsten  Montecuccoli,  bearbeitet  von  Alois 
Ydtz^,  4  Binde.    Wien  und  Leipzig,  W.  BranmOller,  1899—1900. 

3)  Geschichte  der  stehenden  Trappen  im  Herzogtam  Braonschweig-Wolfenbtlttel  von 
1600^1714.    Leipzig,  M*  Heinsios  Nachfolger,  1899.    Elsters  Arbeit  habe  ich  flir  meinen 


—     280     — 

die  älteren  hannoverschen  Darstellungen  (v.  d.  Decken  und  Sichart)  ein- 
geschlichen haben.  Zugleich  bringt  er  wichtige  Mitteilungen  über  die  nieder- 
sächsischen Kreistruppen. 

Die  Teilnahme  Bayerns  an  dem  Kriege  ist  erschöpfend  behandelt  in 
den  beiden  einander  ergänzenden  Werken  von  M.  Doeberl  ^)  und  K.  Stau- 
dinger').  Doeberl  schildert  die  Politik,  die  Bayern  dem  Kaiser  gegenüber 
verfolgte,  Staudinger  aber  die  Taten  und  Schicksale  der  bayerischen  Truppen 
Sehr  dankenswert  wäre  es,  wenn  gleich  sorg^ltige  Untersuchungen  über  die 
Kontingente  des  schwäbischen  und  fränkischen  Kreises  angestellt 
würden.  Vor  allen  verdienen  ein  solches  literarisches  Denkmal  die  Württem- 
berger, die  sich  nach  dem  Zeugnis  des  Reichsfeldmarschalls  ebenso  wie 
die  bayerischen  und  niedersächsischen  Reiter  „gar  wohl  gehalten  haben*'. 

Eine  Biographie  des  türkischen  Oberfeldherm,  des  Grofswesirs  Achmed 
Köprili,  gibt  M.  Brosch  ')  hauptsächlich  nach  Berichten  venetianischer  Diplo 
maten.  Wenngleich  der  Krieg  in  Ungarn  dabei  nur  kurz  berührt  wird,  so 
ist  Broschs  Arbeit  doch  von  hohem  Werte  für  den  Forscher,  der  sich  über 
die  Zustände  im  türkischen  Reiche  unterrichten  will. 

Hermann  Forst  (Zürich). 

Eingegangene  Bficher. 

Voltelini,  Hans  von:  Die  ältesten  Statuten  von  Trient  imd  ihre  Über- 
liefenmg.     Wien,  Karl  Gerolds  Sohn,   1902.     187  S.  8^ 

Vancsa,  Max:  Über  topographische  Ansichten  mit  besonderer  Berück- 
sichtigung Niederösterreichs  [Sonderabdruck  aus  dem  „Jahrbuch  des 
Vereines  für  Landeskimde  von  Niederösterreich",  1902].     21  S.  8®. 

Vassileff,  Matthäus:  Russisch-französische  Politik  1689—1717  [=  Ge- 
schichtliche Studien,  herausgegeben  von  Dr.  Armin  Tille,  i.  Band, 
3.  Heft].    Gotha,  Friedrich  Andreas  Perthes,  1902.    108  S.  8^   M.  2,40. 

Werner,  Victor:  Urspnmg  und  Wesen  des  Erbgrafentums  bei  den  Sieben- 
bürger Sachsen  [=  Geschichtliche  Untersuchungen,  herausgegeben  von 
Karl  Lamprecht,  2.  Heft].  Gotha,  Friedrich  Andreas  Perdies, 
1902.     66  S.  8^ 

Wustmann,    Gustav:    Der   Wirt    von    Auerbachs    Keller,    Dr.   Heinrich 
Stromer  von   Auerbach,    1482 — 1542.     Mit   7    Briefen   Stromers    an« 
Spalatin.     Leipzig,  Hennann  Seemann  Nachfolger,  1902.     100  S.    8®. 


AofsaU  Die  deutsehen  Eetehstruppen  im  Türkenkriege  2664  (Mitteilangen  des  Instituts 
für  österreichische  Geschichtsforschung,  Ergänzungsband  VI,  S.  634 ff.)  noch  benutzen 
können.  Aufserdem  habe  ich  dort  einige  bisher  unbekannte  Notizen  über  die  Truppen 
des  westfälischen  Kreises  mitgeteilt.  Dagegen  sind  mir  die  beiden  bayerischen  Werke 
erst  später  zu  Gesichte  gekommen. 

i)  Bayern  und  Frankreich,   vornehmlich  unter  Kurfürst  Ferdinand  Maria  (München, 
C.  Haushalter,  1900). 

2)  Geschichte   des  kurbayerischen   Heeres    insbesondere  unter  KurfUrst   Ferdinand 
Maria  (München,  Lindauer,  1901). 

3)  Geschichten  aus  dem  Leben  dreier  Grofswesire  (Gotha,  Perthes,  1899). 

Harausgeher  Dr.  Anoin  Tille  in  Leipzif . 
Druck  und  Verlag  von  Fnedrioh  Andreas  Perthes,  AknenceselUchaft,  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


rar 


Brdenmg  der  landesgescbichtlichen  Forschung 

IV.  Band  August/September  1903  11./ 12.  Heft 


iUtertütner^^Ausstellungen  im  Königreiehe 

Saehsen 

Von 
Karl  Berling  (Dresden) 

Der  Deatsche  hat  lange  Zeit  kein  rechtes  Verständnis  gehabt  für 
den  Wert  seiner  alten  heimischen  Kunst.  Er  zeigte  nur  stumpfe  Gleich- 
gültigkeit oder  spottete  über  den  „spleenigen  Engländer '%  der  den 
verbrauchten  Altväterhausrat  oder  die  alten  Kirchen-  und  Ratsschätze 
für  „Unsummen",  seiner  Meinung  nach,  in  Wahrheit  um  wenig  mehr 
als  ein  Nichts  an  sich  brachte  und  ins  Ausland  schleppte. 

Von  den  Erzeugnissen  des  einst  so  blühenden  deutschen  Kunst- 
handwerkes  ist  nur  wenig  im  Lande  geblieben.  Das  meiste  ist  in  den 
Kriegen  zu  gründe  gegangen;  es  wurde  eingeschmolzen,  verbrannt, 
mutwillig  zerstört.  Viel  ist  aber  auch  durch  Freund  und  Feind,  be- 
sonders von  den  Schweden,  Franzosen  und  Russen  in  deren  Heimat 
entfiihrt  worden.  Von  dem,  was  uns  die  Kriegsstürme  gelassen,  kam 
dann  noch  ein  groiser  TeU  in  Friedenszeiten  durch  Verkauf  ins  Aus- 
land. So  sind  wir  denn  durch  Unglück  imd  Unverstand  arm  geworden 
an  unseren  alten  Ktmsterzeugnissen.  Da  aber  dieser  Fehler  uns  schon 
lange  zum  Bewußtsein  gekommen  ist,  hat  hier  eine  völlige  Umwertung 
stattgefonden.  Und  wenn  wir  auch  heute  noch  nicht  mit  den  Millionen 
der  Amerikaner  konkurrieren  können,  so  haben  wir  uns  doch  bereits 
zu  hüten,  dals  wir  nicht  gelegentlich  ins  GegenteU  verfallen,  denn  viel- 
fach erscheint  heute  schon  die  Wertschätzung  einzelner  Dinge  eine 
zu  hohe  geworden  zu  sein.  Wenn  man  bei  unserer  augenblicklichen 
Geldnot  von  den  staunenswerten  Preisen  hört,  die  auf  den  letzten 
Auktionen  z.  B.  für  „Altmeissen'*  bezahlt  worden  sind,  so  möchte 
man  meinen,  dals  ein  Rückschlag  gar  nicht  ausbleiben  kann. 

Das  Gesagte  gilt  natürlich  nur  für  einige  wenige  künstlerisch  be- 
sonders hervorragende  Stücke.  Das  meiste  hat  auch  heute  noch  einen 
bescheidenen,  häufig  genug  auch  gar  keinen  Marktpreis.    Aber  gerade 

20 


—     282     — 

dadurch  sind  solche  Dinge  vor  allem  dem  Untergänge  leicht  gewdht 
Die  gro&e  Masse  hat  hierfür  noch  immer  kein  rechtes  Verständnis. 
Das  Möbelstück,  das  nicht  mehr  zeitgemäis  erscheint,  wird  gelegentlich 
durch  ein  neues  ersetzt  Es  wandert  darm  auf  den  Boden,  wo  es  von 
den  Würmern,  Motten,  dem  Rost  oder  von  der  Kinderhand,  der  man 
es  zum  Spiele  überläfet,  zerstört  wird. 

Wohl  sind  schon  seit  langer  Zeit  private  und  öffentliche  Samm- 
lungen angel^  worden,  die  auch  von  den  bescheideneren  Kunst- 
werken retten,  was  zu  retten  ist  Aber  noch  immer  gilt  es,  in  den 
breiten  Schichten  der  Bevölkerung  ein  größeres  Verständnis  fiir  diese 
Dinge,  eine  gröfisere  Liebe  für  den  ererbten  Besitz  zu  erwecken.  Als 
ein  vortreffliches  Mittel  zur  Erreichung  dieses  Zweckes  sind  im  König- 
reiche Sachsen  die  Altertümer-Ausstellungen  in  den  kleinen 
Städten  erkannt  worden,  weshalb  auch  die  hier  in  Frage  kommende 
staatliche  Behörde,  die  Königl.  Kommission  zur  Erhaltung  der  Kunst- 
denkmäler,  sie  nach  Kräften  unterstützt.  Über  die  Au^ben  und  die 
Erfolge  der  bis  jetzt  veranstalteten  Ausstellungen  in  Sachsen  ')  sollen 
hier  einige  Mitteilungen  gemacht  werden. 


i)  Wohl  in  keinem  Lande  und  in  keiner  Landschaft  sind  AltertfimeranssteUnngeD 
bisher  in  solcher  Anzahl  Teranstaltet  worden  wie  gerade  im  Königreich  Sachsen,  aber 
dennoch  sind  sie  auch  anderwärts  nicht  anbekannt.  In  Essen  z.B.  fand 
im  September  nnd  Oktober  1901  eine  ,. ortsgeschichtliche  Ansstelluig '*  statt,  und  im 
Sommer  1903  sind  dicht  an  Sachsens  Grenze  in  Weifsenfeis  nnd  Bitterfeld,  im  Sttden 
in  Feachtwangen  solche  veranstaltet  worden.  In  H  n  s  a  m  hat  anläfslich  der  Dreihondert- 
jahrfeier  der  Stadt  eine  Kmistansstellong  stattgefunden,  aber  nähere  Mitteilungen  darfiber 
waren  leider  nicht  zu  erlangen.  Ans  Essen  liegt  der  gedruckte  Katalog  Tor:  danadi 
war  das  Ganze  eingeteilt  in  Stift  Essen  (Bildnisse;  Wappen,  Ordensinsignien  a.  s.  w. ; 
Karten;  Mtinsterkirche  and  ihr  Schatz;  Ansichten  aas  dem  Stift  and  der  Umgegend; 
Uiiomden  and  Drackschrifien ;  Münzen;  Erinnerungen  an  die  letzten  Äbtissinnen)  nnd 
Stadt  Essen  (Urkunden  und  Aktenstücke;  Siegel  und  Wappen;  Stadtpläne;  Stadt- 
ansichten; Alte  Häuser  nnd  Stadtg^enden;  Bildnisse;  Stammbäume  nnd  Wappen  Essener 
Familien;  Möbel  und  Hausgeräte;  Zur  Geschichte  des  Buchdrucks  in  Essen;  Rheinisch- 
westfälische Zeitung;  femer  Gegenstände  der  Kirchengemeinden  und  Schriftstücke  darüber; 
ebenso  über  das  Gymnasium,  Ebener  Gelehrte,  die  Gufsstahlfabrik  von  Friedrich  Krupp, 
über  die  Wildpferde  im  Emscherbmch ;  Waffen;  Gewehre;  Pistolen;  Schützenwesen; 
Städtische  Altertümer  aus  Essen  und  Steele).  Die  Besitzer  der  ausgestellten  G^enstände 
sind  sämtlich  namentlich  genannt,  und  es  ist  erfreulicherweise  eine  recht  grofse  ZahL 
Wie  schon  die  Aufzählung  der  Abteilungen  beweist,  ist  hier  der  geschichtliche  Gesichts- 
punkt stärker  betont  worden  als  der  kunstgeschichtliche:  dies  wird  aber  in  dem  Umfange 
nur  möglich  sein  bei  einer  Stadt,  die  eine  namhafte  äufsere  Geschichte  besitzt.  —  In 
Bitterfeld  hat  im  Oktober  1902  der  Zweigverein  des  allgemeinen  deutschen  Sprach- 
vereins eine  „Ausstellung  zur  Wappen-,  Familien-  und  Ortskunde  der 
Kreise   Bitterfeld   und  Delitzsch**   veranstaltet,   deren  Kosten   (480  Mk.)  durch 


—     283     — 

Wenn   wir   von    den  gröfeeren,    hier  nicht   hergehörigen  Unter- 
nehmungen in  Dresden  (1875)  und  Leipzig  (1879)  absehen,  so  finden 

di€  Beihilfen  und  das  erhobene  Eintrittsgeld  bis  auf  einen  Rest  von  9  Mk.  gedeckt 
worden  sind.  Ausgestellt  hatten  Behörden  und  Privatpersonen,  nnd  ein  Teil  der  Aos- 
steQuigsg^enstände  ist  der  bereits  bestehenden  städtischen  Sammlung  für  Heimatkiinde 
aod  Geschichte  des  Kreises  Bitterfeld  überwiesen  worden;  ein  Katalog  wurde  nicht 
gedruckt.  Die  ersten  sieben  Abteilnngen  enthielten  die  Wappen  der  Landesherren,  Städte 
Bod  Adelsgeschlechter,  die  natürlich  eine  Menge  geschichtlicher  Erinnerungen  anklingen 
lassen;  bemerkenswert  ist  darunter  besonders  das  Wappen  der  „Fläminger  Societät'% 
einer  Acker-  und  Waldgenossenschaft  angeblicher  niederländischer  Kolonisten  des  XIL  Jahr- 
hunderts, die  bis  1873  bestanden  hat.  Bürgerliche  Wappen  und  Stammbäume,  Ehren- 
bflrgerbriefe,  Familienstammbücher  und  Familienchroniken,  Siegel,  Biographieen,  Portraits, 
Antographieen ,  Ansichten,  Karten,  Kunstgewerbliche  Gegenstände  und  Orts-  und  heimat- 
kandliche  Literatur  reihten  sich  an.  Auch  hier  ist  also  der  Nachdruck  auf  das  geschriebene 
Wort  und  das  Bild  gelegt  worden,  die  Gegenstände  treten  dem  gegenüber  mehr  zurück.  — 
In  Weifsenfeis  bildete  im  Juni  1903  eine  vom  Verein  für  Natur-  und  Alter- 
tumskunde veranstaltete  Ausstellung  einen  Anziehungspunkt.  Die  G^enstände,  den 
vendiiedensten  Eigentümern  gehörig,  waren  in  elf  Abteilungen  geschieden,  nämlich :  Bilder 
der  Stadt,  benachbarter  Orte  und  einzelner  Gebäude  seit  dem  XVI.  Jahrhundert;  Kirch- 
liche Altertümer  aus  Stadt  und  Umgegend;  Andenken  an  die  Zeit  der  Herzöge  von 
Sadisen-Weilsenfels  (1657 — 1746);  Werke  und  Bilder  von,  sowie  Andenken  an  Müllner, 
Novalis  und  Luise  Brachmann;  Waffen;  Musikinstrumente;  Zimmergeräte  des  XVIIL  bis 
XDL  Jahrimnderts ;  Innungsgegenstände;  Zinn-  und  Porzellangeschirr;  Familienandenken 
(Stammbäume,  Stammbücher,  Urkunden);  Vorgeschichtliches.  —  In  Feuchtwangen 
endlich,  einer  Stadt  mit  künstlerisch  bedeutenden  geschichtlichen  Erinnerungen,  hat  die 
Ausstellung  —  das  Werk  des  Bezirkshauptmanns  Fischer,  dem  der  Münchener  Maler 
Rnschbeck  als  Arrangeur  des  Ganzen  zur  Seite  stand  — ,  zur  Gründung  einer 
dauernden  Sammlung  geführt  und  zu  deren  Förderung  einen  Verein  ins  Leben  gerufen. 
Der  Staat  hat  letzterem  finanzielle  Unterstützung  gewährt,  300  Mitglieder  sind  ihm  bei- 
getreten, und  die  Stadt  hat  vorläufig  Räumlichkeiten  im  alten  Spital  zur  Verfugung  gesteUt, 
die  aber  durch  geeignetere  in  einem  jetzt  der  Rentmeistereiregistratur  dienenden  roma- 
msdien  Krenzgang  ersetzt  werden  sollen.  Die  Einteilung  der  Ausstellung  ist  aus  den 
mir  vorli^enden  Angaben  nicht  zu  erkennen,  dagegen  geben  zahlreiche  photographische 
Anfhahmen  der  Ausstellungsobjekte  eine  direkte  Anschauung  von  diesen  selbst:  es  finden 
sich  da  zahlreiche  Gegenstände  der  kirchlichen  Konst,  eine  Bauernstube,  eine  Patrizier- 
stsbe»  einzelne  hervorragend  schöne  Möbelstücke,  ein  Rokokoschlitten,  Zunf^erinnerungen, 
sowie  eine  Sammlung  von  Fayence-  und  Zinnkannen  und  Gläsern.  Der  Reichtum  Süd- 
deutschlands  an  Erzeugnissen  der  Kunst  und  des  Kunstgewerbes  tritt  gegenüber  der 
Armitt,  die  Mitteldeutschland  daran  auszeichnet,  deutlich  zu  Tage.  —  Oberall  sind,  wie 
wir  hier  sehen,  die  Freunde  der  heimatlichen  Geschichte  dabei,  weiteren  Kreisen  zu  zeigen, 
was  die  Heimat  an  geschichtlichen  Erinnerungen  besitzt  So  verschieden  die  Ausstellungen 
nach  Anordnung  und  Zweck  den  örtlichen  Verhältnissen  entsprechend  auch  sind,  sie  ar- 
beiten alle  dem  gleichen  Ziele  entgegen,  den  Sinn  und  die  Achtung  für  die  heimischen 
geschichtlichen  Denkmäler,  so  unscheinbar  sie  auch  sein  mögen,  wach  zu  halten.  Wir 
dürfen  heute  hoffen,  dais  mit  der  Zeit  in  allen  Landschaften  ähnliche  Versuche 
angestellt  werden  nnd  dafs  sich  Altertumsausstellungen  zu  regelmäfsigen  in  grölseren  zeit- 
lichen Zwischenräumen  wiederkehrenden  Einrichtungen  gestalten.  Anin.  d.  Red. 

20* 


—     284     — 

wir  die  älteste  derartige  Veranstaltung  in  Plauen  i.  V.,  wo  im  Mai 
1876  eine  Altertümer- Ausstellung  stattfand.  Gegen  400  Gegenstände 
hatte  der  dortige  Altertumsverein  zusammengebracht,  von  denen 
nahezu  die  Hälfte  dem  Vereine  dauernd  zur  Verfügung  gestellt  wurde. 
Hierdurch  ist  der  Grund  zu  einer  bleibenden  Sammlung  gelegt  worden. 
Der  Besuch  dieser  Ausstellung  war  so  zahlreich,  dafs,  obwohl  kein 
Eintrittsgeld  erhoben,  sondern  nur  eine  Sammelbüchse  für  freiwillige 
Gaben  aufgestellt  worden  war,  nach  Abzug  aller  Unkosten  noch 
eine  Summe  von  100  Mk.  für  einen  gemeinnützigen  Zweck  abgeliefert 
werden  konnte. 

Nach  langer  Pause,  erst  1885,  folgte  der  Geschichtsverein  in 
Annaberg  mit  einer  „lokalhistorischen  Ausstellung",  zu  der  der  da- 
malige Bürgermeister  Voigt  die  Anregung  gegeben  hatte.  Die  Be- 
schickung (über  1000  Stück  im  Katalog)  und  der  Besuch  der  Aus- 
stellung waren  überraschend  stark.  Da  viele  Besitzer  sich  bereit  er- 
klärten, das  Ausgestellte  schenk-  oder  leihweise  dem  genannten  Vereine 
zu  überlassen,  so  gab  die  Annaberger  Ausstellung  die  Veranlassung, 
hier  ein  Museum  zu  begründen,  und  dieses  konnte  im  Jahre  1887  der 
Öffentlichkeit  übergeben  werden. 

Auch  die  auf  Anregung  und  unter  Leitung  des  Direktors  Sandt 
im  Mai  1894  unternommene  Altertümer- Ausstellung  zu  Lob  au  hatte 
die  Gründung  eines  Museums  zur  Folge.  Gegen  450  der  ausgestellten 
Gegenstände  wurden  zu  diesem  Zwecke  der  Stadtgemeinde  geschenkt, 
die  sich  dadurch  veranlafet  sah,  eine  der  Öffentlichkeit  zugängliche 
städtische  Altertümer-Sammlung  ins  Leben  zu  rufen. 

Im  April  1899  veranstaltete  im  Rathaussaale  zu  Pegau  der  dortige 
Gewerbeverein  eine  Ausstellung  von  Altertümern,  die  im  Besitze  von 
Pegauem  sind  oder  auf  die  Geschichte  Pegaus  und  seiner  Umgebung 
Bezug  haben.  Die  Beschickung  und  der  Besuch  der  Ausstellung 
waren  außerordentlich  befriedigend;  der  Eindruck,  den  sie  machte, 
höchst  erfreulich.  Dies  beruhte  nun  nicht  etwa  darauf,  da(s  die  Zahl 
der  kunstgewerblich  wertvollen  Gegenstände  besonders  beträchtlich 
gewesen  wäre,  sondern  auf  der  überall  erkennbaren  Liebe  vieler  für 
ihren  er  erbten  Besitz  und  auf  der  Steigerung  seiner  Wertschätzung. 
Auch  hier  gab  die  Ausstellung  die  Veranlassung  zur  Gründung  eines 
Museums,  das,  seit  Ostern  1900  in  einem  städtischen  Räume  unter- 
gebracht, der  Öffentlichkeit  zugänglich  ist.  Die  Pegauer  Ausstellung 
wurde  von  einem  Mitgliede  der  Kommission  zur  Erhaltung  der  Ktmst- 
denkmäler  besucht,  auf  dessen  Bericht  hin  die  Kommission  den  Alter- 
tums- und  Gewerbevereinen  in  mittleren  und  kleinen  Städten  Sachsens 


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das  Beispiel  Pegaus  zur  Nachahmung  anempfahl.    Der  Erfolg  war  der, 
dals  folgende  Ausstellungen  abgehalten  wurden: 
in  Würzen  im  Oktober  1899, 

Döbeln  im  Oktober  und  November  1899, 

Penig  im  April  1900, 

Mügeln  b.  O.  im  Mai  19CX), 

Grimma  im  Juli  I9CX>, 

Waidenburg  im  September  1900, 

Zittau  im  Juni  190 1, 

Groisenhain  im  Juli  1901, 

Buchholz  im  Juli  1901  (gelegentlich  eines  Heimatsfestes). 
Die  genannten  Ausstellungen  wurden  durch  ein  Mitglied,  die 
letztere  durch  einen  Vertrauensmann  der  Kommission  besucht.  Auf 
Gnmd  der  bei  den  ersten  gemachten  Erfahrungen  wurden  von  der 
Kommission  BcUadUäge  bei  Veranstaltungen  von  ÄÜertümer-ÄussieUungen 
bearbeitet  und  denjenigen  Vereinen  zugesandt,  die  ein  solches  Unter- 
nehmen in  Aussicht  stellten.  Sie  sind  auch  jetzt  noch  kostenfrei 
von  der  genannten  Kommission  (Dresden,  Königl.  Ministerium  des 
Inneren)  zu  erhalten. 

Im  Jahre  1902  sind  derartige  Ausstellungen,  soweit  mir  bekannt 
geworden  ist,  nicht  veranstaltet  worden.  In  diesem  Jahre  hat  man  in 
Rochlitz  gelegentlich  eines  vom  11.  bis  14.  Juli  abgehaltenen  Heimats- 
festes Altertümer  der  letzten  80  Jahre  zu  einer  Ausstellung  vereinigt. 
Bei  dem  in  Pegau  im  Juni  mit  Erfolg  veranstalteten  Heimatsfest  hat  das 
nunmehr  bestehende  Museum  eine  über  Erwarten  gro&e  Anziehui^^ 
kraft  auf  die  einstigen  Pegauer  ausgeübt.  Auch  andere  sächsische 
Städte,  wie  z.  B.  Pulsnitz,  gehen  mit  dem  Gedanken  um,  bei  sich 
Altertümer-Ausstellungen  ins  Leben  zu  rufen. 

Dafe  ein  derartiges  Unternehmen  sehr  viele  und  aufopferungsvolle 
Arbeit  erfordert,  steht  au&er  aller  Frage.  Man  mag  das  Komitee 
noch  so  grois  wählen,  die  Hauptlast  bleibt  doch  auf  den  Schultern 
einiger  weniger  ruhen.  Aber  die  meisten  Veranstalter  werden  sich 
durch  das  stetig  wachsende  Interesse  ihrer  Mitbürger,  durch  deren 
vollste  Zufriedenheit  und  Überraschung  über  das  günstige  und  reich- 
haltige BUd  in  hohem  Maise  belohnt  finden.  Auch  die  pekuniäre  Seite 
war  bei  den  meisten  Ausstellungen  nicht  tmgünstig,  dürfte  sich  aber 
in  Zukunft,  wenn  man  sich  an  der  Hand  der  erwähnten  „Ratschläge** 
die  Erfahrungen  andrer  Städte  zu  nutze  macht,  noch  vorteilhafter  ge- 
stalten. Fehlbeträge  hatten  nur  zu  verzeichnen :  Annaberg  (287  Mk.), 
Mügeln  (62   Mk.),  Würzen  (28  Mk.),  Waidenburg  (4736  Mk.).    Bei 


—     286     — 

Döbeln  glichen  sich  Ausgaben  und  Einnahmen  aus.  Von  Löbau  er- 
fuhr ich  nur,  dafs  das  „finanzielle  Ergebnis  günstig*'  gewesen  sei. 
Überschüsse  erzielten:  Penig  (6  Mk.),  Pegau  (22  Mk.),  Plauen  (100  Mk.), 
Grimma  (600  Mk.),  Grofeenhain  (880  Mk.),  Zittau  (1500  Mk.). 

In  vielen  Fällen  veranlafste  die  Drucklegung  eines  Kataloges 
eine  Hauptarbeit  und  -ausgäbe.  Die  Kommission  riet  nach  den  von  ihr 
gemachten  Erfahrungen  von  dessen  Herausgabe  ab.  Der  Wert  solcher 
rasch  und  von  Leuten,  die  meist  nicht  genügend  fachmäfsige  Schulung 
besitzen,  hergestellten  Kataloge  steht  in  der  Regel  zu  dem  Aufwand  an 
Arbeit  und  Kosten  in  keinem  rechten  Verhältnisse,  und  das  Publikum 
wird  über  dessen  Fehlen  kaum  imglücklich  sein.  Statt  dessen  wurde  eine 
möglichst  weitgehende  Bezettelung  dringend  angeraten.  Die  Leiter 
der  Zittauer  Ausstellung  schlugen  noch  einen  anderen  Weg  ein,  der 
für  ähnlich  liegende  Verhältnisse  nur  empfohlen  werden  kann:  es 
wurde  in  den  „Zittauer  Nachrichten"  nach  und  nach  ein  „Wegweiser 
durch  die  Ausstellung**  veröffentlicht  Dieser  wurde  möglichst  rasch 
geschrieben,  sofort  gesetzt  und  als  Sonderabdruck  in  der  Ausstellung 
für  10  Pf.  verkauft.  Ein  solcher  Wegweiser,  der  nur  auf  die  Haupt- 
gegenstände aufmerksam  macht  und  daher  allgemeine  Gesichtspunkte 
angibt,  erscheint  mir  für  den  Besucher  aufserordentlich  nutzbringend, 
nicht  aber  die  Nummer  für  Nummer  vorgenommene  trockene  Auf- 
zählung aller  Stücke,  wie  es  die  meisten  Kataloge  taten. 

Stellt  man  sich  nun  die  Frage,  was  ist  durch  solche  Ausstellungen 
erreicht  worden?  so  mufe  die  Antwort  lauten,  dafs  sie  in  ihrer  Ge- 
samtheit —  einige  natürlich  mehr,  andere  weniger  —  einen  vollen 
Erfolg  bedeuten. 

Wollte  man  allerdings  diese  Veranstaltungen  lediglich  vom  Stand- 
punkte des  Kunsthistorikers  auffassen,  so  würde  man  dabei  kaum  seine 
Rechnung  finden.  Bisher  unbekannte  Kunstwerke  ersten  Ranges  sind 
durch  die  Ausstellungen  kaum  ans  Tageslicht  gefördert  worden.  Un- 
möglich wäre  aber  natürlich  auch  dies  keineswegs,  denn  irgend  ein 
glücklicher  Zufall  kann  immerhin  dazu  führen.  In  der  Hauptsache 
haben  aber  das  Wesentliche  bereits  einerseits  die  staatliche  Inventari- 
sation  bekannt  gemacht,  andrerseits  die  Spürnasen  der  Antiquitäten- 
händler ausgekundschaftet.  Aber  in  der  Entdeckung  grofser  Kunst- 
werke darf  auch  die  Hauptaufgabe  solcher  Ausstellungen  nicht  ge- 
sucht werden.  Für  die  doch  im  Beschauen  meist  recht  ungeschulten 
Besucher  würde  das  sogar  nicht  allzuviel  bedeuten;  ihr  Verständnis 
wird  besser  gepackt  durch  Dinge,  die  ihren  Gesichtskreisen  näher 
liegen,    durch  den  Altväterhausrat,    durch  das,  womit  sie  selbst,  ihre 


—     287     — 

Väter  oder  Grofeväter  gearbeitet,  gespielt  oder  woran  sie  sich  erfreut 
haben. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  betrachtet,  also  mehr  in  ethischer 
Beziehung,  sind  die  Ausstellungen  von  grofsem  Werte  für  die  Stadt, 
ja  für  den  ganzen  Bezirk  geworden,  denn  sie  erhöhten  das  Heimats- 
gefiihl  und  die  Empfindung  der  Zugehörigkeit  zur  Scholle.  Sie  waren 
vortrefflich  dazu  geeignet,  den  Sinn  und  das  Verständnis  für  den  er- 
erbten Familienbesitz  zu  wecken  und  zu  heben,  für  die  Heimatskunde 
bedeutungsvolle  Gegenstände  ans  Tageslicht  zu  fördern,  ihre  Besitzer 
über  deren  Wesen  und  die  Notwendigkeit  ihrer  Erhaltung  aufzuklären 
und  so  der  unnötigen  Verschleppung  und  Verschleuderung  heimat- 
licher Altertümer  zu  steuern. 

Und  dafs  diese  Erfolge  nicht  nur  vorübergehende,  sondern  von 
bleibendem  Werte  für  die  Gegend  werden,  dafür  sorgen  in  den  meisten 
Fällen  die  Altertümermuseen.  Denn  in  den  Orten,  in  denen  Museen 
bereits  bestanden,  wie  in  Zittau,  haben  die  Ausstellungen  deren  dauern- 
den Bestand  erhöht  und  das  Interesse  hierfür  bedeutend  gehoben,  in 
den  anderen  Orten  wurde  aber  die  Ausstellung  Veranlassung,  ent- 
weder wie  in  Plauen,  Annabei^,  Löbau,  Pegau,  Döbeln,  Waidenburg, 
Mügeln,  Grimma  ein  Museum  zu  gründen  oder,  wie  in  Würzen 
und  GroCsenhain,  die  Gründung  eines  solchen  in  Aussicht  zu  nehmen. 

Endlich  mag  noch  ein  VorteU  solcher  Ausstellungen  hier  erwähnt 
werden,  der  vor  allem  den  Umstand  begründet,  dafs  die  mehrfach 
erwähnte  Königl.  Kommission  zur  Erhaltung  der  Kunstdenkmäler 
sie  nach  Kräften  unterstützt  hat:  die  Kommission  durfte  sich  wohl 
bewuist  sein,  daiis  ihr  durch  solche  Veranstaltungen  und  durch  die 
ihnen  meist  folgende  Gründung  von  Museen  in  deren  Leitern  eine  An- 
zahl von  Leuten  erwächst,  die  die  bewufste  Absicht  hegen,  im  ge- 
wissen Sinne  imd  in  einem  eng  begrenzten  Gebiete  einen  Teil  ihrer 
Aufgaben  lösen  zu  helfen.  Diese  sich  über  das  ganze  Königreich  er- 
streckenden Angaben  sind  aber  so  zahlreich,  so  vielseitig  und  doch 
noch  immer  von  so  wenigen  in  ihrem  eigensten  Wesen  richtig  ver- 
standen, dafs  jede,  auch  die  kleinste  Mitarbeiterschaft  am  Werke  der 
Erhaltung  des  Volkstumes  und  der  alten  Kunstdenkmäler  dankbar  be- 
grüist  werden  mufs,  und  gerade  die  Ausstellungen  sind  es,  durch  die 
vielfach  weitere  Kreise  erst  auf  solche  geeignete  Personen  aufmerksam 
werden. 


—     288     — 


Steiertnärkisehe  Gesehiehtsehreibung  vom 

XVI.  bis  XVm.  Jahrhundert 


Von 
Fran2  Uwof  (Graz) 

Im  Jahre  iSii  wurde  in  Graz  durch  Erzherzog  Johann  das  Joan- 
neum  gegründet  und  damit  beginnt  seine  groisartige,  alle  Zweige  der 
geistigen  und  materiellen  Kultur  in  sich  schlielsende  Tätigkeit  für  die 
Steiermark,  die  auf  allen  Gebieten  der  Wissenschaft,  so  auch  auf  dem 
der  Geschichtsforschung  einen  Aufschwung  mit  sich  brachte;  schoa 
die  Errichtung  der  Bibliothek  und  des  Archivs  an  diesem  Institute, 
aber  nicht  zuletzt  das  persönliche  Einwirken  des  Erzherzogs  selbst 
war  dafür  mafsgebend.  Bis  zu  jenem  denkwürdigen  Zeitpunkte  soll 
daher  diese  Skizze  geführt  werden,  aber  die  Zahl  der  Publikationen 
steigt  in  dieser  Periode  derart,  dafs  noch  mehr  als  bei  der  steiermär- 
kischen  Geschichtschreibung  im  Mittelalter  ^)  nur  das  Wichtigste,  Be- 
deutendste, besonders  Charakteristische  Erwähnung  finden  kann. 

An  der  Spitze  der  Historiographen  des  XVI.  Jahrhunderts  steht 
Sigmund  Freiherr  von  Herberstein.  Als  Spröisling  eines  schon 
seit  1301  nachweisbaren  Edelgeschlechtes  am  24.  August  i486  zu 
Wippach  in  Krain  geboren,  studierte  er  seit  1497  ^^  ^^^  damals  hu- 
manistischen Universität  zu  Wien,  ward  Baccalaureus  und  liefs  durch 
sein  Latein  und  mancherlei  klassische  Reminiszenzen  seine  gelehrte 
Bildung  hervortreten.  Er  starb  28.  März  1566  zu  Wien,  berühmt  als 
Krieger,  Staatsmann,  Gelehrter  und  Reisender,  der  aulser  anderen 
grofsen  Reisen  durch  ganz  Europa,  zweimal  (1516 — 1518,  1525 — 1526) 
als  kaiserlicher  Gesandter  Rulsland  besuchte  und  die  Commentarii  rerum 
Moscaviticartmi  (Wien  1549,  sodann  in  weiteren  zehn  Auflagen,  in 
deutscher  Bearbeitung  1557  und  in  weiteren  neun  Auf  lagen)  verfafste: 
dadurch  ist  er  der  geistige  und  wissenschaftliche  Entdecker  Osteuropas 
geworden ').  Unmittelbar  die  Geschichte  der  Steiermark  betreffen 
Herbersteins   Darstellungen   seines    eigenen   Lebenslaufes   tmd    seiner 

i)  Vgl.  diese  Zeitschrift  oben  S.  89 — loi. 

2)  Krones,  Sigmund  von  Herberstem,  In  den  Mitteilungen  des  historischen 
Vereins  fttr  Ste